1925 | Rudolf Steiners Tod und seine Folgen

Totenmaske Rudolf Steiners, 1925

Totenmaske Rudolf Steiners, 1925

Aktualisiert am 04.11.2014 (neue Darstellung zum »Urnenstreit«).

Aus der zeitlichen Distanz von bald hundert Jahren lässt sich das Ausmaß der Katastrophe, die der Tod Rudolf Steiners für die Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung darstellte, nur schwer nachvollziehen. Wer den Verlust eines geliebten Menschen und die sich dadurch eröffnenden Abgründe erlebt hat, kann sich schon eher vorstellen, wie sich die Zurückgebliebenen gefühlt haben müssen. Aber Steiner war nicht nur ein von vielen geliebter Mensch, er war auch eine Offenbarungsquelle, ein Träger der Tröstung, ein leuchtendes Vorbild, ein spiritueller Ratgeber, ein Heros und Heiland. Am poetischsten brachte diese Seelenstimmung wohl der 1914 verstorbene Dichter Christian Morgenstern zum Ausdruck, der auf Rudolf Steiner folgende lyrische Hommage verfasste:

»So wie ein Mensch, am trüben Tag, der Sonne vergisst, –
sie aber strahlt und leuchtet unaufhörlich,–
so mag man Dein an trübem Tag vergessen,
um wiederum und immer wiederum
erschüttert, ja geblendet zu empfinden,
wie unerschöpflich fort und fort und fort
Dein Sonnengeist
uns dunklen Wandrern strahlt.«

Wie alle Charismatiker hatte Rudolf Steiner alle möglichen Projektionen auf sich gezogen, sowohl der Freundschaft als auch der Feindschaft – für manche seiner konfessionellen Gegner war er eine Verkörperung Luzifers, wenn nicht gar Satans, für manche Konservativen ein jüdischer Umstürzler und Schwarzmagier. Menschen, die ihre gesamten seelischen Energien der Liebe oder des Hasses auf einen anderen projizieren, stürzt der plötzliche Wegfall des Gegenstandes ihrer Projektionen in tiefe Verzweiflung bzw. einen Taumel der Euphorie. Die von Elisabeth Kübler-Ross erstmals beschriebenen Phasen der Auseinandersetzung mit traumatischen Erfahrungen lassen sich auch bei den Angehörigen der Anthroposophischen Gesellschaft im Umgang mit Steiners Tod wiederfinden: die Leugnung, der Zorn, das Verhandeln, die Depression und schließlich die Akzeptanz.

Marie Steiner verkörperte die Depression. Die weiter oben erwähnte biografische Signatur des Rückzugs trat bereits einen Monat nach Steiners Tod zutage, als sie ihren Entschluss zum Ausdruck brachte, ihr Vorstandsamt niederzulegen. Vorausgegangen war diesem Entschluss eine bittere Erfahrung am Tag der Einäscherung Rudolf Steiners. Nach der Kremation entzündete sich ein überaus vielsagender, realsymbolischer Streit über Steiners Asche [!] zwischen ihr und Ita Wegman.

Die Vorgänge werden hier geschildert, wie sie sich aus Albert Steffens Tagebuchaufzeichnungen ergeben. (»Hinweise und Studien«, Heft 18/19, 2004). Dem Streit vorangegangen war ein Gespräch zwischen Günther Wachsmuth und Albert Steffen, der nach der Kremationsfeier am 3. April von Basel nach Hause zurückgekehrt war, um über die erlebten Vorgänge zu meditieren. Mitten in diese Besinnung platzte Wachsmuth. »Er sagt«, schreibt Steffen in sein Tagebuch, »dass ich um ½ 4 mitkommen sollte, die Urne zu holen. Und dass es notwendig wäre, diese im Atelier aufzustellen. Sie müsse der Gesellschaft und dem Vorstand als solchem angehören, und nicht nur Frau Dr. St[einer], welche sie wahrscheinlich zu sich nehmen wolle. Ich als Vorsitzender müsse Entscheidungen treffen.

Ich bin darüber aufs äußerste erschreckt. Mir ahnt, dass hier ein furchtbarer Konflikt ausbrechen kann.

Ich äußere mich folgendermaßen. Ich will nichts damit zu tun haben. Ich gebe mich dem Geiste des Verstorbenen hin und will dadurch die Menschheit fördern, dass ich große Werke mit seiner Geisthilfe schaffe. Das kann ich, solange ich nichts mit Vorstandssachen zu tun habe. Darum lasst mich Euch dienen (so wie ich euch allen die Hand küsste) aber stellt mich nicht in solche Konflikte hinein zwischen zwei Menschen, die ich liebe, so dass ich zwischen zwei Parteien bin und zerrissen werde. Vor allem beschließt nichts, ohne dass alle Vorstandsmitglieder dabei sind. (Sonst entsteht der Eindruck eines Komplottes.)

Ob die Urne dem Vorstand oder Frau Dr. Steiner gehört, weiß ich nicht. Sie hat ein Anrecht auf das Menschliche. Sie ist am längsten mit ihm verbunden. Sie hat den Keim zur Gesellschaft gelegt. Ohne sie wäre das Werk nicht soweit gediehen.

Man weiß nicht, wie Dr. Steiner selbst darüber denkt. Und ich muss Ruhe haben, bis etwas in mir spricht, was das Richtige ist. Ich flehe, dass man wartet.

