Über den Unterschied von Religion, Metaphysik und Wissenschaft

Auszug aus René Guénons »Einführung in das Studium der Lehren der Hindus« (1921. Übersetzung Lorenzo Ravagli).

Kosmische Einheit

Kosmische Einheit

Man kann sagen, die Religion verbinde im wesentlichen drei Dinge, die unterschiedlichen Ordnungen angehören: ein Dogma, ein moralisches Gesetz und einen Kult oder eine Form der Verehrung. Wo auch immer eines dieser drei Elemente fehlt, kann man nicht von Religion sprechen. Das erste Element ist der geistige Bestandteil der Religion, das zweite ihr sozialer und das rituelle Element hat an beiden Funktionen teil.

Das Wort »Dogma« bezieht sich auf eine religiöse Lehre. Auch wenn diese offensichtlich ihrer tieferen Bedeutung nach geistig ist, gehört sie nicht der rein geistigen Ordnung an, denn wäre dies der Fall, dann wäre sie nicht religiös, sondern metaphysisch. Daraus folgt, dass diese Lehre, indem sie die spezifische Form annimmt, die ihrem Gesichtspunkt entspricht, dem Einfluss nicht-geistiger Elemente unterliegt, hauptsächlich solchen aus dem Bereich des Gefühls.

Schon das Wort »Glaube«, das gewöhnlich verwendet wird, um religiöse Vorstellungen zu bezeichnen, weist auf diese Eigenart, denn es ist eine einfache psychologische Beobachtung, dass der Glaube im eigentlichen Sinn, welcher der Gewissheit, einem rein geistigen Zustand, entgegengesetzt ist, ein Phänomen darstellt, in dem das Gefühl eine wesentliche Rolle spielt. Es handelt sich um eine gewisse Neigung oder Sympathie für eine Idee, und setzt voraus, dass diese Idee mit einem mehr oder weniger starken Gefühl verbunden ist. Dasselbe Gefühlselement, das für die Lehre sekundär ist, überwiegt in der Moral oder wird hier sogar überwältigend. Die Abhängigkeit der Moral vom Dogma, das als ihr Prinzip betrachtet wird, ist weitgehend eine theoretische Annahme. Dieser moralische Aspekt der Religion, dessen Rechtfertigung rein sozial sein kann, darf man als eine Form von Gesetzgebung betrachten, die einzige, die der Religion verbleibt, wenn erst einmal die bürgerlichen Institutionen sich von ihr getrennt haben.

Die Riten schließlich, die zusammen den Kult bilden, besitzen insofern einen geistigen Charakter, als man sie als symbolischen oder sinnlichen Ausdruck einer Lehre betrachtet und einen sozialen Charakter, wenn sie als Praxis betrachtet werden, welche die Teilnahme aller Mitglieder der religiösen Gemeinschaft verlangt und zwar in einer mehr oder weniger bindenden Form. Der Ausdruck »Kult« sollte religiösen Riten vorbehalten sein. Heute wird er nur zu häufig gebraucht – was eigentlich ein Missbrauch ist – um andere Arten von Riten zu bezeichnen, zum Beispiel rein soziale Riten, etwa, wenn man vom »Ahnenkult « in China spricht. Man sollte beachten, dass bei einer Religion, in der die sozialen und gefühlsmäßigen Elemente gegenüber den geistigen überwiegen, das Dogma und der Kult nach und nach in den Hintergrund treten, so dass eine solche Religion dazu neigt, zu einem reinen »Moralismus« zu degenerieren, wie man am Protestantismus sehen kann. Im Extrem, bei dem heute ein gewisser »liberaler Protestantismus« nahezu angelangt ist, bleibt überhaupt keine Religion mehr übrig, da nur noch einer der drei Faktoren vorhanden ist; man hat es dann mit einer besonderen Art philosophischen Denkens zu tun. Man sollte betonen, dass Moral auf zwei Arten betrachtet werden kann: vom religiösen Standpunkt aus, wo sie an das Dogma als ihr Prinzip gebunden und diesem untergeordnet ist, oder vom philosophischen Standpunkt aus, wenn sie unabhängig von einem solchen Dogma behandelt wird.

