Zivilisation und Fortschritt

Auszug aus René Guénons Buch »Ost und West« (1924). Übersetzung Lorenzo Ravagli.

Gegen den Kolonialismus der Werbung. Graffiti in Frankreich. Quelle: https://blogs.stockton.edu/postcolonialstudies/veils-and-postcolonial-feminism/princess-hijab/

Gegen den Kolonialismus der Werbung. Graffiti in Frankreich.

In seinem Buch »Ost und West« hat Guénon viele jener Argumente vorweggenommen, die später von den »postcolonial studies« weiter ausgearbeitet wurden. Wie schon in seiner »Einführung in das Studium der hinduistischen Lehren« geht er von der grundsätzlichen Inferiorität der westlichen Zivilisation der Moderne gegenüber östlicher Weisheit und Tradition aus und verkehrt damit die kolonialen Vorurteile in ihr Gegenteil

Die Zivilisation der westlichen Moderne erscheint in der Geschichte als ausgesprochene Anomalie; unter allen, die uns mehr oder weniger gut bekannt sind, ist sie die einzige, die eine rein materielle Entwicklung durchlaufen hat und diese monströse Entwicklung, deren Beginn mit der sogenannten Renaissance zusammenfällt, ging, wie es nicht anders sein konnte, mit einem entsprechenden geistigen Rückschritt einher.

Wir sagen »entsprechend« und nicht »gleichwertig«, denn es handelt sich um zwei unterschiedliche Ordnungen, für die es keinen gemeinsamen Maßstab gibt. Dieser Rückschritt hat ein solches Ausmaß erreicht, dass die Abendländer nicht einmal mehr wissen, was reiner Geist ist; tatsächlich hegen sie nicht einmal den Verdacht, so etwas könne existieren; daher ihre Verachtung, nicht nur für die Zivilisation des Ostens, sondern auch für das europäische Mittelalter, dessen spezifischen Geist sie ebensowenig verstehen.

Wie kann man das Interesse an einer rein spekulativen Erkenntnis Menschen wieder nahebringen, für die der Geist nur ein Mittel ist, um auf die Materie einzuwirken und sie einem praktischen Nutzen zuzuführen, und für welche die Wissenschaft, nach ihrem begrenzten Verständnis, vor allem deswegen von Bedeutung ist, weil sie industriellen Zwecken dient?

Wir übertreiben nicht; man braucht nur einen Blick in seine Umgebung zu werfen, um festzustellen, dass dies in der Tat die Geistesart der breiten Mehrheit unserer Zeitgenossen ist und ein weiterer Blick genügt, diesmal auf die Philosophie von Francis Bacon bis zu Descartes, um diesen Eindruck zu bestärken. Wir erinnern daran, dass Descartes den Geist auf den Verstand beschränkte und dass er dem, was er als Metaphysik bezeichnete, lediglich die Funktion zusprach, als Grundlage für die Physik zu dienen, und dass diese Physik seiner Auffassung nach dazu bestimmt war, den angewandten Wissenschaften den Weg zu ebnen: der Mechanik, der Medizin und der Moral – dem Äußersten, wozu es das menschliche Wissen bringen könne.

Sind die Tendenzen, die er auf diese Weise aussprach, nicht die, die heute auf den ersten Blick die gesamte Entwicklung der modernen Welt zu kennzeichnen scheinen? Alle reine und überrationale Erkenntnis zu verneinen oder zu ignorieren, war eine Entscheidung, die logischerweise nur zum Positivismus und Agnostizismus führen konnte, die sich selbst mit der äußersten Beschränkung des Geistes und seiner Gegenstände abfinden und zu all jenen sentimentalen und voluntaristischen Theorien, die fieberhaft im unter-rationalen nach dem suchen, was ihnen der Verstand nicht zu geben vermag.

In der Tat akzeptieren auch jene Zeitgenossen, die sich gegen den Rationalismus wenden, die vollständige Identifikation des Geistes mit dem Verstand, und glauben, er sei nichts, als eine rein praktische Fähigkeit, die nicht imstande sei, sich über die materielle Welt zu erheben. Bergson schreibt Folgendes: »Der Geist ist die Fähigkeit, künstliche Objekte herzustellen, insbesondere Werkzeuge, um andere Werkzeuge zu erzeugen und diese Herstellung unendlich abzuwandeln.« Oder an anderer Stelle: »Der Geist folgt Gewohnheiten, die er sich bei der Arbeit an seinem eigentlichen Gegenstand (dem groben Stoff) angeeignet hat, auch wenn er diesen nicht mehr bearbeitet: er wendet Formen an, die in der Tat der unorganisierten Materie eigen sind. Er ist für diese Art von Tätigkeit wie geschaffen. Und durch sie allein findet er seine Befriedigung. Und diese bringt der Geist zum Ausdruck, wenn er sagt, er habe Klarheit und Deutlichkeit erlangt.« Offenbar spricht Bergson hier nicht vom Geist selbst, sondern nur von der cartesischen Vorstellung des Geistes, die sich sehr von jenem unterscheidet: und die »neue Philosophie«, wie ihre Anhänger sie nennen, ersetzt den Aberglauben des Verstandes durch einen anderen, der noch handfester ist, nämlich den Aberglauben des Lebens [gemeint ist die »Lebensphilosophie«].

