1933 | Anthroposophie im Jahr der Machtergreifung

Die Nazis feiern sich selbst. Aufmarsch am Brandenburger Tor anlässlich der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30.01.1933.

Im Jahr der Machtergreifung (Hitler war am 30. Januar zum Reichskanzler ernannt worden), dem Todesjahr Annie Besants und G.R.S. Meads, blieb es merkwürdig still an der anthroposophischen Heimatfront.

Dafür begannen die nationalsozialistischen Gegner der Anthroposophie aus allen Rohren zu schießen. Bereits am 1. Februar startete das Abendblatt der »Berliner Zeitung« eine 14teilige Artikelserie gegen Rudolf Steiner. Mathilde Ludendorff machte sich auf eine Vortragsreise und am 3. Februar feierte das Theaterstück »Die Marneschlacht« von Paul Joseph Cremers in Berlin Premiere. Sie alle trugen Verleumdungen bezüglich einer Einwirkung Steiners auf den Chef des Generalstabs während des I. Weltkriegs, Helmuth von Moltke, zu Markte.

Deutschlands Niederlage war nach diesen paranoiden Verschwörungstheoretikern das Werk des »Theosophen, Juden, Freimaurers und Kommunisten Rudolf Steiner«. Im Mai veröffentlichte ein NS-Propagandabüro in Berlin eine Broschüre mit dem Titel »Das Wunder der Marneschlacht«, in der man lesen konnte: Das Werk der Theosophin Annie Besant »vollendete der Halbjude Rudolf Steiner, der Agent des Großorients, zur Reifmachung des deutschen Volkes für den vernichtenden Schlag, der, wenn die Zeit gekommen, gegen das Kaiserreich geführt werden sollte. Rudolf Steiner fand Eingang bei den maßgebenden militärischen und politischen Kreisen in Deutschland und brachte es fertig, … selbst die wichtigsten militärischen Operationen im Weltkriege zu beeinflussen und mit dem Verlust der Marneschlacht den Untergang des alten Reiches im Auftrage der französischen Großorients und in letzter Linie im Interesse der Weltherrschaft Judas herbeizuführen.«

Kein Wort an diesen Sätzen war wahr. Der (anonyme) Verfasser der Broschüre, ein rachsüchtiges Mitglied der dänischen Linie der Familie Moltke, zog im Auftrag des Tannenbergbundes und unterstützt von Ludendorffs »Volkswarte«, mit diesem Thema als Vortragender durch die Lande. Steiner habe, so behauptete er, auf »okkultem Wege« bei Moltke eine Geisteskrankheit hervorgerufen, womit er sich den Behauptungen Mathilde Ludendorffs, die von einem durch »Okkultlehren induzierten Irresein« gesprochen hatte und Gregor Schwarz-Bostunitschs anschloss, der in seinem Pamphlet »Rudolf Steiner – ein Schwindler wie keiner« unter anderem behauptet hatte, Steiner habe seine erste Frau »astralisch stranguliert«. Der Vorstand der deutschen Landesgesellschaft veröffentlichte am 5. April eine Entgegnung, um diesen Verleumdungen entgegenzutreten, die in einer Lokalzeitung erschien und die Unterschriften ehemaliger Frontoffiziere trug, die alle Mitglieder der Gesellschaft waren. Außerdem richtete er eine zentrale Pressestelle zur Verteidigung Rudolf Steiners bei der Redaktion der Zeitschrift »Anthroposophie« ein und versandte an die deutschen Zweige und Arbeitsgruppen Informationsmaterialien.

Hans Büchenbacher, der seit der Machtergreifung zum »Halbjuden« mutiert war, stand dem Nationalsozialismus natürlich ablehnend gegenüber. Er berichtete in seinen Erinnerungen, dass dies auf den gesamten deutschen Vorstand zutraf. Alexander Strakosch, der nunmehr als »Volljude« galt, schrieb am 2. Februar an die Mitglieder des Landesvorstandes: Die »Begeisterung für Hitler« in der deutschen Bevölkerung drohe in die anthroposophische Bewegung hineinzuwirken, Mitglieder machten »ihrer Abneigung gegen Hitler in einer unvorsichtigen Weise Luft, welche bei der jetzigen erregten Atmosphäre für die ganze Bewegung schlimme Folgen haben« könne.

Aber es gab auch andere. Der kleine Hamburger Aristoteles-Zweig forderte den deutschen Landesvorstand im Mai auf, sich »mit allen Mitgliedern, Gruppen und Einrichtungen positiv hinter die Aufbauarbeit der nationalen Regierung« zu stellen. Hermann Poppelbaum antwortete auf diesen Vorstoß, die Gesellschaftsleitung werde aktive Schritte unternehmen, nicht etwa, um sich der nationalen Bewegung anzuschließen, sondern um die Anthroposophie und Steiner zu verteidigen: »Der leitende Gesichtspunkt wird dabei … sein, dass sich die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland nicht erst jetzt zum Deutschtum ›rückhaltlos zu bekennen‹ braucht, da die Anthroposophie ja ganz und gar aus deutschem Wesen geboren ist. Die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland hat nicht erst jetzt ihren ›Willen zur Mitarbeit‹ zu erklären, da sie seit je an der Verbreitung deutschen Geistes mitgearbeitet hat! Wenn also ein offizieller Schritt getan wird, so gilt es dabei nur, auf eine längst bestehende Tatsache hinzuweisen.«

Poppelbaum, Büchenbacher und zahlreiche andere führende Anthroposophen hatten ihren Patriotismus als Offiziere im I. Weltkrieg hinreichend unter Beweis gestellt und es daher nicht nötig, sich von den Nationalsozialisten über die Bedeutung des »Deutschtums« belehren zu lassen. Der Aristoteles-Zweig ließ aber nicht locker und wandte sich am Vorstand vorbei direkt an die Mitglieder, mit dem Aufruf, die Gesellschaft neu zu formieren, alle »Nichtarier« aus ihr zu entfernen und sie auf das nationale Regime auszurichten. Der Aufruf verhallte wirkungslos. Die genannten Aktivitäten des Zweiges gingen von einem enragierten Befürworter Hitlers aus, der allerdings im Lauf des Jahres zunehmend in Isolation geriet. Der Zweig löste sich 1934 auf und das betreffende Mitglied trat aus der Anthroposophischen Gesellschaft aus.

Der Judenboykott und das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« führten Ende April zum Rücktritt Strakoschs aus dem Vorstand der deutschen Landesgesellschaft. Den Entschluss zurückzutreten, hatte Strakosch allerdings bereits vor der Machtergreifung gefasst. Auf Hans Büchenbacher als ehemaligen Frontoffizier trafen die Ausnahmeregelungen des Gesetzes zu, aber sein Name wurde aus dem Impressum der Zeitschrift »Anthroposophie« entfernt. Nach einem öffentlichen Vortrag Hermann Poppelbaums schrieb das Mannheimer »Hakenkreuzbanner«: Die Anthroposophie sei aus einer Weltanschauung herausgewachsen, die »wir unbedingt ablehnen und deren völlige Ausrottung wir uns zum Ziel gesetzt haben. Es ist höchste Zeit, dass diesem Unfug ein rasches Ende bereitet wird.«

Ende April oder Anfang Mai erhielt Dornach Besuch vom SS-Hauptsturmführer Hauschild aus München, der sich im Auftrag seiner Vorgesetzten ein Bild von der Anthroposophischen Gesellschaft und ihrer Zentrale machen sollte. Für diesen fertigte der Vorstand eine »Denkschrift« an (Verfasser war vermutlich Otto Fränkl [1897-1979], der von Marie Steiner und Guenther Wachsmuth unterstützt wurde), die zu Themen wie Abstammung, Versailler Vertrag, Theosophische Gesellschaft, Marxismus und deutscher Idealismus Stellung nahm. Beigelegt wurden eine Reihe von Vorträgen Steiners aus der Zeit des I. Weltkriegs und das Buch des anthroposophischen Historikers Karl Heyer »Wie man gegen Rudolf Steiner kämpft«, der sich bereits 1931 in seiner Korrespondenz unmissverständlich gegen den Nationalsozialismus ausgesprochen hatte. Steffen unterzeichnete das Schreiben als erster Vorsitzender am 20. Mai. Für ihn bestand kein Zweifel, dass Hitler und der Nationalsozialismus ein Symptom des Bösen schlechthin waren. Er betrachtete die »Denkschrift« als Prüfstein für das neue Regime und seinen Sicherheitsapparat. Es sollte später nicht argumentieren können, nicht ausreichend informiert gewesen zu sein. »Wenn jetzt Verfolgung kommt, so weiß man, sie ist nicht aus Unkenntnis, sondern aus dem Bösen heraus«, notierte Steffen am Abend, bevor er unterschrieb, in sein Tagebuch. Infolge der Aushändigung dieser Denkschrift kam es Ende Mai sogar zu einem klandestinen nächtlichen Besuch Hans Büchenbachers in der von schwerbewaffneten SS-Männern bewachten Villa Hauschilds in München-Forstenried.

