Ein Vexierspiel

»Name ist Schall und Rauch …«
Goethe, Faust I

Taja Gut hat ein Selbst. Wie könnte er sonst ein Büchlein mit dem Untertitel »Eine Selbstbefragung« schreiben? Aber wo steckt dieses Selbst? Die »Vorbemerkung« seines Büchleins »Wie hast du’s mit der Anthroposophie?« ist mit »Zürich, im Januar 2010« signiert, – ein Ort und ein ungefähres Datum, kein Name.

Spricht Taja Gut in dieser Vorbemerkung? Der dritte Satz legt es nahe, hebt er doch mit den Worten an: »Wie gehe ich … «, um jedoch sogleich mit einem verfänglichen »oder« ins Allgemeine abzuschweifen: »… wie geht ein heutiger Mensch mit Rudolf Steiners Anthroposophie um …«? Spricht hier also, wie auch im Folgenden, »ein heutiger Mensch«? Ist Taja Gut ein »heutiger Mensch«, »der heutige Mensch«? Was will diese Formel besagen? »Modernität«? »Zeitgenossenschaft«? Will uns – den Lesern – Taja Gut zeigen, wie ein heutiger Mensch mit Anthroposophie umgeht, will er uns ein Beispiel für den »heutigen Menschen« geben, versteht er sich als repräsentativ für den »heutigen Menschen«? Oder spricht in dieser Vorbemerkung gar nicht Taja Gut, sondern jenes fiktive Selbst, nach dem er uns veranlasst, zu suchen?

Und wie verhält sich, um ein Lieblingswort Taja Guts bzw. seines literarischen Alter Ego aufzugreifen, wie verhält sich dieses Selbst zu jenem klein und kursiv geschriebenen »du« auf dem Titelblatt? Redet der Verfasser hier sich selbst, sein Selbst an, oder das Du des Lesers, mich? Warum aber wird dann dieses »Du« unhöflich klein geschrieben? Nicht mein Du also ist gemeint, sondern das Du des Selbstes, das mit sich spricht, eben jenes fiktiven Selbstes, das sich befragt.

Doch: wer befragt hier wen? Auch auf den folgenden Blättern suchen wir – suche ich – vergeblich eine Antwort auf diese Frage. »Du hast mich zu diesem Gespräch gebeten, um, wie du sagst, dein Verhältnis zur Anthroposophie zu klären«, beginnt das erste Kapitel. Du? Wer ist dieses Ich, das hier in kursiver Rede ein »Du« anspricht? Und wer ist dieses Du, das ihm in normalen Lettern antwortet? Ist das angesprochene Du das Selbst Taja Guts oder ein literarisches Selbst, das einem ebenso literarischen Ich gegenübersteht, so fiktiv wie jenes? Ist das kursive Ich »der heutige Mensch« oder eher ein heutiges Selbst, womöglich gar das heutige Selbst? Und, was ist ein »Verhältnis« zur Anthroposophie?

Haben wir es mit einem jener gefürchteten »Beziehungsgespräche« zu tun, die die Lebenspartner mit dem Satz einleiten, »Du, wir müssen mal über unsere Beziehung sprechen …«?

Aber Taja Gut spielt nicht nur mit den Identitäten, er spielt auch mit »der Anthroposophie«. Denn gleich heißt es weiter, nachdem festgestellt ist, dass es um das Verhältnis zur Anthroposophie geht: »Und zwar zur Anthroposophie Rudolf Steiners.« »Es gibt ja keine andere«, antwortet das kursive Ich. »Ich weiß nicht«, erwidert das nicht-kursive Ich. Wie bitte? Das eine Ich weiß nicht, ob es nicht doch noch eine andere Anthroposophie gibt, als die Rudolf Steiners? Nun, welche denn? Um die Anthroposophie der »Eiferer« jedenfalls geht es nicht, das macht das nicht-kursive Ich gleich im Folgenden deutlich. Das Selbst, das sich befragt oder befragt wird, will also sein Verhältnis zur Anthroposophie der Nichteiferer klären. Wenigstens zwei Formen von Anthroposophie scheinen demnach zu existieren: die der Eiferer und die der Nicht-Eiferer.

Aber gibt es die Anthroposophie aus der Sicht des sich befragenden Selbstes nun wirklich, auch die Rudolf Steiners? Da bin ich mir nicht so sicher. Heißt es doch auf Seite 15: »Es gibt also etwas, was du Anthroposophie nennst, aber von ›den Anthroposophen‹ und ihrem Dafürhalten, ja sogar von der Form unterscheidest, in der sie bei Steiner in Erscheinung tritt?« Ja, antwortet das nicht-kursive Ich, »sowenig wie ›die Anthroposophen‹ gibt es ›die Anthroposophie Rudolf Steiners‹«. Die Anthroposophie Rudolf Steiners gibt es also doch nicht. Wie kann dann aber ein Selbst ein 160-seitiges Büchlein über sein »Verhältnis« zu dieser Anthroposophie schreiben, die es gar nicht gibt?