Der Rationalismus, der schon nicht imstande war, die absolute Wahrheit zu erfassen, ließ wenigstens eine relative Wahrheit gelten; der Intuitionismus unserer Tage setzt diese Wahrheit zu einem bloßen Abbild der sinnlichen Wahrnehmung in all ihrer Unbeständigkeit und Veränderlichkeit herab; der Pragmatismus schließlich löscht den Begriff der Wahrheit gänzlich aus, indem er ihn durch jenen der Nützlichkeit ersetzt.

Vielleicht haben wir die Dinge etwas vereinfacht, aber dadurch werden sie nicht unwahr, und wie auch immer die Zwischenstufen aussehen mögen, die grundlegenden Tendenzen sind die, die wir eben beschrieben haben; die Pragmatiker, die bis zum Äußersten gehen, erweisen sich als die authentischsten Vertreter des modernen westlichen Denkens: Was nützt uns die Wahrheit in einer Welt, deren Sehnsüchte, die einzig materiell und sentimental sind und nicht geistig, in Industrie und Moralität ihre vollständige Befriedigung finden, zwei Gebieten, in denen man bestens ohne die Wahrheit zurecht kommt? Mit Sicherheit wurde dieses Extrem nicht auf einen Schlag erreicht und viele Europäer sind noch nicht bei ihm angelangt; aber wir denken besonders an die Amerikaner, die bereits auf einer »fortgeschritteneren« Stufe dieser Zivilisation stehen. Sowohl geistig als auch geographisch ist Amerika tatsächlich der »ferne Westen«; und Europa wird ihm ohne Zweifel folgen, wenn nichts geschieht, was die Entwicklung aufhält, die in den gegenwärtigen Zuständen bereits veranlagt ist.

Aber am außergewöhnlichsten ist vielleicht der Versuch, diese abnorme Zivilisation zum Inbegriff aller Zivilisationen zu erklären, sie als die Zivilisation par excellence zu betrachten, ja als die einzige, die wirklich diesen Namen verdient. Ebenfalls außerordentlich und komplementär zu dieser Illusion ist der Glaube an den »Fortschritt«, der ebenso absolut betrachtet und natürlich mit der materiellen Entwicklung identifiziert wird, welche die gesamten Energien der westlichen Moderne in sich aufsaugt. Es ist merkwürdig, zu beobachten, wie schnell und erfolgreich sich gewisse Ideen verbreiten und zur Herrschaft gelangen, vorausgesetzt, sie entsprechen den allgemeinen Tendenzen ihrer Umgebung und Epoche; so verhält es sich mit den Ideen der »Zivilisation« und des »Fortschritts«, die so viele Menschen für universell und notwendig halten, während sie in Wahrheit erst vor kurzem erfunden wurden, während selbst heute noch (1924) drei Viertel der Menschheit sie weiterhin ignorieren oder als überflüssig betrachten …

Die beiden Ideen der »Zivilisation« und des »Fortschritts«, die eng miteinander zusammenhängen, stammen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, das heißt aus jener Epoche, die unter anderem den Materialismus geboren hat; und sie wurden insbesondere von den sozialistischen Träumern des beginnenden 19. Jahrhunderts verbreitet und popularisiert. Man kann nicht leugnen, dass die Ideengeschichte manchmal zu überraschenden Einsichten führt und dazu beiträgt, fantastische Ideen auf ihren wirklichen Wert zurückzuführen; sie würde dies noch mehr tun, wäre sie nicht – was übrigens in noch stärkerem Maß für die gewöhnliche Geschichte gilt – , durch zweifelhafte Interpretationen verfälscht oder beschränkte sich auf bloße Gelehrsamkeit und die Untersuchung unbedeutender Details. Die wahre Geschichte könnte gewisse politische Interessen gefährden; und man darf sich fragen, ob dies nicht der Grund ist, dass dort, wo es um Bildung geht, bestimmte Methoden offiziell vorgeschrieben und alle anderen ausgeschlossen werden; bewusst oder nicht – man beginnt damit, alles zu entfernen, was dazu führen könnte, dass man in gewissen Dingen klar sieht, und auf diese Weise wird die »öffentliche Meinung« geformt.

Aber um auf die beiden Ideen zurückzukommen, von denen wir eben gesprochen haben: wenn wir ihren Ursprung ins genannte Jahrhundert verlegen, dann meinen wir damit jene absolute und wie wir glauben, illusorische Deutung, die ihnen heute gegeben wird. Dass man sie auch in einem eingeschränkten, berechtigten Sinn verwenden kann, daran besteht kein Zweifel. Daher zögern wir auch nicht, zu sagen, dass es schon immer unterschiedliche »Zivilisationen« gegeben hat und noch heute gibt; und auch wenn es schwierig wäre, das unübersichtliche Gemenge aus unterschiedlichen Ordnungen genau zu definieren, das heute als Zivilisation bezeichnet wird, versteht jeder ganz gut, was damit gemeint ist. Wir halten es nicht für nötig, die allgemeinen Charakteristiken der Zivilisation als Ganzes in eine Formel zu pressen, noch die besonderen Eigenschaften einer bestimmten Zivilisation. Das wäre ein etwas künstliches Unterfangen und wir misstrauen jenen engen »Taubenschlägen«, an denen der systematische Geist so großes Gefallen findet.

