1913-1922 | Aufschwung und Krise

Erstes Goetheanum. vollendet 1920

Erstes Goetheanum. vollendet 1920

Ende 1912 wurde die Anthroposophische Gesellschaft gegründet. Der Name war nicht zufällig. Der Begriff der »Menschenweisheit« (»Anthropos-Sophia«) tauchte schon früh im Werk Rudolf Steiners auf. Bemerkenswert ist der Zusammenhang: In Ausführungen über die »Mysterienweisheit und den Mythos« schrieb Steiner 1902 in seinem Buch »Das Christentum als mystische Tatsache …« über eine Form der Erkenntnis, die zu einer Wiedergeburt Gottes, der in der Natur erstorben ist, im Menschen und durch den Menschen führt. Diese Erkenntnis bezeichnete er als »Weisheit«: »Diese Gedanken über die Welt und den Menschen, die über die Sinneserfahrung hinausgehen, konnte der Myste in dem Osiris-Mythos finden. Die göttliche Schöpferkraft ist in die Welt ergossen. Sie erscheint als die vier Elemente. Gott (Osiris) ist getötet. Der Mensch mit seiner Erkenntnis, die göttlicher Art ist, soll ihn wieder erwecken; er soll ihn als Horus (Gottessohn, Logos, Weisheit) wiederfinden in dem Gegensatz zwischen Streit (Typhon) und Liebe (Isis).«

Der Begriff taucht in seiner Interpretation des Argonautenzuges und der Suche nach dem Goldenen Vlies erneut auf. Hier spricht er von der »Zauberkraft« der dem Menschen eigenen Weisheit, die das verloren gegangene Göttliche wieder zu erlangen vermag: »Das Vlies ist etwas, das zum Menschen gehört, das ihm unendlich wertvoll ist; das in der Vorzeit von ihm getrennt worden ist, und dessen Wiedererlangung an die Überwindung furchtbarer Mächte geknüpft ist. So ist es mit dem Ewigen in der Menschenseele. Es gehört zum Menschen. Aber dieser findet sich getrennt von ihm. Seine niedere Natur trennt ihn davon. Nur wenn er diese überwindet, einschläfert, dann kann er es wieder erlangen. Es ist ihm möglich, wenn ihm das eigene Bewußtsein (Medea) mit seiner Zauberkraft zu Hilfe kommt. Für Jason wird Medea, was für Sokrates die Diotime als Lehrmeisterin der Liebe wurde. Die eigene Weisheit des Menschen hat die Zauberkraft, um das Göttliche nach Überwindung des Vergänglichen zu erlangen. Aus der niederen Natur kann nur ein Menschlich-Niederes hervorgehen, die geharnischten Männer, die durch die Kraft des Geistigen, den Rat der Medea, überwunden werden. Auch wenn der Mensch schon sein Ewiges, das Vlies, gefunden hat, ist er noch nicht in Sicherheit. Er muß einen Teil seines Bewußtseins (Absyrtos) opfern. Dies fordert die Sinnenwelt, die wir nur als eine mannigfaltige (zerstückelte) begreifen können.«

Schließlich ein drittes Mal bei der Deutung der Prometheus-Sage: auch hier ist von einer Gott erlösenden menschlichen Weisheit die Rede. Über das Schicksal des Prometheus, der wegen seiner Unbotmäßigkeit gegen Zeus an einen Felsen im Kaukasus gefesselt wurde, schreibt Steiner: »Dieses Schicksal ist das Schicksal des Menschen selbst. Der Mensch ist an das Vergängliche geschmiedet. An ihm nagt der Adler. Er muß dulden. Er kann Höchstes nur erreichen, wenn er in der Einsamkeit sein Schicksal sucht. Er hat ein Geheimnis. Es besteht darinnen, daß das Göttliche (Zeus) sich mit einer Sterblichen, dem an den physischen Leib gebundenen menschlichen Bewußtsein selbst vermählen muß, um einen Sohn, die Gott erlösende menschliche Weisheit (den Logos) zu gebären. Dadurch wird das Bewußtsein unsterblich. Er darf dieses Geheimnis nicht verraten, bis ein Myste (Herakles) an ihn herantritt und die Gewalt beseitigt, die ihn fortwährend mit dem Tode bedroht. Ein Wesen, halb Tier, halb Mensch, ein Kentaur, muß sich opfern, um den Menschen zu erlösen. Der Kentaur ist der Mensch selbst, der halb tierische, halb geistige Mensch. Er muß sterben, damit der rein geistige Mensch erlöst werde.«

