Illusionäre Allianzen: Traditionalisten und der Faschismus

Der Verwicklung einzelner Traditionalisten in die konservative Revolution und den Faschismus widmet Sedgwick in seiner Untersuchung ein eigenes Kapitel. Die Annäherungsversuche der Traditionalisten an die faschistischen Regime in Deutschland, Italien und Rumänien gingen nicht von diesen Regimen aus und führten meist nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Der Aufstieg der extremen Rechten in Europa vor dem Beginn des II. Weltkriegs berührte Guénon, Schuon, Burckhardt, Reyor und Thomas wenig, da sie in Ägypten, der Schweiz und Frankreich lebten. Die Entwicklung des Traditionalismus in Italien und Rumänien spielte sich in einem völlig anderen politischen Rahmen ab. Faschistische Regime kamen in Italien 1922 (mit Mussolinis Marsch auf Rom) und in Rumänien 1940-41 (mit dem Eintritt Hori Simas in die Regierung) an die Macht, in Deutschland 1933 (mit Hitlers Wahlsieg). Personen mit okkultistischen Neigungen waren in die frühe Phase der Entwicklung der faschistischen Regime in allen drei Ländern verwickelt, auch wenn sie bei dieser Entwicklung keine zentrale Rolle spielten. Im Gegensatz zu Frankreich oder der Schweiz suchte der Traditionalismus in Italien und Rumänien Verbindungen zur Politik.

Die Anfänge der Nazipartei

1913 kehrte von Sebottendorff nach fast 25 Jahren in der Türkei in sein Geburtsland zurück. Er hoffte, unter den materialistischen Deutschen seinen Schlüssel zur spirituellen Selbstverwirklichung verbreiten zu können. Aber von Sebottendorff wurde enttäuscht. Nachdem er eine Reihe okkultistischer und spiritistischer Gruppen als mögliche Träger seiner Botschaft geprüft hatte, zog er sich entmutigt zurück. Aber 1916 sah er bei seinem Anwalt eine mit Runen geschmückte Zeitungsanzeige, die für eine damals unbekannte Gruppe, den Germanen-Orden, warb. Voller Hoffnung wandte sich Sebottendorff an den Leiter der Gruppe. Er glaubte, endlich das Instrument zur Verbreitung seiner Botschaft gefunden zu haben. Der Orden strebte die »innere Wiedergeburt« Deutschlands an und bekämpfte den Einfluss des Judentums. Sebottendorff war bereit, zu helfen, da den Deutschen seiner Ansicht nach die »Einheit des Glaubens« fehlte und sie daher eine andere Einheit, nämlich die der »Rasse« anstreben müssten.

Rudolf Freiherr von Sebottendorff

Rudolf Freiherr von Sebottendorff

Vermutlich hielten die Verantwortlichen des Germanen-Ordens Sebottendorffs Schlüssel zur geistigen Selbstverwirklichung, falls sie ihn überhaupt zur Kenntnis nahmen, für eine Spinnerei. Eine von der Kabbala inspirierte Interpretation der Freimaurerei war für völkische Antisemiten Anathema. Der Germanen-Orden stand in loser Verbindung mit dem von Guido von List in Wien gegründeten Armanen-Orden, einer pseudo-okkultistischen Gruppe, die sich auf die Theosophie und eine von List praktizierte Form der angeblichen Hellsicht stützte, die er als »Erberinnerung« bezeichnete. Der Germanen-Orden beanspruchte eine Herkunft von den Tempelrittern und wollte die Wissenschaft der Runen und die Verehrung Wotans erneuern sowie ein arisch dominiertes Reich aufrichten, das sich auf ein wiedergeborenes deutsches Rittertum stützen sollte. Die Interessen des Germanen-Ordens waren hauptsächlich rassischer Natur, und vermutlich waren die Anführer mehr an Sebottendorffs Angebot interessiert, seine Zeit zur Verfügung zu stellen, und noch mehr an seinem Geld, als an seinem Schlüssel zur spirituellen Selbstverwirklichung.

Sebottendorff wurde trotzdem zum Ordensmeister in München ernannt, wo der Germanen-Orden unter dem Namen »Thule-Gesellschaft« aktiv war. Er hielt vor den Mitgliedern Vorträge über »Astrologie, Symbolik und Runenlehre« und begründete die Zeitschrift »Die Runen«. Aber der Anführer des Germanen-Ordens verlangte nach stärker politisch ausgerichteten Aktionen. Sebottendorff kaufte daraufhin den »Münchner Beobachter«, eine lokale Wochenzeitung. Nachdem er ihn in »Münchner Beobachter und Sportblatt« umbenannt hatte, begann er mit seiner Herausgebertätigkeit in der gewünschten Richtung. Zu diesem Zeitpunkt fragte er sich allerdings, ob er, der nie etwas mit Politik zu tun haben wollte, und an die Menschenrechte glaubte, als Herausgeber eines antisemitischen Wochenblatts enden sollte. Sebottendorff empfahl einem Mitglied der Thulegesellschaft, dem Sportjournalisten Karl Harrer, eine politische Gruppe zu gründen, die sich an die Arbeiterschaft richtete. Diese Gruppe, die zuerst »Deutscher Arbeiterverein« hieß, wurde bald in »Deutsche Arbeiterpartei« umbenannt.

Nach dem Ende der bayrischen Räterepublik verließ Sebottendorff die Thulegesellschaft. Bei einem Scharmützel zwischen der Räterepublik und ihren Gegnern im Jahr 1919 wurden zehn Geiseln von den Soldaten der Räteregierung erschossen, unter welchen sich sieben Mitglieder der Thulegesellschaft befanden. Die bayrischen Räte waren in den Besitz der Mitgliederlisten gelangt. Dafür und für den Tod der sieben Angehörigen der Thulegesellschaft wurde Sebottendorff von anderen verantwortlich gemacht – er selbst schrieb sich ebenfalls eine Mitschuld zu. Er verließ München Richtung Freiburg, später ging er in den Harz und kehrte 1922 in die Türkei zurück.

