Jacob Boehme: Von der Tinktur, vom Drachen und der Jungfrau

Die Jungfrau, der Wurm und der Ritter: die himmlische Tinktur, der irdische Geist und die Seele des Menschen zwischen beiden

Übertragung ins Neuhochdeutsche: Lorenzo Ravagli.

Die Tinktur scheidet das Reine und Lautere vom Unreinen; sie entzündet das Leben und die Essenzen aller Geister zur höchsten Blüte. Sie ist die Ursache des Leuchtens oder Glanzes und bewirkt, dass alle Kreaturen leben und sehen. Aber ihre Gestalt ist vielfältig – im Vieh ist sie anders als im Menschen, anders in Steinen, Metallen und Kräutern, obwohl sie in allen Dingen ist, – aber in manchen ist sie stark, in anderen schwach.

Wenn wir erforschen, worin ihr Wesen und ihre Eigenschaften bestehen, dann finden wir in ihrem Ursprung ein gar kostbares und edles Wesen. Denn sie stammt aus der Kraft und dem Brunnquell der Gottheit, die sich in alle Dinge eingeprägt hat. Deswegen ist sie auch so geheim und verborgen, dass sie keinem falschen, oberflächlichen Gemüt erkennbar ist. Und auch wenn sie in allen Dingen lebt, vermag das falsche Gemüt sie doch nicht zu erkennen und Gott herrscht in allem, für die Kreatur unbegreiflich und unwahrnehmbar. Alles geht dahin und weiß nicht, wie ihm geschieht, alles lebt und weiß nicht worin, alles zerbricht und weiß nicht wie. Der Schatten und das Bild der Tinktur aber bleibt ewig. Denn sie ist aus dem ewigen Willen geboren; aber der Geist wird ihr durch das Schöpfungswort verliehen, so wie jeder Kreatur. Auch in die Gemmen, Steine und Metalle ist sie zu Anbeginn der Schöpfung eingepflanzt worden, einem jedem auf seine Art.

Von Ewigkeit her war sie in Gott und darum ist sie auch ewig in Gott. Als aber Gott ein Gleichnis seines Wesens schaffen wollte, das die Finsternis gebären sollte, da stand sie beim Aufgang des Feuerblitzes dort, wo die fünfte Gestalt der Liebesgeburt im Gleichnis geboren wurde; denn sie wurde aus dem Brunnquell des Willens, aus dem Herzen Gottes, geboren und deswegen bleibt ihr Schatten im Willen Gottes auf ewig. Und aus diesem Grund bleibt der Schatten einer jeden Kreatur und aller Wesen, die im Gleichnis geboren wurden, ebenfalls ewig. Denn sie ist das Gleichnis Gottes, das aus dem ewigen Willen geboren wurde; aber ihr Geist bleibt im dritten Prinzip dieser Welt nicht ewig, sondern zerbricht, wenn das Quellen oder Leben aufhört.

Denn alles, was lebt im dritten Prinzip, zerbricht und geht in seinen Äther und sein Ende, bis auf das Bild der Tinktur, die als Schatten oder Wille ohne Geist und Beweglichkeit ewig stehenbleibt. Aber im anderen Prinzip bleibt die Tinktur im Geist und im Wesen machtvoll, sowohl bei Engeln, als auch bei Menschen und sie bleibt im Aufgang aller Wesen ewig stehen, denn das Zentrum ihrer Geburt ist ewig und unverrückbar.

Groß und mächtig sind die Geheimnisse! Und wer sie sucht und findet, hat eitel Freude an ihnen, denn sie sind für die Seele ein echtes Himmelsbrot. Wenn wir uns besinnen und die Erkenntnis der himmlischen Tinktur empfangen, dann geht in uns die Erkenntnis des göttlichen Freudenreiches auf, so dass wir wünschen, wir könnten alles Eitle hinter uns lassen und allein in solcher Geburt leben. Aber das darf nicht sein, denn wir müssen unser Tagewerk hienieden vollenden.

Die Vernunft spricht: Ach, hätte sich doch Adam nicht gelüsten lassen, so wäre er nicht im Schlaf versunken; würde ich an seiner Stelle stehen, ich würde standhaft sein und im Paradies bleiben! Ja, liebe Vernunft, du triffst es wohl, miss dir nur zu viel zu; ich will dir deine Stärke und die Pforte weisen: bedenke, wie standhaft du bleiben würdest, wenn du wie Adam vor dem Baum der Versuchung stündest.

