1936-1946 | Ahrimans Unterpfand. Der Streit um den Nachlass Rudolf Steiners

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Marie Steiner

Nach 1935 kann die Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung nicht mehr ausschließlich als Geschichte jener Gesellschaft erzählt werden, die in Dornach ihren Mittelpunkt sah. Wenn sich anthroposophische Bewegung und Gesellschaft durch die Übernahme des Vorsitzes seitens Rudolf Steiners miteinander vereinigt hatten, dürften sie spätestens seit den großen Ausschlüssen im Jahr 1935 wieder getrennte Wege gegangen sein. Seither gab es nicht mehr nur eine anthroposophische Gesellschaft, sondern mehrere, der Vorstand in Dornach war ein »Rumpfvorstand« und wenn ein Merkmal seiner Esoterizität seine – zwar stets beschworene, aber nie wirklich erreichte – Einheit gewesen sein sollte, dann stellte die Berufung auf den »esoterischen Vorstand« – den Vorstand, wie er durch die Weihnachtstagung konstituiert worden war – seit diesem Zeitpunkt einen Anachronismus dar. Die anthroposophische Bewegung entwickelte sich weiter, in Holland auf medizinischem und heilpädagogischem Gebiet, da viele Ärzte Ita Wegman und ihrer Sektion treu blieben, in England, wo Karl König, der ebenfalls ausgeschlossen worden war, 1939 in der Nähe von Aberdeen die Camphill-Bewegung gründete. Eine Zusammenschau der Geschichte dieser von Dornach bis zu ihrem Wiederanschluss 1948 unabhängigen anthroposophischen Bewegung und Gesellschaften ist ein – hier nicht erfüllbares – Desiderat.

Die Gesellschaft in Dornach bezeichnete sich zwar weiterhin als »Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft«, aber ebenso wie die katholische Kirche ihr Prädikat »kat’holos« (allgemein, allumfassend) zu Unrecht führt, da sie lediglich das Endprodukt eines langwierigen Aussonderungsprozesses ist, entsprach auch das anspruchsvolle Prädikat der Dornacher Gesellschaft nicht mehr den geistigen und sozialen Tatsachen, zumindest nicht für den Zeitraum bis 1948 und einige Zeit darüber hinaus.

Wer 1935 glaubte, nach dem Ausschluss Ita Wegmans, Elisabeth Vreedes und einiger weiterer Protagonisten, sowie großer Teile der englischen und holländischen Landesgesellschaft, werde endlich Friede in die internationale Gemeinde der streitsüchtigen Esoteriker einkehren, fand sich bald eines Besseren belehrt. 1936, im Jahr, als Emil Molt und Adolf Arenson starben, kam es in Dornach zu einem Konflikt zwischen Musikern, die teils Marie Steiner, teils Albert Steffen zuneigten, 1938 zur sogenannten pädagogischen Krise, 1942 löste Roman Boos einen Konflikt zwischen Albert Steffen und Marie Steiner aus, der dazu führte, dass Steffen und Wachsmuth ihre Mitwirkung an der Sommertagung dieses Jahres aufkündigten. Im Dezember 1942 richtete die inzwischen 75jährige Marie Steiner einen dramatischen Verständigungsappell (Marie Steiner, Briefe und Dokumente, Dornach 1981, S. 147 f.) an die beiden Herren und die Schweizer Mitglieder, in dem sie inmitten der globalen und lokalen Katastrophen an die wunderwirkende Kraft und Notwendigkeit des Verzeihens erinnerte:

»Wir stehen als Gesellschaft vor der Frage von Sein oder Nichtsein. Die durch den Weltkrieg über uns hereingebrochenen Katastrophen, die Absperrung der Länder, die Verarmung usw. lassen es kaum möglich erscheinen, dass wir uns als äußere Körperschaft [über diese Zeit] hinüberretten. Doch es geschehen Wunder. Sie geschehen, wenn die moralische Substanz eine so starke ist, dass sie das Wunder rechtfertigt. Was können wir tun, um unsere moralische Substanz zu retten?

Wir können verzeihen! Jeder kann dasjenige verzeihen, was ihm zu verzeihen obliegt. Wir können das Vergessenswerte vergessen, nicht im alten, uns zugefügten Unrecht kramen. Wir können einen Strich machen unter all die alten Geschichten, die uns zermürben und denen wir, sofern wir jung sind oder abseits leben, nicht mehr in der Lage sind, auf den Grund zu blicken. Wir können uns an das Wort halten: Was fruchtbar ist, allein ist wahr. – Wir müssen wieder zusammenarbeiten können, in Eintracht und ohne Ausschluss der uns antipathischen Menschen, – keinem, welcher der Sache und Rudolf Steiner treu ist, die Mitarbeit verwehrend; nicht uns abschließen und verrammeln vor denen, die geistige Erkenntnis suchen, wie nur Rudolf Steiner sie geben kann; nicht die suchenden Seelen zurückstoßen, deretwegen er den Weg des Martyriums bewusst gewählt hat; aus Liebe zur Menschheit, zur ganzen irrenden Menschheit. Liebe wurde ihm zur Erkenntnis, – und kann es einst in uns werden, wenn wir diesen Weg betreten.