1919 schloss sich Hitler der Deutschen Arbeiterpartei an, warf 1920 den Journalisten Harrer hinaus und übernahm selbst die Leitung. Später fügte er den Begriff »nationalsozialistisch« zum Parteinamen hinzu. Der »Münchner Beobachter« wurde in »Völkischer Beobachter« umbenannt und entwickelte sich zum Nazi-Äquivalent der »Prawda«. In der Nazipartei finden sich keinerlei Spuren von Sebottendorffs Lehren. Hitler selbst stand jeder Art von Okkultismus ablehnend gegenüber. Sein oberflächliches Interesse an Wotan und den alten Germanen stammte aus seiner Liebe zu Wagneropern.

Von Sebottendorff spielte bei den Ereignissen, die 1933 zum Sieg der Nationalsozialisten führten, keine Rolle. Aber 1933 kehrte er nach München zurück und veröffentlichte ein Buch mit dem Titel »Bevor Hitler kam. Urkundliches aus der Zeit der nationalsozialistischen Bewegung«, um an seine Rolle bei den Ereignissen von 1918 und 1919 zu erinnern. Die erste Auflage des Buches verkaufte sich gut, aber Hitler wurde auf es aufmerksam und reagierte wenig begeistert. Die zweite Auflage wurde konfisziert, Sebottendorff gefangen genommen und in ein Konzentrationslager gesteckt.

Doch da er aus seinen früheren Tagen in Deutschland er an bestimmten Stellen noch Sympathien genoss, wurde er aus dem Lager entlassen und durfte in die Türkei zurück, wo er Zahlungen des deutschen Militärgeheimdienstes erhielt. Herbert Rittlinger, sein Führungsoffizier während des II. Weltkriegs, schrieb allerdings später, als Agent sei er eine »Null« gewesen. Ungeachtet dieser Tatsache erhöhte Rittlinger die gelegentlichen Zuwendungen in eine respektable Summe, zum Teil, um sich Sebottendorffs Loyalität zu erkaufen, zum Teil, weil er Mitleid mit diesem befremdlichen, mittellosen Mann hatte, dessen Geschichte er nicht kannte, der aber Begeisterung für die Nazis und Bewunderung für die SS bekundete, in Wahrheit aber an beidem wenig interessiert war und lieber über die Tibeter sprach.

Nach 1945 soll Sebottendorff vom türkischen Geheimdienst, für den er gearbeitet habe, vor neugierigen Nachforschungen abgeschirmt worden und 1950 in Ägypten gestorben sein.

Sebottendorff trägt keinerlei Verantwortung für die Nazipartei. Hätte die Deutsche Arbeiterpartei, die Sebottendorff anfangs leitete, nicht existiert, dann hätte Hitler eine andere Partei übernommen und hätte der »Münchner Beobachter« nicht existiert, dann hätte Hitler eine andere Zeitung übernommen oder begründet. Sedgwick schenkt auch Sebottendorffs gelegentlichen Beteuerungen Glauben, dass er weder besonders politisch noch antisemitisch war, da sie aus einer Zeit stammen, lange bevor er aus ihnen irgendwelche Vorteile hätte ziehen können. Es gehörte eine außerordentliche Naivität dazu, zu glauben, der Germanen-Orden ließe sich als Instrument zur Verbreitung eines kabbalistischen Schlüssels zur spirituellen Selbstverwirklichung nutzen. Sebottendorff war aber nicht der einzige, der versuchte, nationalistische und rechtsgerichtete politische Organisationen für seine eigenen spirituellen Ziele zu nutzen.

Evola, Mussolini und die SS

Einen vergleichbaren Versuch unternahm zuerst in Italien und dann in Deutschland Julius Evola. Evolas Name wurde später von vielen mit jenem Guénons verknüpft und beide wurden zu Begründern des Traditionalismus erklärt. Evola war tatsächlich Guénons wichtigster Mitarbeiter, wichtiger sogar als Coomaraswamy. Aber während Coomaraswamy den Traditionalismus mit Fleisch versah, führte ihn Evola in eine neue Richtung.

Julius Evola

Julius Evola

Evola wurde etwa 1927 durch Arturo Reghini, einen Mathematiker und Maurer, der zu den Briefpartnern Guénons gehörte, in den Traditionalismus eingeführt. Die beiden gaben damals eine okkultistisch angehauchte Zeitschrift mit dem Namen »UR« heraus. Evola kannte bereits Guénons »Allgemeine Einführung in das Studium der Lehren des Hinduismus«, war von ihr aber nicht sonderlich beeindruckt. Erst um 1930, als Reghini und Evola bereits nicht mehr miteinander sprachen, erkannte Evola die Bedeutung von Guénons Werk. Später bezeichnete er ihn als den »unerreichten Meister unserer Epoche«.

Evolas wichtigstes traditionalistisches Werk war die »Revolte gegen die moderne Welt« (1934), das mit seinem Titel auf die »Krisis der modernen Welt« Guénons anspielt. Der Unterschied im Titel macht zugleich den Unterschied zwischen den beiden Autoren deutlich: während Guénon versuchte, die Krise die er sah, zu erklären, wollte Evola die Zustände verändern.

Evola scheint ein beträchtliches Vermögen besessen zu haben, da er nie irgendeiner Berufstätigkeit nachgehen musste. Vor dem Krieg betätigte er sich als Maler, danach gehörte er zu den Mitarbeitern der dadaistischen Zeitschrift »Revue bleu« und organisierte zwei Ausstellungen – die erste in Italien, die zweite in Berlin. Er schrieb außerdem zwei Bücher, die 1920 vom führenden Dadaisten in der Schweiz, Tristan Tzara, veröffentlicht wurden. Das eine war poetisch und theoretisch (»Arte astratta«), das andere rein poetisch (»La parole obscure du paysage interieure«). Wie Aguéli vor ihm, begann sich Evola für die Theosophie zu interessieren und hörte wie dieser wegen seiner spirituellen Interessen auf zu malen. Aber im Unterschied zu Aguéli fing er nie mehr damit an und als Maler ist er nur Kunsthistorikern bekannt, die sich mit dem Dadaismus beschäftigen.

