»Die kleine Hexe« und die trivialen Folgen der »Postcolonial Studies«

Big Brother in einer Verfilmung von Orwells 1984

Big Brother in einer Verfilmung von Orwells 1984

Eva Berendsen schreibt heute in einem Artikel in der »FAZ«: »Eltern empören sich, dass man in Ottfried Preußlers ›Kleiner Hexe‹ auf ›Negerlein‹ stößt und Astrid Lindgrens starke Pippi im Original einen ›Negerkönig‹ zum Vater hat. Wenn die Verlage darauf mit sprachlichen Glättungen und der Ersetzung durch einen ›Südseekönig‹ reagieren …, haben sie zumindest die Wissenschaft falsch verstanden. ›Das ist Zensur und somit prinzipiell abzulehnen‹, sagt der Bremer Literaturhistoriker Axel Dunker, der das DFG-Netzwerk Postkoloniale Studien in der Germanistik mit verantwortet hat. Seiner Meinung nach ist es besonders erhellend, sich der Klassiker mit einem postkolonialen Blick anzunehmen. Er spricht von kostbaren Aha-Effekten, der Reflexion über eigene Unsicherheiten und Irritationen, wenn man die Texte so liest, wie der Autor sie geschaffen hat. Der weiße westliche Leser lerne stets etwas über sich selbst.« (FAZ, 16.01.2013, Nr. 13, S. N 3)

Recht hat er, der Bremer Literaturhistoriker. Es ist Zensur, wenn wir Heutigen Texte älterer Autoren umschreiben, oder Inhalte aus ihnen entfernen, weil sie uns – aus was für Gründen auch immer – als anstößig erscheinen. Zu den Aufgaben der Zensur gehörte immer schon nicht nur das Unterdrücken von Texten, sondern auch das Umschreiben. Man kann sogar sagen, die Zensur arbeitet um so besser, je weniger sie nötig hat, Texte zu unterdrücken, weil sie bereits im Vorfeld dafür sorgt, dass sie gar nicht geschrieben werden oder dass sie vor ihrer Veröffentlichung umgeschrieben werden. Sind die Texte aber erschienen, kann die Zensur auch nachträglich wirksam werden, indem sie für das Umschreiben bei Neuerscheinungen sorgt oder indem sie für das Umschreiben aller Auflagen sorgt. Letzteres zumindest ist Aufgabe des Wahrheitsministeriums, dessen Methoden George Orwell 1948 in seinem Roman 1984 beschrieben hat. Orwell schildert präzise, worum es geht:

Winston dialled ‚back numbers‘ on the telescreen and called for the appropriate issues of The Times, which slid out of the pneumatic tube after only a few minutes‘ delay. The messages he had received referred to articles or news items which for one reason or another it was thought necessary to alter, or, as the official phrase had it, to rectify. For example, it appeared from The Times of the seventeenth of March that Big Brother, in his speech of the previous day, had predicted that the South Indian front would remain quiet but that a Eurasian offensive would shortly be launched in North Africa. As it happened, the Eurasian Higher Command had launched its offensive in South India and left North Africa alone. It was therefore necessary to rewrite a paragraph of Big Brother’s speech, in such a way as to make him predict the thing that had actually happened. Or again, The Times of the nineteenth of December had published the official forecasts of the output of various classes of consumption goods in the fourth quarter of 1983, which was also the sixth quarter of the Ninth Three-Year Plan. Today’s issue contained a statement of the actual output, from which it appeared that the forecasts were in every instance grossly wrong. Winston’s job was to rectify the original figures by making them agree with the later ones. As for the third message, it referred to a very simple error which could be set right in a couple of minutes. As short a time ago as February, the Ministry of Plenty had issued a promise (a ‚categorical pledge‘ were the official words) that there would be no reduction of the chocolate ration during 1984. Actually, as Winston was aware, the chocolate ration was to be reduced from thirty grammes to twenty at the end of the present week. All that was needed was to substitute for the original promise a warning that it would probably be necessary to reduce the ration at some time in April.

Aus tagesaktuellen politischen Gründen erscheint es opportun, die gestrige Wahrheit umzuschreiben. Die Arbeit des Wahrheitsministeriums beruht auf der expliziten Voraussetzung, dass der Große Bruder immer Recht hat und auf den drei heiligen Prinzipien des Engsoz (englischen Sozialismus): »Newspeak, doublethink, mutability of the past«.