Meiner Ansicht nach, sage ich, wird Frau Dr. Steiner die Urne übergeben. Sie soll ihr Eigentum sein und uns überlassen werden, solange wir im Sinne Dr. Steiners wirken.

Dr. Wachsmuth sagt: Die Zeit drängt. Es kommt auf die nächsten Stunden an. An diesem Nachmittag muss eine Entscheidung getroffen werden.

Es ist das Wichtigste, das jetzt verspielt werden kann. (Er sagt ein Beispiel aus dem Landwirtschaftlichen Kurs.)

Ich jammere auf: Alles ist verloren, dass man überhaupt darüber reden muss. Aus diesem Zwiespalt kann nichts Gutes entstehen.

Ich führe das Beispiel von Thomas von Aquino an. Auch um seinen Leib haben sich Mönche und Verwandte gestritten.

Wachsmuth sagt: Die beiden Frauen nehmen an, was ich sage.

Darnach sprechen wir noch darüber, dass die Frauen in solchen Fällen unheilvoll wirken.

Ich verspreche zu kommen. (Letztes Wort: Ich bin nicht imstande, etwas zu sagen, bevor mein Inneres selber spricht.)«

Nach einem Gespräch mit seiner Frau Elisabeth begibt sich Steffen ins Atelier, in dem er Ita Wegman trifft:

»Hier sagt Frau Dr. Wegman spüre man seinen Geist. Hier müsse die Urne sein. Hier solle jeder von uns meditieren dürfen. Hier sollen wir Entschlüsse fassen.«

Steffen antwortet: »Ja, hier ist der Geist Dr. Steiners.« Und kommentiert in seinen Aufzeichnungen: »(Denn hier hat er seine Gedanken ausgearbeitet. Hier hat er das letzte Kapitel der Lebensbiographie geschrieben. Es handelt von Frl. von Sivers.)« Steffen fährt fort: »›Hier wollen wir beraten. Aber nicht im Auto. Kommen wir hinauf, und alles wird sich geben.‹« (Man hat in mir den Eindruck erweckt, als wollte Frau Dr. Steiner die Urne nicht hierher bringen lassen.)

Wie ich es sage, ist man froh; aber was von mir rein empfunden wird, ist bei den andern von dem Hintergedanken begleitet. Die Urne, wenn sie einmal hier ist, nicht mehr geben.

Es war ein Misstrauen gegen Frau Dr. Steiner da, dies muss gesagt werden.«

Am späteren Nachmittag fahren alle fünf Vorstandsmitglieder gemeinsam zum Krematorium, um die Urne abzuholen. Marie Steiner muss den Empfang durch ihre Unterschrift bestätigen, worüber Steffen froh ist, »weil sie so rechtlich Eigentümerin ist.« Weiter schreibt Steffen: »Keiner sagt ein Wort, weder auf dem Hin- noch dem Herweg. Kurz vor der Villa Hansi frage ich, ob Frau Dr. Steiner mit einer Beratung einverstanden sei. Sie: es wäre ihr zu schmerzlich. Ich: dann solle sie bestimmen, wann. Sie schlägt morgen vor. Ich kann nicht. Also doch jetzt.

Sollen wir in das Atelier fahren? Dies ist der Anlass zu dem Schrecklichen, das nun geschieht. Vergeblich sage ich, dass ich die Urne in die Villa Hansi trage.

Sie gibt ihrem furchtbaren Seelenschmerze freien Lauf und sagt, es wäre unmenschlich ihr die Urne jetzt zu nehmen und nicht einige Tage zu überlassen. Sie hätte ein menschliches Anrecht durch die 23 Jahre und Dr. Steiner würde sie verachten, wenn sie sie so leichthin preisgäbe. Daraufhin fährt ihr Frau Dr. Wegman kurz und grob ins Wort, es gäbe noch andere Menschenrechte. (Sie meint eben die der Gesellschaft, der Menschheit usw.). Höhere als die der Mitarbeiterin, sie empfindet, wie sie dieses sagt, sicher Hass, weil sie Frau Dr. Steiner eng und egoistisch findet, oder, wie sie später sagt, philiströs (Ehegattin).

Diese Antwort fährt Frau Dr. Steiner in die Glieder, so dass sie einen schrecklichen Choc bekommt.

Wir halten mitten auf der Straße still. Und spontan (vor dem Hause Saladins) der Chauffeur steigt aus. Leute schauen neugierig zu den Fenstern hinein. Ich sage: Lasst sie uns hineintragen. Aber niemand unterstützt mich. Endlich bitte ich doch weiterzufahren.« [Die Fahrt geht zum Atelier weiter, nicht zur Villa Hansi].

»Oben als wir aussteigen, bittet Frau Dr. Steiner mich, die Urne zu tragen: Sie sind der einzige, der ihrer würdig ist, sagt sie leise zu mir. Und wir schreiten durch die Reihen der Mitglieder, die erschüttert dastehen. Wenn sie wüssten, was eben vorgefallen ist (am Tage der Bestattung der zugleich Christi Todestag war!)

Ich drücke die Urne an mein Herz. Im Atelier stelle ich sie vor die 7 Leuchter (die vor dem Christusbild stehen).

Wir setzen uns in die Stühle. Frau Dr. Steiner zwischen Frau Dr. Wegman und mir. Neben mir Vreede. Dann Dr. Wachsmuth.

