1923 | Ringen um Erneuerung

    Szene aus dem Mysteriendrama »Pforte der Einweihung« von Rudolf Steiner

Szene aus dem Mysteriendrama »Pforte der Einweihung« von Rudolf Steiner

Trotz aller Kritik, die Steiner selbst am Zustand der Anthroposophischen Gesellschaft übte, darf nicht vergessen werden, dass sie 10 Jahre lang (von 1913 bis 1923) als Gefäß für die Aufnahme einzigartiger spiritueller Offenbarungen diente, deren Quelle Rudolf Steiner war. Hätte es sie mit ihrer wie auch immer gearteten Mitgliedschaft nicht gegeben, wäre es wohl kaum zur Entfaltung der Geisteswissenschaft als einer modernen Mysterienerkenntnis gekommen. So unangemessen dieses Gefäß auch sein mochte, das in mancher Hinsicht, trotz des Bruchs mit der Theosophischen Gesellschaft, eine habituelle Kontinuität zu dieser bewahrt hatte, – es bot dem unangefochtenen Geisteslehrer einen geschützten Raum, in dem er sein Jahrhundertprojekt einer Erneuerung der abendländischen Mysterienweisheit verfolgen konnte. Kurz vor der Jahrhundertwende (1899) stand Steiner angesichts seiner begrenzten Wirkungsmöglichkeiten in der profanen Öffentlichkeit vor der bangen Frage, ob er »verstummen« müsse. Damals eröffnete sich in der Theosophischen Gesellschaft ein Feld der Wirksamkeit, das ihm ermöglichte, Geistesforschung zu betreiben und deren Ergebnisse vor einem geneigten Publikum darzustellen. So gering das Verständnis für diese Geistesforschung unter den Theosophen auch sein mochte, sie hörten Steiner nichtsdestotrotz zu und trugen damit zur Entfaltung seiner großartigen esoterischen, religionsphilosophischen und kosmologischen Synthesen bei.

Ähnlich verhielt es sich auch mit der Anthroposophischen Gesellschaft. Vor dem I. Weltkrieg sicherte der Großteil ihrer Mitglieder, die aus der Theosophischen in die Anthroposophische Gesellschaft übergegangen waren, die Kontinuität der Arbeit. Nach dem I. Weltkrieg strömte eine neue Generation in diese Gesellschaft und erweiterte sie zu einer anthroposophischen Bewegung, die versuchte, die in ätherischen Höhen schwebende Vorkriegsesoterik in den Untiefen der geschichtlichen Welt und der Empirie zu verankern. Steiner stand nach dem I. Weltkrieg vor einer ähnlichen Situation wie zu Beginn des Jahrhunderts. Der neu hinzugekommenen Generation musste er die Anthroposophie von Grund auf neu erklären. Und er musste auf ihre Bedürfnisse eingehen, die vollkommen anders geartet waren, als diejenigen der Mitglieder, die teilweise seit Jahrzehnten dazugehörten.

Der starke sozialrevolutionäre Impetus dieser neuen Generation, der durch die traumatischen Erfahrungen der Kriegszeit bedingt gewesen sein dürfte, war zugleich ihr größtes Handicap. Die Angehörigen dieser Generation setzten sich mit großem Enthusiasmus für Ideen ein, die sie teilweise nur halb verstanden hatten, und versuchten eine Esoterik auf exoterischem Gebiet zu realisieren, ohne in dieser wirklich verwurzelt zu sein. Durch ihren Aktionismus verausgabten sie ihre Kräfte und waren nach wenigen Jahren aufgezehrt. Heute würde man von einem Burn-Out-Syndrom sprechen. Die Pioniersituation in den unterschiedlichen Lebensgebieten forderte ihren ganzen Einsatz und so blieb kaum etwas übrig, um sich um die Belange der Anthroposophischen Gesellschaft zu kümmern, zumal sie in Steiner auch den Garanten der Substanz sehen durften, die durch diese Gesellschaft in ihre praktischen Initiativen floss.