Evola schloss sich zunächst der unabhängigen »theosophischen Liga« an, die Reghini und Decio Calvari begründet hatten. Durch diese Liga und Calvari entdeckte Evola die orientalischen Religionen. Durch Reghini lernte er die westliche Esoterik in nahezu allen Spielarten kennen. Reghinis Interessen waren vielfältig und schlossen – neben der Maurerei – Pythagoras, die Katharer, das römische Heidentum und die Magie ein. All dies und noch viel mehr fand sich in der Zeitschrift »UR«, für die Reghini schrieb, und die Evola in den beiden Jahren ihrer Existenz (1927-29) herausgab. Die Zeitschrift veröffentlichte nicht nur Übersetzungen tantrischer, buddhistischer und hermetischer Texte, sondern zielte auch in eine neue Richtung, den Neopaganismus. Für das römische Heidentum interessierte sich auch Guido de Giorgio, ein weiterer traditionalistischer Bewunderer Guénons, mit dem Evola Kontakt hatte.

Sibilla Aleramo

Sibilla Aleramo

Dem Evola dieser Epoche setzte der Roman »Amo, dunque sono« (»Ich liebe, also bin ich«, 1927) von Sibilla Aleramo ein Denkmal. Aleramo begegnete Evola 1925 und wurde seine Geliebte, obgleich er 22 Jahre jünger war. Evola liegt dem Charakter von Bruno Tellegra zugrunde, einem Magier, der ein altes Schloss in Kalabrien bewohnt. Angesichts der späteren politischen Laufbahn Evolas hält es Sedgwick für bemerkenswert, dass Aleramo, eine Feministin, die wegen ihrer vielen Liebhaber gerühmt wurde und mit Maxim Gorki, Auguste Rodin und Guillaume Apollinaire befreundet war, ihr Leben lang Kommunistin blieb.

Evola erklärte später, zwei Philosophen seien neben Guénon für jenen Traditionalismus von Bedeutung gewesen, den er in der »Revolte gegen die moderne Welt« entwickelte: Friedrich Nietzsche und Johann Jakob Bachofen. Vom ersteren übernahm er den Begriff des »Übermenschen« und vom letzteren eine wenig bekannte Typologie »uranischer« und »tellurischer« Kulturen.

Schon in seiner Jugend war Evola von den Angriffen Nietzsches auf die bürgerlichen und christlichen Werte beeindruckt – was bei einem künftigen Dadaisten nahe lag, da der Dadaismus auf seine Weise auszog, die Bourgeoisie zu zertrümmern. Aber am meisten interessierte Evola der »Übermensch«, die »absolute Individualität«. Dies zeigte sich an seinem ersten Werk nach seiner dadaistischen Phase, der »Teoria dell’individuo assoluto« (»Theorie des absoluten Individuums«, 1924). Zu diesem Zeitpunkt hatte Evola die Malerei bereits aufgegeben und dachte über eine Karriere in der Philosophie nach, da er seine Theorie des absoluten Individuums »mit dem notwendigen wissenschaftlichen Apparat versah und im üblichen akademischen Jargon verfasste«. Aber er fand keinen Verleger für das Buch und scheint die Idee einer akademischen Karriere bald aufgegeben zu haben, so wie Guénon, nachdem seine Doktorthese zurückgewiesen worden war. Das Buch wurde erst 1927 veröffentlicht, aber da hatte sich Evola schon weiter bewegt. Trotz seines Desinteresses an der akademischen Welt kamen die meisten seines folgenden Bücher akademischen Standards näher als jene Guénons.

Johann Jakob Bachofen

Johann Jakob Bachofen

Bachofen war Lehrer für römisches Recht an der Universität Basel und Geschichtsphilosoph gewesen. Er glaubte, kulturelle Kräfte beeinflussten Geschichte und Recht nicht minder stark, als politische oder ökonomische. Aufgrund seiner Forschungen zur antiken Mythologie entwarf er eine Entwicklungstheorie der Geschichte. Nach Bachofen hatte sich die menschliche Gesellschaft von frühen matriarchalen, im wesentlichen sinnlichen Kulturen zu geistigen, patriarchalen fortentwickelt. Diese Typologie war nicht nur die Grundlage für Evolas Polarität des »Tellurischen« und »Uranischen«, sondern auch für Nietzsches Begriffspaar des »Dionysischen« und »Apollinischen«. Interessanterweise war Nietzsches Beziehung zu Bachofen durch Jakob Burckhardt vermittelt, den Basler Historiker, den Nietzsche sehr bewunderte und von dem einer der Hauptmitarbeiter Schuons, Titus Burckhardt, abstammte. Bachofen wurde auch von Anthropologen am Ende des 19. Jahrhunderts und von Friedrich Engels geschätzt (der ihn bei seiner Diskussion des Ursprungs der Familie zitierte). Aber um 1900 war seine Grundthese vom Ursprung aller Kulturen im Matriarchat diskreditiert und sein Werk ist heute weitgehend vergessen.

Als Traditionalist wies Evola Bachofens evolutionäre These zurück. Auch wenn für Evola weiblich-tellurische und männlich-uranische Qualitäten eine Polarität darstellten, ging er davon aus, dass es einen Abstieg vom Uranischen zum Tellurischen gegeben habe. Als Nietzscheaner betonte er die Aktion, die er als uranische Qualität betrachtete und mit dem hinduistischen Begriff des »kshatriya« (Kriegers) in Beziehung brachte. Er meinte, die Kasten der Brahmanen und der Kshatriyas seien ursprünglich eins gewesen und hätten sich erst getrennt, als der Verfall der primordialen Tradition einsetzte. Dieser Niedergang führte laut Evola »zur Entsakralisierung der Existenz: zum Individualismus und Rationalismus, dann zum Kollektivismus, Materialismus und Mechanismus, um schließlich die Schleusen für jene Kräfte zu öffnen, die sich nicht über dem Menschen, sondern unter ihm befinden.« Gleichzeitig wirkte das Gesetz der »Regression der Kasten«, was die Macht von der Priester- und Kriegerkaste auf die der Händler übergehen ließ (wie in den bürgerlichen Demokratien), um am Ende bei der Sklavenkaste zu landen (wie in der Sowjetunion). Die primordiale heilige Kaste war uranisch und vorchristlich; der Katholizismus mit seinem »nichttraditionellen« Begriff eines persönlichen Gottes tellurisch und für die Moderne charakteristisch.

