1926-1927 | Alexanderlegende und ein Zirkel von Spiritisten

Die Schlacht am Issus, 333 v.Chr.

Die Schlacht am Issus, 333 v.Chr.

Im Januar 1926 jedoch ließ sich die konfliktträchtige Konstellation nicht länger eindämmen. Missverständnisse und mangelnde Kommunikation zwischen den Vorstandsmitgliedern zeugten die Missgeburt eines ersten Gesellschaftskonflikts, die sich im Lauf der Jahre zum fratzenhaften Monstrum einer tiefgehenden Spaltung auswachsen sollte. Die Kluft tat sich zwischen Ita Wegman und Elisabeth Vreede auf der einen und Marie Steiner und Albert Steffen auf der anderen Seite auf, sie sollte aber die gesamte Gesellschaft auseinanderreißen.

Rudolf Steiner hatte im Jahr 1921 in Holland angeregt, einen Weltschulverein zu gründen, um die Finanzierung von Waldorfschulprojekten außerhalb Deutschlands langfristig zu sichern. Diese Anregung fiel im holländischen Landesvorstand auf fruchtbaren Boden und F.W. Zeylmans van Emmichoven trieb die Verwirklichung dieser Idee voran. In Dornach und im Stuttgarter Kollegium fanden 1925 Besprechungen über das Vorhaben statt, die allerdings zu keiner Entscheidung führten. Albert Steffen erreichte jedoch Ende Januar die – wie sich später herausstellte – falsche Nachricht, der Weltschulverein sei ohne sein Wissen mit Billigung von Elisabeth Vreede begründet worden. Daraufhin wandte er sich am 24. Januar direkt an die Mitgliederversammlung, um diese vermeintliche Attacke auf seine Autorität publik zu machen und einen merkwürdigen Vorstoß zu unternehmen, der eigentlich nur zu verstehen ist, wenn man davon ausgeht, dass das Verhältnis der Vorstandsmitglieder untereinander schon zutiefst zerrüttet war. Er erklärte nämlich die Gründung einer »Rudolf-Steiner-Vereinigung« zur Rettung der Anthroposophischen Gesellschaft und des Werkes Rudolf Steiners. Diese sollte ein Ort sein, an dem die Substanz der Anthroposophie gepflegt werden würde, die innerhalb der Gesellschaft, aber in keiner Sektion angesiedelt sein sollte, eine Institution, die das Werk Rudolf Steiners in der Außenwelt vertreten sollte, was nach seiner Auffassung bisher nicht geschehen war. Marie Steiner sollte das Ehrenprotektorat dieser Vereinigung übernehmen.

Fred Poeppig (1900-1974), ein Augenzeuge, kommentiert diese Initiative Steffens mit den Worten, dieser habe bereits wenige Monate nach dem Tod Steiners »den Glauben an eine gesunde Weiterentwicklung der Anthroposophischen Gesellschaft soweit verloren …, dass er in der Gründung einer Nebengesellschaft die einzige Garantie für den Fortbestand der anthroposophischen Bewegung« erblickte.

Und in der Tat frägt man sich, warum Steffen aufgrund »nächtelangen Nachdenkens« glaubte, eine besondere Vereinigung für die Vertretung des Werkes Rudolf Steiners gründen zu müssen – wo es doch die Anthroposophische Gesellschaft gab?! War nicht gerade dies die zentrale Aufgabe der Anthroposophischen Gesellschaft, oder, wenn schon nicht der Gesellschaft, so doch der allgemein-anthroposophischen Sektion und der Hochschule, die allerdings seit dem Tode Steiners keine Leitung mehr hatten? Wie dem auch sei, die Initiative Steffens mutet wie eine Bankrotterklärung des Vorsitzenden einer Gesellschaft an, der den Sinn und Zweck dieser Gesellschaft an einen Verein delegiert, der zwar irgendwie in dieser Gesellschaft angesiedelt sein soll, mit ihrer zentralen Einrichtung, der Hochschule und ihren Sektionen aber nichts zu tun haben darf.

Die Gründung dieses Vereins blieb folgenlos, ebenso wie die Initiative zur Gründung eines Weltschulvereins, der nicht zustande kam. Wie so oft bei gesellschaftlichen Konflikten verselbstständigen sich jedoch die ursprünglichen Anlässe in der durch sie freigesetzten Dynamik und selbst wenn jene längst vergessen sind, liegen sich die verfeindeten Parteien immer noch in den Haaren. Da durch die Verlautbarungen Albert Steffens der Vorwurf im Raum stand, Ita Wegmans Anhänger hätten aus machtpolitischen Intentionen hinter dem Rücken der anderen Vorstandsmitglieder die Gründung des besagten Weltschulvereins betrieben, fühlte sich die Mitgliedschaft aufgefordert, Partei zu ergreifen und sich um ihre jeweiligen Galionsfiguren zu scharen.

