1902-1912 | Die Entfaltung der Anthroposophie

Rudolf Steiner, 1861-1925

Rudolf Steiner, 1861-1925

Durch das Wirken Rudolf Steiners als Generalsekretär der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft entfaltete sich die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft und die anthroposophische Bewegung als Erkenntnisereignis und soziales Gesamtkunstwerk in den Jahren 1902-1912. Steiner sprach später von einer ersten Entwicklungsphase zwischen 1902 und 1909, in der die Grundlegung des anthroposophischen Welt- und Menschenbildes und die Etablierung eines christlich-esoterischen Schulungsweges stattgefunden habe. Im Jahr 1907 fing Steiner an, eine umfassende Christologie zu entwickeln, die fortan den Mittelpunkt seiner Kosmologie und Anthropologie bilden sollte. 1909 trat ein künstlerischer Erneuerungsimpuls hinzu, der – zunächst von Marie von Sivers auf dem Gebiet des Schauspiels angeregt – auch die Architektur, Skulptur, Malerei und den Tanz ergriff.

Zwar hatte Steiner bereits in seiner Wiener und Berliner Zeit einige Theosophen kennengelernt (Friedrich Eckstein in Wien, Marie Lang in Berlin), aber diese Begegnungen hatten auf sein Leben in der wissenschaftlichen oder künstlerischen Szene keine erkennbaren Auswirkungen. Diese Situation änderte sich grundlegend, als er von der Leiterin der Berliner Loge, Gräfin Brockdorff, eingeladen wurde, in der dortigen Bibliothek Vorträge zu halten. Die beiden Vortragsreihen, die er im Winter 1900 und 1901/02 über die »Mystik« und das »Christentum« hielt, ließen erkennen, dass er über einen originären spirituellen Zugang zu den Themen verfügte, über die er sprach. Obwohl er keine theosophische Dogmatik vortrug – oder vermutlich gerade deswegen – wurde er von den Berliner Theosophen um das Ehepaar Brockdorff eingeladen, Generalsekretär der erst noch zu gründenden Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft zu werden. Für manche, die ihn bisher eher als Haeckel-Anhänger und wissenschaftlichen Autor kannten, kam seine nach langem Ringen getroffene Entscheidung, die angebotene Aufgabe anzunehmen, überraschend.

Allerdings sah Steiner selbst zwischen seinem Engagement in der theosophischen Bewegung und seiner bisherigen Tätigkeit keinerlei Widerspruch, denn schon sein philosophisches Werk zielte nach seinem Selbstverständnis darauf ab, einen Nachweis der Realität des Geistes zu führen und die Erkennbarkeit des geistigen Inhaltes der Welt nachzuweisen.

»Diese zwei Dinge: erstens, daß es ein geistiges Reich gibt, zweitens, daß der Mensch mit dem innersten Ich seines Wesens mit diesem geistigen Reich zusammenhängt, sind ja die Fundamentalpunkte der ›Philosophie der Freiheit‹«, so Steiner später. »Es mußte eben einmal die Frage entstehen: Kann man dasjenige, was wie eine Art Botschaft von der geistigen Welt der neueren Menschheit verkündigt werden soll, in dieser Weise verkündigen [nämlich in philosophischer Form]? Gibt es eine Möglichkeit, anzuknüpfen an irgend etwas?«

So wie es ohne Blavatsky keine Theosophische Gesellschaft gegeben hätte, hätte es vermutlich ohne die Begegnung Steiners mit Marie von Sivers (1867-1948) auch keine Deutsche Sektion unter seiner Leitung gegeben. Denn sie stellte ihm schon vor seiner Berufung zum Generalsekretär die Frage, ob es möglich sei, eine spirituelle Bewegung in Deutschland zu begründen, die an die abendländischen spirituellen und philosophischen Traditionen anknüpfe – und nicht an die asiatischen. Steiner hielt dies für möglich und machte kurz darauf die Mitarbeit Marie von Sivers in der Sektion zur Bedingung seiner Tätigkeit.

