1956 | Die beleidigte Gesellschaft erweitert ihren Vorstand

Auch das Jahr 1956 stand im Zeichen der Auseinandersetzung um den literarischen und künstlerischen Nachlass Rudolf Steiners. Außerdem starb in diesem Jahr Wilhelm Lewerenz, der Leiter der Sektion für redende und musizierende Künste. Sein Tod zog eine Erweiterung des Vorstandes nach sich, die bei einer außerordentlichen Generalversammlung Ende Dezember 1956 vollzogen wurde.

Zuvor aber hielt Albert Steffen am Karsamstag, dem ersten Tag der Generalversammlung (31. März) eine große Rechtfertigungsrede. Das Ereignis selbst – also die Generalversammlung – lud der 1. Vorsitzende performativ mit esoterischer Bedeutung auf, indem er es in einen Zusammenhang mit dem Brand des ersten Goetheanum (Silvesternacht 1922/23) brachte, der 33 1/3 Jahre zuvor stattgefunden hatte. Gleichzeitig verwies er darauf, dass ein Jahr später 33 1/3 Jahre seit der Weihnachtstagung zur Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft (1923/24) vergangen sein würden. Die Generalversammlung 1956 und das auf sie folgende Jahr stünden demnach unter tief bedeutenden Vorzeichen.

Damit berief sich Steffen auf eines der heiligsten anthroposophischen Erkenntnisgüter, das Forschungsergebnis Rudolf Steiners, nach dem das Leben Jesu Christi auf Erden eben diese Zeitspanne umfasst habe. Darüberhinaus hatte Steiner in Vorträgen über das »esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit« im Jahr 1911 (GA 130) das 33. Lebensjahr zur Offenbarung des künftigen Maitreya-Buddha in Beziehung gesetzt. In seinem Vortrag über die »Ätherisation des Blutes« (1. Oktober 1911) hatte er darauf hingewiesen, dass der kommende Boddhisattva, der künftige Lehrer des Christusgeheimnisses, sich in seinem 33. Lebensjahr als solcher zu erkennen geben werde. »Dasjenige, woran der Mensch erkennen kann den, der einstmals der Maitreya-Buddha werden wird, ist aller wahren morgenländischen Mystik und christlichem Wissen wiederum gemeinsam. Erkennen kann man denjenigen, der einstmals der Maitreya-Buddha sein wird, … daran, dass er zunächst in seiner Jugend heranwächst so, dass kein Mensch ahnen kann, was für eine Individualität in ihm ist. Immer wird es so sein, dass diejenigen, die es verstehen, an einem solchen Menschen erst zwischen dem dreißigsten und dreiunddreißigsten Jahre erkennen, dass in ihm ein Bodhisattva ist. Da tritt etwas ein wie eine Umwechslung der Persönlichkeit. Und der Maitreya-Buddha wird selber gerade im dreiunddreißigsten Jahre seines Lebens sich der Menschheit zu erkennen geben. Wie der Christus Jesus im dreißigsten Jahre seines Lebens sein Werk begann, so geben sich die Bodhisattvas, die weiterhin den Christus verkündigen werden, im dreiunddreißigsten Jahre ihres Lebens zu erkennen. Und der Maitreya-Buddha selber, der mit großen, gewaltigen Worten, von denen heute noch keine Vorstellung gegeben werden kann, als umgewandelter Bodhisattva von den großen Geheimnissen des Daseins verkünden wird, er wird sprechen in einer Sprache, die erst geschaffen werden muss, denn heute könnte kein Mensch die Worte finden, mit denen einstmals der Maitreya-Buddha zu den Menschen sprechen wird.

Aus dem Grunde kann noch nicht so zu den Menschen gesprochen werden, weil es noch nicht das physische Werkzeug dazu gibt. Die Lehren des Erleuchteten werden nicht bloß Lehren einströmen, sondern sie werden moralische Impulse in die Menschenseelen einströmen.«

