Der Rassismus als monströses Kind der Aufklärung – I

Im Jahr 1996 hat Ivan Hannaford eine lesenswerte Untersuchung der Geschichte des Rassebegriffs in seiner Anwendung auf den Menschen vorgelegt, die leider nur in Englisch verfügbar ist. Er sucht der »weit verbreiteten Auffassung« entgegenzutreten, ein Mensch gehöre aufgrund der Tatsache, dass er eine bestimmte Hautfarbe oder ein gewisses Aussehen besitze, eine bestimmte Sprache spreche oder einer erkennbaren Kultur entstamme, einer bestimmten »Rasse« an.

hannafordHannaford beginnt seine Untersuchung mit der griechischen und römischen Antike, der er das Verdienst zuspricht, die flüchtigen Blutsbeziehungen von Familie, Stamm und Clan durch die Erfindung der Politik neutralisiert zu haben.

Die für das antike Selbstverständnis grundlegende Unterscheidung zwischen den Zivilisierten und den Barbaren beruhte nicht auf biologischen Differenzen, sondern auf der Unterscheidung zwischen Ordnung und Chaos. Geordnet war die Welt der Polis, die auf Gesetzen beruhte, die in öffentlicher Verhandlung entwickelt wurden, chaotisch die Welt all jener, die dieser Polis nicht angehörten. Aus der Sicht der Griechen standen alle Menschen unter der Herrschaft der Zeit, aber nicht alle waren bereit, dem Kreislauf des Entstehens und Vergehens zu entrinnen. Die Barbaren (»barbaros«) und Stämme (»ethnos«) begnügten sich damit, das Kommen und Gehen der Dinge zu betrachten, die Menschen, die in einer Polis lebten (»politikos«) waren jene, die sich durch Worte und Taten der Herrschaft der Zeit und der Natur, durch den »nomos« (das Gesetz, den Logos) der »physis« entgegenstellten.

Der barbarische und der politische Zustand unterschieden sich durch ihre Fähigkeit, die menschlichen Angelegenheiten durch die Vernunft zu regeln. Nur letzterer ging über die Vorbilder der Ahnen oder die Bräuche und Gesetze primitiver Gesellschaften hinaus. Das politische Handeln im Rahmen des nomos verlieh dem so Handelnden Unsterblichkeit in der Erinnerung der Polis, der er angehörte. Dieses Ideal der Politik verhinderte laut Hannaford die Entstehung der Kategorie der Rasse als ihrer Antithese. Der Ausdruck »genos« wird zwar häufig mit Rasse übersetzt, diese Übersetzung stellt aber einen Anachronismus dar. Denn genos bezeichnete ursprünglich Menschen, die durch ihre Abstammung Familien, Clans und Stämmen angehörten und sich in der Geschichte aneinanderreihten.

Eine Gruppe von Menschen, die allein durch Bräuche und Gewohnheiten zusammengehalten wurde, lebte im ethos (in der Gewohnheit) und war der Notwendigkeit der Natur (physis) unterworfen. Solche, die wie die Griechen poleis (organisierte, durch Gesetze geregelte Gemeinschaften) geschaffen hatten, lebten in zwei Sphären: einer, der sie nicht entrinnen konnten, der privaten Monotonie der endlosen und ziellosen Wiederkehr des Haushalts (»oikos«), und einer anderen, die sie gewählt hatten, der öffentlichen Welt der agora (des Ortes auf dem sich die Angehörigen der polis zu ihren Versammlungen trafen), die vom Gesetz (nomos) regiert wurde. Jene, die außerhalb von poleis lebten und ihre Angelegenheiten hierarchisch regelten (wie den Haushalt, der den Gesetzen der Vorfahren, von themis und dike gehorchte), waren ethnoi (Stämme). Wer einen solchen Stamm regierte, war ein ethnarch. Die Unterscheidung zwischen Griechen und Nichtgriechen, zwischen ethnos und politikos, fußte also nicht auf Rassenzugehörigkeit, sondern auf der Fähigkeit, sich über das sterbliche Leben, das in Bräuchen und Gewohnheiten verlief, zu erheben. Nur wer seine Tüchtigkeit (arete) durch Reden, Argumente und Unterhandlungen in einer öffentlichen Arena unter Beweis stellte, wurde als Bürger, als Angehöriger der polis betrachtet. Wer die Sprache der Politik nicht beherrschte, wurde als barbaros, als Barbar bezeichnet. Die Barbaren teilten zwar mit den Griechen die Furcht und den Schrecken der natürlichen Existenz, unterschieden sich aber von ihnen, indem sie rauh und regellos der Natur gemäß leben, nicht nach von Menschen gemachten Gesetzen.

