Heilige und profane Wissenschaft

In seinem Buch »Die Krise der modernen Welt« (1927) widmete Guénon ein Kapitel dem Unterschied zwischen traditionellen und modernen Wissenschaften. Auszug übersetzt von Lorenzo Ravagli.

Der Mensch im Kosmos aus traditioneller Sicht. Stundenbuch des Duc de Berry, ca. 1413.

Der Mensch im Kosmos aus traditioneller Sicht. Stundenbuch des Duc de Berry, ca. 1413.

Wir haben soeben gesehen, dass die geistige Intuition die Wurzel aller traditionellen Zivilisationen ist. Mit anderen Worten, ihr Wesen besteht aus einer rein metaphysischen Lehre. Alles andere ist aus ihr abgeleitet, entweder als Konsequenz oder als Anwendung, die sich auf die unterschiedlichen Ordnungen der kontingenten Realität bezieht. Dies gilt nicht nur für die sozialen Institutionen, sondern auch für die Wissenschaften, das heißt, die Zweige des Wissens, die sich auf das Reich des Relativen beziehen, die von solchen Zivilisationen lediglich als Ableger, Erweiterungen oder Spiegelungen des absoluten oder prinzipiellen Wissens betrachtet werden. Auf diese Weise wird immer und überall eine wahre Hierarchie aufrecht erhalten. Das Relative wird nicht als nicht-existent behandelt, was absurd wäre; es wird pflichtgemäß in Betracht gezogen, jedoch an die ihm gebührende Stelle gerückt, die nur sekundär und untergeordnet sein kann. Aber selbst innerhalb dieser sekundären Ordnung gibt es Grade der Realität, je nachdem, wie nah ein Gegenstand der Sphäre der Prinzipien steht.

Was die Wissenschaft anbetrifft, gibt es also zwei radikal unterschiedliche und gegenseitig unvereinbare Konzepte, die man als »traditionell« und »modern« bezeichnen kann. Wir hatten schon oft Gelegenheit, auf die »traditionellen Wissenschaften« hinzuweisen, die im Altertum und im Mittelalter existierten und im Osten immer noch existieren, auch wenn die bloße Idee einer solchen Wissenschaft dem heutigen Abendländer fremd ist. Man sollte hinzufügen, dass jede Zivilisation solche »traditionellen Wissenschaften« besaß. Wir bewegen uns hier nicht mehr auf der Ebene der universellen Prinzipien, auf der allein die Metaphysik angesiedelt ist, sondern auf der Ebene der Anpassungen. In dieser Welt muss, da es sich um die Sphäre des Kontingenten handelt, der ganze Komplex geistiger und anderweitiger Bedingungen eines bestimmten Volkes berücksichtigt werden, ja man kann sagen, sogar einer bestimmten Epoche der Existenz eines solchen Volkes, da, wie wir oben sagten, mitunter »Wiederanpassungen« der traditionellen Lehre erforderlich sind. Diese erneuten Anpassungen sind nicht mehr als Änderungen der Form, die das Wesen der Tradition nicht berühren. Bei einer metaphysischen Lehre kann sich nur die Form des Ausdrucks ändern, ähnlich wie bei der Übersetzung von einer Sprache in eine andere. Aber welche Form auch immer diese Lehre annimmt, um sich zum Ausdruck zu bringen – soweit dieser Ausdruck überhaupt möglich ist – , die Metaphysik bleibt ein und dieselbe, ebenso, wie die Wahrheit stets eine ist. Anders verhält es sich, sobald man auf die Ebene der Anwendungen herabsteigt: mit den Wissenschaften bewegen wir uns genauso wie mit den sozialen Institutionen in der Welt der Formen und der Mannigfaltigkeit. Man kann daher sagen, unterschiedliche Formen konstituierten unterschiedliche Wissenschaften, selbst wenn der Gegenstand der Erkenntnis mehr oder weniger derselbe bleibt. Logiker neigen dazu, eine Wissenschaft ganz von ihrem Gegenstand bestimmt sein zu lassen, aber das ist eine unzulässige Vereinfachung und Irreführung. Der Gesichtspunkt, von dem aus der Gegenstand betrachtet wird, wird die Definition der betreffenden Wissenschaft ebenfalls beeinflussen. Die Zahl der möglichen Wissenschaften ist unbegrenzt. Es kann sogar vorkommen, dass unterschiedliche Wissenschaften denselben Gegenstand erforschen, aber unter so unterschiedlichen Gesichtspunkten und durch so unterschiedliche Methoden und mit so unterschiedlichen Absichten, dass es sich in Wahrheit um verschiedene Wissenschaften handelt. Dies ist auch der Fall bei den traditionellen Wissenschaften verschiedener Zivilisationen, die, auch wenn sie miteinander vergleichbar sind, nicht immer ineinander übersetzt werden können, denen man oft nicht einmal denselben Namen geben kann. Der Unterschied wird sogar noch größer, wenn man nicht die verschiedenen traditionellen Wissenschaften miteinander vergleicht – die immerhin denselben Grundcharakter besitzen – , sondern wenn man versucht, diese Wissenschaften mit jenen der modernen Welt zu vergleichen. Es mag manchmal scheinen, als ob der erforschte Gegenstand derselbe sei, aber die Erkenntnis, zu der die beiden Arten von Wissenschaft führen, ist so unterschiedlich, dass man bei näherer Betrachtung zögert, zu sagen, sie seien in jeder Hinsicht dieselben.

Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen. Wir beginnen mit der »Physik«, wie sie von den Alten und uns Heutigen verstanden wird. Hier lässt sich der tiefe Unterschied erkennen, ohne die westliche Welt zu verlassen. Der Ausdruck »Physik« bedeutet in seinem ursprünglichen und etymologischen Sinn präzis die »Wissenschaft der Natur«, ohne jede Einschränkung. Es handelt sich also um eine Wissenschaft, die sich mit den allgemeinsten Gesetzen des »Werdens« befasst, denn »Natur« und »Werden« sind in Wahrheit Synonyme; genauso haben die Griechen, insbesondere Aristoteles, diese Wissenschaft verstanden. Wenn es spezialisierte Wissenschaften gibt, die sich mit derselben Ordnung der Dinge beschäftigen, dann handelt es sich nur um »Spezialisierungen« der Physik, die sich mit dem einen oder anderen, enger definierten Gebiet auseinandersetzen. Bereits hier kann man die bedeutende Abweichung erkennen, die in der modernen Auffassung der »Physik« besteht, die lediglich eine bestimmte Naturwissenschaft neben anderen ist. Dies ist ein Beispiel der fortschreitenden Untergliederung, die wir bereits als Charakteristikum der modernen Wissenschaft bezeichnet haben. Diese »Spezialisierung«, die aus einer analytischen Geisteshaltung entspringt, ist so weit gediehen, dass jene, die ihrem Einfluss unterliegen, unfähig sind, sich eine Wissenschaft vorzustellen, die sich mit der Natur als Ganzer befasst. Manche Nachteile dieser Spezialisierung sind nicht unbemerkt geblieben, insbesondere die Verengung des Blickes, die eine ihrer unausweichlichen Folgen ist. Aber selbst jene, die sie bemerken, scheinen diese Folge als notwendiges Übel zu akzeptieren, das mit der Vermehrung des Detailwissens einhergeht, so dass kein Mensch hoffen könne, es in seiner Gesamtheit zu erfassen. Einerseits sind sie nicht imstande, zu erkennen, dass dieses Detailwissen in sich unbedeutend ist und den Verlust der synthetischen Erkenntnis, den es mit sich bringt, nicht aufwiegt, da diese synthetische Erkenntnis, auch wenn sie auf das Relative beschränkt ist, einer weit höheren Ordnung angehört. Andererseits übersehen sie, dass die Unfähigkeit, die Mannigfaltigkeit des Detailwissens zusammenzufassen, allein durch ihre Weigerung bedingt ist, es an ein höheres Prinzip anzuschließen. Mit anderen Worten, sie ist dadurch bedingt, dass sie darauf bestehen, die Dinge von unten und außen zu betrachten, während die umgekehrte Methode erforderlich wäre, um zu einer Wissenschaft zu gelangen, die irgendeinen spekulativen Wert besitzt.