1917 hatte Steiner zudem auf die Bedeutung der »Umlaufzeit geschichtlicher Ereignisse« von 33 Jahren hingewiesen (GA 180, Vortrag vom 23.12.1917). In Ausführungen über den Ersten Weltkrieg stellte er dar, dass die Keime zu den Ereignissen des Jahres 1917 dreiunddreißig Jahre zuvor gelegt worden seien. Ein historischer Impuls, der zu einer bestimmten Zeit in Erscheinung tritt, wirke sich durch 33 Jahre aus, um im dreiunddreißigsten Jahr »in verwandelter Gestalt aus dem Grabe zu erstehen« und selbst wiederum Ausgangspunkt historischer Wirkungsreihen zu werden, die dieselbe Zeitspanne umfassen. Steiner erläuterte dieses »Gesetz« des historischen Werdens 1917 am Beispiel des Mahdiaufstandes, der dazu führte, dass das britische Empire seine Herrschaft in Ägypten errichtete, am französischen Krieg in Indochina und der Kongokonferenz, deren Auswirkungen in den Geschehnissen des Jahres 1917 gesehen werden könnten – und die sich nach seinen Ausführungen wiederum im Jahr 1950 in verwandelter Form manifestieren müssten: »Eine vollständige Menschheitsgeneration ist die Zeit von dreiunddreißig Jahren, so rechnet man. Eine Menschheitsgenerationszeit muss vergehen zwischen dem zusammengehörigen Weihnachts- und Osterfeste. Dies ist die Anleitung, um die neue Astrologie zu lesen, jene Astrologie, welche auf die Sterne, die in der geschichtlichen Menschheitsentwickelung selber glänzen, das Augenmerk hinlenkt.

Wie kann das erfüllt werden? So kann das erfüllt werden, dass der Mensch das Weihnachtsfest dazu anwendet, um sich bewusst zu werden: Dasjenige, was ungefähr – man kann natürlich von diesen Dingen nur sagen ungefähr – in dieser Zeit geschieht, weist im historischen Zusammenhang so zurück, dass es seinen Geburtsausgang genommen hat vor dreiunddreißig Jahren, dass es selber wiederum der Geburtsausgang ist für dasjenige, was sich im Lauf der nächsten dreiunddreißig Jahre abwickelt …

Was die Generation, die vorher an der Geschichte mitgetan hat, für Impulse hineingeworfen hat in den Strom des geschichtlichen Werdens, das hat eine Lebenszeit von dreiunddreißig Jahren; dann ist sein Osteranfang, dann ist seine Auferstehung. Wann wurde der Keim gelegt zu jenen Ostern, die die Menschheit nun durch Jahre, seit dem Jahre 1914 hat? Vor dreiunddreißig Jahren.

Zusammenhänge in Intervallen von dreiunddreißig zu dreiunddreißig Jahren, das ist dasjenige, was Verständnis bringt in dem fortlaufenden Strom des geschichtlichen Werdens. Und eine Zeit muss kommen, wo der Mensch in der Weihezeit, die ihren Anfang nimmt mit der Weihenacht vom 24. auf den 25. Dezember, sich darauf besinnt: Was du – so möge er sich sagen –, was du jetzt tust, das wird fortwirken und erst auferstehen und erst äußere Tat werden, nicht im persönlichen, im geschichtlichen Sinne, nach dreiunddreißig Jahren.

Ich verstehe dasjenige, was jetzt geschieht, wenn ich zurückblicke – selbst im äußeren Geschehen verstehe ich dasjenige, was jetzt geschieht – auf die Zeit, die sich jetzt nach der Regel der dreiunddreißig Jahre erfüllen muss.

Islamischer Messias: Muhammad Ahmad al Mahdi

Islamischer Messias: Muhammad Ahmad al Mahdi

Als im Beginne der achtziger Jahre der Aufstand des mohammedanischen Propheten, des Mahdi, auftrat, als er damit endete, dass die englische Herrschaft sich über Ägypten ausdehnte, als in derselben Zeit von französischer Seite Hinterindien sogar durch einen Krieg mit China für die europäische Herrschaft erobert werden musste, als die Kongo-Konferenz gehalten worden ist, als die andern Ereignisse von dieser Art stattfanden – studieren Sie alles, was jetzt, 1917, eine dreiunddreißigjährige Erfüllung hat! –, da wurde die Ursache gelegt zu demjenigen, was jetzt geschieht. Damals hätten die Menschen sich fragen sollen: Welche Aussichten für das Ostern nach dreiunddreißig Jahren verspricht das Weihnachten von diesem Jahre? – Denn alle Dinge im geschichtlichen Werden erstehen nach dreiunddreißig Jahren in verwandelter Gestalt aus dem Grabe, durch eine Gewalt, die zusammenhängt mit dem Heiligsten und Erlösendsten, das die Menschheit durch das Mysterium von Golgatha bekommen hat.«