Im Gegensatz zur Theosophie, so kann man diese Ausführungen zusammenfassen, einer göttlichen Weisheit, die in der Natur erstorben ist oder dem Menschen von den Göttern offenbart wird, ist die Anthroposophie eine Weisheit, die aus dem Menschen geboren wird, eine Weisheit, in der und durch die zugleich Gott wiedergeboren wird. Die Anthroposophie ist die aus dem Menschen (Anthropos) wiedergeborene göttliche Weisheit (Sophia).

Kurz nachdem Steiner diese Sätze niederschrieb, im Winter 1902/03, hielt er eine Vortragsreihe in Berlin. Um einen dieser Vorträge zu halten, musste er sich von der Gründungsversammlung der Deutschen Sektion vorzeitig verabschieden. Die Vortragsreihe trug den Titel: »Von Zarathustra bis Nietzsche. Entwicklungsgeschichte der Menschheit an Hand der Weltanschauungen von den ältesten orientalischen Zeiten bis zur Gegenwart oder Anthroposophie«. Hier betrachtete er also die Anthroposophie als »Entwicklungsgeschichte der Menschheit«, die sich in der Metamorphose der Weltbilder spiegelt, ein Gesichtspunkt, der mit jenem, den er in seinem Buch zum Ausdruck brachte, verwandt ist.

In den zehn Jahren, die auf die Trennung von der Theosophischen Gesellschaft folgten, erlitt die anthroposophische Arbeit nicht etwa einen Einbruch, sondern einen gewaltigen Aufschwung. Wäre ihr nicht durch den I. Weltkrieg eine ganze Generation verloren gegangen, hätte sich die Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung womöglich noch weit eindrucksvoller entwickelt. Andererseits schuf die »Urkatastrophe« des 20. Jahrhunderts in gewisser Weise die Voraussetzungen für die soziale Breitenwirksamkeit der Anthroposophie. Die traumatischen Erfahrungen der Kriegsjahre wirkten sich auf die Fragestellungen und Sehnsüchte der Menschen aus. Sie führten die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins vor Augen und trieben viele an, nach einem Sinn des Lebens zu suchen, der von dieser Vergänglichkeit nicht bedroht schien. Schon kurz vor Ende des I. Weltkriegs, im Jahr 1917, begann die Anthroposophie aufgrund dieses Interesses an spirituellen Fragen auf ganz neue Art in die Gesellschaft hineinzuwirken. 1917 wurden die Ideenkeime für die Bewegung zur Dreigliederung des sozialen Organismus ausgesät, die sich in den Jahren 1918 und 1919 entfalteten, 1919 wurden die Waldorfpädagogik und eine Reihe von Wirtschaftsunternehmen begründet, 1920 der Goetheanumbau vollendet und eröffnet, in diesem und dem folgenden Jahr in der Schweiz und in Deutschland klinisch-therapeutische Institute ins Leben gerufen, schließlich entstand 1922 die Bewegung für religiöse Erneuerung, die Christengemeinschaft.

Gleichzeitig durchlief die eben erst gegründete Gesellschaft eine dramatische Entwicklung und eine Reihe von Krisen, die schließlich dazu führten, dass sie im Jahr 1923 neu gegründet oder konstituiert werden musste.

Die erste Generalversammlung der (ersten) Anthroposophischen Gesellschaft fand am 3.2.1913 in Berlin statt. Steiner übernahm in dieser Gesellschaft kein Amt. Er wurde nicht einmal Mitglied, sondern beschränkte sich auf die Rolle des Lehrers. In den Vorstand der Gesellschaft wurden drei Personen berufen, die schon seit längerem mit Steiner und seiner Arbeit vertraut waren: der Industrielle Carl Unger, der Lehrer Michael Bauer und Steiners Lebensgefährtin Marie von Sivers, die 1914 seine Ehefrau werden sollte.

