1946-1948 | Verhärtete Fronten und Keime künftiger Versöhnung

Beatenberg, Refugium Marie Steiners bis zu ihrem Tod 1948

Beatenberg, Refugium Marie Steiners bis zu ihrem Tod 1948

Auf merkwürdige Weise gespiegelt oder verzerrt erscheinen die großen Konflikte der dreißiger Jahre um spirituelle Autorität und Nachfolge, die zwischen Ita Wegman und Elisabeth Vreede auf der einen und Albert Steffen, Marie Steiner und Guenther Wachsmuth auf der anderen Seite ausgetragen wurden, in den Konflikten der 1940er und -50er Jahre, die sich schließlich im Streit um den Nachlass Rudolf Steiners kristallisierten.

Auf den ersten Blick scheint dieser Konflikt mit den vorangegangenen nichts zu tun zu haben, ging es doch lediglich um die Rechtsfrage, ob Testamente gültig waren und ob Marie Steiner am Ende berechtigt war, über Steiners Nachlass testamentarisch zu verfügen. Der geistige Inhalt dieses Streites war aber die Frage nach den Urheberrechten, nach der Urheberschaft, nach dem Anspruch und der Inbesitznahme von Urheberschaft. Urheberschaft ist aber nichts anderes als Autorität – »auctoritas« – und insofern ging es auch bei den Auseinandersetzungen um den literarischen und künstlerischen Nachlass Rudolf Steiners um die Frage nach der spirituellen Autorität oder der rechten Nachfolge dieser Autorität.

Es besteht kein Zweifel, dass Marie Steiner aufgrund eines rechtsgültigen Testamentes ihres verstorbenen Ehemannes die universelle Erbin seines literarischen und künstlerischen Nachlasses war und dass sie aufgrund der Tatsache, dass die Besitz- und Verfügungsrechte über diesen Nachlass an sie und sie allein übergingen, selbst wiederum nach freiem Gutdünken (wenn auch im Geiste ihres Mannes) über diesen verfügen konnte. In ihrem notariell beglaubigten Testament aus dem Jahr 1915 hatten Marie und Rudolf Steiner sich gegenseitig als Universalerben eingesetzt, eine anderweitige Verfügung bestand nicht.

Wie konnte trotz dieser rechtlich unbestreitbaren und allen Parteien bekannten Tatsache – die ja vom Solothurner Obergericht 1952 auch vollumfänglich bestätigt wurde – die geradezu absurde Vorstellung entstehen, die Anthroposophische Gesellschaft sei die rechtmäßige Besitzerin und Verwalterin des literarischen und künstlerischen Nachlasses Rudolf Steiners?

Sie konnte entstehen, weil die Partei Albert Steffens sich als legitimen Träger der spirituellen Sukzession und damit als Inhaber der Autorität betrachtete, und daraus die Auffassung ableitete, dem rechtmäßigen Inhaber der Autorität müsse auch die Verfügung über das esoterische Offenbarungsgut zustehen, das seit der »Weihnachtstagung« von der Anthroposophischen Gesellschaft verwaltet wurde. Kein Geringerer als Rudolf Steiner hatte bei der »Weihnachtstagung« den Grund für diese Vorstellung gelegt. Hatte er doch von der Verschmelzung zweier Ströme, des esoterischen und des exoterischen gesprochen, davon, dass durch die Weihnachtstagung anthroposophische Bewegung (Esoterik) und anthroposophische Gesellschaft (Exoterik) eins geworden seien und nicht mehr unterschieden werden könnten bzw. dürften. Allerdings beruhte diese Interpretation der »Weihnachtstagung« auf einer wesentlichen Voraussetzung: der Tatsache nämlich, dass er selbst als Vorsitzender der Gesellschaft Esoterik und Exoterik in Personalunion vereinigte. Der historische Ort dieser Vereinigung war die Person Rudolf Steiners. Wer, wenn nicht er, war der Träger der anthroposophischen Esoterik? Er war der Motor der anthroposophischen »Bewegung«, und auch wenn eine einzelne Person noch keine Bewegung darstellt, hatte es nur Sinn von einer solchen zu sprechen, insoweit und insofern die Angehörigen dieser Bewegung an der durch ihn verkörperten Esoterik teilhatten. Und er war, seit er den Vorsitz der anthroposophischen Gesellschaft übernommen hatte, der Garant dafür, dass diese Gesellschaft nunmehr selbst einen esoterischen Charakter annahm – der einzige Garant, solange niemand anders neben ihm mit der gleichen oder einer entsprechenden spirituellen und sozialen Kompetenz auftrat. Niemand innerhalb der anthroposophischen Gesellschaft nach der Weihnachtstagung bestritt, dass Rudolf Steiner diese spezifisch anthroposophische Esoterik verkörperte (etwas anderes wäre auch absurd gewesen), die Frage war stets, inwieweit, in welchem Umfang und in welcher Tiefe die anderen, das heißt, die Schüler, an dieser Esoterik teilhatten und inwiefern sie die Kompetenz, das Recht oder die Fähigkeit besaßen, sie fortzusetzen oder zu vertreten. Nach dem Tod des einzigartig-überragenden Gründers ließ die Frage, ob das Projekt der Anthroposophie fortgesetzt werden könne, nur drei logisch mögliche Positionen zu: eine bejahende, eine verneinende und eine mittlere Position, die aus der Not eine Tugend machte.