Ebenso wie es »Zivilisationen« gibt, gibt es auch während der Entwicklung einer jeden von ihnen oder während mehr oder weniger begrenzter Zeiträume innerhalb dieser Entwicklung, »Fortschritte«, die zwar nicht alles gleichermaßen beeinflussen, aber doch dieses oder jenes bestimmte Gebiet; tatsächlich kommt dies der Aussage gleich, dass eine Zivilisation sich in einem bestimmten Sinn und in eine bestimmte Richtung entwickelt; aber ebenso wie es Fortschritte gibt, gibt es auch Rückschritte und manchmal finden diese zur selben Zeit auf unterschiedlichen Gebieten statt.

Wir bestehen also darauf, dass all dies im höchsten Grade relativ ist; wenn man dieselben Worte in einem absoluten Sinn auffasst, verlieren sie allen Bezug zur Realität und genau dann haben wir es mit jenen neuen Ideen zu tun, die nicht mehr als 150 Jahre existiert haben und auch nur im Westen.

Sicherlich erzielen »Fortschritt« und »Zivilisation« in gewissen Sätzen eine große Wirkung, so leer sie rhetorisch auch sind, aber sie eignen sich gut, um einen Mob zu beeinflussen, für den Worte eher ein Ersatz für Gedanken sind, als ein Mittel, um sie auszudrücken. Daher spielen diese beiden Worte eine wichtige Rolle in der Formelsammlung all jener, die heute »die Kontrolle ausüben« und ihrem abwegigen Geschäft kollektiver Suggestion nachgehen, ohne welche die Geistesart, die für die Moderne kennzeichnend ist, gewiss von kurzer Dauer wäre. Was dies anbetrifft, zweifeln wir daran, dass der Analogie jemals genügend Aufmerksamkeit geschenkt wurde, die zwischen der Wirksamkeit des Redners und jener des Hypnotiseurs besteht (dazu gehört übrigens auch der Tierbändiger). Das wäre ein neuer Gegenstand für die Forschungen der Psychologen und wir weisen sie im Vorbeigehen darauf hin. Zweifellos haben auch andere Zeiten sich der Macht des Wortes bedient; aber wozu es keine Parallele gibt, ist diese gigantische kollektive Halluzination, aufgrund derer ein Teil der Menschheit die eitelsten Phantasien für unbestreitbare Realität hält; und unter all den Idolen des modernen Götzendienstes sind die beiden, die wir eben entlarven, vielleicht die schädlichsten.

Wir müssen noch einmal zur Geburt der Idee des Fortschritts zurückkehren, genauer zur Idee des unbegrenzten Fortschritts, und ihrem Unterschied zu jenen teilweisen und begrenzten Fortschritten, die wir keinesfalls in Zweifel ziehen möchten. Wahrscheinlich findet sich die erste Spur dieser Idee in den Schriften Pascals. Die Passage ist gut bekannt, er vergleicht darin die Menschheit mit »einem einzigen Menschen, der immer existiert und der im Verlauf der Jahrhunderte kontinuierlich lernt«. Pascal zeugt von jenem antitraditionalistischen Geist, der eines der Kennzeichen des modernen Westens ist, wenn er erklärt, dass »jene, die wir als die Alten bezeichnen, in allem neu waren« und dass folglich ihre Ansichten nur von geringem Wert sind. Was dies anbetrifft, so hatte Pascal wenigstens einen Vorläufer, da bereits Bacon im selben Sinn gesagt hatte: »Antiquitas saeculi, juventus mundi.« (Das Alter gehört dem Jahrhundert an, die Jugend der Welt).

Der unbewusste Trugschluss, auf dem eine solche Vorstellung fußt, ist leicht zu erkennen: er besteht in der Annahme, dass sich die Menschheit als Ganze kontinuierlich in dieselbe Richtung entwickelt; die falsche Schlichtheit dieser Auffassung ist geradezu unverfroren, da sie im Widerspruch zu allen bekannten Fakten steht. In der Tat zeigt uns die Geschichte in jeder Epoche von einander unabhängige Zivilisationen, die sich oft deutlich voneinander unterscheiden, die geboren werden und wachsen, während andere dekadent werden und sterben oder in einer einzigen Katastrophe zugrunde gehen; und die neuen Zivilisationen sammeln keineswegs die Überreste der alten ein.