Wir stehen vor der zwanzigjährigen Gedenkfeier jenes Brandunglücks, das ihm das irdische Leben genommen hat, trotzdem es noch, fast zwei Jahre hindurch, als helles Opferfeuer glühte und uns mit seiner Flamme nie erahnte Geistesschätze zuführte. Können wir nicht im Anblick dieses Opfers und dieses Todes, an dem wir gewiss als Einzelne und als Gesellschaft alle miteinander schuld sind – denn unser Karma nahm er auf sich – , können wir nicht vergessen, versöhnen, und unsere Tore den Suchenden weit auftun?

Mir scheint, dass hier die einzige Möglichkeit für unsere Läuterung liegt – als Gesellschaft und als Einzelne. Ich sage es im Vollbewusstsein des Gewichtes dieser Worte, im Bewusstsein der Tatsache, dass ich nach Menschenermessen ja bald vor Rudolf Steiners Geistgestalt zu treten haben werde. Retten wir sein Werk und die Menschheitskultur, indem wir uns überwinden und versöhnen, indem wir unsere Tore den Suchenden weit öffnen.«

Dieser biographisch, aber auch zeit- und gesellschaftsgeschichtlich höchst aufschlussreiche Apell verhallte nahezu ungehört, erreichte jedenfalls nicht jene, an die er eigentlich gerichtet war. Dafür erhielt Marie Steiner von – für sie vermutlich – höchst unerwarteter Seite eine Antwort: von Ita Wegman. Aus dem Kur- und Erholungsheim Casa Andrea Cristoforo in Ascona schrieb die 65-jährige ehemalige Weggefährtin und Pflegerin Rudolf Steiners: »Ihr Artikel wird so verschieden gedeutet. Ich erlaube es mir nicht einen [!] Urteil darüber zu haben. Ich wünsche nur so sehr mit diesen Zeilen zum Ausdruck zu bringen, dass Ihre Worte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht haben, sie sind groß und zukunftsvoll …« Allerdings verstarb die Autorin dieser Zeilen bereits am 4. März 1943 nach kurzer heftiger Krankheit, so dass die Zukunft, auf die sie sich Hoffnungen machte, – für sie zumindest – nicht mehr in Erscheinung treten konnte. Auch Elisabeth Vreede, die andere Ausgeschlossene, verstarb noch im selben Jahr, am 31. August 1943. Damit verabschiedeten sich die beiden großen Kontrahentinnen aus dem gemeinsamen Schicksalsstrom, der alle Mitglieder des Gründungsvorstandes miteinander verband. Marie Steiner hingegen standen noch weitere fünf Jahre eines Leidensweges mit der Gesellschaft, deren Vorsitzende sie einst hatte werden sollen, bevor.

Trotz der hier angedeuteten Krisen und der sich in Deutschland und dem Rest der Welt zusammenbrauenden Verhängnisse wurde die Arbeit am Goetheanum nach 1935 fortgesetzt. Marie Steiner inszenierte die Mysteriendramen Steiners, Dramen von Goethe, Schiller und Steffen und ließ weitere Stücke, Konzerte und Eurythmieaufführungen erarbeiten. Im Jahr 1938 fand am Goetheanum die Welturaufführung des gesamten Goetheschen Faust statt.

Allerdings engten die Entwicklung im nationalsozialistischen Deutschland, das im November 1935 die Anthroposophische Gesellschaft verbot, und der 1939 ausbrechende Krieg die Arbeit zunehmend ein. Deutschland war die bedeutendste Einnahmequelle der internationalen anthroposophischen Gesellschaft und des Goetheanum, der Wegfall des Bücherverkaufs in diesem Land und der Mitgliedsbeiträge aus ihm stellte das Goetheanum vor die Frage seiner Existenz, die sich mit dem Ausbruch des Krieges massiv verschärfte.

Gleichzeitig erlangte der Kreis von Goetheanum-Mitarbeitern, der mit Albert Steffen und Wachsmuth verbunden und um das Goetheanum angesiedelt war, in diesen Jahren eine immer größere Bedeutung, die sich allmählich auch auf die Führung der Gesellschaft auswirkte. Beim Ausbruch des II. Weltkriegs riegelte die Schweiz ihre Grenzen ab, am 2. September wurde die Mobilmachung der Armee ausgerufen. Die weltpolitische Situation stellte das Goetheanum vor schwerwiegende Probleme: die Arbeit hing von Spenden und Mitgliederbeiträgen ab, der Unterhalt des Baus verschlang nicht mehr aufzubringende Summen. Nach der Michaelitagung im September 1939 wurde das Goetheanum offiziell geschlossen und dem Schweizer Militär für Einquartierungen zur Verfügung gestellt. Die Schreinerei wurde zum Zentrum der Aktivitäten, die auch nach der Schließung des Goetheanum in beschränkterem Umfang fortgeführt wurden. Der Kreis der Teilnehmer an Tagungen und künstlerischen Veranstaltungen verengte sich auf Schweizer Mitglieder oder in der Schweiz ansässige Anthroposophen. Die angedeuteten Konflikte sind, wie Marie Steiner sich ausdrückte, auch darauf zurückzuführen, dass die Dornacher sich während des Krieges »gegenseitig auf die Füße traten«. Nahezu zwangsläufig erlangte der Schweizer Vorsitzende der Gesellschaft eine immer größere Bedeutung. Steffen selbst betonte stets, er achte die Freiheit all seiner Mitarbeiter. Gleichzeitig wuchs seine persönliche Empfindsamkeit und Verletzbarkeit mit der wachsenden Verantwortung und der zunehmend problematischen Situation der Gesellschaft. Auch nach 1935 zeigte sich in seinem Verhalten das Muster des Rückzugs bei Kritik an seiner Person oder Zweifeln an seiner Integrität, das jeweils zu Vertrauensbekundungen seitens seiner Anhänger, zu Beteuerungen seiner einzigartigen Bedeutung und zu Ausweitungen seiner Kompetenzen führten.

