1923/24 | Die Weihnachtstagung

Wandtafelzeichnung Rudolf Steiners 21.12.1923

Wandtafelzeichnung Rudolf Steiners, 21.12.1923

Auf einer internationalen Delegiertentagung der Anthroposophischen Gesellschaft, die im Juni 1923 stattfand, wurde beschlossen, in der Weihnachtszeit desselben Jahres eine Versammlung zur Gründung einer Internationalen Anthroposophischen Gesellschaft einzuberufen. Diese Versammlung sollte einen Generalsekretär wählen, der die administrativen Geschäfte der Gesellschaft führte. Allerdings erwies sich eine solche Wahl als überflüssig, da Steiner selbst sich dazu entschloss, die Leitung der Gesellschaft zu übernehmen.

Die »Weihnachtstagung« vom 24. Dezember 1923 bis zum 1. Januar 1924 stellt das vielbeschworene, nahezu mythisch überhöhte Gründungsereignis der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft dar. Und in der Tat, diese Versammlung besaß Dimensionen, die sie heute einzigartig erscheinen lassen. Aus der ganzen Welt strömten Anthroposophen zusammen, um während einer Reihe von Festtagen, die von künstlerischen Darbietungen, esoterischen Zeremonien und einer Vortragsreihe Rudolf Steiners über »Die Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung« (GA 233) umrahmt waren, prosaische Debatten über die Statuten und Prinzipien der neuen Anthroposophischen Gesellschaft und allerlei organisatorische Fragen abzuhalten. So wie Steiner bereits bei der Grundsteinlegung des ersten Goetheanumbaus 1913 eine Ansprache hielt, bei der er sich an die schützenden hierarchischen Mächte wandte – insbesondere an den Zeitalterregenten Michael –, an deren Ende er das »Kosmische Vater Unser« intonierte, so schuf er für diese feierliche Gründungsversammlung mantrische Texte, die nicht nur wesentliche Inhalte der Geist-Erkenntnis meditativ verdichteten, sondern durch ihre tägliche Rezitation auch das Bewusstsein der Anwesenden an die Engelwelt anschlossen, deren Segen sie für dieses Vorhaben erbaten. Diese Mantren machen vielleicht noch deutlicher, als all die Ansprachen, die Steiner während der Versammlung hielt, wie sehr er die Konstitution der Anthroposophischen Gesellschaft als Ausdruck eines inspirierten spirituellen Geschehens sah, dessen Quellen in der lebendigen Gegenwart des Christus zu suchen waren. Hieß es doch im vierten Teil dieses mantrischen Textes nach der Anrufung der Trinität:

»In der Zeiten Wende
Trat das Welten-Geistes-Licht
In den irdischen Wesensstrom;
Nacht-Dunkel
Hatte ausgewaltet;
Taghelles Licht
Erstrahlte in Menschenseelen;
Licht,
Das erwärmet
Die armen Hirtenherzen;
Licht,
Das erleuchtet
Die weisen Königshäupter.

Göttliches Licht,
Christus-Sonne
Erwärme
Unsere Herzen;
Erleuchte
Unsere Häupter;

Dass gut werde,
Was wir
Aus Herzen gründen,
Was wir
Aus Häuptern
Zielvoll führen wollen.«

Ganz neu war die Konstellation nicht: Bereits 1902, bei der Gründung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft war Steiner als Generalsekretär in deren Vorstand gewählt worden. 1913 jedoch, bei der Gründung der ersten Anthroposophischen Gesellschaft, gehörte er nicht dem Vorstand an. 11 Jahre hatte er die Hauptlast auch der administrativen Arbeit der Deutschen Sektion getragen, auf jeden Fall die Verantwortung für die inhaltliche Arbeit dieser Sektion. Danach waren 10 Jahre ohne administrative Verantwortung gefolgt. Es ist wichtig, sich an diese Tatsachen zu erinnern, zumal das Motiv der Unterscheidung zwischen »esoterischer Bewegung« und »exoterischer Gesellschaft« von zentraler Bedeutung für das Verständnis ist, das Steiner von dieser Konstitution der Anthroposophischen Gesellschaft 1923 hatte. Solange die erste Anthroposophische Gesellschaft existierte, wirkte er als Geisteslehrer, der in dieser Gesellschaft keinerlei Amt innehatte. Nun war er also gewillt, das Amt des Generalsekretärs, bzw. des Vorsitzenden des Vorstandes zu übernehmen.

Den damit angedeuteten Sachverhalt drückte Steiner wie folgt aus: »Ich habe es ja oftmals, bevor diese Weihnachtstagung am Goetheanum war, betonen müssen, dass man zu unterscheiden habe zwischen der anthroposophischen Bewegung, die eine spirituelle Strömung in ihrer Spiegelung auf Erden darlebt, und zwischen der Anthroposophischen Gesellschaft, die eben eine Gesellschaft ist, die in einer äußerlichen Weise verwaltet wurde, indem man ihre Funktionäre wählte oder auf eine andere Art bestimmte. Seit Weihnachten muss das Gegenteil gesagt werden. Nicht mehr kann man unterscheiden die anthroposophische Bewegung von der Anthroposophischen Gesellschaft. Sie sind beide eins: denn damit, dass ich selber Vorsitzender der Gesellschaft geworden bin, ist die anthroposophische Bewegung eins geworden mit der Anthroposophischen Gesellschaft.« (12.8.1924, GA 240)

Mit anderen Worten: solange er lediglich im Rahmen der Anthroposophischen Gesellschaft wirkte, ohne ein Amt innezuhaben (1913-1923) floss die spirituelle Strömung, die sich in ihm verkörperte, neben dieser Gesellschaft her bzw. dank seiner durch sie hindurch. Die Konstitution von 1923 sollte Inhalt und Gefäß zur Deckung bringen. Die notwendige Konsequenz daraus war, dass die 1923 gegründete Gesellschaft nicht nur eine exoterische, sondern zugleich eine esoterische Gesellschaft sein musste, oder wie Steiner sich auch ausdrückte, das »Initiationsprinzip« wieder zum »Zivilisationsprinzip« wurde – und zwar durch die neu gegründete Gesellschaft.

Daher wurde 1923 nicht nur eine Gesellschaft gegründet, sondern auch eine Hochschule für Geisteswissenschaft, deren Förderung und Erhalt die zentrale Aufgabe dieser Gesellschaft war. Die freie Hochschule, an der die Geistesforschung betrieben werden sollte, die dieser Gesellschaft ihren Inhalt geben würde, stellte ihren esoterischen Kern dar. Es versteht sich von selbst, dass Steiner auch die Leitung dieser Hochschule übernehmen musste, war ihre Idee und Existenz doch von seiner Forschungspraxis abhängig. Allerdings richtete er eine Reihe von Sektionen dieser Hochschule ein, deren Leitung die von ihm vorgeschlagenen Vorstandsmitglieder übernehmen sollten. Die Hochschule sollte sich nicht nur auf Forschung beschränken, sondern auch eine Stätte der Lehre und Schulung sein. Daher wurde sie in Klassen gegliedert, die den drei höheren Erkenntnisarten Imagination, Inspiration und Intuition entsprachen. Allerdings blieb diese Hochschule ein Torso. Steiner begann zwar nach der Weihnachtstagung mit der Einrichtung der Ersten Klasse, indem er eine Reihe von Mitgliedern aufnahm und Vorträge innerhalb dieser Klasse hielt, die offensichtlich an die erkenntniskultische Arbeit der M.A oder F.M. vor dem Ersten Weltkrieg anknüpften, wenngleich sie inhaltlich weit über diese hinausgingen, – aber ihren weiteren Aufbau verhinderte sein frühzeitiger Tod am 30. März 1925.

