Antike Quellen der Esoterik

Im Gedenken an Nicholas Goodrick-Clarke, der Anfang August 2012 nach kurzer Krankheit verstorben ist. Dieser Artikel stellt die Fortsetzung von »Profunde Einführung, glänzender Überblick« dar.

In Hermes Trismegistos flossen die Gestalten des ägyptischen Herrn des Karma und des Meisters der Magie, Thot, und des griechischen Hermes, des Boten zwischen den Lebenden und den Verstorbenen, zusammen.

Die von Antoine Faivre herausgearbeiteten Denkmotive der Esoterik des Abendlandes wurzeln in der Antike. Das hellenistische Ägypten war die Geburtsstätte der Esoterik. In Alexandria, dem Zentrum der hellenistischen Welt, flossen die antiken Mysterienreligionen, die Theologien der orientalischen Kulte und die Philosophie der Griechen zusammen, verbanden sich mit jüdischer Mystik und ließen eine »synkretistische Religion« entstehen, deren wichtigstes Zeugnis, soweit es die Geschichte der Esoterik betrifft, die »Hermetika« sind. Sie enthalten Abhandlungen über Theosophie, Astrologie und Magie, von denen die meisten Hermes Trismegistos zugeschrieben wurden, der mit dem altägyptischen Gott der Weisheit und der Magie, Thoth, identifiziert wurde. Diese Identifikation war für die Schätzung verantwortlich, die Hermes Trismegistos in der Antike und in der Renaissance zuteil wurde. Verstärkt wurde dessen Bedeutung durch seine zusätzliche Identifikation mit dem griechischen Hermes, dem Götterboten und Psychopompos, der die Seelen der Verstorbenen und Initiierten von der diesseitigen in die jenseitige Welt und – im Falle der letzteren –  wieder zurückführte.

Thoth stand in Verbindung mit dem Mond. Er diente dem Sonnengott Ra als Schreiber und Berater. Als Regent des Mondes wachte Thoth im Alten Ägypten über die zyklischen Naturkreisläufe und die regelmäßigen Überschwemmungen des Nildeltas, von denen das gesamte ägyptische Leben abhing. Diese vom Mond beherrschten Zeitzyklen legten die Ägypter ihrer Zeitrechnung zugrunde und erhoben damit Thoth zum Herrn der Zeit und des Schicksals. Bei den Ägyptern übte Thoth dieselbe Funktion als Psychopompos aus, wie Hermes bei den Griechen, daher auch die Identifikation. Er geleitete die Verstorbenen nicht nur vor die Götter, sondern wirkte im Jenseits auch als Seelenrichter. Thoth war aber nicht nur Richter, sondern auch ein Gesetzgeber, dessen Macht sich auf den Kosmos, auf die Religion und die Gesellschaft erstreckte. Von ihm, dem Gesetzgeber, göttlichen Schreiber und Magier, erhielt die Priesterschaft ihre Weisheit und heiligen Texte, manche Teile des »Buches der Toten« eingeschlossen. Alle magischen und okkulten Künste wurden auf Thoth zurückgeführt.

Die Griechen, die sich in der Zeit des Hellenismus in Alexandria ansiedelten, erkannten schnell die Verwandtschaft zwischen dem ägyptischen Thoth und ihrem Hermes, dessen Hauptkultstätte sich in Hermopolis befand. Auf Griechisch verfasste, magische Papyrustexte stellen Hermes (Trismegistos) als kosmische Macht dar, als Weltschöpfer, der über Nacht und Tag, Leben und Tod, Schicksal und Gerechtigkeit wacht. Die Stoiker sahen in ihm ihren »Logos« und Demiurgen, einen »Pantokrator« und »Kosmokrator« (Allherrscher und Beherrscher des Kosmos). Ihm ist alles offenbar, was unter dem Himmel und auf der Erde für den Menschen verborgen ist. Die Papyrustexte enthalten magische Zauberformeln, in denen Hermes angerufen wird, die Geheimnisse des Schicksals zu offenbaren, in Träumen zu erscheinen und ein segensreiches Leben zu gewähren. Gleichzeitig kennen diese Papyri Hermes aber auch als Seelengott, der dem Menschen im Innersten seines Wesens – in den Tiefen seiner Seele – zugänglich ist. Manchmal wird er sogar mit dem Menschen identifiziert: »Ich kenne Dich Hermes und Du kennst mich. Ich bin Du und Du bist Ich.« Grundlage für diese Identifikation war möglicherweise eine Vorstellung, nach der Hermes einst Mensch gewesen war, sich aber durch seine spirituelle Entwicklung in den Rang eines göttlichen Wesens emporgearbeitet hatte, das seither zwischen den Menschen und Göttern vermittelte, ähnlich wie ein Boddhisattva.