Ähnlich wie Elisabeth Vreede und Ita Wegman vor 1935 fühlte sich Marie Steiner durch diese Entwicklung mehr und mehr aus der Leitung der Gesellschaft verdrängt und ihr Misstrauen gegen den ersten Vorsitzenden wuchs. Die vielfältigen Aufgaben, die sie als Leiterin der Sektion für redende und musizierende Künste und als Herausgeberin des Nachlasses Rudolf Steiners wahrnahm, ihr hohes Alter und ein Fußleiden, das sie in ihrer Bewegungsfreiheit erheblich einschränkte, führten dazu, dass sie sich vermehrt aus dem Gesprächsprozess des Vorstandes zurückzog. Ihr hohes Altes und ihre Gehbehinderung dienten andererseits als Ausrede, um sie von diesem Prozess auszugrenzen. Allmählich bildeten sich in der Mitgliedschaft zwei Parteien heraus, die sich um Marie Steiner einerseits und Albert Steffen andererseits scharten. Einmal mehr sollte Roman Boos, der bereits in den früheren Gesellschaftskonflikten als polarisierendes Prinzip gewirkt hatte, die Rolle eines Katalysators übernehmen. An seiner Person entzündete sich 1942 die heiße Phase des Konfliktes zwischen Steffen und Marie Steiner.

Boos, der die Sozialwissenschaftliche Vereinigung am Goetheanum leitete, hatte zur Sommertagung 1942 Vorträge angekündigt. Steffen und Wachsmuth standen ihm aber inzwischen ablehnend gegenüber, obwohl er in der Vergangenheit wesentlich dazu beigetragen hatte, ihre Positionen in Generalversammlungen zu stärken. Marie Steiner dagegen unterstützte Boos. Nun aber zogen Steffen und Wachsmuth ihre für die Sommertagung geplanten Vorträge zurück. Steffen begründete diesen Rückzug mit dem versponnenen Argument, er wolle Boos nicht die Redefreiheit nehmen und müsse sich daher von der Tagung zurückziehen, da er eine Veranstaltung, an der Boos mitwirke, nicht eröffnen und leiten könne. Steffens Rückzug löste die erwarteten Reaktionen in der Mitgliedschaft aus: diese wandte sich gegen Boos und da – Marie Steiner ihn unterstützte – auch gegen sie. Die massiven Reaktionen in der Mitgliedschaft veranlassten sie zu dem weiter oben zitierten Appell, der allerdings nicht die von ihr erhoffte Wirkung erzielte. Da ihr Aufruf zur »Rettung des Werkes Rudolf Steiners und der Menschheitskultur« keine nennenswerte Resonanz hervorrief, zog sie die Konsequenz, einen Verein zur Verwaltung des literarischen Nachlasses Rudolf Steiners zu gründen, der von der Gesellschaft und ihrer Führung unabhängig war und sicherstellen sollte, dass dieser nicht in die Hände einer Gesellschaft fiel, von der sie nicht erwartete, er werde sich ihren Vorstellungen entsprechend um ihn kümmern.

Bereits in den dreißiger Jahren hatte sie sich um eine Regelung des Nachlasses bemüht. 1934 hatte sie eine Gruppe von Menschen bestimmt, die diesen Nachlass nach ihrem Tod verwalten sollte, zu der bis 1941 Albert Steffen und Guenther Wachsmuth gehörten. Am 3. Juni 1943 gründete sie nun – ohne ihre Vorstandskollegen davon in Kenntnis zu setzen – den »Verein zur Verwaltung des literarischen und künstlerischen Nachlasses von Dr. Rudolf Steiner«. Die Gründungsmitglieder des Vereins waren: sie selbst, Lucie Bürgi-Bandi, Curt Englert-Faye, Otto Reebstein, Jan Stuten, Isabella de Jaager, H.W. Zbinden und Charles von Steiger-de Mestral. Bürgi-Bandi gehörte seit 1913 dem Bauverein des Goetheanum an und war 1925 von Rudolf Steiner in die Leitung der Administration des Baus berufen worden. Englert-Faye hatte zusammen mit H.W. Zbinden, der die Aufgabe des Schularztes übernahm, 1927 die Zürcher Rudolf Steiner Schule gegründet und leitete zusammen mit Marie Steiner und Isabella de Jaager die 1931 ins Leben gerufene pädagogische Arbeitsgruppe am Goetheanum. Otto Reebstein war 1936 Nachfolger Johanna Mückes in der Leitung des Philosophisch-Anthroposophischen Verlage geworden. Jan Stuten gehörte als Musiker, Schauspieler, Bühnenbildner und Architekt zu den engsten Mitarbeitern Marie Steiners in der von ihr geleiteten Sektion. Der Rechtsanwalt Charles von Steiger-de Mestral war zusammen mit Reebstein als Testamentsvollstrecker vorgesehen. In ihrem Testament vom 20. Februar 1945 sollte Marie Steiner diesen Verein als Universalerben einsetzen. Im September 1948, drei Monate vor ihrem Tod, bekräftigte sie diese Verfügung in einem notariell beglaubigten Testament.