Marie von Sivers stammte aus deutsch-baltischem Adel und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Rußland. In Paris absolvierte sie ein Studium der Rezitationskunst und bereitete sich anschließend auf die Bühnenlaufbahn vor. Allerdings scheiterte dieses Vorhaben daran, dass ein Regisseur von ihr verlangte, im Vorfeld einer Aufführung in Berlin die Kritiker mit was für Dienstleistungen auch immer günstig zu stimmen. Maria von Strauch-Spettini (1847-1904), ihre damalige Lehrerin, musste erkennen, dass sie für den Bühnenbetrieb offenbar nicht geeignet war. Durch den französischen Dichter Edouard Schuré (1841-1929) lernte Marie von Sivers die Theosophie kennen. Sie übersetzte dessen Theaterstück »Die Kinder des Luzifer« und begegnete im Winter 1900 Rudolf Steiner in Berlin.

Steiner betrachtete die oben erwähnte Frage, die sie im Herbst 1901 an ihn stellte, für ausschlaggebend und kommentierte später: »Damit war mir die Möglichkeit gegeben, … in dem Sinne zu wirken, der mir vorschwebte. Die Frage war mir gestellt, und ich konnte, nach den geistigen Gesetzen, beginnen, auf eine solche Frage die Antwort zu geben.«

Gemeinsam mit Marie von Sivers begann er – neben seiner Tätigkeit an der Berliner Arbeiterbildungsschule und für die Literarische Gesellschaft –innerhalb der Deutschen Sektion, die damals kaum mehr als zweihundert Mitglieder umfasste, zu wirken. Marie von Sivers übernahm die organisatorischen Arbeiten, er die inhaltlichen.

Im Gegensatz zu den Traditionen der Adyar-Theosophie, die auf indischen Meistern und Offenbarungstexten fußten, knüpfte Steiner an die abendländische Geistesgeschichte, insbesondere an Goethe und den deutschen Idealismus an. Von Anfang an verstand er die »Theosophie« nicht als eklektisches Sammelsurium orientalischer Weisheiten, sondern als eine philosophisch-spirituelle Weltsicht, die sich als Konsequenz der Entwicklung des europäischen Denkens ergab. Bereits in seinem ersten Werk, das aus seiner theosophischen Arbeit entstand, der »Mystik im Aufgang des neuzeitlichen Geisteslebens«, stellte er eine abendländische Genealogie der Theosophie dar, die auf die europäische Mystik und die Renaissancephilosophie zurückging. Im weiteren Verlauf seiner Tätigkeit begann er, die zentrale Bedeutung des Christentums für die Entwicklung einer modernen abendländischen Spiritualität herauszustellen. Davon zeugt sein zweites Buch, das »Christentum als mystische Tatsache«.

1904 erschien seine »Theosophie«, eine Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung, die eine erste Darstellung des spirituellen Welt- und Menschenbildes der Anthroposophie und der Wiederverkörperung (Reinkarnation) als Konsequenz des abendländischen Evolutionsgedankens enthält. In den Jahren 1904-1905 beschrieb er in der Zeitschrift »Lucifer-Gnosis« in der Aufsatzreihe »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?« den christlich-rosenkreuzerischen Schulungsweg und machte damit erstmals in der Geschichte der Esoterik die Methoden der Initiation allgemein zugänglich, die seit Beginn der Neuzeit der Erkenntnis des Übersinnlichen zugrunde lagen. Dieses Werk macht deutlich, dass es für Steiner nur eine legitime Quelle der Erkenntnis des Übersinnlichen gab: weder mediale Zustände, noch undurchschaubare Eingebungen oder zweifelhafte Offenbarungen angeblicher Meister, sondern allein die besonnene Erkenntnistätigkeit des Einzelnen, die auf der Erweiterung der allgemein-menschlichen Wahrnehmungs- und Denkfähigkeiten beruht. Zwar setzt die Erkenntnis des Übersinnlichen die Entwicklung der entsprechenden Fähigkeiten voraus, aber diese Fähigkeiten schlummern in jedem Menschen. Ihre Entwicklung führt nicht zu einer Herabdämpfung der Urteilsfähigkeit oder in traumartige Dämmerzustände, sondern zu einer Erhöhung der Wachheit und einer Erweiterung des Bewusstseins. 1909 schließlich veröffentlichte Steiner seine »Geheimwissenschaft im Umriss«, eine Gesamtdarstellung der anthroposophischen Kosmologie und Geschichte, die ebenfalls eine Beschreibung des meditativen Schulungsweges enthält, auf dem die in diesem Buch entfalteten Erkenntnisse gewonnen werden können. Sie stellt das Gegenstück zur »Geheimlehre« Blavatskys dar und geht doch in jeder erdenklichen Hinsicht, sowohl inhaltlich als auch methodisch, weit über diese hinaus.

