1931-1932 | Scherbengerichte und Märtyrerkronen

Walter Johannes Stein

Walter Johannes Stein, 1891-1957

Infolge der geschilderten Ereignisse brach der Vorstand der deutschen Landesgesellschaft vollends auseinander. Mit ihren über achttausend Mitgliedern hatte sie fast die Hälfte aller Mitglieder der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft gestellt, nun aber begannen ganze Zweige auszutreten.

Zwischen Dezember 1930 und Januar 1931 traten Johanna Mücke, Ernst Stegemann und Kurt Piper zurück, während viele deutsche Arbeitsgruppen sich von der deutschen Landesgesellschaft abwandten und der Dornacher Gesellschaft anschlossen. Der Versuch des verbliebenen Vorstands, die fatale Entwicklung durch eine außerordentlich Generalversammlung Ende Januar 1931 aufzuhalten, scheiterte, und weitere Vorstandsmitglieder (Moritz Bartsch, Hermann Poppelbaum (1891-1979), Friedrich Rittelmeyer) legten ihre Ämter nieder.

Bis zur Generalversammlung an Ostern 1931 hatten bereits 76 Zweige die deutsche Gesellschaft verlassen. Ende April trat der frühere Landesvorstand zurück und löste den Restbestand der alten Gesellschaft auf, um Platz für einen Neuanfang zu machen. Auch die Überreste der »Freien Anthroposophischen Gesellschaft«, die trotz der Weihnachtstagung und der Gründung der Jugendsektion nicht aufgehört hatte, zu existieren, lösten sich im Frühjahr 1931 auf.

Steffen schlug daraufhin eine Initiativgruppe zur Neugründung der deutschen Landesgesellschaft vor, der einige Mitglieder des alten Vorstands angehörten und setzte dieser drei Ziele: Überwindung des Sektenwesens durch methodische Strenge in der wissenschaftlichen Arbeit, Förderung künstlerischer Aufführungen und die Fortführung des Goetheanumbaus. Dieser Vorschlag wurde bei einer außerordentlichen Generalversammlung der (alten) Landesgesellschaft am 26. April 1931 angenommen.

Unmittelbar im Anschluss an dieses Treffen traten etwa 400 Mitglieder zusammen, um eine »Anthroposophische Arbeitsgemeinschaft in Deutschland« als Sammelbecken all jener Mitglieder zu bilden, die mit der Ausrichtung der neuen deutschen Landesgesellschaft auf Albert Steffen und Marie Steiner nicht einverstanden waren. Diese Arbeitsgemeinschaft, in der Eugen Kolisko, Ernst Lehrs, Jürgen von Grone und Emil Leinhas den Ton angaben, wurde von Elisabeth Vreede und Ita Wegman unterstützt. Als die »Arbeitsgemeinschaft«, deren Mitgliederzahl inzwischen auf etwa 1000 angewachsen war, um Anerkennung in Dornach bat, blieb ihr diese jedoch versagt, damit nicht erneut eine zweite anthroposophische Gesellschaft in Deutschland entstünde. Ähnliche Vorgänge spielten sich auch in anderen europäischen Ländern ab, lediglich in Holland und England stellten die Anthroposophischen Gesellschaften, die sich der Führung Dornachs verweigerten, unter der Leitung von Zeylmans van Emmichovens und Daniel Dunlops die Mehrheit dar.

Auch die Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft am 31. März 1932 mutierte nach einem anfänglichen Scharmützel zwischen Steffen und Vreede zu einem Scherbengericht, dessen Opfer Walter Johannes Stein war. Das geistige Niveau der Versammlung erreichte mit der versuchten Austreibung Steins aus der anthroposophischen Bewegung einen neuen Tiefpunkt. Steffen beglückwünschte sich in seiner Einleitung dazu, dass die von ihm im vergangenen Jahr ausgegebenen Direktiven, »streng methodisch« im Bereich der Wissenschaften und Künste zu arbeiten, außerordentlich fruchtbar gewesen seien.

Im Anschluss an ihn trat Elisabeth Vreede, die weiterhin am Vorstandtisch saß, als Anwältin der schweigenden Minderheit auf, die im Lauf der vergangenen sieben Jahre von der Mehrheitsgesellschaft unter Führung Albert Steffens ausgeschlossen worden sei. Guenther Wachsmuth entgegnete, die »Märtyrerkronen« würden vor ihr falsch verteilt und es gebe auch auf der Gegenseite Menschen, die gelitten hätten. Außerdem verwechsle sie Ursache und Wirkung, wenn sie behaupte, die betreffenden Mitglieder seien ausgeschlossen worden. Vielmehr habe ihre Opposition gegen die Mehrheit dazu geführt, dass diese Mehrheit sich gegen sie wenden musste.

Diese Gedankenfigur bereitete ein zentrales Argument vor, das später benutzt werden sollte, um die faktisch Ausgeschlossenen zu solchen zu erklären, die sich selbst ausgeschlossen hätten. Außerdem interpretierte Wachsmuth die Exklusionsvorgänge als Heilungsprozess, dem dadurch geschadet würde, dass die Wunde von Vreede erneut aufgerissen werde. Wer soziale Wunden heilen wolle, müsse sich auch der richtigen Heilmethode bedienen. Wachsmuth schloss sich Curt Englert-Faye (1899-1945), dem Begründer der Zürcher Steinerschule und der Zeitschrift «Menschenschule« an, der behauptete, es gebe nur eine einzige richtige Methode, die »Ausgeschlossenen« wollten sich dieser nicht anschließen, über die richtige Methode könne es aber keinen Zweifel geben.

