Im Zeichen der gefiederten Sonne

schuon-epiphanie

»Nacktheit bedeutet Innerlichkeit, Wesentlichkeit, Primordialität und damit Universalität … Sie bedeutet Verklärung, das Leuchten spiritueller Energie oder Substanz; der Körper ist die Erscheinungsform des Wesens und damit das Wesen der Erscheinungsform.« – Frithjof Schuon

Fortsetzung von »Traditionalistischer Sufismus in den USA«.

Laut Sedgwick entfernten sich Frithjof Schuon und ein Teil seiner Anhänger ab 1970 vom Islam. Sie bewegten sich auf eine Universalreligion zu, in der Schuon selbst eine wachsende Bedeutung zukam. Seine Autobiografie endet 1973 und daher ist Schuons Selbstverständnis aus der Zeit danach nicht bekannt. Die Autobiografie berichtet von einer weiteren Vision im Jahr 1973, über die Schuon allerdings weniger sagt, als über die früheren. Er schreibt lediglich, »das Mysterium« sei zu ihm zurückgekehrt, zusammen mit dem überwältigenden Bewusstsein, er sei anders als andere Menschen. Manche meinen, Schuon habe sich für den am Ende der Zeiten wiedergekehrten Propheten Elias gehalten oder für einen Avatar der hinduistischen Göttin Kali.

Wahrscheinlich war dies nicht seine letzte Vision. All diese Visionen könnten jedenfalls zu seiner Überzeugung beigetragen haben, er sei das menschliche Instrument für die Manifestation der immerwährenden Religion (religio perennis) am Ende der Zeiten. Bei Schuons Tod 1998 hatte denn auch ein Teil seiner Anhänger den Islam hinter sich gelassen und war zum Kern einer neuen religiösen Bewegung geworden.

Schuon selbst begann sich ab 1975 auch öffentlich vom Islam zu distanzieren. In einem Artikel über »Paradoxe Aspekte des Sufismus« stellte er Überlegungen an, die im Ton fast anti-islamisch waren. 1981 schrieb er einem Anhänger, sein Hauptanliegen sei die Suche nach esoterischer Erkenntnis und nicht die nach einer bestimmten Religion. 1989 erklärte er einem anderen, sein Ausgangspunkt sei der Advaita-Vedanta und nicht jene moralistische, individualistische und voluntaristische Anthropologie, mit welcher der gewöhnliche Sufismus identifiziert werde. Dies werde manchem missfallen, aber er unterhalte keine Liebesbeziehung zur »arabisch-semitischen Mentalität«. Manche heutigen Schuon-Anhänger behaupten, Schuon sei schon immer dieser Überzeugung gewesen. Das mag zwar richtig sein, aber in solcher Deutlichkeit hatte er sie vor 1970 nie geäußert.

Schuon distanzierte sich jedoch nicht nur vom Islam, sondern auch von René Guénon. 1984 veröffentlichte er in Paris einen Artikel, in dem er Guénon vorwarf, den Orient überschätzt und den Okzident unterschätzt zu haben – den traditionellen Okzident natürlich, nicht den modernen. Auch diese Kritik war nicht neu, aber der Ton, den Schuon anschlug, erregte Anstoß. Er schrieb unter anderem, was einen am meisten verwundere, sei die Verwunderung, die Dinge bei Guénon ausgelöst hätten, die jedes Kind verstehen könne. Der Artikel löste bei Traditionalisten, die keine Schuon-Anhänger waren, einen Sturm der Entrüstung aus. Sie forderten, in den »Studien zum Traditionalismus« keine Texte von Schuon-Anhängern mehr zu veröffentlichen. Französische Schuon-Anhänger riefen daraufhin die Zeitschrift »Connaissance des Religions« ins Leben, die schnell einen größeren Leserkreis eroberte, als die altmodischen »Studien«. 1992 stellten diese nach einem guten Jahrhundert ihr Erscheinen ein.

1981 wanderte Schuon nach Indiana in den USA aus, wo in Inverness Farms, drei Kilometer südlich-östlich von Bloomington, am Rande eines Waldes eine neue Gemeinschaft begründet wurde. Diese Gemeinschaft bestand aus 60-70 Personen – Nordamerikanern, Schweizern und Lateinamerikanern – die dauerhaft um Schuons Haus herum oder in dessen Nähe wohnten. Sein Haus wurde auf einem Grundstück errichtet, das ihm ein Maryami geschenkt hatte. Dieser durfte das angrenzende Grundstück bebauen und in seinem Haus die zawiya beherbergen, einen großen Raum mit drei Bögen am einen Ende und einem polierten Holzboden.