Die »Theosophie«, »Wie erlangt man Erkenntnisse …« und die »Geheimwissenschaft im Umriss« sind die drei zentralen Schriften Steiners aus der Zeit zwischen 1902 und 1912. Ihr gemeinsames Charakteristikum ist die streng philosophische, logische Gedankenform, in die ein Inhalt gegossen wird, der aus einer Erfahrungswelt stammt, die weder der Naturwissenschaft noch der Philosophie unmittelbar zugänglich ist. Auch wenn von außergewöhnlichen Erfahrungen die Rede ist, werden diese Erfahrungen doch so dargestellt, dass sie vollkommen durch das Denken nachvollziehbar sind. Die Forschungsberichte gehorchen den Gesetzen der Logik, und lesen sich wie Tagebücher aus einem naturwissenschaftlichen Laboratorium. Steiner hat mit diesen Werken, die nicht nur Beobachtungen und Erfahrungen schildern, sondern auch die Methoden, durch die sie zugänglich werden, die Kluft überbrückt, welche die Wissenschaftsentwicklung der letzten Jahrhunderte zwischen Glauben und Wissen eröffnet hat. Rationalismus und Empirie haben die Erfahrungen des Übersinnlichen in den Bereich des Glaubens und des Irrationalen verbannt, Steiner hat gezeigt, dass es eine Erfahrung des Übersinnlichen gibt, die ebenso rational ist, wie die Wissenschaft und nicht mehr auf den Glauben angewiesen, als diese.

Steiner schrieb aber zwischen 1902 und 1909 nicht nur Bücher, sondern entfaltete auch eine immense Vortragstätigkeit, die ihn in nahezu alle europäischen Länder führte und dem Auf- und Ausbau der theosophischen Arbeit diente. 1908 gründete Marie von Sivers den Philosophisch-Theosophischen Verlag, um die Schriften und Vorträge Steiners zu veröffentlichen.

Bereits 1902, zu Beginn seiner Arbeit als Generalsekretär, beschrieb Steiner in einem Brief an Wilhelm Hübbe-Schleiden, der zu den führenden deutschen Theosophen gehörte, worum es ihm in den folgenden Jahren gehen werde: »Ich will auf die Kraft bauen, die es mir ermöglicht, Geistesschüler auf die Bahn der Entwicklung zu bringen. Das wird meine Inaugurationstat allein bedeuten müssen.« Ebenfalls in einem Brief an Hübbe-Schleiden heißt es: »Der Weg ins spirituelle Reich des Geistes führt heute durch das intellektuelle Reich.«

Damit ist die Zielsetzung der sozialen Arbeit Steiners in diesen Jahren umrissen. Und in der Tat begegnete er einem weitverbreiteten Bedürfnis unter vielen seiner Zeitgenossen, was die wachsende Zahl seiner Schüler deutlich macht. Anfangs wandten sich Einzelne, denen es Ernst mit der spirituellen Praxis war, an ihn und wurden seine persönlichen Schüler. Seit 1905 wurden diese Schüler in der Esoterischen Schule (ES), dem Pendant der entsprechenden Einrichtung der Theosophischen Gesellschaft, unterrichtet. Hier erteilte Steiner konkrete Anweisungen zur Übung meditativer und kontemplativer Fähigkeiten und zur Ausbildung spiritueller Wahrnehmungsorgane.