Steiner war entschlossen, all den Untugenden, die er an den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft beobachtet hatte, die ihm zu einem wesentlichen Teil für ihre katastrophale Lage verantwortlich schienen, ein Ende zu bereiten. Eine dieser Untugenden war das »Esoterikspielen« – der verbreitete Unernst im Umgang mit spirituellen Erkenntnissen. Dieser Unernst kam nicht nur darin zum Ausdruck, dass manche Mitglieder diese Erkenntnisse zu ihren persönlichen Zwecken missbrauchten, sondern auch darin, dass sie ihnen nicht die nötige Umsicht und Sorgfalt entgegenbrachten.

Um solchen Untugenden einen Riegel vorzuschieben, stellte er die Forschungsergebnisse, die über die vergangenen Jahrzehnte in Vortragsnachschriften gesammelt worden waren, in den Schutz der Hochschule. Bei ihrer Veröffentlichung sollten sie einen Vermerk tragen, der besagte, es handle sich um Veröffentlichungen für Mitglieder der Hochschule und ein kompetentes Urteil werde nur diesen zugebilligt – oder Personen, die über eine entsprechende Ausbildung verfügten. (Steiner hielt diese Maßnahme nicht für ungewöhnlich, er wies darauf hin, dass es auch im allgemeinen wissenschaftlichen Leben üblich sei, nur jenen ein kompetentes Urteil über bestimmte Sachfragen zuzugestehen, die über die nötigen Fachkenntnisse verfügten. Manche Historiker werfen ihm deswegen heute unsinnigerweise vor, er habe sich durch diese Maßnahme gegen Kritik »immunisieren« wollen. In Wahrheit sollte dieser sogenannte Hochschulparagraph lediglich auf die Mindestbedingungen eines wissenschaftlichen Diskurses über Anthroposophie hinweisen.)

Und wer sollten diese Mitglieder der Hochschule sein? Wer die Anthroposophie in der Öffentlichkeit repräsentieren und für sie sprechen wollte, musste Mitglied der Hochschule werden. Und wer Mitglied der Hochschule wurde, musste Ernst mit der Esoterik machen, d.h. er musste sich jener esoterischen Schulung unterziehen, deren Methoden Steiner erstmals in »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?« beschrieben hatte.

Auf diese Weise also versuchte Steiner die verantwortlichen Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft zu esoterischer Disziplin zu erziehen. Diese Anforderungen galten allerdings nicht für Mitglieder der Gesellschaft, die nicht den Anspruch erhoben, diese öffentlich zu repräsentieren. Denn Mitglied konnte jeder werden, der in ihren Zielen etwas Berechtigtes sah, ohne Unterschied der Nation, des Standes, der Religion, der wissenschaftlichen oder künstlerischen Überzeugung. Von solchen Mitgliedern verlangte Steiner nichts weiter als die Anerkennung der Gesellschaftsziele. In einem Beitrag für das »Nachrichtenblatt« der Gesellschaft brachte Steiner im Januar 1924 diesen Sachverhalt wie folgt zum Ausdruck:

»Es wird … im allgemeinen so sein müssen, dass der Mensch die geistige Welt zuerst in der Ideenform kennenlernt. In dieser Art wird die Geisteswissenschaft in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft gepflegt. Es wird aber Persönlichkeiten geben, die teilnehmen wollen an den Darstellungen der geistigen Welt, die von der Ideenform aufsteigen zu Ausdrucksarten, die der geistigen Welt selbst entlehnt sind. Und auch solche werden sich finden, welche die Wege in die geistige Welt kennenlernen wollen, um sie mit der eigenen Seele zu gehen.

Für solche Persönlichkeiten werden die drei Klassen der ›Schule‹ da sein … Die ›Schule‹ wird den Teilnehmer hinaufleiten in die Gebiete der geistigen Welt, die nicht durch die Ideenform geoffenbart werden können. Bei ihnen tritt die Notwendigkeit ein, Ausdrucksmittel für Imaginationen, Inspirationen und Intuitionen zu finden.« (20. Januar 1924, GA 260a)

Wie leicht zu erkennen, sind »Esoterisches« und »Exoterisches« in dieser Konstruktion bis zur Ununterscheidbarkeit ineinander verschränkt. Der Kern der Anthroposophischen Gesellschaft, die Hochschule, besteht aus einer Gemeinschaft esoterischer Praktiker, die sich auf die abenteuerliche Suche nach der Transmutation begeben, auf jene Heldenreise, deren Ausgang ungewiss ist, selbst dann, wenn man die Wegbeschreibungen anderer in Händen hält. Ihre Peripherie besteht aus Mitgliedern, die sich der »geistigen Welt in Ideenform« nähern, sich also an der Quelle esoterischen Wissens laben, indem sie aus ihr trinken. Wer dürstet, dessen Durst soll gestillt werden. Durch ihre Peripherie geht die Gesellschaft unmerklich in die exoterische Welt über, ihre Ränder zu dieser sind unbestimmt und durchlässig.

Näher betrachtet zeigt sich aber, dass diese Unterscheidung nicht aufrecht zu erhalten ist. Denn es sind gerade jene tätigen Mitglieder, also die am tiefsten in der Esoterik Verwurzelten, die am stärksten mit der exoterischen Welt in Berührung kommen, sollen sie doch in dieser wirken und sie mit ihrer Erkenntnis und ihrem Praxiswissen durchdringen. Und auch sie gehen zunächst von einem ideenförmigen Umgang mit den Forschungsgegenständen der Geisteswissenschaft aus, selbst wenn sie nicht dabei stehenbleiben.

Andererseits werden auch Mitglieder, die nicht im engeren Sinn repräsentieren wollen, nicht umhin können, mit der exoterischen Welt ins Gespräch zu treten und in dem Augenblick werden sie ebenfalls als Repräsentanten wahrgenommen, ob sie wollen oder nicht. Letztlich obliegt der gesamten Mitgliedschaft also die Verantwortung, sich mit dem Ernst der Esoterik zu durchdringen und ihr jenen Schutz zukommen zu lassen, der in der rechten Gesinnung, dem rechten Wort und der rechten Tat besteht.