Ich beginne folgendermaßen: Es muss eine Harmonie sein, wenn diese nur so sein kann, dass Frau Dr. Steiner die Urne übernimmt, so soll sie es tun. Es wäre freilich herrlich, wenn wir harmonisch in ihrem Dasein hier beraten könnten.

Frau Dr. Steiner sagt, sie hätte nie daran gedacht, dass sie die Urne für sich behalten wollte. Nur einige Tage und was sie so furchtbar verletze, sei, dass man sie gar nicht gefragt habe.

(Ich habe es in Gedanken getan.)

Und nun sagt sie, wie furchtbar das Niveau gewesen sei. Ist man sich denn bewusst geworden, was geschehen ist – an diesem Tage – welche Taktlosigkeit.

Frl. Vreede sucht Frau Wegman zu verteidigen und zwar so, dass sie Frau Dr. Steiner mit logischen Gründen kommt. So wirkt sie kalt und abstoßend, herzlos.

Frau Dr. Steiner fragt mich, ob ich es nicht vehement gefunden hätte. Ich sagte: Vehement war es schon. Aber ich kenne doch Frau Dr. Wegman und ihre Verehrung zu ihr. Aber welche Formen nimmt sie an. Wie vergisst sie ihre eigene Würde. Wie roh ist es. […] Darauf Frau Dr. Wegman: Das ist beleidigend. Wieder findet Frau Dr. Steiner dieses Auffahren vernichtend.

Sie sagt, ich hätte die Situation gerettet.

Bis jetzt hat Wachsmuth geschwiegen. Nun fängt er leise und zart zu reden an, dass man alles Geschehene vergessen und nun neu beginnen solle. Man sei hier in der Geistessphäre Dr. Steiners. Dieser werde doch auf uns schauen. (Wenn er auch jetzt noch nicht da sei, weil er sich in den nächsten Tagen in den Kosmos einlebe etc.)

Kurz, er gibt Lehren, die Frau Dr. Steiner viel besser weiß. Aber er ist doch zart, und sie sagt fast neugierig: fahren Sie fort. Will man sie wirklich wie einen unreifen Menschen, wie ein Kind behandeln?

Wachsmuth fährt fort: Wir wollen uns das Wort geben, dass wir nie aus dem Atelier mit einem unwürdigen, bösen, hässlichen Gedanken gehen. Dann wird der Geist, von dem nur Herrliches ausging, nichts Schädliches durch uns zulassen. Er gibt für sich das Versprechen.

Und Vreede stimmt nüchtern bei. Zu Frau Dr. Steiner, nehmen Sie sich ein Beispiel an der Selbstüberwindung Dr. Wachsmuths.

Ich sage: Man soll in Zukunft nur vollzählig hier versammelt sein.«

Nach einiger Zeit »schlägt Dr. Wachsmuth vor, dass man ihr [Marie Steiner] die Urne für einige Tage überlässt.

Sie sagt heftig: Um keinen Preis. Jetzt nicht mehr. Eine Gnade nehme ich nicht von euch, ich entsage, wie ich schon oft entsagt habe. Ich bin es gewohnt geworden. Ich ziehe mich zurück, ich will mit meinem Wort weiter wirken. Sonst nichts. Ich werde zu allem Ja sagen.

Wir sind erschrocken.

Ich erzähle noch von Thomas von Aquino und dem Streit um die Leiche.

Dann komme ich auf das Menschliche zu sprechen. In der Tat hat der Geist, der hier wirkt, eine gewisse Harmonie unter uns gebracht.

Wir beschließen jeden Tag um ½ 4 zusammenzukommen.

Nun verlässt Frau Dr. Steiner den Raum. Ich eile ihr nach und sehe sie bei Frl. Waller entschwinden.«

Am selben Abend kommt es, wie Steffens Tagebuch zu entnehmen ist, noch zu einem Gespräch zwischen ihm und Marie Steiner. Geradezu urbildlich zeichnet dieses Gespräch die Umrisse der späteren Konfliktlinien (kursiv gesetzt). Als Steffen zum Abendessen geht, begegnet er Frl. Waller: »Sie bittet mich, Frau Dr. Steiner zu besuchen.

Ich gehe um 9 Uhr hin. Sie spricht sich noch einmal mit Tränen aus, indem sie zu beweisen sucht, dass Dr. Steiner ihr alles gesagt habe, was er auf dem Herzen trug. Er hatte ihr zuletzt noch geklagt, dass er sich so eingeschnürt gefunden habe (und ich glaube es, dass er es empfunden hat), dass sie doch der ihm am nächsten stehende Geist ist. Sie sagt, sie sei bereit, nach Deutschland zu gehen.

Auch erzählt sie, dass man schon sage: Frau Dr. Steiner oder Steffen.

Ich erwidere, dass auch mir dies zu Gehör gekommen, dass ich aber erwidert hätte, der Vorstand fühle sich harmonisch und könne sich nicht vorstellen, dass jemand hervorrage. Ich selber wisse, dass Dr. Steiner mich deshalb zum 2. Vorsitzenden wählte, damit ich meinen Arbeiten leben könnte. Er habe mich ja nie in Gesellschaftsangelegenheiten eingeweiht. Ich habe kein Bild von dem was geschehe, und ich schulde es überdies meiner Kunst, dass ich ganz mich von solchen Dingen zurückziehe.

