Frithjof Schuon und der Sufismus

Catherine Ferr, Schuons erste Frau

Catherine Ferr, Schuons erste Frau

Nach Guénons Tod 1951 entwickelte sich Schuons Sufiorden unabhängig von der restlichen traditionalistischen Bewegung weiter. In den Augen seiner Anhänger wurde Schuon zum Vater des Traditionalismus. Einige ältere Mitglieder des Ordens bewahrten Guénon zwar lebendig im Gedächtnis, aber für die jüngere Gefolgschaft wurde er zu einem Schemen der Vergangenheit. Schuon selbst begann bald seine Abhängigkeit von Guénon herunterzuspielen und beschränkte dessen Bedeutung darauf, dass er etwas zum Verständnis des Hinduismus und der Metaphysik beigetragen habe. Guénon sei Mathematiker, Freimaurer und Okkultist gewesen – und das sei nicht genug.

Zwischen 1960 und 1990 wuchs Schuons Orden und seine nicht-muslimische Anhängerschaft, die bald alle anderen traditionalistischen Gemeinschaften in den Schatten stellten. Parallel dazu wuchs Schuons Universalismus, zusammen mit seinen Vorstellungen von seiner eigenen Bedeutung. Die Mehrheit der Abendländer, die traditionalistische Werke lasen und durch sie zu einer spirituellen Suche veranlasst wurden, wandte sich an Schuon, teilweise aufgrund mangelnder Alternativen, teilweise auch wegen der zunehmend zentralen Position Schuons im Netzwerk traditionalistischer Autoren und Zeitschriften. Bis zu einem gewissen Grad hing diese Stellung auch mit der sorgfältigen Wahl zusammen, die Schuon unter den Aspiranten für eine engere Mitarbeiterschaft traf.

Die Jungfrau Maria

Schuons unglückliche Liebe zu Madeleine (siehe: Traditionalistische Spiritualität: Sufismus, Freimaurerei und christliches Rittertum) wandelte sich 1943 in Lausanne in eine »kosmische Liebe « um. Fünf Jahre später, mit 42, heiratete er das erste Mal. Seine Frau, die 25jährige Catherine Ferr, hatte von ihm 1948 das Buch »Black Elk Speaks« erhalten. Einem unbestätigten Bericht zufolge entschied sich Schuon, sie zu heiraten, nachdem er ein göttliches Zeichen empfangen hatte. Catherine, die als Tochter eines schweizer Diplomaten in Botschaften in Argentinien und Algerien aufgewachsen war, besaß einen weiteren Horizont als ihr Ehemann. Sie verfügte über künstlerisches Talent und eine enorme Organisationsgabe. Bald legte sie für die wachsende Lausanner Gemeinde die Regeln fest. Manche hielten sie für ehrgeizig und missbilligten ihre Eingriffe. Eine ihrer ersten Aktionen bestand darin, ihren Lebensstandard zu erhöhen, indem sie die Anhänger dazu bewegte, für sich und ihren Mann eine größere Wohnung zu finanzieren, schließlich 1953 ein bescheidenes Haus mit einer integrierten zawiya außerhalb von Lausanne in Pully.

Aber Catherine sammelte nicht nur Abgaben, sondern begann sich auch in das Leben der Schüler ihres Mannes einzumischen. Kurz nachdem Whitall Perry und seine Frau in Lausanne angekommen waren, brachte Catherine sie dazu, ein Haus neben dem ihren zu bauen und machte Perry zum Chauffeur Schuons, ein »Privileg« – wie sie sagte –, das Perry 25 Jahre lang genießen durfte. Darüberhinaus begann sie zu malen. Nach seiner Heirat hatte Schuon angefangen, sich ernsthaft mit Malerei zu beschäftigen und dafür das Dichten für einige Jahre zurückgestellt. Eines seiner ersten Gemälde stellte zwei Indianerinnen dar, eine nackte (die Esoterik) und eine bekleidete (die Exoterik).

Catherine als Indianerin. Bild von Frithjof Schuon

Catherine als Jungfrau Maria. Bild von Frithjof Schuon

Schuons Interesse an der Spiritualität der amerikanischen Ureinwohner wuchs weiter und 1959 besuchte das Ehepaar das erste Mal Nordamerika. Die beiden waren von Thomas Yellowtail eingeladen worden, einem Indianer, den sie 1953 in Paris getroffen hatten. Zuerst besuchten sie die Sioux-Reservation Pine Ridge in Süddakota, in der einst Black Elk gelebt hatte, danach Sheridan in Wyoming, die Heimat Yellowtails. Sie brachten ein Gemälde der Weißen Büffelfrau mit, die im Mythos der Lakota eine große Rolle spielt. Einer der Gründe, warum Schuon die Indianer besuchte, war seine Hoffnung, er könne sie vor dem Einfluss der Moderne retten. Aber wie sich zeigte, sollte die indianische Spiritualität Schuon mehr beeinflussen als umgekehrt.