Doch bevor es dazu kam, richtete sie am 15. Dezember 1943 einen erneuten Appell an die Schweizer Mitgliedschaft, an die beiden übrigen Vorstände und die Gegner von Roman Boos. Inzwischen hatten die Forderungen einzelner Mitglieder, die von ihm geleitete Sozialwissenschaftliche Vereinigung aus dem Goetheanum zu verbannen und ihm die Anerkennung als Vertreter der Hochschule zu entziehen – Forderungen, die Guenther Wachsmuth billigte –, dazu geführt, dass er Klagen gegen Wachsmuth und Steffen eingereicht, später aber wieder zurückgezogen hatte. Erneut stellte Marie Steiner in ihrem Schreiben die Frage: »Wie retten wir das unserer Obhut anvertraute Geisteswerk Dr. Steiners, damit die Menschheit nicht endgültig dem Niedergang verfalle?« Bereits in diesem Schreiben deutete sie einen Lösungsvorschlag für die verfahrene Situation an, den sie schließlich – vergeblich – als Traktandum auf die Tagesordnung der außerordentlichen Generalversammlung im März 1944 zu setzen versuchte: wenn eine Zusammenarbeit nicht mehr möglich war, sollten die verschiedenen Gruppierungen nebeneinander für das gemeinsame Ziel arbeiten.

Insbesondere umriss Marie Steiner drei Themen, die auf dieser Generalversammlung besprochen werden sollten: die Mitgliedschaft sollte gemäß §§ 11 und 13 der Statuten die Möglichkeit zur Gründung »freier Organisationen« anerkennen, die im Rahmen der Anthroposophischen Gesellschaft tätig sein durften, sie sollte den Unterschied zwischen der Anthroposophischen Gesellschaft als eines demokratisch organisierten Vereins und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, die nicht den Majoritätsbeschlüssen der Generalversammlung unterstellt sei, anerkennen, und schließlich sollte sie die Autonomie der Sektionen bekräftigen, »in die nicht von außen hineinmanövriert werden« dürfe. Zur erhofften Aussprache über diese Themen kam es nicht.

Bemerkenswert an Marie Steiners Vorschlägen ist jedoch, dass sie inzwischen offenbar die Problematik von Majoritätsbeschlüssen der Generalversammlung einzusehen begann, ebensolcher Beschlüsse, die 1935 zum Ausschluss von Vorstandsmitgliedern und ganzen Landesgesellschaften geführt hatten. Nun, da sie selbst die unmittelbar Betroffene war, schien ihr die späte Einsicht aufzugehen, dass demokratische Verfahren nicht geeignet waren, über die wahre oder die falsche Anthroposophie zu entscheiden. Dass all dies eine Folge jenes unheilvollen 8. Februar 1925 war, an dem die Konstitution der Anthroposophischen Gesellschaft geändert und dem geistigen Rechtssubjekt »Anthroposophische Gesellschaft« der für den Wiederaufbau des Goetheanum zuständige »Verein des Goetheanum« substituiert wurde, wodurch diese samt ihrem Vereinszweck, der Freien Hochschule, in einen nach demokratischen Verfahren operierenden Verein eingegliedert wurde, durchschaute sie ebensowenig wie die anderen Protagonisten des sich in der Folgezeit entrollenden Dramas.

Wie dem auch sei, am 29. Januar 1945 jedenfalls, setzte Marie Steiner ihre beiden Vorstandkollegen von der Existenz des 1943 gegründeten »Vereins zur Verwaltung des Nachlasses Rudolf Steiners« in Kenntnis. Steffen und Wachsmuth nahmen ihre Zuflucht zur Generalversammlung und ersterer stellte im März 1945 der versammelten Mitgliedschaft die Frage: »Ist es möglich, dass eine Institution, außerhalb der Gesellschaft begründet, den Nachlass, den künstlerischen und literarischen Nachlass von Rudolf Steiner übernähme, ist es möglich? Es ist ja auch in ihre Verantwortung gelegt, dieses zu entscheiden.« Damit waren die Frontlinien abgesteckt, und alles weitere, bis hin zum vor einem Schweizer Gericht 1949 bis 1952 ausgetragenen Prozess, entwickelte sich aus diesen scheinbar unvereinbaren Standpunkten: der Nachlass Rudolf Steiners gehört Marie Steineroder der Anthroposophischen Gesellschaft.