Die für einen 73jährigen ungewöhnliche Übersiedelung nach Amerika stand mit einem Zeichen des Himmels im Zusammenhang, von dem nichts Näheres bekannt ist. In einem Brief schrieb Schuon, der Grund sei sein Wunsch gewesen, in den USA eine primordiale Gemeinschaft ins Leben zu rufen, seine Anhänger dagegen behaupten, er habe der indianischen Spiritualität nahe sein wollen. Aber beides schließt sich nicht aus, schrieb doch der spätere Schuon häufig über den primordialen Charakter der indianischen Religion und seine eigene primordiale Mission. Die Gemeinschaft von Inverness Farms wählte die gefiederte Sonne, ein indianisches Symbol zu ihrem Zeichen. Später wurde diese zum Logo der World Wisdom Books, dem Verlag Schuons in Bloomington. Ende der 1980er Jahre betrachteten viele in der Siedlung Schuon als »Meister der religio perennis«, der über dem Islam und jeder anderen Tradition stehe, weil er sich im Zentrum aller befinde. Die Gemeinschaft hielt man für eine unmittelbare Manifestation der primordialen Tradition, während alle anderen esoterischen Traditionen bloß indirekte Manifestationen waren.

Die Inverness Farms Gemeinschaft wurde der Maryamiyya in Bloomington aufgepfropft, die Professor Victor Danner 1967 gegründet hatte, der aber bald keine Rolle in deren Leitung mehr spielte. Dennoch blieb ein Teil der alten Maryamiyya bestehen. Die Fäden hielt aber der Kreis der neuen Schuon-Anhänger, der sogenannten »Primordialisten« in der Hand. Sie betrachteten die islamischeren Maryami, die von ihnen als »muslimische Moslems« bezeichnet wurden, als Anhänger zweiter Klasse und sahen auf sie herab, weil sie ihrer Ansicht nach zu sehr an den exoterischen Formen des Islam hafteten. Viele alte Maryami blieben der Gemeinschaft fern oder wurden ausgeschlossen. Burckhardt, der länger krank gewesen und Schuon nicht nach Amerika gefolgt war, starb 1984, Danner 1990. Er hatte Schuon seit 1985 nicht mehr gesehen. Nasr schaute nur gelegentlich vorbei und nach manchen Quellen versuchte man absichtlich, vor ihm zu verbergen, was sich in der Siedlung abspielte. Auch Lings erschien nur einmal im Jahr und hatte nicht überall Zugang. Viele hielten ihn für einen nur schwer erträglichen Pedanten.

Schuon, der auf die Achtzig zuging, wurde zunehmend unsichtbar. Er nahm nur noch selten am dhikr teil und trat kaum öffentlich auf, da er sich im Englischen nicht wohlfühlte, sondern lieber Französisch sprach und seine Ansprachen übersetzen ließ. Die Leitung der Siedlung ging in die Hände seiner Schüler über. Am wichtigsten jedoch war Catherine Schuon, die den Zugang zu ihrem Ehemann regelte. Eine junge Amerikanerin, Patricia Estelle (Pseudonym) erlangte ebenfalls Bedeutung. Sie war Malerin wie Schuon und mit dafür verantwortlich, dass man ihn zunehmend als übermenschliches Wesen betrachtete. Sie wurde außerdem zu seiner dritten »vertikalen« oder »geistigen« Ehefrau, war aber – im Unterschied zu den beiden anderen – zur Zeit ihrer Vermählung mit Schuon nicht verheiratet.

Die meisten Mitglieder der Gemeinschaft waren zumindest dem Namen nach Muslime oder Maryami. Sufirituale wurden zwar weiterhin praktiziert, aber das Interesse am Islam wurde nicht gefördert, da man ihn nun als zu exoterisch betrachtete. Der Ramadan war freiwillig, man konnte stattdessen alternative Opfer bringen, zum Beispiel indem man drei Tage im Monat fastete und sich mehr als üblich auf den dhikr konzentrierte. Man durfte auch weiterhin Bier trinken, um zu verschleiern, dass man Muslim war.