Vergliche man die antike Physik nicht mit ihrem heutigen Namensvetter, sondern mit der Gesamtheit aller Naturwissenschaften – die ihr wirkliches Äquivalent wäre – dann fiele als erstes deren Aufgliederung in zahlreiche »Spezialgebiete« ins Auge, die ohne Beziehung nebeneinander stehen. Aber das ist nur der äußerlichste Aspekt des Problems und man sollte nicht glauben, man käme zu einem Äquivalent der antiken Physik, wenn man all diese Spezialwissenschaften wieder zusammenfügen würde. In Wahrheit ist der Gesichtspunkt grundsätzlich anders und darin liegt der fundamentale Unterschied der beiden oben erwähnten Konzepte.

Das traditionelle Konzept bindet alle Wissenschaften an die Prinzipien, deren besondere Anwendungen sie sind und genau diese Anbindung weigert sich die moderne Konzeption zu akzeptieren. Für Aristoteles war die Physik der Metaphysik »nachgeordnet« – mit anderen Worten, sie war von dieser abhängig und lediglich eine Anwendung von Prinzipien auf das Reich der Natur, die über der Natur stehen und sich in ihren Gesetzen spiegeln. Dasselbe kann man von der mittelalterlichen Kosmologie sagen.

Die moderne Konzeption will die einzelnen Wissenschaften voneinander unabhängig machen, indem sie alles leugnet, was über sie hinausgeht, oder indem sie es auf jeden Fall für »unerkennbar« erklärt und sich weigert, es in Betracht zu ziehen, was am Ende auf dasselbe hinausläuft. Diese Leugnung existierte de facto lange bevor sie unter solchen Namen wie »Positivismus« oder »Agnostizismus« zu einer systematischen Theorie erhoben wurde und man kann sagen, sie sei der wirkliche Ausgangspunkt der modernen Wissenschaft. Aber erst im 19. Jahrhundert begannen sich die Menschen ihrer Ignoranz zu rühmen – denn sich selbst zum Agnostiker zu erklären, bedeutet nichts anderes – und anderen jede Erkenntnis streitig zu machen, zu der sie selbst keinen Zugang hatten. Und dies war nur eine weitere Stufe des geistigen Verfalls des Westens.

Indem die moderne Konzeption unter dem Vorwand, ihre Unabhängigkeit zu sichern, die Verbindung der Wissenschaften mit jedem höheren Prinzip unterbindet, beraubt sie diese aus der Sicht der Erkenntnis jeder tieferen Bedeutung, ja sogar jeder möglichen Bedeutsamkeit. Sie kann daher nur in eine Sackgasse führen, indem sie die Wissenschaften in ein hoffnungslos beschränktes Gebiet einschließt. Darüberhinaus führt die Entwicklung, die in diesem Gebiet erreicht wird, zu keiner Vertiefung der Erkenntnis, wie allgemein angenommen wird, sie bleibt vielmehr vollkommen oberflächlich, da sie lediglich in die Breite geht und sich in einer Analyse erschöpft, die so beschränkt wie mühselig ist. Diese Entwicklung lässt sich unbegrenzt fortführen, ohne jemals der wahren Erkenntnis auch nur einen Schritt näher zu kommen. Man muss hinzufügen, dass Abendländer in der Regel sich auch nicht um ihrer selbst willen mit der Wissenschaft befassen. So wie sie selbst sie verstehen, ist ihr vordringlichstes Ziel nicht Erkenntnis, nicht einmal auf einer untergeordneten Ebene, sondern die praktische Anwendung, was allein schon aus der gängigen Verwechslung von Wissenschaft und Technik hervorgeht und aus der großen Zahl derer, für die der Ingenieur der wahre Mann der Wissenschaft ist.