Wer wollte ernsthaft behaupten, der heutige Westen sei zum Beispiel, wie indirekt auch immer, von den Erkenntnissen der Chaldäer oder der Ägypter beeinflusst worden, ganz zu schweigen von manchen Zivilisationen, von denen wir heute nicht einmal mehr die Namen wissen. Aber wir müssen nicht so weit in die Vergangenheit zurück, da es auch im europäischen Mittelalter Wissenschaften gab, von denen wir heute nicht mehr den geringsten Begriff haben. Wenn wir an Pascals Idee des »kollektiven Menschen« festhalten wollen (den er sehr ungenau als »universellen Menschen« bezeichnet), dann müssen wir sagen, dass es nicht nur Perioden gibt, in denen er lernt, sondern auch solche, in denen er vergisst, oder genauer, dass er manches vergisst, während er anderes lernt; aber die Wirklichkeit ist noch weit komplexer, weil es gleichzeitige Zivilisationen gibt und immer gegeben hat, die sich nicht gegenseitig durchdringen, sondern einander unbekannt bleiben: tatsächlich gilt dies, heute mehr denn je, von der westlichen Zivilisation und ihrem Verhältnis zu den östlichen.

Kurz, der Ursprung der Illusion Pascals ist schlicht der folgende: die Völker des Westens haben seit der Renaissance angefangen, sich selbst als die Erben und Fortführer der griechisch-römischen Antike zu betrachten und alles andere misszuverstehen oder zu ignorieren; genau dies bezeichnen wir als das »klassische Vorurteil«. Die Menschheit, von der Pascal spricht, beginnt mit den Griechen, setzt sich in den Römern fort, dann gibt es eine Unterbrechung ihrer Existenz im Mittelalter, in dem er, wie alle Angehörigen des 17. Jahrhunderts, nur eine Phase des Schlafs sehen kann; schließlich kommt die Renaissance, das heißt, das Wiedererwachen der Menschheit, die von da an aus der Gesamtheit aller europäischen Völker besteht. Das ist ein grotesker Irrtum, einer, der auf einen befremdlich verengten geistigen Horizont hindeutet, und der darin besteht, dass man den Teil für das Ganze hält. Der Einfluss dieses Irrtums findet sich auf vielen Gebieten: die Psychologen zum Beispiel beschränken ihre Beobachtungen in der Regel auf einen einzigen Typus der Menschheit, den modernen Abendländer, und dehnen die so gewonnenen Resultate so weit aus, dass sie glauben, sie könnten aus ihnen ohne Ausnahme die Eigenschaften des Menschen im allgemeinen ableiten.

Es ist wichtig zu bemerken, dass Pascal nur an einen geistigen Fortschritt dachte, der sich in den Grenzen dessen bewegte, was er und seine Zeit sich unter »geistig« vorstellten; gegen Ende des 18. Jahrhunderts tauchte dann bei Turgot und Condorcet die Idee des Fortschritts auf, die sich auf alle Gebiete des menschlichen Handelns bezog; und diese Idee war damals weit entfernt davon, allgemein anerkannt zu werden, so dass Voltaire alles tat, um sie ins Lächerliche zu ziehen. Wir können hier nicht die ganzen Wandlungen nachzeichnen, denen diese Idee im Verlauf des 19. Jahrhunderts unterlag, die pseudowissenschaftlichen Komplikationen, in die sie sich verwickelte, als die Leute begannen, sie unter dem Namen der »Evolution« nicht nur auf die ganze Menschheit, sondern auch auf das Tierreich anzuwenden.

Der Evolutionismus ist heute, trotz mancher mehr oder weniger wichtiger Meinungsverschiedenheiten, zu einem offiziellen Dogma geworden; er wird wie ein Gesetz gelehrt, über das es verboten ist, zu diskutieren, obwohl er in Wahrheit nicht mehr ist, als die faulste und am schlechtesten begründete aller Hypothesen; dies gilt a fortiori auch von der Idee des menschlichen Fortschritts, von dem man heute voraussetzt, dass er nur ein Spezialfall der »Evolution« ist.

Aber bevor diese Position erreicht war, gab es viele Hochs und Tiefs, und selbst unter den Vorkämpfern des Fortschritts gab es manche, welche die eine oder die andere gewichtige Einschränkung für nötig hielten. Auguste Comte, der als Schüler Saint-Simons angefangen hatte, meinte, der Fortschritt sei zwar von unbegrenzter Dauer, seinem Umfang nach aber begrenzt. Nach ihm stellte der Marsch der Menschheit eine Kurve mit einer Asymptote dar, der sie sich annähert, ohne sie je zu erreichen, so dass das Maß des möglichen Fortschritts, das heißt, die Verringerung der Distanz der Kurve zur Asymptote, immer langsamer zunimmt.

