Wissenschaft und Esoterik XX – Der okkulte Marktplatz

6. Der okkulte Marktplatz

Die erotische Komponente der Elementarwesen spielt auch heute noch eine Rolle in der Populärkultur. Bildquelle: worth2000.com

Aufgrund des Niedergangs der Universitäten Mitte des 17. Jahrhunderts gingen die öffentlichen Bildungsaufgaben zunehmend auf private Organisationen über, die sich an den Bedürfnissen des Marktes orientierten. Am Ende des 17. Jahrhunderts erlebte Europa eine Explosion von Druckerzeugnissen, die im Dienste der Bildung und Aufklärung standen. Zu dieser gehörte auch eine »Manie« der Lexika und Enzyklopädien, die das Publikum bilden und belehren wollten und auf ihre Weise zur Umsetzung der Aufklärungsagenda beitrugen. Dazu kam eine Fülle von gelehrten Zeitschriften, die eine noch bedeutendere Funktion bei der Verbreitung der Aufklärungsideen übernahmen.

Aber die Medienrevolution wirkte sich nicht nur zugunsten der Aufklärungsagenda aus, denn zu den Bedürfnissen des Marktes gehörte auch ein fortbestehendes, ja wachsendes Interesse an esoterischen Themen. Entgegen dem verbreiteten Bild vom Jahrhundert der Aufklärung war Esoterik in allen erdenklichen Formen im 18. Jahrhundert außerordentlich populär. Diese Popularität gipfelte in einer gewaltigen Welle des Illuminismus und Mesmerismus am Ende des 18. Jahrhunderts. Die Nachfrage nach okkulter Literatur setzte sich im 19. Jahrhundert fort. Aber die Autoren, die dieser Nachfrage entsprachen, waren keine Akademiker oder professionellen Intellektuellen mehr, sondern überwiegend Amateurgelehrte und Autodidakten. Zur Selbstverständnis der Gelehrten und Akademiker gehörte es zunehmend, all diese Traditionen aufs schärfste zu verurteilen, als ein Gebiet, das jenseits jeder ernsthaften Diskussion lag. So wie die frühe Kirche die Häretiker benötigte, um ihre orthodoxe Identität zu definieren, und die Protestanten den heidnischen (bzw. katholischen) Gegner, von dem sie sich abgrenzen konnten, so schuf die entstehende akademische Orthodoxie ein reifiziertes »Anderes«, das ihren eigenen Bedürfnissen nach Selbstdefinition entsprach. Die Aufklärer schufen als ihr dunkles Gegenbild den »irrationalen Aberglauben«, der auf Unwissenheit, Leichtgläubigkeit, Vorurteil und schlichter Dummheit beruhte, die Chemiker die Alchemie, die Astronomen die Astrologie, und die Wissenschaftler im allgemeinen die Magie und okkulte Philosophie. So entstand die Kategorie des »Okkulten« als »intellektueller Kehrichthaufen« für verworfenes, zurückgewiesenes Wissen und diese Kategorie hat die Funktion, der Akademie als das radikale »Andere« zu dienen, bis zum heutigen Tag beibehalten.

Die Vorherrschaft von Amateuren im 18. und 19. Jahrhundert wirkte sich nachteilig auf die Qualität der Forschung aus und ließ das Gebiet in den Augen der Akademiker noch unattraktiver erscheinen. Daraus ergab sich ein abwärts führender Teufelskreis: je geringer die Qualität der Druckerzeugnisse, um so geringer das Interesse der Akademiker und je weniger diese über das Gebiet wussten, um so mehr tummelten sich darin die Amateure. Ende des 19. Jahrhunderts war es kaum mehr möglich, irgendwelche verlässlichen Informationen über die Beschaffenheit, die historische Entwicklung oder die kulturelle Bedeutung der hermetischen, magischen oder okkulten Ideen und Traditionen zu erhalten, was die Akademiker nur noch mehr dazu veranlasste, stolz auf ihre Ignoranz zu sein.