Es ist nun verständlich, warum wir früher sagten, man könne den Begriff Religion eigentlich nur auf jene Gruppe von Glaubenssystemen anwenden, die aus Judentum, Christentum und dem Islam besteht, was auf den spezifisch jüdischen Ursprung der Idee verweist, die das Wort nun zum Ausdruck bringt. Der Grund ist der, dass man in keinem anderen Fall die drei Elemente, die wir eben beschrieben haben, in ein und derselben traditionellen Vorstellung vereinigt findet. So findet man in China zwar den sozialen und den geistigen Standpunkt, die von zwei unterschiedlichen Traditionen repräsentiert werden, aber der moralische Standpunkt fehlt vollkommen, sogar in der sozialen Tradition. Ebenso fehlt dieser moralische Standpunkt in Indien. Wenn die Gesetzgebung hier – im Gegensatz zum Islam – nicht religiös ist, dann deswegen, weil sie vollkommen frei von dem Gefühlselement ist, das ihr allein den Charakter eines Moralkodex aufprägen kann. Was die Lehre anbetrifft, so ist diese rein geistig, das heißt, metaphysisch, ohne die geringste Spur eines Gefühlsanteils, der nötig wäre, um sie zu einem religiösen Dogma zu machen, und ohne das die Hinzufügung eines Moralkodex zu einer Lehre völlig unbegreiflich wäre.

Daraus lässt sich ersehen, dass der moralische und der religiöse Standpunkt beide eine Art von Gefühl voraussetzen, das unter Menschen im Westen auf Kosten der geistigen Dimension stark entwickelt ist. Wir haben es demnach mit etwas zu tun, das in Wahrheit allein für Abendländer von Bedeutung ist, zu denen die Muslime hier auch gezählt werden sollten, allerdings mit dem Unterschied, dass in ihrem Fall die Moral, die, wie es ihr gebührt, an zweiter Stelle kommt, nie als etwas betrachtet wurde, das um seiner selbst willen da ist. Dies gilt sogar, wenn man vom nicht-religiösen Aspekt der islamischen Lehre absieht; die geistige Perspektive des Islam ist unfähig, den Begriff einer »autonomen Moral«, das heißt, einer philosophischen Moralität, zu fassen, eine Idee, die bei den Griechen und Römern entstand und die heute im Westen weitgehend akzeptiert wird.

Eine letzte Bemerkung ist hier erforderlich. Wir teilen nicht im geringsten die Meinung der Soziologen, dass die Religion schlicht und einfach eine soziale Tatsache ist. Wir sagen lediglich, dass sie ein konstitutives Element enthält, das der sozialen Ordnung angehört, was nicht dasselbe ist, da dieses Element für gewöhnlich gegenüber der Lehre sekundär ist, weil es einer anderen Ordnung angehört. Und daher ist die Religion, obwohl sie nach einer Seite sozial ist, immer mehr als bloß sozial. Mehr noch, in der Praxis gibt es Fälle, bei denen alles, was zur sozialen Ordnung gehört, an die Religion gebunden und von dieser abhängig ist. Das ist im Islam der Fall, ebenso im Judentum, bei dem die Gesetzgebung nicht weniger religiös ist, aber mit der Besonderheit, dass sie sich nur auf ein Volk bezieht. Dasselbe gilt auch von einer Idee des Christentums, die man als »integral« bezeichnen kann, und das einmal eine gelebte Realität war.