Nichts ist einfacher, als die Verwirrungen aufzuzeigen, die der fantastischen Theorie zugrunde liegen, die Comte als das »Gesetz der drei Stadien« bezeichnete, deren wichtigste in der Voraussetzung besteht, das einzige Ziel aller möglichen Erkenntnis sei die Erklärung von Naturphänomenen. Wie Bacon und Pascal verglich er die Alten mit Kindern und andere haben in jüngerer Zeit geglaubt, diesen Vergleich noch übertrumpfen zu können, indem sie diese mit Wilden verglichen, die sie als »Primitive« bezeichnen. Wir dagegen betrachten diese sogenannten Primitiven als Überreste einer einst weit höheren Zivilisation, die im Lauf der Zeit degeneriert ist. Neben diesen Theoretikern der Primitivität gibt es andere, die nicht umhin können, das Auf und Ab in dem zu bemerken, was sie von der Geschichte der Menschheit kennen, was sie dazu  geführt hat, von einem »Rhythmus des Fortschritts« zu sprechen. Es wäre vielleicht einfacher und logischer, unter diesen Umständen mit dem Reden über den Fortschritt ganz aufzuhören, aber da das moderne Dogma unter allen Umständen aufrecht erhalten werden muss, behauptet man, es gebe ungeachtet aller bloß teilweisen Fort- und tatsächlichen Rückschritte am Ende doch einen Fortschritt. Diese Einschränkungen und Widersprüche sollten zu denken geben, aber nur wenige scheinen sie überhaupt zu bemerken. Die unterschiedlichen Schulen kommen zu keiner Einigung, einig sind sich aber alle, dass es Fortschritt und Evolution gibt; ohne diese scheint es, als verlöre man allen Anspruch auf den Titel eines »zivilisierten Menschen«.

Es gibt noch etwas anderes, dem man seine Aufmerksamkeit schenken sollte. Wenn man untersucht, welche Formen des angeblichen Fortschritts am häufigsten genannt und von unseren Zeitgenossen als Ausgangspunkt für alle anderen imaginiert werden, dann wird man feststellen, dass es nur zwei sind: der »materielle« und der »moralische« Fortschritt. Sie sind die einzigen, von denen Jacques Bainville sagt, sie seien in der heutigen Idee der Zivilisation enthalten, und wir denken, er hat recht. Sicherlich gibt es manche, die immer noch über den »geistigen« Fortschritt sprechen, aber für sie ist dieser mit dem »wissenschaftlichen« Fortschritt synonym und bedeutet in erster Linie die Entwicklung der Experimentalwissenschaften und ihrer praktischen Anwendungen. Hier kommt erneut dieser defizitäre Begriff des Geistes zum Vorschein, der ihn mit der beschränktesten und untergeordnetsten seiner Anwendungen gleichsetzt: dem Experimentieren mit Stoffen um praktischer Anwendungen willen. Um genau zu sein, der sogenannte »geistige« Fortschritt ist nichts anderes als »materieller« Fortschritt und wenn Geist nur das wäre, dann müsste man Bergsons Definition akzeptieren. Tatsächlich kommt es den meisten Abendländern nie in den Sinn, dass Geist etwas anderes sein könnte; bei ihnen reicht er nicht einmal mehr an das heran, was Descartes als Verstand bezeichnete, sondern lediglich an die elementarsten Funktionen dieses Verstandes, an jene, die an diese Welt der Sinne gebunden sind, die sie als die einzigen gelten lassen, worauf sich seine Tätigkeit richtet.

Bei jenen, die wissen, dass es noch etwas anderes gibt und die darauf bestehen, den Worten ihre wahre Bedeutung zu geben, kann kein Zweifel daran bestehen, dass es in unserer Zeit keinen »geistigen Fortschritt« gibt, sondern vielmehr einen geistigen Rückschritt, oder um noch präziser zu sein, einen geistigen Ruin. Und da es Entwicklungslinien gibt, die miteinander nicht kompatibel sind, ist genau dies der Preis, den man für den »materiellen Fortschritt« bezahlt, der einzige, dessen Existenz in den letzten Jahrhunderten eine wirkliche Tatsache ist. Man kann diesen, wenn man darauf bestehen will, auch wissenschaftlichen Fortschritt nennen, aber nur in einem extrem eingeschränkten Sinn dieses Wortes, der im Grunde nur den industriellen Fortschritt bezeichnet. Materielle Entwicklung und reine Geistigkeit bewegen sich in entgegengesetzte Richtungen; wer sich in das eine versenkt, entfernt sich notwendig um so mehr vom anderen.

Man sollte sorgfältig darauf achten, dass wir hier vom Geist sprechen und nicht von der Rationalität, da das Reich des Verstandes nur ein mittleres Gebiet zwischen den Sinnen und dem höherstehenden Geist ist. Denn obzwar der Verstand eine Reflexion des Geistes empfängt, selbst wenn er diesen verneint und sich selbst mit der höchsten menschlichen Fähigkeit verwechselt, so arbeitet er doch stets mit Begriffen, die er aus den sinnlichen Wahrnehmungen schöpft. Mit anderen Worten, das Allgemeine, der eigentliche Gegenstand des Verstandes und damit auch der Wissenschaft, die der Verstand hervorbringt, entspringt aus dem Individuellen, das die Sinne wahrnehmen, auch wenn es nicht der Ordnung der sinnlichen Wahrnehmungen angehört; man kann sagen, es liegt jenseits der Sinne, aber nicht, dass es über ihnen liegt. Allein das Universelle, der Gegenstand des reinen Geistes, ist transzendent und im Licht des Universellen verschwimmt sogar das Allgemeine mit dem Individuellen. Das ist der fundamentale Unterschied zwischen metaphysischer und wissenschaftlicher Erkenntnis, den wir anderswo genauer erläutert haben (in der »Einführung in die Lehren der Hindus«); und wenn wir hier erneut die Aufmerksamkeit darauf lenken, dann deswegen, weil die totale Abwesenheit der ersteren und die chaotische Entwicklung der letzteren jene Eigenschaften der gegenwärtigen westlichen Zivilisation sind, die sie vor allem anderen ausmachen.