Guenther Wachsmuth, der Schriftführer der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, der im Mai und Juni als Vortragsreisender in Nordeuropa unterwegs war, wurde über diese Vorgänge informiert. Er fand das »freundliche Entgegenkommen« des neuen Regimes, das »vollkommene Wirkens- und Lehrfreiheit« zugesichert habe, erstaunlich: »Unter einer bolschewistischen oder stock-katholischen Leitung würden wir es gewiss nicht so gut haben.«

Diese Auffassung brachte er auch in seinem berühmten Interview für die Kopenhagener Tageszeitung »Ekstrabladet« am 6. Juni zum Ausdruck, als er auf die Frage, wie sich die neue Regierung zur Anthroposophie stelle, antwortete: »Wir können uns nicht beklagen. Wir sind mit größter Rücksichtnahme behandelt worden und haben volle Freiheit, für unsere Lehre zu wirken.« Seine Antwort auf die Frage, wie die Anthroposophen die nationale Bewegung in Deutschland betrachteten, zeugt nicht nur von einem defizitären Informationsstand (man erinnere sich an das oben Ausgeführte), sondern auch von einer fatalen Fehleinschätzung: »Es soll kein Geheimnis sein, dass wir mit Sympathie auf das schauen, was zur Zeit in Deutschland geschieht … Stagnation ist der Tod für alles geistige Leben. Es muss Bewegung da sein und die tapfere und mutige Weise, wie die Führer des neuen Deutschlands sich der Probleme bemächtigen, kann, meiner Meinung nach, nur Bewunderung erzwingen. Es wird sicher etwas Gutes dadurch entstehen …« Hält man die zitierte Tagebuch-Aufzeichnung Steffens gegen diese Äußerung, oder Hinweise Steiners auf das »Tier aus dem Abgrund«, das sich 1933 manifestieren werde, die Wachsmuth sicherlich bekannt waren, kann man seine Bemerkungen nur noch mit »schweizerischer Diplomatie« erklären.

Während Wachsmuth sich öffentlich in Diplomatie übte, nahm Steffen kein Blatt vor den Mund, zumindest in seinen Tagebüchern. Es folgen einige Auszüge[1].

4. März 1933: »Heute, Samstag 4. III. Mittags 12 Uhr tritt Roosevelt sein Amt an. [Eingeklebte Zeitungsausschnitte: ›Das große Schweigen. Berlin am Vortag der Wahl‹ und ›Hitlers Parteibefehl für den 4. März‹. Daneben und darunter:]

Hitler rühmte sich in einer Rede, er habe Europa vor dem Kommunismus gerettet. Man schulde ihm Dank. Er stehe vor einem schrecklichen Erbe, das ihm die Regierungen der letzten 14 Jahre hinterlassen. Und man verlange nun, dass er in vier Wochen Wandlung schaffe usw. Wenn er einsähe, dass eine Erneuerung des Wirtschaftslebens nicht aus diesem allein kommen kann, sondern nur aus einem Geistesleben, das den Menschen wiederum mit dem Geistigen im Weltall verbindet und wenn er seine Macht dazu benützte, um ihm Geltung zu verschaffen. Aber er schließt den Bund zwischen den alten Blutkräften und dem Industrialismus aufs neue. In seinem Kampf trat bis jetzt keine lebendige Idee auf.

So wird er nur regieren, bis er sich selber ad absurdum führt …«

6. März 1933: »Haupteinwand gegen Hitler: Er ist kein erkennender Mensch (dies muss aber ein Gesetzgeber, als welcher er auftritt) sein, ebenso wie der Künstler. Er begeht den Grundirrtum, dass er den Bankrott erst nach dem Krieg (1918) erblickt und nicht schon vorher bemerkt (als man die geistigen Ziele aufgab). Er hofft alles von der Agitation …«

7. März 1933: »Die Gegenrevolution schreitet vor. In Bayern, Württemberg, Baden usw. Reichskommissare eingesetzt, die alten Regierungen aufgelöst. … Das Technische funktioniert. Es ist alles bis ins Kleinste vorgedacht und vorbereitet. Die Diktatur mit allen Erfahrungen, die man an den Revolutionen machte, durchgeführt.

Auch unsere Bewegung wird man zu vernichten suchen. Und an Gelegenheiten wird es nicht fehlen«.

12. März 1933: »Es geht heute nicht mehr um den Kampf zwischen Agnostizismus und Spiritualität. Sondern um den Kampf übersinnlicher Mächte. Denn es gibt kaum einen vernünftigen Menschen mehr, der eine übersinnliche Welt nicht anerkennt. Es geht um Gut und Böse.

Das Verbot des Berliner Tagblatts ist, wie dieses selber meldet, aufgehoben worden, nachdem es für ›die Vermeidung ähnlicher Verbotsanlässe für die Zukunft‹ eine befriedigende Erklärung‹ abgegeben hatte und einen Wechsel in der Redaktion vorgenommen hat.

Man erfährt aus deutschen Zeitungen nicht mehr die wahren Verhältnisse. Es herrscht Zensur, wie im Kriege. Das freie Geistesleben ist aufgehoben. Allerdings kann man sagen: Förderte es vorher etwas Wertvolles zu Tage? Sicher nicht. Und an und für sich verliert man nichts. Aber – das Prinzip ist verletzt. Und es ist ganz gewiss, dass das Verbot auch die Anthroposophen als konsequenteste Vertreter des freien Geisteslebens treffen wird. Die Lämmer ahnen noch nicht, dass sie geschlachtet werden.

Die Hakenkreuzfahne ist (neben schwarz-weiß-rot) zur Reichsflagge erklärt. … Es ist als ob der Geist der Menschheit auf das Rad geflochten würde. Aufmärsche. Motorradkolonnen. Riesige Transparente dieses Symbols.

Es ist die Propagierung einer Berserkerstimmung. (Schon als ich vor einem Jahr nach Berlin fuhr, fiel mir auf, wie suggestiv dieses Zeichen wirkt, um so mehr als man es mit Toten der Partei [mit den gemordeten Opfern] in Verbindung brachte.) …

Die Toten werden aufgerufen, mit alten Beschwörungsformeln wie in primitiven Kulturen. Das ist nicht das Deutschland Goethes und Schillers, sondern das der Berserker zur Nibelungen-Zeit, aber mit den schlechtesten Blutinstinkten durchsetzt. …

Es sind jetzt 33 Jahre seit dem Beginn des Jahrhunderts. … ›Finstere Geister‹, die im Herbst 1879 in den Bereich der Menschenentwicklung gestoßen wurden. Sie leben also jetzt unter uns (Dr. Steiners Vortrag vom 26. Okt. 1917)[2].

›Sie leben so unter uns, dass sie ihre Impulse in unsere Weltauffassung, aber nicht bloß in die gedankliche Weltauffassung, sondern in unser Empfinden, in unsere Willensimpulse, auch in unsere Temperamente hineinsenden. Und nicht früher werden die Menschen die bedeutungsvollen Ereignisse der Gegenwart und der nächsten Zukunft auch nur einigermaßen verstehen, bevor sie sich einlassen, wiederum die physisch-sinnliche Welt in Zusammenhang zu erkennen mit der geistigen Welt, und solch ein bedeutsames Ereignis ebenso in Betracht zu ziehen, wie eine Naturerscheinung.‹

Früher sollte ›die Blutsverwandtschaft‹ die ›Signatur geben für die irdischen Ordnungen‹ (Jahwe), ›Rassen, Völker, Stammeszusammenhänge‹, vererbbare Eigenschaften. Gesetzgebungen danach. (Diejenigen, welche auf die individuelle Freiheit drangen, waren die Rebellen).