Siehe! Ich gebe dir ein gutes Gleichnis. Stell dir vor, du seist ein Jüngling oder eine Jungfrau, so wie ja Adam beides in einer Person war. Wie glaubst du, würdest du da stehen? Stellen wir uns also den männlichen Jüngling vor, von guter Gesundheit, schöner Gestalt und Tugend und dann eine schöne, wohlgestalte Jungfrau neben ihm. Nun lassen wir sie nicht nur freundlich miteinander reden, sondern sie dürfen sich auch berühren und anfassen. Aber wir gebieten ihnen, dass keiner für den andern in Lust oder Liebe entbrenne, mit keinem Gedanken, dass keiner eine Neigung für den andern empfinde und erst recht nicht eine Erregung im Willen. Nun lassen wir sie vierzig Tage und Nächte zusammen sein und miteinander in eitel Freude spazieren. Und wir gebieten ihnen, dass ihr Wille und ihr Gemüt beständig seien, dass sie niemals den Gedanken fassen, einander zu begehren oder zu erregen, mit keiner Essenz oder Eigenschaft, so dass ihr Wille und ihr Empfinden ganz beständig und fest von unserem Gebot umfasst seien. Und der Jüngling soll gewillt sein, sich nie und nimmer mit dieser oder einer anderen Jungfrau zu vermischen, desgleichen auch die Jungfrau usw.

Wie glaubst du, du elende Vernunft, mit all deinen Mängeln und Gebrechen, würdest du in dieser Prüfung bestehen? Würdest du nicht ja sagen wie Adam? Aber halten könntest du dein Versprechen nicht.

Und ebenso, meine liebe Vernunft, war es auch bei Adam. Gott hatte sein Werk weise und gut geschaffen und eines aus dem andern hervorgezogen. Er war der erste Grund; aus sich hatte er diese Welt geschaffen und aus der Welt den Menschen. Diesem gab er seinen Geist und befahl ihm, in diesem ohne Wanken oder widerstreitenden Willen vollkommen zu leben.

Nun besaß der Mensch aber auch den Geist dieser Welt. Denn er stammte aus der Welt und lebte in der Welt. So war nun Adam die züchtige Jungfrau, das heißt, der Geist, der ihm von Gott eingehaucht worden. Und der Geist, den er aus der Natur dieser Welt geerbt hatte, war der Jüngling: die waren nun beieinander und ruhten in einem Arm.

Nun sollte die Zucht der Jungfrau auf das Herz Gottes gerichtet sein. Sie sollte keine andere Imagination haben und kein Gelüsten nach der Schönheit des wohlgestalten Jünglings empfinden. Nun war aber der Jüngling schon für die Jungfrau entbrannt und begehrte danach, sich mit ihr zu erregen, denn er sprach: Du bist meine liebste Braut, mein Paradies und mein Rosenkranz, lass mich doch in dein Paradies, ich will schwanger werden in dir, auf dass ich deine Essenzen empfange und deine holdselige Liebe genieße! Wie gerne wollte ich die freundliche Süßigkeit deiner Kraft kosten! Wenn ich nur dein schönes Licht empfangen könnte, wie wäre ich da von Freude erfüllt!

Und die züchtige Jungfrau sprach: Du bist ja mein Bräutigam und mein Geselle, aber du hast nicht meinen Schmuck; meine Perle ist köstlicher als du, meine Kraft ist unvergänglich und mein Gemüt immer beständig; du hast ein unbeständiges Gemüt und deine Kraft ist zerbrechlich. Wohne in meinen Vorhöfen, so will ich mich dir freundlich erweisen und dir viel Gutes tun. Ich will dich zieren mit meinem Schmuck und dir mein Kleid anziehen, aber meine Perle gebe ich dir nicht, denn du bist finster und sie ist licht und schön. (In Christo hat Adam die Perle empfangen; denn sie senkte sich in den Wurm der Seele und gebar ihn wieder neu zum Licht und dies eben ist der Streit hienieden. Denn ebenda wollte die Jungfrau die Perle [die reine Gottheit] dem Wurm nicht geben, sondern dieser sollte in ihren Vorhöfen leben und sie wollte ihn erleuchten und krönen. So wurde Adam versucht, ob er beständig bleibe. Da es aber nicht sein konnte, gab die Jungfrau die Perle dem Sohn der Jungfrau, Christus, dem Fürsten in Gott.)

Da sprach der Jüngling, der Geist der Natur: Meine schöne Perle und Zucht, lass mich doch deinen Trost genießen! Willst du dich niemals mit mir vermischen, so dass ich in dir schwanger werden kann, so schließ doch deine Perle in mein Herz, auf dass sie mein Eigentum wird. Bist du doch meine güldene Krone. Wie gerne wollte ich kosten deine Frucht.