Indem sie diese moderne Form annahm, hat die Wissenschaft nicht nur an Tiefe verloren, sondern auch an Beständigkeit, denn ihre Bindung an Prinzipien ließ sie an deren Unveränderlichkeit teilhaben, so weit ihr Gegenstand das überhaupt gestattete, während sie nun, gänzlich auf die Welt des Wandels beschränkt, in dieser nichts Beständiges und keinen festen Punkt zu finden vermag, auf den sie sich stützen könnte. Da sie nicht länger von einer absoluten Gewissheit ausgeht, bewegt sie sich nur noch in Wahrscheinlichkeiten und Annäherungen oder in hypothetischen Konstrukten, die bloß das Produkt der individuellen Fantasie sind. Und auch wenn die moderne Wissenschaft durch Zufall zu gewissen Schlussfolgerungen gelangte, die sich in Übereinstimmung mit gewissen Lehren der alten traditionellen Wissenschaften zu befinden schienen, wäre es ein Irrtum, darin eine Bestätigung zu sehen – deren diese Lehren nicht bedürfen. Es wäre eine Zeitverschwendung, nach einer Versöhnung so vollkommen unterschiedlicher Sichtweisen zu suchen oder nach Entsprechungen zu hypothetischen Theorien, die schon in einigen Jahren wieder diskreditiert sein können. So weit es die moderne Wissenschaft betrifft, können die betreffenden Schlussfolgerungen nur dem Reich der Hypothesen angehören, während die Lehren der traditionellen Wissenschaften einen anderen Charakter haben, weil sie die unbezweifelbaren Konsequenzen von intuitiv und deswegen unfehlbar erkannten Wahrheiten sind, die der metaphysischen Ordnung angehören. Der moderne Experimentalismus fußt auf der absonderlichen Illusion, eine Theorie könne durch Fakten bewiesen werden, während in Wahrheit ein und dieselben Fakten durch unterschiedliche Theorien gleich gut erklärt werden können. Manche Pioniere der Experimentalwissenschaft, wie zum Beispiel Claude Bernard, haben zugestanden, dass sie Fakten nur mit Hilfe vorgefasster Ideen zu interpretieren vermochten, ohne die sie »rohe Tatsachen« ohne jede Bedeutung oder wissenschaftlichen Wert geblieben wären.

Da wir nun schon vom Experimentalismus sprechen, soll die Gelegenheit genutzt werden, eine Frage zu beantworten, die in diesem Zusammenhang gestellt werden könnte. Warum haben die Experimentalwissenschaften sich in der modernen Zivilisation auf eine Weise entwickelt, wie nie zuvor zu irgendeiner anderen Zeit? Der Grund ist der, dass diese Wissenschaften sich auf die sinnliche Welt, auf den Stoff beziehen, und weil sie sich am unmittelbarsten für praktische Anwendungen eignen. Ihre Entwicklung, die mit dem »Aberglauben der Tatsachen« Hand in Hand geht, befindet sich daher mit spezifisch modernen Tendenzen im Einklang, während frühere Zeiten sich nicht so sehr für sie zu interessieren vermochten, dass sie ihretwegen die Erkenntnis höherer Ordnung vernachlässigt hätten. Man muss sich klar sein, dass wir nicht behaupten, irgendeine Art von Erkenntnis sei illegitim, auch wenn sie nur von geringer Bedeutung ist. Illegitim ist nur der Missbrauch, der um sich greift, sobald derartige Beschäftigungen das gesamte Interesse der Menschheit an sich ziehen, wie es derzeit der Fall ist. Man könnte sich sogar Wissenschaften in einer normalen Zivilisation vorstellen, die auf experimentellen Methoden fußen und ebenso wie andere an Prinzipien gebunden sind, wodurch sie einen realen spekulativen Wert besäßen. Wenn es solche Wissenschaften anscheinend nicht gegeben hat, dann deswegen, weil die Aufmerksamkeit in eine andere Richtung ging und auch deswegen, weil die traditionellen Gegebenheiten, wenn die sinnliche Welt erforscht wurde, eine Art der Untersuchung möglich machten, die durch andere Methoden und von anderen Gesichtspunkten aus erfolgte.

Wir sagten, eine der Charakteristiken des gegenwärtigen Zeitalters sei die Untersuchung all dessen, was zuvor aufgrund seiner zu geringen Bedeutung für den Menschen vernachlässigt wurde, das aber doch vor dem Ende dieses Zyklus entwickelt werden musste, da die entsprechenden Gebiete dazu bestimmt waren, in dieser Zeit zur Erscheinung zu kommen. So verhält es sich insbesondere mit den Experimentalwissenschaften, die in den letzten Jahrhunderten entstanden sind. Es gibt sogar manche modernen Wissenschaften, die Überreste alter Wissenschaften darstellen, die nicht länger verstanden wurden. In einer Periode des Niedergangs wurden die niedrigsten Bereiche dieser Wissenschaften vom Rest getrennt und jene Bereiche dienten, nachdem sie grob materialisiert worden waren, als Ausgangspunkt für eine gänzlich andere Entwicklung, in eine Richtung, die den Tendenzen der Moderne entsprach. Dies führte zur Entstehung von Wissenschaften, die mit jenen, die ihnen vorangegangen sind, nichts mehr zu tun haben. Es ist zum Beispiel falsch, zu behaupten, wie dies gewöhnlich getan wird, die Astrologie und die Alchemie seien zur modernen Astronomie bzw. Chemie geworden, auch wenn darin, von einem historischen Standpunkt aus, ein Körnchen Wahrheit liegen könnte. Das Körnchen Wahrheit besteht nämlich in dem, was wir eben angedeutet haben: Wenn die modernen Wissenschaften in einem bestimmten Sinn von den früheren herstammen, dann nicht aufgrund einer »Evo-lution« oder eines »Fortschritts« – wie man zu behaupten pflegt – sondern im Gegenteil aufgrund einer Degeneration. Dies scheint einer näheren Erklärung zu bedürfen.

Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass die Ausdrücke »Astrologie« und »Astronomie« erst seit jüngster Zeit eine unterschiedliche Bedeutung erlangt haben. Die beiden Worte wurden von den Griechen noch synonym verwendet und umfassten alles, was heute auf die beiden Wissenszweige verteilt ist. Es scheint auf den ersten Blick, als hätten wir es hier mit einem weiteren Beispiel jener Untergliederungen zu tun, die von der »Spezialisierung« verursacht wurden, die Bestandteile einer frühen einheitlichen Wissenschaft auseinander gerissen hat. Aber in diesem Fall verhält es sich etwas anders, da jener Teil, der die eher materielle Seite der betreffenden Wissenschaft repräsentiert, eine unabhängige Entwicklung durchlaufen hat, während der andere vollkommen verschwunden ist. Dass dies zutrifft, lässt sich aus der Tatsache ersehen, dass man heute nicht mehr weiß, worin die alte Astrologie bestanden haben könnte und dass selbst jene, die versucht haben, sie zu rekonstruieren, nichts anderes als Parodien geschaffen haben. Manche haben versucht, sie zu einer modernen Experimentalwissenschaft zu machen, indem sie Statistiken und Wahrscheinlichkeitsrechnung anwendeten, Methoden, die aus Sichtweisen hervorgingen, die von jenen des Altertums oder des Mittelalters denkbar weit entfernt sind. Andere bemühten sich um die Wiederherstellung einer »Kunst der Voraussage«, die zwar dereinst existiert hat, aber eine Entstellung der Astrologie in der Zeit ihres Niedergangs war und bestenfalls eine höchst minderwertige Anwendung darstellt, die keine ernsthafte Erörterung verdient, eine Auffassung, die noch heute in den Zivilisationen des Ostens verbreitet ist.

Der Fall der Chemie ist noch klarer und charakteristischer. Die moderne Ignoranz gegenüber der Alchemie ist sicherlich nicht geringer als jene gegenüber der Astrologie. Die wahre Alchemie war eine Wissenschaft der kosmologischen Ordnung, die gleichzeitig auf die menschliche Ordnung anwendbar war, und zwar aufgrund der Analogie zwischen dem »Makrokosmos« und dem »Mikrokosmos«. Abgesehen davon war sie so beschaffen, dass sie die Übertragung in das rein spirituelle Gebiet erlaubte, was ihren Lehren einen symbolischen Wert und eine höhere Bedeutung verlieh und sie zu einer der typischsten und vollständigsten »traditionellen Wissenschaften« werden ließ. Nicht aus dieser Alchemie, mit der sie in Wahrheit nichts gemeint hat, ist die moderne Chemie hervorgegangen. Die letztere ist lediglich eine Entstellung und – im strikten Sinn dieses Wortes – eine Abweichung von jener Wissenschaft, die vielleicht im Mittelalter aus dem Unverständnis von Personen entstand, die unfähig waren, die wahre Bedeutung der Symbole zu verstehen und alles wörtlich auffassten. Da sie glaubten, es gehe nur um stoffliche Vorgänge, begannen sie verworrene Experimente durchzuführen. Und diese Leute, die von den Alchemisten ironisch als »Paffer« und »Kohlebrenner« bezeichnet wurden, sind die wahren Vorläufer der heutigen Chemiker. Auf diese Weise entstand die moderne Wissenschaft aus den Überbleibseln der alten Wissenschaften und den Materialien, die verworfen und den Ignoranten und »Profanen« überlassen worden waren. Es sollte hinzugefügt werden, dass die sogenannten Erneuerer der Alchemie in unserer Gegenwart die gleiche Abweichung fortführen, und dass ihre Forschung ebenso weit von der traditionellen Alchemie entfernt ist, wie jene der heutigen Astrologen von der antiken Astrologie. Und aus diesem Grund haben wir das Recht, zu behaupten, die traditionellen Wissenschaften des Westens seien für die Moderne verloren.