Umkehrung dieses Verhältnisses seit 1879.

Jetzt die Geister der Finsternisse in den Blutsbanden wirkend, so dass sie die Menschen verführen, auf Stammes-, Blut-, ›Vererbungseigenschaften zu pochen‹. ›Und so sehen wir, dass beginnt gerade im 19. Jahrhundert ein Pochen auf Stammes-, Volks- und Rassenzusammenhänge, und dass man von diesem Pochen als von einem Idealistischen spricht, während es in Wahrheit der Anfang ist von einer Niedergangserscheinung des Menschen, der Menschheit‹.

›Das ist wiederum ein Punkt, an dem man wachsam sein muss‹. Christus ›wird nicht ergriffen von jenen Idealen‹. ›Das Niedergehende ist naturgemäß‹.

›Wie aus dem Blute der Menschen emporsprudeln wird reaktionäre Gesinnung, weil der Glaube herrschen wird, dass diese reaktionäre Gesinnung gerade das Idealste ist. Man muss derlei Dinge im Großen und im Kleinen beobachten können. Man muss sich nicht stören lassen von dem, was heute als Phrasenurteil durch die Welt geht‹.

Hitler sagt in einem Aufruf an seine ›Parteigenossen‹: ›Ihr müsst, meine Kameraden, dafür sorgen, dass die nationale Revolution 1933 nicht in der Geschichte verglichen werden kann mit der Revolution der Rucksack-Spartakisten im Jahre 1918. Im übrigen lasst euch in keiner Sekunde von unserer Parole wegbringen! Sie heißt: Vernichtung des Marxismus!‹

Er kann den Untergang doch nur aufhalten, wenn er Kräfte aus der geistigen Welt gebraucht. Nicht solche aus dem Blute. Sonst kämpft Blut gegen Blut. Jahwe gegen Wotan oder dgl.

Ich fürchte, er wird sich gegen den Geist als solchen wenden«.

21. März 1933: »Staatsaktion der Reichstagseröffnung. Nach Potsdam zu Friedrich dem Großen zurück. Nachdem Weimar, das man als Symbol wählte, zerstört ist (Goethescher Geist war in der letzten Regierung nie), wendet man sich an das zurückgebliebene Berserkertum. Man beschwört die Gespenster mit Bärenmützen und Kommiss-Stiefeln und macht Musik um den Soldatenkönig. Rienzi, der phrasenreiche, Huttens letzte Tage, das Bekenntnis C.F. Meyers zum Deutschtum. Hakenkreuze und Braunhemden. Garnisonskirche.

Das Ermächtigungsgesetz: eine Blankovollmacht für Hitler, womit dieser die Möglichkeit hat, alle zu unterwerfen, jedem Einzelnen das Wort zu verbieten und das Eigentum zu nehmen, ihn in Schutzhaft zu nehmen, aber auch das Volk als solches zu ruinieren, da die Verbindungsbefugnis mit anderen Völkern ganz in seine Hand gelegt ist.

Es ist ihm der ganze Volksgeist unterworfen. Er hat übermenschliche Macht erhalten; noch einmal, heute, ist ihm Gelegenheit gegeben, sie dazu zu verwenden, ein Regierungsprogramm zu entwickeln, welches Rettung bringt.

Stattdessen macht er Phrasen, spricht vom Primat der Politik, statt vom freien Geistesleben und wendet sich gegen alles, was große Geister wirken. Und die Frauen sinken in Ohnmacht und die Männer schreien Heil und der alte Generalfeldmarschall weint.

Eine pathologische Sache. Aber die Vertreter des Volkes haben den Kopf verloren und das Herz, das ihnen lange nicht mehr am rechten Fleck stand, sinkt in die Hosen.

Es ist gerade wie beim Kriegsausbruch: Ein Raub des Bewusstseins. Damals waren es wenige, welche eine Trübung erfuhren. Heute sind alle geblendet. Die toten Könige wurden angerufen und die Teufel fuhren in die Masse.

Hindenburg, der im Kriege – aus Pflichtbewusstsein – Millionen in den Tod der Schlacht schicken musste, ist zum Werkzeug geworden, das man gebraucht, um die Lebenden zu verführen. Ein erbarmungswürdiger Anblick, wie er dasitzt, nachdem er seine Rede gehalten, die ihn als den wehrlosesten Menschen zeigt – sein preußisches Pflichtbewusstsein ist keine Schranke mehr gegen dieses Gespenstertreiben, das jetzt anhebt und dem niemand mehr Einhalt gebieten kann (das Wort ist gefesselt!) als die Katastrophe, die kommt«.

23. März 1933: »Merkwürdig ist mir, dass gerade heute, da dieses Ermächtigungsgesetz vom Reichstag angenommen werden soll, zum ersten Mal der Sturz des Antichrist – probeweise – aufgeführt wird«.

24. März 1933: »Der Name Hitler hat plötzlich seinen historischen Klang bekommen. Nämlich der des Schergen. Über zwölf Jahre hat dieser Mann mehr einem Drang als einem Gedanken gelebt, dem deutschen Volk wieder zum Aufstieg zu verhelfen. Jetzt ist er von diesem Volk selber erhoben und mit vollkommener Macht ausgestattet worden. Er ist Diktator und als solcher absolut frei zu tun was er will. Ein welthistorischer Augenblick: Er könnte die Mission des deutschen Wesens inaugurieren. Frei werden, um Freiheit zu verleihen (im Geistesleben). Sicherheit des Rechtes für alle Menschen im Staate gewähren. Und Brüderlichkeit im ökonomischen Leben.

Er hat die Möglichkeit dazu und er kann darum wissen. Denn wie kann er das deutsche Wesen vertreten, wenn er nicht davon weiß. Er kann Retter sein. Bis zum letzten Augenblick wartet man mit dem Urteil. Man sagt, er kenne Anthroposophen, z. B. Dr. R., der zu ihm gerufen worden wäre.

Aber alles was er tut, ist nicht deutsch. Der Gruß ist der von Mussolini eingeführte, die Technik, um zur Macht zu gelangen und die Gegner zu vernichten, die von den Sowjets übernommene.

Das Vorgehen, um die Wirtschaft in die Hand zu bekommen (den Konkurrenten zu beseitigen) englisch-amerikanisch. Er begründet den Absolutismus, den die französischen Könige hatten, in Deutschland, in Potsdam. Und die Art, wie er die Juden vernichten will, ist auf das Blut gerichtet. Gleichgültig, ob sie getauft sind oder nicht.

In allem, was er tut, ist er so wie seine Feinde, Sie sehen in ihm ihr eigenes Schreckbild, deshalb hassen sie ihn.

Aber deutsch, wie Fichte, Schiller, Goethe, Rudolf Steiner den Deutschen offenbarten, ist er nirgends. Er greift ins Geistesleben ein und usurpiert das Wirtschaftsleben und im Rechtsleben hat nur seine Partei Rechte.

Das ist der Diktator.

Man möchte hoffen, das Ganze was heute geschehen soll, sei ein Aprilscherz. Im letzten Augenblick sage er noch: Ich wollte nur zeigen, wie es würde, wenn das alte Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn weitergeführt würde. Aber ich will euch einen echten deutschen, aus der moralischen Phantasie heraus handelnden Menschen in mir zeigen. Dann hätte er gezeigt, dass er nicht nur die Menschen beherrschen kann, sondern auch sich selbst: Den Beweis, dass er nicht besessen ist.

Er müsste sagen: Seht, ich wende nicht die von euch benutzten Mittel an, obschon ich sie in meiner Hand habe, sondern ich will durch den Geist wirken. Als Christ!

Wenn Hitler zulässt, was geplant ist, so kann er es nie mehr gut machen.

Keinem Juden soll ein Härchen gekrümmt werden, heißt es. (Aber sie werden dem Hunger, dem Pöbel, dem Boykott preisgegeben. Und ob das nicht schlimmer ist als der Tod des einzelnen? Es trifft das ganze Geschlecht.)