Michael Bauer (1871-1929), ein Lehrer aus Nürnberg, gehörte seit Beginn des Jahrhunderts der Theosophischen Gesellschaft an. Eine Lungenkrankheit zwang ihn frühzeitig, sich vom öffentlichen Einsatz für die Anthroposophie zurückzuziehen. Im Stillen wirkte er dennoch weiter für die spirituelle Vertiefung eines mit ihm verbundenen Menschenkreises. Bauer war eng mit dem ebenfalls aus Nürnberg stammenden Pastor Friedrich Rittelmeyer (1872-1938) befreundet, der in der Bewegung für religiöse Erneuerung eine zentrale Rolle spielen sollte. Und er war mit dem sein Krankheitsschicksal teilenden Dichter Christian Morgenstern (1871-1914) befreundet, dessen Frau Margaretha (1878-1968) ihm 1919 ein Haus am Ammersee zur Verfügung stellte und ihn dort bis zu seinem Tode pflegte.

Carl Unger war neben seiner Tätigkeit als Industrieller in Stuttgart innerhalb der anthroposophischen Gesellschaft als Philosoph und Erkenntniswissenschaftler aktiv, gehörte zu den führenden Unterstützern des Goetheanumbaus und beteiligte sich an herausragender Stelle an den wirtschaftlichen und sozialen Initiativen, die aus der Anthroposophie hervorgingen. Im Januar 1929 fand er in Nürnberg einen tragischen Tod durch einen Geisteskranken, der ihn erschoss, als er zu einem Vortrag über Anthroposophie und Dreigliederung unterwegs war.

Die anthroposophische Gesellschaft war ganz auf die Wirksamkeit Rudolf Steiners, des überragenden Geisteslehrers, zugeschnitten. Sie bot den Rahmen für seine Vortragstätigkeit und seine soziale Wirksamkeit, die sich seit der Gründung der Gesellschaft immer mehr über ganz Europa ausdehnte. Die Wirksamkeit Rudolf Steiners konzentrierte sich auf drei Zentren: Berlin, von dem die anthroposophische Arbeit ausgegangen war, Dornach, in dem das Goetheanum als Freie Hochschule für Geisteswissenschaft errichtet wurde und Stuttgart, von wo die wirtschaftlichen und sozialen Aktivitäten ihren Ausgang nahmen. Neben diesen drei Städten bildete auch München einen zentralen Ort der Wirksamkeit Steiners. Hier entfalteten sich die künstlerischen Initiativen, hier sollte zuerst der Johannesbau errichtet werden, was jedoch konservative Kräfte verhinderten. Daher fiel im Mai 1913 die Entscheidung, den Bau in Dornach bei Basel aufzuführen. Diese Entscheidung wurde durch die großzügige Schenkung einer Basler Familie ermöglicht, die den Baugrund für das Gebäude zur Verfügung stellte. Bereits am 20. September 1913 fand an einem stürmischen Abend die Grundsteinlegung des Gebäudes statt.

Im Frühjahr 1914 verlegte Steiner seinen Erstwohnsitz nach Dornach. Möglicherweise war nicht nur die Notwendigkeit, die Bauunternehmung zu leiten, für diese Entscheidung ausschlaggebend. Aus Schilderungen Marie Steiners lässt sich die Andeutung entnehmen, dass Steiner bei einer Begehung des Baugeländes eine Art Vorahnung der bevorstehenden Kriegskatastrophe mit all ihren biographischen und sozialen Implikationen erlebte. Das einzigartige Projekt dieses Gesamtkunstwerks zog Anthroposophen aus der ganzen Welt an, die sich an dessen Ausführung beteiligen wollten.

Auf dem Dornacher Hügel entstand im Laufe der Jahre eine »Anthroposophensiedlung«, ein Mikrokosmos mit seinen eigenen sozialen Problemen, vergleichbar der gleichzeitigen alternativen Siedlung auf dem Monte Veritá oberhalb Asconas. Er bestand aus Menschen, die am Goetheanumbau mitwirkten, aus Bildhauern, Malern, Eurythmisten und Schauspielern, aber auch aus einem Publikum, das lediglich in der unmittelbaren Nähe des Geisteslehrers leben wollte.