Wir werden uns auf diese wenigen Beispiele beschränken, auch wenn es leicht wäre, aus anderen Bereichen weitere beizusteuern und überall denselben Niedergang nachzuweisen. Man könnte zum Beispiel zeigen, dass die Psychologie, so wie sie heute verstanden wird – das heißt, als Untersuchung psychischer Phänomene – ein natürliches Produkt des angelsächsischen Empirismus und der Mentalität des 18. Jahrhunderts ist und dass der Gesichtspunkt, dem sie entspricht, in der alten Welt so unbedeutend war, auch wenn er manchmal vorkam, dass nie jemand auf die Idee gekommen wäre, auf ihm eine besondere Wissenschaft aufzubauen, weil alles Wertvolle, das sie enthalten könnte, umgewandelt und höheren Gesichtspunkten untergeordnet wurde. Ebenso könnte man zeigen, dass die moderne Mathematik lediglich die äußere Schale oder »exoterische« Seite der pythagoräischen Mathematik enthält. Die antike Idee der Zahlen wurde für die Moderne nahezu unverständlich, da auch hier die höhere Seite dieser Wissenschaft, die ihr ihren traditionellen Charakter und damit ihren wahren geistigen Wert verlieh, vollkommen verschwunden ist – ein Fall, der jenem der Astrologie sehr ähnlich ist. Aber alle Wissenschaften Revue passieren zu lassen, wäre etwas ermüdend; wir glauben, genug gesagt zu haben, um die Art des Wandels zu verdeutlichen, dem die modernen Wissenschaften ihre Entstehung verdanken, ein Wandel, der das gerade Gegenteil eines »Fortschritts« ist und in Wahrheit einen geistigen Rückschritt darstellt. Wir werden nun zu allgemeineren Überlegungen zurückkehren, die sich auf die Ziele der traditionellen bzw. der modernen Wissenschaften beziehen, um die grundlegenden Unterschiede zwischen beiden aufzuzeigen.

Nach traditioneller Auffassung ist eine Wissenschaft weniger in sich selbst von Interesse, als deswegen, weil sie eine Erweiterung oder einen nachrangigen Zweig der Lehre darstellt, deren wesentlicher Bestandteil die reine Metaphysik ist. Tatsächlich ist es leicht, zu verstehen, dass diese Erkenntnis einer unteren Ordnung für jeden, der jene der höheren Ordnung besitzt, an Interesse verliert, auch wenn jede Wissenschaft berechtigt ist, solange sie sich auf das Gebiet beschränkt, das ihr angemessen ist. Sie ist nur insofern von Interesse, als sie eine Funktion der prinzipiellen Erkenntnis darstellt, das heißt, insofern sie imstande ist, einerseits diese Erkenntnis in einem kontingenten Gebiet abzubilden, andererseits zu dieser Erkenntnis hinaufzuführen, die man selbst nie aus dem Auge verlieren oder die man nie um irgendwelcher akzidenteller Untersuchungen willen aufopfern darf. Die traditionellen Wissenschaften besitzen zwei komplementäre Funktionen. Einerseits machen sie es als Anwendungen der Lehre möglich, die unterschiedlichen Ordnungen des Seins miteinander zu verbinden und sie in der Einheit einer Synthese zusammenzuführen. Andererseits stellen sie, wenigstens für manche, und nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten, eine Vorbereitung auf die höhere Erkenntnis und einen Weg dar, sich dieser anzunähern – weil sie nämlich nach ihrem jeweiligen hierarchischen Rang, welcher der Seinsebene ihres Gegenstandes entspricht, Stufen darstellen, über die man zum reinen Geist aufzusteigen vermag. Es ist nur allzu klar, dass die modernen Wissenschaften keinem dieser beiden Ziele dienen. Daher sind sie auch nicht mehr als »profane Wissenschaft«, während die »traditionellen Wissenschaften« aufgrund ihrer Verbindung zu metaphysischen Prinzipien Bestandteile der »heiligen Wissenschaft« sind.