Auch wenn manche ihn im theosophischen Sinn als »Meister« bezeichneten, stand er auch in dieser Hinsicht in einer europäischen Tradition, die ihre eigenen Meister kennt (man denke nur an Meister Eckhart). Heutzutage, im Zeitalter der Bolognareformen, dürfte dieser Begriff ohnehin nichts Verfängliches mehr an sich haben. Steiner selbst jedoch legte den größten Wert darauf, sich vom östlichen Meisterverständnis abzugrenzen. Dieses, so führte er wiederholt aus, beruhe auf der bedingungslosen Unterwerfung des Schülers unter seinen Lehrer, der unter Umgehung seiner Urteilskraft bis in dessen Willen hineinwirke. Noch der christlich-gnostische Schulngsweg der »imitatio christi« rechne mit der Vorbildwirkung des spirituellen Meisters. Die rosenkreuzerische Schulung, die er repräsentiere, mache die Vernunft des Schülers selbst zum Meister. Jeder erziehe sich seinen Meister in seinem eigenen Denken. Voraussetzung für die rosenkreuzerische Schulung sei ein umfassendes Verständnis der Schulungsmittel und ihrer Wirkungen auf die seelische und geistige Organisation des Menschen. Die von ihm beschriebenen Schulungsmethoden zielten auf die Ausbildung der Urteilsfähigkeit und Besonnenheit und löschten jede Spur eines atavistischen Hellsehens aus. Der Gegensatz zum Mediumismus und Spiritismus ist denkbar groß. Der Mediumismus dämpft das Wachbewusstsein herab und bereitet den Boden für Eingebungen, deren Herkunft und Bedeutung das Medium nicht durchschaut. Der Spiritismus arbeitet mit materiellen Methoden, um geistige Tatsachen zu erkennen. Der rosenkreuzerische Schulungsweg entwickelt in der erkennenden Seele des Menschen Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeiten, die über den Grad der Wachheit des Alltagsbewusstseins in einen höheren Grad der Wachheit hineinführen.

Mit diesen Hinweisen machte Steiner deutlich, dass er eine andere Form der spirituellen Schulung verfolgte, als die esoterische Schule der Theosophischen Gesellschaft. Annie Besant brachte diese Tatsache auf ihre Weise zum Ausdruck, als sie 1907 schrieb: »Dr. Steiners okkulte Schulung ist von der unsrigen sehr verschieden. Er kennt den östlichen Weg nicht, daher kann er ihn auch nicht lehren. Er lehrt den christlichrosenkreuzerischen Weg, der für manche Menschen eine Hilfe, aber von unserem verschieden ist. Er hat seine eigene Schule und trägt auch selbst die Verantwortung dafür. Ich halte ihn für einen sehr guten Lehrer in seiner eigenen Richtung und für einen Mann mit wirklichen Erkenntnissen. Er und ich arbeiten in vollkommener Freundschaft und Harmonie, aber in verschiedenen Richtungen.« Steiner selbst sah dies ein wenig anders. Er erkannte in den Kreisen der Theosophischen Gesellschaft, auch bei Annie Besant, eine »Abneigung gegen vollbewusste Geisterkenntnis«, daher habe er sich in Bezug auf das Geistige in dieser Gesellschaft »nie heimisch« fühlen können. Anekdotisch berichtete er von der Frage eines Mitgliedes der Theosophischen Gesellschaft, von welchem Medium denn die Inhalte seiner Schriften stammten. Dass kein solches Medium existierte, sondern Steiner selbst der Geistesforscher war, rief bei dem Fragesteller nur ungläubiges Staunen hervor.