All diese Menschen unterschiedlichster Herkunft und Nationalität einte die bemerkenswerte Integrationskraft Rudolf Steiners, der zielstrebig seine Mission verfolgte. Die Arbeit am Goetheanumbau setzte sich während des I. Weltkriegs fort. Während sich die europäischen Völker gegenseitig zerfleischten und der Konflikt globale Dimensionen annahm, arbeiteten an diesem Bau Angehörige von siebzehn verschiedenen Nationen mehr oder weniger friedlich zusammen. Deutsche, Franzosen, Russen, Schweizer, Engländer, Amerikaner – sie alle einte über die nationalen Animositäten und Chauvinismen hinweg der Aufblick zu einer menschheitsumfassenden geistigen Welt, die sich ihnen durch das Werk Rudolf Steiners in immer hellerem Licht erschloss, während sich der europäische Horizont durch die Wolken des Völkerhasses verdunkelte.

1920, nach einer siebenjährigen Bauzeit, war der Doppelkuppelbau aus Holz, dieser Tempel der Menschenweisheit, das »Haus des Wortes«, der »Architektur gewordene Mensch«, mit seinen Architraven und Voluten, seinen farbigen Glasfernstern und Deckenmalereien, der in den Besuchern »das geistige Schauen erwecken« sollte, vollendet. »Das Werden der Welten« so Marie Steiner, »das Werden und Wirken des Menschen, die Taten der Götter waren in ihn hineingeschrieben, waren offenbart in den Farbenflutungen der Kuppel, in dem organischen Wachstum der Säulen- und Architrav-Motive, in den Fensterlichtgebilden.«

Zur Eröffnung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft fand vom 27. September bis 3. Oktober 1920 ein erster anthroposophischer Hochschulkurs mit dem Titel »Grenzen der Naturerkenntnis« statt, in dem Steiner unter anderem auf die Notwendigkeit hinwies, die Begriffe und Ideen des naturwissenschaftlichen oder philosophischen Denkens in Imaginationen umzuwandeln, um den realen Geist erkennen zu können, der in der Natur wirke.

Doch bereits einige Jahre zuvor, während in Rußland die Revolution ausbrach und Amerika in den Krieg eintrat (1917), begann in Stuttgart eine neue Reihe von Ereignissen. Aufgrund von Anfragen, die in der deutschen Politik tätige Persönlichkeiten (Graf Polzer von Hoditz, Graf Otto von Lerchenfeld) an ihn stellten, verfasste Steiner einige Memoranden über die Ursachen des I. Weltkriegs und die Gesichtspunkte für eine zu errichtende Nachkriegsordnung. Der Zusammenbruch der wilhelminischen Ordnung war abzusehen und die Frage stellte sich, wie eine Gesellschaft aussehen musste, die künftige soziale Katastrophen wie den I. Weltkrieg würde verhindern können. Nachdem die Bemühungen, politisch Verantwortliche über die Bedingungen einer solchen Gesellschaftsordnung mit Hilfe der Memoranden aufzuklären, nichts gefruchtet hatten, wandte sich Steiner mit seinen »Kernpunkten der sozialen Frage« an die Öffentlichkeit (1919). Hier umriss er die Idee einer Entflechtung der drei großen sozialen Subsysteme Wirtschaft, Recht und Kultur, die nach je eigenen Ordnungsprinzipien organisiert werden sollten: die Wirtschaft nach dem Prinzip der Brüderlichkeit (Solidarität), das Recht nach dem Prinzip der Gleichheit (Demokratie) und die Kultur nach dem Prinzip der Freiheit (Individualismus).

Eine Vorstufe dieser sozialen Dreigliederung stellt die funktionale Dreigliederung des Menschen dar, die Steiner erstmals in seinem 1917 erschienenen Buch »Von Seelenrätseln« beschrieb, das die physiologischen Grundlagen des Denkens im Nerven-Sinnes-System, des Fühlens im rhythmischen Zirkulationssystem und des Wollens im Gliedmaßen-Stoffwechsel-System charakterisierte.