Die Koexistenz der beiden Aufgaben der traditionellen Wissenschaft, die wir eben erwähnt haben, stellt weder einen Widerspruch noch einen Teufelskreis dar, wie jene, die nur einen oberflächlichen Blick auf diese Frage werfen, vermuten könnten, aber diese Frage verlangt nach einer weiteren Erörterung. Man könnte sagen, es gebe zwei Blickrichtungen, eine aufsteigende und eine absteigende, eine die der Entfaltung des Wissens entspricht, die von den Prinzipien ausgeht und zu Anwendungen fortschreitet, die immer weiter von diesen entfernt sind, und eine andere, die der zunehmenden Aneignung dieses Wissens entspricht, die vom Niederen zum Höheren aufsteigt, oder wenn man dies vorzieht, vom Äußeren zum Inneren vordringt. Daher muss die Frage, ob die Wissenschaften von oben absteigen oder von unten aufsteigen sollen, oder ob sie auf der Kenntnis von Prinzipien oder der Kenntnis der sinnlichen Welt beruhen, nicht aufgeworfen werden. Diese Frage kann sich aus dem Gesichtspunkt der »profanen« Philosophie ergeben und scheint tatsächlich auf diesem Feld mehr oder weniger explizit bei den alten Griechen entstanden zu sein. Aber für die »heilige Wissenschaft« existiert sie nicht, da diese nur auf universellen Prinzipien fußen kann. Der Grund, warum die Frage gegenstandslos ist, besteht darin, dass der entscheidende Faktor der »heiligen Wissenschaft« die geistige Intuition ist, die unmittelbarste und höchste Form jeder Erkenntnis, die zudem vollkommen unabhängig ist vom Gebrauch der Sinne oder irgendeiner Verstandesfähigkeit. Wissenschaften können als »heilige Wissenschaften« in gültiger Form konstituiert von jenen begründet werden, die sich vor allem anderen im vollständigen Besitz des prinzipiellen Wissens befinden und dadurch qualifiziert sind, in Übereinstimmung mit der strengsten traditionellen Orthodoxie all jene Anpassungen vorzunehmen, die aufgrund der Umstände von Raum und Zeit erforderlich sind. Wie auch immer, wenn diese Wissenschaften erst einmal entstanden sind, kann der Unterricht in ihnen auch der umgekehrten Ordnung folgen: sie dienen dann der »Illustration« der reinen Lehre, die sie für manche leichter zugänglich machen. Und die Tatsache, dass sie sich mit der Welt der Mannigfaltigkeit befassen, verschafft ihnen eine nahezu unbegrenzte Fülle von Gesichtspunkten, die der nicht weniger großen Vielfalt der individuellen Fähigkeiten jener angepasst sind, deren Geist noch immer in dieser Welt der Mannigfaltigkeit gefangen ist. Auf der untersten Stufe mögen die Wege zur Erkenntnis höchst unterschiedlich sein, aber sie nähern sich immer mehr an, je höher man steigt. Damit wird nicht gesagt, dass irgendeine dieser vorbereitenden Stufen absolut nötig ist, da sie bloß kontingente Methoden sind, die mit dem eigentlichen Ziel nichts zu tun haben. Manche Menschen, in denen die Anlage zur Kontemplation vorherrscht, können sich sogar zur geistigen Intuition aufschwingen, ohne solche Mittel zu Hilfe zu nehmen. Aber das ist mehr oder weniger die Ausnahme und im allgemeinen hält man den stufenweisen Aufstieg für notwendig. Die ganze Frage kann auch durch das traditionelle Bild des »kosmischen Rades« veranschaulicht werden. Der Umkreis existiert nur dank des Zentrums, aber die einzelnen Wesen, die auf dem Umkreis stehen, müssen von dort ausgehen, oder genauer, von jenem Punkt, auf dem sie sich gerade befinden und sie müssen alle dem Radius folgen, der sie zum Zentrum führt. Mehr noch: Aufgrund der Korrespondenzen zwischen allen Ordnungen des Seins können die Wahrheiten einer niederen Ordnung als Symbole der Wahrheiten einer höheren Ordnung betrachtet werden und daher als »Unterstützung«, die einem zur Erkenntnis jener höheren Wahrheiten verhilft. Und diese Tatsache macht es möglich, dass jede Wissenschaft zu einer heiligen Wissenschaft wird, indem man ihr einen höheren oder »anagogischen« Sinn verleiht, der tiefer ist, als jener, den sie selbst besitzt.