In der Mitgliedschaft der Deutschen Sektion bestand aber nicht nur ein Bedürfnis nach praktischem Okkultismus im Sinne esoterischer Schulung, sondern auch ein solches nach ritueller Arbeit. Erklärbar ist dies aus der Tatsache, dass nicht wenige Mitglieder Freimaurer oder ehemalige Freimaurer und mit deren ritueller Arbeit vertraut waren. Um auf dieses Bedürfnis zu antworten, richtete Steiner 1906 einen esoterischen Arbeitskreis ein, der sich »Mystica Aeterna« oder »F.M.« (Frei-Maurerei) nannte. Hier wurden die aus der Geisterkenntnis gewonnenen Inhalte in kultisch-symbolischen Handlungen dargestellt.

Im Lauf der Jahre entstanden in Berlin, München, Stuttgart und Köln Zentren der theosophischen Arbeit, deren Mitwirkende sich mit den von Steiner dargestellten Methoden und Inhalten verbanden. Bedingt durch die verschiedenartige Zusammensetzung dieser Arbeitszentren, ergaben sich jeweils unterschiedliche Schwerpunkte. In Berlin herrschte Unzufriedenheit mit den herrschenden Kulturströmungen und den weltanschaulichen Perspektiven der Wissenschaften vor. Hier entwickelte Steiner während einer Reihe von Jahren in seinen öffentlichen Vorträgen im Architektenhaus systematisch die Grundbegriffe der Geisteswissenschaft und Esoterik, ging auf tiefere Fragen des Seelenlebens ein, setzte sich mit anderen Geistesströmungen auseinander und erläuterte immer wieder die wissenschaftlichen Grundlagen der Anthroposophie. Auch bei der Arbeit mit den Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft standen solche begrifflichen Auseinandersetzungen im Vordergrund.

In München dagegen sammelten sich um die Künstlerinnen Pauline Gräfin von Kalckreuth (1856-1929) und Sophie Stinde (1853-1915) künstlerisch begabte Menschen, die weniger an wissenschaftlichen, als an künstlerischen Fragestellungen oder einem bildhaften Weltzugang interessiert waren. Diese Bedürfnisse kamen dem Anliegen Marie von Sivers entgegen. Daher entwickelte sich auch in München eine von der Geisterkenntnis befruchtete, künstlerische Arbeit, zunächst im Bereich der Rezitation und des Schauspiels. Dass die Kunst nicht nur die Kultur fortbildet, sondern eine Erzieherin zur Spiritualität ist, diese Einsicht Schillers fiel in München auf fruchtbaren Boden.

Es ist kein Zufall, dass Steiner 1907 in München den Kongress der »Föderation der Europäischen Sektionen der Theosophischen Gesellschaft« ausrichtete, denn hier bestanden die nötigen personellen Voraussetzungen für die Umgestaltung des theosophischen Kongresswesens, das sich bisher an den zeitgenössischen wissenschaftlichen Fachkongressen orientiert und sich durch ein Übermaß intellektueller Darbietungen ausgezeichnet hatte. Steiner ließ den Kongreßsaal künstlerisch ausschmücken, so dass Form und Inhalt miteinander harmonierten. Ausserdem sorgte er für die Aufführung des »Heiligen Dramas von Eleusis« von Edouard Schuré.

Bei diesem unter seiner Verantwortung durchgeführten Kongress der europäischen Föderationen setzte Steiner einen deutlichen Akzent durch seinen Eröffnungsvortrag über die »Einweihung des Rosenkreuzers«. Seither konnte in der versammelten internationalen Theosophenschaft kein Zweifel mehr darüber bestehen, welche Art von Theosophie Steiner vertrat. Die Motive dieses Vortrags führte er in einer Vortragsreihe über die »Theosophie des Rosenkreuzers« weiter aus, die sich an den Kongress anschloss. Nicht wenige der Kongressbesucher nahmen an dieser Vortragsreihe teil und erlebten aus erster Hand, dass und auf welche Weise sich Steiner von östlichen Weisheits- und Schulungsformen abgrenzte.