Müsste ich das erleben, dass eine Partei für mich, eine gegen mich sei, so wäre es mit meinem Schaffen zu Ende.

Ich kann nur für Dr. Steiner wirken, wenn ich völlig frei bin von solchen Konflikten. Auch Frau Dr. Steiner sagt, sie werde sich nicht vordrängen. Ja sie denke daran, nach Deutschland zu gehen.

Ich erwidere, das könne sie nicht im Ernste sagen, denn der Bau hätte doch nur Sinn, wenn die Eurythmie da sei. Haben wir denn sonst jemand, der etwa in dem Bau wirken kann? Einen Redner, der neue Gedanken hätte?

Sie: Es sind ja zunächst nicht neue nötig, da ja das Wort Rudolf Steiners dasteht. Und gerade so, wie Sie es verkünden, ist es schön.

Ich denke: Aber Rudolf Steiner hat selbst vom alten Goetheanum gesagt: Der Bau will Neues hören. Ich finde den Bau nur dann in dieser Größe und Gewalt berechtigt, wenn eine Schar von Genies sich darin auswirkt: die wahren Geistes-Söhne Rudolf Steiners. Er soll als Vater unter ihnen wirken.«

Hier schließen sich einige Überlegungen Steffens an, die in gewisser Weise die weitere Geschichte geradezu prophetisch präformieren: »Ich will mich in die Verwirklichung der großen Werke begeben, über die ich mit Dr. Steiner selbst noch sprechen durfte und von denen ich ihm das erste (Hieram und Salomo) noch überreichen durfte. Vertraut man diesem Zeugnis, das ich von meinem Können ablege, so ist es gut. Wenn nicht, so suche ich eine andere Stätte.

Mich hat hier nichts zurückgehalten als Rudolf Steiner, der größte Geist, den ich kannte.

Er spricht zu mir, dass ich nichts anderes tun soll, als ein großer Dichter sein. Seine Taten bestehen in Zukunft darin, dass er Menschen bildet.

Ich bin von nun an ein Baustein, den er zum Menschheitstempel bereitet. Er baut an mir als Dichter.

Sein Werk ist da und wirkt, und es ist nicht so wichtig, ob es eine Gesellschaft gibt oder nicht. Frau Dr. Steiner hat ihr Werk, die Eurythmie. Frau Dr. Wegman ihres: Die Klinik. Auch sie werden von Rudolf Steiner Impulse empfangen, wenn sie sich – trennen.«

Die Frage, wem Rudolf Steiner gehöre, die von den Beteiligten im Verlauf dieses Streits ausgesprochen wurde, sollte in verwandelter Form auch später Inhalt zahlreicher Konflikte sein.

In Wahrheit ging es natürlich nicht um die Asche, sondern um den Besitz des echten Ringes. Dass aber der Streit um den echten Ring über der Asche ausbrach, ist außerordentlich sprechend. Denn statt sich auf das flüssige Weisheitsgold zu besinnen, das in der Seele eines jeden auf die eine oder andere Art glänzte, zankte man in der Anthroposophischen Gesellschaft um die kalzifizierten Überreste Rudolf Steiners, bis hin zum sogenannten Bücherstreit. Und noch etwas ist symptomatisch: Albert Steffen, der stellvertretende Vorsitzende, eingekeilt zwischen Ita Wegman und Marie Steiner, zwei Amazonen, die von verschiedenen Seiten an ihm zerren, unfähig, das rettende Wort zu finden, die erwartete Entscheidung zu fällen, aus Furcht vor den Konsequenzen, einen Herzanfall erleidend.

Marie Steiner jedenfalls zog aus diesem Streit die Konsequenz, ihr Amt niederzulegen. Im April schlug sie intern vor, es an Maria Röschl, die Leiterin der Jugendsektion zu übergeben und ein weiteres Revirement im Vorstand vorzunehmen. An den Arzt Eugen Kolisko schrieb sie am 4. April: »Ich habe klar erkannt, dass unser Vorstand, so wie er jetzt ist, verwaist ist in seiner Kindheitsstufe, ein Nichts ist. Vor allem ist mir um Albert Steffen bang, der unser Aller Rettung wäre, wenn ihm zur Seite stünde ein Mann, der die Lasten des ersten Vorsitzenden auf sich nähme, der ein Redner wäre, weltmännisch, gewandt, tatkräftig, erfahren durch die Erziehungsschule Dr. Steiners durchgegangen wäre, Korrektheit und Takt besäße. Dieser Mann sind einzig Sie … Ich war heute morgen nicht in der Lage aufzustehen und konnte deshalb nicht zur Vorstandsitzung gehen. Ich schrieb aber Herrn Steffen im obigen Sinne und bat ihn, den Anderen diese meine Überzeugung mitzuteilen … Für mich gibt es keine Möglichkeit, im Vorstand zu bleiben … Ich kann am besten dienen, wenn ich zur Seite trete. Und ich habe ja die Sektion der redenden Künste … Und wenn Sie und Röschl zusagen, wird vielleicht das Werk gerettet, und Steffen auch.«