Da sprach die Jungfrau, der züchtige Geist aus Gott, in Adam: Mein lieber Buhle und Geselle, ich sehe wohl deine Lust, du willst dich gern mit mir vermischen, aber ich bin eine Jungfrau und du ein Mann. Du würdest mir meine Perle beflecken und meine Krone zerbrechen; dazu würdest du meine Süßigkeit in deine Säuerlichkeit mischen und mein helles Licht verdunkeln. Darum will ich nicht. Meine Perle will ich dir leihen und dich mit meinem Kleide zieren, aber zum Eigentum geb’ ich dir’s nicht.

Und der Geselle, der Geist dieser Welt in Adam, sprach: Ich lasse dich nicht. Willst du nicht, dass ich mich mit dir vermische, so nehme ich meine innerste und stärkste Macht und gebrauche dich nach meinem Willen durch diese innerste Macht. Ich will dich mit der Macht der Sonne, der Sterne und Elemente bekleiden, da wird dich niemand kennen: du musst mein sein ewiglich! Und mag ich auch unstet sein, wie du sagst, und meine Kraft nicht wie die deine, so will ich dich doch in meinem Schatz behalten und du musst mein Eigentum sein.

Also wollte der Geist in Adam aus eigener Macht auf Erden herrschen, denn der Geist der großen Welt wollte es so haben; genauso wie Luzifer über die Jungfrau mit seinem Wurm herrschen wollte – hätte er die Jungfrau in Liebe behalten und in ihren Vorhöfen gewohnt, wäre er ein Engel geblieben.

Da sprach die Jungfrau: warum willst du Gewalt üben? Bin ich doch deine Zierde und Krone! Ich bin hell und du bist finster. Siehe, wenn du mich verdeckst, dann leuchtest du nicht und bist ein finsterer Wurm: wie mag ich da bei dir wohnen? Lass nur ab, ich gebe mich dir nicht zum Eigentum. Ich will dir meine Zierde geben und du sollst in meiner Freude leben, meine Frucht sollst du genießen und meine Süßigkeit schmecken, aber wesensgleich mit mir kannst du nicht werden. Denn meine Essenz ist die ewige Kraft, in der meine schöne Perle und mein helles Licht geboren wird; mein Brunn ist ewig. Wenn du mir mein Licht verdunkelst und mein Kleid besudelst, besitzt du keine Schönheit und vermagst nicht zu bestehen, sondern dein Wurm zerbricht dich. So verliere ich alsdann meinen Gesellen, den ich zu meinem Bräutigam erwählt habe, mit dem ich Freude erleben wollte, und meine Perle und Schönheit wird keinen Gespielen haben (Jes 5.1-4; Matth. 21,33). Davon sprechen Jesajas und Christus, der sagt, dass er auch gerne von den edlen Trauben des Weinstocks essen würde (Mich. 7,1; Mark. 12,1). Hatte ich mich doch um meiner Freude willen zu dir gesellt und du willst mit meiner Schönheit genießen, so bleib doch in meiner Zierde und Tugend und wohne bei mir in Freuden, ich will dich ewig schmücken.

Und der Jüngling sprach: Dein Schmuck war schon immer mein, ich gebrauche dich nach meinem Willen; wie du sagst, werde ich zerbrechen, aber mein Wurm ist ewig, mit dem will ich herrschen; in dir aber will ich wohnen und dich mit meinem Kleide verkleiden.

Da wandte sich die Jungfrau zum Herzen Gottes und sprach: Mein Herz und meine Liebe, du bist meine Kraft, aus dir bin ich hell, aus deiner Wurzel bin ich von Ewigkeit her geboren, erlöse mich von dem Wurm der Finsternis, der meinen Bräutigam infiziert und versucht! Lass mich doch nicht verdunkelt sein in Finsternis! Bin ich doch deine Zierde und gekommen, damit du Freude an mir hast. Warum soll ich denn mit meinem Bräutigam im Finstern leben? Und die göttliche Antwort lautete: Des Weibes Samen soll der Schlange, dem Wurm, den Kopf zertreten und sie wird ihn in die Ferse stechen.

