Wissenschaft als Ersatzreligion

In seinem Buch »Ost und West« hat Guénon 1924 nicht nur die Begriffe der Zivilisation und des Forschritts einer Fundamentalkritik unterzogen, sondern auch den Wissenschaftsglauben des Westens, in dem er eine »Pseudo-Religion« sah. Auszug übersetzt von Lorenzo Ravagli.

Fu Hsi und Nu Wa, als Urpaar nach der Sintflut.

Fu Hsi und Nu Wa, als Urpaar nach der Sintflut. Fu Hsi gilt auch als Schöpfer der chinesischen Schrift und des I Ging. Für Guénon ist Fu Hsi der Urvater der chinesischen Tradition.

Die Zivilisation der westlichen Moderne erhebt unter anderem den Anspruch, in einem eminenten Sinn »wissenschaftlich« zu sein. Es wäre nicht unangebracht, etwas genauer zu erläutern, was man darunter versteht, aber das wird in der Regel nicht getan, denn bei diesem Wort handelt es sich um eines jener Schlagwörter, denen unsere Zeitgenossen eine geheimnisvolle Kraft zuschreiben, ganz unabhängig von ihrer Bedeutung. »Wissenschaft« bleibt ebenso wie »Fortschritt«, »Zivilisation«, »Recht«, »Gerechtigkeit« und »Freiheit« besser undefiniert, weil dieser Begriff bei näherer Untersuchung riskiert, seinen Zauber zu verlieren. So gesehen, stellen all die sogenannten »Errungenschaften« der Moderne hochtrabende Phrasen dar, hinter denen sich nichts verbirgt, oder wenn doch, dann etwas Unbedeutendes.

Wir haben von einer »kollektiven Suggestion« gesprochen: die Illusion zu der sie führt und die von so vielen Menschen geteilt wird, kann nicht spontan entstanden sein. Vielleicht werden wir diese Frage eines Tages genauer untersuchen. Aber im Augenblick ist dies nicht unsere Aufgabe. Wir stellen lediglich fest, dass die westliche Moderne an die Ideen glaubt, die wir eben aufgezählt haben, falls man sie überhaupt als Ideen bezeichnen kann, unabhängig davon, wie sie zu Gegenständen des Glaubens geworden sind. Aber es handelt sich nicht wirklich um Ideen, denn viele von denen, die diese Worte mit der größten Überzeugung benutzen, haben keine klare Vorstellung von ihrer Bedeutung. Tatsächlich ist meist nichts vorhanden, als der Ausdruck – man könnte sogar sagen die Personifikation – mehr oder weniger undeutlicher sentimentaler Empfindungen.

Wir haben es mit wirklichen Idolen zu tun, den Gottheiten einer »laizistischen Religion«, die ohne Zweifel nicht klar definiert ist, und auch nicht klar definiert werden kann, die nichtsdestotrotz reale Existenz besitzt. Sie ist keine Religion im eigentlichen Sinn dieses Wortes, sondern etwas, das den Anspruch erhebt, an deren Stelle zu treten, und das man besser als »Gegen-Religion« bezeichnen sollte. Ihr Ursprung kann bis zum Beginn der Moderne zurückverfolgt werden, als sich der anti-traditionelle Geist mit der Forderung nach »freier Forschung« zu Wort meldete, das heißt, indem er sich von allen Prinzipien der Ideenwelt verabschiedete und an deren Stelle die individuelle Meinung setzte. Die unausweichliche Folge war geistige Anarchie; daher die unbegrenzte Vielheit religiöser und pseudo-religiöser Sekten und philosophischer Systeme, die allein auf Originalität abzielten, und wissenschaftlicher Theorien, die so anmaßend wie ephemer sind, kurz, ein unglaubliches Chaos, das dennoch einen einheitlichen Charakter hat, weil dies alles einer spezifisch modernen Quelle entspringt, auch wenn diese Einheit rein negativ ist, da ihr nichts anderes als die Abwesenheit von Prinzipien zugrunde liegt, die in jener Gleichgültigkeit gegenüber Wahrheit und Irrtum zum Ausdruck kam, die seit dem achtzehnten Jahrhundert als »Toleranz« bezeichnet wurde.

Um es deutlich zu sagen: Wir haben nichts gegen die praktische Toleranz gegenüber Individuen, dafür um so mehr gegen die theoretische Toleranz, die sich auf Ideen richtet und allen die gleiche Geltung zugestehen will, was logisch betrachtet auf einen fundamentalen Skeptizismus hinausläuft. Außerdem ist uns nicht entgangen, dass die Apostel der Toleranz, wie alle Propagandisten, in Wahrheit häufig die intolerantesten aller Menschen sind. So verhält es sich und es ist höchst ironisch: jene, die alle Dogmen abschaffen wollten, haben selbst die Karikatur eines Dogmas geschaffen, das sie der ganzen westlichen Welt aufzuzwingen vermochten. Auf diese Weise setzten sich unter dem Vorwand der »Gedankenfreiheit« die fantastischsten Glaubensformen fest, welche die Welt je gesehen hat, deren Inhalt Idole sind, von denen wir die wichtigsten aufgezählt haben.

Von all jenen Formen des Aberglaubens, die von genau den Menschen gepredigt werden, die behaupten, unermüdlich gegen jeden »Aberglauben« anzukämpfen, scheint jener der »Wissenschaft« und der »Vernunft« der einzige zu sein, der sich nicht auf Gefühle stützt. Aber es gibt eine Art von Rationalismus, der nichts als verkleidete Sentimentalität ist, was allein schon die Leidenschaft zeigt, mit dem seine Vertreter ihm anhängen und der Hass, den sie allem gegenüber bekunden, was ihren Vorlieben zuwiderläuft oder sich ihrem Fassungsvermögen entzieht. Nebenbei, da der Rationalismus stets mit dem Absinken des geistigen Niveaus einhergeht, ist es nur natürlich, wenn er sich zusammen mit der Sentimentalität entwickelt.

Aber diese beiden Tendenzen können sich in bestimmten Individuen oder Gedankenströmungen auch jeweils unabhängig voneinander entwickeln und aufgrund der Tatsache, dass sie sich in spezifische Begriffsformen kleiden, können zwischen ihnen scheinbare Konflikte entstehen, die ihre tiefgehende Verwandtschaft verschleiern. Der Rationalismus der Moderne beginnt mit Descartes (wenn man von gewissen Vorläufern im 16. Jahrhundert absieht) und seine Spur lässt sich durch die gesamte moderne Philosophie verfolgen. Nicht weniger findet er sich in dem, was heute als »Wissenschaft« bezeichnet wird.

Die Reaktion des Intuitionismus und des Pragmatismus gegen den Rationalismus ist ein Beispiel für einen solchen Scheinkonflikt, haben wir doch gesehen, dass Bergson die cartesische Definition des Geistes uneingeschränkt anerkennt. Nicht die Definition des Geistes wird in Zweifel gezogen, sondern lediglich seine Vorherrschaft. Auch im 18. Jahrhundert bestand ein Antagonismus zwischen dem Rationalismus der Enzyklopädisten und der Sentimentalität Rousseaus. Aber beide dienten dem Fortschreiten der revolutionären Bewegung, was zeigt, dass beide der negativen Einheit des Anti-Traditionalismus angehören. Wenn wir dieses Beispiel zusammen mit dem Bergsons anführen, dann nicht, weil wir letzterem irgendwelche verborgenen politischen Motive unterstellen wollten, aber uns ist doch nicht entgangen, wie seine Ideen von gewissen Gewerkschaftskreisen benutzt werden, besonders in England, während in anderen verwandten Kreisen der »wissenschaftliche« Geist umso mehr verehrt wird.