Die Anthroposophische Gesellschaft zeigte schon seit Jahren Erosionserscheinungen. Ihr dreiköpfiger Vorstand war seinen Aufgaben seit langem nicht mehr gewachsen. Wir erinnern uns, dass 1913 Carl Unger, Michael Bauer und Marie Steiner diesen Vorstand bildeten. Marie Steiner hatte sich bereits 1916 von ihrem Amt zurückgezogen, da sie in den Verpflichtungen, die ihr das Bauvorhaben in Dornach, sowie die schauspielerische und eurythmische Arbeit aufluden, nahezu ertrank. Eine Rolle bei ihrem Rücktritt dürften auch mehr oder weniger ausgesprochene Feindseligkeiten gespielt haben, die sich an der Tatsache entzündeten, dass sie 1914 Steiners Ehefrau wurde, was dazu führte, dass andere Anwärterinnen auf diese Rolle, von denen es nicht wenige gegeben haben dürfte (mochten ihre Ansprüche auch völlig unbegründet sein), ihr Machtgelüste und Herrschaftsansprüche unterstellten und gegen sie intrigierten. Angesichts dieser Situation war sie gerne bereit, auf diese undankbare Arbeit zu verzichten und sich ihren wesentlichen Aufgaben zuzuwenden: der Erneuerung der Bühnenkünste aus dem Geiste der neuzeitlichen Mysterien. Ihre Aufgaben im Vorstand übernahm bis 1921 vertretungsweise ihr langjähriger Mitarbeiter Kurt Walther (1874-1940).

1921 sollte der Zentralvorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Stuttgart neu besetzt werden. Wie sich herausstellte, blieb nur noch ein Mitglied, Carl Unger, übrig, da sich Michael Bauer aus Krankheitsgründen zurückziehen musste. Neu hinzu kamen der Schweizer Kunsthistoriker Ernst Uehli (1875-1959), der als Lehrer für Religion, Geschichte und Kunstgeschichte an der Waldorfschule tätig war und der Kaufmann Emil Leinhas (1878-1967), der sich in der Dreigliederungsarbeit und wirtschaftlichen Unternehmungen, die mit ihr im Zusammenhang standen, engagierte. Schon bei dieser Umbesetzung des Stuttgarter Zentralvorstandes tauchen in Ansprachen Steiners diagnostische Hinweise auf, die er 1923 bei seiner grundlegenden Kritik an den Missständen in der Gesellschaft wiederholen sollte: er sah die Gesellschaft befallen von einem »Hang zur nebulosen Mystik«, von Überresten »theosophischer« Verhaltensweisen und einem Mangel an zwischenmenschlichem Interesse.

Der neubesetzte Vorstand leistete so wenig, was von ihm erwartet wurde, wie der alte. Daher schien eine gründliche Umgestaltung der Gesellschaft 1923 unumgänglich, zumal ihre Organisationsstruktur der gewachsenen, internationalisierten Mitgliedschaft und den seither entstandenen vielfältigen Aufgaben nicht mehr gewachsen war.

Die Anthroposophische Gesellschaft war aus der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft hervorgegangen und auf den deutschsprachigen Raum ausgerichtet. In den zehn Jahren ihres Bestehens waren in fast allen europäischen und vielen außereuropäischen Ländern »Zweige« – Mitgliederzusammenschlüsse – entstanden; die Gesamtzahl der Mitglieder war inzwischen auf rund 12.000 angewachsen. Insbesondere der Krieg schuf für Mitglieder einer internationalen Gesellschaft mit Sitz in Berlin Probleme, die nun durch die Gründung von autonomen anthroposophischen Landesgesellschaften behoben werden sollten. Diese sollten sich selbst konstituieren und ihre eigenen Verfassungen (Satzungen) ausarbeiten. All diese Landesgesellschaften sollten einer Internationalen Anthroposophischen Gesellschaft angehören, die ihren Sitz im Goetheanum in Dornach aufzuschlagen gedachte. Aber das Goetheanum war eine Brandruine. Daher bestand eine der dringendsten Aufgaben in dessen Wiederaufbau, der Mitte Juni beschlossen und von einer Delegiertenversammlung Ende Juli 1923 bestätigt wurde.