Jede Wissenschaft, sagen wir, kann diesen Charakter annehmen, was auch immer ihr Gegenstand ist, unter der Bedingung, dass sie vom traditionellen Standpunkt aus konstruiert und betrachtet wird. Man muss lediglich die unterschiedliche Bedeutung der einzelnen Wissenschaften im Bewusstsein behalten, die vom hierarchischen Rang der jeweiligen Seinsordnung abhängig ist, die sie erforscht. Aber welchen Grad sie auch einnehmen, ihr Charakter und ihre Funktion sind nach traditioneller Auffassung im wesentlichen dieselben. Was von den Wissenschaften gilt, gilt ebenso von den Künsten, da jede Kunst einen wahren symbolischen Wert anzunehmen vermag, der sie zu einer Unterstützung der Meditation werden lässt und weil ihre Regeln, so wie die Gesetze der Wissenschaften, Spiegelungen und Anwendungen fundamentaler Prinzipien sind. Daher gibt es in jeder normalen Zivilisation auch »traditionelle Künste«, aber sie sind der westlichen Moderne nicht weniger verborgen, als die traditionellen Wissenschaften. In Wahrheit gibt es keine »profane Welt«, die einer »sakralen Welt« entgegengesetzt sein könnte. Es gibt nur einen »profanen Blick«, der in Wahrheit kein anderer ist, als der Blick der Ignoranz. Deshalb ist es auch gerechtfertigt, die »profane Wissenschaft«, die Wissenschaft der Moderne, als »ignorantes Wissen« zu bezeichnen, als Wissen einer niedrigeren Ordnung, das sich selbst vollkommen auf die niedrigste Ebene der Realität beschränkt, als Wissen, das ignorant ist gegenüber allem, was jenseits dieser Ebene liegt, ignorant in Bezug auf jedes Ziel, das höher ist als es selbst, ignorant in Bezug auf jedes Prinzip, das ihm einen legitimen Platz – so bescheiden auch immer er sein möge –, in den unterschiedlichen Ordnungen des gesamten Wissens zuweisen könnte. Unheilbar eingeschlossen in dem relativen und engen Bereich, in dem es seine Unabhängigkeit zu erreichen suchte, indem es freiwillig alle Verbindungen zur transzendenten Wahrheit und höheren Weisheit gekappt hat, ist es zu einem leeren und illusorischen Wissen geworden, das in Wahrheit aus nichts kommt und zu nichts führt.

Dieser Überblick mag genügen, um zu zeigen, wie groß die Schwächen der Moderne im Bereich der Wissenschaft sind und dass diese Wissenschaft, auf die sie so stolz ist, nicht mehr als eine Abweichung und einen Abfall von der wahren Wissenschaft darstellt. Diese letztere ist für uns absolut identisch mit der »heiligen« oder »traditionellen« Wissenschaft. Die moderne Wissenschaft, aus einer willkürlichen Beschränkung der Erkenntnis auf eine partikuläre Ordnung hervorgegangen – die niedrigste aller Ordnungen, die der materiellen und sinnlichen Welt – hat aufgrund dieser Begrenzung und der Konsequenzen, die sie nach sich zieht, jeden geistigen Wert verloren; solange nämlich, als man dem Begriff des Geistes seine wahre Bedeutung belässt, und sich weigert, dem »rationalistischen« Irrtum der Identifikation des Geistes mit dem Verstand zu folgen, oder, was auf dasselbe hinausläuft, die geistige Intuition vollständig zu leugnen. Die Wurzel dieses Irrtums, wie auch vieler anderer Irrtümer der Moderne, und der Grund für die gesamte Verirrung der Wissenschaft, die wir eben beschrieben haben, liegt in etwas, das man als »Individualismus« bezeichnen kann, einer Haltung, die von der antitraditionellen Einstellung nicht unterscheidbar ist und deren vielfältige Manifestationen in allen Bereichen einen der wichtigsten Faktoren der Verwirrung unserer Zeit ausmacht. Wir werden daher im Folgenden diesen Individualismus näher untersuchen.

Um Missverständnisse zu vermeiden, sei darauf hingewiesen, dass der Übersetzer nicht notwendigerweise die Ansichten des übersetzten Autors teilt.

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