Der Mahdi-Aufstand begann 1881 als Rebellion gegen die britische Herrschaft in den Provinzen Ägyptens am mittleren Nil und dauerte bis 1899. Er steht damit nach Steiners Ausführungen mit dem Kriegsausbruch 1914 in Beziehung. Angeführt wurde er von Muhammad Ahmad, der sich zum Mahdi (einer Art islamischem Messias) erklärt hatte. Die Anhänger Muhammad Ahmads eroberten bis 1885 weite Teile des Landes und wurden erst 1898 durch eine anglo-ägyptische Streitmacht besiegt. Der chinesisch-französische Krieg zwischen dem Kaiserreich der Qing-Dynastie und der dritten Republik dauerte von August 1884 bis April 1885 und spielte sich im Gebiet zwischen Tonkin, Taiwan und an der südchinesischen Küste ab. Frankreich erlangte das angestrebte Protektorat über Tonkin und festigte damit sein Kolonialgebiet in Indochina. Der Krieg steht nach Steiners Ausführungen mit dem Jahr 1917 in Beziehung, ebenso wie die Kongokonferenz, die zwischen November 1884 und Februar 1885 in Berlin stattfand. Letztere führte zur Aufteilung Afrikas zwischen den europäischen Kolonialmächten (Großbritannien, Frankreich, Belgien, Spanien, Portugal, Italien und Deutschland).

Blickt man aus dem Jahr 1917, dem Jahr des uneingeschränkten U-Boot-Kriegs, des Kriegseintritts der USA und der Oktoberrevolution, ins Jahr 1950 voraus, fallen in letzterem vor allem der Beginn des Koreakriegs (der USA bzw. der UN gegen Nordkorea und China) und die Fortdauer des ersten Indochinakrieges zur Befreiung von der französischen Kolonialherrschaft ins Auge, der allerdings bereits 1946 begonnen hatte.

Die weiteren Ausführungen Steffens machen deutlich, dass er eine Parallele zwischen den vor allem von rechtsradikaler Seite am Ende des 1. Weltkriegs und in der Nachkriegszeit gegen die Anthroposophie geführten Kampagnen, die schließlich in der Brandstiftung am ersten Goetheanum gipfelten, und den Anfeindungen gegen ihn seitens der Vertreter der Nachlassverwaltung sah. Ob eine solche Parallelkonstruktion legitim ist, scheint zweifelhaft, jedenfalls spiegelt sich in dieser These das Selbstverständnis Steffens, der sich von Feinden, von Wiedergängern der völkischen Gegner der Anthroposophie, umstellt sah. In der Geschichte der (inneren) Gegnerschaft wies er leider auch Marie Steiner eine prominente Rolle zu. Sich selbst sah er dagegen in einer neutralen, vermittelnden Position. Keinen Zweifel ließ er daran, dass er sich für unschuldig an den die Gesellschaft seit Jahren lähmenden Konflikten hielt. Steffen erinnerte an die »ungeheuren Verleumdungs- und Lügenfeldzüge gegen das Goetheanum«, an die Anklage gegen Rudolf Steiner wegen Verbalinjurien, die in einer Verteidigungsschrift von Louis Werbeck enthalten waren, an Steiners Verurteilung, an die großen Opfer, die er gebracht habe und die Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft durch die Weihnachtstagung. In diesem Kontext erwähnte er auch die »Prinzipien«, die den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag der Gesellschaft »eingegliedert« hätten, sowie die Absicht Steiners, die Publikationen der Hochschule mit einem »Schutzvermerk« zu versehen, um sie, wie Steffen sich ausdrückte, »vor der Profanisierung in der Öffentlichkeit zu schützen«. Allerdings war der Hintergrund dieses Schutzparagraphen ein anderer. Steiner ging es nicht darum, ein heiliges Mysteriengut vor Profanierung zu schützen, sondern vielmehr darum, sicherzustellen, dass eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Mysteriengut wissenschaftlichen Standards genügte. Er wollte also gerade nicht die Publikationen »vor Profanierung schützen«, sondern Einfluss auf die Form der Profanierung nehmen. Der Wunsch, ein angeblich »heiliges Gut« – der Gegenbegriff des »Profanen« – vor letzterem zu schützen, hätte seiner Grundüberzeugung widersprochen, nach der die Forschungsergebnisse der Geisteswissenschaft jeder Überprüfung durch den profanen Verstand der Naturwissenschaften und des Alltags standhalten könnten. Nicht nur in seiner »Geheimwissenschaft im Umriss«, sondern auch an vielen anderen Orten hatte er eine solche Überprüfung sogar ausdrücklich gefordert.