7. Literarische Fiktionen

Eine nicht unerhebliche Rolle spielte bei dieser Entwicklung laut Hanegraaff auch die fiktive Literatur. Als zwei herausragende, äußerst einflussreiche Beispiele behandelt er den »Grafen Gabalis«, den der Salongeistliche und Libertin de Villard verfasste und Bulwer-Lyttons Roman »Zanoni«. Das Buch de Villards erschien 1670. Sein Titel spielt auf die »kabbalistische Kunst« des Paracelsus an und handelt von geheimen Gesellschaften, in denen sich Menschen aus allen Gesellschaftsschichten mit Interesse für das Okkulte zusammenfinden. Laut de Villard verfolgt die okkulte Philosophie weitreichende Ziele. Man soll durch sie zum Herrn der Natur werden, die Elemente beherrschen, mit höheren Intelligenzen kommunizieren, Dämonen lenken, Riesen erzeugen, neue Welten erschaffen, mit Gott reden und die Cherubim zu seinen Dienern machen können. Die Hauptfigur, Graf Gabalis, ist ein Adept von hohen Gnaden. Er verspricht dem alter ego des Autors, Einweihung in die hohen Mysterien, vorausgesetzt, dieser führe ein enthaltsames Leben. Dieses Ansinnen erscheint dem Libertin, der nach Einweihung sucht, nicht sonderlich attraktiv. Aber es gibt einen Ausweg: denn die Elementarwesen, die er durch die Einweihung kennenlernen wird, tragen ein großes Verlangen in sich, mit Menschen sexuell zu verkehren. Auf diesem Wege erlangen sie, was ihnen fehlt: eine unsterbliche Seele.

De Villars greift bei seiner Erzählung über die Elementarwesen laut Hanegraaff auf alte Traditionen zurück, die über Knorr von Rosenroth, Trithemius und Psellus bis zu Proklos reichen, besonders aber auf einen pseudo-paracelsischen Text über die »Nymphen, Sylphen, Pygmäen, Salamander und andere Geister«. Die Weisen müssen also auf den Verkehr mit menschlichen Frauen verzichten, dafür stehen ihnen die weiblichen Elementargeister, die viel schöner als die menschlichen Frauen sind, bereitwillig zur Verfügung. Sie haben einen weiteren Vorteil: sie sind nicht eifersüchtig, so dass Männer mit so vielen verkehren können, als ihnen beliebt. Ein wahres Paradies für einen Libertin! De Villars greift auf eine Vorstellung des Agrippa von Nettesheim zurück, nach welcher der Fall des Menschen im Geschlechtsverkehr bestand. Aber er gibt dieser Vorstellung eine neue Wendung. Adam sündigte, weil er mit einem anderen Menschenwesen statt mit Elementargeistern sexuell verkehrte. Hätte er letzteres getan, wäre er nicht gefallen, sondern hätte Heroen und Riesen voller Macht und Weisheit gezeugt. Große Weise wie Zoroaster gingen laut de Villars aus solchen Ehen zwischen Menschen und Elementargeistern hervor.

Der Libertin hält den Ausführungen des Grafen entgegen, diese Elementargeister seien Dämonen und heidnische Gottheiten, aber der Graf entgegnet, dieses Argument sei eine Lüge der Theologen. Die sogenannten gefallenen Engel waren in Wahrheit Elementargeister und die Giganten, die aus ihrer Ehe mit den Menschen hervorgingen, waren die Heroen und Weisen der Vorzeit. Auch die Geschichten über Hexen, Incubi und Succubi seien nichts als tragische Verzerrungen der Wahrheit. Auch hinter den alten Orakeln seien die Elementarwesen gestanden und diese Orakel gebe es noch heute in Paris. Damit spielt der Autor auf die damals weit verbreiteten Praktiken der Divination an.