Marie Steiners Vorschlag stieß bei den übrigen Vorstandsmitgliedern auf wenig Gegenliebe. Lili Kolisko berichtet von einer durch Marie Steiners Brief ausgelösten Unterredung, die am 5. oder 6. April zwischen Steffen, Marie Steiner und Eugen Kolisko in Dornach stattfand, in der Marie Steiner sich darüber beklagt habe, sie werde »zwischen den zwei stößigen Holländerinnen erdrückt«. (Wie man sieht, konnte auch Marie Steiner emotional werden). Steffen und Kolisko hätten sie bei dieser Unterredung beschworen, bloß nicht zurückzutreten. Und so kam es, dass am 3. Mai 1925 im »Nachrichtenblatt« die lakonische Mitteilung erschien: »Die Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft wird in dem gleichen Sinne weitergeführt, wie Rudolf Steiner es in der Weihnachtstagung angegeben hat … [der von ihm eingesetzte Vorstand betrachtet es] als seine Pflicht, in seinen Funktionen zu bleiben und im Geiste Rudolf Steiners, den er fortdauernd als Führer in seiner Mitte weiß, weiter zu arbeiten.« Aber diese Absichtserklärung konnte die grundlegenden Divergenzen, die zwischen den Vorstandsmitgliedern aufgebrochen waren, nicht beseitigen und schon Ende Mai veröffentlichte die inzwischen 58jährige Marie Steiner im selben »Nachrichtenblatt« eine »persönliche Mitteilung«, in der es hieß: »23 Jahre nie unterbrochener Anspannung sind ein langer Dienst, und viele Kräfte sind damit verausgabt. Es ist nicht meine Absicht, mich jetzt unmittelbar aktiv an der Leitung der Gesellschaft zu beteiligen. Dazu sind jüngere Kräfte da … Täte ich es, so müsste ich vernachlässigen, was ich als meine unmittelbare Aufgabe betrachte: die Arbeit innerhalb meiner Sektion und die ungeheure Aufgabe an dem schriftlichen Nachlass Dr. Steiners.« Und beschwörend fügte sie, das oben zitierte Bild Christian Morgensterns abwandelnd, hinzu: »Lassen Sie mich die Hoffnung aussprechen, dass – nachdem gewisse Schwierigkeiten, die bei einem so ungeheuren Übergang unausbleiblich sind, überwunden sind – die mächtige Lebenskraft des Werkes Dr. Steiners alle unsere Unzulänglichkeiten und Schwächen nicht anders erscheinen lassen wird, als wie Flecken in der Sonne. Sie strahlt deswegen nicht weniger hell und weckt nicht weniger Leben.« Dies war nicht das letzte Mal, dass Marie Steiner ihr Amt niederlegen wollte, das sie am Ende doch bis kurz vor ihrem Tod 1948 ausübte.

Marie Steiner, die Rudolf Steiner am längsten und intimsten gekannt hatte, scheute am meisten vor den mit seinem Tod entstandenen Aufgaben zurück. Aus ihrer Sicht hatte die anthroposophische Bewegung, die eine »spirituelle Strömung in ihrer Spiegelung auf Erden darlebte«, mit dem Ableben jenes Lehrers, in dem sich diese Strömung verkörpert hatte, die Erde wieder verlassen. Sie schien sich nicht selbst als Trägerin dieser spirituellen Strömung zu betrachten – oder wenn doch, dann empfand sie nur das unendliche persönliche Unvermögen, ihr gerecht zu werden. Wenn die anthroposophische Bewegung und die gleichnamige Gesellschaft dadurch eins geworden waren, dass Steiner bei der Weihnachtstagung den Vorsitz dieser Gesellschaft übernommen hatte, dann war diese Einheit mit seinem Tod wieder zerbrochen. Die Neukonstitution an Weihnachten 1923/24 hatte nicht zu einer dauerhaften Vermählung der geistigen Mächte mit ihrem irdischen Gefäß geführt oder diese hatten ihr Gefäß nicht so durchdrungen, dass es auch nach dem Tod ihres Stifters noch das Gepräge der erfolgten Vereinigung getragen hätte. Wäre dies der Fall gewesen, dann hätte dies an den Persönlichkeiten, die nunmehr die Verantwortung trugen, ablesbar sein müssen. Aber all diese Persönlichkeiten – sie selbst eingeschlossen – waren in Marie Steiners Augen fehlbare Menschen mit begrenzten Fähigkeiten, die auch nicht im entferntesten an Steiners Größe heranreichten, geschweige denn, dass sie dessen Forschungs- und Offenbarungswerk hätten fortführen können. Aufgrund ihrer großen Nähe vom Glanz des Geisteslehrers geblendet, dessen Gestalt in ihren Augen in unerreichliche Höhen hinaufragte, vermochte sie im Dämmerlicht, das von ihren Vorstandskollegen ausging, nichts als ephemere Schattengestalten zu sehen. Die geborene Platonikerin, die jahrzehntelang den intimen Umgang mit der wärmenden Weisheitssonne genossen hatte, konnte sich nach ihrem Erlöschen nicht mehr zu ihr aufschwingen und entschloss sich, ihre Augen fortan auf die Welt der Schatten zu richten. Daher die Entscheidung, sich der Verwaltung des Nachlasses, den materiellen Überbleibseln, zuzuwenden, in deren stenografischen Hieroglyphen die Weisheitsoffenbarung kodifiziert war und durch unendlich mühevolle Kleinarbeit entschlüsselt werden konnte. Wie ein mittelalterlicher Kabbalist machte sich Marie Steiner, deren Element der lebendige Umgang mit künstlerischer Sprache war, an die Entschlüsselung von mehrdeutigen Texten, der letzten kryptischen Spuren, die der entschwundene Genius im Staub der Erde hinterlassen hatte.