Wie dem auch sei – Steffen kam im Folgenden auf Marie Steiner zu sprechen. Er erwähnte den »Urnenstreit«, der Marie Steiner dazu bewogen habe, an Rücktritt aus dem Vorstand zu denken. Damals, so Steffen, habe er das erste Mal von Rudolf Steiners Testament gehört. Marie Steiner habe ihm mitgeteilt, wenn sie aus dem Vorstand austrete, werde sie »den Nachlass mitnehmen«. Er habe ihr erklärt, dass er in diesem Fall seine Aufgabe als Stellvertreter Rudolf Steiners nicht mehr erfüllen könne, denn dieser habe ja verlangt, die Publikationen der Freien Hochschule im Philosophisch-Anthroposophischen Verlag herauszugeben, der der Anthroposophischen Gesellschaft eingegliedert worden sei. Sollte Marie Steiner den Vorstand verlassen, wäre dies nach Steffens Auffassung nicht mehr möglich gewesen. Durch diese Ausführungen projizierte Steffen den Ursprung des Konflikts mit Marie Steiner über den Nachlass bis in die Zeit unmittelbar nach dem Tod Rudolf Steiners zurück, denn der Urnenstreit war auf der Rückfahrt von der Beerdigung ausgebrochen und Marie Steiner habe ihn – so Steffen – am Tag darauf mit ihrem Ansinnen konfrontiert. »Dann ging ich weg«, schloss Steffen diese Episode lakonisch, »nachdem ich das auseinandergesetzt und natürlich Frau Marie Steiner gesagt hatte, dass ich das Testament anerkenne.«

Hier drängen sich zwei Fragen auf: Warum hätte Marie Steiner, nachdem sie das Vorstandamt niedergelegt hatte, nicht weiterhin für die Hochschule im Philosophisch-Anthroposophischen Verlag die Werke Rudolf Steiners herausgeben können? Und: Wie konnte Steffen Steiners Testament »anerkennen«, wo er doch gleichzeitig der Auffassung war, der Philosophisch-Anthroposophische Verlag – und mit ihm der Nachlass – sei in die Gesellschaft »eingegliedert« worden? Hätte er schon damals, im März 1925, eine detaillierte Kenntnis des Testamentes besessen, müsste ihm der Widerspruch des Testaments zu seiner Überzeugung, der Nachlass Steiners sei in den Besitz der Gesellschaft übergegangen, aufgefallen sein.

Steffen zitierte im weiteren Verlauf aus einem Brief Marie Steiners vom 5. April 1925, in dem sie u.a. deutlich machte, sie könne nur im Vorstand verbleiben, »wenn man als ersten Vorsitzenden nicht einen Geist anruft [gemeint ist Rudolf Steiner], den jeder sich nach der Artung seines eigenen Geistes auslegt.«

Die Absicht, aus dem Vorstand auszutreten und den Nachlass »mitzunehmen«, ist aber nicht der einzige angebliche Vertrauensbruch, den Marie Steiner laut Steffens Ansprache ihm gegenüber begangen haben soll. Sie habe auch das Ehepaar Kolisko ohne Absprache mit den anderen Vorstandmitgliedern in leitende Funktionen berufen wollen, und schließlich ohne sein Wissen »außerhalb der Gesellschaft« die Nachlassverwaltung gegründet. Während einerseits Marie Steiner praktisch vom Augenblick des Todes ihres Mannes an also aus der Gesellschaft hinausstrebte, habe sie gleichzeitig ihm gegenüber und in der Öffentlichkeit stets ihr Vertrauen zu ihm beteuert. So habe sie seiner aufgrund des Drängens der Behörden im Herbst 1925 nötig gewordenen Wahl zum 1. Vorsitzenden zugestimmt und ihn noch 1935 als den »würdigsten und fähigsten« Kandidaten für dieses Amt bezeichnet. Dass sie aber nach 1935 »eine so furchtbare Meinung über ihn bekommen« habe, führte Steffen ausschließlich auf Intrigen oder Verschwörungen gegen sich zurück. Er sei ihr gegenüber nämlich als »Denunziant« gegenüber den Dornacher Behörden »hingestellt worden«. Diese Intrigen hätten Marie Steiners Vertrauen so nachhaltig zerstört, dass eine Versöhnung nicht mehr möglich gewesen sei.

Aus der Distanz betrachtet, trug Steffens »Rechtfertigung« nichts zur ideellen Aufhellung der nun seit Jahren schwärenden Gesellschaftskrise bei. Seine wiederholte Beteuerung, er sei von Anfang an der Meinung gewesen, das Testament Steiners sei mit den Prinzipien der neubegründeten Gesellschaft vereinbar, blieb eine bloße Beteuerung, da er mit keinem Wort darauf einging, wie er sich diese Vereinbarkeit vorstellte.