Steiner erteilte bei seinen Vortragsreisen im Ausland während des Jahres 1923 den dortigen Mitgliedern Ratschläge hinsichtlich des Aufbaus und der Organisation ihrer jeweiligen Landesgesellschaften, ließ diesen aber ansonsten freie Hand bei ihrer Konstitution.

Eine besonders heikle Aufgabe stellte der Umbau der Gesellschaft in Deutschland dar. In Stuttgart saß der Zentralvorstand, der weiterhin die Verantwortung für die gesamte (internationale) Gesellschaft trug, hier lebten die meisten Mitglieder, hier befanden sich die meisten Einrichtungen mit ihren jeweiligen institutionellen Egoismen. Hier auch wirkten die ausgeprägtesten Persönlichkeiten, die teilweise jahrelang intime Feindschaften kultiviert hatten, mit ihren jeweiligen Anhängerschaften, die sich gegenseitig blockierten.

Im wesentlichen lassen sich drei Gruppierungen unterscheiden. Eine ältere Generation, für die Carl Unger und Adolf Arenson repräsentativ waren, Mitglieder der ersten Stunde, die Steiner schon von Beginn an begleiteten. Sie hatten sich jahrelang von Grund auf in die Anthroposophie eingearbeitet, und diese systematisch, teilweise enzyklopädisch erforscht. Arenson hatte einen Führer durch eine große Zahl von Vortragsreihen Steiners herausgegeben, Unger arbeitete in logischer Strenge an den Grundbegriffen der Anthroposophie. Hier lagen Arbeitsweisen und Traditionen vor, die eine gewisse Anciennität beanspruchen durften und mit deutscher Gründlichkeit verfochten wurden. Angehörige dieser Gruppierung blickten mit einem gewissen Misstrauen auf den Tatendrang der jüngeren Generation und neigten dazu, ihn als oberflächlichen Aktionismus abzutun.

Eine zweite Gruppierung stellten die bereits erwähnten jungen Akademiker mit ihrem wissenschaftlichen Habitus und ihren spezifischen Diskursgewohnheiten dar. Einige von ihnen gehörten dem Kollegium der Stuttgarter Waldorfschule an, wie beispielweise der Schularzt und Lehrer für Chemie und Menschenkunde Eugen Kolisko (1893-1939) und der Historiker Walter Johannes Stein (1891-1957).

Eine dritte Gruppe schließlich stellten ehemalige Angehörige der Jugendbewegung dar, die ihre Sehnsucht nach Gemeinschaft und ihre Abneigung gegen Ideologien in die anthroposophische Bewegung hineintrugen, sowie ältere Menschen, die mit ihnen sympathisierten. Sie standen sowohl den alten Mitgliedern als auch den Akademikern verständnislos gegenüber – eine Haltung, die von der Gegenseite erwidert wurde. Dieser Gruppierung gehörten Maria Röschl (1890-1969) und Ernst Lehrs (1894-1979), beide Lehrer an der Waldorfschule, der ehemalige Berufsoffizier Jürgen von Grone (1887-1978), der Philosoph Hans Büchenbacher (1887-1977), der Sekretär des Bundes für anthroposophische Hochschularbeit und spätere Waldorflehrer René Maikowski (1900-1992) und der ehemalige Kriegsfreiwillige Wilhelm Rath (1897-1973) an.

Bei einer Gelegenheit charakterisierte Steiner die ersten beiden Gruppierungen im Unterschied zur dritten wie folgt: »Ein feines Verständnis haben diese führenden Persönlichkeiten in Stuttgart, sie verstehen gleich alles, man braucht nicht viel zu reden … Es ist ihnen absolut alles klar … Aber sie tun es meistens nicht. Dann sind die anderen, das ist die andere Partei … Sie verstehen zunächst nichts von dem, was ich sage, aber sie tun gleich alles.«