Die möglichen Antworten implizierten stets mehr als nur theoretische Stellungnahmen. Denn es war nicht nur eine theoretische Frage, ob die anthroposophische Esoterik – das heißt, die Geistesforschung im Rahmen einer bürgerlich verfassten Gesellschaft – fortgeführt werden konnte, es war auch eine personelle Frage. Wer konnte sie fortsetzen und vor allem: wer durfte den Anspruch erheben, sie fortzusetzen? Das Konfliktpotential dieser Frage ist evident und die Geschichte hat es empirisch zum Austrag gebracht. Die Strategie, ihr Spaltpotential zu anästhesieren, indem man vermied, sie auszusprechen, erwies sich als untauglich. Darüber konnten auch die Beschwörungen der Einheit des Vorstandes nach Rudolf Steiners Tod nicht hinwegtäuschen, ja, diese traten überhaupt erst auf, nachdem die beschworene Einheit bereits zerbrochen war. Auch die spiritistisch anmutende Behauptung, Rudolf Steiner leite nach seinem Tod weiter die Geschicke der Gesellschaft und weile während der Vorstandssitzungen in der Mitte der Versammelten, stellte eine untaugliche Strategie der Konfliktvermeidung dar. Der Vorstand war kein individualitätsloses Kollektiv, durch das sich der verstorbene Vorsitzende wie durch ein Medium hätte manifestieren können, sondern eine Gruppierung stark ausgeprägter Persönlichkeiten mit einem jeweils unterschiedlichen sozialen Kontext und einer spezifischen individuellen Bildungsgeschichte, die auf je unterschiedliche Weise mit der Geschichte der Gesellschaft verbunden waren. Die Angehörigen des Vorstandes bemühten sich anfangs, die alles entscheidende Frage nicht auszusprechen, aber gerade diese Vermeidungsstrategie erwies sich schon nach kurzer Zeit als kontraproduktiv. Der Anspruch Ita Wegmans, die »Klassenstunden« – also die Arbeit der Hochschule für Geisteswissenschaft – fortzuführen und die »Briefe an die Mitglieder« fortzuschreiben, zwang die anderen Vorstandsmitglieder dazu, Position zu beziehen, so gewunden oder verklausuliert diese Positionen auch geäußert werden mochten. Die drei möglichen Positionen wurden in der folgenden Zeit von unterschiedlichen Personen vertreten: Ita Wegman bejahte resolut, aber mit mangelnder Kompetenz und fatalen Konsequenzen, die Möglichkeit einer Fortführung, Marie Steiner verneinte sie ebenso resolut, während Albert Steffen sich alle Optionen offenhielt. Zwar vertrat auch Marie Steiner die Auffassung, das Werk Rudolf Steiners müsse fortgeführt werden, aber sie verstand darunter etwas anderes, als Ita Wegman: während Wegman und ihre Mitstreiter von der Intention beseelt waren, die esoterische Arbeit und damit wohl auch die Geistesforschung fortzusetzen, sah Marie Steiner – nachdem der einzigartige und unersetzbare spirituelle Lehrer verstorben war – ihre Aufgabe und die Aufgabe der Gesellschaft darin, das offenbarte Geistesgut zu verwalten und zu bewahren, indem es durch Editionstätigkeit in verantwortlicher Form der Menschheit zugänglich gemacht wurde. Albert Steffen stand irgendwo dazwischen.