Die Realität der Gesellschaft war eine andere, das zeigte sich auch im weiteren Verlauf der Versammlung. Sie war nicht von Vereinbarkeit, sondern von Unvereinbarkeit geprägt. Erneut mussten sich die versammelten Mitglieder mit einem Antrag zum Nachlass beschäftigen, der diesmal von Paolo Gentilli vorgebracht worden war, den aber eine Reihe teilweise prominenter Mitglieder unterzeichnet hatten. Der Antrag zählte fünf Testamente Steiners auf, die zwischen 1907 und 1914 entstanden waren und ausnahmslos das Eigentum und die Verfügung über seine Hinterlassenschaft Marie Steiner zusprachen. Der Antrag forderte die Gesellschaft auf, diese Testamente anzuerkennen. Die Auseinandersetzung über diesen Antrag wurde allerdings mit Hilfe eines Geschäftsordnungsantrags abgewürgt, die Bitte Gentillis, sich zu seinem Antrag zu äußern, mit Hilfe eines weiteres Antrags, eines sogenannten »Eventualantrags für den Fall, dass Herr Gentilli sich zu Wort« melde, niedergeschmettert. Begründet wurde dieser Antrag, der darauf abzielte, Gentilli das Recht, in der Generalversammlung das Wort zu ergreifen, abzuerkennen, damit, dass er die Gesellschaft durch »unwahre und unwürdige Äußerungen beleidigt« habe. Karl Day wies in seiner mündlichen Begründung des Eventualantrags darauf hin, dass Gentilli der Verfasser jenes Artikels gewesen sei, mit dem sich Steffen bereits in der Generalversammlung des vorangegangenen Jahres auseinandergesetzt hatte. Wie weiter oben erwähnt, war dieser Artikel, der Steffen despotische Methoden vorgeworfen hatte, in den »Mitteilungen der Anthroposophischen Vereinigung in der Schweiz« erschienen. Die »beleidigte Gesellschaft« fühlte sich bemüßigt, dem Antrag stattzugeben und Gentilli jedes Recht auf Teilnahme an der Debatte zu entziehen. Die Versammlung entschied sich auch dafür, die Behandlung seines Antrags abzulehnen. Offenbar war trotz der Beteuerungen Steffens, er habe Steiners Testamente immer anerkannt, niemand bereit, ihm in dieser Hinsicht zu folgen.

Doch damit nicht genug. Zur Behandlung stand ein weiterer Antrag Jakob Streits, dieses unermüdlichen Kämpfers für das Recht der Verfemten, den weitere 75 Mitglieder unterzeichnet hatten. Dieser griff den 1955 abgelehnten Antrag identischen Inhalts auf, würzte diesen jedoch mit dem aktuellen Hinweis, dass durch die inzwischen vom Schweizer Gesetzgeber verabschiedete Verlängerung der Schutzfrist für Urheberrechte die absurde Situation eintreten könne, dass die von der Nachlassverwaltung veröffentlichten Werke Steiners bis zum Jahr 1975 nicht mehr am Goetheanum erhältlich oder in der Zeitschrift der Gesellschaft beworben werden könnten. Um diesem kläglichen Zustand abzuhelfen, solle die Gesellschaft den grotesken Bücherboykott beenden und die gedruckten Werke Steiners auch im Goetheanum verkaufen bzw. in ihrer Zeitschrift anzeigen.

In seinem mündlichen Plädoyer ließ es der streitlustige Streit an polemischen Spitzen nicht fehlen, wenn er bemerkte, der Philosophisch-Anthroposophische Verlag veröffentliche fast nur noch Schülerarbeiten, die keinen einzigen Vortrag Steiners aufwögen, in der Zeitschrift des Goetheanum sei seit sieben Jahren keine einzige Zeile Steiners mehr veröffentlicht worden, und die Behauptung, der Nachlassverein sei ohne Wissen des Vorstandes außerhalb der Gesellschaft begründet worden, habe Steffen 1945 zum Dogma erhoben.

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Hans Büchenbacher, 1887-1977

Gegen den Antrag meldeten sich unter anderem Hans Büchenbacher und Rudolf Grosse zu Wort. Büchenbacher legte die Gründe für die Ablehnung dar. Marie Steiner, so führte er aus, habe die Nachlassverwaltung nur gegründet, weil sie ihr »anthroposophisches und moralisches Vertrauen« in Steffen verloren habe. Damit (mit ihrem Vertrauensverlust oder mit der Gründung der Nachlassverwaltung ist unklar) habe sie »die moralische Existenz der Gesellschaft aufs Spiel gesetzt«. Durch die Gründung des Nachlassvereins habe sie den Vorstand (gemeint ist der Restvorstand) »desavouiert«. Nach § 8 der Prinzipien müsse die Schutzklausel »für die Mitglieder der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft gedruckt« in den Büchern Rudolf Steiners stehen. Diese »Grundbedingung« könne der Nachlassverein nicht mehr erfüllen, was zur Folge habe, dass diese Bücher »ohne den von Steiner geforderten Schutz im Buchhandel erhältlich« seien. Ein der Weihnachtstagung verpflichteter Vorstand müsse aber die Prinzipien dieser Tagung einhalten. Wenn man den Bücherboykott aufheben wolle, müsse man sich an die Herren der Nachlassverwaltung wenden, und sie auffordern, künftig ihre »Verleumdungen und esoterischen Verunglimpfungen gegen das Goetheanum« zu unterlassen.