›Wir sind gerüstet‹ gegen Alljuda, heißt es. Gegen 500-600.000 Menschen gerüstet. Es ist allerdings leichter als gegen ein wehrkräftiges Volk.

Schwarze Plakate mit gelben Flecken werden an alle Geschäfte geschlagen. Schon dieses Zeichen verdammt. Die Leute, die dort in die Geschäfte gehen, um zu kaufen, werden fotografiert und die Filme davon sollen fortlaufend dem Volke gezeigt werden. Also auf die niedersten Instinkte wird spekuliert. Warum aber tut man es? Um zu verhindern, dass Ausschreitungen vorkommen. Es sei Gefahr, dass Ausschreitungen vorkommen, wenn der Boykott nicht organisiert wird. Und dieses Spitzelsystem lassen sich die Deutschen gefallen. Der Mensch, dem sie Macht verleihen, lässt es zu.

Alle diese Dinge richten ihn selber. Er stellt sich dar wie er ist. Aber er vergisst die Schulmeister, die ihn zurechtweisen werden. Werden sie es?

Man liest soeben, gerade jetzt, in den Zeitungen, dass die katholische Kirche ihrerseits den Boykott gegen ihn aufgehoben hat. Dass in England auf eine Anfrage, der betreffende Minister gesagt habe, es gebe keinen Artikel im Völkerbund, um einzugreifen. Mit Russland hat er sich auf freundschaftliche Beziehungen eingelassen. Mussolini sagt zwar, er dulde die Juden. Aber er wird nichts tun.

Amerika wird beschwichtigt. Die amerikanischen Juden brauchen ihre Warenhäuser in den Großstädten nicht zu schließen usw. Aber das sind ja keine Instanzen.

Sondern die geistige Welt selber sagt zu ihm: Du bist ein Geist der Hemmnisse. Vor 1900 Jahren, am 3. April wurde Christus gekreuzigt. Wir leben im Heiligen Jahr.

›In der Sphäre der menschlichen Illusion tritt die göttliche Liebe in der Form des göttlichen Zornes in die Erscheinung.‹[3]

›Ehe denn der ätherische Christus von den Menschen in der richtigen Weise erfasst werden kann, muss die Menschheit erst fertig werden mit der Begegnung des Tieres, das 1933 aufsteigt.‹«[4]

1. April 1933: »Die Abwehr-Aktion wurde auf Samstag beschränkt. Leuten, die in jüdischen Geschäften einkauften, drückte man beim Herauskommen einen Stempel ins Gesicht: ›Wir Verräter kaufen bei Juden‹. Wenn die Greuelpropaganda nicht aufhöre, fahre man Mittwoch wieder fort, bis zur Vernichtung des Judentums‹, sagte Dr. Goebbels«.

1./4. April 1933: »Man muss in diese braun uniformierten Marschkolonnen, in diese Wachposten vor Kaufläden und Advokatenbüros, in diese Melderadfahrer usw. hineinschauen. Wie sie rote Zettel oder Plakate aushängen usw. Was sieht man? Doch nicht Menschen. Sie sind alle gleich. Unter den braunen Hüllen sieht es aus wie bei Insekten. Schmetterlingen? Nein. Solche Flügel haben zu viel Himmelsfarben und Figuren eingezeichnet. Käfern? Die wären zu plump. Bienen, die sammeln Blütenstaub. Es passt nur der Name Heuschrecken. Es ist die Zeit der Heuschreckenplage. Und jedermann glaubt es noch mit Menschen zu tun zu haben. Aber diese Insekten können nur die Felder kahlfressen.

Seltsam, man lässt sich begeistern von den Lautsprechern und den Filmen, welche dieses Treiben propagieren. Aber wer sprach hinein?

Diese Worte werden von Ahrimans Flügeln über die Gassen, die von Menschenmassen wimmeln, verweht.

Die Eisengitter an den Warenhäusern sind hinuntergelassen. Nur die Esslokale offen (Kempinski). Juwelier-Läden, Silberfirma, Lederwarengeschäft Alligator. Noch fassen die Menschen ihre Rollen so auf wie Jungens, die noch nicht volljährig sind. Am Abend vorher gewaltiger Zudrang zu den Geschäften, so dass der Boykott des nächsten Tages sich ausglich.

Ent-Ichte.[5] Es fragt sich nur, folgen sie einem guten oder bösen Prinzip: ein Ich haben sie sicher nicht. Etwas anderes wirkt in ihnen. Das Blut des Volkes? Die Lautsprecher? Die Seelen der Toten? Mitläufer des Guten oder Bösen? Schmetterlinge, Bienen oder Heuschrecken?

Eine solche Erscheinung ist nur nach großen Kriegen möglich, wo es Millionen Tote gab. Ihre Geister werden in die Leiber zurückgeschickt, die unselbständig sind. Strecken sie denn Arme empor? Tragen sie denn Fahnen vor sich? Füllen sie denn Straßen aus?

Nein sie fliegen durch die Unterwelten als Gespenster und auch das Wende-Kreuz ist der Ausdruck eines Gespenstes. Sie gehen vor wie es in den Höllen Naturbrauch ist. …

In der Hölle hat es eine Berechtigung zu sagen: Geh nicht in dieses Warenhaus, da mögen Polizisten schwarze Tafeln mit gelben Flecken ankleben und einen Stempel auf die Stirn drücken. Aber sind das in der Hölle Menschen, die das tun? Es sind eben Quälgeister. Nun sind sie in physische Menschenleiber eingetreten und jeder ›Rassenmensch‹ kann sich ein braunes Hemd anziehen und den Rächer spielen. Schon die Namen Adler, Feuchtwanger, Ellenbogen, Mosse, Wolf, Fuchs erregen die Heuschrecken.

Nicht disputieren, diese Leute lügen, sagen die Heuschrecken. Sie freilich ersparen sich die Rechtfertigung dessen, was sie tun. Sie nehmen den Allmächtigen in Anspruch. Aber wenn nun die Heuschrecken alles aufgefressen haben? Was dann? Es gibt Leute, die verwechseln diese Heuschreckenschwärme mit dem Geiste des neuen Deutschland.

Für Hitler ist der Jude, der Christ geworden, schädlicher für die Menschheit als der Deutsche, der nicht Christ geworden ist. Es ist eine Blutfrage. Das deutsche Blut, nicht das jüdische Blut soll siegen.

Er vermochte nicht zur Erkenntnis zu kommen, dass der Geist siegen muss. Die Gefahr ist, dass er sich auch noch gegen das Deutschtum, insofern es Geist hat, wendet. Dann kommt die große Auseinandersetzung.

Sonderbar, dass niemand merkt, dass dieser auf Blut gegründete Nationalismus, der sich so offenkundig gegen das Blut eines anderen Stamms richtet, der Ausdruck eines Geschlechtsrausches ist, der vom Geist verlassen ist und jeden Augenblick in einen Kult der Grausamkeit ausarten kann. Sind doch die Zeichen, die auf die Fahne gesetzt sind, so deutlich: das vorchristliche Hakenkreuz. Das Programm des Judenhasses. Das Tam-Tam, das Drum und Dran hängt. Die Wahl des 21. März.

Unsere Intellektuellen können nichts Gescheiteres tun, [als] dass sie sich auf das Blut berufen, statt auf den Geist. Dieser, sagen sie, töte die Seele, während er sie doch frei macht, das Leben zu erfassen.

Jetzt wird besonders Klages gefeiert. Überall substituiert man Blut, wo Geist stehen sollte. Aus diesen Blutkräften soll die neue Tragödie entstehen. Es ist ein Zufall, dass die Blutorgie in Deutschland nicht ausgebrochen ist.

Es ist, eine ›Feier‹ altgermanischer, heidnischer, aber degenerierter Mysterien, Aber die Deutschen lieben doch zu viel Gesittung, [so] dass sie abgestoßen werden, wenn man auf ihre Instinkte spekuliert. Da mache ich nicht mit, sagen immer mehr. Einstein, den sie gestern noch feierten, gibt die deutsche Staatsangehörigkeit auf. Und viele gibt es (viele?) welche lieber durch ein solches Regiment zu Grunde gehen als dass sie emporkommen.