In Stuttgart bildete sich um Emil Molt (1876-1936), den Leiter der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria, den Kaufmann Hans Kühn (1889-1977) und den Juristen Roman Boos (1889-1952), ein Arbeitsausschuß für Dreigliederung, der Steiners Vorhaben einer grunflegenden Neuordnung der Gesellschaft unterstützen sollte. Noch vor der Veröffentlichung der »Kernpunkte« wandte sich Steiner mit seinem »Aufruf an das deutsche Volk und die Kulturwelt«, der von namhaften Personen des kulturellen Lebens unterzeichnet wurde, an die Öffentlichkeit. Aber weder der »Aufruf«, noch seine »Kernpunkte der sozialen Frage« führten zu einer gesellschaftlichen Bewegung, die stark genug gewesen wäre, die von ihm skizzierten Ideen umzusetzen. Zwar entstand im April 1919 ein »Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus«, aber aus Steiners Sicht war der historische Augenblick, der die Chance einer umfassenden Neuordnung der Gesellschaft geboten hätte, zu diesem Zeitpunkt schon wieder verstrichen. Er richtete seine Anstrenungen daher zunehmend auf volkspädagogische und pädagogische Projekte.

Dem »Kapitalisten« Emil Molt war die Entstehung einer ersten Schule für Arbeiterkinder zu verdanken, die Anfang September 1919 für etwa zweihundertfünfzig Schülern, deren Eltern überwiegend Arbeiter der Waldorf-Astoria-Fabrik waren, als Waldorfschule ins Leben gerufen wurde. Das Kollegium dieser Schule wurde von Steiner eingesetzt und bestand aus begabten jungen Anthroposophen. In gewisser Weise stellt diese Schule als selbstverwaltete Institution des Geisteslebens eine Fortsetzung der gescheiterten Dreigliederungsbewegung dar.

Anfang 1920 wurde von ehemaligen Mitstreitern des Bundes für Dreigliederung (Emil Leinhas, Emil Molt, Hans Kühn, Carl Unger u.a.) »Der Kommende Tag«, eine »Aktiengesellschaft zur Förderung wirtschaftlicher und geistiger Werte« gegründet. Sie sollte als Modellprojekt die von Steiner konzipierte Idee der Finanzierung eines vom Staat unabhängigen Kulturlebens durch Wirtschaftsunternehmen verwirklichen. In ihr schlossen sich landwirtschaftliche und industrielle Betriebe zusammen. Eine Verlagsdruckerei wurde gegründet, kurz darauf ein biologisches Forschungslabor sowie eine Fabrik zur Entwicklung und Herstellung neuer Heilmittel (aus der später die Weleda AG hervorging). 1921 kam eine Klinik hinzu, die erstmals systematisch künstlerische Therapien in die medizinische Behandlung integrierte. Außerdem sollte die Aktiengesellschaft die Finanzierung der Waldorfschule übernehmen, die bisher in den Händen Emil Molts lag. Allerdings stand Steiner diesem Unternehmen skeptisch gegenüber. Zwar übernahm er den Vorsitz im Aufsichtsrat, zweifelte aber daran, dass genügend ökonomisch kompetentes Personal vorhanden war, um das Unternehmen zum Erfolg zu führen. Seine Bedenken sollten sich bewahrheiten. Neben der im »Kommenden Tag« versammelten Inkompetenz wirkten sich auch die Ablehnung der Geschäftswelt und die allgemein katastrophale Wirtschaft- und Finanzlage verheerend auf die Aktiengesellschaft aus. 1924 musste sie ihre Geschäftstätigkeit aufgeben. Einem ähnlichen Versuch in der Schweiz mit einer hier gegründeten »Futurum AG« war das gleiche Schicksal beschieden.

Erfreulicher – wenn auch nicht in jeder Hinsicht – entwickelte sich ein anderes Unternehmen. 1921 trat eine Gruppe protestantischer Pastoren und Theologiestudenten, die im zeitgenössischen Protestantismus keine tragfähigen spirituellen Perspektiven mehr zu erkennen vermochten, mit der Bitte an Steiner heran, ihnen Hinweise für eine Erneuerung des religiösen Lebens zu geben. Steiner eröffnete diesen Theologen und Geistlichen derart umfassende geistige Horizonte, dass sie sich dazu entschlossen, unter der Führung Friedrich Rittelmeyers eine »Bewegung für religiöse Erneuerung« ins Leben zu rufen. Im Mittelpunkt von Steiners Darstellungen standen keine theoretischen dogmatischen Erörterungen, sondern die lebendige Begegnung mit der Christuswesenheit durch den Kultus. Seine geisteswissenschaftlichen Einsichten führten zu einer Erneuerung der Sakramente, des Priestertums und des Gemeindelebens. Bereits im Herbst 1922 wurden in verschiedenen deutschen Städten die ersten Gemeinden gegründet, Rittelmeyer selbst ließ sich in Stuttgart nieder und baute dort eine Gemeinde und das Zentrum der Christengemeinschaft auf.