Auch wenn man dem Verfolgten des Naziregimes Sympathien entgegenbringt, muss man doch zugestehen, dass seine Argumentation auf sandigem Grund errichtet ist. Dass die »moralische Existenz der Gesellschaft« erst oder allein durch Marie Steiners Vertrauensentzug gegenüber Steffen oder die Gründung des Nachlassvereins »aufs Spiel gesetzt« wurde, blendet die Ereignisse Mitte der 1930er Jahre völlig aus. Wenn etwas die »moralische Existenz« dieser Gesellschaft nicht nur aufs Spiel gesetzt, sondern nachhaltig unterminiert hat, dann waren es die großen Ausschlüsse des Jahres 1935, an denen Marie Steiner und Steffen mitgewirkt hatten. Außerdem erhebt sich die Frage, ob man von der »moralischen Existenz einer Gesellschaft« überhaupt sprechen kann. Im Sinne der »Philosophie der Freiheit«, mit der Büchenbacher als Leiter der »Arbeitsgruppe für Philosophie und Psychologie« am Goetheanum bestens vertraut war, kann man eigentlich nur von der moralischen Existenz einzelner Individuen sprechen. Denn die Ideenwelt lebt sich laut Steiner »nicht in einer Gemeinschaft von Menschen, sondern nur in menschlichen Individuen aus. Was als gemeinsames Ziel einer menschlichen Gesamtheit sich ergibt, das ist nur die Folge der einzelnen Willenstaten der Individuen …«. Ein einzelnes Individuum kann aber – wenn überhaupt – stets nur seine eigene moralische Existenz »aufs Spiel setzen«, nie die moralische Existenz anderer. Hätte Marie Steiner also »unmoralisch« gehandelt, hätte sie lediglich ihre eigene moralische Existenz in Frage gestellt oder »aufs Spiel gesetzt«, nicht die anderer oder der ganzen Gesellschaft. Die große Bedeutung, die im Konflikt mit der Nachlassverwaltung solchen Begriffen wie »Würde« (des Vorsitzenden) oder »Vertrauen« zukam, deutet darauf hin, dass es sich bei diesem Konflikt stets auch um Auseinandersetzungen über die moralische Qualität von Handlungen oder Personen handelte. Der gordische Knoten des Nachlasskonflikts wurde gerade dadurch geschnürt, dass einzelne Menschen sich eine apodiktische Antwort auf solche Fragen gestatteten wie: War es moralisch vertretbar bzw. notwendig, den Nachlassverein zu gründen? Oder: War es moralisch vertretbar oder notwendig, durch Testamente zugesprochene Eigentumsrechte in Frage zu stellen? Oder: War es moralisch vertretbar bzw. notwendig, um den Nachlass Rudolf Steiners einen Rechtsstreit zu führen? Ob es in moralischen Fragen eine allgemein verbindliche apodiktische Gewissheit gibt, ist jedoch stark zu bezweifeln.

Die dogmatische Berufung auf den § 8 der Prinzipien schließlich geht am eigentlichen Problem vorbei. Notwendig wäre das Eingeständnis gewesen, dass die Anthroposophische Gesellschaft als Ganzes der Aufgabe, das Werk Rudolf Steiners angemessen zu schützen, nicht gerecht geworden war. Der Verzicht auf diesen Paragraphen war lediglich ein abgeleitetes Symptom, die letzte Folge eines viel grundlegenderen Übels, das darin bestand, dass diese Gesellschaft es seit dem Tode Steiners nicht gelernt hatte, mit dessen Hinterlassenschaft angemessen umzugehen. Ihre Angst davor, sich mit existentiellen Erkenntnisfragen zielführend auseinanderzusetzen, hatte erst jenen Nebel im gesellschaftlich-sozialen Leben erzeugt, in dem sich nahezu alle Beteiligten verirrten. Der Gesellschaft – ihren verantwortlichen Mitgliedern – war es nicht gelungen, jene radikale Selbsterkenntnis zu praktizieren, die Steiner als Erfordernis der Geisterkenntnis beschrieben hatte. Die unaufgelichteten Schatten wurden ins zwischenmenschliche Spielfeld projiziert und wo Handeln aus Erkenntnis walten sollte, waltete schließlich Karma mit seinen seelischen Erfüllungsgehilfen Gier, Hass und Verblendung. An diesem viel tieferliegenden Problem konnte auch der Eindruck eines Schutzparagraphen in Buchpublikationen nichts ändern, ebensowenig wie der Verzicht auf ihn dieses Problem verschlimmerte. Hätte sich hingegen in der Gesellschaft rechtzeitig die hinreichende Kritikfähigkeit – insbesondere auch dem Werk Rudolf Steiners gegenüber – durchgesetzt, dann hätte vermutlich die Anthroposophie im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts eine gänzlich andere Gestalt angenommen und der Streit um eine literarische Schutzklausel oder um Eigentumsrechte hätte sich erübrigt.