Im Berliner Tageblatt steht am. 4. IV. ein Artikel ›Klarheit!‹ von Karl Vetter. Er beginnt: ›Die großen geschichtlichen Momente der Schicksalsgestaltung eines Volkes verkörpern sich jenseits von Gut und Böse in dem elementaren Erlebnis des Willens der Nation zu neuem schöpferischem Gestalten.‹ Aber der Einzelne, der gestaltet, steht nicht jenseits von Gut und. Böse. Er hat aus dem Geist oder dem Blut heraus zu schaffen. Wer sich auf das Blut beruft, nimmt ein blutiges Ende.

Schon jetzt habe ich den Eindruck, als ob diese Leute nicht weiter wüssten.

Wie kann Deutschland Verständnis erwarten, wenn es sich nur auf das Blut des Volkes beruft und anderes Blut (ob dieses auch vom Geist verwandelt sein mag) verachtet, wenn es nicht für die Menschheit da sein will. Jetzt gibt es der Menschheit nichts. Und die Menschheit wendet sich ab«.

28. April 1933: »Vorempfindung. Es kommt zur Konfrontation: Früher oder später. Am 16. April hielt ich meinen Vortrag, der Punkt für Punkt das kulturzerstörende Treiben der nur nationalen Impulse darstellte.

Es ist eine Mobilisation im Gange. Merkwürdig, dass es niemand merkt. Duesterberg [zweiter Bundesführer des «Stahlhelms] muss gehen. Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder. 16.000 Gefangene in Konzentrationslagern«.[6]

30. April 1933: »[Eingeklebter Zeitungsausschnitt ›Der Feiertag der deutschen Arbeit. Der 1. Mai in Berlin‹. Anschließend:] Es ist etwas so Kleinbürgerliches, Sentimentales, Geistloses in dieser Bewegung und ein Ersatz durch Lärm und Rausch des Blutes.

Rasse, die degeneriert, statt Menschheit, die erneuert wird. Und dem unterwerfen sich einerseits die religiösen Bekenntnisse, andererseits die Freimaurer-Bünde. Beide werden national. Sie beweisen dadurch, dass sie selber keine menschheitliche Bedeutung mehr haben«.

1. Mai 1933: »Am 20. April öffentliche Aufführung des Antichrist …

Das Schicksal gewährte mir, die Wahrheit zu sagen, ohne dass dies in meiner Absicht gelegen wäre: Durch mein Werk, das zur rechten Zeit aufgeführt wurde. Ich brauchte nichts zu tun, als zu sagen, was richtig ist. Die Wahrheit findet Wege zur Verbreitung.

Es ist doch die Aufführung des Antichrist ein Zeugnis von der Realität der geistigen Welt, welche in die physische zur rechten Zeit eingreift. Hier wurde das erlösende Wort gesprochen, während dort der bindende Befehl geschah. Das Wesen des deutschen Geistes als eines Menschheitsimpulses dokumentiert sich am Goetheanum in Dornach, während sich in Deutschland das Gegenteilige zeigte.

Es ist ein Sieg errungen. Aber unsere Leute haben ihn verschlafen. Mit Ausnahme einiger Freunde – und Feinde. Die Folge wird sich zeigen. Ich bin furcht-los. …

Auf dem Tempelhofer-Feld in Berlin sei das bisher größte Feuerwerk Europas abgebrannt worden, hieß es in den Zeitungen. Feuerwerker und Schaumschläger. Nach der gigantischen Regie ein um so beschränkterer Erlass. Sie müssen die Nation betäuben, damit sie ihre Dummheiten tun können. Da heißt es, das Volk müsse sich kennen lernen, und zugleich wird eine Geheimpolizei eingerichtet. …

Ein kluger Reklamechef ist noch kein guter Geschäftsmann. Was ist der Regisseur ohne den Dichter? Worte ohne Geist. …

Das Problem der römischen Kaiser. Dr. Steiner sagt (ich las es gestern): ›Wo sich der Mensch wie ein römischer Cäsar als Gott verehren lässt, verliert er seine Menschlichkeit und sinkt in die Untermenschlichkeit herunter. Er hört auf, Mensch zu sein, wenn er sich als etwas Übermenschliches verehren lässt im sozialen Leben. Den Menschen drohte (vor dem Mysterium von Golgatha) also, ihre Menschlichkeit zu verlieren; und sie wurde ihnen wiedergegeben durch die Erscheinung des Christus auf Erden‹.

In der Zeitung steht: ›Der Reichskanzler schloss: Wir wollen uns brüderlich vertragen und zusammen ringen, damit einmal, die Stunde komme, da wir vor unseren Herrgott hintreten können mit der Bitte: Das deutsche Volk ist nicht mehr das Volk der Ehrlosigkeit und Schande, der Selbstzerfleischung, der Kleinmütigkeit und Kleingläubigkeit. Das deutsche Volk ist wieder stark geworden in seinem Geiste, stark in seinem Willen und stark in seiner Beharrlichkeit. Herr, wir lassen nicht von dir. Nun segne unseren Kampf um unsere Freiheit und damit unser deutsches Volk und Vaterland‹.

Und dann brannte das große Feuerwerk ab.

Die Frage ist: Wer ist dieser Gott, der angerufen wird (gewiss im Ernste, aber ohne Erkenntnis)? Es ist der Volksgott, aber nicht der Menschheitsgott. Seine Tragik wird dann beginnen, wenn er die verfolgt, welche dem Menschheitsgott – Christus – folgen. Da würde er das Deutschtum in seinem Keimpunkte vernichten. Fast scheint es, als wisse er um diese Gefahr«.

25. Mai 1933: »Die Repräsentanten der anthroposophischen Gesellschaft haben sich nun das Wissen durch ein langes Studium errungen, und nicht nur das Wissen um den Inhalt der Geisteswissenschaft, sondern auch das um die Methode. Es gilt jetzt, die Methode zu üben.

Das aber heißt, geistig leben. Und zwar auf konzentrierte Weise. Es heißt, das Schicksal verdichtet und verkürzt verwirklichen. Zukünftiges in der Gegenwart austragen. In Augenblicke zusammenfassen, was sich sonst über lange Lebensperioden erstreckt.

Die Proben und Prüfungen, die man sich nicht selber auferlegt, werden von außen an uns herankommen, durch Leiden, ›Schutzhaft‹, Verfolgen – durch Martyrien. Wir sollen ›Helden‹ werden, die wertvoller sind, als jene, welche es durch Gewalt werden. Helden des Geistes, nicht Helden des Blutes. Sonst wird man uns nicht folgen.

Es kommt allen Anzeichen nach die Epoche, wo man das Leben einzusetzen hat. Aber wir müssen den Angriff abwarten. Noch ist unsern Verfolgern eine Frist gegeben. Wenn diese das letzte Deutschtum (das des Geistes, welches die Menschheit von uns fordert) verfolgen, sind sie als Widersacher entlarvt.

Und gerade das entscheidet sich in diesen Tagen, wo jenes von uns redigierte Dokument an offizielle Stelle gelangt ist.

Im Drama Hitler tritt die entscheidende Wendung ein, die zum Aufstieg oder Absturz fuhren muss, und wo sich die geistige Macht der esoterischen Bewegung erweist. Sine nefas.

Müssen wir nicht dankbar sein, dass diese Probe kommt?«

1. Juni 1933: »Nachdem Deutschland militärisch niedergeworfen und wirtschaftlich zu Grunde gerichtet worden ist, vernichtet es sich geistig. Es besteht die letzte Probe nicht. Es lässt sich den einzigen Retter, Rudolf Steiner, verbieten, verleumden und verlästern. Schon darf man nicht mehr nach Dornach fahren aus Deutschland. Das Visum ist verweigert vom Konsulat in Basel

Statt dass die Kulturträger Deutschlands wie ein Mann gegen die Knechtung des Geistes aufstehen, stellen sie sich geschlossen hinter diese Regierung. Wenn es so weitergeht (und z.B. die Bücher Dr. Steiners verboten werden) dann muss Deutschland durch eine Periode des Wahnsinns hindurch, dann ist sein Schicksal, von einem Besessenen vergewaltigt zu werden, dann wird es von dem Tobsuchtsanfall eines Tyrannen zu Boden gerissen und in den Todeskampf geraten, – aber immer kann es gerettet werden, wenn es sich an den lebendigen Geist wendet, der da ist«.