Unter dem Namen »Hermetica« wird eine ganze Reihe unterschiedlicher Texte zusammengefasst, die in verschiedenen Sammlungen überliefert sind. Stobaeus stellte im 5. Jahrhundert nach Christus vierzig Texte zusammen, zu denen die »Kore Kosmu« (»Die Jungfrau der Welt«) gehörte, während in Nag Hammadi 1945 eine Reihe weiterer, hauptsächlich gnostischer Texte entdeckt wurde. Von grundlegender Bedeutung war jedoch das »Corpus Hermeticum«, das achtzehn Traktate enthält, die im zweiten und dritten Jahrhundert nach Christus niedergeschrieben und von Marsilio Ficino Mitte des 15. Jahrhunderts übersetzt worden sind.

Diese Texte schreiben sich selbst verschiedenen Urhebern zu. In manchen richtet sich Hermes an seinen Sohn und Schüler Tat, in anderen an seinen Schüler Asclepius, in anderen der Gott »Nus« an Hermes. Durchgehend tritt Hermes Trismegistos als Initiator auf, der in die Mysterien der göttlichen Weisheit einweiht. Der Mensch wird aufgerufen, Gott gleich zu werden, damit er ihn erkennen kann. »Wenn Du nicht Gott gleich wirst, kannst Du ihn nicht erkennen. Das Gleiche wird allein vom Gleichen erkannt.«

Was macht laut Goodrick-Clarke einen Text zu einem Bestandteil der hermetischen Tradition? Es ist eine bestimmte philosophische Weltsicht, die auf der Idee des Falls in die sinnliche Welt und der erlösenden Wiedereingliederung in das Göttliche beruht. Schlüsselthemen dieser Weltsicht sind die Entsprechung der unteren und der oberen Welt. Der Nus lehrt uns, unseren Geist als einen Spiegel des Universums aufzufassen, und das Göttliche in der Natur zu erkennen. Wir können dies, weil unser Geist aus Gott stammt. Ein besonderes Gewicht liegt dabei auf dem Willen, dem menschlichen wie dem göttlichen. Die Welt ist ein Buch, das gelesen werden kann, der Schöpfer kann aus der Schöpfung erkannt werden. Die Welt ist voll von Erscheinungen Gottes und unser Geist vermag die Symbole zu entschlüsseln, als die die geschaffenen Dinge aufzufassen sind. Jedes einzelne Ding ist von Bedeutung für diese Erkenntnis, denn durch Inkarnation und Fleischwerdung  offenbart sich der Schöpfer in der geschöpflichen Welt. Da die Welt göttlichen Ursprungs ist, gibt es keinen Dualismus. Die Schöpfung wird bejaht, auch wenn die Konsequenzen des Falls und die Macht der sinnlichen Welt über die Seele des Menschen bedacht werden. Der Hermetik geht es darum, die untere, stoffliche Welt wieder in ihre geistige Form überzuführen. Hierin liegt auch ihre Verwandtschaft zur Alchemie, die neben der Hermetik in der hellenistischen Zeit praktiziert wurde. Der Mensch ist aufgerufen, wieder zum Göttlichen aufzusteigen und sich mit ihm zu vereinigen. Der menschliche Geist vermag mit vermittelnden Geistwesen Verbindung aufzunehmen und durch deren Leitung zum höchsten Göttlichen aufzusteigen. Diese Auffassung ist in eine astrologische Anschauung eingebettet, nach der die Planetensphären eine aufsteigende Hierarchie darstellen, die im Verlauf der Initiation durchschritten wird. Die Erde gehört zu dieser himmlischen Ordnung und kann durch den Menschen an sie angeschlossen werden. Da die Menschheit sowohl dem Himmel aus auch der Erde angehört, vermag sie die Erde wieder in ihren früheren Zustand vor dem Fall zu erheben. Die Traktate des »Corpus Hermeticum« stellen für den Menschen eine Hilfe dar, seine Seele zu ihrem göttlichen Ursprung zu erheben und unterstützen ihn bei seiner spirituellen Umwandlung.