Evolas Analyse der Moderne ist eine Spielart der traditionalistischen Philosophie. Am stärksten unterscheidet sich Evola von Guénon in seinen Zukunftsperspektiven. Für Guénon war die Umwandlung des Individuums durch Initiation der Weg, um das Abendland als Ganzes mittels einer Elite zu erneuern. Evola sprach sich nie so genau aus, vielleicht mit Absicht, aber er beschwor die Selbstverwirklichung durch die Reintegration des Menschen in einen Zustand der Zentralität als absolutes Individuum, was durch uranische Aktion erreichbar sei. Diese vage Idee wird jedoch höchst unterschiedlich interpretiert.

Aus Evolas Sicht war die Transformation des Individuums nicht das Mittel, sondern das Ergebnis einer Umwandlung der Gesellschaft. Auch wenn er bis zum Ende seines Lebens unsicher war, wie die individuelle Selbstverwirklichung zu erreichen sei, scheinen seine Ansichten über die Umwandlung der Gesellschaft von Anfang an festgestanden zu haben. Diese Ansichten traten 1920 deutlich hervor, als er sich für das faschistische Regime engagierte. Bei diesem Engagement folgte er dem Vorbild Reghinis, der darauf hoffte, die neue politische Elite spirituell erziehen zu können.

Evola schrieb später, er habe Ende der 1920er Jahre mit Mussolini sympathisiert, weil er mit jedem sympathisiert hätte, der sich dem demokratischen Regime und der politischen Linken nach dem I. Weltkrieg entgegengestellt haben würde. Aber ihm missfielen die zwielichtigen Ursprünge der Schwarzhemden und der faschistische Nationalismus. Mussolini verzieh er jedoch seine »sozialistische und proletarische Herkunft«, als dieser »vom Ideal des römischen Staates und Imperiums« sprach und davon, einen neuen Typus des Italieners zu schaffen, der diszipliniert, männlich und kämpferisch sei. Den »neuen« Typ des Italieners könnte man auch als »absolutes Individuum« verstehen und den »männlichen« Typus als »uranisch«.

Evolas erste bekannte Aktivität als Traditionalist stellt sein Versuch dar, die faschistische Gesellschaft zum Traditionalismus zu führen. Diese Unternehmung war weniger absurd als Sebottendorffs Verbindung mit dem Germanen-Orden, aber der ältere Evola gestand ein, es habe ihm damals an taktischem Geschick gefehlt – in Wahrheit fehlte es ihm an gesundem Menschenverstand.

Arturo Reghini

Arturo Reghini

1929 wurde die Zeitschrift UR infolge eines Streits zwischen Reghini und Evola eingestellt – Evola beschuldigte Reghini, UR für maurerische Ziele zu missbrauchen, und Reghini Evola, seine Ideen für den »Imperialismo pagano« gestohlen zu haben, den Evola 1928 publizierte. Beide Anschuldigungen waren gerechtfertigt. 1930 brachte Evola ein neues Periodikum, »La Torre« (»Der Turm«) heraus, mit dem Untertitel »Zeitschrift für die vielen Ausdrucksformen der Einen Tradition«. In mancher Hinsicht glich die Zeitschrift den »Études traditionelles«. Reghini beteiligte sich nicht, aber Evolas Hauptmitarbeiter Guido de Giorgio, der einige Zeit mit Sufis in Tunesien verbracht hatte, stand Guénon näher als Reghini. Gleichzeitig unterschied sich Evolas neue Zeitschrift radikal von Guénons »Studien zum Traditionalismus«. In der ersten Ausgabe sprach Evola davon, der Traditionalismus müsse alle Bereiche des Lebens durchdringen und er sei »kein Zufluchtsort für mystische Sehnsüchte, sondern ein Nest des Widerstands, des Kampfes und des höheren Realismus«. »In dem Ausmaß, in dem der Faschismus diesen traditionalistischen Ideen folgt und sie verteidigt«, erklärte er, »können wir uns selbst als Faschisten betrachten. Das ist alles.« In einer späteren Ausgabe ging er noch weiter und rief nach einem »radikaleren, unerschrockeneren Faschismus, einem wirklich absoluten Faschismus, der aus reiner Kraft besteht und sich auf keine Kompromisse einlässt« – das heißt, einem Faschismus, der mehr mit Evolas eigener Philosophie übereinstimmte, als mit dem, was damals diesen Namen trug. Der Kompromiss, den Evola am meisten bedauerte und den er dem italienischen Faschismus vorwarf, war der mit der Bourgeoisie.

Dies war nicht das erste Mal, dass Evola versuchte, in den faschistischen Diskurs einzugreifen. Sein erster Versuch fand in den Jahren 1916 und 1927 statt, bevor er seine Ansichten unter dem Einfluss des Traditionalismus geändert hatte. In einer Reihe von Artikeln in der »Critica Fascista«, einem der intellektuelleren Organe der faschistischen Partei, argumentierte Evola, das römische Heidentum sei eine bessere Grundlage des Faschismus als das Christentum. Dieser Ansicht widersprachen der Vatikan und viele andere, da sie in einem halboffiziellen Organ erschien und Evola verschwand schnell aus den Reihen der Mitarbeiter. Davon nicht entmutigt, verfasste er seinen »Imperialismo pagano. Il fascismo dinnanzi al pericolo euro-christiano« (»Heidnischer Imperialismus. Der Faschismus angesichts der eurochristlichen Gefahr«) ein Buch von 160 Seiten, in dem er die umstrittene These weiter entwickelte. Evola schlug nun vor, die katholische Kirche vollkommen zu entmachten und sie dem Staat unterzuordnen. Der »heidnische Imperialismus« genoss keinerlei offizielle Unterstützung und rief, als er 1928 erschien, wenig Interesse hervor. 1929 unterzeichnete Mussolini ein Konkordat mit der katholischen Kirche.