An die Stelle der islamischen Terminologie trat eine andere. Schuon wurde zunehmend nicht mehr als qutb (die höchste Entwicklungsstufe eines Sufischeichs), sondern als »pneumatikos« bezeichnet. Für manche bedeutete der Ausdruck eine Person mit einer besonderen spirituellen Anlage, einen Gnostiker, der das Ziel des spirituellen Weges zu Gott erreicht hat, während er für andere jemanden bedeutete, in dem der Geist Gottes den menschlichen Geist überstrahlt. Manche sahen Schuon auch als Avatar, als die Inkarnation oder Manifestation einer Gottheit. Geschichten kursierten, Schuons spiritueller Rang sei von Löwen und Elefanten anerkannt worden und schon der Erzbischof von Straßburg habe dem kleinen Schuon eine bedeutende spirituelle Zukunft vorausgesagt. Menschen, die ihn nicht respektvoll genug behandelten, sollten angeblich zu Stein erstarrt sein.

Schuon versuchte halbherzig, der wachsenden Verehrung seiner Person entgegenzuwirken. 1981 schrieb er, er wünsche nicht, dass symbolische oder mystische Spekulationen über seine Person den Geist vom Wesentlichen, nämlich seinen Lehren, ablenkten. Aber solche Aussagen scheinen nicht viel gefruchtet zu haben.

Eine Reihe neuer, primordialer Praktiken wurde eingeführt. Auf den wöchentlichen dhikr folgte nicht nur die Vorlesung eines Textes von Schuon, sondern auch eine Art indianischer Gesang, den der muqaddam zu Trommelklang vortrug. Indianische Tage (pow-wows) fanden einmal im Monat den Sommer über statt und Yellowtail führte Tänze und Zeremonien durch, die der muqaddam mit Trommel und Gesang begleitete. An diesen »indianischen Tagen« kleidete man sich »indianisch«. Manche Teilnehmerinnen interpretierten diesen Bekleidungsstil etwas eigenwillig und traten in federgeschmückten Bikinis auf. Schuon erschien bei diesen Gelegenheiten als indianischer Häuptling und trug einen Federschmuck.

Es gibt auch Berichte über geheime »primordiale Versammlungen«, an denen nur Schuon und einige seiner engsten Anhänger teilgenommen haben sollen, insgesamt fünf bis sechs Frauen und drei Männer oder zehn bis fünfzehn beiderlei Geschlechts. Eine Schuon nahestehende Quelle berichtete darüber: »Die Frauen waren nackt, nur ich und eine andere Frau nicht. Wir zogen es vor, bekleidet zu sein, weil wir schon älter waren und trugen deshalb halbtransparente Saris. Die Männer trugen Kleider aus Leinen, außer Schuon, der ein ›freies‹ Leinengewand anhatte, also keine Unterkleider, so dass man ihn oft nackt sah. Nach einem guten, einfachen Abendessen führte eine mit Blumen geschmückte Frau einen schönen hinduistischen, indianischen oder balinesischen Tanz auf. Es war himmlisch, formvollendet und äußerst schön …. Der Scheich führte einen primordialen Tanz auf, während wir zusahen und manchmal versuchte eine Frau, ihm die Kleider auszuziehen …«

Schuon betrachtete die Schönheit als einen Weg zu Gott. Er schrieb in dieser Zeit: »Angesichts des spirituellen Niedergangs der Menschheit spielt die höchste Form der Schönheit, die des menschlichen Körpers, in der gewöhnlichen religiösen Verehrung keine Rolle; aber diese Theophanie kann die esoterische Spiritualität unterstützen … Nacktheit bedeutet Innerlichkeit, Wesentlichkeit, Primordialität und damit Universalität … Sie bedeutet Verklärung, das Leuchten spiritueller Energie oder Substanz; der Körper ist die Erscheinungsform des Wesens und damit das Wesen der Erscheinungsform. Aber es gibt nicht nur sichtbare Schönheit, sondern auch Poesie; Musik und Tanz sind Mittel der Verinnerlichung, nicht an und für sich, sondern im Zusammenhang mit der Vergegenwärtigung des allmächtigen Gottes.«

Heutige Schuon-Anhänger meinen, ob jemand Nacktheit spirituell oder sexuell sehe, hänge von seiner spirituellen Entwicklung ab. Schuon sagte, die irdische Schönheit führe den spirituellen Menschen zu Gott, den vulgären nur zu sich selbst.

Falls es diese geheimen Zusammenkünfte tatsächlich gab, was keineswegs sicher ist, dann wusste nur der innerste Kreis davon, aber viele »muslimische Moslems« waren über die »indianischen Tage« mit der albernen Kleidung und Attitüde, der Überhöhung Schuons und der allzu menschlichen Atmosphäre, die ihn umgab, unglücklich. Die Furcht, ausgeschlossen oder als minderwertiger Schüler betrachtet zu werden, war jedoch ein effektives Mittel, alle bei der Stange zu halten.