Was die Vorstellung vom »moralischen Fortschritt« anbetrifft, so repräsentiert diese den anderen vorherrschenden Faktor in der Mentalität der Moderne dar, die Sentimentalität. Das Vorhandensein dieses Elementes ändert nicht im geringsten unser Urteil über die westliche Zivilisation, dass sie im wesentlichen materiell ist. Wir wissen, dass manche Menschen die Welt der Gefühle der materiellen Welt entgegensetzen, dass sie die Entwicklung der einen zu einer Art Gegengewicht der anderen machen wollen, und es als ihr Ideal betrachten, das bestmögliche Gleichgewicht zwischen diesen beiden komplementären Elementen zu schaffen. Darauf läuft vielleicht, wenn man es in seiner Quintessenz fasst, die Argumentation der Intuitionisten hinaus, die, indem sie den Geist an den Stoff ketten, hoffen, sich selbst mit Hilfe eines vage definierten Instinktes von diesem befreien zu können. Mit Sicherheit ist das die Überlegung der Pragmatiker, die Wahrheit durch Nützlichkeit ersetzen und diese zugleich unter einem materiellen und moralischen Gesichtspunkt betrachten; und wir sehen hier erneut, wie umfassend der Pragmatismus die besondere Tendenz der Moderne zum Ausdruck bringt, besonders der angelsächsischen Welt, die eine ihrer typischsten Erscheinungsformen ist.

In der Tat können Materialismus und Sentimentalität, die weit entfernt davon sind, einen Gegensatz darzustellen, kaum ohne einander existieren und beide streben Seite an Seite nach ihrer maximalen Entfaltung; der Beweis dafür findet sich in Amerika, wo, wie wir in unseren Büchern über Theosophie und Spiritismus bemerken konnten, die übelsten pseudomystischen Auswüchse entstehen und sich mit unglaublicher Leichtigkeit neben einem Industrialismus und einer Leidenschaft für das Business verbreiten, die eine Form erreicht haben, die an Wahnsinn grenzt. Wenn die Dinge dieses Stadium erreicht haben, dann besteht zwischen diesen beiden Tendenzen nicht länger ein Gleichgewicht, sondern es bestehen zwei Ungleichgewichte, die sich gegenseitig verstärken, statt sich auszugleichen.

Der Grund für diese Erscheinung ist leicht zu erkennen: wo der Geist auf ein Minimum reduziert wird, gewinnt die Sentimentalität die Oberhand; und das Gefühl steht der materiellen Ordnung der Dinge sehr nahe: unter allem, womit die Psychologie sich befasst, gibt es nichts, was mehr vom Leib abhängig ist und trotz Bergson ist es offensichtlich das Gefühl und nicht der Geist, das an den Stoff gebunden ist. Die Intuitionisten mögen einwenden, dass der Geist, so wie sie ihn verstehen, an den unorganischen Stoff gebunden sei (sie denken immer an die cartesische Mechanik und ihre Weiterentwicklungen) und das Gefühl an den belebten Stoff, der nach ihrer Ansicht höher stehe, als der unbelebte. Aber ob unorganisch oder belebt, Stoff bleibt Stoff und in der Welt des Stoffes kann es nichts anderes als sinnlich wahrnehmbare Dinge geben; die Mentalität der Moderne und die Philosophen, die sie repräsentieren, ist es tatsächlich unmöglich, dieser Beschränkung zu entkommen. Genauer gesagt, wenn man darauf besteht, dass es hier zwei Tendenzen gibt, dann muss man die eine dem Stoff und die andere dem Leben zuordnen und diese Präzisierung dürfte einen befriedigenden Weg eröffnen, um die herrschenden Formen des Aberglaubens unserer Zeit zu klassifizieren; aber wir wiederholen, dass beide derselben Ordnung angehören und in Wahrheit nicht von einander getrennt werden können; sie stehen beide auf derselben Ebene und sind einander nicht in einer Hierarchie übergeordnet. Daraus folgt, dass die Sentimentalität unserer Zeitgenossen das notwendige Gegenstück ihres praktischen Materialismus ist und es wäre eine reine Illusion, wenn man glaubte, das eine zum Schaden des anderen erhöhen zu können, da doch beide notwendig zusammengehen und sich gleichzeitig in derselben Richtung entwickeln, jener nämlich, die gemeinhin als »Zivilisation« bezeichnet wird.

Wir haben soeben gesehen, warum die Vorstellungen des »materiellen« und des »moralischen« Fortschritts untrennbar sind und warum unsere Zeitgenossen nahezu ebenso unermüdlich mit dem letzteren beschäftigt sind wie mit dem ersteren. Wir haben in keiner Weise die Existenz eines »materiellen Fortschritts« bestritten, sondern lediglich seine Bedeutung; wir sind aber der Auffassung, dass er den geistigen Verlust, der mit ihm einhergeht, bei weitem nicht aufwiegt und man kann eigentlich nicht anders denken, ohne zugleich dem wirklichen Geist gegenüber blind zu sein.