Tatsächlich scheint eine der großen Techniken derjenigen, welche die moderne Geistesart »kontrollieren«, darin zu bestehen, für das Publikum ein Gebräu zuzubereiten, das manchmal aus Rationalismus, manchmal aus Sentimentalität besteht, manchmal bei Bedarf auch aus beidem, und ihr Bemühen, ein Gleichgewicht zwischen diesen scheinbaren Gegensätzen aufrecht zu erhalten, zeigt, dass es ihnen viel mehr um ihre eigenen politischen Interessen geht, als um das geistige Wohlergehen ihrer Patienten. Diese Raffinesse mag nicht immer kalkuliert sein, und wir haben nicht die Absicht, die ehrliche Überzeugung der einzelnen Wissenschaftler, Historiker oder Philosophen in Frage zu stellen. Aber sie sind oft genug nur die scheinbaren »Kontrolleure«, die, ohne es zu wissen, von anderen beeinflusst oder kontrolliert werden. Nebenbei entspricht das, was aus ihren Ideen gemacht wird, oft nicht ihren eigenen Intentionen, daher wäre es falsch, sie direkt dafür verantwortlich zu machen oder ihnen vorzuwerfen, sie hätten bestimmte mehr oder weniger fernliegende Konsequenzen nicht vorausgesehen. Aber sofern diese Ideen mit einer der beiden genannten Tendenzen konform gehen, können sie auch auf die eben angedeutete Art benutzt werden. Und bei der geistigen Anarchie, die heute im Westen herrscht, könnte manches darauf hindeuten, dass aus der Unordnung und allem, was zu ihrer Verbreitung beiträgt, jeder denkbare Vorteil gezogen wird, um bestimmte, klar definierte Ziele zu erreichen. Wir wollen dieses Thema nicht weiter vertiefen, aber wir können es nicht vermeiden, gelegentlich darauf zurück zu kommen, denn wir wollen einfach nicht glauben, dass ein nicht unwesentlicher Teil der Menschheit seit Jahrhunderten von einer Art Wahnsinn geschlagen ist, und daher muss es etwas geben, was der modernen Zivilisation zugrunde liegt. Wir glauben nicht an Zufall, sondern dass alles, was existiert, eine Ursache hat. Menschen die anders denken, können diese Betrachtungen ja ignorieren.

Fragen wir uns nun, was genau eigentlich diese »Wissenschaft« ist, mit welcher der Westen sich so unermüdlich beschäftigt. Ein Hindu, der die Ansichten aller Orientalen zusammengefasst hat, die ihr begegnet sind, sagte völlig richtig: »Die westliche Wissenschaft ist ignorantes Wissen.« Dieser Satz ist keineswegs ein Widerspruch in sich. Er bedeutet Folgendes: Diese Wissenschaft ist, wenn man darauf bestehen will, ein Wissen, das eine gewisse Realität besitzt, da es für ein bestimmtes Gebiet gilt und in diesem Wirkungen erzielt. Aber sie ist ein hoffnungslos beschränktes Wissen, das gegenüber dem Wesentlichen ignorant ist, ein Wissen, das wie alles andere, das der westlichen Zivilisation angehört, jedes Prinzips entbehrt. Wissenschaft, wie unsere Zeitgenossen sie verstehen, ist nichts anderes, als die Untersuchung von Sinneswahrnehmungen und diese Untersuchung wird so betrieben, dass sie einfach nicht mit irgendeinem Prinzip einer höheren Ordnung verbunden sein kann.

Es ist wahr, dass diese Wissenschaft, indem sie alles entschieden ignoriert, was jenseits ihrer Reichweite liegt, in ihrem Gebiet völlig unabhängig wird. Aber diese gerühmte Unabhängigkeit wird durch die Grenzen erkauft, die sie sich setzt. Damit nicht zufrieden, geht sie sogar so weit, das zu leugnen, wovon sie nichts weiß, denn nur auf diese Weise kann sie es vermeiden, ihre eigene Ignoranz zuzugestehen. Oder aber, wenn es ihr nicht gelingt, die mögliche Existenz dessen, was außerhalb ihrer Reichweite liegt, zu negieren, dann verneint sie wenigstens jede Möglichkeit, solche Dinge zu erkennen und erhebt den Anspruch, alles was erkennbar ist, zu enthalten.

Oft gehen die »Wissenschaftler« unbewusst von der falschen Voraussetzung aus, wie Auguste Comte dies getan hat, der Mensch habe nie etwas anderes angestrebt, als eine Erklärung von Naturphänomenen. Wir sagen »unbewusst«, weil sie offensichtlich unfähig sind, zu verstehen, dass es möglich ist, weiter zu gehen und wir werfen ihnen auch nicht das vor, sondern vielmehr ihre Anmaßung, die sie dazu verleitet, bei allen anderen den Besitz oder den Gebrauch von Fähigkeiten zu bestreiten, die sie selbst nicht haben. Sie sind wie blinde Menschen, die, wenn nicht das Licht selbst, so doch die Existenz des Sehens leugnen, aus dem einzigen Grund, weil sie selbst nicht sehen. Zu erklären, dass es nicht nur etwas Unbekanntes, sondern auch etwas prinzipiell Unerkennbares gibt (um uns eines Ausdrucks zu bedienen, den Spencer verwendet hat), und eine individuelle geistige Behinderung zu einer Grenze zu machen, die niemand zu überschreiten vermag – das ist etwas, was die Welt noch nie gesehen hat. Und ebenso unerhört ist es, wenn das Prinzip der Ignoranz [»a declaration of ignorance«, Anspielung auf die »declaration of independence«], in ein Forschungsprogramm und ein Glaubensbekenntnis verwandelt und zu einer Lehre erhoben wird, wie im Fall des Agnostizismus. Und diese Leute sind nicht etwa Skeptiker: wenn sie es wären, dann gäbe es in ihrer Haltung eine gewisse Logik, die sie vielleicht entschuldbar machte. Vielmehr sind sie die enthusiastischsten Anhänger des Glaubens an die »Wissenschaft«, die glühendsten Bewunderer der »Vernunft«. Es kann durchaus befremdlich erscheinen, wenn jemand die Vernunft über alles setzt, wenn er ihr eine geradezu religiöse Verehrung entgegenbringt und gleichzeitig behauptet, sie sei ihrem Wesen nach beschränkt. Das ist tatsächlich etwas selbstwidersprüchlich. Wir bemerken dies nur, ohne es weiter erklären zu wollen. Diese Haltung deutet auf eine Mentalität, die überhaupt nicht die unsere ist, und es ist nicht unsere Aufgabe, die Widersprüche zu verteidigen, die jeder denkbaren Form des »Relativismus« immanent sind.

Auch wir sagen, das die Vernunft begrenzt und relativ ist; aber weit entfernt davon, sie zum Inbegriff alles Geistigen zu erklären, betrachten wir sie lediglich als eine untergeordnete Erscheinungsform des Geistes und wir sehen im Geist andere Möglichkeiten, die weit über den Verstand oder die Vernunft hinausgehen. Es scheint also, als wären die modernen Europäer, oder wenigstens einige von ihnen, durchaus willens, ihre Ignoranz zuzugestehen und die heutigen Rationalisten tun dies möglicherweise bereitwilliger als ihre Vorgänger, aber nur unter der Voraussetzung, dass niemand das Recht hat, zu wissen, was sie nicht wissen. Und diese Anmaßung, zu begrenzen, was ist oder auch nur die Erkenntnis fundamental zu begrenzen, bezeugt in jedem Fall den Geist der Negation, der so charakteristisch für die moderne Welt ist.

Dieser Geist der Negation ist nichts anderes, als der Geist der Systematisierung. Denn ein System ist seinem Wesen nach ein in sich abgeschlossenes Konzept. Bedauerlicherweise wurde dieser Geist mit jenem der Philosophie schlechthin identifiziert, besonders seit Kant, der, getrieben vom Wunsch, alle Erkenntnis für relativ zu erklären, sich dazu verstiegen hat, zu behaupten, die Philosophie sei nicht ein »Mittel zur Erweiterung der Erkenntnis«, sondern eine »Disziplin, um diese zu begrenzen«, – was darauf hinausläuft, zu sagen, die Hauptaufgabe der Philosophen sei es, allen die engen Grenzen ihres eigenen Verstehens aufzuzwingen. Dies ist der Grund, warum die moderne Philosophie nahezu vollständig dabei endet, den »Kritizismus« oder die »Erkenntnistheorie« an die Stelle der Erkenntnis zu setzen. Und es ist auch der Grund dafür, warum viele ihrer Vertreter für sie keinen anspruchsvolleren Titel mehr finden können, als den der »wissenschaftlichen Philosophie«, oder anders ausgedrückt, sie sehen ihre Aufgabe nur noch darin, die allgemeinsten Resultate der Wissenschaft zu systematisieren, von der sie glauben, dass sie allein imstande ist, überhaupt zu Erkenntnissen zu gelangen. Unter diesen Umständen sind Wissenschaft und Philosophie nicht mehr unterscheidbar und tatsächlich können sie seit der Geburt des Rationalismus auch nur noch einen identischen Gegenstand gehabt und eine einzige Form des Wissens repräsentiert haben. Beide wurden von ein und demselben Geist inspiriert, nicht dem Geist der Wissenschaft, sondern dem Geist des »Szientismus«.