Das gelang nicht bei jedem. Besonders die Rolle, die Catherine Schuon spielte, sorgte für Unmut. Nicht alle konnten dem zirkulären Argument zustimmen, die Frau des Scheichs kümmere sich nicht um Angelegenheiten, die außerhalb ihrer Kompetenz lägen, denn lägen sie außerhalb ihrer Kompetenz, würde sie sich nicht darum kümmern. In den späten 1980er Jahren nahm die Zahl derer zu, die die Maryamiyya verließen, besonders nach 1988, als al-Alawi von der algerischen Alawiyya New York besuchte und angeblich Schuons Anspruch, Sufischeich zu sein, in Frage stellte. Außerdem wurde allmählich bekannt, dass Schuon »vertikale« Frauen besaß.

Das Unglück brach 1991 durch einen Liebeshändel über die Gemeinschaft herein. Mark Koslow, der zum inneren Kreis gehört hatte, und eine Affäre mit einer von Schuons vertikalen Frauen, Rose Connor (Pseudonym) unterhielt, brach mit Schuon, nachdem dieser ihm nahegelegt hatte, die Beziehung zu beenden. Koslow ging zur Polizei und berichtete über die »primordialen Zusammenkünfte« und andere Aktivitäten. Er und andere behaupteten, Schuon umarme am Ende der Zeremonien die anwesenden Frauen, von denen manche minderjährig seien und ihre Genitalien berührten sich dabei. Koslow assoziierte Nacktheit offensichtlich weniger mit Spiritualität als mit Sexualität, worin die Polizei ihm natürlich folgte.

Eine Untersuchung begann, die nach einigen Monaten zur Verurteilung Schuons wegen sexueller Belästigung von Kindern und anderer sexueller Übergriffe durch eine Grand Jury führte. Grundlage für die erste Anklage war, dass angeblich Mädchen unter 16 bei den Zusammenkünften anwesend und von Schuon umarmt worden seien, für die zweite Anklage, dass die Frauen, die ihm erlaubt hatten, ihren Körper zu berühren, dies unter dem Einfluss eines ungebührlichen Kultes taten.

Diese Anschuldigungen wurden später vom Ermittler fallengelassen, da es nicht genügend Beweise für sie gab. Er teilte der Presse mit, die Verurteilung Schuons sei ein Irrtum gewesen. Weder hätten geheime Treffen stattgefunden, noch irgendwelche sexuellen Übergriffe. Laut einem Sprecher der Gemeinschaft hatten sich die Minderjährigen, die angeblich von Schuon belästigt worden waren, zu der betreffenden Zeit woanders befunden. Selbst wenn die Umarmungen stattgefunden hätten, wären sie nach den Gesetzen Indianas nicht strafbar gewesen, da solche Delikte die Absicht voraussetzten, sexuelle Bedürfnisse zu wecken oder zu befriedigen, was kaum der Fall gewesen sein dürfte. Selbst Koslow gestand später zu, Schuons Absichten seien nicht sexueller Natur gewesen.

Aber obwohl Schuon in den Augen des Gesetzes, seiner meisten Anhänger und der Presse entlastet wurde, hatte die Affäre Nachwirkungen. Der assistierende Ermittler musste aufgrund seiner mangelhaften Unterrichtung der Jurymitglieder zurücktreten. Connor reichte gegen Koslow eine Zivilklage wegen des Hauses ein, das sie ihm gekauft hatte und einige andere Maryami verklagten sich gegenseitig.

Ein Gegner Nasrs veröffentlichte eine Besprechung einiger seiner Bücher in der Zeitschrift »Insight International«, die Lobpreisungen Schuons durch Nasr zitierte und dann genüsslich auf die Anklagen gegen Schuon zu sprechen kam. Gerüchte über die Vorgänge auf Inverness Farms verbreiteten sich bei den Traditionalisten in Europa und bei westlichen und islamischen Sufis. Mitglieder der Siedlung versuchten, das zu verhindern, unter anderem mit Hilfe von Gerichten, die kompromittierende Fotos Schuons als Copyright-Verletzungen verboten. Aber der Schaden war bereits angerichtet.