Anders die 49jährige Ita Wegman. Sie repräsentiert, wenn man so will, die Leugnung. Sie war von der Gewissheit durchdrungen von Rudolf Steiner auserlesen und mit einem besonderen Auftrag beschenkt worden zu sein. Was sich in der intimen Vertrautheit ihrer Freundschaftsbeziehung zu Steiner abgespielt hatte, und wovon alle anderen Vorstandsmitglieder keine Ahnung hatten, daraus leitete sie ihr Recht ab, aus esoterischer Vollmacht heraus dessen Werk fortzusetzen. Es genügt, einen flüchtigen Blick in die Dokumentation ihres Zusammenwirkens zu werfen, die Zeylmans van Emmichoven veröffentlicht hat, um die weit in die Geschichte ausgreifenden Dimensionen zu realisieren, die sich in dieser Begegnung konstellierten.

Rudolf Steiner schrieb am 11. Juni 1924 aus Koberwitz an Ita Wegman: »Meine liebste Mysa-Ita, habe allerherzlichsten Dank für Deinen zweiten lieben Brief vom Pfingstsonntag. Ich finde darin meine liebe Mysa, wie ich wollen muss, dass sie zu mir spricht, um in der physischen Welt den Ton zu finden, der nachklingen muss dem ›Schüler Michaels‹, der an meiner Seite gehen muss für ›Zeit und Ewigkeit‹ in den Gebieten der geistigen Welt. Es ist so in unserem Karma, dass ich an Dir einen ersten, unerschütterlichen Freund finden muss, wenn die Schülerschaft den ganz rechten Weg gehen soll. So will es unser Karma … Du schiedest einstmals von mir zu einem umfassenden Tatenleben. Wir hatten vorher in der weittragendsten Art große Impulse vor dem Bewusstsein aufgerollt. Du gingest an eine Verwirklichung in Deiner Art. An eine Verwirklichung, die gar nicht anders stattfinden konnte als so, dass Du manchem Menschen Unrecht tatest … Als Du damals von mir gingst, war viel von mir genommen. Die Jugend, die in Dir an meiner Seite stand, ward von mir genommen. Ich war in keiner Inkarnation so alt als damals. ›Mit ihm ist mein Herz über den Pontus gegangen‹. Das war meine Stimmung [Rudolf Steiner spielt hier auf die Beziehung zwischen Aristoteles und Alexander dem Großen an]. … Du schreibst ›Wirst Du mich jetzt immer lieben bleiben?‹ Meine liebe Mysa: Diese Liebe ruht auf dem unerschütterlichsten Fels. Sie ruht ja auf dem, was Deine Wesenheit mir offenbart. Und das ist viel, sehr viel … Ich konnte doch zu keinem Menschen so stehen wie zu Dir. Du lernst mich auch ganz anders noch kennen, als andere Menschen mich gekannt haben, oder kennen. Dass da manchmal sich in unser Zusammensein etwas gemischt hat, was Du vielleicht nicht haben wolltest, das hängt doch damit zusammen, dass ich nur im vollen Eins-Sein mit Dir leben möchte. Du bist mir doch so nahe; so nahe in allem. Da tut oft schon der Schein des Fernen wehe. Doch Du machst ja auch wieder alles gut … Du musst Dich auch in mich hineindenken: der nun mit Dir wandeln will, der in Dir gefunden hat, was er eben nur in Dir finden konnte … Du wandelst an meiner Seite, wenn ich vortrage. … [Zur Zeit des Münchner Kongresses 1907, als Ita Wegman im Auditorium saß, da war noch]

… die Scheidelinie zwischen Asien und Europa im karmischen Abbild zwischen uns. Jetzt ist das alles nicht mehr. Und ich darf nun auch zu den Menschen anders sprechen als früher. Die geistigen Mächte, deren Ausdruck die Anthroposophie ist, sehen wohlwollend, liebend, wie ich mich stütze nunmehr auf die Liebe, die ich hege zu Deiner von mir so hochgeschätzten Seele. Und die ist mir die stärkste Stütze …« (Zeylmans van Emmichoven, Band I, 1990, S. 206 f).

Man mag von diesen Ausführungen Steiners halten, was man will, man mag darin – vermutlich zu Unrecht – esoterische Verbrämungen einer profanen Regung sehen; man muss auf jeden Fall in Betracht ziehen, dass solche Anschauungen zur intrinsischen Motivation der unmittelbar am Geschehen Beteiligten gehörten und in den verschiedenen Schichten ihrer Seelen entsprechende Wirkungen hervorriefen. In Notizen, die Ita Wegman über ihre Zusammenarbeit mit Rudolf Steiner im April 1925 verfasste, findet sich unter anderem der Satz: »Einige Monate nach dem Brand [des Goetheanum] wurden mir geoffenbart die karmischen Zusammenhänge die zwischen Dr und mir lagen – Karma war natürlich immer zwischen uns Karmawirkung verhindert durch Frl. v. Sivers und Miss Maryon …« (Ebd. S. 318)

Ita Wegman jedenfalls war überzeugt, im Sinne ihres geliebten Lehrers zu handeln, als sie wenige Wochen nach seinem Tod damit begann, dessen »Leitsätze« für die anthroposophische Arbeit im »Goetheanum« fortzuschreiben. Sie tat dies, weil sie glaubte, dieser Lehrer wirke in ihr und durch sie hindurch fort und was sie vollbringe, sei Ausdruck der ihr auferlegten Verpflichtung. Aus ihrer Sicht war Steiner nicht tot; er war lebendig, er lebte in ihrer Seele und durch ihn wirkte die Inspiration, die in die anthroposophische Bewegung hineingeflossen war und die auch sie von ihm empfangen hatte. Deswegen glaubte sie sich auch berechtigt, die Arbeit der ersten Klasse der Hochschule fortzuführen, hatte sie doch schon zu Steiners Lebzeiten solche Klassenstunden abgehalten.