Nicht die Durchdringung eines Gesellschaftskörpers mit spiritueller Erkenntnis ist also das historisch Einmalige dieser Konstitution, Vergleichbares gab es auch schon in Mönchsorden oder anderen esoterischen Bruderschaften, z.B. der Freimaurerei, – sondern die vollständige Durchlässigkeit der Grenzen zwischen Esoterik und Exoterik. Frühere spirituelle Gemeinschaften oder esoterische Gesellschaften nahmen entweder nur auserwählte Einzelne auf, die sich strengen Gelübden der Entsagung, der Armut und Keuschheit unterwarfen oder auferlegten ihren Mitgliedern strikte Geheimhaltung bezüglich des von ihnen gehüteten Wissens. Die früheren Gelübde erscheinen hier in Selbstverpflichtungen metamorphosiert und die Geheimhaltung in den Vertrauens- und Urteilsschutz, den man der esoterischen Erkenntnis angedeihen lässt.

Da jedes Mitglied des von ihm berufenen Vorstandes zugleich eine Sektion der Freien Hochschule leiten sollte, ist es nicht verwunderlich, dass Steiner diesen als »esoterischen Vorstand« bezeichnete, denn die Hochschule sollte eine Stätte esoterischer Forschungspraxis sein.

Im Sommer 1924 präzisierte er in Arnheim und Torquay, was er mit dem Begriff »esoterischer Vorstand« meinte: »Diejenigen, die mir zur Seite stehen als der Vorstand am Goetheanum, sollen angesehen werden als eine Art esoterischer Vorstand. So dass das, was durch diesen Vorstand geschieht, so charakterisiert werden kann, dass es ist: Anthroposophie tun, während früher nur verwaltet werden konnte, was in Anthroposophie gelehrt wurde.« »Ein Vorstand wurde eingesetzt, der als esoterischer Vorstand zu betrachten ist, der für dasjenige, was er tut, nur den geistigen Mächten gegenüber verantwortlich ist, der nicht gewählt, der gebildet worden ist. … Und dieser Vorstand ist dasjenige, was ich einen Initiativvorstand nennen möchte, ein Vorstand, der seine Aufgaben in dem sieht, was er tut. … Das ist das Wesentliche, dass … in die ganze Anthroposophische Gesellschaft nunmehr ein esoterischer Zug hineingekommen ist. Die ganze Bewegung, wie sie nunmehr durch die Gesellschaft fließt, musseinen esoterischen Charakter haben … Dem Vorstand am Goetheanum werden nur die Impulse rein menschlichen Wirkens aus der geistigen Welt heraus maßgebend sein. Nicht Paragraph 1, Paragraph 2 und so weiter, sondern dasjenige, was wirkliches geistiges Leben ist, soll gefördert werden, rückhaltlos, ohne irgend etwas anderes dabei zu beabsichtigen.« (GA 240)

Drei Merkmale hebt Steiner also an der Leitung der Gesellschaft und der Hochschule hervor: die aktive Verwirklichung der Anthroposophie anstelle bloßer Verwaltung, die Verantwortlichkeit gegenüber den geistigen Mächten, deren Offenbarung die Anthroposophie ist und Initiativkraft im Sinne von Verantwortung für das eigene Tun und Handeln aus eigener Verantwortung. Gleichzeitig betont er aber auch, dass dieser esoterische Charakter seit der Weihnachtstagung der gesamten Anthroposophischen Gesellschaft eigentümlich sei. (»Die ganze Bewegung, wie sie nunmehr durch die Gesellschaft fließt, muss einen esoterischen Charakter haben.«) Im weiteren Sinne gilt also das, was Steiner über den Vorstand dieser Gesellschaft sagt, auch für die Gesellschaft als Ganze, zumindest jedoch für jene Mitglieder dieser Gesellschaft, die diese öffentlich repräsentieren. Was weiter oben über die Durchdringung von Esoterik und Exoterik gesagt wurde, gilt also auch hier.

Die Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft und der Hochschule nach Steiners Tod sollte in erheblichem Ausmaß von Konflikten um die Deutung dieser Aussagen geprägt sein. Sie sind deshalb für das Verständnis dieser Geschichte von zentraler Bedeutung. Nach Steiners Tod entstanden endlose Debatten über die Frage: Ist der Vorstand noch esoterisch und was ist unter wirklicher Esoterik zu verstehen? Oder konkreter formuliert: Wer ist der legitime Nachfolger Rudolf Steiners? Marie Steiner (1867-1948) brachte Jahre später eine der vertretenen Positionen zum Ausdruck, als sie über die »Weihnachtstagung« schrieb: »Es ist der mächtigste Versuch eines Menschen-Erziehers gewesen, seine Zeitgenossen über das eigene kleine Selbst hinauszuheben, sie zum bewußten Wollen wachzurufen, Werkzeuge der weisen Weltenlenkung werden zu dürfen. Doch ist diese Weihnachtstagung zugleich mit einer unendlichen Tragik verbunden. Denn man kann nicht anders sagen: Wir waren wohl berufen, aber nicht auserwählt. Wir sind dem Ruf nicht gewachsen gewesen.« (1944, GA 260)

Marie Steiner, 1867-1948

Marie Steiner, 1867-1948

Das Erstaunliche an diesen Sätzen ist, dass sie von einem Mitglied ebenjenes Gremiums stammen, dem Steiner explizit die Aufgabe zugeschrieben hatte, die anthroposophische Esoterik (Geistesforschung) initiativ in der Welt zu verwirklichen. Entgegen Marie Steiner könnte man sagen, dass die Mitglieder des Gründungsvorstands sehr wohl auserwählt waren, aber nicht berufen. Auserwählt worden waren sie von Rudolf Steiner, der in sie die Hoffnung setzte und von ihnen erwartete, dass sie der Aufgabe, die er dem Vorstand gestellt hatte, gerecht würden. Berufen waren sie eher nicht, wie sich an der quälenden Geschichte des Scheiterns ablesen lässt, welche die Annalen der Gesellschaftsgeschichte füllt.

Da die Geschichte der Gesellschaft nach Steiners Tod die Geschichte ihres Vorstands ist, erweist sich eine nähere Betrachtung der historisch-biografischen Konstellation, die Steiner durch seine Wahl der ihm angehörenden Persönlichkeiten geschaffen hatte, als unerlässlich.

Sieht man sich die Zusammensetzung dieses Vorstandes näher an, besticht er zunächst vor allem durch seine bemerkenswerte Modernität – gehörten ihm doch drei vollkommen selbstständige, emanzipierte Frauen an, von denen zwei Akademikerinnen waren.