8. März 1934: »Die Konfrontation (antikatastasis) mit Hitler im Allgemeinen (was die Gesellschaft betrifft) und im Besonderen (persönliches Schicksal) ist da, wenn sie auch noch nicht sichtbar geworden ist. Hitler, der Führer, der gegenwärtig mit dem Deutschtum identifiziert wird und es zulässt, dass Millionen den Eid der Gefolgschaft auf ihn schwören, und der Vorsitzende der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft sind gegenwärtig die größten Gegensätze, die denkbar sind. Und sie sind und das Sein wird konsequent gelebt, hier wie dort. Hitler kehrt zur Rasse zurück. Der Anthroposoph überwindet sie. Bei ihm Blut. Bei uns Geist. Er sucht die Nicht-Arier zu eliminieren, wir geben ihnen die Möglichkeit, die wir selbst bekommen, uns und (sich) zu einem reinen, über den Rassen stehenden Menschentum zu erheben. Wobei wir sagen können, der Mensch der Gegenwart, welcher das universalste Menschentum lebte (der durchchristete Mensch) war ein Arier (Rudolf Steiner) und er wirkte unter Ariern, schrieb und sprach in der Sprache der Arier. Aber das verpflichtet die ›Arier‹: Und wenn sie diesen höchsten Typus der Arier (ich rede immer in ihrer Redeweise) nicht erkennen, so entwerten sie das Ariertum. Er aber war der Lehrer der Geisteswissenschaft, nicht der Rassenpolitik. Hitler ist der Mann, der das Deutschtum am meisten entwürdigt.

Das Zweite ist, dass Hitler die Kranken, Epileptischen (die er als solche gar nicht erkennen kann, dies könnte eben nur der Mensch, der Geisteswissenschaft hat) aussondern will, sterilisiert, d.h. auf Heilung mittels des Geistes, der Erziehung, des Opfers verzichtet.

Hier wird seine fürchterliche Theorie Praxis. Ich (und jeder, der das Ich in sich durchchristen will) trete gegen ihn auf, indem ich vor den Göttern und vor dem höchsten Gott, Christus, der Mensch geworden ist, mein Leben so einrichte, dass es ein Protest ist.

Einmal wird jedermann davon erfahren (wenn, nicht jetzt) und sehen, wie bewusst das Gegenteil von dem gelebt wird, was dieser Führer als Gefolgschaft verlangt.

Ich adoptiere das Kind eines Juden (und zwar des bedeutendsten) Stückgolds: Felizitas. Dieses Kind ist gelähmt und epileptisch. Es würde trotz seiner Unschuld diesen rohen Eingriff erleiden müssen.

(Ach, ich denke an den Besuch eines Lehrers, der alle Kinder seiner Anstalt [60 epileptische] angeben musste.)

So wird es zu einer Demonstration vor der Menschheit, wenn ich Elisabeth meine Hand biete. Denn dies allein ermöglicht, das Kind an Vaterstatt anzunehmen. So kann ich als Leiter der anthroposophischen Gesellschaft bis in das innerste Ich das Gegenteil dessen tun, der heute vor der Welt (unerkannt) die Taten des Antichrist vorbereitet. Denn Hitler ist heute ein Vorläufer des Antichrist. Aber er kann noch umkehren. Er ist jetzt von allen Seiten her mit der Anthroposophie bekannt geworden. Durch die Landwirtschaft, die Pädagogik, die Geisteswissenschaft.

Er muss sehen, dass alles anders ist, als er es will. Er muss, wenn er ein verständiger Mensch ist, Einsicht haben und umkehren. Ich glaube, dass er aus einem Saulus ein Paulus werden kann. Sonst wird er sich verhärten«.

Der dänische Generalsekretär, Johannes Hohlenberg (1881-1960), der seit 1926 die norwegische Zeitschrift für Anthroposophie »Vidar« herausgab, hatte für Wachsmuths Diplomatie wenig übrig und trat aus Protest gegen dessen Bemerkungen zurück.

Hohlenberg gehörte zu jenen kosmopolitischen, unabhängigen Anthroposophen, die frühzeitig die verhängnisvolle politische Entwicklung in Europa erkannten. In seiner Zeitschrift setzte er sich schonungslos mit Rassismus, Faschismus, Mussolini und der Nazi-Bewegung auseinander. 1933 war er zu einem der wichtigsten Mitarbeiter der von Alf Larsen gegründeten Zeitschrift »Janus« geworden, die sich stärker als »Vidar« an die allgemeine Öffentlichkeit wandte.

Die dezidiert antifaschistische Haltung der beiden anthroposophisch orientierten Zeitschriften stieß innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft auf Widerstand, da man zu Beginn der Nazi-Zeit, wie die Äußerungen Wachsmuths belegen, noch glaubte, die Arbeit ohne Konflikt mit dem politischen System weiterführen zu können. Hohlenberg kritisierte die Haltung des Dornacher Vorstands und warf ihm Kompromisslertum vor. Die Gegensätze eskalierten, als Hohlenberg Ende 1935 in »Vidar« auf das Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland und der Zeitschrift »Anthroposophie« Bezug nahm und schrieb, »Vidar« sei »eine von den wenigen, wenn nicht die einzige Zeitschrift, die restlos für die Ideen Rudolf Steiners eintritt. Sie ist die einzige anthroposophische Zeitschrift des Nordens und wird sich so weit als möglich als Organ der Bewegung in Deutschland betrachten, solange deren eigene Stimme von der Gewalt unterdrückt ist.« Diese Äußerung hielt man in Dornach für eine maßlose Selbstüberschätzung. Marie Steiner entzog Hohlenberg das Recht, Übersetzungen von Vorträgen Rudolf Steiners in »Vidar« zu veröffentlichen, und er wurde zum Austritt aus der Gesellschaft aufgefordert. Damit begann eine Auseinandersetzung, die schließlich zu einer Spaltung der Landesgesellschaft und 1940 zu ihrer Auflösung und Neubegründung führen sollte.

Wachsmuth steigerte sich allerdings noch. Denn in einem Reisebericht, den er am 25. Juni im »Nachrichtenblatt« der Gesellschaft veröffentlichte, schrieb er: »Es ist gut, dass unter den Mitgliedern … jene Menschen … zahlreicher und stärker sind, die gewillt sind, an der Lösung der Probleme und Zukunftsaufgaben tapfer und tätig mitzuwirken. Goethe sagt im Augenblick allgemeiner Verwirrung um ihn herum das wache Wort: Von hier und heute aus geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, Ihr seid dabei gewesen. Es ist ermutigend, dass diejenigen, die ›dabei‹ sein wollen, auch in unseren Reihen überwiegen.« Wachsmuth stand mit seiner positiv gefärbten Sicht bekanntlich nicht alleine. Rüdiger Safranski schreibt in seinem Buch »Ein Meister aus Deutschland« über die erste Hälfte des Jahres 1933: »Etwas wirklich Neues schien sich anzukündigen: eine Volksherrschaft ohne Parteien mit einem Führer, von dem man hoffte, dass er Deutschland wieder einig nach innen und selbstbewusst nach außen machen werde. Hitlers ›Friedensrede‹ vom 17. Mai 1933, worin er erklärte, dass ›die grenzenlose Liebe und Treue zum eigenen Volkstum‹ den ›Respekt‹ vor den nationalen Rechten anderer Völker einschließe, tat ihre Wirkung. Die ›Times‹ schrieb: Hitler hat ›tatsächlich für ein einiges Deutschland gesprochen‹. Sogar unter der jüdischen Bevölkerung gab es – trotz des Boykottes jüdischer Geschäfte am 1. April und der Entlassung jüdischer Beamter seit dem 7. April – zum Teil eine begeisterte Zustimmung zur ›Nationalen Revolution‹. Georg Picht erinnert sich, wie Eugen Rosenstock-Huessy im März 1933 bei einem Vortrag erklärte, die nationalsozialistische Revolution sei der Versuch der Deutschen, den Traum Hölderlins zu verwirklichen.«

Auch zu diesem Thema gehört, dass Marie Steiner sich im Herbst 1933 darum bemühte, posthum einen »Ariernachweis« für Rudolf Steiner zu erhalten, der schließlich Ende Oktober vom Berliner Sachverständigen für Rasseforschung beim Reichs-Innenministerium ausgestellt wurde. Auf diese Weise hoffte man, der weiterhin von der NS-Propaganda verbreiteten Behauptung, der »Jude Steiner« sei am deutschen Unglück schuld gewesen, entgegentreten zu können. (Mehr zu diesem Thema, das hier nicht ausgeweitet werden kann in: Uwe Werner, »Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945)«, aus dem auch die hier referierten historischen Vorgänge geschöpft sind, sowie: Lorenzo Ravagli, »Unter Hammer und Hakenkreuz. Der Kampf der völkisch-nationalsozialistischen Bewegung gegen die Anthroposophie« – das Buch ist hier beziehbar).