Nun, was haben wir vom »moralischen Fortschritt« zu halten? Das ist eine Frage, die man kaum ernsthaft diskutieren kann, denn in der Welt der Gefühle hängt alles von individuellen Neigungen und Vorlieben ab; jedermann nennt das »Fortschritt«, was seinen eigenen Neigungen entgegenkommt, kurz, man kann unmöglich sagen, der eine habe mehr Recht als der andere. Die, deren Tendenzen mit jenen ihrer Zeit übereinstimmen, können nicht anders, als mit den gegenwärtigen Zuständen zufrieden zu sein, und dies bringen sie auch zum Ausdruck, wenn sie sagen, unsere Epoche stelle gegenüber den vorangehenden einen Fortschritt dar; aber oft ist diese Befriedigung ihrer sentimentalen Bedürfnisse nur relativ, da die Folge der Ereignisse nicht immer ihren Wünschen entspricht und daher behaupten sie, der Fortschritt werde in kommenden Epochen fortschreiten. Die Tatsachen strafen manchmal jene Lügen, die in der Gegenwart einen »moralischen Fortschritt« sehen; aber sie modifizieren deswegen ihre Vorstellungen nur ein klein wenig oder verlegen die Verwirklichung ihrer Ideale in eine nähere oder fernere Zukunft, oder aber sie versuchen ihren Problemen zu entkommen, indem sie von einem »Rhythmus des Fortschritts« sprechen. Abgesehen davon, wählen sie den bequemeren Weg, einfach zu vergessen, was die Erfahrung lehrt – so verhält es sich mit den unverbesserlichen Träumern, die bei jedem neuen Krieg zuverlässig prophezeien, dass er der letzte sein wird. Der Glaube an einen unbegrenzten Fortschritt ist am Ende nichts als der naivste und gröbste Optimismus; welche Form dieser Glaube auch annehmen mag, er ist seinem Wesen nach immer sentimental, selbst wenn er sich auf den »materiellen Fortschritt« versteift.

Falls man einwendet, wir selbst hätten diesen zugestanden, dann erinnern wir daran, dass wir ihn nur insoweit gelten lassen, als die Tatsachen es erlauben, was auf keinen Fall das Zugeständnis einschließt, er sollte oder werde sich ins Unendliche ausdehnen. Im übrigen, da wir weit davon entfernt sind, diesen Fortschritt für das Beste zu halten, das es gibt, neigen wir dazu, ihn einfach nur als Entwicklung zu bezeichnen; dies nicht etwa deswegen, weil uns das Wort Fortschritt abstößt, sondern wegen der Idee des »Wertes«, die stets mit ihm verbunden wird. Dies bringt uns auf etwas anderes: es gibt in der Tat etwas Reales, das sich hinter dem sogenannten »moralischen Fortschritt« verbirgt, oder das die Illusion eines solchen aufrecht erhält; dieses Reale ist die Entwicklung der Sentimentalität, die in der Moderne tatsächlich existiert, ob man sie nun mag oder nicht, und zwar ebenso unbestreitbar wie die Entwicklung von Industrie und Handel (und wir haben bereits gesagt, warum das eine nicht ohne das andere zu haben ist). Diese Entwicklung, die in unseren Augen exzessiv und abnorm ist, wird jenen unweigerlich als Fortschritt erscheinen, die Gefühle über alles stellen; und man kann vielleicht sagen, dass wir uns selbst das Recht genommen haben, sie zu kritisieren, als wir davon sprachen, es gehe hier bloß um Neigungen und Vorlieben. Aber wir haben nichts dergleichen getan: was wir sagen, bezieht sich allein auf das Gefühl und auf seine unterschiedlichen Erscheinungsformen in einzelnen Individuen; wenn man das Gefühl im allgemeinen in eine richtige Beziehung zum Geist bringen will, dann sieht es sehr anders aus, denn dann muss man eine Hierarchie anerkennen. Die moderne Welt hat genau diese natürliche Beziehung zwischen den unterschiedlichen Ordnungen der Dinge verkehrt; einmal mehr tritt die Geringschätzung der geistigen Ordnung zutage (sogar die vollkommene Abwesenheit des reinen Geistes) und die Überbetonung der materiellen und gefühlsmäßigen Ordnungen, was alles zusammenwirkt, um die westliche Zivilisation unserer Tage zu einer Anomalie, um nicht zu sagen, zu einer Monstrosität werden zu lassen.