Marie Steiner wurde die Leitung der Sektion für redende und musizierende Künste anvertraut. Ihre Bedeutung für die Entstehung der gesamten anthroposophischen Bewegung kann nicht genügend hervorgehoben werden. Sie war es, die durch ihre Frage nach einer abendländischen esoterischen Bewegung Steiner nach seiner eigenen Aussage überhaupt erst ermöglicht hatte, eine solche Bewegung ins Leben zu rufen und für sie einzutreten. Bei den Berliner Verhandlungen 1902 hatte er die Bedingung gestellt, sie mit in die Leitung aufzunehmen, sollte er Generalsekretär werden. Sie gehörte nach der Trennung von der Theosophischen Gesellschaft dem Vorstand der ersten Anthroposophischen Gesellschaft an, von dem sie sich allerdings bereits 1916 zurückgezogen hatte. Dieses Motiv des Rückzugs von ihr zugemuteten Aufgaben scheint zu ihrer biografischen Signatur zu gehören, denn es sollte sich nach Steiners Tod wiederholen. Außerdem war sie für die Entwicklung der dramatischen und eurythmischen Kunst hauptverantwortlich, die im Leben der anthroposophischen Bewegung eine zentrale Rolle spielten und ein wesentlicher Anlass zum Bau des Goetheanum waren. Im Gegensatz zu allen anderen Mitgliedern des Vorstandes gehörte sie seit jeher zum aktiven Inventar der Gesellschaftsgeschichte und war aus dieser nicht wegzudenken. Außerdem genoss sie eine herausgehobene Position durch die Tatsache, dass sie seit 1914 Steiners Ehefrau war.

Albert Steffen, 1884-1963

Albert Steffen, 1884-1963

Albert Steffen (1884-1963), auf den die Sektion für Schöne Wissenschaften zugeschnitten wurde, war ein Schweizer Dichter, der zusammen mit Hermann Hesse zu den Autoren des renommierten Fischer Verlags gehörte.

In der Nähe von Bern geboren, hatte er auf Wunsch seines Vaters in Lausanne ein Medizinstudium begonnen, jedoch bald seine dichterische Berufung entdeckt und sich 1905 einem geisteswissenschaftlichen Studiengang, zunächst in Zürich, später in Berlin zugewandt. Hier entdeckte er 1907 Rudolf Steiner und trat 1910 der Theosophischen Gesellschaft bei. In München nahm er an der Aufführung der Mysteriendramen als Zuschauer teil. Hier lernte er auch seine spätere Frau Elisabeth Stückgold kennen, die damals noch mit einem polnischen Maler verheiratet war. Er besaß einen eigenen, authentischen Zugang zu spirituellen Erfahrungen, verstand sich aber nicht als Wissenschaftler, sondern zeitlebens als Künstler. Als solcher hat er ein umfangreiches dramatisches, erzählerisches und lyrisches Werk sowie eine Fülle von Gemälden hinterlassen, die von seinen spirituellen Erfahrungen Zeugnis ablegen.

Gerade seine Romane riefen aber in Marie Steiner Missfallen hervor. Über seinen Roman »Die Bestimmung der Roheit« schrieb sie im Februar 1925 an Steiner: »Abends war ich zu Hause, ließ mich aber verleiten, von der ›Bestimmung der Roheit‹ zu lesen, was mich eigentlich sehr elend machte. Ich habe mich mit Mühe da durchgewunden, und war erstaunt, welch herrlich Schönes Du da [in einer Besprechung, die in der Zeitschrift »Das Goetheanum« erschienen war] herausgeholt hast. Aber das ist das Schönste an dem Buche, der Honig, den Du herausgeschöpft hast. Ich verstand ja, dass jemand, der den Typus der ›Jüngerin‹ so stark herausgestellt hat, für ein Motiv wie das in ›Gyges und sein Ring‹ angeschlagene nichts übrig hat, und sogar die künstlerische Vollendung des Werkes darüber vergisst, – auch könnt‘ ich’s dieser Jüngerin zugute halten, dass ihr Schöpfer außer ihr nur die Gattin und Dirne sieht. Aber beim Lesen dieses Buches wollte ich ihm doch gern eine andere Dreiteilung entgegenhalten: Jungfrau, Mutter, Königin. Ich versuche mir klarzumachen, warum ein Mann wie Steffen die Jungfrau nicht kennt, die doch auch eine Notwendigkeit ist innerhalb des Ganzen und aus sich heraus, – und werde damit nicht fertig. Jedenfalls finde ich sie nicht bei ihm, und sehe auch darin den Grund seiner Abneigung gegen Rhodope, die ja trotz ihres Gemahls doch Jungfrau ist.

Etwas übel war mir seelisch zu Mute von dem Sezieren der Seelenerlebnisse jener Damen, – aber ich wusste wenigstens, aus welchen Tiefen heraus er die Kräfte geschöpft hat, die in der Umwandlung zu seinen Gedichten geworden sind. Solche Preise muss man wohl zahlen.«

Albert Steffen hatte seit 1914 aktiv am Bau des ersten Goetheanum mitgewirkt und war 1920 mit Elisabeth Stückgold und ihrem behinderten Kind nach Dornach übergesiedelt. Sein zunehmender öffentlicher Einsatz für die Anthroposophie und Steiner führte dazu, dass sich das Fischer-Verlagshaus von ihm als Autor trennte. Bereits 1921 hatte er die Redaktion der Zeitschrift »Das Goetheanum« übernommen, die er 42 Jahre – bis zu seinem Tod – innehatte. Zu Lebzeiten Rudolf Steiners bestand eine nicht unwesentliche Tätigkeit Steffens darin, dessen Vorträge zusammenfassend in der Zeitschrift zu referieren und damit der internationalen Mitgliedschaft zugänglich zu machen. Steiner hielt den selbstständigen Umgang Steffens mit seinen Forschungsinhalten für vorbildlich. 1922 war Steffen Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz geworden und gehörte seither zu den engsten Mitarbeitern Steiners in Dornach. Ihm wurde nicht nur die Leitung der genannten Sektion, sondern auch die Position des stellvertretenden Vorsitzenden der Anthroposophischen Gesellschaft übertragen.

Ita Wegman (1876-1943) übernahm die Leitung der medizinischen Sektion am Goetheanum. Sie war in Java geboren worden, das damals zur holländischen Kolonie Niederländisch-Indien (Indonesien) gehörte.

Ita Wegman, 1876-1943

Ita Wegman, 1876-1943

Bereits 1896 hatte sie in Indonesien Kontakte zur Theosophischen Gesellschaft geknüpft, die seit 1882 von Adyar aus operierte und war Mitglied geworden. 1899 kehrte sie mit ihrer Familie nach Holland zurück und absolvierte in Arnhem und Berlin eine Ausbildung in Heilgymnastik und Massage. In der deutschen Hauptstadt gründete sie ein Therapeutikum für physikalische Therapie. Hier traf sie 1902 auch Rudolf Steiner und wurde seine persönliche Schülerin. 1906 begann sie auf den weitsichtigen Rat Steiners hin in Zürich Medizin zu studieren und schloss dieses Studium 1911 als Fachärztin für Frauenheilkunde ab. Sie gehörte damit zu den wenigen Frauen in Europa, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts an einer Universität Medizin studierten. Nach einigen Jahren als Assistenzärztin eröffnete sie hier eine eigene Praxis. Bereits 1917 stellte sie aufgrund von Anregungen Steiners aus Misteln ein Arzneimittel gegen Krebs her. Aus diesem entwickelte sich später das Präparat Iscador.