Hannaford ist sicherlich Recht zu geben, wenn er behauptet, diese Unterscheidung zwischen Griechen und Barbaren, zwischen politikos und barbaros fuße nicht auf Rassenkategorien und sei deswegen nicht rassistisch, – sie ist aber ohne Zweifel nomozentrisch und ethnozentrisch. Selbstredend verabsolutierten die Griechen mit dieser Dichotomie ihre eigene partikuläre Lebensform und blendeten völlig aus, dass die sogenannten Barbaren nach ihren eigenen Gesetzen lebten, über ihre eigenen Formen politischer Verwaltung verfügten, und sich mitunter weitaus strengeren, durchaus im Fluss befindlichen nomoi unterwarfen. Die Dichotomie der »Wilden« und der »Zivilisierten« ist eine Konstruktion – eine Konstruktion, die viel später die christlichen Eroberer daran hinderte, die spezifischen Formen der Zivilisation und Kultur der sogenannten Wilden zu erkennen – aber sie ist gewiss keine Unterscheidung, die auf Rassenkategorien beruht, sondern für die Angehörigen aller Ethnien durchlässig war. Ähnliches gilt vom römischen Verständnis der Staatsbürgerschaft und der res publica. Und es gilt auch von der religiösen (christlichen, muslimischen) Dichotomie zwischen Gläubigen und Heiden. Ihrer Intoleranz sind manchmal keine Grenzen gesetzt, aber mit Rassenzugehörigkeit haben sie nichts zu tun, da das universale Volk der Gläubigen, die Christenheit oder die umma den Angehörigen aller Völker auf dem Weg der Bekehrung offensteht.

Wann aber entstand das Denken in Rassenkategorien? Hannafords Untersuchung der Wortgeschichte macht deutlich, dass das Wort »Rasse« erst zwischen 1200 und 1500 in die europäischen Sprachen Eingang fand, und anfangs die unterschiedlichsten Vorstellungen bezeichnete. In den meisten westlichen Sprachen wurde »race« ursprünglich auf ein schnell dahinfließendes Gewässer oder auf Wettrennen angewandt (Bedeutungen, die das Wort bis heute beibehalten hat). Im späteren Mittelalter wurde es als Metapher verwendet, um den Zusammenhang zwischen Generationen zu bezeichnen, besonders bei adligen Familien. Das begriffliche Merkmal, das diese Übertragung ermöglichte, war die Vorstellung, durch die Generationen fließe etwas hindurch wie ein Fluss, das den Zusammenhang zwischen diesen Generationen stifte und wahre. Zweifellos handelte es sich dabei um das Blut, das zu dieser Zeit nach dem Vorbild der Erzählungen des Alten Testamentes als Träger der intergenerationellen Familienidentität betrachtet wurde, weshalb auch vom »edlen« oder »blauen Blut« die Rede war.

Aber erst im späten 17. Jahrhundert, in der Zeit der Aufklärung, nahm diese Vorstellung eine Bedeutung an, die sich von jener des lateinischen Wortes »gens« (Sippen- oder Stammesverband, Clan) unterschied. Nun wurde es verwendet, um eine »ethnische Gruppe« zu kennzeichnen, wobei der Ausdruck »Ethnos«, der aus dem Griechischen stammt, selbst wieder auf eine reiche Bedeutungsgeschichte zurückblickt, die jener des schottischen Wortes »Clan« verwandt ist. Das Wort selbst stammte aus dem Arabischen (»ras«) und drang über Spanien in den europäischen Sprachraum ein. Im Arabischen bezeichnete »ras« etwas, das zeitlich oder in anderer Hinsicht hervorragte: einen Anführer, den Kopf, den Anfang oder Ursprung. Erst nach der amerikanischen und französischen Revolution wurde aus dem Wort eine ausgebildete Idee, die sich zu einem biologischen Paradigma der Welt- und Geschichtserklärung weiterentwickelte.