Das »Corpus Hermeticum« spricht den Menschen als handelndes Subjekt an, dem bei der Wiederherstellung des Kosmos eine nicht geringere Rolle zukommt, als den Göttern. Während die monotheistischen Religionen Gott als transzendent und unbegreiflich betrachteten, sprach das »Corpus Hermeticum« dem Menschen einen Geist zu, durch den er mit dem Göttlichen verwandt war, der den gesamten Kosmos in sich zu fassen vermochte. Der aus dem Göttlichen entsprungene Geist, der die Ideen des Schöpfers spiegelt, und auf diese Weise in ständigem Austausch mit höheren geistigen Wesen steht, ist ein Grundthema jeder Esoterik. Da Gott die Welt schuf, ist diese voll von Symbolen, die auf den Schöpfer und seine Eigenschaften zurückverweisen. Wenn die Menschen diese Symbole deuten können, vermögen sie Gott durch sie zu erkennen. Die Hermetik weist daher jeden unüberbrückbaren Dualismus zwischen Gott und seiner Schöpfung zurück.

Dualistisch könnte man den Mythos vom Fall in die materielle Welt deuten, stünde diesem nicht der andere, ebenso zentrale, vom Wiederaufstieg gegenüber. Die Auffassung, die materielle Welt sei ein Ergebnis einer kosmischen Katastrophe, führt in der Hermetik nicht zu einer Abwertung dieser Welt, sondern vielmehr zu einer unablässigen Suche nach den Quellen, aus denen eine Erkenntnis ihres ursprünglichen Zustandes gewonnen werden kann. Eine besondere Bedeutung kommt dabei den geistigen Mittlerwesen zu, die die Planetenwelt bewohnen, durch die der menschliche Geist zum Göttlichen aufzusteigen vermag. Die Neupythagoräer Nicomachus von Gerasa und Moderatus von Gades scheinen bei der theoretischen Formulierung dieser Anschauungen eine gewisse Rolle gespielt zu haben, weil sie die Zahlenreihe mit der Wanderung der Seelen der Verstorbenen durch die Planetensphären verknüpften. Plutarch deutete entsprechende Passagen des »Timaios« als eine Beschreibung der Wanderung der Verstorbenen zum Mond und darüber hinaus. Die Renaissancemagie lässt sich nur auf dem Hintergrund dieser Vorstellung einer spirituellen Hierarchie verstehen, die, je weiter man sie erklimmt, um so tiefere Einsichten in die Geheimnisse des Kosmos gewährt. Von der Astrologie des Marsilio Ficino bis zu den theurgischen Anrufungen und der Engellehre John Dees knüpfen die Renaissance-Esoteriker an solche Vorstellungen an.