Beim nächsten Kongress der europäischen Föderationen in Budapest 1909 setzte Steiner durch seinen Vortrag mit dem Titel »Von Buddha zu Christus« erneut ein deutliches Zeichen. Hier fand auch eine Unterredung zwischen ihm und Annie Besant statt, in welcher die Trennung der beiden esoterischen Schulen – und im Grunde auch der beiden Interpretationen der Theosophie – besiegelt wurde. Beim Kongress in Budapest, berichtete Steiner in einem Berliner Vortrag fünf Jahre später, »hatte ich Annie Besant etwas ganz Bestimmtes zu sagen. Dazumal war es ja auch, dass man mit mir hat einen Kompromiss schließen wollen, denn es ging damals die Absicht, diesen Alcyone [Jiddu Krishnamurti] zum Träger des Christus zu ernennen. Man wollte mit mir einen Kompromiss schließen, man wollte mich zum wiederverkörperten Johannes ernennen, den Evangelisten, und man würde mich dann dort [in Adyar] anerkannt haben. Das würde Dogma geworden sein dort, wenn ich auf alle diese verschiedenen Schwindeleien eingegangen wäre .. Und ich sagte 1909 in Budapest zu Mrs. Besant: Es ist gar keine Rede davon, dass ich jemals in einer okkulten Bewegung irgend etwas anderes sein will, als im Zusammenhang mit der deutschen Kultur – nur mit der deutschen Kultur innerhalb Mitteleuropas.« (Berlin, 28.3.1916, GA167, S. 79)

Während die meisten Mitglieder der internationalen Theosophischen Gesellschaft, besonders seit Annie Besant die Präsidentschaft übernommen hatte, die erlösende Weisheitsoffenbarung von einem Avatar Krishnas oder einem neuen Boddhisattva aus dem Osten erwarteten, blickten die meisten Mitglieder der Deutschen Sektion und nicht wenige aus anderen europäischen Landesgesellschaften auf Steiner als neuen Weisheitslehrer. Sie sahen entweder in ihm selbst oder in der von ihm vertretenen spirituellen Strömung, die dem Christentum – genauer gesagt, dem »Christusereignis« – eine zentrale Stellung innerhalb der Menschheitsgeschichte einräumte, eine epochale Potenz zur Erneuerung der gesamten abendländischen, wenn nicht sogar der Weltzivilisation.

Welche Bedeutung der Christologie in Steiners Theosophie zukommt, lässt sich aus einigen wenigen Hinweisen erahnen. Ende 1907 hielt Steiner in Basel die erste zusammenhängende Vortragsreihe über die Evangelien. Diese Vorträge waren dem Johannes-Evangelium gewidmet. In einer ganzen Reihe weiterer »Zyklen« befasste sich Steiner in den folgenden Monaten und Jahren mit den anderen Evangelien, der Apokalypse des Johannes und den Paulusbriefen. Bei seiner Behandlung der Fragen des Christentums standen weder kirchen- noch dogmengeschichtliche Probleme im Vordergrund, sondern die Entwicklung einer den geistigen Tatsachen angemessenen Christologie, einer geistigen Wesenskunde des Christus, dessen Beziehungen zur Trinität, zur Welt der Engel und zur Geschichte der Menschheit einer immer tiefere Schichten aufdeckenden geisteswissenschaftlichen Hermeneutik unterzogen wurden. Aufgrund seiner Geistesforschung gelangte Steiner auch zu vollkommen neuartigen Interpretationen der Evangelien und des Schöpfungsberichtes der Genesis.