Wie aber kam es zum Glauben, Menschen gehörten rassisch oder ethnisch aufgrund äußerlich erkennbarer Merkmale wie Farbe, Größe, Körperform usw. zusammen? Von entscheidender Bedeutung für diese Entwicklung waren Denker der Aufklärung. Jean Bodin, Thomas Hobbes, John Locke, Montesquieu, Henri de Boulainvilliers und Jean-Baptiste Dubos ersetzten frühere, antike und mittelalterliche Vorstellungen über Herkunft, Abstammung und sozialen Zusammenhalt durch solche, in deren Mittelpunkt ein naturwissenschaftlicher, biologischer Begriff der Rasse stand. Erst die Aufklärung verwendete den Begriff »Rasse«, um größere Gruppen von Menschen nicht mehr politisch zu beschreiben – als Angehörige eines durch Gesetze und andere ideelle Werte zusammenhängenden Ganzen –, sondern biologisch aufgrund sinnlich wahrnehmbarer, körperlicher Eigenschaften. Der Mensch musste als »Körper«, als »Gegenstand« erst sichtbar werden, damit er aufgrund körperlicher Eigenschaften beschrieben und zusammengefasst werden konnte. Solange die Augen der Menschen auf das Transzendente gerichtet waren, überleuchtete dessen Licht die physischen Differenzen. Erst als dieses Licht verblasste, traten die Umrisse einer physischen Differenzierung hervor, die zwar schon zuvor bestanden hatte, für die aber bis dahin die Begriffe fehlten, um sie zu kategorisieren.

Die entscheidende formative Phase des Rassendenkens in der abendländischen Geistesgeschichte liegt laut Hannaford in der Zeit zwischen 1684 und 1815, als Denker die Idee der Rasse zu verwenden begannen, um das empirische Material der erweiterten Weltkenntnis durch sie zu organisieren.

Diese formative Phase ist durch drei bedeutsame Wandlungen im wissenschaftlichen Diskurs gekennzeichnet: in ihr entwickelte sich ein neues Verständnis der wissenschaftlichen Methodologie, der Politik und der Beziehung zwischen den Phänomenen und der Welt der Ideen.

1. An die Stelle metaphysischer und theologischer Welterklärungen traten zunehmend logische Klassifikationen, welche die Menschheit nach physiologischen und geistigen Kriterien organisierten, die auf beobachtbaren »Tatsachen« und überprüfbaren »Beweisen« beruhten. Dieser neuen Sichtweise lagen die aristotelischen Kategorien Gattung und Art und die von Aristoteles vorgenommene Gliederung des physischen Kosmos zugrunde. Descartes, Hobbes und Locke wiesen den Weg, wie die Welt in Klassen, Gattungen und Arten aufgeteilt werden konnte und ermöglichten dadurch eine systematische Erfassung der körperlichen Erscheinungen. Diese Methode der Klassifikation wurde auf den Menschen ebenso angewendet, wie auf Primaten und Pflanzen. Zunehmend tauchten nun Ausdrücke wie »Rasse«, »espèces« (Arten) und »ethnische Gruppen« auf, mit deren Hilfe die unterschiedlichen Varietäten in größere Einheiten zusammengefasst wurden. Den Hauptteil dieser Arbeit leisteten Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) und einige seiner Vorgänger. Sie übertrugen die logischen Kategorien des Aristoteles auf die Naturwissenschaft und ersetzten die unsicheren mythischen Überlieferungen des Alten Testamentes über die drei Söhne Noahs und die mit ihnen zusammenhängende Dreiteilung der Menschheit durch eine Fünfteilung, die auf anatomischen, klimatischen und ästhetischen Kriterien beruhte.

Die dadurch entstehende physische Anthropologie blieb zunächst auf ihr enges Gebiet beschränkt. Die begriffliche Analyse der unterschiedlichen physischen Erscheinungsformen führte nicht zur Auflösung der menschlichen Spezies in unterschiedliche Arten. Sie führte auch nicht unmittelbar zu einer neuen politischen Theorie, die an die Stelle jener getreten wäre, die Aristoteles formuliert hatte.