Bei dieser letzten Unterscheidung müssen wir ein wenig verweilen. Wir sehen in der Ausbildung bestimmter Wissenschaften nichts grundsätzlich Schädliches, auch wenn wir glauben, dass ihnen viel zu viel Bedeutung beigemessen wird. Auch wenn ihre Erkenntnis nur relativ ist, ist sie nichtsdestotrotz eine Form von Erkenntnis und es ist gerechtfertigt, wenn jeder seine geistige Aktivität seinen natürlichen Begabungen und den Mitteln entsprechend, die ihm zur Verfügung stehen, ausrichtet. Wogegen wir uns jedoch wenden, ist der Exklusivitätsanspruch, wir könnten auch sagen, das Sektierertum jener, die so berauscht sind von der Ausweitung, die diese Wissenschaften erfahren haben, dass sie sich weigern, die Existenz von etwas zuzugestehen, das unabhängig von ihnen sein könnte und die behaupten, jede Spekulation, die den Anspruch auf Gültigkeit erhebe, müsse sich den Methoden unterwerfen, die in diesen Wissenschaften gebräuchlich sind, so als ob diese Methoden, die für die Untersuchung bestimmter Gegenstände entwickelt wurden, auf alles anwendbar wären.

Es ist wahr, dass ihre Vorstellung von Universalität äußerst begrenzt ist und sicherlich nicht in das Gebiet jenseits der Kontingenz reicht. Aber diese »Wissenschaftler« wären höchst erstaunt, wenn man ihnen erklärte, es gebe eine Fülle von Dingen, die von ihren Methoden nicht erfasst werden, selbst in jenen Bereichen, mit denen sie sich beschäftigen, und dass diese Dinge zu Gegenständen einer wissenschaftlichen Erkenntnis werden können, die sich deutlich von der unterscheidet, die sie kennen und dass diese Gegenstände nicht weniger wirklich, aber häufig viel interessanter sind. Es scheint, dass die Menschen heutzutage freiwillig auf dem Gebiet wissenschaftlicher Erkenntnis eine bestimmte Zahl von Forschungsfeldern akzeptiert haben, die sie einzig und allein in einem gewissen Taumel erforschen wollen, auf Kosten alles anderen und unter der Voraussetzung, dass all dieses andere nicht existiert. Es ist nur natürlich, dass sie den jeweiligen Wissenschaften, die sie auf diese Weise pflegten, zu einer Entwicklung verholfen haben, wie das andere, die sich anderen Dingen widmeten, die ihnen oft wichtiger erschienen, nie vermocht hätten.

Wir denken hier vor allem an die beachtliche Entwicklung der Experimentalwissenschaften, in denen die westliche Moderne eindeutig die Führerschaft innehat, die ihr nicht einmal im Traum jemand streitig machen wollte, zumal sie, wie die Orientalen dies sehen, kaum beneidenswert ist, aus dem einfachen Grund, weil sie nur damit erkauft werden konnte, dass der Westen alles vergaß, was den Orientalen wichtig ist. Wie auch immer, wir zögern nicht zu behaupten, dass es Wissenschaften, sogar experimentelle gibt, von denen der Westen nicht die geringste Ahnung hat. Solche Wissenschaften existieren im Osten und gehören dort zu dem, was wir als »traditionelle Wissenschaft« bezeichnen. Selbst im Westen gab es während des Mittelalters solche Wissenschaften, die jenen des Ostens gleichkamen; und diese Wissenschaften, von denen manche unbestreitbar wirksame praktische Anwendungen kennen, werden durch Untersuchungsmethoden gefunden, die den »Autoritäten« der europäischen Moderne gänzlich unbekannt sind. Hier ist gewiss nicht der Ort, uns über diesen Gegenstand auszubreiten, aber wir sollten wenigstens erläutern, warum wir sagen, bestimmte Zweige der wissenschaftlichen Erkenntnis hätten eine traditionelle Grundlage und was wir darunter verstehen. Indem wir dies tun, werden wir noch deutlicher, als wir das bereits getan haben, aufzeigen, was der westlichen Wissenschaft fehlt.

Wir haben gesagt, ein besonderes Merkmal dieser westlichen Wissenschaft sei ihr Anspruch, völlig unabhängig und autonom zu sein. Dieser Anspruch kann nur erhoben werden, wenn gleichzeitig jede Erkenntnis systematisch ignoriert wird, die einer höheren Ordnung angehört oder genauer, indem sie formell negiert wird. Über der Wissenschaft liegt in der notwendigen Ordnung des Wissens die Metaphysik, die eine reine, transzendente geistige Erkenntnis darstellt, während die Wissenschaft per definitionem nur eine (rationale) Verstandes-Erkenntnis ist. Die Metaphysik ist ihrem Wesen nach supra-rational, sie geht über den Verstand hinaus. Sie muss so beschaffen sein, andernfalls existiert sie nicht. Nun besteht der Rationalismus nicht allein darin, dass man dem Verstand einen gewissen Wert zuschreibt – den nur die Skeptiker bezweifeln – , er besteht vielmehr in der Annahme, dass es nichts über dem Verstand gibt, oder mit anderen Worten, dass es außer der wissenschaftlichen Erkenntnis keine andere geben kann; folglich impliziert der Rationalismus notwendig die Negation der Metaphysik.

Nahezu alle modernen Philosophen sind Rationalisten, mehr oder weniger entschieden und mehr oder weniger ausgesprochen. Bei denen, die es nicht sind, gibt es nur Sentimentalismus und Voluntarismus (Gefühls- und Willensphilosophie), die nicht weniger anti-metaphysisch sind, weil sie in dem Augenblick, wo sie ein anderes Prinzip als den Verstand zugestehen, dieses unterhalb des Verstandes, statt oberhalb desselben suchen. Wahre Geistphilosophie liegt so weit jenseits des Rationalismus wie der Intuitionismus, aber in entgegengesetzter Richtung. Unter diesen Umständen kann man davon ausgehen, dass ein moderner Philosoph, wenn er behauptet, er beschäftige sich mit Metaphysik, sich darunter etwas vorstellt, was mit wirklicher Metaphysik nicht das geringste gemein hat – und so ist es auch. Wir können diesen Beschäftigungen nur den Titel einer »Pseudo-Metaphysik« zubilligen und wenn man in ihnen trotzdem manchmal gültige Betrachtungen findet, dann gehören sie der Ordnung der Wissenschaften an, nicht mehr und nicht weniger. Die allgemeinen Kennzeichen des modernen Denkens sind demnach die folgenden: vollständige Abwesenheit metaphysischer Erkenntnis, Negation jeder Form des Wissens, die nicht wissenschaftlich ist und freiwillige Beschränkung der wissenschaftlichen Erkenntnis auf bestimmte Gebiete, unter Ausschluss des Rests. So weit ist der Westen geistig herabgesunken, weil er die Wege verlassen hat, auf denen die übrige Menschheit selbstverständlich wandelt.

Metaphysik ist die Erkenntnis jener universellen Prinzipien, von denen alle Dinge mittelbar oder unmittelbar abhängen; fehlt die Metaphysik, entbehrt jede andere Form der Erkenntnis ihres Prinzips und wenn sie dadurch ein wenig Unabhängigkeit gewinnt, dann verliert sie zugleich an Umfang und Tiefe. Aus diesem Grund bewegt sich auch die westliche Wissenschaft nur an Oberflächen entlang. Während sie ihre Energie auf zahllose Fragmente von Wissen verschwendet und ihre Richtung in den unzähligen Details verliert, erfasst sie nichts von der wahren Natur der Dinge, die sie für unerkennbar erklärt, um ihre Machtlosigkeit in dieser Hinsicht zu entschuldigen; daher liegt ihr Interesse mehr auf praktischem als auf spekulativem Gebiet. Wenn es manchmal Versuche gibt, dieses eminent analytische Wissen zusammenzuschauen, dann sind diese völlig künstlich und beruhen in der Regel auf mehr oder weniger wilden Vermutungen, sodass einer nach dem andern kollabiert, und es scheint, als ob keine wissenschaftliche Theorie allgemeinerer Natur sich mehr als ein halbes Jahrhundert zu halten vermag. Nebenbei ist die westliche Vorstellung, eine Synthese könne aus einer Analyse entstehen, radikal falsch.