Nach Hanegraaffs Auffassung ist das Buch de Villars rein fiktional und satirisch. Aber es enthielt alle wesentlichen Elemente, die das populäre Bild des Okkulten im 18. und 19. Jahrhundert bestimmen sollten: Geheime Bruderschaften, die sich mit Magie, Astrologie und Alchemie beschäftigten und Kontakt zu unsichtbaren Geistwesen unterhielten. Im Kern ging es um das Versprechen einer tiefgehenden spirituellen Erneuerung, durch welche die Folgen des Falles aufgehoben und der ursprüngliche Zustand des Menschen wiederhergestellt werden konnte, mit all den überragenden Fähigkeiten, die den paradiesischen Menschen auszeichneten. Aber was de Villars zu den traditionellen Motiven des Platonismus und Paracelsismus hinzufügte, war eine »elektrisierende erotische Vision« mit weitreichenden historischen Fernwirkungen bis ins 20. Jahrhundert. Er sprach von einer oberflächlich christlichen, in Wahrheit heidnischen Religion, die auf einem im wahren Sinne des Wortes intimen Verkehr mit der Natur beruhte. Indem er die Idee des Verkehrs mit den Wesen der Geistwelt erotisierte, schuf er eine perfekte Gegenerzählung zu den zeitgenössischen Berichten über Hexerei. Die Kirche hatte nach de Villars die Wahrheit verdreht, sie hatte die wohlwollenden Geister der Natur zu bösen Dämonen erklärt und jeden Kontakt mit ihnen als Götzendienerei verboten. Den geschlechtlichen Verkehr zwischen Menschen und Geistwesen (succubi und incubi) hatte sie als schlimmste Form moralischer Verworfenheit verurteilt. Aber der Graf behauptete das genaue Gegenteil: für ihn war der normale Geschlechtsverkehr nur eine fleischliche Aktivität, die den Menschen im Zustand des Falles und der Sünde erhielt, während die Ehe mit den Geistern der Natur der Königsweg zur spirituellen Erneuerung war. Hanegraaff erinnert hier nicht an die kluge Bemerkung von Deghaye, dass der Teufel »Idealist« sei, der den Körper verdamme, aber der Leser mag sich daran erinnern.

Die genaue Intention de Villars ist heute nicht mehr zu ermitteln. Bekannt ist auch nicht, in welchen Beziehungen er zu möglicherweise existierenden Bruderschaften stand. Aber schon die erste englische Übersetzung, die 1680 erschien, stellte einen Zusammenhang zwischen dem Grafen Gabalis und den Rosenkreuzern her, die der Übersetzer von sich aus in den Text einfügte. Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts wurde das Motiv der Liebe zwischen Menschen und Elementarwesen von vielen weiteren Autoren aufgegriffen und so blieben Leser nicht aus, die die Erzählungen de Villars und dieser anderen Autoren beim Wort nahmen. Im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts waren viele Okkultisten davon überzeugt, de Villars sei ein Initiierter gewesen, der große Geheimnisse im Mantel der Fiktion verbarg. Ende des 19. Jahrhunderts begannen Okkultisten in der Nachfolge H.P. Blavatskys davon zu berichten, sie hätten ihrerseits Elementarwesen gesehen und einzelne experimentierten mit rituellen Techniken, um solche Wesen zu beschwören oder gar mit ihnen in sexuellen Verkehr zu treten.

Hanegraaff sieht den großen Erfolg der Erzählung de Villars in einer Angst vieler Menschen begründet, die Fortschritte der Wissenschaft trieben das Göttliche aus der Welt aus und ließen den Menschen in einem entzauberten Kosmos zurück. Diese Ängste vermochte de Villars mit seiner Botschaft von der Beseeltheit der Natur, wenn auch auf ironisch gebrochene Weise, zu beschwichtigen. Dasselbe gilt laut Hanegraaff für die wichtigste okkulte Erzählung des 19. Jahrhunderts, für Bulwer-Lyttons »Zanoni.« Bulwer-Lytton propagierte eine »panvitalistische Kosmologie mit direktem Bezug auf Elementarwesen als radikale Alternative zum Gespenst« eines geistentleerten Universums. Bulwer-Lytton knüpfte an die von de Villars begründete literarische Tradition an, aber nun, zweihundert Jahre später, war durch eine »Ironie der Geschichte«, die ursprünglich als »humorvolle Satire« gemeinte Erzählung über die Kabbala zum Paradigma einer »okkulten Philosophie« der Natur geworden, die sich gegen die Entzauberung der Welt richtete.