Die soziologische Meinung gilt lediglich vom gegenwärtigen Zustand Europas, und nur, wenn man alle religiösen Lehren ausblendet, die im übrigen nur unter protestantischen Nationen ihre herausragende Bedeutung verloren haben. Befremdlich genug hat diese Theorie dazu gedient, die Idee einer »Staatsreligion« zu rechtfertigen, das heißt einer Religion, die mehr oder weniger vollständig zu einem Staatsministerium geworden ist und die als solches in der Gefahr steht, als politisches Instrument missbraucht zu werden. Das ist eine Idee, die uns in gewisser Weise zur griechisch-römischen Religion zurückführt. Eine solche Vorstellung ist zweifellos der Idee der »Christenheit« diametral entgegengesetzt; die letztere, die der Bildung von Nationen vorausgeht, konnte nicht fortexistieren oder neu gebildet werden, nachdem die Nationen einmal entstanden waren, außer wenn sie ihrem Wesen nach »supra-national« gedacht wurde. Auf der anderen Seite wird die Staatsreligion stets national sein, ob sie nun völlig unabhängig ist oder eine föderale Bindung an andere vergleichbare Institutionen anerkennt, was in jedem Fall der höheren und zentralen Autorität nur einen begrenzten Einfluss belässt. Die erste der beiden Ideen, die der »Christenheit«, ist im wesentlichen mit dem Katholizismus identisch, wenn man diesen im etymologischen Sinn [als das Ganze umfassende Religion] versteht; die der »Staatsreligion« findet ihren logischen Ausdruck entweder im Gallikanismus im Stile Ludwig XIV oder im Anglikanismus und in bestimmten Formen der protestantischen Religion, die im allgemeinen eine solche Degradierung nicht für abstoßend hält. Es darf hinzugefügt werden, dass von diesen beiden westlichen Formen, die Religion zu denken, die erstere allein, wenn man die besonderen Eigenschaften, die zur religiösen Denkweise gehören, in Betracht zieht, imstande ist, die Bedingungen einer realen Tradition zu erfüllen, wie der östliche Geist sie stets gedacht hat.

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Während der religiöse Standpunkt notwendig die Mitwirkung eines Elementes aus der Ordnung der Gefühle voraussetzt, ist der metaphysische Standpunkt rein geistig. Auch wenn wir diese Bemerkung hinreichend klar finden, könnte es vielen scheinen, als erfasse sie den metaphysischen Standpunkt nicht genügend, der Angehörigen des Westens so unvertraut ist, dass einige zusätzliche Bemerkungen angebracht scheinen. Wissenschaft und Philosophie, wie man sie im Westen findet, erheben auch gewisse Ansprüche auf den Geist. Wenn wir nicht zugeben, dass diese Ansprüche begründet sind und wenn wir behaupten, dass diese Art von Spekulation durch einen Abgrund von der Metaphysik getrennt ist, dann deswegen, weil der reine Geist, wie wir ihn verstehen, sich sehr von dem unterscheidet, was gewöhnlich darunter verstanden wird.

Zuerst sollte erklärt werden, dass wir uns nicht um den historischen Ursprung des Wortes »Metaphysik« kümmern, wenn wir es verwenden, der überdies zweifelhaft ist, und der vollkommen zufällig wäre, wenn man der unserer Ansicht nach unbeweisbaren Auffassung zustimmen würde, das Wort habe ursprünglich das bezeichnet, »was« in den Werken des Aristoteles »nach der Physik kommt«. Wir müssen uns ebensowenig mit anderen weit hergeholten Interpretationen befassen, die manche Autoren zu manchen Zeiten glaubten, diesem Wort geben zu können. Aber das sind keine Gründe, den Gebrauch dieses Wortes zu vermeiden, denn es ist bestens geeignet, das auszudrücken, was es bedeuten soll, zumindest soweit ein Wort einer westlichen Sprache überhaupt geeignet ist, so etwas auszudrücken. Seiner eigentlichen Bedeutung nach bezieht es sich – sogar etymologisch – auf das, was »jenseits der Physik« liegt. Das Wort Physik aber bedeutet hier die Naturwissenschaften als Ganzes und im Allgemeinen, wie sie stets von den Alten betrachtet wurden. Man darf es nicht nur auf eine bestimmte dieser Wissenschaften beziehen, wie das heute üblich ist. Auf dieser Grundlage verwenden wir den Ausdruck »Metaphysik« und wir müssen ein für alle mal klarstellen, dass wir es nur aus den Gründen verwenden, die wir gerade erläutert haben und weil wir meinen, man sollte nur dann zu Neologismen greifen, wenn es sich absolut nicht vermeiden lässt.