Die faschistische Partei reagierte auf die Vorschläge Evolas im Jahr 1930 sogar noch ablehnender als auf jene aus dem Jahr 1928. Die erste Ausgabe von »La Torre« wurde von der etablierten faschistischen Presse einhellig verurteilt, Drohungen gegen sein Leben und der Rat der Polizei, das Publizieren zu unterlassen, folgten. Evola ignorierte diesen Rat, aber nach der fünften Ausgabe, in der er nach einem »radikaleren Faschismus« gerufen hatte, verbot die Polizei Evolas Drucker, weitere Ausgaben der Zeitschrift zu produzieren. Evola appellierte an das Innenministerium, aber dieses weigerte sich, etwas zu unternehmen und »La Torre« wurde eingestellt.

Für kurze Zeit zog sich Evola von der Politik zurück, um sich seinem »ersten traditionalistischen Buch«, »La tradizione ermetica« (1931) zuzuwenden. De Giorgio, den Evola als manisch-depressiv beschrieb, zog sich in eine verfallene Abtei in den Alpen zurück, wo er den größten Teil seines restlichen Lebens verbrachte. Er lebte dort fast den ganzen II. Weltkrieg über und arbeitete an seinem Buch »La tradizione romana«, einem Buch, in dem er die römische Religion mit dem Christentum, dem Vedanta und dem Islam zu versöhnen versuchte. Es war noch immer unveröffentlicht, als Giorgio sich 1959 erhängte. Erst 1973 wurde es publiziert.

1932 brachte Evola ein weiteres traditionalistisches Werk heraus, »Maschera e volto dello spiritualismo contemporaneo. Analisi critica delle principali correnti moderne verso il ›sovrannaturale‹« (»Masken und Antlitze des zeitgenössischen Spiritualismus. Eine kritische Analyse der Hauptströmungen des modernen ›Supranaturalismus‹«). Dieses Buch fußte auf den beiden anti-okkultistischen Büchern Guénons – »Théosophisme« und »Erreurs spirite« – aber es dehnte Guénons Attacken auf Steiners Anthroposophie und Krishnamurti aus. Evola fügte eine neue Abteilung hinzu, in welcher er die Freudsche Psychoanalyse angriff, die er als »Inversion« betrachtete, die fälschlicherweise »die unterpersönliche und irrationale Grundlage des Menschenwesens« bevorzuge. Dass man den Freudianismus kaum als Supranaturalismus bezeichnen kann, ist vermutlich der Grund dafür, warum der Ausdruck »sovrannaturale« (»Übernatürliches«) in der folgenden Ausgabe in »sovrasensibile« (»Übersinnliches«) geändert wurde.

»Maschera e volto« ist besonders interessant wegen Evolas Auseinandersetzung mit dem Okkultismus – er definierte diesen als »eine Manie für dunkle Sprache«. Diese Definition ist weitaus enger, als jene Guénons. Evola unterschied außerdem zwei Formen der Magie, eine »degenerierte«, die er verurteilte, und eine, die er nicht verurteilte, da er sie selbst praktizierte. Degenerierte Magie ist laut Evola durch einen exzessiven Ritualismus gekennzeichnet, und durch den »Gebrauch von Formeln und Riten, die Wesen und Kräfte objektivieren.«

Evolas spirituelle Praxis schloss mit Sicherheit Elemente der Hermetik ein, die er grundsätzlich der degenerierten Magie gegenüberstellte. Die hermetische Disziplin, die Evola am meisten interessierte, war die Alchemie. Aber er verstand darunter nicht die »infantile Form« der Chemie, die man gewöhnlich in ihr sah, sondern eine »initiatische Wissenschaft, die in einer metallurgisch-chemischen Verkleidung« auftrat. Diese Interpretation der Alchemie sollte später vom vielgelesenen brasilianischen Schriftsteller Paulo Coelho in seinem Buch »Alquimista« (»Der Alchemist«) popularisiert werden.

Maria de Naglowska

Maria de Naglowska

Zur Alchemie kann man mit ziemlicher Sicherheit eine Form des Neuheidentums und die Sexualmagie hinzufügen. Bevor er Traditionalist wurde, hatte Evola eine geheime Gruppe von etwa fünfzehn Menschen geleitet, die um die Zeitschrift UR geschart war. Diese schloss Maria de Naglowska ein, eine Autorin russischer und polnisch-jüdischer Herkunft, die später nach Paris gezogen war, wo sie in den 1930er Jahren eine okkultistische Gruppe leitete und für ihre sexualmagischen Praktiken bekannt wurde. Es scheint daher nahezuliegen, dass Evolas eigene Praxis die Sexualmagie einschloss. Außerdem wäre es sonderbar, wenn der Autor des »heidnischen Imperialismus« nie in irgendwelche heidnischen Praktiken verwickelt gewesen wäre, auch wenn er später das römische Heidentum als eine »rein politische und juristische Angelegenheit« verwarf, die lediglich »von einem Firnis abergläubischer Praktiken und Kulte« bedeckt war.

1967, gegen Ende seines Lebens, fragte Henry Hartung, ein französischer muslimischer Traditionalist, Evola, wie denn die Selbstverwirklichung erreicht werden könne. Evola antwortete, Initiation sei die einzige Möglichkeit, »aber welche, unter welchen Bedingungen?« Anderswo deutete er an, Guénons persönlicher Weg biete Menschen sehr wenig, die nicht zu Muslimen und Orientalen werden wollten, etwas was Evola auf keinen Fall wollte. Damit schnitt er sich selbst von einem Zentralelement der spirituellen Praxis des Traditionalismus ab. Im Gespräch mit Hartung nannte er sechs Alternativen zur Initiation: Bildung, Loyalität (definiert als »innere Neutralität, Gegensatz zu Heuchelei«), Rückzug, »männliche Energie«, »symbolische Visualisierung« und »innere Sammlung«. Sedgwick nimmt an, dass Evola all diese Methoden irgendwann selbst ausprobiert hat.