Der Neuplatonismus stand in der Antike in enger Beziehung zur Hermetik. Die Neuplatoniker gaben zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert der platonischen Philosophie eine neue Deutung, indem sie die Wirklichkeit als Erscheinung »einer geistigen Aktivität oder unterschiedlicher Bewusstseinsformen« interpretierten und die Seele des Menschen als geistiges Wesen betrachteten, das sich in der körperlichen Welt im Exil befinde, aber imstande sei, wieder in seine ursprüngliche Heimat zurückzukehren. Zentral für den Neuplatonismus ist die hierarchische Ordnung des Seins, in der der reine Geist die oberste Ebene und die bloße Materie die unterste Ebene darstellt. Die der Zeit unterworfene, sich im Raum ausbreitende sinnliche Welt steht der Materie am nächsten. Aber alle Ebenen des Seins gehen auseinander hervor und bilden einander ab, wobei jedes Abbild etwas unvollkommener ist, als das, was es abbildet. Je näher ein Abbild dem Urbild steht, umso mehr ist es dem Einen gleich, aus dem alles hervorgeht. Je weiter es von ihm entfernt ist, um so mehr nimmt die Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit zu.

Plotin »begründete« im 3. Jahrhundert den Neuplatonismus. Er war Schüler des Ammonios Sakkas in Alexandria, begleitete Kaiser Gordian bei einem Kriegszug nach Persien und lebte später in Rom. Porphyrios, einer seiner Schüler, gab seine Werke unter dem Titel »Enneaden« heraus.

Am Anfang steht für Plotin das Eine, das, zu dem alle Dinge hinstreben. Dieses Eine muss es geben, da alles, was existiert, nur von anderem unterschieden werden kann, insoweit es mit sich selbst identisch ist. Insofern ist das Eine, die Identität mit sich selbst, Grund alles Seienden. Aus dem Einen emanieren die verschiedenen Schichten des Seins, indem sich dieses dem aus ihm Hervorgehenden mitteilt, ohne selbst etwas von seiner Vollkommenheit zu verlieren, während das, was emaniert, einen geringeren Grad an Vollkommenheit besitzt. Daher strebt alles, was emaniert ist, wieder in seinen Ursprung zurück, um wieder die höchste Stufe der Vollkommenheit zu erreichen. Aus dem Einen geht das Denken, der kosmische Geist hervor, in dem sich die Fülle des Einen in ideeller Vielheit spiegelt, aus dem Denken die Weltseele, in der sich dieser Geist entfaltet und spiegelt und aus der Weltseele die schöpferische Natur, in der sich wiederum die Weltseele abbildet. Diese ontologischen Schichten finden sich auch im Menschen, dessen innerstes Wesen das Eine ist, das sich in seinem Denken manifestiert, das sich wiederum in der Seele spiegelt, aus welcher der lebendige Leib hervorgeht. Geist und Seele tragen die »logoi«, die ideellen Bildeprinzipien der sichtbaren Welt in sich. Der anfänglich leere Geist nimmt die unendliche Fülle intelligibler Formen in sich auf, die aus dem Einen hervorquellen, die vollkommenen Urbilder all dessen, was in der sinnlichen Welt in unvollkommener, wandelbarer Form in Erscheinung tritt. Nicht nur Gattungen und Arten existieren in urbildlicher Form im Geist, sondern auch die Individuen. Auf dieser Tatsache beruht auch die Unsterblichkeit der Menschenseele, die als individuelle geistige Form ihr eigenes Urbild in sich trägt. Im Unterschied zu Plato betonte Plotin die Bedeutung der individuellen Seele und die Einzigartigkeit des persönlichen Selbstbewusstseins.