Unter Hammer und Hakenkreuz: Der Kampf des Nationalsozialismus gegen die Anthroposophie

Unter Hammer und Hakenkreuz: Der Kampf des Nationalsozialismus gegen die Anthroposophie

Doch kehren wir nach diesem Ausflug in die Welt der Politik wieder nach Dornach zurück. Hier sind in der Windstille hinter dem Orkan wenige Ereignisse zu verzeichnen, wenn man davon absieht, dass sich der Graben zwischen Steffen und Elisabeth Vreede in diesem Jahr vertiefte. Den Anlass bot der Wunsch Vreedes, an der Weihnachtstagung mitzuwirken, an der sich die Gründungsversammlung der Gesellschaft zum zehnten Mal jähren sollte. Aufgrund der zurückliegenden schlechten Erfahrungen mit der Vorbereitung von Tagungen wandte sie sich frühzeitig, Anfang November, an Steffen, mit der Ankündigung, zu Weihnachten eine Reihe von Vorträgen zum Thema »Alte und neue Mysterien« durchzuführen und dem Angebot, diese, wenn gewünscht in das Programm der Weihnachtstagung zu integrieren. Einige Tage darauf erhielt sie ein Schreiben von Wachsmuth, das die Mitteilung enthielt, die diesjährige Weihnachtstagung werde ausschließlich von Herrn Steffen »arrangiert«. Sie antwortete umgehend mit einem Hinweis auf ihren bereits erfolgten Vorschlag. Am 16. November wurde im »Nachrichtenblatt« ein Tagungsprogramm veröffentlicht, das auf ihren Vorschlag mit keinem Wort einging und auch keinerlei Vorträge vorsah, sondern nur Aufführungen und Vorlesungen von Vorträgen Steiners.

Diesen Vorgang wollte sie nicht auf sich beruhen lassen und schrieb an Steffen, sie halte ihr Vorhaben aufrecht und bitte um Veröffentlichung des bereits eingesandten Programms im »Nachrichtenblatt«. Kurz darauf erschien dieses Programm zusammen mit ihrem Begleitbrief im »Nachrichtenblatt«, jedoch ohne Hinweis auf die vorausgegangene Korrespondenz mit ihrem Angebot, sich in die Weihnachtstagung zu integrieren. Dadurch entstand der Eindruck, sie hätte die Absicht, zu Weihnachten eine »Konkurrenzveranstaltung« zur Goetheanumtagung durchzuführen. Die Reaktionen blieben nicht aus: ihr wurde die Absicht unterstellt, Steffens Vorhaben zu durchkreuzen, der zur zehnjährigen Gedenkfeier der Weihnachtstagung lediglich das Wort Rudolf Steiners erklingen lassen wolle. Allerdings stellte sich, als die Weihnachtstagung anfing, heraus, dass doch Vorträge stattfinden sollten und zwar von Herrn Steffen und zwar genauso viele und zu genau den Zeiten, zu denen die Vorträge Vreedes und ihrer Mitarbeiter angekündigt waren, die sie daraufhin verschob. Im Vorfeld der Weihnachtstagung fand gegen Elisabeth Vreede eine massive Agitation statt, Dornacher Mitglieder sprachen von »einer ungehörigen Anmaßung«, der Zweig am Goetheanum, dessen Sekretärin Vreede zu dieser Zeit noch war, warf ihr in einer Resolution vor, »in die Rechte des Vorsitzenden der Gesellschaft« einzugreifen, die deutsche Landesgesellschaft veröffentlichte ein Schreiben, in dem von der »Unmöglichkeit« die Rede war, »dem Vorsitzenden unserer Gesellschaft einfach Vortragsprogramme zuzumuten, ohne sich um [seine] Intentionen für die Arbeit zu kümmern«, Hermann Poppelbaum sprach von einem »Missbrauch der Räume des Goetheanum« durch Elisabeth Vreede.

Rückblickend schrieb Vreede in ihrem 1935 erschienenen Buch »Zur Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft seit der Weihnachtstagung 1923« über diese Vorgänge und die Entwicklung bis zu ihrem Ausschluss: »Inzwischen ist nach dieser Auffassung weiter gehandelt worden. Die Vortragsräume im Goetheanum werden mir seit einem Jahr durch Schlüsselgewalt verschlossen, die Ankündigung jetzt auch von Veranstaltungen der mathematisch-astronomischen Sektion immer mehr verunmöglicht, indem sie nicht mehr in das Mitteilungsblatt aufgenommen, und die Zettel am schwarzen Brett systematisch abgerissen werden. So wird auch die Erfüllung dieser mir von Rudolf Steiner gestellten Aufgabe, an der ich seit über zehn Jahren nach besten Kräften gearbeitet habe, immer mehr lahmgelegt.

Von einer Vorstandstätigkeit ist schon seit langem keine Rede mehr. Jede Mitarbeit ist seit Jahren immer mehr und mehr beschnitten worden, bis zuletzt überhaupt nichts mehr übrig blieb, außer der Tatsache, dass, wenn ich von mir aus anthroposophische Arbeit allein oder mir anderen verrichten will, dies mit besonders übel vermerkt wird, da es angeblich gegen meine Vorstandspflichten gehe, selbstständige Arbeit zu verrichten. Diese allmähliche und zuletzt vollständige Entrechtung in bezug auf meine Arbeit ist im Laufe der Jahre auf verschiedene Weise erreicht worden …«

Die Auseinandersetzungen über Vreedes Vorträge zu Weihnachten waren aber nur das Vorspiel für einen nächsten großen Akt im Drama der Gesellschaft, der sich in den nächsten beiden Jahren entrollen und mit der endgültigen Katastrophe enden sollte. (Beitrag aktualisiert am 16.07.2016.)

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Anmerkungen

[1] Zitiert nach »Hinweise und Studien. Zum Lebenswerk Albert Steffens«, Heft 18/19, Dornach, Winter 2003/2004, S. 83 ff.

[2]  Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt. Der Sturz der Geister der Finsternis. Geistige Wesen und ihre Wirkungen, GA 177.

[3] Rudolf Steiner, Apokalypse und Priesterwirken.15.09.1924.

[4] Ebenda, 20.09.1924

[5] Siehe ebenda, 17.09.1924

[6] Aufgrund der Notverordnung vom 28.2.1933 wurden Gegner des Nationalsozialismus in »Schutzhaft« genommen. Am 8. März kündigte Reichsinnenminister Frick die Schaffung von Konzentrationslagern an. Das erste, für 5.000 Menschen konzipierte Lager ließ der damalige Polizeipräsident von München, Heinrich Himmler, am 20. März auf dem Gelände einer ehem. Pulverfabrik in Dachau errichten. In etwa 50 Lagern befanden sich am 31. Juli 1933 bereits 26.789 Personen in Haft.