Diese Überzeugung brachte sie am 26. April 1925 in ihrem Beitrag »In Erinnerung an die Weihnachtstagung« im »Nachrichtenblatt« zum Ausdruck: »Uns, die er als Vorstand gewählt hatte, war es klar, dass wir unsern durch ihn bestimmten Posten nicht verlassen durften; uns war es klar, dass es heilige Pflicht ist, wollen wir ernst nehmen dasjenige, was der Meister aus der geistigen Welt uns übermittelt hatte, um ihn gruppiert zu bleiben, damit er, obgleich nicht mehr physisch unter uns, doch unter uns und in uns wirken kann. Diese Stimmung waltete in uns. Und so betrachteten wir Rudolf Steiner als ersten Vorsitzenden inmitten unseres Vorstandes und alle Vorstandmitglieder in den Funktionen, in welche Rudolf Steiner sie eingesetzt hat.«

Während eines Aufenthaltes in Paris vom 23.-27. Mai 1925 hielt Wegman eine erste Klassenstunde ab. Darüber berichtete sie im Juni dieses Jahres im »Nachrichtenblatt«: »Am Montagabend war eine esoterische Stunde der I. Klasse der Hochschule für Geisteswissenschaften, die ich zu halten hatte. Es ist über die Weiterführung dieser Klassenstunden das Folgende zu sagen: Als unser Meister Rudolf Steiner uns auf dem physischen Plan verließ, war eine der wichtigsten Fragen, die den Vorstand beschäftigten, die Fortführung der Esoterik, die nach der Weihnachtstagung wieder so stark auf den Vordergrund des anthroposophischen Wirkens gestellt worden war. Es war uns klar, dass es vorläufig darum zu tun war, die Esoterik die gegeben war, zu hüten und durch Wiederholung die Kräfte, die in dieser Esoterik liegen, lebendig in den Mitgliedern zur Wirkung zu bringen.

Als Dr. Steiner die I. Klasse der freien Hochschule für Geisteswissenschaft begründete, setzte er mich als seine Mitarbeiterin ein … Deshalb fühlte ich mich nach dem Tode unseres Lehrers nicht gelöst von diesen Verpflichtungen, im Gegenteil, ich empfand diese mehr denn je, da ich die Einrichtungen, die Dr. Steiner getroffen hat, als Realitäten der geistigen Welt anzusehen habe. Und so fiel mir die Aufgabe zu, die Wiederholung der von Dr. Steiner gegebenen esoterischen Stunden der freien Hochschule für Geisteswissenschaft aufzunehmen. Und dazu konnte zu meiner Befriedigung in Paris der erste Schritt getan werden.« (Nr. 24, 14. Juni 1925)

Aber dieses »esoterische« Handeln aus eigener Vollmacht – die ihr nach ihrem Verständnis Steiner verliehen hatte – war für die anderen Vorstandsmitglieder, insbesondere für Marie Steiner, ein Stein des Anstoßes. Sie dürfte der Vorstellung, Steiner werde, »obgleich nicht mehr physisch unter uns, doch unter uns und in uns wirken«, auch kaum zugestimmt haben, nach dem, was sie am Tag der Kremation mit der Verfasserin dieser Zeilen erlebt hatte.

Es ist leicht nachvollziehbar, was Marie Steiner, deren Lebenselement die künstlerisch gestaltete deutsche Sprache war, aufgrund der eben beschriebenen Seelenlage empfinden mochte, als sie die stammelnden, teilweise konfusen Sätze las, welche die des Deutschen nur halbwegs mächtige Ita Wegman niederschrieb. Der ungelenke, epigonenhafte, ausschweifende Stil ihrer »Leitsätze« ist auch für einen heutigen Leser kaum zu ertragen. Selbst Zeylmans schreibt über diese Texte, sie seien in einer »impulsiven, sehr eigenen Willenssprache« geschrieben und es wehe etwas wie ein »Gedankensturmwind« durch sie. Und so konnte nicht ausbleiben, dass sich gegen die Verfasserin ein Sturm der Entrüstung erhob, der nicht nur an der unvollkommenen Form und dem repetitiven Inhalt Anstoß nahm, sondern auch an ihrer vermeintlichen Anmaßung, an die Stelle Rudolf Steiners zu treten oder Anspruch auf seine Nachfolge zu erheben. Aber Ita Wegman wollte keinen Anspruch auf seine Nachfolge erheben, sie wollte nur als treue Schülerin »Michaels« und ihres Lehrers sein Werk fortsetzen, zum Wohl der Menschheit. Da, wie sie selbst schrieb, eine Gruppe von Menschen über ihren Versuch anfing »zu schimpfen, unflätig zu schimpfen, Persönlichkeiten beschimpfend, dabei ganz und gar vergessend die hehre Persönlichkeit Dr. Steiners, der wohl wusste, was er tat, als er die Mitglieder des Vorstandes in ihre verschiedenen Funktionen einsetzte, ihn dadurch angreifend, weil sie zweifelten an seiner Einsicht«, erklärte sie Ende Juli: »Nicht ein an die Stelle Rudolf Steiners treten wollen, nicht ein pietätsloses Nachahmen von demjenigen, was als Großes geschaffen war, war damit [mit den von ihr verfassten »Leitsätzen«] gemeint, sondern es war ein Ergreifen dessen, was notwendig war in der schweren Zeit …«

