1928-1929 | Streit um ein Testament

Carl Unger, 1878-1929

Carl Unger, 1878-1929

Zu Beginn des Jahres 1928 trat ein weiteres Thema in den Vordergrund, das die Gräben zwischen den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft vertiefen sollte. Schauplatz war die Generalversammlung im Februar 1928, Gegenstand der Auseinandersetzungen: das Testament Rudolf Steiners.

Alice Sauerwein (1865-1932), die von Steiner anerkannte Generalsekretärin der französischen Landesgesellschaft, die einige seiner grundlegenden Werke ins Französische übersetzt hatte, machte gegenüber einer anderen Übersetzerin unter Berufung auf Steiner ein exklusives Recht geltend, dessen Werke ins Französische zu übertragen. Da diese andere Übersetzerin, Simone Rihouët, bei Marie Steiner zuvor die Erlaubnis für ihre Arbeit eingeholt hatte, betraf der Konflikt auch Marie Steiner und die Frage ihrer Rechte an Steiners Werk. Sauerwein setzte ein Gerichtsverfahren in Gang, um die Rechte zu klären. Angeblich wurde sie in ihrem Vorhaben von Wegman und Vreede bestärkt. Allerdings sollte sie das Ende dieses Streites nicht mehr erleben – sie starb im Februar 1931 noch vor Beendigung des Verfahrens nach schwerer Krankheit. Ein Jahr zuvor war sie von einer außerordentlichen Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft aufgefordert worden, den Vorsitz der französischen Landesgesellschaft niederzulegen und musste noch einen Monat vor ihrem Tod erleben, dass von Dornach aus eine konkurrierende französische Gesellschaft gegründet wurde, deren Leitung ebenjener Übersetzerin übertragen wurde, mit der sie sich im Rechtsstreit befand.

Bei den Auseinandersetzungen zu diesen Fragen meldete sich auch Walter Johannes Stein zu Wort und behauptete, das Testament Rudolf Steiners aus dem Jahr 1915 sei durch die Weihnachtstagung außer Kraft gesetzt worden. Der zugrunde liegende Gedanke Steins bestand vermutlich darin, dass Gesellschaft und Bewegung durch die Weihnachtstagung eins geworden und daher auch die Werke Steiners an die Gesellschaft übergegangen seien. § 8 der von Steiner verfassten »Prinzipien« der Weihnachtstagung regelte den Umgang mit den Publikationen der Gesellschaft: »Alle Publikationen werden öffentlich in der Art sein wie diejenigen anderer öffentlicher Gesellschaften. Von dieser Öffentlichkeit werden auch die Publikationen der Freien Hochschule keine Ausnahme machen; doch nimmt die Leitung der Schule für sich in Anspruch, dass sie von vornherein jedem Urteile über diese Schriften die Berechtigung bestreitet, das nicht auf die Schulung gestützt ist, aus der sie hervorgegangen sind. Sie wird in diesem Sinne keinem Urteil Berechtigung zuerkennen, das nicht auf entsprechende Vorstudien gestützt ist, wie das ja auch sonst in der anerkannten wissenschaftlichen Welt üblich ist. Deshalb werden die Schriften der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft den folgenden Vermerk tragen: ›Als Manuskript für die Angehörigen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft Goetheanum Klasse … gedruckt. Es wird niemandem für die Schriften ein kompetentes Urteil zugestanden, der nicht die von dieser Schule gelten gemachte Vor-Erkenntnis durch sie oder auf eine von ihr selbst gleichbedeutend anerkannte Weise erworben hat. Andere Beurteilungen werden insofern abgelehnt, als die Verfasser der entsprechenden Schriften sich in keine Diskussion über dieselben einlassen.‹« In der Diskussion, die am 28. Dezember 1923 vormittags über diesen Paragraphen stattfand, präzisierte Steiner auf die Frage Hans Büchenbachers, dass es sich bei diesen Publikationen um die Zyklen (die von ihm gehaltenen Vortragsreihen) handle –und zwar um alle, also auch die bereits in Form von Privatdrucken erschienenen. Auch diese seien als Veröffentlichungen der Hochschule mit dem betreffenden Vermerk zu versehen. Noch einmal präzisierte Steiner auf Nachfrage: »Es werden im wesentlichen nur die Zyklen sein und die Schriften, die den Zyklen gleichkommen.« Welche Schriften er damit meinte, ließ er an dieser Stelle offen. Über andere Vortragsreihen, die er für bestimmte Berufsgruppen oder beschränkte Interessentenkreise gehalten hatte, denen die Erlaubnis erteilt worden war, »sie in einem bestimmten Kreis zu drucken« und die nicht von ihm selbst oder vom Philosophisch-Anthroposophischen Verlag herausgegeben worden seien, sagte er, wenn sie weiter verbreitet werden sollten, dann fiele das Autorenrecht auf ihn zurück und sie müssten dann vom Philosophisch-Anthroposophischen Verlag veröffentlicht werden. »Ich meine, das [die Rückgabe der Autorenrechte] ist eine Selbstverständlichkeit.« (GA 260)

Zu einem Instrument ideologischer und rechtlicher Auseinandersetzungen wurden diese Äußerungen Steiners aber erst zu einem späteren Zeitpunkt, im Kontext des Nachlassstreits zwischen Marie Steiner und Albert Steffen. Sie werden in diesem Kontext genauer untersucht werden. Bei der Generalversammlung 1928 blitzte das Konfliktpotential dieser Frage aber das erste Mal auf.