Schuon hatte die göttlichen Qualitäten der Natur schon zehn Jahre früher zu entdecken begonnen, als ihn seine Frau kurz nach der Hochzeit in die Schweizer Berge mitnahm. Dort erlebte er eine Befreiung, wie er sie zuvor nur in der zawiya der Alawi in Mostaganem gespürt hatte. In einer Berghütte genoss er das Leben nah an der Natur in vollkommener Einfachheit. Wie die Schweizer Berge erinnerte ihn auch die Landschaft um Sheridan in der Nähe des Yellowstone Parks an Mostaganem. Die Schuons trafen nicht nur viele Ureinwohner, sondern nahmen auch an ihren Tänzen teil, anfangs als Zuschauer, später als Mitwirkende.

Höhepunkt ihrer Reise war der Besuch des Sonnentanzes in Fort Hall, Idaho. Der Sonnentanz ist die Krönung eines rituellen Zyklus der Oglala-Sioux und der Shoshone-Crow, eine komplexe drei- bis viertägige Zeremonie, die um einen »heiligen Baum« herum stattfindet, deren Teilnehmer sich auf diesem Weg mit dem großen Geist verbinden. Die Tänzer fasten tagelang und bringen Opfer dar, indem sie in die Sonne starren oder sich Teile ihres Fleisches herausschneiden. Schuon bewegten die Eröffnungszeremonien des Sonnentanzes außerordentlich. Am zweiten Tag fastete das Ehepaar ebenfalls, schaute aber ansonsten nur zu. Bei einem späteren Besuch des verlassenen Platzes tanzte Catherine dort allein.

Bevor die Schuons in die Schweiz zurückkehrten, wurden sie von den Sioux in ihren Stamm aufgenommen und erhielten neue Namen: Wicahpi Wiyakpa (Heller Stern) und Wowan Winyan (Künstler-Frau). Für Schuon war diese Erfahrung bahnbrechend. Sie heilte die spirituellen Wunden seiner Jugend, wie er später schrieb. Das Ehepaar kehrte 1963 zu einem weiteren dreimonatigen Besuch in die USA zurück.

Trotz dieser Erlebnisse verfiel Schuon 1965 in eine Depression, die von seinem Asthma verstärkt wurde. In diesem Zustand empfing er eine Vision: einen Besuch der Jungfrau Maria. Schuon saß während einer Reise nach Tanger alleine in seiner Schiffskabine. »Plötzlich kam die göttliche Gnade zu mir. Sie besuchte mich in einer weiblichen Form, die ich nicht beschreiben kann, aber ich wusste, das es die Jungfrau Maria war.« Infolge dieser Vision durchlebte er eine »Ekstase der Liebe und Freude«. Aber auf dem Weg von Tanger nach Tetuan kehrte seine Depression zurück und als sie in einem Hotel in Tetuan übernachteten, war er zu schwach, um auszugehen. Als er allein in seinem Zimmer saß, überkam ihn erneut die kosmische Ekstase der Liebe und dauerte an, bis die Gruppe Fez erreichte. Hier begann Schuon an der Authentizität seiner Erlebnisse zu zweifeln, aber in der Nacht kam die himmlische Tröstung wieder, die aus dem »Urweiblichen ausströmte«. Dieser Zustand hielt bis zu seiner Rückkehr in die Schweiz an.

Die beschriebenen Erlebnisse verbanden zwei Motive der Jahre 1942-43: die »kosmische Liebe zur Geliebten«, die Schuon beim Anblick des Kindes von Madeleine empfunden und die Liebe zur Jungfrau, deren Statuette er in einem Schaufenster in Lausanne erblickt hatte. Tatsächlich fühlte Schuon zwischen 1942 und 1965 öfter die Gegenwart der Jungfrau, zuerst während seines Bruchs mit Guénon 1949, als er ihren Segen empfing, und einmal während eines dhikr im Jahr 1953. Bei dieser zweiten Gelegenheit nahm er eine mächtige Präsenz wahr, die er mit der Jungfrau Maria in Verbindung brachte.