Im Unterschied zu Plato und den monotheistischen Theologien verstand Plotin auch den generativen Prozess, durch den die Natur die körperliche Welt zeugt, als spontanen und gleichsam unbewussten Vorgang, der Raum für Zufall und Neues lässt. Aus dieser ontologischen Grundstruktur ergibt sich auch die plotinische Kosmologie, die auf den Anschauungen des Ptolemaios beruht. Der Kosmos ist ein hierarchisches System von neun konzentrischen Sphären, deren äußerste die Gottheit als erster Beweger bildet, deren innerste die Erde. Für Plotin war der Kosmos ein einziges Lebewesen, das alle lebenden Wesen in sich enthält. Die körperliche Welt ist von der Weltseele durchdrungen, die alle Teile dieser Welt beseelt und ihre gemeinsame Essenz ist. Da alle körperlichen Wesen von der gleichen belebenden Essenz durchdrungen sind, sind sie alle miteinander verwandt und korrespondieren miteinander. Die sichtbare Welt ist von einem sympathetischen Band durchdrungen, das den Entsprechungen zugrunde liegt, die zwischen Himmelskörpern, Pflanzen, Tieren, Mineralien und menschlichen Organen bestehen. Dieses Band der Sympathie ermöglicht es auch, die Entsprechungen zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos zu erkennen. Plotin erläuterte die Macht dieser Entsprechungen am Beispiel astrologischer Voraussagen, der Macht des Gebetes und von Götterbildern, in denen die Seele des verehrten Gottes anwesend ist. Magische Wirkungen sind laut Plotin nicht auf unmittelbares Eingreifen der Götter zurückzuführen, sondern auf die sympathischen Beziehungen, welche die verschiedenen Emanationen der Weltseele miteinander verbinden.

Auch wenn Plotin von der Wirksamkeit des Gebetes, der Magie und der astrologischen Voraussage überzeugt war, scheint er sie nicht praktiziert zu haben. Als Philosoph sah er in diesen Künsten in erster Linie Beweise für die geistige Harmonie und wechselseitige Abhängigkeit aller Dinge im Kosmos. Seine Weltsicht, die allem Seienden ein Streben nach dem Guten und der Harmonie zuschrieb, kam den Bedürfnissen seiner Zeit entgegen, die von Wandel und Unruhe gezeichnet war. Die Menschenseele vermag sich der Vollkommenheit anzunähern. Die Übel der Welt und das Böse betreffen nicht das wahre Wesen des Menschen, und ihr Glück hängt nicht von äußeren Umständen und Zufällen ab. Bei Plotin ist der Neuplatonismus vor allem eine Philosophie der Reinigung und des Aufstiegs der Seele zu ihrem geistigen Ursprung.

Porphyrius schildert seinen Lehrer Plotin als Asketen, der unentwegt bestrebt war, sich in Kontemplation dem Geist hinzugeben, als Menschen, der auf alle irdischen Genüsse verzichtete, der abstinent und sexuell enthaltsam lebte. Dieser Asketismus führte Plotin jedoch nicht dazu, sich aus der Welt zurückzuziehen. Er kümmerte sich aktiv um seine Schüler und die Erziehung von Kindern, die begüterte Römer ihm anvertrauten. Porphyrios schrieb Plotin auch eine ekstatische Erfahrung der Vereinigung mit dem Göttlichen zu. Die Seele Plotins stieg durch die verschiedenen Schichten des Seins auf und erkannte ihre Beziehung zum göttlichen Geist, durch den sie erleuchtet wurde. Plotin erkannte, dass er letztlich aus dem Göttlichen hervorgegangen war, das über dem Weltgeist steht. Diese Vereinigung mit dem Göttlichen setzte eine Trennung der Seele vom Körper voraus, ihre Loslösung von der sinnlichen Welt und ihren Aufstieg zum Einen, das sie als Quell alles Guten und Schönen erkannte.

Neben vielen anderen Werken verfasste Porphyrios auch zwei, in denen er sich mit dem Christentum auseinandersetzte. Das Buch »Gegen die Christen« kritisierte die historischen Irrtümer des alttestamentlichen Buches »Daniel« und hob die Widersprüche der Evangelien hervor. In seinem Kommentar zu den »Chaldäischen Orakeln« betonte er, dass die Orakelgötter mit Hochachtung von Jesus sprachen, bemängelte aber auch, dass die Christen Jesus für eine Verkörperung des höchsten Gottes hielten. Im Unterschied zu Plotin maß er der Theurgie, kultischen Handlungen, beim Aufstieg der Seele in die göttliche Welt eine große Bedeutung bei.