Esoterisches Personal: Rudolf Grosse, 1906-1994

Esoterisches Personal: Rudolf Grosse, 1906-1994

Ganz anders als Büchenbacher, allerdings mit dem selben Ergebnis, näherte sich Rudolf Grosse dem Problem. Er entgegnete Streit mit dem merkwürdigen, aber für seine Geisteshaltung bezeichnenden Argument, dieser missachte die »33jährige Biografie des Goetheanums«. Was immer er damit auch gemeint haben mag, ein wirkungsvolles »argumentum ad hominem« hatte er damit formuliert. Der eigentliche Sinn der Aussage dürfte sein, dass Streit Albert Steffen – und damit Rudolf Steiner – missachte, der auf die 33jährige Umlaufzeit historischer Ereignisse hingewiesen hatte. Streit sollte also mit einem pseudoesoterischen Argument moralisch diskreditiert werden. Der Nachlassverwaltung sprach Grosse die spirituelle Kompetenz zur Herausgabe der Werke Steiners ab, da sie die Hochschule nicht anerkenne, die doch allein diese Kompetenz besitze. Streits Antrag bezwecke, das Goetheanum als Institution von seiner Treue zur Weihnachtstagung abzubringen, die dazu geführt habe, dass diese Institution die Bücher Steiners nicht mehr verkaufen könne. Die Schuld daran treffe aber nicht das Goetheanum, sondern die Nachlassverwaltung. Wenn man dem Antrag zustimme, dann gebe man damit die Hoffnung auf, »dass das, was dem Goetheanum entzogen wurde, aber zu ihm als Zentrum gehöre, ihm je wieder eingefügt werden könne.« Diese Redefigur erinnert stark an das Boos’sche Argument vom »Raub der Esoterik«, das dieser 1930 gegen Ita Wegman vorgebracht hatte. In den Augen Großes war offenbar Marie Steiner zur Räuberin geworden. Übersetzen wir seine sich in Andeutungen ergehenden Halbsätze in eine verständliche Sprache: Das Weisheitsgut oder Offenbarungsgut der Anthroposophie, das Fundament der Hochschule für Geisteswissenschaft, die Grosse mit dem Goetheanum gleichsetzte, war ihr rechtmäßiger Besitz und jeder, der es ihr wegnahm, ein Dieb oder Räuber. Mit anderen Worten: extra ecclesiam salus non est, außerhalb der Heilsinstitution des Goetheanum kann es keine rechtmäßige esoterische Weisheit oder Offenbarung geben. Ein noch so getreuer Abdruck der Worte Rudolf Steiners allein gebe noch keinen Schutz, so Grosse. Den Schutz, das Heil, die Weihe, die Heilung kann nur das Goetheanum, das wiederum mit der Gesellschaftsleitung identisch ist, garantieren, wer diesen Zusammenhang leugnet – ist entweder ein Apostat oder ein Ketzer.

Der Antrag Streit wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Grosse vertrat übrigens zu dieser Zeit aus »esoterischer Überzeugung« eine Position, deren vollkommenes Gegenteil er Ende der 1960er Jahre mit derselben Überzeugung gegen Herbert Witzenmann vertreten sollte.

Die Abendsitzung der Generalversammlung beschäftigte sich ausschließlich mit dem Projekt des Ausbaus des großen Goetheanumsaales. Auch in dieser Frage machte sich der Konflikt zwischen der Nachlasspartei und der Goetheanumpartei geltend. Denn der Architekt Carl Kemper (1881-1957) hatte eine Broschüre in Umlauf gebracht, deren Druck von einem Vorstandsmitglied der »Anthroposophischen Vereinigung in der Schweiz« finanziert worden war. In dieser hatte er über das Modell des Stuttgarter Architekten Johannes Schöpfer geschrieben, es entspreche nicht nur nicht den Intentionen Rudolf Steiners, sondern leugne, ja verzerre sogar die Anthroposophie zur Karikatur. Andere Architekten wiesen diese Einschätzungen als »krass und beleidigend« zurück. Aber auch Assja Turgenieff-Bugajew (1890-1966), die zu den führenden Künstlerinnen gehörte, die am ersten Bau mitgearbeitet hatten, meinte, Schöpfers Entwurf schließe sich nicht an den »Goetheanum-Baugedanken« an. Da zu dem Thema kein Antrag vorlag, kam es auch zu keiner Abstimmung.