Nach Steins Vorstoß erklärte Albert Steffen »als Vorsitzender der Anthroposophischen Gesellschaft«, er anerkenne den letzten Willen Rudolf Steiners, der seine Werke vollständig in die Hände seiner Witwe übergeben habe und er könne sein Amt nur weiterführen, wenn dieses Testament allgemein anerkannt werde.

Die Auseinandersetzungen über das Testament flammten allerdings im Oktober bei einer Delegiertentagung wieder auf, als Stein erneut auf dieses Thema zu sprechen kam, was dazu führte, dass Marie Steiner aus Protest den Saal verließ. Die Versammlung ging im Tumult unter, wurde abgebrochen und kurz darauf unter Ausschluss Steins wieder aufgenommen.

In diese Auseinandersetzungen um die Gültigkeit des Testamentes mischte sich, die Lage zusätzlich komplizierend, eine Anklage Elisabeth Vreedes gegen Albert Steffen. Diese fühlte sich von der Gesellschaftsleitung zunehmend ausgeschlossen. Als Steffen im Februar 1928 unter Berufung auf das Vorbild Steiners erklärte, er übernehme inskünftig die Gesamtverantwortung für alles, was im Namen der Gesellschaft und durch die einzelnen Sektionen geschehe, fühlte sich Elisabeth Vreede als Vorstandsmitglied »abgesetzt«. Dieses Gefühl wurde zusätzlich verstärkt durch die Art, wie Steffen die Herbsttagung zur Eröffnung des zweiten Goetheanum vorbereitete. Sie sah in seiner einseitigen Willenserklärung und in seinen organisatorischen Vorschlägen nicht nur einen persönlichen Angriff auf ihre Tätigkeit als Vorstandsmitglied, sondern auch eine »Verleugnung« der Weihnachtstagung und eine »Verletzung der Idee des freien Geisteslebens«. Steffen hatte nämlich, ohne sich vorher mit den übrigen Vorstandskollegen zu verständigen, im »Mitteilungsblatt« einen Aufruf veröffentlicht, der potentielle Redner, die bei der Eröffnung des zweiten Goetheanum mitwirken wollten, einlud, sich bei den Organisatoren der Tagung zu melden. Wegman und Vreede erfuhren von diesem Aufruf erst aus dem »Mitteilungsblatt« und fühlten sich übergangen. Vreede schrieb Steffen einen scharfen Brief, in dem sie die genannten Vorwürfe gegen ihn erhob. Aufgrund dieser Vorwürfe legte Steffen die Verantwortung für die Arbeit der Sektionen, die er eben erst übernommen hatte, wieder nieder.

Der Eklat dieser Delegiertentagung fand seine Fortsetzung in der deutschen Landesgesellschaft. Walter Johannes Stein erklärte im Anschluss an die Geschehnisse in Dornach, er lege für ein Jahr seine Mitarbeit im deutschen Vorstand nieder. Carl Unger erklärte, dies käme einem Austritt gleich, wogegen Stein umgehend protestierte. Es ist vielleicht nicht unerheblich, hier zu erwähnen, dass Rudolf und Marie Steiner in ihrem gemeinsam verfassten Testament von 1915 Unger als ihren Testamentsvollstrecker und im Falle ihres gleichzeitigen Todes als Verfügungsberechtigten über ihren schriftlichen Nachlass eingesetzt hatten. Dies dürfte den Nachdruck erklären, mit dem Unger auf eine Entscheidung in dieser Frage drang.

So versuchte er am 1. Januar 1929 dem deutschen Vorstand die Erklärung abzuringen, Stein und jeder, der dessen Auffassung über das Testament Steiners teile, sei ungeeignet, das Amt eines Vorstandes auszuüben. Als der Vorstand sich nicht einigen konnte, trat Unger seinerseits aus dem Vorstand und der deutschen Landesgesellschaft aus, um sich direkt an Dornach anzuschließen. Tags darauf ließ Stein mitteilen, er ziehe sich nun doch endgültig aus dem deutschen Vorstand zurück.

Zwei Tage später wurde Unger in seinem 51. Lebensjahr auf dem Weg zu einem Vortrag mit dem Titel »Was ist Anthroposophie?« von einem geistig verwirrten Mitglied in Nürnberg erschossen. Das Attentat hatte möglicherweise einen antisemitischen Hintergrund. Mit Unger, dem Kind des Bankiers Julius Saul Unger und Henriette Elise Mannheimers (beide jüdischer Abstammung), der mit der Tochter des jüdischen Anthroposophen Adolf Arenson verheiratet war, verlor die Gesellschaft einen ihrer bedeutendsten, verdienstvollsten Mitarbeiter, der zeitlebens die Anerkennung und Unterstützung des Ehepaars Steiner genossen hatte.

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Fortsetzung folgt

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