Es darf nun gesagt werden, dass Metaphysik, in diesem Sinn aufgefasst, die Erkenntnis des Universellen ist, oder wenn man dies vorzieht, die Erkenntnis der Prinzipien, die zur universellen Ordnung gehören, die im übrigen einzig und allein das Recht beanspruchen können, als Prinzipien bezeichnet zu werden. Wenn wir dies aussprechen, dann versuchen wir damit nicht, eine Definition der Metaphysik zu geben, denn so etwas ist eine schlichte Unmöglichkeit, eben wegen der Universalität, die das herausragendste ihrer Merkmale ist, jenes, aus dem alle anderen abgeleitet sind. In Wahrheit ist nur etwas, das begrenzt ist, definierbar, während die Metaphysik ihrer Natur nach absolut unbegrenzt ist, und ebendies verbietet es uns, sie in eine mehr oder weniger enge Formel zu pressen. In diesem Fall wäre eine Definition um so unangemessener, je exakter sie ist.

Es ist wichtig, zu bemerken, dass wir von Erkenntnis und nicht von Wissenschaft sprechen. Wir tun dies mit der Absicht, den radikalen Unterschied deutlich zu machen, der zwischen der Metaphysik und den verschiedenen Wissenschaften im eigentlichen Sinn dieses Wortes besteht. Diese haben es nämlich stets mit diesem oder jenem bestimmten Aspekt individueller Dinge zu tun. Im Grunde ist diese Unterscheidung keine andere, als die zwischen der universellen und der individuellen Ordnung, eine Unterscheidung die man nicht als Gegensatz betrachten darf, da es keinen gemeinsamen Maßstab oder eine mögliche Symmetriebeziehung oder Nebenordnung zwischen diesen beiden geben kann. In der Tat ist kein Gegensatz oder Konflikt zwischen Metaphysik und den einzelnen Wissenschaften vorstellbar, eben weil ihre jeweiligen Bereiche so weit auseinander liegen.

Dasselbe gilt für die Beziehung zwischen Metaphysik und Religion. Man muss allerdings verstehen, dass diese Unterscheidung weniger die Dinge als solche betrifft, als die Standpunkte, von denen aus man sie betrachtet. Und dies ist besonders wichtig hinsichtlich dessen, was wir später über die verschiedenen Zweige der hinduistischen Lehre und ihre gegenseitigen Beziehungen zu sagen haben. Es ist leicht einsehbar, dass derselbe Gegenstand von unterschiedlichen Wissenschaften aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden kann. Ebenso kann man alles, was man von einem individuellen oder partikulären Standpunkt aus untersuchen kann, durch eine Änderung des Standpunktes auch aus der universellen Perspektive (die allerdings kein spezieller Gesichtspunkt ist) untersuchen und das gilt auch für Gegenstände, die aufgrund ihrer Beschaffenheit eigentlich nicht aus irgendeiner individuellen Perspektive betrachtet werden können. Von daher lässt sich sagen, dass die Metaphysik alle Dinge umfasst, was eine unbedingte Voraussetzung ihrer Universalität ist. Aber die jeweiligen Bereiche der einzelnen Wissenschaften bleiben vom Bereich der Metaphysik abgegrenzt, denn die letztere, die sich nicht auf derselben Ebene bewegt, wie die Spezialwissenschaften, ist diesen nicht analog, so dass auch niemals Gelegenheit besteht, einen Vergleich zwischen den Ergebnissen zu ziehen, zu denen sie jeweils gelangen.

Andererseits besteht das Reich der Metaphysik sicherlich nicht aus jenen Dingen, welche noch nicht in den Gesichtskreis der verschiedenen Wissenschaften getreten sind, weil diese noch unvollständig sind, wie manche Philosophen glauben, die kaum verstanden haben dürften, worum es hier geht. Das Reich der Metaphysik besteht aus dem, was seiner Natur nach außerhalb der Reichweite dieser Wissenschaften liegt und das den Umfang dessen, das sie mit Recht zu ihrem Inhalt erklären, weit übersteigt. Der Bereich einer jeden Wissenschaft hängt stets von der jeweiligen Erfahrung ab, die ihr zugrunde liegt, während das Reich der Metaphysik seinem Wesen nach durch das konstituiert wird, was man nicht äußerlich untersuchen kann: wenn wir uns jenseits der Physik befinden, befinden wir uns auch jenseits des Experiments. Folglich kann das Feld einer jeden Wissenschaft, wenn sie denn dazu imstande ist, unbegrenzt erweitert werden, ohne dass sie jemals auch nur im geringsten die Sphäre der Metaphysik berührt.