Das ganze Spiel erinnert mich an eines jener Beziehungsgespräche, wo der eine Partner frägt: »Liebst Du mich?« und der andere antwortet: »Was verstehst Du unter Liebe?« Ich als Leser wünschte mir Aufklärung über die Existenzform dieses angeblich Nichtexistenten, zu dem jenes fiktive Selbst in gespaltener Beziehung steht. Aber Gut –oder wer auch immer – will sie mir nicht geben. Das kursive Ich frägt nämlich das andere: »Würdest du dich denn als Anthroposophen bezeichnen?« Diese Frage treibt dem anderen das Blut in den Kopf. Entrüstet lehnt es die Frage ab, »weil sie ein Bekenntnis verlangt.« Das andere Ich oder Selbst will sich also nicht bekennen. Wozu auch, fragt sich der Leser, sich zu etwas bekennen, das gar nicht existiert? Aber das Spiel geht weiter. Auf S. 19 sagt das kursive Ich zum anderen: »Dennoch … stehst du unverkennbar in einem Verhältnis zur Anthroposophie und dieses Verhältnis gehört zu deinem ›ich selbst‹.« Nun schon wieder dieses unsägliche Wort. Jetzt gibt es ein »Verhältnis«, das »zu deinem ich selbst« gehört. Kann ein Verhältnis zu einem Ich gehören? Wenn die Freundin zu mir sagt: »Du hast ein Verhältnis zu mir und dieses Verhältnis gehört zu deinem ›ich selbst‹«, – kann ich sie dann noch Ernst nehmen oder zweifle ich schon an ihrem emotionalen Korsett? Geradezu affektiert ist aber das Bemühen, wie das eines kapriziösen Liebhabers, wenn das nichtkursive Selbst dann fortfährt: »Wobei es hier gar nicht so sehr um mich geht.« Aha, es geht also gar nicht um mich, also um das befragte Ich. Kennen wir das nicht anderswoher? »Liebst Du mich?« – »Ach, weißt Du, es geht hier doch gar nicht um mich.« »Es geht vielmehr um Dich.« Nicht ich bin schuld, sondern Du. Nicht ganz, denn es geht laut nicht-kursivem Ich-Selbst um eine »Wechselwirkung«. Also: Du darfst nicht fragen, ob ich dich liebe, sondern Du musst nach der Wechselwirkung fragen, die das Wesen des Verhältnisses ist, das zu Dir ebenso wie zu mir gehört. Wenn Du nach meinem Verhältnis zu Dir fragst, fragst du immer auch nach Deinem Verhältnis zu mir. Aber die Anthroposophie gibt es doch gar nicht, wie kann sie also ein Verhältnis zu mir haben? Sie kann, sie kann; denn: sie ist »ein Gegebenes von allumfassendem Anspruch.« Das »wäre die Anthroposophie Rudolf Steiners.«

Das alles scheint keine Scharade zu sein, sondern Taja Gut – oder sein fiktives gespaltenes Selbst – meint es wirklich Ernst, – glaube ich zumindest. Wenigstens erweckt das eine Selbst diesen Eindruck, wenn es sich mit »wirklich ernsten Dingen« befasst, wie mit Wahrheit und Wissenschaft. Ein wenig tiefer in diesem Wortgestrüpp – wenn man so weit vorgedrungen ist und sich nicht unlösbar verfangen hat – ist nämlich von den »Erkenntnissen« Rudolf Steiners die Rede (S. 33). »Mag seinen Erkenntnissen auch überpersönliche Gültigkeit zukommen«, gesteht das nicht-kursive Ich immerhin zu, nur um fortzufahren: die Form, in der er diese Erkenntnisse ausgedrückt hat, »ist an seine unter bestimmten Zeit- und anderen Umständen lebende Person gebunden« – so weit, so gut, – das könnte man noch für eine Platitüde halten. Aber das nicht-kursive Ich steigert sich alsdann: »Eine einzigartige ›Wissenschaft‹, die aus den weitgehend nicht verifizierbaren Erzählungen eines Mannes besteht …« Wir, die Leser, müssen also den Begriff einer Wissenschaft denken, die Erkenntnisse von überpersönlicher Gültigkeit enthält und gleichzeitig weitgehend aus nicht verifizierbaren Erzählungen eines Mannes besteht. Woher weiß dann das nicht-kursive Ich-Selbst, dass ihnen überpersönliche Gültigkeit zukommt?

Womöglich hat dieses ganze Gerede, das an Fernseh-Talkshows erinnert, etwas mit jener »Krise« »der anthroposophischen Bewegung« zu tun, von der in der Vorbemerkung die Rede ist. Oder vielleicht ist diese Selbstbefragung auch eine Persiflage auf das anthroposophische Gerede, das ein Symptom dieser Krise ist. Oder sie ist selbst ein Symptom jener Krise, von der man sich allerdings auch fragt, ob es sie wirklich gibt, wird doch der (fiktive?) Autor nicht müde, von den Erfolgen ebendieser anthroposophischen Bewegung zu sprechen. Das Selbst Taja Guts wird es vermutlich wissen …

Taja Gut, Wie hast du’s mit der Anthroposophie? Eine Selbstbefragung. Pforte Verlag 2010, 160 S.

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