Von der gnostischen Philosophie zur christlichen Mystik. Über die Ursprünge der Anthroposophie – I

Rudolf Steiner, 1861-1925

Rudolf Steiner, 1861-1925

The following investigation is methodologically based upon what Arthur Versluis calls »empathical empiricism« (Versluis, 2002). The hermeneutic of esotericism – as any hermeneutic worth its name – requests a kind of participatory scientific research which, though avoiding unmitigated identification with the subject, has to walk with it as far as possible. To understand doesn’t mean to identify, but without at least an experimental identification, understanding is severely limited or even impossible. Read from this point of view, the work of Rudolf Steiner proves itself deeply rooted in a christian gnostic theosophy, represented by such esotericists like Eckhart, Tauler and Boehme. This is true not only of the »theosophical« writings of Steiner in a narrower sense, but, as the author emphasizes, also of his »philosophical« writings. The latter, published before 1900, lay the gnoseological foundation of the so called Anthroposophy, which emerged under the »schechina« of Adyar-Theosophy in the first decade of the 20th century.

Rudolf Steiner, der spätere Theosoph und Begründer der Anthroposophie, stand vor 1900, als er sich der Adyar-Theosophie zuzuwenden begann, in einer gnostisch-theosophischen Denkströmung, deren Wurzeln in der christlichen Theosophie Jakob Boehmes zu suchen sind. Zu seiner Kenntnis dürfte sie über die Philosophen des deutschen Idealismus und das Werk Goethes gelangt sein. Nicht weniger bedeutsam scheint der Einfluss der paracelsischen Naturphilosophie mit ihrer Signaturenlehre gewesen sein, der er in Gestalt des ›Dürrkräutlers‹ Felix Kogutzki in persona begegnete.

In seinem frühesten bekannten Brief bezieht sich der 19jährige auf F.W.J. Schellings »intellektuelle Anschauung« und spricht dem Menschen die Fähigkeit zu, ›im reinen Selbst das Ewige anzuschauen‹. Man kann diesen Brief vom 13. Januar 1881 als das biografische Zeugnis einer mystischen Erfahrung betrachten. Diese Briefstelle ist ein Hinweis auf jene Quellen der späteren Anthroposophie, die bereits für die Entfaltung des philosophischen Weltbildes des jungen Steiner eine Rolle spielen. Steiner beschreibt sein ›nächtliches Erlebnis‹, in der klassischen Form einer Illumination:

»Lieber, getreuer Freund!

Es war die Nacht vom 10. auf den 11. Januar, in der ich keinen Augenblick schlief. Ich hatte mich bis 1/2 1 Uhr mitternachts mit einzelnen philosophischen Problemen beschäftigt, und da warf ich mich endlich auf mein Lager; mein Bestreben war voriges Jahr, zu erforschen, ob es denn wahr wäre, was Schelling sagt: ›Uns allen wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, uns aus dem Wechsel der Zeit in unser innerstes, von allem, was von außen hinzukam, entkleidetes Selbst zurückzuziehen und da unter der Form der Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen.‹ Ich glaubte und glaube nun noch, jenes innerste Vermögen ganz klar an mir entdeckt zu haben – geahnt habe ich es ja schon längst –; die ganze idealistische Philosophie steht nun in einer wesentlich modifizierten Gestalt vor mir; was ist eine schlaflose Nacht gegen solch einen Fund! Und der Morgen kam heran – ein eisig kalter … da war ich denn schnell reisefertig und stand zur Abfahrt bereit – an mich ein Brief war da; dass er von Dir war, entdeckte ich ja gar bald an der Adresse. Ich war im Waggon, und bei einer erbärmlichen Lampe las ich meine augenblicklichen Gefühle zu schildern, ist heute schon ganz unmöglich; ich war außer mir – ungeheuer bewegt; was war zu tun, um beruhigt zu werden offenbar nichts! Ich war den ganzen nicht derselbe des vorigen Tages – natürlich materialiter gemeint, nicht formaliter –. Des Abends beim Nachhausefahren hatte es eine Frau zu büßen; ich stieg in den Waggon – d. h. mein Körper –. Um Dir zu zeigen, dass so was auch möglich ist, flechte ich hier eine kleine Anekdote ein: – Einmal saß ich bis tief in die Nacht hinein bei Jean Paul; ich las und las so fort – des vorigen Tages war dasselbe geschehen –, doch was weiter war, das weiß ich nicht, denn ich hatte mich weder ausgezogen noch schlafen gelegt, doch fand ich mich des Morgens liegend im Bette, meine Bücher, Kleider etc. an den gewohnten Orten –, offenbar war alles im Traume geschehen, und da ich täglich auf ganz bestimmte Weise schlafen gehe, d. h. meine Bücher an einen bestimmten Ort lege, meine Kleider desgleichen etc., etc., so war dieses mit ebenderselben Genauigkeit jetzt im Traume geschehen –. Nun so ging ich desselbigen Tages auch herum und zum Bahnhof bis in den Wagen und setzte mich – nur zum Unglück auf eine Uhr, die eine Frau dort liegen hatte und die auf Scherben hin war. – Den Schaden hatte sie, nicht ich; denn ich habe ihr nichts gezahlt; sie soll ihre Uhr anderswohin legen. –«[i]