In Wahrheit kann eine Synthese, die diesen Namen verdient, nie aus einer Analyse hervorgehen, weil beide unterschiedlichen geistigen Ordnungen angehören. Ihrer eigenen Natur folgend lässt sich die Analyse ins Unendliche ausdehnen, wenn ihr Gebiet dies zulässt, ohne dass man jemals einer zusammenfassenden Sicht des ganzen Feldes näher kommt; es ist noch weniger überraschend, dass sie gänzlich ungeeignet ist, eine Verbindung zu Prinzipien herzustellen, die einer höheren Ordnung angehören. Der analytische Charakter der modernen Wissenschaft zeigt sich im rastlosen Wachstum der Spezialdisziplinen, vor dem Auguste Comte nicht genug warnen konnte.

Diese »Spezialisierung«, die von manchen Soziologen unter dem Namen der »Arbeitsteilung« so glorifiziert wird, ist der beste und sicherste Weg, jene »geistige Kurzsichtigkeit« zu erwerben, die zu den Qualifikationen zu gehören scheint, die vom »richtigen Wissenschaftler« verlangt werden und ohne welche der »Szientismus« sich kaum zu halten vermöchte. Und diese »Spezialisten« erscheinen, sobald sie sich außerhalb ihres Gebietes begeben, unglaublich naiv; und diese Tatsache scheint zu einem guten Teil zum Erfolg der idiotischsten Theorien beizutragen, vorausgesetzt, man trägt dafür Sorge, dass sie als »wissenschaftlich« bezeichnet werden. Die albernsten Vermutungen, wie zum Beispiel die Evolution, werden in den Rang von »Gesetzen« erhoben und gelten als bewiesen; und auch wenn dieser Erfolg nur zeitweilig ist, bedeutet ihre Verabschiedung, dass etwas anderes an deren Stelle tritt, das sich mit ebensolcher Leichtigkeit durchsetzt.

Falsche Synthesen, die das Höhere aus dem Niederen gewinnen wollen (eine befremdliche Anwendung der Idee der Demokratie), können nie etwas anderes als hypothetisch sein; die wahre Synthese dagegen, die von Prinzipien ausgeht, hat an ihrer Gewissheit teil; aber man muss natürlich von wahren Prinzipien ausgehen und nicht von bloß philosophischen Annahmen, wie Descartes es getan hat. Kurz, man kann sagen, dass die Wissenschaft, indem sie die Prinzipien verwirft und sich weigert, sich ihnen wieder zuzuwenden, sich selbst der höchsten Garantie und der sichersten Richtung beraubt, die sie besitzen könnte; in ihr gibt es nichts Gültiges mehr, außer die Kenntnis von Details und sobald sie versucht, eine Stufe höherzusteigen, wird sie zweifelhaft und schwankend.

Eine andere Konsequenz dessen, was wir gerade über das Verhältnis von Analyse und Synthese sagten, besteht darin, dass die Entwicklung der Wissenschaft, wie die Moderne sie versteht, nicht zu einer wirklichen Erweiterung ihres Gebietes führt; die Masse des Teilwissens mag innerhalb dieses Gebietes unbegrenzt zunehmen, nicht wegen einer tieferen Durchdringung, sondern durch Teilung und Unterteilung, die immer weiter verfeinert wird; man hat es wahrhaftig mit einer Wissenschaft des Stoffes und der Mannigfaltigkeit zu tun. Nebenbei, falls es wirklich zu einer Erweiterung kommt, was manchmal ausnahmsweise eintreten kann, dann bewegt sich diese stets in ein und derselben Ordnung und ermöglicht es der Wissenschaft nicht, auf eine höhere Stufe aufzusteigen; in ihrem gegenwärtigen Zustand ist sie von ihrem Prinzip durch einen Abgrund getrennt, der, weit entfernt davon, überbrückbar zu sein, nicht im geringsten kleiner wird.

Wenn wir sagen, die Wissenschaften, sogar die Experimentalwissenschaften, hätten im Osten eine traditionelle Grundlage, dann meinen wir damit, dass sie im Unterschied zu jenen im Westen, stets an gewisse Prinzipien gebunden sind; diese verliert man nie aus den Augen und das Kontingente scheint nur der Untersuchung wert, insofern es eine Konsequenz und eine äußere Manifestation von etwas ist, das einer höheren Ordnung angehört. Es ist wohl wahr, dass immer noch ein tiefer Unterschied zwischen metaphysischer und wissenschaftlicher Erkenntnis bestehen bleibt, aber zwischen beiden gibt es keine absolute Diskontinuität wie bei der wissenschaftlichen Erkenntnis im Westen.

Wir können sogar auf ein Beispiel aus dem Westen zurückgreifen, wenn wir die Distanz betrachten, welche den Standpunkt der antiken und mittelalterlichen Kosmologie von jenem der modernen Physik trennt; noch nie, bis zur Gegenwart nicht, wurde die Untersuchung der sinnlichen Welt als etwas aufgefasst, was sich selbst genügt; nie hätte man die Wissenschaft von dieser veränderlichen und ephemeren Mannigfaltigkeit als etwas verstanden, was den Namen der Wissenschaft wirklich verdient, sofern man keine Möglichkeit gefunden hätte, sie mit etwas Beständigem und Dauerndem zu verbinden. Nach der antiken Auffassung, der die Orientalen stets treu geblieben sind, schätzte man eine Wissenschaft weniger um ihrer selbst willen, als wegen des Maßes, in dem sie auf ihre besondere Art und innerhalb einer bestimmten Ordnung der Dinge eine Spiegelung der höheren unwandelbaren Wahrheit war, an dem alles, was irgendwie real ist, Anteil hat.

Und da diese Wahrheit sich in der Idee der Tradition inkarnierte, erschien jede mögliche Wissenschaft als eine Ausdehnung der traditionellen Lehre, als eine ihrer Anwendungen, die zweifellos zweitrangig und kontingent war, dienend und nicht wesentlich, ein untergeordnetes Wissen konstituierend, aber dennoch ein wirkliches Wissen, da es eine Verbindung mit jener höchsten Erkenntnis aufrecht erhielt, die der Ordnung des reinen Geistes angehört. Es ist klar, dass diese Idee absolut unvereinbar ist mit jenem groben praktischen Naturalismus, der unsere Zeitgenossen in der Sphäre des Kontingenten einschließt – man müsste sagen, um exakt zu sein, in einem engen Teil dieser Sphäre. Und da die Orientalen nicht von dieser Idee abgewichen sind und dies auch nicht können, ohne die Prinzipien zu leugnen, auf denen ihre ganze Zivilisation fußt, scheinen die beiden Mentalitäten entschieden inkompatibel. Aber da es der Westen ist, der sich geändert hat, und niemals aufhört, sich zu ändern, kommt vielleicht irgendwann der Augenblick, in dem sich seine Mentalität zum besseren ändert und sich für ein weiteres Verständnis öffnet und dann wird diese Inkompatibilität von selbst verschwinden.

Wir glauben, deutlich genug gezeigt zu haben, inwieweit die orientalische Einschätzung der westlichen Wissenschaft gerechtfertigt ist; und unter diesen Umständen gibt es nur eine einzige Erklärung für die grenzenlose Bewunderung und die abergläubische Verehrung, die dieser Wissenschaft zuteil wird: die nämlich, dass sie sich in vollkommener Übereinstimmung mit den Bedürfnissen einer vollkommen materiellen Zivilisation befindet. Es gibt hier in Wahrheit keine von Bedürfnissen freie Spekulation; die Geister, die völlig den äußeren Dingen hingegeben sind, werden von den Anwendungen der Wissenschaft überwältigt, ebenso wie von ihrer praktischen und utilitaristischen Ausrichtung.

Vor allem den mechanischen Erfindungen verdankte der »szientistische« Geist seine Entwicklung. Es sind diese Erfindungen, die seit Beginn des 19. Jahrhunderts eine geradezu deliröse Begeisterung hervorgerufen haben, weil ihr Zweck die Steigerung der körperlichen Bequemlichkeit zu sein scheint, die eindeutig das Hauptbedürfnis der modernen Welt ist. Darüberhinaus wurden unbewusst auf diese Weise mehr neue Bedürfnisse geweckt, als befriedigt werden konnten, so dass auch aus dieser begrenzten Sicht der Fortschritt weitgehend illusorisch ist; und da man einmal begonnen hat, diesen Weg zu beschreiten, scheint es nicht länger möglich, anzuhalten, weil es immer neue Bedürfnisse gibt, die befriedigt werden müssen.