1910 begann Steiner sogar über Forschungsergebnisse zu berichten, die in den historischen Urkunden des Christentums nicht verzeichnet sind – unter anderem zur Kindheitsgeschichte Jesu, zu Inhalten aus einem »fünften Evangelium« – und schließlich trug er auch Erkenntnisse über eine geistige Wiederkunft Christi vor, die in deutlichem Kontrast zu gewissen Erwartungen und Hoffnungen standen, die gleichzeitig von Annie Besant und Charles Webster Leadbeater geäußert wurden.

Bereits 1909 hatte Leadbeater in Adyar begonnen, die Herabkunft eines künftigen Weltlehrers zu propagieren, den manche als eine Reinkarnation Christi deuteten. Anfang 1911 bildete sich der »Order of the Star in the East«, der diesem Weltlehrer, dem kommenden Christus oder Bodhisattva oder Avatar den Weg bereiten sollte. Leadbeater glaubte, das künftige »Vehikel« dieses Bodhisattva in einem jungen Inder namens Jiddu Nariahna, dem späteren Krishnamurti entdeckt zu haben. Annie Besant und fast alle führenden Theosophen der Adyar-Gesellschaft schlossen sich der Erwartung dieses Weltlehrers, dem Orden des Sterns im Osten und damit einer aus Steiners kritischer Sicht »materialistischen«, falschen Interpretation der Wiederkunft Christi an. Eine der wenigen Ausnahmen war der Generalsekretär der britischen Theosophischen Gesellschaft, G.R.S. Mead (1863-1933).

Die hier sich abzeichnenden Konflikte führten schließlich dazu, dass die Deutsche Sektion sich aus der Theosophischen Gesellschaft herauslöste bzw. von dieser ausgeschlossen wurde. Steiner kommentierte die Entwicklung dieser ersten sieben Jahre seiner Tätigkeit (1902-1909) wie folgt: »Durch die erste Phase hindurch war … die Anthroposophische Gesellschaft in einer Art embryonalen Lebens innerhalb der Theosophischen Gesellschaft … Sie hatte innerhalb dieser ersten Phase ihre ganz besondere Aufgabe: … demjenigen, was in der Theosophischen Gesellschaft vorlag – und das war die traditionelle Aufnahme uralter orientalischer Weistümer – entgegenzusetzen die Spiritualität der abendländischen Zivilisation mit dem Mittelpunkt des Mysteriums von Golgatha.« Aber der Konflikt über die Deutung der Wiederkunft Christi war für ihn lediglich Ausdruck einer tieferliegenden Differenz, die er mit unterschiedlichen geistigen Haltungen in Beziehung brachte, denn »mit der anthroposophischen Strömung« war eine »ganz andere innere Haltung gegeben«, »als sie die bisherige Theosophische Gesellschaft hatte. In dieser inneren Haltung lag der wahre Grund, warum die Anthroposophische Gesellschaft nicht als ein Teil der theosophischen weiterbestehen konnte.«

Trotz der sich abzeichnenden Konflikte entwickelte sich die anthroposophische Arbeit insbesondere auf künstlerischem Gebiet seit 1907 in beachtlichem Ausmaß. In München und Berlin richteten Pauline Gräfin von Kalckreuth und Sophie Stinde »Kunstzimmer« ein. Hier wurden wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Künstler, musikalische und rezitatorische Darbietungen sowie Einführungskurse in verschiedene Erkenntnisgebiete durchgeführt, die allen Bevölkerungskreisen zugänglich waren. Ab 1909 fanden in München theosophische Sommer-Festspiele statt. 1909 wurden Dramen Edouard Schurés aufgeführt, 1910 begann mit »Die Pforte der Einweihung« die Aufführung eines ersten von vier »Mysteriendramen« Rudolf Steiners. Nun offenbarte sich die Anthroposophie auf einmal als szenisch-dramatische Darbietung auf der Bühne, nachdem sie zuvor lediglich in Wort und Schrift zugänglich gewesen war. Im Anschluss an die Aufführungen hielt Steiner jeweils eine Vortragsreihe, in welcher die szenischen Motive als Erkenntnisproblem künstlerisch aufgegriffen wurden.