Aber die eigentliche Bedeutung Evolas liegt weniger in seiner spirituellen Praxis, als in seinen Schiften und seiner politischen Aktivität. 1933 erhielt er das Angebot, eine Seite über »spirituelle Probleme der faschistischen Ethik« in der führenden faschistischen Zeitung »Regime Fascista« zu betreuen, die von einem der wenigen alten Faschisten herausgegeben wurde, der in Evolas Augen der allgemeinen Tendenz zur Servilität gegenüber Mussolini wiederstanden hatte. Er sah darin eine neue Chance, den italienischen Faschismus auf den Pfad des Traditionalismus zu führen. Nahezu jeden Tag bis zum Untergang des Regimes 1943 sprach nun ein von Evola ausgewählter Kolumnist – manchmal sogar Guénon – das italienische Publikum auf dieser Seite an. Die Reaktion, wenn es denn eine gab, war im allgemeinen negativ und Evola verlor allmählich alle Illusionen über das Potential des italienischen Faschismus. Später schrieb er: »Manche sagen, der Faschismus habe Italien ruiniert. Ich würde im Gegenteil sagen … dass es die Italiener waren, die den Faschismus ruiniert haben, und zwar in dem Sinn, dass Italien unfähig gewesen zu sein scheint, ein angemessenes Menschenmaterial für die Möglichkeiten des Faschismus bereit zu stellen …, das entsprechend hätte entwickelt werden können, um die negativen Tendenzen zu neutralisieren.«

Zwar musste Evola die Hoffnung aufgeben, Italien mit Hilfe des Faschismus zu traditionalisieren, aber er glaubte eine gewisse Zeit, er könnte in Deutschland mehr Erfolg haben. 1933, als Hitler an die Macht kam, erschien in Leipzig eine deutsche Ausgabe des »Heidnischen Imperialismus«. Dabei handelte es sich nicht bloß um eine Übersetzung, sondern um eine überarbeitete und erweiterte – man könnte sagen traditionalisierte – Ausgabe, die sich so sehr vom Original unterschied, dass das Buch 1991 ins Italienische zurückübersetzt wurde. Der »Heidnische Imperialismus« wurde in Deutschland sehr gut aufgenommen und in Zeitungen wie der »Literarischen Welt« oder der »Völkischen Kultur« positiv rezensiert. Evola gestand später ein, ein Teil dieses Interesses sei aus dem Missverständnis entsprungen, er sei der führende Repräsentant einer alternativen Strömung des italienischen Faschismus – man habe nicht bemerkt, dass er »ein Feldherr ohne Truppen« war. Was auch immer der Grund sein mochte, das Interesse war echt und Evola wurde nach Deutschland eingeladen. Sein Hauptgastgeber war der reiche Industrielle Ludwig Roselius, der Sohn des Begründers von Kaffee HAG.

Evola traf 1934 voller Hoffnung in Deutschland ein. Er glaubte, Deutschland sei ein Land, in dem das »Gesetz der Regression der Kasten« weit weniger gewirkt habe, in dem die militärische Kaste (in Gestalt der preußischen Militärtradition, der Junkerklasse und des überlebenden Adels) sich besser erhalten habe, als anderswo in Europa. Er nahm an einem nordisch-heidnischen Treffen teil, das sein Gastgeber organisierte, dem zweiten nordischen Thing. Dann sprach er vor dem »Herrenklub« in Berlin, einer wichtigen ultrakonservativen politischen Gruppierung, dem Industrielle wie Fritz Thyssen, Friedrich Flick sowie Politiker wie Hjalmar Schacht und Franz von Papen angehörten. Das nordische Thing war eine Enttäuschung, sowohl für Evola, der fand, es sei zu politisch und zu wenig spirituell, als auch für die Nordische Bewegung, die es als einen Fehler beschrieb, der nicht wiederholt werden sollte. Der Herrenklub hingegen begeisterte Evola: »Dort bewegte ich mich in meinem natürlichen Milieu.«

1935 erschien eine deutsche Übersetzung von Evolas Hauptwerk unter dem Titel »Erhebung wider die moderne Welt«. Auch sie wurde positiv rezensiert, wenngleich Hermann Hesse in einem privaten Brief an seinen Verleger bemerkte, es sei ein »wirklich gefährliches Buch«. 1936 kehrte Evola erneut zu den Germanen zurück, diesmal nach Wien, um vor dem Kulturbund des Prinzen Karl Anton von Rohan zu sprechen. Das war das Gegenstück des Berliner Herrenklubs, aber mit einem stärker katholischen Einschlag und einem Enthusiasmus für paneuropäische Ideen. Zu seinen Mitgliedern gehörte einer der seltenen österreichischen Traditionalisten, Walter Heinrich. Von Mitgliedern des Bundes finanziert, reiste Evola weiter nach Ungarn und Rumänien, wo er sich mit dem Anführer der Legion des Erzengels Michael traf (dazu später).

Infolge dieser Besuche veröffentlichten Evola und seine deutschen und österreichischen Freunde gegenseitig ihre Werke. Deutsche und österreichische Ultrakonservative erschienen im »Regime Fascista« und Evola in der »Europäischen Revue« des Prinzen von Rohan. Auch wenn die näheren Umstände unklar sind, hatte sich Evola hier mit einer politischen Bewegung von potentieller Bedeutung eingelassen, die weit empfänglicher für seine Ideen war, als die faschistische Partei Italiens – worauf auch die Gegnerschaft gegen diese Kontakte in den faschistischen Kreisen Italiens hindeutet, die fast dazu führte, dass ihm der Pass entzogen wurde.

Auch wenn es keinen direkten Hinweis auf die Ziele gibt, die Evola durch diese Allianz verfolgte, kann man sie laut Sedgwick aus einem Buch ableiten, das er 1937 veröffentlichte. Es hieß »Il mistero del Graal e la tradizione ghibellina dell’Imperio« (»Das Geheimnis des Grals und die ghibellinische Tradition des Imperiums«).