Wie auch immer, es sind genau diese Errungenschaften, die mit der Wissenschaft verwechselt werden, die mehr als alles andere zu ihrer Glaubwürdigkeit und ihrem Ansehen beigetragen haben. Diese Verwirrung, die nur bei Menschen entstehen konnte, die keine Ahnung von wahrer Spekulation haben, nicht einmal im Bereich der Wissenschaft, ist heutzutage so verbreitet, dass man – gleichgültig in welcher Publikation – stets als »Wissenschaft« bezeichnet findet, was in Wahrheit »Industrie« (oder »Technik«) heißen sollte. Die vorbildliche Autorität ist in den Augen der meisten der Ingenieur, der Erfinder, der Maschinenbauer. Was die wissenschaftlichen Theorien anbetrifft, so profitieren sie mehr von diesem Geisteszustand, als dass sie ihn verursachten; wenn jene Menschen, die am wenigsten imstande sind, sie zu verstehen, sie vertrauensvoll akzeptieren und sie als wahre Dogmen betrachten (und je weniger sie verstehen, um so leichter verfallen sie dem Irrtum), dann deswegen, weil sie glauben, sie seien eng mit diesen praktischen Neuerungen verbunden, die ihnen so wunderbar erscheinen. Die mehr oder weniger inkonsistenten »szientistischen« Hypothesen spielen bei diesen Entdeckungen und Neuerungen, über deren Wert man unterschiedlicher Meinung sein kann, keine Rolle, aber die Neuerungen haben jedenfalls den Vorteil, dass sie wirksam sind; andersherum wird alles, was man auf praktischem Gebiet verwirklichen kann, niemals die Wahrheit irgendeiner Hypothese beweisen.

Nebenbei und mehr allgemein gesprochen, kann ein Experiment niemals eine Hypothese verifizieren, denn es ist immer möglich, mehr als eine Theorie zu finden, welche die betreffenden Erscheinungen gleich gut zu erklären vermag. Manche Hypothesen mögen ausgesondert werden, wenn sie im Widerspruch zu den Tatsachen stehen, aber diejenigen, die übrig bleiben, sind deswegen nicht weniger Hypothesen; auf diesem Weg wird man niemals zur Gewissheit gelangen. Wie auch immer, Menschen, die nichts als harte Fakten akzeptieren und die kein anderes Wahrheitskriterium als die »Erfahrung« besitzen, worunter sie lediglich die Beobachtung von Sinneswahrnehmungen verstehen, werden niemals weitergehen oder anders vorgehen wollen. Bei solchen gibt es daher nur zwei mögliche Haltungen: Entweder sie realisieren, dass alle wissenschaftlichen Theorien hypothetisch sind und verneinen die Möglichkeit einer Gewissheit, die über den bloßen Anschein der Sinne hinausgeht, oder sie weigern sich, den hypothetischen Charakter der Theorien anzuerkennen und werden alles blindlings glauben, was im Namen der »Wissenschaft« verkündet wird.

Die erste Haltung, die zweifellos intelligenter als die zweite ist (wobei man sich stets an die Grenzen der »wissenschaftlichen« Intelligenz erinnern muss), findet sich bei bestimmten »Autoritäten«, die – weniger naiv als die anderen – sich weigern, sich durch ihre eigenen Hypothesen oder die ihrer Kollegen betrügen zu lassen. So landen sie, abgesehen vom unmittelbar praktischen Leben, bei einem mehr oder weniger vollständigen Skeptizismus oder wenigstens einer Art von Probabilismus: es handelt sich um einen Agnostizismus, der sich nicht mehr nur auf das bezieht, was jenseits der Wissenschaften liegt, sondern auch auf die Wissenschaften selbst. Sie erheben sich aus dieser negativen Haltung durch einen mehr oder weniger bewussten Pragmatismus, indem sie, wie Henri Poincaré, nicht länger auf die Wahrheit einer Hypothese, sondern nur noch auf ihre Nützlichkeit achten. Ist das nicht ein Zugeständnis vollständiger Ignoranz?

Die zweite Haltung, die man als dogmatisch bezeichnen kann, vertreten mit größerem oder geringerem Ernst andere »Autoritäten«, besonders aber jene, die sich wegen ihrer Erziehungsaufgaben verpflichtet fühlen, eine eindeutige Haltung einzunehmen. Sie müssen stets von sich selbst und von dem überzeugt sein, was sie behaupten, Schwierigkeiten und Unsicherheiten verschleiern und niemals Zweifel äußern. Dies erscheint ihnen als der sicherste Weg, um Ernst genommen zu werden und Expertenstatus in der Öffentlichkeit zu erlangen, die weitgehend inkompetent und unfähig zu einem eigenen Urteil ist, gleichgültig, ob es sich nun um Schüler handelt oder um ein allgemeines Publikum, das nach Popularisierung verlangt. Diese Haltung wird natürlich von jenen übernommen, die eine solche Erziehung erhalten und paart sich diesmal mit unerschütterlicher Gewissheit. Man findet sie auch beim »Mann von der Straße«, und die »szientistische« Weltsicht erscheint schließlich bei all jenen, die nur eine Halbbildung genossen haben, in Kreisen, die von jener Mentalität beherrscht werden, die man oft als elementar bezeichnet, auch wenn sie nicht auf jene beschränkt ist, die bloß eine elementare Schulbildung durchlaufen haben.

Die »Popularisierung« ist ein anderes Phänomen, das die moderne Zivilisation auszeichnet. Sie ist eines der hervorstechendsten Merkmale des Geisteszustandes, den wir zu beschreiben versuchen. Sie geht aus jenem absonderlichen Bedürfnis nach Propaganda hervor, das den westlichen Geist beseelt, und das nur durch die Vorherrschaft der Gefühle erklärt werden kann. Es gibt keinen geistigen Gesichtspunkt, von dem aus man den Proselytismus rechtfertigen könnte, den die Orientalen als Beweis für Ignoranz und Unverständnis betrachten.

Es besteht ein tiefgehender Unterschied zwischen der Darlegung einer Wahrheit, die man verstanden hat, die allein von der Sorge geleitet ist, sie nicht zu entstellen, und dem Wunsch, anderen um jeden Preis die eigene Überzeugung aufzunötigen. Propaganda und Popularisierung sind nicht einmal möglich, ohne der Wahrheit zu schaden: der Ehrgeiz, etwas »jedem verständlich zu machen«, es jedem ohne Unterschied zugänglich zu machen, setzt notwendig die Verformung und Vereinfachung des betreffenden Gegenstandes voraus, denn es ist unmöglich, anzunehmen, dass alle Menschen gleich fähig sind, alles zu verstehen. Dabei geht es nicht um ein größeres oder geringeres Maß an Bildung, sondern um den »geistigen Horizont« und dieser kann nicht ohne weiteres verändert werden, da er dem Wesen jedes einzelnen Individuums immanent ist.

Das fantastische Vorurteil der »Gleichheit« widerspricht allen bekannten Tatsachen, sowohl in der geistigen als auch in der körperlichen Welt; es ist die Negation jeder natürlichen Hierarchie und es läuft darauf hinaus, alle Erkenntnisse auf das begrenzte Verständnis der Massen zuzuschneiden. Die Menschen werden nichts mehr gelten lassen, was das trivialste Verstehen übersteigt und tatsächlich sind die wissenschaftlichen und philosophischen Vorstellungen unserer Epoche beklagenswert trivial: moderne »Autoritäten« waren damit äußerst erfolgreich, alles auszumerzen, was mit den Bedürfnissen der Popularisierung unvereinbar ist. Was immer man auch sagen mag, die Bildung jeder denkbaren Elite ist mit dem Ideal der Demokratie unvereinbar, das fordert, dass Individuen, die höchst unterschiedlich begabt sind und sich nach Talent und Temperament unterscheiden, ein und dieselbe Erziehung zuteil wird. Die Resultate unterscheiden sich nach wie vor, trotz dieser Erziehung, aber das widerspricht den Intentionen jener, die sie eingeführt haben. Jedenfalls ist ein solches Erziehungssystem das unvollkommenste von allen und die wahllose Verbreitung von Wissensfetzen ist immer mehr schädlich als nützlich, da sie nur zu einem Zustand der Unordnung und Anarchie führen kann.