Mutability of the Past, die »Veränderbarkeit der Vergangenheit« ist wohl die bedeutendste Erfindung des Großen Bruders: war man bisher stets davon ausgegangen, dass die Zukunft ungewiss, die Gegenwart eindeutig und die Vergangenheit determiniert ist, weil sie das Mausoleum des Geschehenen darstellt, den Aufbewahrungsort der versteinerten, erstarrten Fakten, erweist sich die Macht des Großen Bruders gerade darin, dass er diese erstarrten Fakten zu verändern vermag. Wirkliche Macht besitzt nicht jener, der über die Zukunft verfügt oder die Gegenwart beherrscht, sondern jener, der die Vergangenheit zu verändern vermag. Denn indem er in das kollektive Gedächtnis eingreift und es umschreibt, greift er auch in die individuelle Erinnerung ein und entzieht ihr die Grundlage. Er manipuliert nicht nur die Geschichtsschreibung, sondern auch die Erinnerung der Einzelnen, er manipuliert die Persönlichkeit in ihren tiefsten Fundamenten und untergräbt sie. Was Demente aufgrund einer Krankheit tun müssen: sich selbst als Persönlichkeiten ständig neu erfinden, das wird im Staat des Großen Bruders zum methodischen Prinzip der Herrschaft. Je mehr das Wahrheitsministerium die Vergangenheit umschreibt, umso mehr erodiert das Selbstbewusstsein der Einzelnen.

Eine Therapie gegen diese totalitäre Macht über die Vergangenheit hat Ray Bradbury in seinem vier Jahre nach 1984 erschienenen Roman Fahrenheit 451 beschrieben: dort lernen die Angehörigen des Widerstands gegen eine Gesellschaft, die der von Orwell geschilderten nicht unähnlich sieht, Bücher auswendig. Indem sie Bücher auswendig lernen, setzen sie der Orwellschen »mutability of the past« mit ihrer persönlichen Erinnerung ein Stück Unveränderlichkeit der Wahrheit entgegen.

Unsere heutigen Zensoren, von denen die Autorin sagt, sie hätten die Wissenschaft falsch verstanden, besitzen zwar nicht die totalitäre Macht des Orwellschen Wahrheitsministeriums. Aber indem sie bei Neuauflagen die Klassiker umschreiben und aufgrund unserer heutigen Ansichten missliebige Ausdrücke (»Neger, Negerlein, Negerkönig«) entfernen, verhalten sie sich nicht viel anders als dieses Ministerium. Sie tun es, um jene »Irritationen« zu vermeiden, von denen Axel Dunker spricht. Irgendwie kann man die heutigen Herausgeber und Rechteinhaber ja auch verstehen. Sie wollen vermeiden, dass die Meute der selbsternannten Wächter des Newspeak sie auf die Anklagebank zerrt, sie wollen vermeiden, dass eine solche Instanz wie die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften ihre Kinder- und Jugendbücher auf den Index setzt. Aber sind wir wirklich so weit, dass wir Orwells Gedankenpolizei die Gestalt unserer Literatur und Lektüren bestimmen lassen? Sind wir bald soweit, dass wir Erstauflagen auswendig lernen müssen, um dem Zugriff des Newspeak auf die Grundlagen unserer Freiheit zu entkommen?

2 Kommentare

  1. Gerhard S. Förster

    Ich kann diese Diskussion nur begrüßen, fände es aber sinnvoller, wenn sie gar nicht notwendig würde. Lese ich Literatur, begebe ich mich in die jeweilige Zeitgeschichte und verstehe aus diesem Verständnis das Geschriebene. Man kann das auch Sprachgeist der jeweiligen Zeit nennen. Die jungen Menschen heute verstehen kaum noch originale Goethe-/Schillertexte. Wann schreiben wir sie um? Die Bibel ist schon umgeschrieben, Rudolf Steiners diskriminierende Texte sind gestrichen oder kommentiert, Bach ist verjazzt und wann übermalen wir die Breughel-Bilder? Unabhängig von dem Zensurgedanken empfinde ich es als ein Armutszeichen, unsere Zeitgeschichte nicht mehr verstehen zu wollen. Richtig finde ich es, wenn das heute Geschriebene den Erkenntnissen unserer Zeit angepasst ist.

  2. Dem Artikel kann ich nur zustimmen. Letztendlich kehrt man mit diesen pseudokorrekten Ideen die ( manchmal auch sehr schmerzhafte und schwierige ) Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Vergangenheit unter den Tisch.
    Übrigens kenne ich auch Beispiele, bei denen die angeblich Diskriminierten diese Art der political correctness so gar nicht wollen.

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