Bereits 1879 hatte Steiner versucht, Fichtes Wissenschaftslehre im Hinblick auf seine spirituellen Erfahrungen umzuschreiben. In dieser Zeit begegnete er nach eigener Aussage seinem spirituellen ›Meister‹. Der ›Meister‹ habe damals an seine Beschäftigung mit Fichte angeknüpft, um ›methodische Fragen‹ der spirituellen Erkenntnis zu erörtern. In den Gesprächen mit diesem unbekannten ›Meister‹, bei dem es sich nicht zwingend um eine physische Person handeln muss, sei, wie er später berichtete, vieles von dem veranlagt worden, was 1910 in seiner Geheimwissenschaft im Umriß, dem Entwurf einer ›Anthroposophie als eines Ganzen‹ seinen Ausdruck gefunden habe.[ii] Fichtes »Wissenschaftslehre«, die die geistige Essenz der Welt – ebenso wie die Natur oder das »Nicht-Ich« –, aus »Thathandlungen« des (transzendentalen) »Ich« hervorgehen lässt, trägt Spuren kabbalistischen Denkens in sich. Sie enthält sowohl eine kosmologisch-schöpfungstheoretische, als auch eine gnoseologisch-epistemologische Dimension. Die Gnoseologie ist die wahre Ontologie. Aber nicht nur das Sein des Seienden, sondern auch sein Werden ist in den Strukturen der »Thathandlungen« des absoluten Ich enthalten. Wenn das Ich im Ich sich selbst ein Nicht-Ich entgegensetzt, dann lebt in Fichtes Philosophie eine abstrakte Erinnerung an das »Zimzum« fort. Die Schöpfungslehre der Geheimwissenschaft im Umriß ist in Reflexionen über gnostisches Wissen verankert, das dem Menschen aufgrund eines Initiationsweges zugänglich ist, der zur Transformation seiner Seele, zur ›geistigen Wiedergeburt‹ führt. Der Gnostiker findet ›in sich‹ den gesamten Schöpfungsprozess: Da der Mensch ein Bild Gottes ist, trägt er die geistigen Bilder des Schöpfungshandelns in sich. Die Hierarchienwelt als »causa instrumentalis« des trinitarischen Zeugens durch das Wort (»Logos«), liegt nicht außerhalb des Menschen, sondern wird von seinem erweiterten Bewusstsein umfasst, in dem das Wort ebenfalls ertönt. Zugleich aber ist sich der Gnostiker der Tatsache bewusst, dass sein eigenes erkennendes Bewusstsein von dem umfasst wird, was es erkennt.