Schuon, inzwischen ein alter und von Sorgen gebeugter Mann, kündigte seinen muqaddam an, er werde sich aus der Leitung der Maryamiyya zurückziehen. Lings, Nasr und die muqaddam in der Schweiz bekundeten ihm ihre Loyalität, hielten sich aber schließlich an seine Anweisung. Sie haben die Maryamiyya ohne Bezug auf Schuons späteren Primordialismus fortgeführt. Schuon verbrachte seine letzten Lebensjahre schreibend und starb 1998. Die Inverness Farms Gemeinschaft existiert noch heute und scheint noch immer primordialistisch orientiert zu sein. Seit Schuons Tod schließt sie sich nicht mehr so ab und bekennt sich offen zum Sufismus.

Die Reaktionen der Maryami auf diese Ereignisse waren unterschiedlich. Den innersten Kreis auf Inverness Farms ließen Koslows Anschuldigungen ungerührt, nicht jedoch die Vorgänge, auf die er sich bezog. Wenn die Anschuldigungen grundlos waren, dann wussten sie dies, wenn nicht, dann hatten sie an den Praktiken teilgenommen und sahen darin nichts Falsches. Ihre Auffassung brachte Catherine Schuon zum Ausdruck: »Die Gegenwart des Heiligen kann … Hass hervorrufen. Der Scheich musste die schmerzliche Erfahrung machen, dass Menschen gegen ihn rebellierten und falsche Anschuldigungen gegen ihn erhoben.«

Andere außerhalb der Siedlung meinten, es seien zwar befremdliche Dinge geschehen, aber diese seien nicht Schuons Schuld, sondern die seiner Anhänger und es sei weder richtig noch sinnvoll, zu tief in etwas herumzustochern, was von Grund auf unmöglich sei. Schon 13 Jahre früher hatte Burckhardt auf Vorwürfe gegen Schuon geantwortet: »Glaubst Du, Gott könnte Menschen enttäuschen, die seit über vierzig Jahren ihrem Pfad gefolgt sind und ihr ganzes Vertrauen in die Person ihres Meisters gesetzt haben? … Glaubst Du, Gott könnte sie mit einer skandalösen Desillusionierung für ihre Mühen entlohnen? … Ist es glaubwürdig, dass ein Mensch, dessen geistiges Wesen nicht korrumpierbar ist … einer banalen Versuchung unterliegt?«

Manche jedoch verließen die Maryamiyya, um sich anderen Sufiorden anzuschließen, manche den Islam, um zu anderen Religionen zu konvertieren, andere wandten der Religion ganz den Rücken zu. Die meisten von ihnen waren desorientiert und einzelne durchlitten eine persönliche Tragödie. Andere distanzierten sich so weit als möglich von der »Dunkelheit unter der Lampe« und folgten dem Beispiel Danners, der sich privat von Schuon gelöst hatte, aber daran festhielt, er sei der authentische Scheich eines authentischen Sufiordens, jedoch von mediokren, ja verrückten Leuten umgeben, für deren Fehler er weitgehend blind sei.

Für viele ältere Maryami war die Entwicklung des Ordens auf Inverness Farms eine verstörende Tragödie. Sie schrieben diese Entwicklung entweder der amerikanischen Umwelt oder dem verderblichen Einfluss Estelles zu. Die verbreitetste Erklärung unter Traditionalisten, die den Orden verlassen haben, ist jedoch die, Schuon habe die richtige Pflege der transzendenten Einheit der Religionen mit einem verrückten und unmöglichen Versuch verwechselt, eine einzige einheitliche Religion auf der Erde zu schaffen. Schuon habe die Tatsache aus den Augen verloren, dass die religio perennis weder die Offenbarung der universellen Religion am Ende der Zeiten sei, noch die erneute Erscheinung der geistigen Form des primordialen goldenen Zeitalters. Der Versuch, dem primordialen Zustand eine sinnliche Form zu geben, die aus Elementen des Islam, des nordamerikanischen Schamanismus und der christlichen Ikonographie zusammengesetzt war, habe dazu geführt, die wirkliche Esoterik durch ein Produkt der Fantasie zu ersetzen. Huston Smith hatte rhetorisch gefragt: »Wer ist imstande, zu sagen, worin das gemeinsame Wesen der Weltreligionen besteht und wie könnte eine Darstellung dieses Wesens frei von den sprachlichen Besonderheiten und der individuellen Eigenart des betreffenden Menschen sein?« Schuon hatte versucht, diese Frage zu beantworten und seine Antwort trug zweifellos ein persönliches Gepräge.

Fortsetzung

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