1921 gründete sie im Anschluss an die medizinischen Kurse Steiners in Arlesheim nahe Dornach ein Klinisch-Therapeutisches Institut, außerdem rief sie 1922 das Heim Sonnenhof für seelenpflegebedürftige Kinder ins Leben und war im selben Jahr maßgeblich an der Gründung der Weleda beteiligt. Im Lauf des Jahres 1923 begann sie zusammen mit Rudolf Steiner an einem Grundlagentext zur anthroposophisch erweiterten Medizin zu arbeiten, der 1925 unter dem Titel »Grundlegendes zur Erweiterung der Heilkunst …« erscheinen sollte. Eine nicht zu unterschätzende Bedeutung kommt ihrer Frage nach einer Erneuerung des antiken Mysterienwesens und seiner Heilkunst zu, die der Frage Marie Steiners nach der Möglichkeit einer abendländisch-christlichen Esoterik vergleichbar ist. Aus dieser Fragestellung entwickelte sich eine intensive Arbeits- und Freundschaftsbeziehung zu Rudolf Steiner, die sich auch in ihrem Briefwechsel widerspiegelt. Ein zentrale Motivreihe der Vorträge und Wirksamkeit Rudolf Steiners nach der »Weihnachtstagung«, die um das Mysterium von Ephesus, um Aristoteles und Alexander den Großen kreist, ist aus dieser Arbeitsbeziehung entstanden. In Steiners Krankheitszeit fungierte Ita Wegman als dessen Leibärztin und pflegte ihn bis zu seinem Tod.

Die »Weihnachtstagung« und der neue esoterische Zug, der in die Gesellschaft mit ihr Einzug halten sollte, konnten nicht verhindern, dass sich um diese Arbeits- und Freundschaftsbeziehung im anthroposophischen Biotop auf dem Dornacher Hügel vielerlei Gerüchte rankten und dass sie das Verhältnis zwischen Marie Steiner und Ita Wegman nach Steiners Tod erheblich belastete. Wegman war in der Überzeugung von ihrer besonderen Aufgabe innerhalb der anthroposophischen Bewegung und ihrer einzigartigen Beziehung zu Steiner nicht zuletzt durch ihn selbst bestärkt worden, – die Zeugnisse dafür waren zu dieser Zeit allerdings nur ihr selbst und dem engsten Kreis ihrer Vertrauten bekannt. Erst die Veröffentlichung ihres Briefwechsels und vieler Dokumente zu ihrem Leben durch Johan Zeylmans van Emmichoven zu Beginn der 1990er Jahre änderte dies. (»Wer war Ita Wegman?« Eine Dokumentation, Bd I, 1876 bis 1925; Bd II, 1925-1943; Bd. III, Kämpfe und Konflikte 1924 bis 1943).

Die dritte emanzipierte Frau im von Steiner berufenen Vorstand war eine weitere Holländerin: die Astronomin und Mathematikerin Elisabeth Vreede (1879-1943), der die Leitung der mathematisch-astronomischen Sektion übertragen wurde.

Elisabeth Vreede, 1879-1943

Elisabeth Vreede, 1879-1943

Sie stammte aus Den Haag, war die Tochter eines Juristen, studierte in Leiden Mathematik, Astronomie, Philosophie und Sanskrit, um anschließend an einer höheren Schule Mathematik zu unterrichten und Privatunterricht zu erteilen. Da ihre Eltern Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft waren, kam sie schon frühzeitig mit dieser in Berührung und wurde im Jahr 1900 Mitglied. Bemerkenswerterweise hegte sie sowohl der Theosophischen Gesellschaft als auch Rudolf Steiner gegenüber, den sie auf dem Theosophischen Kongress in London 1905 erstmals erlebte, eine gewisse Skepsis. Erst die Lektüre der Aufsatzreihe über den Schulungsweg (»Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?«) brachte ihr inneres Feuer zum Lodern und Steiners Vortragsreihen in den Jahren 1908 und 1909 über »Welt, Erde und Mensch …« (GA 105) und »Geistige Hierarchien und ihre Widerspiegelung in der physischen Welt« (GA 110) eröffneten ihrem astronomischen Interesse Perspektiven, die weit über die Schulastronomie hinauswiesen. 1914 zog auch sie, wie viele andere, nach Dornach, um am Bau des Goetheanum mitzuarbeiten. Während des Krieges war sie in der Fürsorge für Kriegsgefangene in Berlin tätig und begann 1919 aus eigenen Mitteln die Bibliothek und das Archiv am Goetheanum aufzubauen, das unter anderem die Vortragsnachschriften Steiners sammelte. Seit 1920 lebte sie in Arlesheim, ging ihren astronomischen und mathematischen Forschungen nach und erteilte Kurse in diesen Fachgebieten. Zeitweise war sie auch Sekretärin Rudolf Steiners. Vreede war eine unspektakuläre, unprätentiöse Persönlichkeit, deren Verhalten von Zurückhaltung und Opferwillen geprägt war, die aber den ihr übertragenen Aufgaben mit eisernem Willen und wissenschaftlicher Methodik nachging.

Guenther Wachsmuth schließlich (1893-1963) wurde die Leitung der naturwissenschaftlichen Sektion übertragen.

Guenther Wachsmuth, 1893-1963

Guenther Wachsmuth, 1893-1963

Diese Wahl mag vielleicht überraschen, hatte Wachsmuth doch Jura und Nationalökonomie studiert, also in keinem naturwissenschaftlichen Gebiet akademische Weihen erworben. Wachsmuth hatte seine Kindheit und Jugend in Dresden verbracht, wurde mit 15 in ein reformpädagogisches Landerziehungsheim in die Schweiz geschickt, anschließend in ein ähnliches Institut in Saalfeld. Sein Rechtstudium absolvierte er in Oxford und München. Während des I. Weltkriegs wurde er in Russland als Kriegsfreiwilliger eingesetzt und erlitt eine Verletzung am linken Arm, von der er zeitlebens eine Behinderung zurückbehielt. 1919 schloss er in Würzburg sein Studium mit einer Promotion ab.

Entscheidend für seine Wahl dürfte gewesen sein, dass Steiner ihn als einen zuverlässigen Mitarbeiter kannte, der ihn seit 1921 an Stelle des erkrankten Roman Boos als Sekretär auf seinen Reisen begleitete. Seither gehörte er zum Personal in Dornach, war jedoch, ähnlich wie Elisabeth Vreede, bisher nicht durch besondere Leistungen hervorgetreten. Allerdings zeugte eine 1924 erschienene Buchveröffentlichung über »Die ätherischen Bildekräfte in Kosmos, Erde und Mensch« von einem naturwissenschaftlichen Forschungspotential, dessen Besonderheit darin bestand, dass er die Befunde der Geisteswissenschaft mit den aktuellen naturwissenschaftlichen Theorien in Einklang zu bringen versuchte. Das Thema der Ätherforschung hat Wachsmuth auch später weiter verfolgt, wovon einige seiner Buchveröffentlichungen zeugen, zum Beispiel »Erde und Mensch. Ihre Bildekräfte, Rhythmen und Lebensprozesse. Grundlinien einer Meteorobiologie der Naturreiche (1945), »Die Entwicklung der Erde. Kosmogonie und Erdgeschichte, ein organisches Werden (1950) oder »Werdegang der Menschheit. Kosmische Evolution – Erdenverkörperung – Völkerwanderung – Geistesgeschichte« (1953). Außerdem verfasste Wachsmuth eine umfangreiche Biografie Steiners, die erstmals 1941 und 1951 unter dem veränderten Titel »Rudolf Steiners Erdenleben und Wirken« erschien.