Noch höher schätzte sein Schüler Iamblichos die Rolle der Theurgie ein. Sein Werk über die »Mysterien der Ägypter«, in dem er die heidnischen Kulte als Mittel zur Reinigung und Erhebung der Seele zum Göttlichen verteidigte, beeinflusste das christliche Verständnis der Sakramente. Er ordnete die Philosophie der Theurgie unter. Nach seiner Darstellung sucht das Orakel nach Inspiration, indem es symbolische Gegenstände und geheime Formeln verwendet, um sich in einen Zustand der Empfänglichkeit zu versetzen. Der Theurg, der eine göttliche Inspiration empfängt, ähnelt einem modernen Medium: er wird von einem Geistwesen ergriffen, spricht mit einer anderen Stimme und sein Körper beginnt mitunter zu schweben. Iamblichos ist überzeugt, dass geistige Wesen durch den Theurgen sprechen, weil sich dieser mittels seiner Techniken auf eine höhere Seinsebene begibt. Die entsprechenden kultischen und rituellen Verfahren führen zu einer Vereinigung des Menschen mit den Göttern und lassen ihn an deren Leben teilhaben.

Proklos war der letzte große Neuplatoniker, der im 5. Jahrhundert in der Akademie in Athen lehrte, ehe sie 529 von Kaiser Justinian geschlossen wurde. Auf ihn geht die Lehre von den Henaden zurück, geistigen Wesen, die aus dem höchsten Einen emanieren. Die »Henaden«, die Einheiten, die aus dem Einen, dem »Hen« emanieren, stellen den Versuch dar, das Problem der Transzendenz und Immanenz der geistigen Urbilder zu lösen. Insofern das Eine jenseits aller Teilhabe durch Anderes existiert, ist es nichts als das Eine. Insofern aber anderes als Abbild an ihm teilhat, ist es eine »Henade«. In der Vielfalt der Gattungen und Arten des Seienden offenbaren sich die Henaden als die unendlichfachen Aspekte des eigenschaftslosen Einen. Die Henaden sind zugleich die Götter des Polytheismus, die mit ihren schöpferischen Kräften den Kosmos erfüllen und alle zuletzt Erscheinungsformen des unaussprechlichen Einen sind. Insofern die Naturerscheinungen Offenbarungen der Götter oder Theophanien sind, wird die Theologie zur Naturwissenschaft. Proklos bereitet damit laut Goodrick-Clarke die Verbindung zwischen Theologie und Naturphilosophie vor, die sich in der modernen Esoterik findet. Auch Proklos sah in der Theurgie, der Einwirkung des Menschen auf die Götter durch kultische und rituelle Handlungen, einen legitimen und wirksamen Weg, um sich mit diesen zu verbinden. In der Hinwendung des späteren Neuplatonismus zur Theurgie kommt nach Goodrick-Clarke nicht nur ein gegenüber Plotin gewachsenes Interesse an Einflussnahme auf die Natur mittels sympathetischer Korrespondenzen zum Ausdruck, in ihr bereitet sich auch die »magia naturalis« der Renaissance vor.

Theurgie ist menschliche Einflussnahme auf die Götter, die ein Wissen von der Theorie und Praxis solcher Einflussnahme voraussetzt. Die Verbindung zu den Göttern wird nicht nur durch die Reinigung der Seele hergestellt, sondern auch durch Rituale, Anrufungen, und Gegenstände, welche die Kraft besitzen, Götter, Engel und Dämonen zur Erscheinung zu bringen. Die »Chaldäischen Orakel« sind eine Hauptquelle für die antike Theurgie. Verfasst von Julian dem Theurgen im 2. Jahrhundert nach Chr. entfaltet dieser Text ein komplexes Bild eines von Geistern und Dämonen bevölkerten Universums.

Während die Hermetika für den Hellenismus die Weisheit der alten Ägypter enthielten, stellten die »Chaldäischen Orakel« für die Antike eine Sammlung der chaldäischen Priesterweisheit dar.