Aus den vorangehenden Bemerkungen folgt, dass der Gegenstand der Metaphysik nicht als etwas betrachtet werden kann, das mehr oder weniger mit dem partikulären Gegenstand dieser oder jener Wissenschaft vergleichbar ist. Es folgt auch, dass dieser Gegenstand immer derselbe sein muss und sich niemals ändern kann und dass er nicht dem Einfluss von Raum oder Zeit unterliegt. Das Kontingente, Zufällige und Veränderliche gehört seinem Wesen nach dem Reich des Individuellen an. Es handelt sind sogar um Eigenschaften, welche die individuellen Dinge als solche gestalten, oder um genauer zu sein, die den individuellen Aspekt der Dinge mit ihren vielen Modalitäten prägen. Insofern es um Metaphysik geht, ist das einzige, das sich in Raum und Zeit ändern kann, die Art des Ausdrucks, das heißt, die mehr oder weniger äußerlichen Formen, welche die Metaphysik annehmen kann und die unendlich abgewandelt werden können – oder aber der Grad der Erkenntnis oder der Unwissenheit des Menschen. Aber die Metaphysik bleibt stets grundsätzlich und unabänderlich dieselbe, denn ihr Gegenstand ist seinem Wesen nach eins, oder um genauer zu sein, »ohne Dualität«, wie die Hindus sagen, und dieser Gegenstand liegt, weil er sich »jenseits der Natur« befindet, auch jenseits alles Wandels. Die Araber drücken dies so aus, dass sie sagen, »die Lehre vom Einen ist eins.«

Aus all dem ergibt sich auch, dass es absolut unmöglich ist, in der Metaphysik »Entdeckungen« zu machen. Denn bei einem Typus der Erkenntnis, der sich jeder spezialisierten oder äußerlichen Form der Untersuchung verweigert, ist alles, was erkannt werden kann, möglicherweise schon von jemandem erkannt worden. Diese Einsicht geht klar aus der Untersuchung der traditionellen metaphysischen Lehren hervor. Ferner, auch wenn man zugesteht, dass die Begriffe der Evolution und des Fortschritts eine relative Gültigkeit in der Biologie und der Soziologie haben – was allerdings noch längst nicht bewiesen ist – dann gelten sie mit Sicherheit nicht im Reich der Metaphysik. Nebenbei gesagt, sind solche Ideen den Orientalen vollkommen fremd, wie sie auch uns Abendländern bis zum Ende des 18. Jahrhunderts vollkommen fremd waren, auch wenn wir heute meinen, sie seien für das menschliche Denken essentiell. Dies schließt die förmliche Verurteilung jedes Versuchs ein, die »historische Methode« auf die Ordnung der Metaphysik anzuwenden. In Wahrheit ist der metaphysische Standpunkt dem historischen radikal entgegengesetzt und dieser Gegensatz ist nicht nur eine Frage der Methode, sondern auch eine Frage des Prinzips, da der metaphysische Standpunkt in seiner Unveränderlichkeit die Negation der Begriffe von Evolution und Fortschritt ist. Man könnte sagen, die Metaphysik lasse sich nur metaphysisch erforschen. Man darf von Kontingenzen, wie zum Beispiel individuellen Einflüssen, keinerlei Notiz nehmen, da sie aus dieser Sicht schlicht nicht existent sind und daher die Lehre auch nicht berühren können; die letztere, die der universellen Ordnung angehört, ist daher ihrem Wesen nach überindividuell und bleibt von solchen Einflüssen notwendig unberührt. Selbst die Umstände von Raum und Zeit können nur die Ausdrucksformen, nicht aber das Wesen der Lehre betreffen; darüberhinaus kann hier auch nicht die Rede von »Glauben« oder »Meinen« sein, wie in der Ordnung des Relativen oder Kontingenten, denn beide sind dem Wandel unterworfen, weil sie mehr oder weniger zweifelhaft sind; die metaphysische Erkenntnis dagegen impliziert dauerhafte und unveränderliche Gewissheit.