Ein weiteres Konfliktfeld ergab sich aus der Existenz der Christengemeinschaft. Viele Mitglieder der Gesellschaft, die an die kumulativen Offenbarungen Steiners gewöhnt waren, sahen in der »Bewegung für religiöse Erneuerung« eine weitere Vertiefungsstufe der Anthroposophie und glaubten, sie müssten sich auch dieser ebenso vorbehaltlos zuwenden, wie allen vorherigen. Immerhin stand im Mittelpunkt der »Christengemeinschaft« die Begegnung mit dem lebendigen Christus, den viele von ihnen als Gestalt gelehrter Vorträge kannten, der sie aber bisher noch nie in personam begegnet waren. Hatte Steiner nicht vor dem I. Weltkrieg von einer bevorstehenden ätherischen Wiederkunft Christi gesprochen? Stellte der Kultus der Christengemeisnchaft möglicherweise eine Form dar, durch die sich dieser ätherische Christus der Menschheit offenbaren wollte? Und sollte eine dezidiert christlich-esoterische Bewegung nicht in einem christlichen Kultus ihre Vollendung finden? Manche fühlten sich durch die Erneuerung des Kultus in der »Christengemeinschaft« auch an die kultischen Arbeitsformen der M.A. oder der F.M. aus der Zeit vor dem I. Weltkrieg erinnert und meinten, die Christengemeinschaft sei eine legiime Erweiterung bzw. Ergänzung der Anthroposophie.

Darin hatten sie aber Steiner gründlich missverstanden. Steiner betrachtete sich als Geisteswissenschaftler und die Anthroposophische Gesellschaft als Organisation, die der Förderung und Pflege dieser Geisteswissenschaft dienen sollte. Als Wissenschaft hatte die Anthroposophie nichts mit Religion zu tun, auch wenn sie die Quellen des religiösen Lebens durch Erkenntnis neu erschloss. Gerade als Geisteswissenschaft stellte die Anthroposophie aber einen Erkenntnisweg zu Christus und zur geistigen Welt dar, der keiner religiösen Rituale oder Gemeinschaftsbildung bedurfte. Wer glaubte, er müsse die Christologie der Geisteswissenschaft durch die Altargemeinschaft der Christengemsinschaft ergänzen oder ersetzen, befand sich nach Steiners Auffassung auf dem Holzweg. Schließlich hatte er schon in seinen »Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften« 1887 vom »Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit« durch das Erkennen als der »wahren Kommunion des Menschen« gesprochen.

Steiners Äußerungen zu diesem Problem ließen in ihrer Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, führten aber sowohl unter Mitgliedern der Gesellschaft als auch unter Angehörigen der Christengemeinschaft für erhebliche Verstimmungen: »Das, was ich diesen Persönlichkeiten [den Begründern der Christengemeinschaft] gegeben habe, hat nichts zu tun mit der anthroposophischen Bewegung. Ich habe es ihnen als Privatmann gegeben und habe es so gegeben, daß ich mit notwendiger Dezidiertheit betont habe, daß die anthroposophische Bewegung mit dieser Bewegung für religiöse Erneuerung nichts zu tun haben darf; daß aber vor allen Dingen nicht ich der Gründer bin dieser Bewegung für religiöse Erneuerung, daß ich darauf rechne, daß der Welt das durchaus klar gemacht werde, und daß ich einzelnen Persönlichkeiten, die von sich aus begründen wollten diese Bewegung für religiöse Erneuerung, die notwendigen Ratschlüsse gegeben habe, Ratschlüsse, die allerdings geeignet waren, einen gültigen und spirituell kräftigen, spirituell von Wesenheit erfüllten Kultus auszuüben, in rechtmäßiger Weise mit den Kräften aus der geistigen Welt heraus zu zelebrieren.« (Vortrag vom 30.12. 1922)

Eine nicht unberechtigte Sorge Steiners bestand darin, dass die erlebnisorientierte Christengemeinschaft der erkenntnisorientierten Anthroposophischen Gesellschaft das Wasser abgraben würde, wenn sie ihre Gemeindemitglieder aus der Anthroposophischen Gesellschaft rekrutierte. Diese Befürchtung war nicht grundlos oder paranoid, bestanden doch Ende 1922 manche neugegründeten Gemeinden nahezu vollständig aus Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft. Manche von ihnen betrachteten den Kultus am Altar in der Tat als Höhepunkt der Anthroposophie.