Wie verhielten sich die übrigen Vorstandsmitglieder angesichts dieses schier unausweichlichen Konflikts, der vielleicht abzuwenden gewesen wäre, wenn die Beteiligten ihre jeweiligen Idiosynkrasien überwunden und miteinander frühzeitig ausführlich gesprochen hätten?

Elisabeth Vreede, die 1925 46 Jahre alt war, neigte Ita Wegman zu, während der erst 32jährige »Schriftführer« Guenther Wachsmuth sich mit Stellungnahmen zurückhielt.

Der 41jährige Albert Steffen saß als stellvertretender Vorsitzender zwischen allen Stühlen. Seine fortdauernd schwankende Haltung drückt die Phase der Trauma-Verarbeitung aus, die Kübler-Ross als »Verhandeln« bezeichnet, die versucht, durch kleine Opfer das größte abzuwenden. Wie eine Urgewalt waren die Aversionen der beiden Frauen über den Dichter hereingebrochen, von dem Steiner bei der Weihnachtstagung gesagt hatte, er sei schon »vor seiner Geburt Anthroposoph« gewesen. Steffen war ein zutiefst apolitischer Mensch und jegliche Vereinsarbeit war ihm von Grund auf zuwider. Der Tod Steiners hatte ihn in eine Rolle hineingedrängt, die er sich vermutlich nie hätte träumen lassen und die er auch nicht auszufüllen gedachte. Zwar verfügte er über einen originären Zugang zu spirituellen Erfahrungen, aber die Wirksamkeit durch das gesprochene Wort, auf die im politisch-sozialen Kontext alles ankommt, war seine Sache nicht. Wie unglücklich Steffen inmitten der zunehmenden Spannungen agierte, zeigten die Ereignisse Anfang 1926.

Zuspruch erhielt Ita Wegman hingegen von zwei Mitgliedern des Vorstandes der deutschen Landesgesellschaft, dem Arzt Eugen Kolisko und dem Waldorflehrer Walter Johannes Stein. Ihre Haltung teilten außerdem der Generalsekretär der holländischen Landesgesellschaft F.W. Zeylmans van Emmichoven (1893-1961), der ebenfalls Arzt war und führende Mitglieder der englischen Anthroposophischen Gesellschaft (D.N. Dunlop, George Kaufmann-Adams). Die beiden Ärzte gehörten der medizinischen Sektion an, die Wegman leitete und waren ihr schon aus diesem Grund verbunden. Insgesamt konstellierte sich in Ita Wegman und ihren Sympathisanten so etwas wie ein sozialreformerischer oder sozialhygienischer Flügel der Anthroposophischen Bewegung, der besonders an der praktischen Anwendung der Esoterik auf das gesellschaftliche Leben interessiert war und mit jenem neuen Stil Ernst machen wollte, der durch die »Weihnachtstagung« in die Anthroposophische Gesellschaft Einzug gehalten hatte.

Im weiteren Verlauf des Jahres 1925 konnten die schwelenden Konflikte einigermaßen im Zaum gehalten werden. Allerdings musste dringend ein neuer Vorsitzender der Gesellschaft ernannt werden. Die Behörden und die nicht-anthroposophische Öffentlichkeit hätten die Ansicht, ein Verstorbener führe den Vorsitz einer irdischen Gesellschaft aus dem Jenseits wohl kaum akzeptiert. Manche Landesgesellschaften befürworteten die Idee, Marie Steiner den Vorsitz anzubieten, ein Angebot, das sie, wie nicht anders zu erwarten, dankend ablehnte. So ging der Kelch am stellvertretenden Vorsitzenden nicht vorüber, der schließlich Ende Dezember von der Mitgliederversammlung gewählt wurde. Allerdings schloss die Übernahme des Vorsitzes der Gesellschaft nicht die Leitung der Hochschule ein, denn alle Beteiligten, auch Albert Steffen, waren sich darin einig, die Frage eines möglichen Nachfolgers nicht anzutasten. Selbst Ita Wegman, die sich am entschiedensten für die »Fortsetzung« der Esoterik ausgesprochen hatte, erhob nicht den Anspruch auf die Leitung der Hochschule. Mit anderen Worten: seit dem Tod Steiners war diese Hochschule für Geisteswissenschaft kopflos, ohne Führung, und die Geistesforschung lag brach.

Vorheriger Beitrag: 1923/24 | Die Weihnachtstagung

Fortsetzung folgt

Ein Kommentar

  1. Pingback:1926-1927 | Alexanderlegende und ein Zirkel von Spiritisten | Anthroblog

Kommentare sind geschlossen