Kennengelernt hatte Wachsmuth Steiner durch seinen Bruder Wolfgang, der 1923 in den Vorstand der deutschen Landesgesellschaft berufen wurde und den Verlag »Der Kommende Tag« leitete, der zu den Unternehmen gehörte, die in der Dreigliederungszeit gegründet worden waren. Aufgrund seiner nationalökonomischen Kenntnisse und seines Organisationstalents übte Wachsmuth auch das Amt des Sekretärs und Schatzmeisters der Anthroposophischen Gesellschaft aus. Dieser Tätigkeit sollte er bis 1962, also kurz vor seinem Tod nachgehen. Damit gehörte Wachsmuth – neben Albert Steffen – zu jenen Mitgliedern des ursprünglichen Vorstandes, die ihr Amt am längsten ausübten. Steffen gab das seinige erst 1963 durch seinen Tod ab. (Merkwürdigerweise starben die beiden letzten verbliebenen Gründungsmitglieder im selben Jahr – 1963).

Eine weitere Sektion wurde einer Persönlichkeit übertragen, die von Steiner nicht in den Vorstand berufen wurde, aber ebenfalls zu seinen engen Mitarbeitern gehörte.

Edith Maryon, 1872-1924

Edith Maryon, 1872-1924

Es handelte sich um die englische Bildhauerin Edith Maryon (1872-1924), die am Bau des ersten Goetheanum mitgewirkt hatte und seit 1915 zusammen mit Rudolf Steiner an der überlebensgroßen Holzplastik des »Menschheitsrepräsentanten« arbeitete (einer monumentalen Christusstatue, die diesen zwischen den Widersachermächten Luzifer und Ahriman zeigt). Sie erhielt die Leitung einer Sektion für bildende Künste, wurde von ihrer Aufgabe aber bereits 1924 durch ihren vorzeitigen Tod abberufen.

Eine Sektion für das »Geistesstreben der Jugend« wurde erst nach der Weihnachtstagung eingerichtet, zu deren Leiterin die weiter oben erwähnte Exponentin der anthroposophischen »Jugendbewegung«, Maria Röschl ernannt wurde. Durch die Gründung dieser Sektion versuchte Steiner jenen Konflikt zu lösen, der 1923 zur Gründung einer Parallelgesellschaft geführt hatte, in der sich all jene versammelten, die mit der bestehenden Gesellschaft aus was für Gründen auch immer nicht zu Recht kamen.

Damit ist die Reihe der Fachsektionen der Hochschule und ihrer Leiter, die – mit Ausnahme der beiden letzteren – alle Vorstandmitglieder waren, abgeschlossen. Nicht unerwähnt bleiben darf, dass Steiner auch eine »allgemein-anthroposophische Sektion« ins Leben rief, deren Leitung er selbst übernahm. Wie leicht zu erkennen, lag der Gründung dieser Sektionen, die in etwa den Fakultäten einer herkömmlichen Universität entsprachen, keinerlei Systematik zugrunde. Die Künste erhielten mit Sprache, Eurythmie und Musik sowie Bildhauerei einen bedeutenden Anteil, Steffens Sektion ließe sich am ehesten den Literaturwissenschaften zuordnen, die Naturwissenschaften waren in Form der Astronomie vertreten und erhielten gleichzeitig eine allgemein-naturwissenschaftliche Sektion, die Sektion für das Geistsstreben der Jugend stellt einen Sonderfall dar, allen übergeordnet war schließlich die allgemein-anthroposophische Sektion unter Rudolf Steiner. Andererseits erinnert die Gliederung der Hochschule entfernt an das mittelalterliche Institut der »artes liberales«, die aus dem Trivium Grammatik, Rhetorik und Dialektik und dem Quadrivium Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie bestanden. So wie im Mittelalter die »freien Künste« das Propädeutikum bildeten, das auf das Studium der Theologie vorbereitete, so mündete auch die Arbeit der Hochschule in der Geisteswissenschaft, deren Ort die allgemein-anthroposophische Sektion sein sollte. Da die drei Klassen der Hochschule in der allgemein-anthroposophischen Sektion angesiedelt waren, mussten Mitglieder einer Fachsektion, die nach esoterischer Vertiefung strebten, zugleich in die allgemein-anthroposophische Sektion eintreten. Letztlich dürfte die Systematik der Sektionen allerdings biografischer, historischer Natur gewesen sein, denn sie ergab sich aus den Fähigkeiten und Tätigkeiten der Persönlichkeiten, die von Steiner in den Vorstand berufen wurden.

Steiner regelte während der Weihnachtstagung auch die Beziehungen zwischen dem Vorstand am Goetheanum und den autonomen Landesgesellschaften. Deren »Generalsekretäre« (Vorsitzende) und übrigen Vorstandmitglieder sollten zusammen mit den Dornacher Funktionsträgern einen erweiterten Vorstand bilden. Die Autonomie der Landesgesellschaften wurde ausdrücklich bekräftigt und dem Dornacher Vorstand kein Recht eingeräumt, in die Arbeit dieser Gesellschaften hineinzuregieren, – ein erstaunliches Maß an Freiheit, das auch ein Ergebnis der leidvollen Erfahrungen Steiners mit Annie Besant und der Theosophischen Gesellschaft sein mochte. Die Statuten der Landesgesellschaften sollten jenen der Allgemeinen Gesellschaft allerdings nicht widersprechen und alle Vorstände sollten eine einvernehmliche Arbeit anstreben, ohne über ein Instrument der Konfliktlösung oder eine hierarchische Struktur zu verfügen, die im Falle eines Konfliktes zugunsten einer Position hätte ins Feld geführt werden können.

Die Mitglieder der Gesellschaft sollten durch die örtlichen Arbeitsgruppen (Zweige) in die jeweilige Landesgesellschaft aufgenommen werden, und mussten durch den Vorstand am Goetheanum bestätigt werden. Dadurch sollte sichergestellt werden, dass der Vorstand am Goetheanum Kenntnis von der Mitgliederentwicklung erhielt und diese gegebenenfalls beeinflussen konnte. Steiner wies darauf hin, dass er selbst jeden Mitgliedausweis persönlich unterzeichnete. Jährlich sollten Generalversammlungen der Gesellschaft stattfinden, die dem Austausch und der Begegnung der Mitglieder, der Rechenschaftslegung des Vorstandes und der Entscheidungsfindung dienten, soweit es um Fragen des Lebens innerhalb der anthroposophischen Gesellschaft, nicht aber der Hochschule ging, deren Träger zwar die Gesellschaft war (ihr Hauptziel bestand in der Förderung der Freien Hochschule), deren Leitung aber autonom, von den administrativen Belangen der Gesellschaft unabhängig sein sollte. Darauf bezog sich ein Satz der bei der »Weihnachtstagung« verabschiedeten Prinzipien der Gesellschaft: »Die Einrichtung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft obliegt zunächst Rudolf Steiner, der seine Mitarbeiter und seinen eventuellen Nachfolger zu ernennen hat.« Steiner hat nie einen Nachfolger ernannt. Schon unmittelbar nach seinem Tod sollte deshalb ein Jahrzehnte andauernder Nachfolgestreit entbrennen.