Gegen eine solche wahllose Verbreitung halbverdauten Wissens setzen sich traditionelle Erziehungsformen zur Wehr, wie sie überall im Osten vorhanden sind, wo man der Auffassung ist, die möglichen Vorteile der »allgemeinen Schulpflicht« wögen ihre realen Unzulänglichkeiten bei weitem nicht auf. Als würde es nicht ausreichen, wenn das den Okzidentalen zugängliche Wissen schon kaum mehr etwas Transzendentes enthält, wird dieses Wenige durch popularisierende Veröffentlichungen noch weiter vermindert, was dazu führt, dass nur noch die untergeordnetsten Aspekte des Transzendenten behandelt werden und die auch noch meist entstellt, damit sie einfacher verständlich sind. Solche Werke setzen meist die verworrensten Hypothesen in Umlauf und besitzen die Dreistigkeit, sie als bewiesene Wahrheiten auszugeben, meist in Begleitung jener Gemeinplätze, die dem Mob so gut gefallen.

Ein Halbwissen, das auf diesem Wege erworben wird, oder durch eine Erziehung, die aus Handbüchern von solcher Qualität schöpft, ist weit schädlicher als schlichte Unwissenheit. Es ist weit besser, nichts zu wissen, als dass der Kopf mit falschen Ideen angefüllt ist, die oft unauslöschbar sind, besonders, wenn sie von frühester Kindheit an indoktriniert wurden. Der Unwissende bewahrt sich wenigstens die Möglichkeit, etwas zu lernen, falls man ihm diese Möglichkeit gibt; er verfügt über einen gewissen »gesunden Menschenverstand«, der ihn, neben dem Bewusstsein, das er gewöhnlich von seiner eigenen Inkompetenz hat, vor den meisten Verrücktheiten schützt. Dagegen besitzt jener, dem ein Halbwissen eingetrichtert wurde, oft ein deformiertes Bewusstsein, und was er zu wissen glaubt, macht ihn so selbstzufrieden, dass er sich einbildet, er könne über alles reden, was immer es auch sei; das tut er auch gerne und je größer seine Inkompetenz, um so größer seine Geschwätzigkeit: so einfach scheinen doch alle Dinge für jemanden, der nichts weiß!

Nebenbei, auch wenn man die üblen Auswirkungen der Popularisierung beiseite setzt und die westliche Wissenschaft als Ganzes in ihren authentischsten Aspekten betrachtet, bleibt bei ihren Verkündern der Anspruch bestehen, sie könnten diese ohne alle Abstriche allen beibringen, was ein klares Zeichen für Mittelmäßigkeit ist. In den Augen eines Orientalen kann etwas, dessen Studium keine besondere Qualifikation voraussetzt, weder von besonderem Wert noch von wahrer Tiefe sein. Und tatsächlich ist die westliche Wissenschaft äußerlich und oberflächlich. Um sie zu charakterisieren, könnten wie statt von »ignorantem Wissen« auch von »profanem Wissen« sprechen. Von diesem Gesichtspunkt aus besteht auch kein wirklicher Unterschied mehr zwischen Wissenschaft und Philosophie.

Die Menschen haben versucht, die Philosophie als »menschliche Weisheit« zu definieren und in der Tat ist sie dies, mit der klaren Einschränkung, dass sie auch nicht mehr ist als das, eine rein menschliche Weisheit, im eingeschränktesten Sinn dieses Wortes, die aus keinem höheren Element abgeleitet ist, als aus dem menschlichen Verstand. Um jede Zweideutigkeit zu vermeiden, könnten wir sie auch als »profane Weisheit« bezeichnen, aber das liefe darauf hinaus, ihr jeden Charakter einer Weisheit abzusprechen, was ihr nichts beließe, als den illusorischen Schein der Weisheit. Wir werden hier die Konsequenzen des »profanen« Charakters des gesamten Wissens der westlichen Moderne nicht weiter verfolgen; aber um zu zeigen, wie oberflächlich und scheinhaft dieses Wissen ist, rufen wir in Erinnerung, dass die gebräuchlichen Unterrichtsmethoden den Geist weitgehend durch das Gedächtnis ersetzen. Was von den Schülern verlangt wird, von dem Augenblick an, wo sie eine Grundschule betreten, bis zu jenem, wo sie die Universität verlassen, ist, dass sie so viel wie möglich von dem in sich aufstapeln, was ihnen beigebracht wird, und nicht, dass sie es sich anverwandeln; man arbeitet sich vor allem an solchen Gegenständen ab, deren Studium kein eigenständiges Verstehen erfordert; Fakten treten an die Stelle von Ideen und Gelehrsamkeit wird gewöhnlich mit wirklichem Wissen verwechselt. Um diesen oder jenen Wissenszweig, die eine oder andere Methode zu fördern oder zu verwerfen, bedarf es lediglich der Erklärung, sie sei »wissenschaftlich« oder nicht. Jene Methoden, die allgemein als »wissenschaftlich« anerkannt werden, sind die unintelligentesten von allen, Methoden, die alles ausschließen, was über die Untersuchung von Fakten um der Fakten willen hinausgeht; und man sollte bemerken, dass jene den größten Missbrauch mit alle dem treiben, die als Geisteswissenschaftler gelten. Das Prestige des Etiketts »wissenschaftlich« auch wenn es nicht mehr als ein Etikett ist, stellt in der Tat den äußersten Triumpf des »Szientismus« dar; und was die Verehrung anbetrifft, die bei den Massen (einschließlich der sogenannten »Intellektuellen«) durch den Gebrauch eines einzigen Wortes hervorgerufen wird: haben wir da nicht Recht, wenn wir von der »Wissenschaft als Ersatzreligion« sprechen?

Natürlich wird die »szientistische« Propaganda in der zweifachen Form der »allgemeinen Schulpflicht« und der Popularisierung nicht nur im Westen betrieben. Sie treibt ebenso wie alle anderen Formen des westlichen Proselytismus auch anderswo ihre Blüten. Überall, wo die Europäer sich festgesetzt haben, wollten sie diese sogenannten »Segnungen der Bildung« verbreiten, und folgten dabei stets denselben Methoden, ohne diese auch nur im geringsten an die jeweiligen Verhältnisse anzupassen oder ohne, dass es ihnen in den Sinn gekommen wäre, es könnte an diesen Orten vielleicht bereits eine andere Art von Erziehung oder Bildung geben. Alles, was nicht von ihnen kommt, gilt als null und nichtig, und die »Gleichheit« erlaubt es nicht, dass andere Völker oder Rassen mit einer eigenen Geistesart existieren; mehr noch, der Hauptvorteil, den sich diejenigen erhoffen, die diese Erziehung zwangsverordnen, ist vermutlich überall und jederzeit die Auslöschung der traditionellen Weltsichten. Und die »Gleichheit«, die den Abendländern so teuer ist, läuft, sobald sie einmal von zu Hause weg sind, auf Gleichförmigkeit hinaus; das übrige, was sie enthält, fällt nicht unter die Kategorie »exportierbare Güter« und betrifft nur die Beziehungen der Abendländer untereinander, denn sie halten sich selbst für allen anderen Menschen unvergleichlich überlegen, unter denen sie daher auch kaum irgendwelche Unterschiede erkennen; der barbarischste Schwarze und der kultivierteste Orientale werden nahezu gleich behandelt, denn beide befinden sich gleichermaßen außerhalb jener »Zivilisation«, die allein das Recht auf Existenz hat.

Außerdem beschränken sich die Europäer meist darauf, nur die rudimentärsten Fragmente ihres Wissens zu vermitteln. Es ist unschwer, sich vorzustellen, zu welchem Urteil die Orientalen über diese Fragmente kommen, denen selbst die höchsten Gipfel dieses Wissens hauptsächlich wegen ihrer Beschränktheit und ihrer ungebildeten Naivität bemerkenswert erscheinen. Da Völker, die eine eigene Zivilisation besitzen, sich insgesamt ablehnend gegen die so gepriesene Erziehung verhalten, während andere ohne Kultur sich ihr bereitwilliger unterwerfen, sind die Abendländer nicht weit davon entfernt, zu glauben, die letzteren seien den ersteren überlegen; sie sind bereit, jenen eine gewisse Achtung entgegenzubringen, die sie für befähigt halten, sich auf ihre eigene Stufe zu »erheben«, auch wenn sie meinen, diese Erhebung werde erst eintreten, wenn die betreffenden Völker Jahrhunderte einer allgemeinen Schulpflicht durchlaufen haben. Unglücklicherweise würden aber manche das, was die Abendländer als »Aufsteigen« bezeichnen, soweit es sie betrifft, als »Absteigen« betrachten; genau so denken alle wahren Orientalen, auch wenn sie das nicht aussprechen und es stattdessen vorziehen, sich in verächtliches Schweigen zu hüllen, um die westliche Eitelkeit sich selbst und ihren eigenen Interpretationen dieses Schweigens zu überlassen.