Die Folgen des I. Weltkriegs zeigten sich nicht nur auf wirtschaftlichem oder religiösem Gebiet, auch die akademische Welt wurde von einer Sinnkrise erschüttert. Daher begannen sich seit 1919 vermehrt junge Akademiker der unterschiedlichsten Fachrichtungen für die Anthroposophie zu interessieren. Sie erlebten auf wissenschaftlichem Gebiet einen ähnlichen Stillstand, wie die protestantischen Theologen ihn auf religiösem Gebiet wahrnahmen. Dieses wachsende Interesse der akademischen Welt war zweischneidig: einerseits führte es dazu, dass die Anthroposophie dank der rhetorischen und dialektischen Fähigkeiten dieser Wissenschaftlergeneration in neue Diskursgemeinschaften eindrang, andererseits führten die Versuche dieser Wissenschaftler, die Anthroposophie in ihre Fachdiskurse einzuführen, auch häufig zu ihrer oberflächlichen Scheinakademisierung und Ideologisierung.

Steiner beobachtete diese Entwicklung mit einer gewissen Sorge und betonte angesichts der verbreiteten Neigung, die Anthroposophie zu »verwissenschaftlichen«, sie dem gängigen »Wissenschaftsbetrieb« einzuverleiben, die Notwendigkeit, die Fachwissenschaften vielmehr mit dem Geist der Anthroposophie zu durchdringen und entsprechend umzuwandeln.

Aus Steiners Sicht bedurfte die Anthroposophie keiner Verwissenschaftlichung, war sie doch selbst eine »Geisteswissenschaft«, eine methodisch kontrollierte, systematisch erweiterbare Erkenntnisdisziplin, die sich auf praktisch alle Gebiete erstreckte, auf die irgendwelche Fachwissenschaften sich spezialisiert hatten. Sie befand sich mit ihrer Erkenntnispraxis längst dort, wo die Wissenschaften mit der ihren vergeblich hinstrebten. Überall in der Natur, in der Geschichte oder in der Seele des Menschen deckte sie die wirkenden Kräfte des Geistes und die Gesetze auf, welche die einzelnen Phänomenbereiche beherrschten. Die anthroposophische Geisterkenntnis ging weit über die begrenzten Forschungsbereiche der Fachwissenschaften hinaus; die Vorstellung, sie auf der Grundlage dieser Fachwissenschaften und mit Hilfe ihrer Methoden erschließen zu müssen, erschien ihm illusorisch. Vielmehr bedurften die Wissenschaften der Anthroposophie, der Erkenntnis des wirkenden, realen Geistes, um mehr als nur dem Namen nach Vermittler von Wissen zu sein. Manche Fachwissenschaftler, die mit der Anthroposophie in Berührung kamen, standen ihr aufgrund ihrer akademischen Habitusbildung innerlich skeptisch gegenüber und schreckten vor dem Sprung vom scheinbar gefestigten Boden ihrer Disziplinen in den Ozean der Geisterkenntnis zurück. Im Hinblick auf diese »reservatio mentalis« sprach Steiner von einer »inneren Opposition« gegen die Anthroposophie, die von scheinbaren Vertretern dieser Anthroposophie selbst ausging und verhinderte, dass sie deren eigentlichen Sinn erfassten.

Dennoch hielt sich Steiner nicht zurück, was den Dialog mit Akademikern anbetraf, die bereit waren, in seinen solchen einzutreten. Seit 1920 fanden am Goetheanum anthroposophische Hochschulkurse statt, in denen neben Steiner selbst eine Reihe von Angehörigen des Stuttgarter Waldorflehrerkollegiums mitwirkten.