Geistige Wiedergeburt der Dinge im Erkennen

Die geistige Wiedergeburt der Dinge im Erkennen des Menschen ist ein zentrales Motiv der philosophischen Schriften Steiners, die zwischen 1886 und 1897 erschienen sind. Die Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung (1886), die die impliziten Voraussetzungen in Goethes Naturphilosophie herausarbeiten, sprechen vom ›Weltengrund‹, der sich in die Welt ›vollständig ausgegossen‹ habe, dessen ›höchste Erscheinungsform das Denken des Menschen‹ sei[iii]. Man kann diese Auffassung pantheistisch oder panentheistisch nennen, doch diese Etiketten werden den begrifflichen Differenzierungen nicht gerecht, über die Steiner verfügt. Denn der ›Weltengrund‹ lebt in den unterschiedlichen Naturreichen in unterschiedlichen Formen: die Weisheit des Schöpfers nimmt in ihnen verschiedenartige Signaturen an, die ihr inneres Wesen verhüllen und zugleich offenbaren. Verhüllt sind sie den Sinnen des Menschen, offenbar werden sie einem Denken, das sich dem Natur gewordenen Wort des Weltgeistes als ›Dolmetsch‹, als Übersetzer zuwendet. Die Natur ist ein Buch, in dem der menschliche Geist zu lesen vermag. Aber da der Mensch selbst ein Naturgeschöpf ist (das ebenso wie die übrige Natur aus dem Weltengrund hervorgegangen ist) kommen durch den Menschen die Natur und mit ihr der Weltengrund zu ihrem Selbstbewusstsein. Das menschliche Erkennen ist ein Spiegel, in dem sich der Urgrund der Welt selbst bespiegelt. Doch die Beziehung zwischen dem erkennenden Geist des Menschen und der in die Natur ausgegossenen göttlichen Weisheit ist nicht statisch. Denn der Spiegel ist lebendig, er ist Bild Gottes, er bildet das Gespiegelte fort, er vollendet den Weltprozess.

Daher weisen die Grundlinien dem menschlichen Erkennen ausdrücklich die Aufgabe zu, den ›Weltprozess‹, das ›Schöpfungswerk‹ zum Abschluss und die ›letzte wahre Gestalt‹ der Natur zur Erscheinung zu bringen.[iv] Insofern ist jeder einzelne Mensch aufgerufen, die künftige Gestalt Gottes hervorzubringen. Der Schöpfer geht durch den Menschen hindurch, um aus ihm in neuer Gestalt hervorzugehen. Diesen philosophischen Gedankenformen sind die Ideen der Anthropogenesis, der Menschwerdung Gottes, der Inkarnation, des Opfers und der Auferstehung immanent. Die Transsubstantiation vollzieht sich im menschlichen Bewusstsein.

Im zweiten Band der Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften (1887) ›verschmilzt‹ das Denken, indem es sich der Idee ›bemächtigt‹, laut Steiner ›mit dem Urgrunde des Weltendaseins‹, mit dem es ›auf seiner höchsten Potenz eins‹ wird. Nach seiner Auffassung ist das ›Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit […] die wahre Kommunion des Menschen.‹[v] Wenn Steiner hier von ›Kommunion‹ spricht, dann meint er die tatsächliche geistige Vereinigung des erkennenden Bewusstseins mit dem »Göttlichen«.

Auch in der philosophischen Dissertation Wahrheit und Wissenschaft (1892) wird die Erkenntnis als ›freies Erzeugnis des Menschengeistes‹ betrachtet. Sie wiederholt nicht etwas Vorhandenes, sondern bringt etwas Neues hervor. Der Mensch wird durch sein Erkennen der ›tätige Mitschöpfer des Weltprozesses‹, sein Erkennen ist das ›vollendetste Glied im Organismus des Universums‹.[vi] In ihm lebt sich der ›innerste Kern der Welt‹ aus.[vii]

In der Philosophie der Freiheit (1894) stellt das Denken das Element dar, ›das unsere besondere Individualität mit dem Kosmos zu einem Ganzen zusammenschließt‹. Unser Denken ergreift das ›gemeinsame Urwesen, das alle Menschen durchdringt‹, ›das mit dem Gedankeninhalt erfüllte Leben in der Wirklichkeit ist zugleich das Leben in Gott.‹[viii] In Goethes Weltanschauung schließlich spricht Steiner 1897 von der ›Erlösung der Dinge‹ durch den erkennenden Menschengeist.[ix]

Fortsetzung


[i] Rudolf Steiner, Briefe, Band 1, Dornach 1985, S. 13-14. Der Empfänger des Briefes war Josef Köck.

[ii] Teile dieses Versuchs sind in den Beiträgen zur Gesamtausgabe dokumentiert. Steiner, ›Fragment eines Manuskriptes über Fichtes ›Wissenschaftslehre‹, in Beiträge zur Gesamtausgabe, H. 30, »Rudolf Steiner und der deutsche Idealismus«, S. 26-34, Dornach 1970.

[iii] Steiner, Grundlinien, 125.

[iv] Steiner, Grundlinien, 85.

[v] Steiner, Einleitungen, 126.

[vi] Steiner, Wahrheit und Wissenschaft, 11-12.

[vii] Steiner, Wahrheit und Wissenschaft, 90.

[viii] Steiner, Philosophie der Freiheit, 250.

[ix] Steiner, Goethes Weltanschauung, 45-47.

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