Der Spaltpilz, der sich zuerst im Vorstand festgesetzt hatte, breitete seine Myzele durch die gesamte Gesellschaft aus, und die Parteiungen traten bei der ersten Mitgliederversammlung im Februar 1926 offen zutage, die bereits den Charakter eines Tribunals besaß, bei dem die beiden verfeindeten Gruppierungen sich gegenseitig mit Vorwürfen und Unterstellungen überhäuften. Bemerkenswert ist, dass bei dieser Versammlung auch Gerüchte thematisiert wurden, die jene besondere karmische Beziehung zwischen Rudolf Steiner und Ita Wegman betrafen, von der im oben zitierten Brief Steiners ausdrücklich die Rede war. Da aber diese Dokumente nicht vorlagen oder vorgelegt wurden, fand lediglich eine Auseinandersetzung über Meinungen statt. Steffen bekundete im Verlauf dieser Auseinandersetzungen lautstark, wer die »Alexanderlegende« anerkenne, sei entweder ein »autoritätsgläubiger Dogmatiker oder ein Schwätzer«.

Bei einer anschließenden Versammlung der Hochschulmitglieder fand auch eine aufschlussreiche Erörterung von Fragen der Hochschulleitung statt. Ita Wegman fühlte sich veranlasst, eine Erklärung vorzulesen, dass sie sich nicht als Nachfolgerin Rudolf Steiners betrachte und keinerlei Ansprüche auf die Leitung der Hochschule erhebe, sondern vielmehr Albert Steffen für geeignet halte, diese Aufgabe zu übernehmen. Steffen wies dieses Ansinnen jedoch zurück. Schließlich wurde vereinbart, dass Marie Steiner, Albert Steffen und Ita Wegman bzw. von ihnen beauftragte Persönlichkeiten künftig die sogenannten Klassenstunden halten – das heißt, die aufgezeichneten Vorträge Rudolf Steiners aus diesen Klassenstunden – vorlesen sollten. Eine tiefer schürfende Erörterung der Nachfolgefrage oder einer möglichen Fortführung der Geistesforschung – also eine Debatte über den spirituellen Nachlass Rudolf Steiners – fand bei dieser Gelegenheit nicht statt.

Dagegen wurden bei der Versammlung Fragen erörtert, die den materiellen Nachlass Rudolf Steiners und den 1908 von Marie Steiner gegründeten Philosophisch-Anthroposophischen Verlag betrafen. Die Erörterung gab Marie Steiner Gelegenheit, die Gesellschaft von der Existenz eines Testamentes in Kenntnis zu setzen, in dem Rudolf Steiner sie als Alleinerbin all seiner Autorenrechte, seines gesamten schriftlichen Nachlasses sowie der Verfügungsrechte über diesen eingesetzt hatte. Die Existenz dieses Testamentes aus dem Jahr 1915 sollte später Anlass eines weiteren langwierigen Konfliktes werden, da unter anderem der Waldorflehrer Walter Johannes Stein die Auffassung vertrat, es sei durch die Geschehnisse der Weihnachtstagung und die Passage der Prinzipien, die sich auf Steiners Vortragswerk bezog, außer Kraft gesetzt worden. Bei der Besprechung las Marie Steiner auch einige briefliche Äußerungen ihres verstorbenen Ehemannes vor, in denen er die Einzigartigkeit ihres Vertrauensverhältnisses betonte. So hatte er etwa am 27. Februar 1925, kurz vor seinem Tod geschrieben: »Im Urteil zusammenfühlen und -denken kann ich doch nur mit Dir … Denn innere Kompetenz gestehe ich für mich doch nur Deinem Urteil zu.«

Ende 1926 löste die Veröffentlichung einer »Kundgebung«, die von einem Teil des Vorstandes der deutschen Landesgesellschaft unterzeichnet war, eine neue Krise aus. Zu den Unterzeichnern gehörten Jürgen von Grone, Friedrich Rittelmeyer, Walter Johannes Stein, Eugen Kolisko und Michael Bauer. Bei der »Kundgebung« handelte es sich um ein Treuebekenntnis zu Rudolf Steiner und dem Dornacher Vorstand. Die Unterschriften von vier Mitgliedern des deutschen Landesvorstandes – Carl Unger, Emil Leinhas, Otto Palmer und Johanna Mücke – fehlten, nicht, wie sich später herausstellte, weil die betreffenden Personen den Inhalt des Schreibens nicht hätten bejahen können, sondern weil die Verfasser sie gar nicht gefragt hatten. Diese Tatsache löste in der deutschen Landesgesellschaft eine schwere Krise aus. Bei einer außerordentlichen Generalversammlung, die im April 1927 stattfand, sprach Unger davon, er habe sich »verraten gefühlt, wie noch nie in seinem Leben zuvor«.