»Das Geheimnis des Grals« baute Betrachtungen aus, die er erstmals in der »Revolte gegen die moderne Welt« angestellt hatte. Die Rede war vom Heiligen Gral, auch wenn Evola den Ausdruck »heilig« nicht verwendete, da er die christlichen Elemente im Gralsmythos als spätere Zutaten betrachtete, die verworfen werden müssten. Der Gral, so Evola, »symbolisiert das Prinzip einer Kraft, die unsterblich macht und über das Irdische hinausführt, die mit einem primordialen Zustand verbunden, aber in der gegenwärtigen Phase der Involution oder Dekadenz trotzdem gegenwärtig ist … Das Geheimnis des Grals ist das Geheimnis der Initiation des Kriegers.« Die Ghibellinen waren dem italienischen Publikum vertraut, sie befanden sich während des 13. Jahrhunderts mit den Guelfen in bitterer Fehde über die Kontrolle des nördlichen und zentralen Italien. Die Ghibellinen waren die Parteigänger des Kaisers und hauptsächlich Feudalherren, während die Guelfen hauptsächlich Händler und Anhänger des Papstes waren. Evola betrachtete den schließlichen Sieg der Guelfen als eine Stufe in der Regression der Kasten, bei der die Händler von den Kriegern die Macht übernahmen. Die Ghibellinen, die Gegner der katholischen Kirche, stellten die entgegengesetzte Tradition dar, die überlebenden vorchristlichen keltischen und nordischen initiatischen Traditionen, die der Gralsmythos symbolisierte.

Evola dachte also damals über eine italienisch-deutsche Allianz nach, die ein Orden repräsentieren sollte, der die nordische Initiation in sich aufnahm.

Aber er sollte erneut enttäuscht werden. Auch wenn die Nazipartei während ihres Aufstiegs zur Macht mit seinen neuen Freunden freundschaftliche Beziehungen gepflegt hatte, verloren die Nazis, als sie an der Macht waren, ihr Interesse an solchen Allianzen, gerade zu der Zeit, als Evola glaubte, er könne irgendetwas erreichen. 1934 hielt der Kanzler von Papen eine Rede in Marburg, die von seinem Privatsekretär und Redenschreiber, Edgar Julius Jung, einem Bekannten Evolas aus dem Herrenklub, verfasst worden war. Diese Rede enthielt Anspielungen auf die Ghibellinen und ein »Reich des Heiligen Geistes«, eine Art Heiligen Römischen Reiches, deren Quelle nur Evola sein konnte. Die Rede ist aber aus einem anderen Grund noch heute in Erinnerung: sie erhob Einspruch gegen den zunehmenden nazistischen Totalitarismus. Sie war einer der Anlässe der »Nacht der langen Messer«, die den Zugriff der Nazis auf die Macht sicherstellte und von Papen zur Resignation zwang. Ein Opfer dieser Nacht war von Papens Redenschreiber Jung, der auf Befehl Hitlers getötet wurde. Der Herrenklub überlebte nur, indem er sich in »Deutscher Klub« umbenannte, aber seine Bedeutung schwand. Evolas Wiener Freude, der Traditionalist Heinrich eingeschlossen, wurden unmittelbar nach dem Anschluss 1938 verhaftet. 1939 wurde von Papen als Botschafter in die Türkei abgeschoben. 1944 hatten sich die Beziehungen zwischen Evolas Partnern von 1934-36 und den Nazis so weiter entwickelt, dass zwölf ehemalige Mitglieder des Herrenklubs infolge des gescheiterten Attentats gegen Hitler vom 20. Juli exekutiert wurden.

Aber trotz dieser Widerstände gab Evola nicht auf. Er wandte seine Aufmerksamkeit nun der SS zu und soll 1938 auf der Wewelsburg, der SS-Ordensburg in Westphalen gesprochen haben, wo er einen Geheimorden vorgeschlagen habe, der an der Verwirklichung eines römisch-deutschen Imperiums arbeiten sollte. Der SS-Führer Heinrich Himmler ordnete die Untersuchung der Ideen Evolas durch den SS-Oberführer Karl Maria Willigut an, einen seiner persönlichen Schützlinge im SS-Rassen- und Siedlungshauptamt mit einem pseudo-okkultistischen Hintergrund. Willigut hatte die SS-Rune mit den gekreuzten Totenköpfen entworfen.

Aber sein Gutachten fiel für Evola nicht günstig aus. Willigut meinte, Evola gehe zwar von einem arischen Konzept aus, kenne aber »die prähistorischen germanischen Institutionen und deren Bedeutung nicht« und empfahl, Evolas utopischen Vorschlag abzuweisen. Diese Ablehnung wurde bei einer Sitzung gebilligt, an der Himmler selbst teilnahm, bei der auch beschlossen wurde, Evola künftig »den Zugang zu führenden Kadern der Partei und des Staates zu verwehren« und seinen Aktivitäten in Deutschland ein Ende zu setzen. Ironischerweise verlor Willigut selbst im folgenden Jahr den Zugang zur SS, als bekannt wurde, dass er die Zeit von 1924-27 in einem Salzburger Irrenhaus zugebracht hatte, da er unter Wahnvorstellungen litt (er hatte damals geglaubt, er sei der Erbe einer langen Reihe germanischer Könige, die von Gott abstammten).

Im Lauf eines Jahrzehnts hatte Evola versucht, drei unterschiedliche politische Gruppen auf die traditionalistische Linie zu bringen. Die zwei wichtigsten – die faschistische Partei Italiens und die SS – wiesen seine Vorstellungen zurück. Nur eine hatte ihn akzeptiert, die Ultrakonservativen, aber sie wurden von den Nazis entmachtet.

Evola scheint sich danach auf eine andere Taktik verlegt zu haben: die Einflussnahme auf eine Sachfrage, statt auf eine Gruppe von Menschen. Das Thema, das er wählte, war die Rassenlehre. Evola hatte bereits Artikel und kurze Abhandlungen zu diesem Thema veröffentlicht und eine historische Untersuchung zur Entwicklung der Rassentheorie im 19. und 20. Jahrhundert. 1941 veröffentlichte er eine umfangreiche »Synthese der Rassenlehre« (»Sintesi di dottrina della razza«). Oberflächlich betrachtet in Übereinstimmung mit den in Deutschland und Italien vorherrschenden Rassentheorien, war dieses Buch nach Sedgwick in Wahrheit ein radikaler Angriff auf sie, weil es sich »für eine spirituelle Definition der Rasse aussprach«. Im allgemeinen stimmte Evola den verbreiteten Verurteilungen der Juden zu, erklärte zu gleicher Zeit aber, die eigentliche Ursache des Problems sei spirituell und nicht ethnisch. »Arisch« oder »jüdisch« sollten keine biologischen Begriffe sein, meinte er, sondern »typische Haltungen bezeichnen, die nicht notwendigerweise in allen Individuen arischen oder jüdischen Blutes anzutreffen sind«. Der wirkliche Feind sei nicht der biologisch definierte Jude, sondern die »globale Subversion und der Anti-Traditionalismus«.

