Anthroposophie, Waldorfpädagogik und ihre Kritiker

Elbert Hubbard quoteRobert Rose, der 20 Jahre lang an der Universität Plymouth Philosophie und Anthroposophie im Bachelor-Programm für Waldorfpädagogik gelehrt hat und jetzt das MA-Studium Waldorfpädagogik an der Universität Canterbury koordiniert, hat jüngst eine Untersuchung zur Anthroposophie und ihren Kritikern veröffentlicht. Unter dem Titel »Transforming Criticisms of Anthroposophy and Waldorf Education« setzt er sich mit »Evolution, Rasse und der Suche nach einer globalen Ethik« auseinander. Hintergrund ist die verstärkte Agitation gegen Waldorfschulen in England, die sich insbesondere des Rassismusvorwurfs bedient.

Rose setzt sich auf hohem wissenschaftlichem Niveau mit englischsprachigen Kritikern der Anthroposophie und Waldorfpädagogik auseinander, geht auch auf die deutsche Diskussion ein und zerlegt systematisch den gegen die Anthroposophie erhobenen Rassismusvorwurf. Er zeigt im Einzelnen auf, wie dieser Vorwurf auf dekontextualisierenden Interpretationen beruht, legt neue Lesarten vieler einschlägiger Zitate vor, und rückt das Bild der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik zurecht, die in allem das reale Gegenbild des Rassismus sind.

Leider liegt die Untersuchung derzeit nur in englischer Fassung vor und wird vom Autor selbst verbreitet. Weiter unten findet sich ein Link zum Download der PDF- Version. Es folgt ein Auszug aus der Einleitung.

Freunde und Förderer der Anthroposophie und Waldorfpädagogik sehen in Rudolf Steiner einen der bedeutendsten Denker des letzten Jahrhunderts, ja der letzten Jahrhunderte. Sie kennen den Begründer der Anthroposophie, der Waldorfpädagogik, der anthroposophischen Medizin und der biodynamischen Landwirtschaft als Verfechter moralischer Grundsätze und sozialer Werte, die imstande sein könnten, die gesellschaftlichen Gegensätze zu heilen. In seinen frühen philosophischen Werken tritt er ihnen als gedankenreicher Interpret des wissenschaftlichen Erkennens und der Moralphilosophie entgegen, als jemand, der sich für die Erweiterung des Begriffs der Naturwissenschaft und die Überwindung des Gegensatzes zwischen Natur und Geist eingesetzt hat. Sie betrachten ihn als Moralphilosophen, der durch die Begründung des ethischen Individualismus einen Weg aufgezeigt hat, traditionelle und gruppenspezifische Moralvorstellungen zu überwinden. Sie schätzen ihn, weil er sich für eine Reihe weiterer Werte eingesetzt hat: dafür, in allen Wesen und Erfahrungen das Positive zu suchen und den Sichtweisen anderer Menschen Offenheit entgegenzubringen, unabhängig von ihrer Herkunft oder Lebenssituation; für die Suche nach dem inneren Frieden auch in schwierigen Umständen; die Förderung des Willens, das Rechte oder Gute zu tun. Sie kennen ihn als Vertreter sozialer Ideale wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und der Überzeugung, dass die Menschheit insgesamt Weisheit und Liebe zustrebe, die von jedem Einzelnen individuell errungen werden können. Was die Pädagogik anbetrifft, so sind seine Ideen inzwischen auf der ganzen Welt in rund tausend Schulen verbreitet. Viele Menschen nehmen diese Schulen als Einrichtungen wahr, die ein vernünftiges Verständnis des menschlichen Lernens vertreten und sich für die Förderung von Einfühlungsvermögen und gegenseitigem Verständnis zwischen allen Völkern und Kulturen auf den Gebieten des Erkennens, Fühlens und der Tat einsetzen. Steiner- und Waldorfschulen gibt es nicht nur auf der ganzen Welt, sondern in jeder einzelnen Schule leben und wirken Lehrer und Schüler mit den unterschiedlichsten ethnischen, rassischen und spirituellen Hintergründen zusammen, die von den genannten Ideen und Praktiken begeistert sind. So betrachtet, erhält die Anthroposophie und die Waldorfpädagogik Zuspruch aus allen Völkern und Kulturen. Es ist meine Überzeugung, dass dieser weltweite Zuspruch in Steiners Bekenntnis zu einer umfassenden globalen Ethik begründet ist. Ebendies will dieses Buch zeigen.