Abgesehen von den Folgen ist diese Kundgebung interessant, weil sie bestimmte Ansichten dokumentiert, die damals über das »Fortwirken« Rudolf Steiners in der Gesellschaft verbreitet waren. Diese Ansichten erinnern merkwürdig an spiritistische Denkformen. Die Kundgebung beschwört die Auffassung, beim Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft handle es sich um einen »esoterischen« Vorstand, dessen Zusammenhalt und Einigkeit die Garantie dafür bilde, dass Steiner »lebendig in der Gesellschaft weiterwirken« könne. Ja, dieses »Zusammenwirken mit Rudolf Steiner« wird sogar zur Bedingung seiner Esoterizität gemacht. Von der Gesellschaft heißt es, sie sichere das »lebendige Fortwirken« Steiners und seine »weitere Führung«, indem sie an den von ihm geschaffenen Institutionen festhalte. Bemerkenswert an den ganzen Debatten, die diese Kundgebung auslöste, ist die Tatsache, dass niemand in Frage stellte, Steiner könne aus dem Jenseits die Gesellschaft leiten und als Verstorbener in ihr fortwirken. Der Vorstand mutierte wie selbstverständlich zu einem Zirkel von Spiritisten, der sich auf den lebendigen Geist Rudolf Steiners berufen oder diesen in seinen Kreis hineinzitieren konnte und wurde zu einer Art Gefäß der Empfängnis, das dessen lebendiges Fortwirken in der Gesellschaft sicherstellte.

Diese mediale Dimension, die der Vorstand in den Augen vieler Mitglieder und auch in seinem Selbstverständnis annahm, verschob den Fokus der Verantwortung in eine transzendente Sphäre und enthob die Verantwortlichen der Notwendigkeit, ihn in sich selbst zu suchen. Das geistige Zentrum der Gesellschaft lag seit dem Tode Steiners nicht mehr auf Erden, im Bewusstsein der lebendigen, fleischlichen Agenten einer Idee, sondern im Jenseits, bei einer transzendenten Hypostase, auf deren Kundgebungen oder Offenbarungen sich jeder berufen konnte, um seine wie auch immer gearteten Absichten oder Einsichten zu rechtfertigen. Einer der wenigen, die diesen Sachverhalt klar erkannten und auszusprechen wagten, war Emil Leinhas, der in einer Stellungnahme zur »Kundgebung« Ende 1926 schrieb: »Den Satz, dass Rudolf Steiner durch den Dornacher Vorstand wirkt, erkenne ich, weil er ein Glaubenssatz ist, nicht an. Und den Satz, dass Dr. Steiner die Möglichkeit hat, durch den Gesamtvorstand zu wirken, unterschreibe ich ebensowenig … Ob und wie und durch wen Rudolf Steiner wirkt, darüber kann es nur eines geben: tiefes Schweigen. – Sorgen wir lieber dafür, dass wir unser Wirken vor Rudolf Steiner verantworten können … dass in unserer Gesellschaft Gedankenfreiheit herrsche, statt Glaubensstreit …«

Solche Auseinandersetzungen über Sukzession und Charisma hinderten die Anthroposophen jedoch nicht daran, ihre Arbeit fortzusetzen, ja sie spornten sie vielleicht sogar noch zusätzlich an, denn das Wirken in der exoterischen Welt bot die Möglichkeit, die Leiden des esoterischen Lebens zu kompensieren. Inner- und außerhalb Deutschlands fanden anthroposophische Hochschulkurse sowie Theater- und Eurythmieaufführungen des Dornacher Ensembles statt. Es wurden Krankenhäuser, Schulen, heilpädagogische Heime und künstlerische Ausbildungsstätten gegründet. Die Sektionen setzten ihre Arbeit fort, veranstalteten Fachtagungen und Seminare für Mitglieder, deren Zahl zunahm. Eines der größten Projekte, der Wiederaufbau des Goetheanums, wurde federführend von Guenther Wachsmuth vorangetrieben, der als Schatzmeister für die Akquisition der erforderlichen Gelder verantwortlich war. Nach dreijähriger Bauzeit sollte der monumentale Betonbau im September 1928 durch eine große Tagung eröffnet werden, die allerdings Mitgliedern vorbehalten war, im Gegensatz zur Eröffnung des ersten Goetheanums.

Im Sommer vor der Eröffnung fand in London eine von der englischen Landesgesellschaft organisierte »Weltkonferenz« statt, auf der die vielfältigen anthroposophischen Aktivitäten einem interessierten Publikum vorgestellt werden sollten. Da sie von der Gruppierung organisiert wurde, die mit Ita Wegman verbunden war, löste auch diese Konferenz Verstimmungen aus. Ähnliche Streitigkeiten entzündeten sich an den Vorbereitungen der Michaeli-Tagung zur Eröffnung des Goetheanums. Besonders die Organisatoren und Mitwirkenden der »Weltkonferenz«, die eine internationale öffentliche Wirksamkeit der Anthroposophie anstrebten, konnten nicht verstehen, warum das neue Goetheanum durch eine Tagung eröffnet wurde, zu der nur Mitglieder der Gesellschaft zugelassen wurden.

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Fortsetzung folgt

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