Albert Steffen um 1950

Albert Steffen um 1950

In diesem Frühstadium der Auseinandersetzungen, das bereits auf juristische Konflikte zusteuerte, verfasste Marie Steiner einen längeren Artikel über die Aufgaben des Nachlassvereins (Juli 1945), der auch heute noch lesenswert ist. Sie brachte darin nicht nur ihr Selbstverständnis als Verwalterin des Hinterlassenschaft Rudolf Steiners zum Ausdruck, sondern umriss auch die spätere Gestalt der Rudolf Steiner-Gesamtausgabe mit ihren verschiedenen Abteilungen und die vielfältigen Editionsaufgaben, die dem Verein bevorstanden. Zu Recht beklagte sie die von ihr selbst mit verantwortete Uneinheitlichkeit, Unzuverlässigkeit und Zweifelhaftigkeit der bisherigen Publikationsformen, insbesondere die Tatsache, dass mangels anderer Möglichkeiten und aufgrund großer Nachfrage Vorträge Rudolf Steiners unsystematisch in unterschiedlichsten anthroposophischen Zeitschriften veröffentlicht werden mussten: »Neben den Vortragsreihen, die der [philosophisch-anthroposophische] Verlag als Zyklen oder in Buchform herausbringen konnte – natürlich auch nicht in der gewünschten chronologischen Reihenfolge, sondern je nach Bedarf und Möglichkeit –, gab es auch die wöchentlichen Beiträge für die Goetheanum-Zeitschrift, für das Nachrichtenblatt, für ›Die Drei‹, für ›Anthroposophie‹, ›Erziehungskunst‹, ›Menschenschule‹ usw.

Das ging … bunt durcheinander, je nach den Bedürfnissen der Redaktoren und Leser: in den Monatsschriften wenigstens zusammenhängend als Einzelvortrag, in den Wochenschriften war meistens auch der einzelne Vortrag halbiert oder gevierteilt. Da ich bis zum Jahre 1934 viel auf Reisen war, musste ich oft die Durchsicht der Nachschriften den Herausgebern überlassen, und bald sah ich, dass sie vielfach gar nicht überprüft wurden. Trotzdem wurde die Gesellschaft, der es auf den Inhalt ankam, und nicht auf Form und Fehler, geistig davon getragen und genährt. Dadurch haben wir aber Verpflichtungen Dr. Steiner gegenüber übernommen. Es liegt doch die Notwendigkeit vor, dass dies Werk nach Möglichkeit in seiner Totalität wieder hergestellt werde, dass der einzelne, in kurzen Abschnitten einst erschienene Vortrag zu einer Broschüre gestaltet werde, dass die zu einer Serie gehörenden Vorträge in ihrem inneren Zusammenhang erscheinen, damit ersichtlich werde, wie Dr. Steiner sein Werk planvoll ausgeführt, organisch den Lebensbaum aus den Wurzeln hat herauswachsen lassen …

Man denke nicht, dass diese Arbeit des Sichtens und Ordnens des Nachschriften-Materials eine schnell zu bewältigende Arbeit sei! Gewiss, die von Dr. Steiner selbst geschriebenen und als Bücher erschienenen Werke werden … verhältnismäßig schnell zu einer schönen Gesamtausgabe vereinigt werden können – aber auch dazu gehören nicht unbeträchtliche Geldmittel … Das, was Dr. Steiner selbst geschrieben hat und was zu einer Gesamtausgabe vereinigt werden sollte, ist nur ein Teil der literarischen Hinterlassenschaft. Daneben gibt es den schwierigeren, unvollkommeneren Teil: die für die Mitglieder gedruckten Nachschriften. Sie wurden – zunächst gegen das Gebot Dr. Steiners – privat vervielfältigt und unter der Hand verbreitet, und enthielten oft solchen Unsinn, dass Dr. Steiner, um dem Unfug zu steuern, sich gezwungen sah, die Stenographierenden selbst zu bestimmen und die Übertragung in unsere eigene Regie zu nehmen. So entstanden die großformatigen Zyklen … als Privatdrucke. Er selbst hatte aber nicht die Zeit, sie durchzusehen, und er litt daran, weil er das gesprochene Wort als nicht geeignet für den Druck betrachtete. Die Ungenauigkeiten, die unvermeidlich sind, wenn der gehetzte Stenograph nicht dem nachkommen kann, was im Feuer des geistigen Erlebens gesprochen wird, schmerzten ihn. Er sah voraus, welcher Missbrauch von den Gegnern damit getrieben werden würde und schärfte den Mitgliedern strengste Diskretion ein: es dürften die Privatdrucke nicht Außenstehenden ausgeliefert werden. – Sie wurden es trotzdem: nicht nur gab man den Bitten der daran interessierten Außenstehenden nach, man wollte sogar Gegner damit bekehren! Eine Schmähkampagne wurde nun von dieser Seite eröffnet, Sätze aus dem Zusammenhang gerissen; Insinuationen, Verleumdungen daran geknüpft – weil es Geheimschriften seien; Propaganda-Redner wurden in die verschiedenen Städte geschickt, Tumulte veranstaltet, um Dr. Steiners öffentliche Vortragstätigkeit zu unterbinden. Es folgte der Brand des Goetheanum. Und so kam der Moment, wo Dr. Steiner erklären musste: Nichts könne mehr als esoterisches Studienmaterial im Privatdruck für Mitglieder reserviert werden; es dürfte nicht mehr von sogenannten Geheimschriften die Rede sein; wir könnten unser esoterisches Geistesgut nur schützen durch einen Vermerk, der von nun an auf die Zyklen zu kommen hätte und sie als Hochschul-Lehrgut bezeichnete. [Marie Steiner spielt hier auf den sog. Hochschulparagraphen an: ›Als Manuskript für die Angehörigen der freien Hochschule für Geisteswissenschaft, Goetheanum, gedruckt. Es wird niemand für die Schriften ein kompetentes Urteil zugestanden, der nicht die von dieser Schule geltend gemachte Vor-Erkenntnis durch sie oder eine von ihr selbst als gleichbedeutend anerkannte Weise erworben hat. Andere Beurteilungen werden insofern abgelehnt, als die Verfasser der entsprechenden Schriften sich mit den Beurteilern in keine Diskussion über dieselben einlassen.‹]