Anfangs war ihm nicht klar, wie er diese Erlebnisse deuten sollte. Handelte es sich um eine wahre oder eine falsche Vision? Eine wahre Vision, so meinte er, könne von einer falschen durch den »segensreichen Effekt« unterschieden werden, die sie auf den Empfänger habe, und seine Vision hatte die Wirkung, dass sie ihn von seiner Liebe zu Büchern, Zeitungen und dem Theater befreite. Nachdem Schuon die Vision als wahr erkannt hatte, war die Frage, was sie bedeutete. Er meinte, sie kündige eine »besondere Beziehung zum Himmel« an. Worin genau diese bestehen sollte, erläuterte er nicht, aber da die Jungfrau für ihn »die Inkarnation der göttlichen Gnade und zugleich der religio perennis« war, muss er sie als Ausdruck seines Aufstiegs zu einer universelleren spirituellen Aufgabe jenseits des Islam oder einer bestimmten Religion aufgefasst haben.

Im Jahr 1966 hatte Schuon, ebenfalls in Marokko, eine noch weit dramatischere Vision der Jungfrau Maria. Er imaginierte ihre Statuette, »die zu zittern und zu strahlen begann, und ich wusste, als Furcht mich ergriff und Liebe mich überwältigte, das ist kein Traum mehr, sondern Realität«. Die Jungfrau erschien, so Schuon, »aber es geziemt mir nicht, mehr darüber zu sagen.« Der Grund, warum er nicht mehr darüber sagen wollte, war, dass ihm die Jungfrau nackt erschien.

Frithjof Schuon, »Sitzende Frau«

Frithjof Schuon, »Sitzende Frau«

Seine durch die Visionen entstandene Neigung zum Nudismus und die angebliche Nacktheit der Jungfrau haben manche Gegner Schuons einem satanischen Ursprung zugeschrieben. Der Islam tendiert dazu, Nacktheit ausschließlich negativ zu sehen, aber christliche Bilder der Jungfrau zeigen oft eine nackte Brust. Perennialisten sind gewöhnlich mit dem Hinduismus vertraut, in dem Nacktheit zu bestimmten religiösen Zeremonien gehört. Henri Hartungs Guru Ramana Maharshi etwa war von seinem 17. Lebensjahr an nackt, wenn auch nicht völlig, denn er trug eine »kaupina«, ein schmales Stück Stoff, das die Genitalien verhüllte.

Die Hauptkonsequenz dieser Visionen bestand jedoch darin, dass Schuon sich von nun an offenbar eine universelle Mission zuschrieb. Er glaubte, er habe eine besondere Beziehung zu Maria und zu Gott. Seine Malerei änderte sich und er und seine Frau konzentrierten sich auf die Jungfrau. Schuons Bilder zeigen sie manchmal teilweise oder ganz nackt. Die sichtbaren Brüste sollten eine Andeutung der »Enthüllung der Wahrheit im Sinne der Gnosis und ein Hinweis auf die befreiende Gnade« sein. Schuon betrachtete seine früheren Bilder der Weißen Büffelfrau als Vorahnungen dieser späteren.

Darin spiegelt sich eine bedeutende Entwicklung, durch die er seine Erfahrungen in den USA 1959 mit jenen in Marokko 1965 verband. Seine Aufnahme in den Stamm der Sioux sah er als »Anbindung an das letzte Glied der Kette einer primordialen Religion«, sprach aber nie von Initiation, sondern stets von »Adoption«. Schließlich benannte er seinen Orden zu Ehren der Jungfrau Maria in »Maryamiyya« um.

Ende der 1960er Jahre war Schuon demnach Traditionalist mit zwei esoterischen Initiationen. Er war Muslim mit einer Sufi-Initiation durch den Alawiyya-Orden, der durch eine Vision zum Scheich geworden war, aber er war auch Universalist mit einer primordialen Initiation durch die Sioux, der durch eine Vision der Jungfrau Maria zu einer universellen Mission berufen worden war. Diese primordiale Mission sollte allmählich an die Stelle seiner ursprünglichen Rolle als Sufi-Scheich treten.

Die unmittelbaren Folgen all dieser Ereignisse waren für die Anhänger Schuons nicht so dramatisch, wie die langfristigen. Viele Jahre zeigte Schuon der Welt weiterhin ein islamisches Antlitz. In den 1960er Jahren änderte sein Orden lediglich den Namen und geringfügig seine tägliche Praxis. Dem täglichen Gebet wurde eine kurze Anrufung der Jungfrau Maria hinzugefügt und Schuons Gemälde kamen zu den früher eingeführten sechs Meditationsthemen hinzu. Der Orden hieß nun »Alawiyya Maryamiyya«, in der Regel abgekürzt Maryamiyya. Wahrscheinlich kannten die wenigsten Maryami die Details der Visionen, die zu diesen Änderungen führten.