Die »Chaldäischen Orakel« enthalten eine hierarchische Weltsicht, an deren oberster Stelle ein väterlicher Geist steht, der völlig transzendent ist und in einer Welt des überhimmlischen Lichtes wohnt. Neben diesem werden die Magna Mater oder Hekate und ein weiterer Geist angesiedelt. Hekate vermittelt die Wirkungen aus der überhimmlischen Lichtwelt in die sinnliche Welt. Unter dieser Welt liegen drei weitere: das Empyreum, die ätherische und die elementarische Welt. Die Orakel kennen einen zweiten, demiurgischen Geist, der den väterlichen Geist im Empyreum repräsentiert, und einen dritten Geist in der ätherischen Welt, während die elementare Welt von »Hyperzokos«, der »Blume des Feuers« beherrscht wird. Sie beschreiben die physische Welt als Gefängnis, aus der die Seele des Menschen entfliehen muss, indem sie den Leib von sich abschüttelt, den sie bei ihrem Herabsteig durch die Planetensphären an sich gezogen hat. Diese Befreiung wird durch Askese und theurgische Rituale herbeigeführt, welche die Seele von der Macht der Planetenregenten erlösen und vor den Dämonen beschützen, die die Sphären zwischen den Welten bewohnen. Die Orakel beschreiben Rituale, durch die Götter in ihre Bildnisse oder in ein menschliches Medium herabgerufen werden, damit sie der Seele bei ihrer Flucht aus dem Gefängnis des Leibes und ihrem Aufstieg zu Gott helfen.

Als eine Hauptströmung des »christlichen Denkens« in der Antike schildert Goodrick-Clarke – in deutlichem Kontrast zu den geläufigen apologetischen Kennzeichnungen – auch die Gnosis. Wie der Name schon sagt, geht es in ihr um höhere Erkenntnis jener Realitäten, die jenseits der Sinne liegen. Doch auch Goodrick-Clarke hält, wie viele andere, den Dualismus für zentral im gnostischen Denken, und zwar als Gegensatz zwischen den Mächten des Guten und des Bösen. Die höchste Ursache aller Dinge ist verborgen und unerkennbar. Aber aus dieser höchsten Ursache gehen auf dem Wege der Emanation geistige Wesen, die Äonen hervor, zu denen auch Christus gehört. Die Äonen bilden zusammen das Pleroma, die Fülle der geistigen Welt, die im Kosmos, jenseits von Zeit und Raum ausgebreitet ist. Unter dieser Welt liegt die, in der der Mensch sich mit seinen Sinnen und seinem Leib bewegt. Sie ist durch einen metaphysischen Fall entstanden oder durch eine untergeordnete Schöpfungsmacht, den Demiurgen, geformt worden.

Die geistige Welt der Engel und Äonen ist die wahre Wirklichkeit, die sinnliche ist wandelbar und unvollkommen. Der Mensch ist in ihr gefangen, vom wahren Gott getrennt, aber die Gnosis vermag ihm einen Weg zurück in jene vollkommenen Welt des Lichtes und der Wahrheit aufzuzeigen, aus der er stammt. Durch die Geisterkenntnis kann er über die Leiter der Äonen aufsteigen, bis er wieder in seine ursprüngliche Heimat gelangt. Bei diesem Aufstieg muss er aber die Tore der Archonten passieren, was ohne genaue Kenntnis ihrer Natur nicht möglich ist. In manchen gnostischen Erzählungen sind die Archonten die Planetenregenten, die von der Seele ein Schlüsselwissen verlangen, bevor sie ihr Eintritt in ihre Region gewähren und den weiteren Aufstieg erlauben. Dieses Wissen vermittelt die Gnosis.