So hatte denn die Gesellschaft durch mangelnde Vorsicht und nicht genügendes Verantwortungsgefühl eine Zwangslage für Dr. Steiner geschaffen, durch die er seine in weiser Voraussicht gefassten Maßnahmen nicht hat durchführen können. Es ist unsere Pflicht, diese Schuld nach Maßgabe unserer Kräfte zu sühnen. Wir müssen dieses zerstückelte, umhergestreute und zum Teil mangelhaft nachgeschriebene Geistesgut in seine Zusammenhänge wieder hineinstellen, auch äußerlich in die bestmögliche Form bringen, und als eine zweite Kategorie in die Gesamtausgabe der Werke einreihen …

Als die eingetretenen Umstände ihn zwangen, das in der Nachschrift festgehaltene Wort auch der Öffentlichkeit preiszugeben, vertraute er diese aus Mangel an Zeit durch ihn nicht mehr zu bewältigende Aufgabe seiner Mitarbeiterin an, die, wie er sagte, seine Intentionen kannte …

Diese verantwortungsvolle Arbeit hat er mir persönlich übertragen, wie auch die Sorge für deren Fortsetzung nach meinem Tode. Er sprach zu mir von der Zeit, wo er nicht mehr da sein werde, und wo ich für sein Werk einzustehen haben würde; dafür auch, dass dieses sein Menschheitswerk mit seinem Namen verbunden bliebe. Denn wenige würden ihm treu bleiben, und es bestünde die Gefahr, dass sein werk von seinem Namen losgerissen würde, es seinen ursprünglichen Intentionen entfremdet werde. Dann würden gegnerische Gewalten sich der darin enthaltenen Kräfte bemächtigen können und sie für ihre eigenen Absichten gebrauchen. Nach bestem Wissen und Gewissen, auf Grund vieler und leidvoller Erfahrungen, sind nun von mir Persönlichkeiten gewählt, die für diese Intentionen Dr. Steiners Verständnis haben. Sie werden sich Helfer zuziehen, die in demselben Geiste der Bescheidenheit du suchenden Ehrfurcht arbeiten. Niemandem in der Gesellschaft wird dadurch etwas entzogen, sondern es wird im Sinne seines Opferwillens weiter gegeben werden …

Eine ›Säuberung‹ wäre unter den so gesammelten Nachschriften dringend nötig, da in manchen kurzen Wiedergaben von Vortragsinhalten, wie ich konstatieren konnte, mitunter reichlicher Unsinn enthalten ist. Dennoch können sie, trotz ihrer Kürze und Lücken – wenn davon befreit – der historischen Kontinuität wegen als Stichproben, als Merksteine auf dem Wege der sich entwickelnden geisteswissenschaftlichen Arbeit erhalten und durch schon korrigierte ersetzt werden. Diese Aufzeichnungen sind also eine dritte Kategorie …

Das noch vorhandene ungedruckte Material kurz berührend, kann man sagen: es gibt noch unvollständige oder gekürzte Nachschriften, auch Notizen, aus den Jahren 1902 bis 1912 – also durch 10 Jahre hindurch! Darin ist das Fundament gegeben für alles, was später entwickelt worden ist; da sind die Richtlinien gezogen, die uns die weitesten Horizonte öffnen … Dass es oft nur kurze Aufzeichnungen sind, das macht die Arbeit daran nicht leichter, sondern schwerer und verantwortungsvoller. Und um die damals stenographierten längeren Nachschriften lesen zu können, müssen jene ganz abgeblassten Blätter aus den Jahren 1904 bis 1914 neu geschrieben werden. Was aber vom Jahre 1902/03 vorliegt, ist von mir selbst in fliegender Eile mit Hilfe von Wortabkürzungen mit Bleistift notiert und kann kaum noch entziffert werden. – Esoterisches Lehrgut ist erst nachher von einigen Zuhörerinnen aus dem Gedächtnis aufgeschrieben worden. – Die Gesamtheit dieses Materials ergibt eine vierte Kategorie …«