Da die Aufführung von Mysterientheater auf den Münchner Bühnen, wie leicht vorstellbar, mit nicht wenigen Erschwernissen behaftet war, strebten einige der Beteiligten den Bau eines eigenen Theaters an. Federführend bei diesem Vorhaben waren Gräfin Kalckreuth, Sophie Stinde, Graf Otto von Lerchenfeld (1868-1938) und der Münchner Arzt Felix Peipers (1873-1944). 1911 wurde ein Bauverein gegründet. Aber da sich die Pläne wegen kirchlicher und behördlicher Interventionen in München nicht verwirklichen ließen, wurde das ursprünglich »Johannesbau« genannte Gebäude zwischen 1913 und 1920 in Dornach bei Basel errichtet. Die Erneuerung der Künste durch die Geisteswissenschaft erreichte im Gesamtkunstwerk dieses Baus, der auf den Namen »Goetheanum« getauft wurde – einem Gebäude, das von Steiner durch und durch entworfen und gestaltet wurde und die Anthroposophie nicht nur als Wissenschaft, sondern auch als Kunst (als Malerei, Musik, Tanz und Schauspiel) beherbergen sollte – ihren Höhepunkt.

Nicht unerwähnt bleiben darf die Erneuerung der Tanzkunst, die ab 1912 unter dem Namen Eurythmie Gestalt annahm. Unter der Anleitung Steiners entwickelte Marie von Sivers zunächst für ein Mädchen, das Tänzerin werden wollte, Bewegungsformen, in denen alte europäische Sakraltänze wieder auflebten, in denen sich die Bewegungen des Himmels und die Signaturen der schöpferischen Natur abbilden. Die Eurythmie stellt eine sichtbare Offenbarung der spirituellen Bewegungen dar, die Musik und Sprache zugrundeliegen und hebt die seelischen Begleiterlebnisse der körperlichen Bewegung ins Bewusstsein.

1911 sagte Annie Besant ihre Teilnahme an einem in Genua vorgesehenen Kongreß der »Föderation der Europäischen Sektionen der Theosophischen Gesellschaft« ab, wahrscheinlich, weil sie eine offene Auseinandersetzung über die schwelenden Konflikte in der Frage des »Weltheilands« vermeiden wollte. Ihr Fernbleiben führte dazu, dass der gesamte Kongress von den Organisatoren abgesagt wurde. Kurz darauf fand eine Generalversammlung der Deutschen Sektion statt, auf der die Frage der Vereinbarkeit der Mitgliedschaft im »Orden vom Stern im Osten« mit der Mitgliedschaft in der Deutschen Sektion diskutiert wurde. Da abzusehen war, dass der Konflikt mit Annie Besant offen ausbrechen würde, ergriffen Carl Unger (1878-1929) und Adolf Arenson (1855-1936) die Initiative zur Gründung eines »Bundes für anthroposophische Arbeit« (16.12.1911), dem sich all jene anschließen sollten, die nicht mit der Linie Besants und Leadbeaters einverstanden waren. Zu dieser Zeit zählte die Deutsche Sektion etwa 2500 Mitglieder. Ein Jahr später, am 28.12.1912, ging aus diesem Kölner Bund, dessen Mittelpunkt die Mathematikerin Mathilde Scholl (1868-1941) war, die Anthroposophische Gesellschaft hervor.

In Adyar beschloss am 2.3.1913 das Zentralkomitee der Theosophischen Gesellschaft den Ausschluß der Deutschen Sektion aus dieser Gesellschaft und beauftragte den aus der Versenkung gezogenen Wilhelm Hübbe-Schleiden mit der Neubildung einer deutschen Landesgesellschaft.

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Fortsetzung folgt

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