Tatsächlich ist die absolute Gewissheit eines der intrinsischen Merkmale der Metaphysik, da sie in keiner Weise an der Relativität der Einzelwissenschaften teilhat. Und diese Gewissheit verdankt sie nicht nur ihrem Gegenstand, der die Gewissheit selbst ist, sondern auch ihrer Methode, wenn man diesen Ausdruck überhaupt noch anwenden kann, denn verhielte es sich anders, dann wäre diese Methode oder wie auch immer man sie nennen mag, ihrem Gegenstand nicht angemessen. Die Metaphysik schließt deshalb mit Notwendigkeit jeden hypothetischen Charakter aus, woraus folgt, dass metaphysische Wahrheiten in sich selbst auf keine Weise anfechtbar sind. Folglich sind alle Diskussionen und Kontroversen über metaphysische Gegenstände auf eine unvollkommene Form der Darstellung oder ein unvollständiges Begreifen dieser Gegenstände zurückzuführen. Darüber hinaus ist jede mögliche Darstellung in diesem Fall notwendig unvollkommen, da metaphysische Begriffe wegen ihrer Universalität niemals vollständig ausgedrückt oder vorgestellt werden können, da sie nur dem reinen, formlosen Geist zugänglich sind; sie liegen jenseits aller möglichen Formen, vor allem der Formeln, in die sie die Sprache zu fassen versucht, die ihnen stets unangemessen sind, ihren Umfang begrenzen und sie deswegen verfälschen. Diese Formeln können ebenso wie alle Symbole lediglich als Ausgangspunkt dienen, als »Unterstützung« des Versuchs, das, was in sich selbst unausdrückbar ist, zu verstehen. Jeder Mensch muss versuchen, dieses Unausdrückbare nach Maßgabe seiner geistigen Möglichkeiten zu begreifen und die unvermeidlichen Mängel der formalen, begrenzten Ausdrucksformen wieder auszugleichen. Es ist klar, dass diese Unvollkommenheiten zunehmen, wenn man sich bestimmter Sprachen bedienen muss, zum Beispiel der modernen europäischen, die für die metaphysischen Wahrheiten besonders ungeeignet scheinen. Wie bereits im Zusammenhang mit den Schwierigkeiten der Übersetzung und Übertragung erwähnt wurde, muss die Metaphysik, weil sie den Blick auf unendliche Möglichkeiten eröffnet, stets darauf achten, dass sie das Unausdrückbare nicht aus den Augen verliert, das in Wahrheit ihr eigentliches Wesen ausmacht.

Erkenntnis, die der universellen Ordnung angehört, liegt notwendigerweise jenseits aller Unterscheidungen, die das Wissen von individuellen Dinge bestimmen, zu denen vor allem die Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt gehört. Damit hängt zusammen, dass der Gegenstand der Metaphysik in keinerlei Hinsicht mit dem partikulären Gegenstand irgendeiner anderen Form von Erkenntnis vergleichbar ist und tatsächlich kann man ihn nur im Sinne einer Analogie überhaupt als Gegenstand bezeichnen, denn um über ihn sprechen zu können, muss man ihm irgendeine Bezeichnung geben. Ebenso ist klar, dass wenn man von den Mitteln spricht, die zu dieser metaphysischen Erkenntnis führen, sie nur dieselben sein können, wie die Erkenntnis selbst, in der Subjekt und Objekt ihrem Wesen nach eins sind. Das heißt nichts anderes, als dass die in Frage stehenden Mittel, wenn man sie überhaupt als solche bezeichnen darf, auf keinen Fall mit der diskursiven Fähigkeit des Verstandes vergleichbar sind, über die wir als Individuen verfügen. Wie bereits gesagt, reden wir hier vom Überindividuellen und daher auch dem Überrationalen, das nicht gleichbedeutend mit dem Irrationalen ist: die Metaphysik kann dem Verstand oder der Vernunft nicht widersprechen, sondern steht über der Vernunft, die hier nichts auszurichten vermag, außer als sekundäres Hilfsmittel bei der Formulierung und der Darstellung von Wahrheiten, die jenseits ihres Gebietes und ihrer Reichweite liegen. Metaphysische Wahrheiten können nur durch eine Fähigkeit erfasst werden, die nicht der individuellen Ordnung angehört und die aufgrund der Unmittelbarkeit, mit der sie wirkt, als »intuitiv« bezeichnet werden kann, sofern man darunter nicht das versteht, was manche zeitgenössischen Philosophen als Intuition bezeichnen, nämlich eine rein instinktive und animalische Fähigkeit, die unterhalb der Vernunft liegt und nicht über ihr. Um noch deutlicher zu werden: die Fähigkeit, von der wir sprechen, ist die geistige Intuition, deren Existenz von der modernen Philosophie konsequent verneint wird, die versäumt hat, ihre wahre Natur zu erfassen, sofern sie es nicht vorgezogen hat, sie schlichtweg zu ignorieren. Wenn man Aristoteles und seinen scholastischen Schülern folgen will, kann man diese Fähigkeit auch als reinen Intellekt (Geist) bezeichnen, denn für sie war der Intellekt jene Fähigkeit, die zu einer unmittelbaren Erkenntnis der Prinzipien imstande ist. Aristoteles sagt ausdrücklich, der Intellekt sei wahrer als die Wissenschaft, was heißt, dass er wahrer als der Verstand ist, der diese Wissenschaft konstruiert; er sagt auch, dass nichts wahrer sei als der Intellekt, denn er ist notwendig unfehlbar, aufgrund der Tatsache, dass er unmittelbar wirkt und da er vom Objekt, der Wahrheit, nicht unterschieden, sondern vielmehr mit ihr identisch ist.