Endlich hatte Evola einen Fuß in der Tür. Mussolini las das Buch und es gefiel ihm so sehr, dass er Evola 1942 zu einem Treffen einlud. Seine Synthese, erzählte er Evola, eröffne einen Weg, um Italiens Rassenlehre mit der deutschen in Einklang zu bringen, und gleichzeitig eine spezifische Differenz aufrecht zu erhalten, nämlich die Idee einer »spirituellen Rasse«. Außerdem gefiel Mussolini die Vorstellung, es gebe eine arisch-romanische Rasse nordischen Ursprungs. Mussolini wies an, das Buch bekannt zu machen. »Eine Flut von Rezensionen erschien, beginnend mit dem pompösen ›Corriere della Sera‹ und anderen führenden Tageszeitungen, die sich zuvor niemals dazu herabgelassen hatten , sich mit meinen Büchern zu beschäftigen«, erinnerte sich Evola. Überraschend genug, wenn man die Kluft bedenkt, die Evolas Rassenidee von jener der Nazis trennte, gab es sogar eine deutsche Übersetzung, wenn auch mit dem vorsichtigen Titel »Grundrisse der faschistischen Rassenlehre«.

Evola nutzte seine Begegnung mit Mussolini, um von seinen deutschen Kontakten zu berichten und eine zweisprachige Zeitschrift mit dem Titel »Blut und Geist« vorzuschlagen. Ein detaillierter Plan wurde von Evola und Mitgliedern des Kulturministeriums ausgearbeitet, dem Mussolini zustimmte und Evola machte sich nach Berlin auf, nun als das, wofür er 1935 fälschlicherweise gehalten worden war: als Repräsentant einer alternativen Strömung innerhalb des italienischen Faschismus. In offiziellem Auftrag reisend, erhielt er nun eine Genugtuung für seine Zurückweisung durch die SS im Jahr 1938.

Aber dann ging alles schief. Das italienische Außenministerium berief Evola vorzeitig nach Hause zurück, zum Teil, weil die wirklichen Differenzen zwischen Evolas und Mussolinis Ansichten inzwischen deutlich geworden waren, zum Teil aufgrund von Alarmmeldungen, die über Reden eingingen, die er in Berlin hielt, in denen er angeblich davon sprach, die Italiener könnten entweder als nordisch oder mediterran klassifiziert werden. Nun schien er endgültig aufzugeben. Er begann ein Buch über den Buddhismus zu schreiben.

Ein Jahr später brach das faschistische Regime in Italien zusammen und Evola floh, zusammen mit vielen anderen Faschisten, nach Deutschland. Während der deutschen Besatzung kehrte er nach Rom zurück und floh erneut vor dem Einmarsch der Alliierten. 1945 war er in Wien, wo er der SS dabei half, internationale Freiwillige zu rekrutieren. Er wurde von einer Explosion erfasst, kurz bevor die Russen die Stadt besetzten und war seither von der Hüfte an abwärts gelähmt. Den Rest seines Lebens verbrachte er im Rollstuhl.

Im Endeffekt spielte der Traditionalismus weder im italienischen Faschismus noch im deutschen Nationalsozialismus eine bedeutende Rolle, trotz aller Bemühungen Evolas. Dies hatte auch damit zu tun, dass der späte Mussolini sich kaum mehr für Ideologie interessierte und Hitler sein eigener Ideologe war. Nach Segdwicks Auffassung waren Evolas elitäre Ideen mit dem Massencharakter des Faschismus und Nationalsozialismus kaum vereinbar, in der Praxis sowieso nicht und wohl auch nicht in der Theorie.

Von Evola wird oft behauptet, er sei Faschist gewesen, aber diese Charakterisierung ist nach Sedgwick kaum zutreffend – wenigstens nicht, wenn man sich an den ursprünglichen, genauen Sinn des Wortes »Faschist« hält. Er gehörte nie der faschistischen Partei an und kann kaum als Anhänger der Parteilinie bezeichnet werden. Seine Ansichten fanden weder bei den Faschisten noch bei den Nazis Zustimmung, abgesehen von der kurzen Periode des Jahres 1942, die mit der Konfiskation seines Passes endete.

Evolas Aktivitäten während des Faschismus zerfallen in zwei Perioden. Die erste dauerte von seinen ersten Artikeln über das Heidentum 1926 bis zu seinem Besuch bei Rohans Wiener »Kulturbund« zehn Jahre später, die zweite von seinen wahrscheinlichen Kontakten mit der SS 1938 bis zu seinem offiziellen Besuch in Berlin als italienischer Rassentheoretiker 1942. Von seinen Aktivitäten zwischen 1942 und 1945 ist so gut wie nichts bekannt, wahrscheinlich war er in diesen chaotischen Jahren vor allem mit seinem eigenen Überleben beschäftigt.

Die erste dieser Episoden erscheint verglichen mit der zweiten relativ harmlos. In der zweiten Periode jedoch betrat Evola freiwillig die beiden dunkelsten Gebiete der westeuropäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. 1938 hatte die SS noch nicht mit jenen mörderischen Aktionen begonnen, für die sie als eine seltene menschliche Verkörperung des Bösen in Erinnerung bleiben sollte. Es gibt keine Indizien dafür, dass Evola eine Ahnung davon hatte, was folgen sollte, es ist sogar möglich, dass er niemals in der Wewelsburg war. Aber der Zweifel schwindet im Hinblick auf das Jahr 1942. Ist es möglich, so frägt Sedgwick, dass irgendjemand, der sich in diesem Jahr mit der Rassenlehre in offizieller Mission beschäftigte, keine Ahnung von dem hatte, was sie implizierte?

Fortsetzung