Aber die physische Anthropologie warf die Frage nach einer anderen sozialen Ordnung auf, weil sie zeigte, dass Menschen nicht nur aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Polis oder einer von Gesetzen beherrschten Gemeinschaft gruppiert werden konnten, sondern auch nach den Gesichtspunkten der Naturgeschichte, die möglicherweise ontologisch weit tiefer verwurzelt waren, als die politischen Gebilde, die historischen Zufälligkeiten unterlagen.

Wenn die Königsherrschaft nicht mehr religiös und auch nicht mehr historisch gerechtfertigt werden konnte, was blieb dann noch übrig? In Frankreich wandten der Adlige Henri de Boulainvilliers und der Geistliche Jean-Baptiste Dubos die Theorie von Hobbes vom Recht auf Eroberung an, um die Legitimität der Herrschaft auf eine Eroberung durch fränkisch-gallische Germanen im 5. Jahrhundert nach Christus zurückzuführen. 1748 veröffentlichte Montesquieu sein Buch »Vom Geist der Gesetze«, das sich ebenfalls von der griechisch-römischen Vergangenheit abwandte und nach natürlichen Gründen der Legitimation suchte. Zwar wandte Montesquieu den Begriff der »Rasse« nicht auf Völker an, dafür aber auf historische Entwicklungsstufen, die von einem politischen über einen feudalen zu einem dritten Zustand führten, der keines von beidem war. Diese Stufen bezeichnete er als »Rassen« und bekräftige damit die Auffassung, die nördlichen Barbaren seien keine nomadischen Stämme minderen Wertes gewesen, sondern bedeutende Faktoren in der Geschichte und Entwicklung der Gesetze. In England, glaubte er, habe das wunderbare System germanischer Herrschaft aufgrund natürlicher Bedingungen zu einer Verfassung geführt, die freien Völkern angemessen sei.

Aber der Versuch, die Welt nach rationalistischen Prinzipien zu ordnen, gelang nicht auf Anhieb. In den frühen Tagen der physischen Anthropologie vermochten viele Autoren sich nicht ganz von der mythischen Überlieferung zu lösen und setzten lediglich Nordlinge, Südlinge und mittlere Menschen an die Stelle von Sem, Ham und Japhet, hielten aber an der gemeinsamen Abstammung aller fest. Widersprüche wurden durch das Postulat eines neuen Faktors überbrückt, eines »nisus formativus« (»Bildekraft«), auf dessen Wirksamkeit alle möglichen Formen von Degeneration und Regeneration der Menschheit zurückgeführt wurden. Diese Bildekraft galt auch als die Ursache von Phänomenen, die anderweitig nicht erklärt werden konnten.

Gleichzeitig stellte man die Autorität der Bibel und der politischen Theorie der Antike in Frage, und wandte sich natürlichen und geistigen Ursprüngen zu, die mit anderen geographischen Regionen in Verbindung gebracht wurden, als den herkömmlichen Ursprungsgebieten Israel, Jerusalem, Griechenland und Rom. Man begann sich mit den Geschichten anderer Völker zu beschäftigen, mit den Sprachen des Kaukasus, an dem die Arche Noahs angeblich gelandet war, dem fränkischen Gallien, der Heimat der Barbaren und den Geheimnissen des Indus.

2. Um den Erfordernissen dieser neuen Methodologie Rechnung zu tragen, musste laut Hannaford eine neue Beziehung zwischen dem menschlichen Körper und seinen Eigenschaften sowie den geistigen des Menschen hergestellt werden. Alle drei sollten etwas beeinflussen, was man nun als »Nationalcharakter« bezeichnete. In diesem Zusammenhang erfuhr der Begriff des Adels aus dem 16. Jahrhundert eine Aufwertung, der nunmehr dazu diente, Sitten und Gesetze aus natürlichen Ursachen abzuleiten und jedem Volk eine unbestimmte, aber edle natürliche Geschichte zuzuschreiben, die mit Hilfe der neuen wissenschaftlichen Methoden und historischer Untersuchungen erforscht werden konnte. In diesen Kontext ließen sich aber weder Schwarze noch Juden, noch die natürlichen Unterschiede der Regierungsformen im Norden und Süden Europas einordnen. Die Revolutionäre und Romantiker des 18. Jahrhunderts, die sich mit ihren politischen Ansprüchen nicht auf die alten, ererbten Rechte berufen konnten, nahmen deshalb Zuflucht bei Montesquieus »rassischer« Alternative und suchten in den Rechtssetzungen der Franken und Gallier nach natürlichen Ursachen für den Wandel von Regierungsformen und die Entkräftung der Ansprüche von Juden und Schwarzen.