Daraufhin stellte der polemische Zuspitzungen liebende Roman Boos die Frage, ob Elisabeth Vreede überhaupt noch Mitglied des Vorstandes am Goetheanum sei. Steffen bejahte dies. Ein ähnlicher Notenwechsel spielte sich im Folgenden zur deutschen Landesgesellschaft ab: Hermann Poppelbaum ließ ihre Tätigkeit im besten Licht erscheinen, Vreede wies erneut darauf hin, dass es auch hier Ausgeschlossene gebe, die sich in der anthroposophischen »Arbeitsgemeinschaft« vereinigt hätten. Steffen entgegnete, die von ihm ausgegangene Gründung der Initiativgruppe habe niemanden aus-, sondern vielmehr alle einschließen sollen und die Schuld sei nicht bei ihm zu suchen, wenn es weiterhin Menschen gebe, die sich der neuen Gesellschaft nicht anschließen wollten. Bei einer weiteren Wortmeldung entgleiste Boos vollständig. Diesmal sprach er davon, die Absicht der anthroposophischen »Arbeitsgemeinschaft« sei von Anfang an gewesen, »die Anthroposophie von Rudolf Steiner loszureißen«, diese Absicht habe Kolisko bereits seit 1924 verfolgt (man erinnere sich an seine Bemerkungen über den »Raub der Esoterik«) und Walter Johannes Stein sei »ein Feind des Goetheanums«.

Die Angriffe gegen Stein werden hier im Zusammenhang berichtet. Betont werden muss, dass Stein selbst gar nicht anwesend war, sondern auf einer 42-tägigen Vortragsreise in drei Ländern unterwegs war, auf der er 42 Vorträge über Anthroposophie hielt. Zuerst wandte sich ein Mitglied aus Berlin gegen die Vorträge, die Stein in dieser Stadt gehalten hatte. Er bemängelte das Übermaß an Propaganda für sie, die damit verbundene Geldverschwendung, dass Stein ein hohes Lied auf England singe, dass seine Vorträge zwar oberflächlich logisch schienen, aber nur, wenn man denkfaul sei. Offenbar könnten sich Lehrer der Waldorfschule wochenlang von dieser absentieren. Zwar könne man die anthroposophische »Arbeitsgemeinschaft« nicht verbieten, aber unmöglich dulden, dass sie eine grundsätzlich andersartige Methode verfolge, als die dornachtreuen Zweige.

Daraufhin fühlte sich Erich Schwebsch (1889-1953), ein Kollege Steins aus der Stuttgarter Schule, bemüßigt, darauf hinzuweisen, dass die Vorträge Steins nicht etwa von der Schule finanziert würden, sondern dessen Privatangelegenheit seien. Nach dem Angriff gegen Steins Rednertätigkeit erfolgte ein weiterer gegen seine Tätigkeit als Lehrer, den diesmal niemand geringerer als Marie Steiner vortrug. Sie hatte von einer Mutter das Schulheft ihrer 15jährigen Tochter erhalten und berichtete, Stein habe darin einen Vergleich zwischen den himmlischen Hierarchien und militärischen Dienstgraden angestellt. Schwebsch fühlte sich wiederum bemüßigt, seine Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen. Nun griff Wachsmuth ein und meinte, manche Leute behaupteten, es gebe einen Steffen-Kult. Dem sei nicht so, aber einen Stein-Kult gebe es sehr wohl. Seine Vorträge hätten Kultcharakter oder seien agitatorisch. Er wundere sich über die viele Zeit, die Stein zur Verfügung stehe, um Vorträge zu halten. Anderswo kündige er seine Vorträge an, ohne den Namen Rudolf Steiners zu erwähnen; bald werde die Menschheit nicht mehr wissen, wer die Anthroposophie geschaffen habe, Rudolf Steiner oder Walter Johannes Stein. Ein anderer Kollege Steins, Paul Baumann, meinte, daran erinnern zu müssen, dass er schon vor sechs Jahren (1926), als noch »ein gewisser Mut dazugehörte«, sich auf einer Generalversammlung energisch gegen Stein geäußert habe. Nicht genug damit, er deutete auch an, dass Stein aufgrund dessen, was er hier gehört habe, »aus der Schule geworfen« werde. In der Folge meldete sich auch Emil Molt, der Gründer der Waldorfschule, zu Wort und meinte, in der Angelegenheit Stein müsse »Remedur« geschaffen werden.

Manche Redner ergingen sich in Lobeshymnen auf Marie Steiner und Steffen, von dessen Rede über die richtige Methode ein Glanz auf die pädagogische Arbeit herüberstrahle (Hermann von Baravalle, ein weiterer Kollege Steins), andere bedauerten nicht den »armen Stein«, sondern die »arme Anthroposophie«. Allein George Kaufmann (1894-1963) von der englischen Landesgesellschaft, der die Vorträge Steins in England übersetzt hatte, sprach sich lobend über ihn aus. Boos wiederum warf ein, die Waldorfschule sei keine Einrichtung für »seelenpflegebedürftige Lehrer«. Einen Appell zur Besinnung brachte daraufhin Elisabeth Vreede vor: die Generalversammlungen verliefen seit Jahren so, dass immer einige Menschen über andere herfielen. Wachsmuth wies einmal mehr solche Anklagen von sich und schob die Schuld Elisabeth Vreede zu, die gleich zu Beginn die »alten Dinge« wieder aufgewärmt habe.

Kurz nach der Generalversammlung forderte Emil Molt, der Gründer der Stuttgarter Waldorfschule, Stein auf, seine Vortragstätigkeit zu beenden und mehr in der Schule zu unterrichten. Stein entgegnete: »Sie wollen mich mundtot machen. Ich danke, ich kündige hiermit meine Stellung« und emigrierte mit seiner Familie kurz darauf nach England.

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Fortsetzung folgt

Ein Kommentar

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