Hier sei eine kritische Bemerkung erlaubt. Bedauerlicherweise behandelt Hanegraaff das Thema »Elementarwesen« nur im Rahmen einer Exegese »fiktionaler« Literatur. Dass es auch außerhalb fiktionaler Literatur – sofern sie tatsächlich rein fiktional gemeint war, was, wie er selbst zugesteht, nicht mit Sicherheit zu sagen ist, weder im Fall de Villars noch im Fall Bulwer-Lyttons – literarische Traditionen über Elementargeister gab, deutet er nur im Vorbeigehen an. Diese Traditionen hängen zwar mit den von ihm erwähnten Autoren Knorr von Rosenroth, Trithemius von Sponheim, Michael Psellus und Proklos zusammen, sie existieren aber auch unabhängig von ihnen, denn mit den Elementarwesen ist ein ganzer Komplex geistiger Wesenskunde verbunden, von der Dämonologie über die Hierarchienlehre bis zu den alten, heidnischen Göttern, ja dem Göttlichen überhaupt. Wenn sich Hanegraaff im Sinne seines nicht-eklektizistischen Methodenideals nicht nur auf fiktive Literatur beschränkt hätte, wäre ihm der Kurzschluss, das einst Fiktionale sei am Ende des 19. Jahrhunderts als »real« missverstanden worden, nicht so leicht gefallen. Die Frage ist doch, sind die Geister, nur weil sie in fiktionaler Literatur vorkommen, deswegen selbst fiktional? Und sind sie immer fiktional, auch wenn sie in »ernstzunehmender« Literatur, etwa im Rahmen des Diskurses über alte Weisheit in Erscheinung treten? Und ist damit auch die gesamte Esoterik letztlich fiktional, die doch zu einem großen Teil aus solchem Reden über Geister besteht? Ob solche weitreichenden Schlüsse aus Hanegraaffs Äußerungen gezogen werden können, lässt sich aufgrund ihrer Kontextbezogenheit nicht sagen. Aber wenigstens sei darauf hingewiesen, dass die Methode der Diskursanalyse, die Hanegraaff praktiziert, dort an ihre Grenzen stößt, wo die Frage auftaucht, worüber eigentlich diejenigen reden, die am Diskurs beteiligt sind. Reden sie nur über die Diskurse der anderen und zerfällt am Ende die Wirklichkeit im endlosen Gerede über das Gerede dieser anderen? Mit anderen Worten: Beginnt die Esoterikforschung nicht erst dort wirklich interessant zu werden, wo sie die Esoterik nicht nur als Diskurs ernst nimmt, sondern auch in ihrem Erkenntnisanspruch, von etwas zu reden, das wirklich ist?

8. Kompendien des zurückgewiesenen Wissens

Noch auf einem anderen Gebiet äußerte sich laut Hanegraaff der Niveauverlust des marginalisierten Diskurses über Esoterik: seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts erschienen reihenweise populäre Kompendien, Sammelsurien des Monströsen und Absonderlichen, die das Publikum zu belehren und zu erheitern versprachen. Sie brauchen hier nicht behandelt zu werden, zeugen sie doch lediglich davon, dass der »Kehrichthaufen« des zurückgewiesenen Wissens fest installiert war und immer mehr Inhalte in sich aufnahm. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts benutzten solche Kompendien bevorzugt den Titel »okkulte Wissenschaften«. Die meisten dieser Kompendien standen dem Okkultismus skeptisch oder ablehnend gegenüber, manche der Herausgeber verteidigten ihn aber auch. So zum Beispiel der englische Autor Ebenezer Sibly, ein englischer Astrologe, der als Arzt tätig war und versuchte, seine Kenntnis der neueren wissenschaftlichen Forschung mit den okkulten Traditionen in Einklang zu bringen.

Hanegraaff bemerkt zum ganzen Genre, wenn es überhaupt etwas zeige, dann dies, dass das »Okkulte« inzwischen jegliche akademische Vertrauenswürdigkeit verloren hatte und zu einem von Trivialliteratur beherrschten Brachland geworden war, das einzig auf die Unterhaltung der Massen abzielte.

Fortsetzung