Schließlich führte laut Hannaford die Verbindung der physischen Anthropologie, der Literaturkritik und der Geschichtswissenschaft zu einer Renaissance der aristotelischen Philosophie. Allerdings wurden diesmal nicht die politischen oder naturkundlichen Werke des Aristoteles rezipiert, sondern seine physiognomischen und ästhetischen Schriften. Sie bildeten die Grundlage für Philosophien oder Wissenschaften vom Körper und Geist. Kant beschäftigte sich im Anschluss an Aristoteles mit charakteristischen Gesichtsformen und Gesichtszügen, entwickelte eine Theorie der Nationalphysiognomien und verlieh der Spezies einen Charakter, indem er den körperlichen Menschen in einen ethischen und moralischen Kontext stellte.

Andere Autoren verbanden die Literaturkritik mit der Anthropologie und fassten die herausragenden Eigenschaften des Einzelnen im Begriff des »Genius« zusammen, der ihrer Auffassung nach seinen Sitz im Blut hatte. Aus der Suche nach den nationalen Ursprüngen in der romantisierten Vergangenheit ergaben sich Ideen über die soziale Ordnung, die besonderes Gewicht auf diese persönlichen Eigenschaften legten. Von diesen Eigenschaften nahm man an, sie würden von den Völkern als bildende Kraft durch die Geschichte getragen, und sie seien in etwas verankert, das man als »Rasse« bezeichnete. Die Rasse sollte sich selbst in der Sprache, der Reinheit des Blutes und einer rationalen Form des reformierten Christentums zum Ausdruck bringen, das sich von seinen biblischen und antiken Quellen emanzipiert hatte. Ebenso sollte die Geschichte der »agilen« germanischen Völker Ausdruck dieser Rasseneigenschaften sein. Das gesamte Geschehen wurde als Fortschrittsgeschichte aufgefasst, in deren Verlauf das Volk zu einer bestimmenden kulturellen Kraft in der geschichtlichen Welt heranwuchs. Naturnahe Kulturen erhielten erstmals einen ursprünglichen Status und einen Geist zugesprochen, der von antiken Einrichtungen unabhängig war. Die Geschichte wurde zu einer Erzählung von den ursprünglichen Völkern und ihren Kulturen, die unter dem Einfluss der Umwelt und der Kunst Gestalt annahmen. In den Werken Kants und Fichtes verliehen diese persönlichen Eigenschaften, der Charakter, der Genius und das Blut der moralischen Welt eine größere Bedeutung, als den unmittelbaren praktischen Belangen der politischen Welt. Herder erweiterte den Horizont der Geschichte weit über die griechisch-römische Welt hinaus, indem er sie in eine Erzählung von den mystischen, religiösen, technologischen und künstlerischen Errungenschaften von Anfang an unabhängiger Völker einbettete, die unterschiedlichen Rassen angehörten, wobei die Rassen das gewöhnliche Volk einer Geschichte darstellten, die zu einer rationalen Kulturgeschichte geworden war.

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Hannaford lässt die formative Phase des Rassendenkens und der Rassialisierung der Menschheit mit dem Jahr 1684 beginnen, weil in diesem Jahr François Bernier seine »Nouvelle division de la terre par les differents espèces ou races qui l’habitent« veröffentlichte. Diese »Neue Einteilung der Erde nach den unterschiedlichen Arten oder Rassen, die sie bewohnen«, stellt gegenüber der früheren Einteilung der Menschheit in Christen und Heiden, Menschen und Wilde einen bedeutenden Bruch dar. Bernier kategorisierte Menschen erstmals hauptsächlich aufgrund von physisch beobachtbaren Eigenschaften und teilte sie danach in ethnische oder rassische Gruppen ein. Zwei Denker der Aufklärung ermöglichten diesen methodologischen Bruch mit der religiösen Anthropologie: Thomas Hobbes (1588-1679) und John Locke (1632-1704).

Fortsetzung

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