Gegen den Vorwurf, beim Nachlassverein handle es sich um eine »außerhalb der Gesellschaft stehende Institution«, wandte sie ein: »Mit stereotyper Konsequenz wird wiederholt das Schlagwort ›außerhalb der Gesellschaft stehende Institution‹. Sie steht nicht außerhalb, sondern ganz innerhalb der Gesellschaft durch das Leben und Wirken der sie vertretenden Persönlichkeiten und durch die Aufgabe, die ihnen anvertraut ist. Sie wird sie so handhaben, wie ich selbst sie gehandhabt habe, so dass alle die furchtbaren Dinge, die Herr G. da aufzählt, Schreckgespenster sind und auch nicht einen Schein von Realität haben …

Es gibt auch Nachlassverwaltungen für Goethe- und Schiller-Archive, es gibt solche für Nietzsche, Gottfried Keller usw., jetzt für Spitteler … Für Rudolf Steiner soll es keine geben dürfen! Da soll die ganze Gesellschaft dreinzureden haben? Auch wohl bis in die Briefe hinein, die aus seiner Jugendzeit stammen oder die er mit mir gewechselt hat?

Wir haben uns seines gesprochenen Wortes bemächtigt, es zerpflückt, in Stücke gerissen, um uns allwöchentlich damit seelisch zu nähren. Ich erhielt einmal von dem Schriftsteller Wolzogen einen Brief, worin er den schweren Vorwurf erhob, dass in den Kiosken Zeitschriften mit Bruchstücken aus Dr. Steiners Vorträgen zu kaufen sind, die so zerstückelt sind und außerhalb ihres Zusammenhanges stehen, das Dr. Steiners Ruf dadurch schwer geschädigt wird.

Die Veröffentlichung der gesprochenen Vorträge hat die Gesellschaft ihm abgerungen und abgenötigt; wir haben unser Seelenleben damit erfüllt, unser Wissen erweitert, unsern Büchern damit die Substanz gegeben … Und jetzt sollten wir nicht die Verpflichtung fühlen, alle diese ihm entwundenen Fragmente seines Geistes, die in den Zeitschriften durcheinandergewürfelt sind, oft mit fehlenden verbindenden Teilen, all die Broschüren, die je nach Bedarf zu festlichen und anderen Gelegenheiten herausgegriffen, und den Arbeitsgruppen zur Verfügung gestellt wurden, – jetzt sollte es nicht unsere Pflicht sein, sie zu einem geordneten, chronologisch, fachlich und inhaltlich gegliederten Ganzen zu vereinigen? dadurch eine Gesamt-Überschau dieses Lebenswerkes gebend, damit der ungeheure Reichtum und das Harmonische des uns hinterlassenen Geistesgutes klar hervortrete?« (Marie Steiner, Briefe und Dokumente, Dornach 1981, S. 189 ff.)

Am 4. Dezember 1945 schickte der Dornacher Advokat Dr. Krauß ein Schreiben mit folgendem Wortlaut an Marie Steiner: »Namens und im Auftrage der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft beehre ich mich, Ihnen mitzuteilen, was folgt: Im Schweiz. Handelsamtsblatt, Nr. 221 vom 21. September 1945 ist die Eintragung des ›Vereins zur Verwaltung des literarischen und künstlerischen Nachlasses von Dr. Rudolf Steiner‹ in Dornach publiziert. Als Vereinszweck ist in erster Linie angeführt, die Herausgabe des literarischen und künstlerischen Werkes von Dr. Rudolf Steiner, sowie die Obhut, Verwaltung und Pflege usw. des literarischen und künstlerischen Nachlasses von Dr. Rudolf Steiner. In der Publikation wird erklärt, dass Sie die alleinige Eigentümerin aller Rechte am gesamten Werk Dr. Rudolf Steiners seien.

Diese Behauptung ist nun, wie Ihnen aus der in dieser Sache bereits gewechselten Korrespondenz zur Genüge bekannt sein sollte, durchaus unzutreffend. Auf Grund der eigenen Verfügungen von Dr. Steiner, sowie überdies noch auf Grund der mit Ihnen im Jahre 1925 abgeschlossenen, die Verfügungen Dr. Steiners bekräftigenden Verträge stehen vielmehr alle Rechte am gesamten Werk Dr. Rudolf Steiners ausschließlich der Gesellschaft zu. Die beiden Mitglieder des Vorstandes, Herr Albert Steffen und Herr Dr. Günther Wachsmuth haben bis jetzt versucht, die Angelegenheit des erwähnten Nachlasses rein auf anthroposophischem Boden zu behandeln. Sie haben sich daher zunächst nicht auf juristische Dokumente berufen, sondern auf das menschliche Vertrauen im Vorstand der Allg. Anthroposophischen Gesellschaft. Vorschläge zur gütlichen Beilegung oder auch nur zur Klärung sind von Ihnen unbeantwortet geblieben. Aus diesem Grunde, vor allem aber, weil der Nachlassverein eingetragen wurde und damit jeder Bestreiter von dessen vorgeblichen Rechten und Ansprüchen auf den Rechtsweg gezwungen wird, erhebt die Gesellschaft hiermit in aller Form Einsprache dagegen, dass Sie dem eingangs erwähnten Vereine irgendwelche Möglichkeiten zur Verwaltung des literarischen und künstlerischen Nachlasses von Dr. Rudolf Steiner oder zur Herausgabe von Werken Dr. Rudolf Steiners einräumen. Die Gesellschaft muss sich, so unangenehm ihr das ist, ausdrücklich vorbehalten, alle ihr zur Wahrung ihrer eigenen Rechte in bezug auf das Werk Dr. Steiners geeignet erscheinenden Vorkehren zu treffen.