Siehe, liebe Seele, hierin steckt die himmlische Tinktur, die wir durch ein Gleichnis beschreiben müssen und nicht anders benennen können. Ja, hätten wir Engelszungen, so wollten wir so reden, dass das Gemüt es begreift; aber die Perle ist mit dem finstern Kleide bekleidet. Die Jungfrau ruft fortwährend zum Herzen Gottes, er möge ihren Gespielen von dem finsteren Wurm erlösen; aber die göttliche Antwort lautet: Des Weibes Samen soll der Schlange den Kopf zertreten, das heißt, der Schlange Finsternis soll von deinem Bräutigam abgeschieden werden. Das finstere Kleid, mit dem die Schlange deinen Bräutigam bekleidet und deine Perle und deine schöne Krone verdunkelt hat, soll zerbrechen und zur Erde werden, und du sollst mit deinem Bräutigam dich in mir freuen; das war mein ewiger Wille, der bleibt bestehen.

Und wenn wir uns nun auf die hohen Mysterien besinnen, dann eröffnet uns der Geist das Verständnis und wir erkennen, dass dies der eigentliche Grund für Adams Fall ist. Denn sein ursprünglicher Geist, also seine Seele, war der Wurm, der aus dem ewigen Willen Gottvaters geboren und zur Zeit der Schöpfung durch das Schöpfungswort auf Geistesart geschaffen worden war, aus dem Ort, in dem der Vater sein Herz von Ewigkeit her gebiert, zwischen der vierten und fünften Gestalt im Zentrum Gottes, wo das Licht Gottes von Ewigkeit her urständet und sich immerzu erblickt. Daher kam ihm das Licht Gottes in Gestalt einer schönen Jungfrau zu Hilfe und nahm die Seele Adams als ihren Bräutigam an und wollte sie mit ihrer schönen Himmelskrone und der edlen Kraft der Perle zieren und mit ihrem Kleide schmücken.

Aber da brach die vierte Gestalt im Zentrum der Seele hervor. Als der Seelen-Geist zwischen der vierten und fünften Gestalt im Zentrum geschaffen wurde, neben dem Herzen Gottes, da befand sich diese vierte Gestalt im Glanz der Finsternis. Daraus ist diese Welt geschaffen, die sich wiederum in ihrem Zentrum in fünf Teile teilt, im Aufgang bis zum Licht der Sonne; denn auch die Sterne werden in ihrem Zentrum zwischen der vierten und fünften Gestalt geboren und die Sonne ist der Brunnen der fünften Gestalt im Zentrum, so wie das Herz und Licht Gottes im ewigen Zentrum, der keinen Grund hat. Die Sterne und Elemente aber haben ihren Grund in der vierten Gestalt im finstern Gemüt, im Aufgang des erweckten Feuerblitzes.

Also wird die Seele zwischen beiden Zentren geboren: (1) zwischen dem Zentrum Gottes, das heißt dem Herzen oder dem Licht Gottes, das da aus einem ewigen Ort geboren wird; und (2) dem aufgegangenen Zentrum dieser Welt. Und beiden neigt sie zu und beiden ist sie verwandt, weswegen sie alle drei Prinzipien besitzt und in allen dreien leben kann.

Aber darin bestand der Jungfrau Gesetz und Wille, dass ebenso wie Gott über alle Dinge herrscht und sich überall einprägt und allem Kraft und Leben gibt und er doch von keinem begriffen wird, obgleich er überall ist, dass ebenso auch die Seele stillstehen sollte und die Gestalt der Jungfrau in der Seele herrschen und diese mit dem Licht Gottes krönen sollte. Die Seele sollte der schöne Jüngling sein, der geschaffen war; und die Kraft Gottes die schöne Jungfrau, und das Licht Gottes die schöne Perlen-Krone, mit der die Jungfrau den Jüngling schmücken wollte.

Der Jüngling aber wollte die Jungfrau zum Eigentum haben, was nicht sein konnte, da sie ihrer Geburt nach einen Grad höher stand als er. Denn die Jungfrau war von Ewigkeit her und der Bräutigam war ihr zugedacht, damit sie mit ihm Freude und Wonne in Gott genießen sollte.

Da der Jüngling dies aber bei der Jungfrau nicht erlangen konnte, griff er zurück nach dem Wurm in seinem Zentrum; denn die Gestalt dieser Welt, die auch in seiner Seele war, drang so hart auf ihn ein und hätte die Jungfrau zu gern zum Eigentum gehabt, um aus ihr ein Weib zu machen, was ja dann auch beim Fall geschehen ist; aber nicht aus der Perle, sondern aus dem Geist dieser Welt entsteht das Weib. Denn noch immer ängstigt sich die Natur dieser Welt nach der Jungfrau, um von der Eitelkeit frei zu werden und glaubt, sie könne der Jungfrau wesensgleich werden. Das aber kann nicht sein, denn die Jungfrau ist in höheren Regionen geboren.