Ein strukturelles Problem der anthroposophischen Bewegung, das dringend behoben werden musste, hing mit ihren bescheidenen personellen Ressourcen zusammen. Die öffentliche Wirksamkeit für die Anthroposophie wurde zum größten Teil von Personen wahrgenommen, die entweder in der Christengemeinschaft eine führende Rolle spielten oder dem Zentralvorstand angehörten. Die Fülle der damit verbundenen Aktivitäten führte dazu, dass sie Aufgaben, die ihnen weniger bedeutsam schienen oder unangenehmer waren, was bei Verwaltung in der Regel der Fall ist, vernachlässigten. Sie vernachlässigten aber auch die zwischenmenschliche Begegnung, die für ein lebendiges gesellschaftliches Leben unerlässlich ist. Anstelle der persönlichen Begegnung und des dialogischen Austausches entwickelten sich in Stuttgart bürokratische Umgangsformen, bei denen Personen, die im selben Haus ihren Aktivitäten nachgingen, miteinander durch schriftliche Mitteilungen kommunizierten, statt das Gespräch von Mensch zu Mensch zu suchen. Steiner sprach im Hinblick auf diese Bürokratie von »kurulischen Stühlen« und dem »Stuttgarter System«: »Deshalb musste geredet werden von dem ›Stuttgarter System‹, das darin besteht, alles mögliche der Anthroposophischen Gesellschaft aufzupfropfen, nicht aber sich die Mühe zu geben, für Anthroposophie zu wirken. Auf der anderen Seite ist das System, alles zu beginnen und es nicht fortzusetzen, wie unter anderem den ›Bund für freies Geistesleben‹; der ist nur Programm geblieben. Und dann, nicht wahr, dies: Überall die bequemsten Wege zu wählen und jeden wieder zu verlassen, sich nicht weiter darum zu kümmen. Das Sitzen auf kurulischen Stühlen ohne jede Aktivität! Alles das ist typisch für das ›Stuttgarter System‹.« (30.01.2913, Nachtsitzung; GA 259)

Um diese Mängel zu beseitigen, die gegenseitige Zusammenarbeit zu internsivieren, die Interessen der Gesellschaft gegenüber den unterschiedlichen praktischen Aktivitäten und die Anthroposophie gegenüber ihren Gegnern zu stärken, wurde um die Jahreswende 1922/23 in Stuttgart der sogenannte »Dreißigerkreis« gebildet, dem die meisten hier wohnhaften, führenden Anthroposophen angehörten.

Die Verhandlungen dieses »Dreißigerkreises« entwickelten sich zu quälend langatmigen Debatten, in denen mit gegenseitigen Schuldzuweisungen nicht gespart wurde und Animositäten offen zutage traten. Steiner, unter dessen Vorsitz die meisten Sitzungen stattfanden, wies ohne Rücksicht auf Verluste auf die Versäumnisse und persönlichen Mängel der Beteiligten hin, und erwies sich bei der Einforderung von Änderungen als äußerst unnachgibig. Er legte aber auch eine bemerkenswerte Geduld an den Tag, wenn es um die Suche nach Lösungen für Probleme ging, die nur von den Beteiligten selbst gefunden werden konnten. Bei einer Gelegenheit bezeichnete er die Anthroposophische Gesellschaft als eine Gesellschaft zur »Verhinderung der Anthroposophie«. (Dokumentiert in GA 259)