Bereits 1919 hatte dieses neue Kapitel in Steiners Wirken mit einer Reihe von Vorträgen zur Begründung der Waldorfpädagogik begonnen (»Allgemeine Menschenkunde«, GA 293; »Erziehungskunst«, GA 294 und 295), an die sich ein erster naturwissenschaftlicher (»Geisteswissenschaftliche Impulse zur Entwicklung der Physik«, GA 320) und kurz darauf ein sprachwissenschaftlicher Kurs anschlossen (»Geisteswissenschaftliche Sprachbetrachtungen«, GA 299). 1920 fand eine erste Reihe von Vorträgen über »Geisteswissenschaft und Medizin« für Ärzte und Medizinstudenten statt (GA 312). Im Anschluss an diese Vortragsreihe gründete Ita Wegman (1876-1943) in Arlesheim unweit von Dornach ein klinisch-therapeutisches Institut.

Aber nicht nur für Fachwissenschaftler hielt Steiner zu dieser Zeit Vorträge; auch seine öffentliche Vortragstätigkeit steuerte auf einen nie dagewesenen Höhepunkt zu. Im Jahr 1922 musste eine Konzertagentur hinzugezogen werden, um seine Vorträge in den größten Sälen deutscher Städte organisatorisch zu bewältigen. Neben Steiner führten eine Reihe von Mitarbeitern anthroposophische Kongresse durch, die ebenso großen Zuspruch erlebten, wie die von Marie Steiner organisierten Eurythmie-Tourneen.

Ohne Zweifel begann die Anthroposophie in den Jahren nach dem I. Weltkrieg in die »Öffentlichkeit« zu wirken und es konnte nicht ausbleiben, dass diese »Öffentlichkeit« auf sie in der einen oder anderen Art reagierte. Leider waren diese Reaktionen weitgehend feindselig. Eine breite Phalanx gesellschaftlicher und kultureller Kräfte formierte sich, um der als Fremdkörper wahrgenommenen geisteswissenschatlichen Bewegung ein Ende zu bereiten. Gegner sammelten sich links und rechts auf politischem Gebiet, in den Konfessionen, den akademischen Kreisen und der Presse. Die Anfeindungen reichten von angeblich aufklärerischen Buchveröffentlichungen über verleumderische Pamphlete bis hin zu einem Attentats-Versuch gegen Steiner (München, Mai 1922).

Die Anthroposophische Gesellschaft wäre berufen gewesen, die Auseinandersetzung mit dieser zunehmenden Gegnerschaft auf sich zu nehmen. Allerdings gab es kaum jemanden innerhalb dieser Gesellschaft, der sich für diese Aufgabe verantwortlich fühlte oder qualifiziert hätte. Insgesamt verharrte sie in einem Zustand der Passivität, ja der Lähmung. Vermutlich hing die mangelnde Begeisterung der Mitglieder dieser Gesellschaft, sich am kritischen Diskurs über die Anthroposophie zu beteiligen, nicht allein damit zusammen, dass jene, die aktiv in der anthroposophischen Bewegung mitwirkten, ohnehin mit ihren diversen sozialen und wirtschaftlichen Initiativen alle Hände voll zu tun hatten. Zwei weitere Faktoren dürften in Betracht kommen: das unter der Mitgliedschaft weit verbreitete Deinteresse an der profanen Welt, die in den Augen vieler ohnehin dem Untergang geweiht war, und eine gewisse, spirituellen Bewegungen inhärente Neigung, unter der Gefolgschaft eine kritiklose Passivität heranzuzüchten, die von den jeweiligen Führungspersönlichkeiten alles erwartet, von sich selbst aber nichts.

Steiner, dem diese fatale Entwicklung nicht entgangen war und der eigentlich der letzte war, der sich von einer solchen Passivität allzuviel erhoffte, begann daher im Lauf des Jahres 1922, sich vermehrt mit Fragen des innergesellschaftlichen Lebens zu beschäftigen und auf die Notwendigkeit, dieses Leben anders zu gestalten, hinzuweisen. Wie dringlich diese Beschäftigung war, zeigt die Tatsache, dass rechtsreaktionäre Kreise, wie bereits erwähnt, im Münchner Hotel »Vier Jahreszeiten« im Mai 1922 einen Attentatsversuch auf Steiner unternahmen.

In der Silvesternacht 1922/23 schließlich entlud sich der gegnerische Hass in jener lange angekündigten Brandstiftung, die den Goetheanumbau innerhalb von Stunden vernichtete. Für Steiner war dieser Goetheanumbrand ein Symptom für den prekären Zustand der Anthroposophischen Gesellschaft.

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