Im Februar 1946 wurde in der Schweiz von Anhängern Marie Steiners eine »Freie Arbeitsgruppe« gegründet, eine weitere Sezession, die wie die früheren »Freien Anthroposophischen Gruppen« aus einer Spaltung des Vorstandes hervorging. Es gehört zu den Signaturen der anthroposophischen Gesellschaftsgeschichte, dass immer dann emphatisch die Freiheit angerufen wurde, wenn Konflikte nicht mehr durch einen Dialog gelöst werden konnten. Wie auch in früheren Fällen implizierte der Titel »Freiheit« auf der einen Seite die implizite – mitunter auch explizite – Unterstellung, diese Freiheit werde auf der anderen nicht Ernst genug genommen oder gar unterdrückt.

1946 sollte das Goetheanum nach der langen durch den Krieg bedingten Zwangsschließung wieder eröffnet werden. Die Vorbereitungen für die erste öffentliche Sommertagung waren von den Konflikten zwischen Anhängern Marie Steiners und Steffens überschattet, die schließlich dazu führten, dass Steffen einmal mehr den Vorsitz der Gesellschaft niederlegte. Den Vorschlag Marie Steiners, den Vorstand der Gesellschaft neu zu wählen, beantwortete Steffen mit der Frage an die Mitglieder: Wollt ihr einen esoterischen Vorstand oder einen Verwaltungsvorstand? In dieser Frage kam die Auffassung zum Ausdruck, der Vorstand einer esoterischen Gesellschaft könne nicht durch demokratische Verfahren konstituiert, sondern nur durch esoterische Einsicht eingesetzt werden, so wie dies auch bei der »Weihnachtstagung« durch Rudolf Steiner geschehen war, der zwar das Einverständnis der Mitglieder für seine Einsetzungen erbeten hatte, diese jedoch nicht bei der Besetzung der Positionen hatte mitbestimmen lassen. Setzt man die Existenz einer solchen esoterischen Einsicht – einer höheren Erkenntnis der Schicksalsaufgaben der anthroposophischen Gesellschaft, wie sie Steiner in seinen Vorträgen zu den »karmischen Zusammenhängen der anthroposophischen Bewegung« 1924 skizziert hatte (GA 237) – voraus, erscheint diese Form der Konstitution plausibel. Da die anthroposophische Gesellschaft gegründet wurde, um die unterschiedlichsten geistigen Strömungen mit ihrer jeweiligen karmischen Vorgeschichte, die in mythische Zeiten zurückreichte, zur Aussöhnung ihres Karmas und zur Zusammenarbeit im Dienst einer Erneuerung der Mysterienerkenntnis zu bewegen, schien eine Zusammensetzung des Vorstandes dieser Gesellschaft aufgrund einer solchen Einsicht unabdingbar. Da der Zweck der Gesellschaft in der Erneuerung der Geisterkenntnis bestand, schloss sich ihre Herkunft mit ihrer Zukunft, ihr Entstehungsgrund mit ihrer Daseinsbestimmung organisch zusammen. Allerdings hatten sich bereits mit den Ausschlüssen im Jahr 1935 die Kontinente des Gesellschaftskörpers verschoben. Seither war die Berufung auf die esoterische Einsetzung des Vorstands ein Anachronismus. Wenn der Sinn der Gesellschaftsgründung darin bestanden hatte, die unterschiedlichsten geistigen Strömungen – Platoniker, Aristoteliker usw. – zu gemeinsamem Wirken zusammenzuführen, dann hatte sie mit dem Ausschluss eines beträchtlichen Teils ihrer Mitglieder und Führungspersönlichkeiten eigentlich ihren Bankrott erklärt. Wenn sich Albert Steffen oder jemand anders Mitte der 1940er Jahre immer noch als esoterischen Vorstand verstand, dann war dies, harmlos ausgedrückt, ein Missverständnis, schlimmstenfalls eine absichtliche Täuschung. In Wahrheit war das grandiose Vorhaben, das Steiner 1923/24 in Angriff genommen hatte, spätestens 1935 endgültig gescheitert.