Schließlich rang sich Ernst Uehli dazu durch, von seinem Vorstandsamt zurückzutreten und Carl Unger bot seinerseits den Rücktritt an, falls dies gewünscht werde. Der Arbeitskreis entschloss sich daraufhin, die gesamte Mitgliedschaft um Mithilfe bei der Lösung der unlösbar scheinenden Probleme zu bitten und wandte sich mit einem entsprechenden Aufruf an die interne Öffentlichkeit. Bei der auf Ende Februar 1923 einberufenen Delegiertenversammlung wurde erneut über die Zusammensetzung des Vorstandes, über den Konflikt der Generationen und das Verhältnis zwischen Anthroposophischer Gesellschaft und Christengemeinschaft debattiert. Da sich die Integration der jugendlichen Schwärmer in die bestehende Gesellschaft als unmöglich erwies, kam es zur Gründung einer Parallelgesellschaft für diese Gruppierung, der »Freien Anthroposophischen Gesellschaft«. Die Leitung übernahm ein Ausschuss, dem Hans Büchenbacher, Jürgen von Grone, Ernst Lehrs, René Maikowski, Wilhelm Rath, Maria Röschl sowie der Lehrer Moritz Bartsch (1869-1944) und ein Aktivist aus Bremen namens J.G.W. Schröder (1870-1942) angehörten.

Mit neuem Personal ausgestattet und beträchtlich erweitert wurde der ehemalige »Zentralvorstand«, dessen Kompetenzen allerdings erheblich beschnitten wurden, da er nunmehr lediglich Vorstand der deutschen Anthroposophischen Gesellschaft und nicht mehr Vorstand der gesamten Gesellschaft war. Wieder mit von der Partie war Carl Unger, dem sich Emil Leinhas, Eugen Kolisko, Friedrich Rittelmeyer, Jürgen von Grone (der beiden Vorständen angehörte), die Leiterin des Philosophisch-Anthroposophischen Verlags, Johanna Mücke (1864-1949), der ärztliche Leiter des klinisch-therapeutischen Instituts Stuttgart, Otto Palmer (1867-1945), der Leiter des Verlags »Der Kommende Tag«, Wolfgang Wachsmuth (1891-1953) und der Musiker Louis Werbeck (1879-1928) aus Hamburg hinzugesellten. Wenig später wurde noch Walter Johannes Stein hinzugebeten.

Aus beiden Vorständen wurde außerdem ein »Zentralkomitee« gebildet, das die Arbeit der beiden Gesellschaften koordinieren sollte.

Im weiteren Verlauf des Jahres entstanden in England, Holland, Österreich, Norwegen, der Tschechoslowakei und Frankreich autonome Landesgesellschaften, die sich jeweils nach eigenem Gutdünken konstituierten und zu den beiden bereits bestehenden Landesgesellschaften Schwedens (seit 1913) und der Schweiz (seit 1922) hinzugesellten.

Steiner reiste das Jahr über unermüdlich an die unterschiedlichsten Orte und versuchte, mit einer Fülle von Vorträgen das nötige Bewusstsein für die Aufgaben der Gesellschaft und die Dringlichkeit ihrer Erneuerung zu schaffen.

Da sich aber alle Bemühungen als fruchtlos erwiesen und sich die Mitgliedschaft mehr oder weniger im Kreis drehte, überlegte er, ob er sich nicht vollständig von der Gesellschaft zurückziehen sollte. Die Alternative bestand darin, den Vorsitz einer internationalen Gesellschaft, welche die einzelnen Landesgesellschaften in sich zusammenfasste, selbst zu übernehmen und nicht mehr nur als geistiger Lehrer einer Gesellschaft assoziiert zu sein, sondern diese auch administrativ zu leiten, also Macht auszuüben.

Schließlich nahm er die Sache selbst in die Hand und begann im November in Dornach eine Reihe von Gesprächen mit den von ihm ins Auge gefassten Kandidaten für den Vorstand der zu bildenden »Internationalen Anthroposophischen Gesellschaft«. Diese waren: Marie Steiner, Albert Steffen, Ita Wegman, Guenther Wachsmuth und Elisabeth Vreede.

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4 Kommentare

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  2. ‘Schließlich hatte er schon in seiner »Philosophie der Freiheit« vom »Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit« durch das Erkennen als der »wahren Kommunion des Menschen« gesprochen.’

    Das stimmt nicht; das war in seinen ‘Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften’, Band II (1887), ‘Goethes Erkenntnis-Art’.

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