Um den Austausch zwischen der Leitung der Gesellschaft und ihren Landesgesellschaften in beiden Richtungen zu gewährleisten, schuf Steiner eine Beilage der Wochenschrift »Das Goetheanum«, die unter dem Titel »Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht« ab Januar 1924 erschien. In diesem Mitteilungsblatt veröffentlichte er, um mit gutem Beispiel voranzugehen, in Fortsetzungen einen ausführlichen Bericht über die Weihnachtstagung sowie Darstellungen zum Aufbau der neuen Gesellschaft und ihrer Hochschule. Außerdem begann Steiner die sogenannten »Anthroposophischen Leitsätze« zu veröffentlichen, die dazu beitragen sollten, ein »einheitliches Bewusstsein« in der Gesellschaft zu schaffen, indem sie Zusammenfassungen seiner Vorträge am Goetheanum lieferten. Gleichzeitig wies er in seinen einführenden Bemerkungen darauf hin, dass er sich erhoffte, ähnliche Berichte über die Arbeit der Landesgesellschaften im Mitteilungsblatt veröffentlichen zu können. Im ersten dieser »Leitsätze« findet sich der berühmte Satz, der eine der wenigen Definitionen der Anthroposophie enthält, die Steiner jemals niedergeschrieben hat: »Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte.« (17. Februar 1924, GA 26)

Im Februar 1924 begann Steiner außerdem ein Arbeitsvorhaben aufzugreifen, das bis in seine theosophischen Anfänge zurückreichte. Damals hatte der eben erkorene Generalsekretär Vorträge unter dem Titel »Praktische Karmaübungen« angekündigt. Nun, als er dieses Vorhaben 1924 wieder aufgriff, schilderte er lebhaft, wie 1902 gewisse ältere Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft förmlich zu »beben« begonnen hätten, als sie diese Ankündigung lasen. Daher »konnte in der Form, wie es damals beabsichtigt war, das Thema ›Praktische Karma-Übungen« überhaupt nicht zur Geltung kommen. Die Verhältnisse machten es dazumal notwendig, dass eigentlich in einer viel exoterischeren Weise gesprochen wurde, als es damals beabsichtigt war. Aber es muss einmal mit dem wirklichen Esoterischen begonnen werden, nachdem mehr als zwei Jahrzehnte vorbereitender Arbeit geschehen ist.« (16. April 1924, GA 240)

Der neue Ernst, der seit der »Weihnachtstagung« in die Anthroposophische Gesellschaft eingezogen sei und die Bereitschaft, mit der esoterischen Praxis endlich zu beginnen, machten nun diese Karmabetrachtungen möglich und zugleich erforderlich.

Ähnlich äußerte sich Steiner am 24. August 1924 in London: »Die Persönlichkeiten, die dazumal mit bei der Begründung waren, bekamen einen furchtbaren Schock, als sie diesen Titel [Praktische Karmaübungen] vernahmen, und ich könnte heute noch mit voller Anschaulichkeit die astralischen Wellen des Bebens und Zitterns schildern, welche namentlich die alten Herren an sich zeigten, die dazumal, herausgewachsen aus der theosophischen Bewegung, hörten, ich wollte sprechen über praktisches Karma … Und es fanden  … fortwährend Privatsitzungen … statt, in denen man mir begreiflich machte, das könne so nicht gehen. Und ich verspürte nicht nur den astralischen und Ich-Eindruck von den Bebe- und Zitterwellen, sondern ich verspürte auch den fröstelnden Eindruck der astralischen Gänsehaut, welche die alten Herren bekamen.

Und da war es denn ganz unmöglich, bei dem Programm zu bleiben, weil es aussichtslos gewesen wäre. Und so kam eben die theosophische Bewegung in Deutschland in ein mehr theoretisches Fahrwasser, wie sie ja überhaupt in der Theosophical Society es hat, und das eigentlich Esoterische musste warten.«  (GA 240).

Abgesehen von zwei Vortragsreihen (»Die Offenbarungen des Karma«, Hamburg 1910, GA 120 und »Wiederverkörperung und Karma«, Berlin und Stuttgart 1912, GA 135), hatte Steiner dieses Thema nicht mehr in der von ihm beabsichtigten konkreten Form behandelt.

Nun aber begann er im Februar 1924 in einer Reihe von über achtzig Vorträgen sich ausführlich mit dem Karma geschichtlicher Einzelpersönlichkeiten, von Völkern und Zeitepochen, ja sogar dem Karma der Menschheit und der Hierarchienwelt – insbesondere jedoch mit dem Karma jener Menschen zu beschäftigen, die der Anthroposophischen Gesellschaft angehörten.

In diesen Vorträgen entfaltete Steiner eine grandiose und zugleich abgründige Geschichtserzählung, die sich an den Schicksalen von Einzelpersönlichkeiten und von miteinander verbundenen Menschengruppen entlangbewegt und diese durch die Jahrtausende begleitet, deren Schicksale sie zum Teil erheblich mitgestaltet haben. In diesen Vorträgen schilderte er komplexe okkulte Genealogien, die sich wie umfassende Versuche einer gesellschaftlichen Identitätsstiftung aus der Akasha-Chronik lesen. All diese Erzählungen mündeten aber in der Gegenwart und in den Menschen, die das Publikum Steiners bildeten. Es war ihre eigene Geschichte, die Geschichte dieser Zuhörer, die er vor ihnen entrollte, eine Geschichte, die bis in mythische Zeiten, bis zu Gilgamesch und Eabani, bis zu Aristoteles und Alexander zurückreichte und die Geschehnisse in der Welt der Engel und Erzengel als kosmische Hintergrundmusik miteinbezog. Denn die Schicksale der Menschen auf der Erde waren von den Schicksalen der Götter nicht zu trennen und die Anthroposophie, in der all dies zur Erkenntnis oder Offenbarung wurde, war der Ozean, in den die diversen Ströme von Planetenintelligenz, Menschenschuld, Widersacherwirken und erlösender Liebe am Ende mündeten.