Esoterisches Personal: Karl von Baltz, 1898-1987

Esoterisches Personal: Karl von Baltz, 1898-1987

Wie bereits erwähnt, starb der Musiker Wilhelm Lewerenz, der Leiter der Sektion für redende und musizierende Künste, am 19. April 1956, kurz nach der Generalversammlung. Bei einer außerordentlichen Generalversammlung am 29. Dezember 1956 wurde ein weiterer Musiker, Karl von Baltz (1898-1987), durch ein Kooptationsverfahren in den Vorstand gewählt und zum Leiter der Sektion ernannt. Er sollte sich aber bereits 1958 wieder aus dem Vorstand zurückziehen.

Das Kooptationsverfahren, bei dem Mitglieder eines bestehenden Gremiums sich selbst ergänzen, ist vor allem in politischen, kirchlichen und gesellschaftlichen Verbänden, aber auch an Hochschulen (Fakultäten) verbreitet, und soll sicherstellen, dass die in Verantwortungspositionen aufgenommenen Personen über die nötige Sachkenntnis verfügen. Die Gefahr dieses Verfahrens besteht darin, dass es die Selbstreproduktion geistiger Traditionen und sozialer Routinen fördert. Im Fall der anthroposophischen Gesellschaft wird (wurde) die Zustimmung der Mitgliederversammlung durch Akklamation zum Ausdruck gebracht. Wenn Steffen allerdings zu Beginn dieser Versammlung bemerkte, »diese beiden Persönlichkeiten werden Ihnen vom Vorstand vorgeschlagen und Sie sind verpflichtet, Ihre Meinung zu sagen, also zu wählen«, und dies damit begründete, dass die Gesellschaft nicht nur eine esoterische, sondern auch eine öffentliche sei, dann beruhte dies auf einem Missverständnis der Kooptation bzw. der demokratischen Verfahren. Denn bei der Kooptation hat die Mitgliedschaft ja gerade keine Wahl: sie kann nicht unter mehreren angetretenen Kandidaten für ein Amt durch Mehrheitsentscheidung einen auswählen, sondern lediglich der bereits erfolgten Wahl zustimmen.

Von Baltz, der bei seiner Berufung in den Vorstand 58 Jahre alt war, wirkte zu dieser Zeit als Konzertmeister bei den Wiener Philharmonikern und als Professor am Konservatorium Graz. Er war ein berühmter Geiger und hatte auf Tourneen die ganze Welt bereist. Arnold Schönberg, Anton von Webern, Gustav Mahler, Josef Matthias Hauer, Wilhelm Furtwängler, Bruno Walter und andere Musiker hatten seinen Weg gekreuzt. Seit er 1922 am Wiener West-Ost-Kongress teilgenommen hatte, gehörte er zu den ständigen Gästen in Dornach.

Daneben wurde der 50jährige Rudolf Grosse (1906-1994), bis dahin Lehrer an der Rudolf Steiner Schule Basel, der die seit 1931 brachliegende Arbeit der Jugendsektion wieder aufnehmen sollte, vom Vorstand vorgeschlagen und von der Versammlung gutgeheißen. Steffen kommentierte, es sei »hochbedeutsam«, dass ein Waldorfschüler zum Vorstand der Gesellschaft gehören könne. Grosse wurde als Sohn des Verwalters der Güter des Grafen Douglas auf Schloss Langenstein am Bodensee geboren. 1921 entdeckte er bei einer Wanderung im Jura das erste Goetheanum und hörte am 4. Juni als Fünfzehnjähriger den ersten Vortrag Steiners. Der Siebzehnjährige meldete sich 1923 vom Gymnasium ab und als Schüler bei der ersten Waldorfschule in Stuttgart an. Bereits am Ende seiner Schulzeit teilte er Steiner mit, er wolle Waldorflehrer werden. Ab 1926 unterrichtete er konsequenterweise an der Basler Waldorfschule, seit den 1950er Jahren auch am Lehrerseminar am Goetheanum. Nach dem Rücktritt Hermann Poppelbaums 1966 sollte er 1. Vorsitzender der Gesellschaft werden und eine bedeutende Rolle bei der Überwindung der Spaltung der Gesellschaft und der Versöhnung der verfeindeten Lager spielen. Dazu später mehr.

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