Besondere Prominenz unter den Äonen genießen eine weibliche Gestalt, Sophia, die auch als Achamoth bezeichnet wird, und Satanael, ein gefallenes Engelwesen, das auch als Satan bezeichnet und mit dem Schöpfer der sinnlichen Welt identifiziert wird. Das Motiv des Falls ist grundlegend für das gnostische Denken: sowohl die Welt, die den Menschen umgibt, als auch der Mensch selbst sind gefallen. Satan fiel durch seinen Stolz, Sophia durch ihre Neugier und Adam durch seinen Ungehorsam. Manche Gnostiker, zum Beispiel Marcion, identifizierten den Demiurgen mit dem Schöpfergott des Alten Testamentes und sahen ihn im Gegensatz zur wahren Gottheit. Der Gott des Alten Testamentes war nach Marcion ein zorniger, eifersüchtiger Gott, und nicht wie der wahre Gott, ein Gott der Liebe und Barmherzigkeit. Marcion gab ein von allen alttestamentlichen Bestandteilen gereinigtes Evangelium heraus, was die Kirche veranlasste, ihrerseits mit der Kanonifizierung der Evangelien zu beginnen.

Die Gnosis nahm Motive aus der ägyptischen Mythologie, der chaldäischen Magie und der jüdischen Mystik auf, verstand sich aber als christlich und wies dem Christus eine zentrale Rolle bei der Rettung des Menschen aus der Gefangenschaft in der materiellen Welt zu. Manche gnostischen Evangelien beschreiben die Kindheit Jesu, manche Gnostiker leugneten die Inkarnation, da Christus als geistiges Wesen nicht habe Fleisch werden können, manche betrachteten Jesus als Menschen, in den bei der Taufe am Jordan der Logos eingetreten sei. Manche leugneten die Kreuzigung als Illusion oder behaupteten, jemand anders sei anstelle Jesu gekreuzigt worden.

Dem Menschen kommt in der Gnosis eine große Bedeutung zu. Er besitzt eine unsterbliche Seele, die in einem physischen Leib gefangen ist. Seine wahre Heimat ist das Pleroma, aber aufgrund des Falles ist er in die materielle Welt herabgestiegen, was ihn zu einem einzigartigen Wesen mit irdischen und geistigen Anteilen macht. Die Gnosis hilft ihm, seine Seele von der Verstrickung in die materielle Welt zu befreien, sie vermittelt das Schlüsselwissen über die Methoden und Wege der Befreiung.

Hermetik, Gnosis und Neuplatonismus sind sich in vielem ähnlich und haben sich gegenseitig beeinflusst. Die Hermetik und der Neuplatonismus betonen den kontinuierlichen Übergang zwischen den verschiedenen Ebenen des Seins. Auch sie legen Wert auf die Befreiung der Seele und ihren Aufstieg in die höhere Welt. Geistige Mittlerwesen stehen dem Menschen bei diesem Aufstieg bei. Hermetik und Christentum legen Wert auf die Inkarnation, dem Leben auf der Erde kommt eine besondere Bedeutung zu: der Mensch soll mitwirken an der Wiederherstellung des gefallenen Kosmos.

In der Gnosis spielen die geistigen Mittlerwesen eine große Rolle, die ebenfalls eine absteigende und aufsteigende Leiter bilden. Die Gnosis hat zur Geschichte der Esoterik ihre reiche Überlieferung von diesen Mittlerwesen beigetragen. Aber im Gegensatz zu Hermetik und Christentum betont die Gnosis laut Goodrick-Clarke den Dualismus und ist daher eher pessimistisch gestimmt. Die Kluft zwischen der gefallenen Welt und dem Reich des Lichtes ist groß und das Leben in dieser Welt hat kaum etwas Gutes zu bieten. Die düstere Sicht der Sinneswelt steht im Kontrast zur esoterischen Auffassung, dass die irdische Welt ein Abbild der himmlischen ist. Die anderen esoterischen Strömungen teilen diesen gnostischen Pessimismus nicht, und betrachten die irdische Welt auch nicht als Schöpfung eines widergöttlichen Prinzips.

Fortsetzung

Kommentare sind geschlossen