Und auch wenn diese Welt bald zerbrechen und die Eitelkeit des Wurms abschütteln wird, so kann sie die Jungfrau doch nicht erlangen, sondern bleibt ohne Geist und Wurm unter ihrem Schatten, in schöner und sanfter Ruhe, ohne Ringen und Begehren, denn sie gelangt damit in ihren höchsten Grad und ihre höchste Schönheit und ruht ewig von ihrer Arbeit. Denn der Wurm, der sie hier quält, geht in sein Prinzip ein und berührt den Schatten und das Bild dieser Welt auf ewig nicht mehr, denn fortan herrscht die Jungfrau mit ihrem Bräutigam.

Mein lieber Leser! Ich will dir’s deutlicher erklären. Denn nicht ein jeder besitzt die Perle, um die Jungfrau zu ergreifen und doch will ein jeder wissen, was es mit dem Fall Adams auf sich hat. Siehe, wie ich eben zeigte, hat die Seele alle drei Prinzipien in sich: (1) das Innerste, den Wurm oder Schwefelgeist oder Quell, durch den sie Geist ist, (2) die göttliche Kraft, die den Wurm sanft, hell und freudenreich macht, durch die der Wurm oder Geist ein Engel wird, wie Gott der Vater selber – der Art nach, versteht sich und wegen ihrer Geburt. Und (3) trägt sie das Prinzip dieser Welt ganz ungeteilt an sich – und doch begreift keines das andere, denn es sind drei Prinzipien oder Geburten.

Siehe, der Wurm ist das Ewige, das ihm selbst eigentümlich ist; die andern zwei sind ihm gegeben, jedes durch eine andere Geburt, eines zur Rechten, das andere zur Linken. Nun kann er aber beide ihm verliehenen Gestalten oder Geburten verlieren: denn wenn er in die grimmige Feuermacht zurückgreift und falsch gegen die Jungfrau wird, dann weicht sie von ihm und bleibt als Bild in ihrem Zentrum, dann ist die Tür der Jungfrau verschlossen.

Willst du nun wieder zur Jungfrau, dann musst du durch das Wasser im Zentrum und den Heiligen Geist wiedergeboren werden, dann erlangst du sie mit großen Ehren und Freuden wieder, wovon auch Christus spricht (Luk. 15,7). Es wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über 99 Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Ebenso schön wird der arme Sünder von der Jungfrau wieder empfangen, die nun nicht länger ein Schatten sein muss, sondern wieder eine lebendige und verständige Kreatur und ein Engel Gottes wird. Diese Freude kann niemand ausdrücken, allein die wiedergeborene Seele weiß davon. Der Leib aber versteht die Freude nicht, sondern zittert und weiß nicht, wie ihm geschieht.

Die andere Gestalt oder das andere Prinzip aber verliert der Wurm, wenn der Leib abgelegt wird, denn auch wenn es im Bilde bestehen bleibt, so ist es ihm doch nur eine Schande und Qual, dass er ein Engel gewesen und nun ein greulicher, grimmiger, giftiger Wurm und Geist ist. Darüber spricht die Schrift, wenn sie sagt, dass der Wurm der Gottlosen nicht stirbt und ihre Qual ewig dauert (Mark. 9,44). Hätte der Wurm nicht Engels- und Menschengestalt besessen, wäre seine Qual nicht so groß, so aber quält ihn die Erinnerung ewig fort, denn er kennt den Schatten seiner Herrlichkeit und kann in ihr nicht mehr leben.

Dies ist, kurz gesagt, der Grund für Adams Fall: Adam hat durch seine Lust die Jungfrau verloren und hat in seiner Lust das Weib empfangen, das eine cagastrische Person ist (»cagastrisch«: von kakon astron, schlechte Sterne). Und die Jungfrau wartet immer noch auf ihn, ob er nicht doch noch in die neue Geburt eintreten will, damit sie ihn mit großen Ehren empfangen kann. Darum besinne dich, du Menschenkind; ich schreibe hier, was ich gewiss weiß; und der es gesehen hat, bezeugt es; sonst wüsste ich’s auch nicht.

»De tribus Principiis oder Beschreibung der drei Prinzipien göttlichen Wesens« 1619 | Auszug aus dem 12. Kapitel

Ein Kommentar

  1. also ist in diesem text adam, der den fall verursacht hat und das weibliche steht höher-früher als das männliche. das weibliche, was eine jungfrau wirklich ist wird von mann angegriffen also eine andere geschichte als wir sie in der bibel lesen, wo eva adam verführte. ist das so dargestellt oder täusche ich mich?

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