Der überwiegenden Mehrzahl dieser Förderer und Freunde der Anthroposophie und Waldorfpädagogik erschiene die Behauptung, Steiner sei ein mystischer Spinner oder ein Vertreter von Pseudowissenschaft gewesen und habe rassistische oder faschistische Ansichten vertreten, zumindest befremdlich. Für sie stellen Mystizismus, Rassismus und Faschismus den denkbar größten Gegensatz der ethischen und wissenschaftlichen Perspektiven der Anthroposophie und Waldorfpädagogik dar. Man greife jeden beliebigen der oben genannten wissenschaftlichen, moralischen und sozialen Grundsätze heraus, jeden beliebigen Bestandteil von Steiners evolutionären Ansichten oder Ideen zur Pädagogik: Aus der Sicht der Förderer und Freunde stellen sie das exakte Gegenteil von Mystizismus, Rassismus und Faschismus dar. Für sie ist klar, dass es zwischen Steiner, Anthroposophie und Waldorfpädagogik auf der einen und Mystizismus, Rassismus oder Faschismus auf der anderen Seite keinerlei Verbindung, Brücke oder Beziehung gibt, keine philosophische Ähnlichkeit, keine Sympathien oder vergleichbaren Resultate. Nichtdestotrotz halten die Kritiker Steiners die Behauptung aufrecht, es gebe solche.

Es ist nur verständlich, wenn manche angesichts dieser Kritiker ausrufen: Was kümmert’s mich? Warum übergehen wir sie nicht einfach mit Schweigen? Steiners Auffassung im Hinblick auf solche Kritiker war unzweideutig: »Will jemand ein stilles Mitglied sein, dann muss es an ihm begreiflich sein, wenn er zum Beispiel sagt: ich kann mich nicht darum bekümmern, was die Gegner der Gesellschaft über diese sagen. Das hört sogleich auf, wenn er über den Kreis der stillen Anteilnahme hinausgeht. Dann erwächst ihm sogleich die Aufgabe, auf die Gegnerschaft hinzusehen und an der Anthroposophie und Gesellschaft das zu verteidigen, was an ihr in berechtigter Art zu verteidigen ist … Wenn man von Pflichten der Mitglieder im Hinblick auf die Gesellschaft redet, so kann sich dieses also nur auf die tätig sein wollenden Mitglieder beziehen … Nur dadurch kann erreicht werden, dass die Gesellschaft ihrer gesamten Mitgliedschaft und damit auch der Welt das halten kann, was sie verspricht.« (1924, GA 260a, S. 48 f)

Steiners Botschaft ist klar: wenn du ein stilles Mitglied sein willst, brauchst du dich um die Gegner nicht zu kümmern. Wenn du aber im Namen der Anthroposophie öffentlich auftreten willst (und dies schließt alle sogenannten Tochterbewegungen ein), dann musst du das verteidigen, was der Verteidigung wert ist.

Zwar berührt die Anthroposophie alle oben erwähnten Erkenntnisbereiche, aber die Absicht dieses Buches ist es, sich mit der Unterstellung des Rassismus auseinanderzusetzen. Dabei spielt die Frage nach dem Mystizismus auch eine Rolle, aber sie steht nicht im Vordergrund. Dieses Buch stellt einen Versuch dar, die Anthroposophie und die Waldorfpädagogik zu verteidigen. Meiner Ansicht nach ist der Rassismusvorwurf, der gegen die Anthroposophie erhoben wird, falsch; seinem philosophischen Gehalt nach enthält er ein vollständiges Zerrbild der wirklichen Anthroposophie und Waldorfpädagogik. Und das reale Bild der Anthroposophie als einer wahrhaft ethischen Philosophie ist es wert, verteidigt zu werden. Dieser Verteidigung kommt nicht bloß eine lokale Bedeutung zu, sondern eine globale, da auch die Anthroposophie und ihre Tochterbewegungen inzwischen weltweit verbreitet sind.

Robert Rose: Transforming Criticisms of Anthroposophy and Waldorf Education

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