Hier, in der Anthroposophischen Gesellschaft, in den Zuhörern, die vor ihm versammelt waren, sollte die große Aufarbeitung der Geschichte beginnen, hier sollte der dichte Vorhang, den die Götterwelt vor den Himmel gezogen hatte, um die Menschheit ihrem eigenen Vernunftwirken und freien Handeln zu überlassen, aufgerollt werden. Hier sollte die Aufarbeitung des Karma beginnen, das die Mitglieder dieser Gesellschaft, die den unterschiedlichsten geistigen Strömungen angehörten, zusammengeführt hatte, um einer die ganze Menschheit umfassenden neuen Inspiration, einem neuen Zeitalter des Geistes zum Durchbruch zu verhelfen.

Vor allem aber stellte er den Mitgliedern dieser Gesellschaft, die nun endlich Ernst mit der Esoterik und der spirituellen Erkenntnispraxis machen sollten, die Aufgabe, nach einem Ausgleich der karmischen Schuld zu suchen, die sie im Lauf ihrer Inkarnationen gegeneinander aufgehäuft hatten und die unterschiedlichen spirituellen Weltgegenden, aus denen sie stammten, in einer universalen Geisteswissenschaft zusammenzuführen und zu versöhnen.

Ein erhebender, mitreißender, kaum zu fassender Strom geistiger Offenbarungen ergoss sich seit der Weihnachtstagung in die Mitgliedschaft, deren Quelle Rudolf Steiner war, der mit jedem Vortrag, den er hielt, ein Stück mehr zu einer übermenschlichen Größe heranwuchs, einer Gestalt, die durchlässig wurde für die Engel und Erzengel, die hinter ihm standen, während er mit ausdrucksvollen Gesten von ihren Taten und Leiden erzählte. Es mag vielleicht manchen Lesern als Zumutung erscheinen, aber die Impression drängt sich auf, dass Steiner seit der Weihnachtstagung wie ein Erzengel daherschritt, um mit tönender Stimme die Menschheit zur Umkehr zu bewegen, der Tatsache eingedenk, dass ihm nur wenig Zeit blieb.

Allein das Arbeitspensum, das er im Jahr 1924 bewältigte, mutet übermenschlich an und der Historiker frägt sich unwillkürlich: Wann hat dieser Mann eigentlich geschlafen? Steiner organisierte nicht nur die eben gegründete Hochschule, verfasste zahlreiche Artikel oder schrieb an seiner Autobiografie, sondern führte auch eine endlose Reihe von Vortragsveranstaltungen für Pädagogen, Priester, Ärzte und Künstler durch, hielt Morgenvorträge für die Arbeiter am Goetheanumbau (wohlgemerkt Maurer, Schreiner, Tischler usw.), an dessen Modell er bereits wieder arbeitete.

Während der Pfingstzeit weilte er in Koberwitz, um hier eine Reihe von Vorträgen für Landwirte zu halten, deren wirkliche Bedeutung erst Ende des 20. Jahrhunderts fassbar wurde, als die Menschheit zu realisieren begann, dass sie an einem durch die Agrarindustrie mitverschuldeten ökologischen Abgrund steht. In diesen Vorträgen, die aus geistrealistischer Sicht die Verantwortung des Menschen für die Erde, für die Pflanzen- und Tierwelt schildern und skizzieren, was wir für die Gesundung, nicht für die Vernichtung dieser Erde und ihrer Geschöpfe tun können, schuf Steiner die Grundlage für die ökologische, nachhaltige, solidarische Landwirtschaft der Zukunft, die heute von der weltweit verbreiteten, biologisch-dynamischen Bewegung verwirklicht wird.

Im Sommer dieses Jahres hielt Steiner eine Vortragsreihe für Heilerzieher, an der auch die Gründer des »Hauses Lauenstein« in Jena, Franz Löffler (1895-1956), Siegfried Pickert (1898-2002) und Albrecht Strohschein (1899-1962) teilnahmen. Durch diese Reihe wurde der Grund für eine weitere Bewegung gelegt, die heute mit Tausenden von heilpädagogischen Einrichtungen und Lebensgemeinschaften auf der ganzen Welt verbreitet ist.

Als hätte das lodernde Feuer eines Erzengels den Leib des Menschen aufgezehrt, nahmen die Anzeichen zunehmender Erschöpfung in Steiners Zügen zu und schließlich brach er im September 1924 zusammen. Sein in der Schreinerei des Goetheanum errichtetes Krankenlager sollte er bis zu seinem Tod am 30. März 1925 nicht mehr verlassen, aber auch jetzt hörte er mit seiner rastlosen Tätigkeit nicht auf, sondern verlegte sich auf die schriftliche Mitteilung.

Etwas mehr als einen Monat vor seinem Tod, am 8. Februar 1925, kam es zu einer folgenschweren, in der späteren Geschichte höchst umstrittenen Änderung der Konstitution der Anthroposophischen Gesellschaft. Aus Anlass eines Eintrags ins Handelsregister wurde dem geistigen Rechtssubjekt Anthroposophische Gesellschaft der für den Wiederaufbau des Goetheanum zuständige »Verein des Goetheanum« substituiert, der sich seine eigenen Statuten gab und fortan als Rechtssubjekt der Gesellschaft fungierte. Dem Verein wurden der Philosophisch-Anthroposophische Verlag, die Administration des Goetheanumbaus und das Klinisch-Therapeutische Institut Arlesheim eingegliedert (das 1931 wieder ausgegliedert wurde). Manche späteren Kritiker dieses Vorgangs deuteten ihn als einen Verrat an den Intentionen Rudolf Steiners. Doch dazu später.

Steiner starb am 30. März 1925, nur von wenigen Menschen umgeben, in der Schreinerei. Er hinterließ ein gewaltiges, wenn auch fragmentarisches Werk, ein Werk, dessen Tiefen vermutlich erst in Jahrhunderten voll ausgeschöpft sein werden. Und er hinterließ eine ratlose Gesellschaft, eine Gesellschaft, die bis heute den Verlust ihres Gründers nicht wirklich bewältigt hat. Er hinterließ einen grandiosen Entwurf, den Entwurf einer freien Hochschule für Geisteswissenschaft, der ersten und einzigen Mysterienstätte des 20. Jahrhunderts, die aus der abendländischen Esoterik und ihrer genuinen Erkenntnis hervorgegangen war, an der diese Esoterik als Wissenschaft gepflegt und permanent weiterentwickelt werden sollte. Er verstarb, ohne einen Nachfolger zu benennen, und sein letztes Wort war ein beredtes Schweigen.

Vorheriger Beitrag: 1923 | Ringen um Erneuerung

Fortsetzung folgt

3 Kommentare

  1. Pingback:1923 | Ringen um Erneuerung | Anthroblog

  2. Pingback:1925 | Rudolf Steiners Tod und seine Folgen | Anthroblog

  3. I am grateful to read about the history of this movement told in broad, sober strokes, with warmth for the real sufferings of these men and women. The feeling connects with the sacrifices made for their ideals, and for their community. No thrill of gossip , nor chilly superiority mars your telling: it reads as an encouraging fairy tale. As a possibility. I come away with the sense that each of these members would say „I would do it again.“
    Or, even, with the understanding of death, „I Will do it again.“

Kommentare sind geschlossen