2 Kommentare

  1. Christoph Klipstein

    Zum Themenkreis „Hans Büchenbacher – Erinnerungen 1933 – 1949
    Anthroposophie, Dreigliederung des Gesellschaftsorganismus und Nationalsozialismus“

    Groß angelegte, vorübergehend breit unterstützte Kampagnen, 1919 in Württemberg und 1921 in Oberschlesien, entwickelten sich nach Rudolf Steiners „Aufruf an das deutsche Volk und die Kultur­welt“. Sie sollten eine Bewegung für einen sozialen Neubeginn (die soziale Dreigliederung) nach dem Zusammenbruch Europas 1918 zunächst in Deutschland initiieren. Sie wurde sowohl von der äußersten Linken als auch der völkischen Rechten heftig bekämpft und hatte schließlich keinen Erfolg. In einem „tragischen Ge­horsam“ gegenüber ihren Parteiführern, die um ihre Machtpositionen bangten, so charak­terisierte es Rudolf Steiner, brach das Engagement der vielen damals sozialistisch orien­­tierten „Dreiglie­derer“ zusammen. Gegen die heftigen Attacken von rechts waren diese jedoch weit­gehend immun. Die negative bürgerliche Presse spiegelte nur wider, dass weite bürgerliche Kreise die gleichen Vor­behalte gegen die Dreigliederung hegten wie etwa gegen Kurt Eisner oder Rosa Luxemburg. Als historische Episode wurde das Ganze in wenigen Jahren verdrängt und vergessen.
    Allerdings nicht ganz: Die Nazis erinnerten sich später, nachdem „völkische Kreise” am 22. Juni 1922 ein in letzter Minute misslungenes Attentat auf Rudolf Steiner geplant hatten: Sie verfügten das Verbot der anthroposophischen Gesellschaft im Juni 1935, von Rudolf Steiners Gesamtwerk, sowie 1938 die Schließung der Waldorfschulen (die Schließung der Dresdener Waldorfschule allerdings erst 1944, sie wurde bereits 1946 in der sowjetischen Besatzungszone wieder eröffnet). Nur die biologisch dynamische Landwirtschaft blieb in gewissem Rahmen toleriert. Obwohl der „Reichsbauernführer” voll auf chemische Landwirtschaft setzte, gab es gewisse Kreise, die meinten, dass gesunde Vollwertkost, etwa für SS-Offiziere, nicht zu verachten sei.
    Wir Heutigen dürfen dabei jedoch nicht die Augen davor verschließen, dass es zur geistig-moralischen Verdunkelung dieser Zeit gehörte, dass es, ebenso wie unter Christen aller Konfessionen, auch in der anthroposophischen Bewegung viele Mitläufer und Sympathisanten Hitlers gab und einige überzeugte Parteimitglieder, vor allem vor der Verbotszeit 1935.
    Zu diesem sensiblen Thema möchte ich aus meinem persönlichen biographischen Horizont einige charaktrisierende Hinweise geben: Mein Vater Hermann Klipstein hatte als Student in den 1920ger Jahren in Berlin die Anthroposophie kennengelernt (nach dem Kriege war er Klassenlehrer an der Wuppertaler Rudolf Steiner Schule) . Seine Hoffnungen, beruflich einmal im Sinne der sozialen Dreigliederung tätig werden zu können, zerschlugen sich durch die nationalsozialistische Machtergreifung. Die gesundheitliche Folge der damit verbundenen seelischen Erschütterung war ein Blutsturz, den er 1933 im Alter von 28 Jahren erlitt.
    In einem Gespräch sagte er mir einmal: dass er nur wenige Sätze mit einem Menschen sprechen müsse, um zu erkennen, ob er Nazi gewesen sei oder aber auch nur als „Wackelkandidat“ vorübergehend mit den Nazis symphatisiert habe. Das sei ihnen wie ein Kainsmal auf die Stirne geschrieben! Das gelte leider auch für manche Anthroposophen. Er nannte mir auch zwei Namen aus der Lehrer- und Elternschaft der Wuppertaler Rudolf Steiner Schule, die trotzdem sein (und übrigens auch mein) volles Vertrauen genossen. Die Biografien in dieser Zeit waren eben nicht einfach… Mein Deutschlehrer Wilhelm Rauthe, der in 1930ger Jahren mit dem anthroposophischen und jüdischen Wuppertaler Arzt Dr. Karl Wiener befreundet war, wurde innerhalb der Wuppertaler Antroposophenschaft von einigen als pessimistischer Mießmacher empfunden aufgrund seiner klaren, warnenden, grundsätzlichen und kompromislosen Ablehnung des Nationalsozialismus. Der aber klar und warnend vorausgesehen habe, was andere zunächst nicht wahrhaben wollten. Solches konnte ich als Jugendlicher aus diversen Gesprächsfetzen der Älteren entnehmen.
    Hans Büchenbacher (Vater meines Gartebaulehrers Hans Büchenbacher und Großvater meines Klassenkameraden Hans Jürgen Büchenbacher) musste in der NS-Zeit den Vorsitz der Antroposophischen Gesellschaft in Deutschland abgeben und emigrieren. Er schätzte damals die Zahl der Mitläufer unter den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft auf etwa zwei Drittel. Mag diese negative Einschätzung aufgrund der deprimierenden Situation vielleicht zeitbedingt recht übertrieben ausgefallen sein, die Tatsache, dass es überhaupt Sympathisanten und Parteimitglieder gab, wiegt schwer!
    Zu den Tatsachen, zumindest für den Wuppertaler Raum bin ich mir da ganz sicher, gehört dabei aber auch, dass unter Anthroposphen Denunziationen bei der Gestapo unüblich waren.
    Was uns W. Rauthe aus dieser Zeit erzählte, von studentischer Oppostion etwa, oder von einem Freund, der wegen seines „nordischen Aussehens“ zur SS eingezogen wurde und Hitler ermorden wollte oder von einem Besuch Dr. Wieners in einer psychiatrische Anstalt, ist mir unvergesslich geblieben.
    Mein Vater war bis 1941 Betriebsleiter bei der Fa. Stocko in Wuppertal Elberfeld und hatte in dieser Zeit polnischen „Fremdarbeitern“, wie die Zwangsdeportierten offiziell genannt werden mussten, heimlich Zigaretten, Frühstücksbrote und dergleichen zugesteckt. Seiner kommunistischen Sekretärin Lotte Adams ist das nicht verborgen geblieben und so erhielt ihre kommunistische Zelle im Untergrund wohl auch Kenntnis davon. Das mag mit eine Ursache davon gewesen sein, dass wir nicht wenige „Kommunistenkinder“, neben Kindern aus Unternehmerfamilien als Mitschüler an unserer 1946 eröffneten Schule hatten. – Dass es einige Klassen unter uns auch zwei jüdische Mitschüler gab, war für uns völlig normal. Einer von ihnen, in einer Schüleraufführung des Egmont (J. W. v. G.) , ein überzeugender Herzog von Alba, war später mit einem meiner Klassenkameraden befreundet. Und dass dies in Deutschland damals alles andere als normal war, ist uns erst viel später aufgegangen.
    1973 auf dem „Jahreskongress Dritter Weg“ in Achberg bei Lindau Bodensee gab es bewegende Menschenbegegnungen und vertrauensvolle Zusammenarbeit von Anthroposophen, verschiedenen anderen „alternativ Bewegten“, Emigranten aus der damaligen CSSR und Sowjetunion und Überlebenden des Holocoust um eine zeitgemäße Renaissance einer „Brücke Ost West“, wie sie 1919 mit der Bewegung für soziale Dreigliederung gegeben war.
    Dass der Nationalsozialismus die „Anti-anthroposophische Bewegung“ ist, wie J. Tautz es formuliert hatte, hatten viele Anthroposophen nicht bemerkt; und dass dies für den kulturellen Mainstream absurd erscheint und Versuche Rudolf Steiner und Josef Beuys in die völkische Ecke zu schieben „en vogue sind, wird nicht so leicht zu verändern sein. Der Spiegel weigerte sich zum Beispiel eine Gegendarstellung zur „Riegelbiografie“ über Beuys zu bringen, zu der er presserechtlich verpflichtet gewesen wäre (den Rechtsweg einzuschlagen erschien uns sinnlos).
    Anbei ein wenig bekanntes Dokument aus der Arbeit der Friedensinitiative „Brücke Ost-West“.

    Christoph Klipstein
    Waldorflehrer im Ruhestand, Mitglied im Vorstand des Internationalen Kulturzentrums Achberg.

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