Hierin besteht die essentielle Grundlage der metaphysischen Gewissheit. Man wird erkennen, dass der Irrtum erst hinzukommen kann, sobald der Verstand ins Spiel kommt, das heißt, in dem Augenblick, in dem man versucht, die vom Intellekt erfassten Wahrheiten auszudrücken. Und dies folgt aus der Tatsache, dass der Verstand wegen seines diskursiven und vermittelten Charakters offensichtlich fehlbar ist. Ferner, da jede Form von Ausdruck notwendig unvollkommen und begrenzt ist, ist der Irrtum wegen seiner Form, wenn nicht sogar wegen seines Inhaltes unvermeidlich; wie exakt auch immer man versucht, den Ausdruck zu fassen, was man nicht ausspricht, ist immer mehr, als was man ausspricht; aber dieser unvermeidliche Irrtum im Ausdruck ist selbst nichts Positives, sondern stellt nur eine weniger umfassende Wahrheit dar, da er lediglich auf die teilweise und unvollständige Formulierung der integralen Wahrheit zurückzuführen ist.

Es ist nun möglich, die tiefere Bedeutung der Unterscheidung zwischen metaphysischer und wissenschaftlicher Erkenntnis zu verstehen; die erstere stammt aus dem reinen Geist, der auf das Universelle gerichtet ist, die letztere aus dem Verstand, der auf das Allgemeine gerichtet ist, da es, wie Aristoteles erklärt, »nur vom Allgemeinen eine Wissenschaft gibt«. Man darf auf keinen Fall das Universelle mit dem Allgemeinen verwechseln, was bei abendländischen Logikern häufig geschieht, die in der Regel nie über das Allgemeine hinausgehen, auch wenn sie es irrtümlich als Universelles bezeichnen. Der Gesichtspunkt der Wissenschaften gehört der Ordnung des Individuellen an; das Allgemeine ist nicht der Gegensatz des Individuellen, sondern des Partikulären, da es nichts anderes ist, als das generalisierte Individuelle. Darüber hinaus kann das Individuelle unbegrenzt erweitert werden, ohne seine Natur zu verändern und ohne seinen begrenzenden und einschränkenden Bedingungen zu entkommen. Deshalb sagen wir, die Wissenschaft könne unbegrenzt erweitert werden, ohne jemals zur Metaphysik zu gelangen, von der sie stets grundsätzlich getrennt sein wird, da die Metaphysik allein die Erkenntnis des Universellen ist.

Ein Kommentar

  1. Mag das Individuelle unbegrenzt erweitert werden! I felt like I was floating in air until he got to the body at the end of this. When I have read Guenon, I have had the impression that he is standing outside, observing the two sides weaving their „cross“. The view here is clear for Easterner and Westerner alike. Thank you for this translation.

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