Die Europäer haben eine so hohe Meinung von ihrer Wissenschaft, dass sie ihr Ansehen für unwiderstehlich halten und sich einbilden, andere Völker würden selbst vor ihren unbedeutendsten Entdeckungen in Bewunderung versinken; dieser Geisteszustand, der sie manchmal zu den befremdlichsten Missverständnissen führt, ist keineswegs neu und wir haben ein amüsantes Beispiel dafür bei Leibniz gefunden. Diese Philosoph wollte eine »universale Charakteristik« entwickeln, eine Art verallgemeinerter Algebra, die auf jede begriffliche Ordnung anwendbar sein sollte und nicht allein auf die quantitative; zu dieser Idee wurde er von gewissen Autoren des Mittelalters angeregt, besonders von Raimundus Lullus und Trithemius von Sponheim [die selbst wiederum durch die Kabbala angeregt waren]. Im Verlauf seiner Studien, die er für dieses Vorhaben unternahm, beschäftigte er sich mit der Bedeutung der chinesischen Schriftzeichen, besonders auch mit den symbolischen Zeichen, die dem I Ging zugrunde liegen. Sehen wir, wie er die letzteren verstanden hat. »Leibniz«, schreibt Courtat, »glaubte, er habe mit seiner binären Zählweise (die nur die Zahlen 0 und 1 benutzt und in der er ein Bild der Schöpfung aus dem Nichts sah) eine Erklärung für die Figuren des Fu Hsi, geheimnisvolle und altertümliche chinesische Symbole gefunden, deren Bedeutung weder die europäischen Missionare, noch die Chinesen kannten … Er schlug vor, seine Erklärung für die Glaubensmission in China zu benutzen, da sie ihm geeignet schien, den Chinesen einen Eindruck vom hohen Stand der europäischen Wissenschaft zu vermitteln, und zu zeigen, dass diese Wissenschaft mit den ehrwürdigen, heiligen Traditionen der chinesischen Weisheit übereinstimme. Diesen Vorschlag fügte er der Darstellung der binären Arithmetik hinzu, die er für die Akademie der Wissenschaften in Paris schrieb.«

Die betreffende Passage lautet bei Leibniz wie folgt: »Das Überraschende an diesem Kalkül (der binären Arithmetik) ist, dass es das Geheimnis der Linien eines alten Königs und Philosophen namens Fohy enthält, von dem man glaubt, er habe vor mehr als viertausend Jahren gelebt und den die Chinesen als den Begründer ihres Reiches und ihrer Wissenschaften betrachten. Es gibt eine Reihe linearer Figuren, die ihm zugeschrieben werden und sie gehen alle aus dieser Arithmetik hervor; als Beispiel genügt die Figur der acht sogenannten Kova [Ku’a, Trigramm, das im I Ging aus der Anordnung von Orakelstäbchen in Dreiergruppen entsteht; aus ganzen und halben Stäbchen lassen sich insgesamt 8 Kombinationen bilden], die als grundlegend gilt und deren Erklärung einfach ist, wenn man berücksichtigt, dass eine ganze Linie die Einheit oder 1 bedeutet und eine durchbrochene Linie Null oder 0. Es ist vielleicht über tausend Jahre her, dass die Chinesen die Bedeutung der Kova oder Linien des Fuhi vergessen haben und sie haben zu ihnen Kommentare verfasst, in denen sie versuchten, ihnen weiß Gott was für Bedeutungen zu geben, so dass sie nun die richtige von uns Europäern empfangen müssen. Damit verhält es sich wie folgt: Es ist keine zwei Jahre her, dass ich Pater Bouvet, einem berühmten französischen Jesuiten in Peking meine Zählweise mit Hilfe der 1 und der 0 mitteilte, und mehr brauchte er nicht, um zu erkennen, dass sie der Schlüssel zu den Figuren des Fohy ist. So schrieb er mir am 17. November 1701 und sandte mir die große Figurensammlung des königlichen Philosophen, die insgesamt 64 umfasst [die 64 Hexagramme des Wen-Wang, die aus jeweils zwei Dreiergruppen gebildet werden], und keinerlei Zweifel mehr an der Wahrheit meiner Interpretation zulässt, so dass man sagen kann, dieser Pater habe das Rätsel des Fohy gelöst und zwar mit Hilfe dessen, was ich ihm mittelte. Und da diese Figuren vielleicht das älteste Monument der Wissenschaft sind, das wir kennen, erscheint die Rekonstruktion ihrer Bedeutung nach einer so langen Zeit nur um so merkwürdiger … Diese Übereinstimmung flößt mir eine hohe Achtung vor der Tiefe der Meditationen Fohys ein. Denn was uns heute einfach erscheint, war in diesen längst vergangenen Zeiten schwer … Und da man in China glaubt, Fohy sei auch der Schöpfer der chinesischen Schriftzeichen gewesen, die sich zwar im Lauf der Zeit beträchtlich verändert haben, lässt uns sein Aufsatz über die Arithmetik vermuten, dass es noch etwas anderes gibt, was in bezug auf die Zahlen und Ideen von Bedeutung ist, wenn es gelänge, die Grundlage der chinesischen Schrift zu entdecken, um so mehr, als man in China glaubt, er habe Zahlen berücksichtigt, als er die Schriftzeichen schuf. Pater Bouvet legt auf diese Idee großen Wert und ich halte ihn für fähig, in dieser Frage weiterzukommen. Wie auch immer, ich glaube nicht, dass es durch die chinesische Schrift jemals einen solchen Vorteil gab, wie er von meiner Charakteristik zu erwarten ist. Dieser besteht darin, dass jede denkbare Art von Schlüssen, die man aus Begriffen herleiten kann, ebensogut durch Berechnung aus den ihnen entsprechenden Zahlen gewinnen kann, worin eines der bedeutendsten Mittel läge, den menschlichen Geist voranzubringen.«

Wir haben dieses sonderbare Dokument in seiner ganzen Länge wiedergegeben, weil man aus ihm die Grenzen des Verständnisvermögens jenes Mannes entnehmen kann, den wir trotzdem für den »intelligentesten« aller modernen Philosophen halten. Leibniz war schon im voraus überzeugt, seine »Charakteristik« (die er übrigens nie zustande brachte) werde den chinesischen Schriftzeichen weit überlegen sein. Und der größte Witz ist der, dass er Fu Hsi eine große Ehre zu erweisen glaubt, wenn er ihm einen »Aufsatz über Arithmetik« und die erste Vorahnung seiner eigenen kleinen Spielerei mit Zahlen zuschreibt. Wir sehen das Lächeln der Chinesen vor uns, hätte man ihnen diese ziemlich kindische Interpretation unterbreitet, die weit davon entfernt war, ihnen einen Eindruck von den »hohen Errungenschaften der europäischen Wissenschaft« zu vermitteln, sondern ihnen stattdessen ihren tatsächlichen Rang deutlich gemacht hätte. In Wahrheit haben die Chinesen die Bedeutung oder vielmehr die Bedeutungen jener Symbole niemals »vergessen«; sie fühlen sich nur nicht verpflichtet, diese dem Erstbesten zu erklären, besonders, wenn sie meinen, sie sprächen in den Wind; und Leibniz, der von »weiß Gott was für Erklärungen« spricht, gesteht wortreich, dass er rein gar nichts davon versteht. Es sind genau jene »Erklärungen«, welche die Tradition sorgfältig bewahrt hat (und denen die Kommentare getreulich folgen), welche »die wahre Deutung« beinhalten und darüberhinaus gibt es hier kein »Rätsel«. Aber was für einen besseren Beweis könnte es für die Unfähigkeit des Verstehens geben, als die Auffassung, metaphysische Symbole seien nichts als »Zeichen für Zahlen«? Diese Trigramme und Hexagramme sind in Wahrheit metaphysische Symbole, eine synthetische Repräsentation von Theorien, aus denen nicht nur unendlich Vieles entwickelt werden kann, sondern die man auch an alles Mögliche anpassen kann, wenn man sich nicht auf der Ebene der Prinzipien, sondern auf der einer bestimmten Ordnung von Dingen bewegen will. Leibniz wäre höchst überrascht gewesen, wenn man ihm erklärt hätte, dass seine arithmetische Interpretation nur eine von vielen möglichen sei, die er aber alle verworfen hat, dass die seine nur einer untergeordneten Ebene angehöre. Denn diese arithmetische Interpretation ist nicht falsch, sondern mit allen anderen kompatibel, aber sie ist unvollständig und unzureichend, sogar unbedeutend, wenn man sie von den anderen isoliert. Bedeutung erlangt sie nur aufgrund der analogen Korrespondenzen, durch welche die untergeordneten mit den übergeordneten im Rahmen der »traditionellen Wissenschaften« verknüpft werden. Die höhere Bedeutung ist die rein metaphysische; die restlichen sind lediglich mehr oder weniger wichtige Anwendungen, denen die Kontingenz gemeinsam ist. Auf diesem Wege mag man zu einer arithmetischen Anwendung gelangen oder zu einer unbegrenzten Anzahl weiterer, zum Beispiel einer logische Anwendung, die vielleicht dem Leibnizschen Projekt besser gedient hätte, oder einer sozialen Anwendung, der Grundlage des Konfuzianismus, oder einer astronomischen, der einzigen, welche die Japaner je verstanden haben, schließlich sogar einer divinatorischen Anwendung, welche die Chinesen allerdings als eine der unbedeutendsten betrachten, die sie wandernden Gauklern überlassen. Wäre Leibniz in direktem Kontakt mit den Chinesen gestanden, dann hätten sie ihm vielleicht erklärt (aber hätte er es verstanden?), dass sogar die Zahlen, die er verwendete, eine symbolische Bedeutung haben, die auf eine Ebene verweist, die weit über der mathematischen liegt, und dass Zahlen aufgrund dieser Symbolik bei der Schöpfung der Schriftzeichen eine Rolle spielten, nicht weniger als bei der Erklärung der pythagoräischen Lehren (was wiederum zeigt, dass diese Einsichten im Westen nicht unbekannt waren). Die Chinesen hätten vielleicht sogar die Zählung mit 1 und 0 akzeptiert und hätten diese »rein mathematischen Zeichen« als symbolische Ausdrücke der Ideen von yin und yang gedeutet, obwohl sie viele Gründe hatten, die »Linien« Fu Hsis vorzuziehen, deren eigentliche und wahre Bedeutung im Reich der Metaphysik liegt.