Im Widerspruch zu Ihren vertraglichen Verpflichtungen haben Sie nun auch begonnen, Publikationen von Werken von Rudolf Steiner in außenstehenden Verlagen vorzunehmen [gemeint sind die von Roman Boos im Europa-Verlag herausgegebenen Vorträge Rudolf Steiners zur ›Geschichte und Überwindung des Imperialismus‹]. Auch dagegen muss ich namens der Allg. Anthroposophischen Gesellschaft in aller Form Protest erheben und Sie für alle daraus entstehenden Folgen verantwortlich machen. Sollten Sie dieser Verwarnung nicht nachleben, so werde ich die Gesellschaft veranlassen müssen, mir Auftrag zur Einleitung rechtlicher Schritte zu geben. Mit vorzüglicher Hochachtung gez. Krauß.«

Marie Steiner antwortete dem Dornacher Rechtsanwalt und Ammann postwendend am 8. Januar 1946: »Sie haben mir als einem Vorstandsmitglied der Allg. Anthroposophischen Gesellschaft einen Verwarnungsbrief im Auftrage des Allg. Anthroposophischen Gesellschaft zugestellt. Der Gesellschaft als solcher ist diese Tatsache absolut unbekannt.

1. Es hätten also die beiden anderen Vorstandmitglieder höchstens in ihrem eigenen Namen, niemals aber im Namen und als Auftrag der Allg. Anthroposophischen Gesellschaft Herrn Dr. Krauß mit einem solchen Briefe beauftragen dürfen. Ein namhafter Teil der Mitgliedschaft ist entschieden anderer Auffassung als die Auftraggeber. Abgesehen davon müsste für einen solchen Auftrag: das Vorgehen gegen ein Vorstandsmitglied … mindestens ein höchst qualifizierter Gesellschaftsbeschluss vorliegen.

Die Anmaßung, die in diesem gegen mich unternommenen Schritte liegt, muss von meinen Freunden und mir strikt und streng zurückgewiesen werden.

2. Da der Inhalt des Schreibens mit meinen Rechten in diametralem Widerspruch steht, wird es von uns unbedingt zurückgewiesen. Ich begnüge mich mit dem einfachen Hinweis, dass mehr als 20 Jahre hindurch alle Veröffentlichungen aus dem Werke Rudolf Steiners ausdrücklich ›mit Genehmigung von Frau Marie Steiner‹ geschehen. – Es bestehen keine Verfügungen Rudolf Steiners und keine Verträge, die meine Rechte in Frage stellen.

3. Die Behauptungen der Auftraggeber widersprechen überdies den eigenen früheren Auffassungen der Auftraggeber und derjenigen von Dr. Krauß selbst.

4. Meine Verhandlungsbereitschaft ist im Anfang zurückgewiesen worden. Nach allem, was inzwischen geschehen ist, kann man sie nicht ohne weiteres von mir erwarten und noch weniger verlangen.

Ich nehme zur Kenntnis, dass sich die beiden auftraggebenden Vorstandsmitglieder bewusst sind, dass sie den anthroposophischen Boden verlassen haben. Dies nachdem sie zuerst den sachlich notwendigerweise engen Kreis der Verhandlungen abgelehnt und vor die Gesellschaftsöffentlichkeit getreten waren.

5. Ich werde meine Rechte gemäß der mir von Rudolf Steiner übertragenen Verpflichtung und Verantwortung gegen jeden unbefugten Angriff schützen. Auch nach der Weihnachtstagung habe ich mit Rudolf Steiner weiter zusammen gelebt und zusammen gearbeitet, und seine ausdrückliche Erklärung erhalten (ebenso wie Frl. J. Mücke), dass: trotz der formellen Eingliederung des Verlags in die Gesellschaft alles beim alten bleibe, und keiner uns in die Verlagsführung dreinreden dürfe.

6. Im übrigen kann ich nicht umhin mein Erstaunen darüber auszudrücken, dass Sie, sehr geehrter Herr Dr. Krauß, mein bisheriger Anwalt, sich zur Übernahme eines solchen Gutachtens und Drohbriefes gegen mich haben bewegen lassen. Mit Ihren Anwaltspflichten und bei Ausübung Ihrer offiziellen Ämter werden Sie da notwendig in Interessenkonflikte geraten.

Hochachtungsvoll gez. Marie Steiner.«

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