Die neue Konzentration auf Maria wurde durch symbolische Argumente gerechtfertigt – die Jungfrau vereinigte die drei monotheistischen Weltreligionen, denn sie war »eine jüdische Prinzessin aus dem Hause David«, die »Mutter des Begründers des Christentums« und im Islam stand sie »an der höchsten Stelle der weiblichen Hierarchie«. Die Jungfrau Maria »liebt die drei Religionen und die Religion im allgemeinen, so wie wir, die Maryami«, meinte Schuon. Seine Hingabe an die Jungfrau sei kein Synkretismus, erklärte ein Traditionalist, »da die Jungfrau im Islam oft mit größerem Eifer verehrt wird, wie man in Ephesus sehen kann«, wo »Muslime ebenso wie Christen« in einem Schrein beten, der als Meryemana Evi (Haus Marias) bezeichnet wird.

Catherine mit indianischen Kindern

Catherine mit indianischen Kindern

Dass Schuons Marienbilder als Vorlagen für die Meditation dienen sollten, wurde wie folgt begründet: »Niemand ist gezwungen, sich für sie zu interessieren«, schrieb ein älterer Maryami in den 1980er Jahren, »aber jeder ist verpflichtet, sie zu respektieren, da sie aus dem Scheich emanieren und Teile seiner Persönlichkeit und seiner Erfahrung repräsentieren.« Schuon war überzeugt, alles, was er tue, habe einen sakralen Charakter.

Um diese Zeit begannen Schuons Anhänger eine Sammlung kanonischer Texte zusammenzustellen. Es handelte sich um kurze Texte Schuons von jeweils ein, zwei Seiten Umfang, von denen die meisten aus den 1930er Jahren stammten, manche aber auch nach 1951 entstanden waren. Sie behandelten eine große Fülle spiritueller Fragen und wurden später als »Livre des Clefs« (»Buch der Schlüssel«) veröffentlicht. Die einzelnen Texte wurden durchnummeriert, so dass ein Maryami seinen Schüler anweisen konnte, zum Beispiel Text 258 zu lesen. Auch wenn sie der islamischen Praxis folgten und mit einer Anrufung Allahs begannen, handelten sie ihr Thema eher in traditionalistischen Begriffen ab, als in islamischen und schöpften ebenso aus Hinduquellen wie aus dem Koran oder anderen legendären Überlieferungen. Der Kanon der Anhänger Schuons war also eher traditionalistisch, als islamisch.

In dieser Zeit wurde die Scharia weiter gelockert. Als Schuon 1965 eine zweite Frau ehelichte (was der Islam erlaubt, das Schweizer Gesetz nicht), wurde die Heirat auf traditionalistischer Grundlage vollzogen, nicht auf islamischer. Die neue Frau, eine Schülerin Schuons, war bereits mit einem seiner Schüler verheiratet. Während die Scharia verlangte, dass sie sich erst von ihrem Mann trennte, und einige Monate bis zur Wiederverheiratung wartete, erlaubte ihr Schuon, verheiratet zu bleiben und ihn »vertikal« zu ehelichen. Die Unterscheidung zwischen vertikal (Verbindung des Menschen zu Gott) und horizontal (Verbindung unter Menschen) stammt nicht aus der Scharia, sondern aus der westlichen Metaphysik und wurde von Guénon in seiner »Symbolik des Kreuzes« verwendet. Schuons »vertikale Heirat« – die von manchen seiner späteren Anhänger als »spirituelle Ehe« bezeichnet wurde – berücksichtigte nach Catherine Schuon »westliche Gesetze und soziale Notwendigkeiten … und wurde von unmissverständlichen Zeichen und Segnungen des Himmels angekündigt.« Sie wurde auch – allerdings zögernd – von Burckhardt und Lings gutgeheißen.

Die Existenz dieser Ehe, die man aus dem Islam niemals rechtfertigen könnte, wurde vor den 1980er Jahren nicht bekannt. Burckhardt soll über sie zutiefst besorgt gewesen sein, ebenso wie über andere Episoden, in denen es um Frauen ging. Seine Loyalität gegenüber seinem Scheich war ihm aber wichtiger als alles andere. Der Sufismus betont diese absolute Loyalität und rät dem Schüler davon ab, den Meister zu beurteilen. Es gibt eine Geschichte über einen Scheich, den seine Schüler verlassen, nachdem sie ihn eine fremde Frau haben küssen sehen. Erst später entdecken sie zu ihrer Beschämung, dass sie die jüngere Schwester des Scheichs war.

Fortsetzung

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