Wir haben dieses Beispiel so ausführlich behandelt, weil es die Differenz zwischen der philosophischen Systematik und der traditionellen Synthese, zwischen westlicher Wissenschaft und östlicher Weisheit deutlich macht; man wird unschwer erkennen – wenn man von diesem Beispiel ausgeht, das zugleich als Symbol dient – auf welcher Seite die Verständnislosigkeit und die Beschränktheit liegt. Leibniz ist mit seiner Anmaßung die chinesischen Symbole besser zu verstehen, als die Chinesen selbst, ein veritabler Vorläufer der heutigen Orientalisten, die – vor allem die Deutschen – allen Vorstellungen und Lehren des Ostens mit derselben Anmaßung entgegentreten, und die sich weigern, die Ansichten der autorisierten Vertreter dieser Lehren auch nur in Betracht zu ziehen: wir haben anderswo den Fall Deussens erwähnt, der glaubte, er müsse den Hindus Shankaracharya erklären und zwar mit Hilfe der Ideen Schopenhauers; hierbei handelt es sich um ein und dieselbe Gesinnung.

Eine letzte Bemerkung dazu: Abendländer, die bei jeder Gelegenheit, die sich bietet, ihren Glauben an ihre eigene Überlegenheit und die ihrer Wissenschaft verkünden, gehen wirklich fehl, wenn sie behaupten, die östliche Weisheit sei »arrogant«, wie sie es zuweilen tun, und zwar mit der Begründung, diese unterwerfe sich nicht den Begrenzungen, an die sie gewöhnt sind, und weil sie das nicht zulassen können, was über diese Begrenzungen hinausgeht. Dies ist einer der verbreiteten Fehler der Mittelmäßigkeit, und es ist eben diese Mittelmäßigkeit, die den Geist der Demokratie ausmacht.

Die Arroganz ist in Wahrheit etwas ausgesprochen westliches; dasselbe gilt von der Bescheidenheit, und so paradox dies auch scheinen mag, diese Gegensätze gehen Hand in Hand. Sie sind ein Beispiel für die Dualität, welche die gesamte Ordnung der Gefühle dominiert und die am deutlichsten durch die Beschaffenheit der Moralbegriffe bewiesen wird. Denn die Begriffe von Gut und Böse können niemals ohne ihr jeweiliges Gegenteil existieren.

Tatsächlich sind Arroganz und Bescheidenheit der orientalischen Weisheit gleichermaßen fremd (wir könnten auch von »Weisheit« ohne näheren Zusatz sprechen) und lassen sie gleich unberührt, weil sie ihrem Wesen nach rein geistig ist und mit Gefühlen rein gar nichts zu tun hat. Sie weiß, dass der Mensch gleichzeitig weit weniger und weit mehr ist, als die Völker des Westens meinen, wenigstens die heutigen, und sie weiß auch, dass er genau das ist, was er sein soll, damit er seinen Platz im Universum einnehmen kann.

Der Mensch, das heißt, die menschliche Individualität, nimmt keinen privilegierten herausgehobenen Platz ein, weder in dem einen Sinn, noch in dem anderen; er befindet sich weder an der Spitze noch an der Basis der Skala aller Wesen: er repräsentiert in der Hierarchie der Existenz einfach einen Zustand, wie andere Wesen auch, unter einer unbestimmten Vielheit von Wesen, von denen sich viele über ihm und viele unter ihm befinden. Es ist selbst in dieser Hinsicht nicht schwierig zu zeigen, dass Bescheidenheit mit einer bestimmten Art von Hochmut einhergeht; lediglich um den Menschen zu erniedrigen, wie dies oft im Westen geschieht, findet man die Mittel, um ihm gleichzeitig eine ungebührliche Bedeutung zuzuschreiben, wenigstens insoweit es um seine Individualität geht; vielleicht ist dies ein Beispiel jener unbewussten Heuchelei, die mehr oder weniger von jeder Form des Moralismus untrennbar ist, den die Orientalen im allgemeinen als eine der Eigenschaften des Abendländers betrachten.

Nebenbei existiert diese Ausgleich schaffende Bescheidenheit keineswegs immer. Bei einer großen Zahl der Abendländer findet sich auch geradezu eine Vergöttlichung der menschlichen Vernunft, die an sich oder durch die Wissenschaft angebetet wird, die aus ihr hervorgeht; es handelt sich um die extremste Form des Rationalismus und des »Szientismus«, aber zugleich um ihre natürlichste und logischste Folge.

In der Tat wird jeder, der außer dieser Wissenschaft und der Vernunft nichts kennt, die Illusion ihrer absoluten Überlegenheit hegen; und jeder, der nichts kennt, was über der Menschheit steht, insbesondere über jenem Teil der Menschheit, den die westliche Moderne darstellt, wird versucht sein, diese zu vergöttlichen, insbesondere, sobald sich die Sentimentalität einmischt (von der wir gezeigt haben, dass sie gut mit dem Rationalismus vereinbar ist). All dies ist nur die unausweichliche Folge der Unkenntnis der Prinzipien, eine Unkenntnis, die wir als das Hauptlaster der westlichen Wissenschaft bezeichnet haben; und trotz Littrés Protesten glauben wir nicht, dass Comte auch nur im geringsten vom Positivismus abwich, als er versuchte, eine »Religion der Menschheit« zu begründen; diese besondere Art des »Mystizismus« stellte nur einen Versuch dar, die beiden Haupttendenzen der westlichen Zivilisation miteinander zu vereinen. Noch schlimmer ist, dass es sogar eine materialistische Pseudo-Mystik gibt.

Wir kennen Menschen, die so weit gingen, zu erklären, sie würden selbst dann Materialisten bleiben, wenn sie keinen vernünftigen Grund dazu hätten, weil es einfach »feiner« sei, »Gutes zu tun«, ohne auf eine mögliche Vergeltung (im Jenseits) zu hoffen. Diese Leute, deren Verstand so stark vom »Moralismus« beeinflusst ist (und ihre Moral ist im Grunde, obwohl sie behauptet, »wissenschaftlich« zu sein, reine Sentimentalität), kommen unter jenen die sich zur »Wissenschaftsreligion« bekennen, besonders häufig vor. Da es sich bei dieser in Wahrheit nur um eine »Pseudo-Religion« handeln kann, halten wir es für zutreffender, wenn man sie als »Aberglauben der Wissenschaft« bezeichnet: ein Glaube aber, der allein auf Ignoranz fußt (selbst wenn es sich um den Glauben an  eine »Autorität« handelt) und auf eitlen Vorurteilen, verdient es nicht, dass man ihn anders betrachtet, als einen gewöhnlichen Aberglauben.

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