Anfang 1947 stellte der Berner Zweig angesichts der verfahrenen Situation den Antrag an die bevorstehende Generalversammlung, Albert Steffen und Guenther Wachsmuth alleine die Leitung der Gesellschaft zu übertragen. Die Generalversammlung stimmte diesem Vorschlag im Frühjahr zu. Steffen nahm daraufhin seine Arbeit wieder auf und sah seine Position durch diesen Beschluss so weit gestärkt, dass er sich weigern konnte, mit Marie Steiner weiter im Vorstand zusammenzuarbeiten. Den Mitgliedern der von ihr geleiteten Sektion für redende und musizierende Künste stellte er 1948, wie Marie Steiner sich ausdrückte, einen »Freibrief« aus, zu seiner Sektion für schöne Wissenschaften »überzulaufen«.

Dennoch gingen die Bemühungen um eine Versöhnung weiter. Einer Delegiertenversammlung gelang es 1948, Steffen und Wachsmuth zu einer Distanzierung vom berüchtigten »Kraußbrief« zu bewegen (siehe weiter oben); Marie Steiner bekundete ihrerseits die Bereitschaft, auf der Grundlage der bereits 1946 von ihr unterbreiteten Vorschläge über eine Eingliederung des Nachlass-Vereins in die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft zu verhandeln; die Heißsporne der »Freien Arbeitsgruppe« wurden aufgefordert, ihre schwerwiegenden Vorwürfe gegen Albert Steffen zu überprüfen und zu revidieren.

Die Generalversammlung des Jahres 1948 erteilte den zerstrittenen Parteien den Auftrag, nach einer Versöhnung zu suchen. Das Motiv der Versöhnung spielte bei dieser Versammlung auch noch in einer anderen Hinsicht eine Rolle. Sie beschloss nämlich einstimmig (!), den durch die Generalversammlung vom 14.4.1935 erfolgten Ausschluss eines Teiles der Mitglieder aufzuheben und diese einzuladen, sich wieder der Gesellschaft anzuschließen. Zu diesem Zeitpunkt waren allerdings die profiliertesten Angehörigen der ausgeschlossenen Gruppierungen – Ita Wegman, Elisabeth Vreede, Eugen Kolisko und Daniel Dunlop – bereits verstorben. Über die Motive dieses Beschlusses kann man geteilter Meinung sein: war er Folge des Wunsches, der geschrumpften Gesellschaft dringend benötigte Mitglieder und Beiträge zuzuführen oder Ausfluss eines ernsthaften Bedürfnisses, begangenes Unrecht wiedergutzumachen? Angesichts der eskalierenden Konflikte der folgenden Jahre darf an letzterem gezweifelt werden. Kein Zweifel kann jedoch darüber bestehen, was er für die Wahrheitsansprüche derjenigen bedeutet, die die Ausschlüsse von 1935 zu verantworten hatten.

Trotz aller Bemühungen konnten sich Marie Steiner und Steffen nicht über die Form der Eingliederung des Nachlass-Vereins in die Hochschule einigen und statt zur Versöhnung kam es zur endgültigen Entzweiung der von den beiden Vorstandsmitgliedern angeführten Gruppierungen. Bereits im Frühjahr 1948 entstanden als Erweiterung der »Freien Arbeitsgruppe« die »Vereinigten Freien Initiativen der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft«, die allerdings von Steffen und Wachsmuth – wieder einmal – nicht als rechtmäßige Gruppen der Gesellschaft anerkannt wurden. Da auch eine eigens eingesetzte Versöhnungskommission bis September 1948 keine Lösung finden konnte und die »Freie Arbeitsgruppe« sich nicht auflöste, sondern auf ihrer Kritik an Steffen beharrte, vertieften sich die Gegensätze noch mehr. Die Mehrheit der Mitglieder erkannte nur noch Steffen und Wachsmuth als rechtmäßige Vorstandmitglieder an, während sich eine Minderheit in der »Anthroposophischen Vereinigung in der Schweiz« zusammenschloss, die aus den »Vereinigten Freien Initiativen« hervorging.

Mit dem Tod Marie Steiners am 27.12.1948 trat der »Verein zur Verwaltung des literarischen und künstlerischen Nachlasses von Dr. Rudolf Steiner« sein Erbe an. Dieser unterbreitete der Goetheanumleitung ein Angebot, sein Verhältnis zum Philosophisch-Anthroposophischen Verlag, der an die Anthroposophische Gesellschaft übergegangen war, auf dem Verhandlungsweg zu klären, aber der Vorstand ging auf das Angebot nicht ein, da er allein schon die Existenz der Nachlassverwaltung als eine Verneinung der eigenen Daseinsberechtigung betrachtete.

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