So sieht es aus, wenn man die Dinge ohne Vorurteil betrachtet; und so sehen sie auch aus der Sicht der besten Vertreter der östlichen Zivilisationen aus, die sie ohne alle Unsicherheit beurteilen, denn Unsicherheit hat stets mit Gefühlen zu tun, nicht mit dem Geist, und jene Angehörigen der östlichen Zivilisationen betrachten die unsrige von einem rein geistigen Standpunkt aus. Wenn es den westlichen Völkern schwerfällt, diese Haltung zu verstehen, dann deswegen, weil sie die unausrottbare Neigung haben, andere nach sich selbst zu beurteilen und ihnen ihre eigenen Interessen unterzuschieben, denn ihre eigene Form des Denkens und ihr geistiger Horizont sind so verengt, dass sie nicht einmal die Möglichkeit in Betracht ziehen, es könnten noch andere Horizonte existieren; daher ihre vollständige Unfähigkeit, östliche Vorstellungen zu verstehen. Für diese Unfähigkeit findet sich allerdings kein Gegenstück: Wenn sie mit der westlichen Wissenschaft konfrontiert werden und gewillt sind, sich der Mühe zu unterziehen, haben die Orientalen kaum Schwierigkeiten, sie zu verstehen und ihre einzelnen Zweige zu durchdringen, weil sie viel weitere und tiefere Spekulationen gewöhnt sind, aber im allgemeinen empfinden sie die Beschäftigung mit solchen Dinge kaum als Versuchung, da sie in ihren Augen völlig unbedeutend sind und sie möglicherweise nur davon abhalten, sich mit jenen zu beschäftigen, die sie für wesentlich halten. Westliche Wissenschaft bedeutet Analyse und Zerstreuung; östliche Weisheit bedeutet Synthese und Sammlung. Jedenfalls würden die anderen das, was die Abendländer Zivilisation nennen, als Barbarei bezeichnen, da es ihr am Wesentlichen fehlt, nämlich am Prinzip einer höheren Ordnung.

Was gibt Abendländern das Recht, jedermann ihre eigenen Vorlieben und Abneigungen aufzuzwingen? Nebenbei: sie sollten nicht vergessen, dass sie im Vergleich mit der ganzen Menschheit nur eine Minderheit darstellen. Natürlich beweisen Zahlen in unseren Augen nichts, aber sie sollten gerade jene Menschen beeindrucken, die das »allgemeine Wahlrecht« erfunden haben und die an dessen Effizienz glauben. Würden sie sich darauf beschränken, bloß in ihrer eingebildeten Überlegenheit zu schwelgen, könnte diese Illusion nur ihnen selbst schaden; aber ihr schlimmstes Vergehen ist ihr Eifer, Anhänger zu gewinnen. Ihr Eroberungsgeist kleidet sich in »moralische« Vorwände und im Namen der »Freiheit« wollen sie die ganze Welt zwingen, sie nachzuahmen! Am erstaunlichsten ist, dass sie sich in ihrer Torheit tatsächlich einbilden, sie genössen bei den anderen Völker Ansehen. Weil sie mit ihrer brutalen Macht gefürchtet werden, glauben sie, sie würden bewundert. Wenn ein Mann befürchtet, von einer Lawine mitgerissen zu werden, folgt dann daraus, dass er sie achtet oder bewundert? Der einzige Eindruck, den zum Beispiel mechanische Erfindungen in den meisten Orientalen hervorrufen, ist tiefe Abneigung; sicherlich erscheint all dies ihnen weit schädlicher als nützlich und wenn sie sich genötigt fühlen, bestimmte Dinge zu akzeptieren, welche die gegenwärtige Epoche ihnen aufzwingt, dann tun sie dies in der Hoffnung, sie künftig wieder loszuwerden. Diese Dinge interessieren sie einfach nicht und sie werden sie niemals wirklich interessieren. Was die Okzidentalen Fortschritt nennen, ist für sie nichts als Veränderung und Unbeständigkeit; und das Bedürfnis nach Veränderung, das so charakteristisch für die Moderne ist, stellt aus ihrer Sicht ein Merkmal von Minderwertigkeit dar. Wer einen Zustand des Gleichgewichts erreicht hat, empfindet kein Bedürfnis nach Veränderung mehr, ebenso wie jener, der gefunden hat, nicht länger sucht.

Unter diesen Umständen ist es wirklich schwierig, einander zu verstehen, da ein und dieselben Tatsachen auf beiden Seiten so unterschiedlich gedeutet werden. Was, wenn die Orientalen genauso wie wir Westler und mit denselben Methoden versuchen würden, uns ihre Sicht der Dinge aufzuzwingen? Aber man darf gewiss sein, dass nichts ihnen ferner liegt als Propaganda und dass solche Überlegungen ihnen völlig fremd sind. Ohne »Freiheit« zu predigen, lassen sie andere denken, was sie wollen, und stehen sogar dem, was andere über sie denken, gleichgültig gegenüber. Alles, was sie wollen, ist, dass man sie in Frieden lässt, aber genau diesen verweigern ihnen die Völker des Westens, und es muss daran erinnert werden, dass wir sie in ihren eigenen Wohnungen heimgesucht haben und dass wir uns dort auf eine Art und Weise aufgeführt haben, die selbst den friedliebendsten Menschen zur Verzweiflung bringen würde. Wir befinden uns in einer Lage, die nicht ewig fortdauern kann; es gibt nur einen Weg für den Westen, um für den Rest der Welt erträglich zu werden – um die Sprache des Kolonialismus zu verwenden – wir müssen die »Assimilation« aufgeben und uns stattdessen um »Assoziation« auf allen Gebieten kümmern; aber schon dies würde gewisse Korrekturen an unserer Mentalität voraussetzen und das Verständnis wenigstens einiger der Ideen, die wir hier dargestellt haben.

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