1957-1962 | Das Schweigen der Lämmer

goetheanumDie Jahre bis zum Tod Guenther Wachsmuths und Albert Steffens (1963) scheinen für die Anthroposophische Gesellschaft reichlich unspektakulär verlaufen zu sein. Zumindest erweckt die Berichterstattung im »Nachrichtenblatt« für deren Mitglieder diesen Eindruck. Aber diese Berichterstattung ist selektiv, um nicht zu sagen tendenziös. Folgt man den abgedruckten Protokollen, könnte man meinen, auf der Generalversammlung 1957 seien nur zwei Personen aufgetreten: Albert Steffen und Guenther Wachsmuth, deren Ansprachen veröffentlicht wurden. 1958 wurde laut Bericht immerhin ein Antrag verhandelt. Dass die Generalversammlung des Jahres 1959 nicht nur aus der Ansprache Albert Steffens bestand, muss man aus einer protokollierten Bemerkung der Generalversammlung von 1961 erschließen, in der ein Teilnehmer auf eine Erklärung verwies, die er zwei Jahre zuvor auf der Generalversammlung abgegeben hatte. Es scheint also auch 1959 zu Auseinandersetzungen gekommen zu sein, von denen man im »Nachrichtenblatt« aber nichts wiederfindet. Auch von der Generalversammlung 1960 wurden lediglich die beiden Ansprachen von Steffen und Wachsmuth abgedruckt. Erst 1961 kommt mit einem ausführlicheren Protokoll, das von der Behandlung dreier Anträge aus der Mitgliedschaft berichtet, wieder etwas Leben ins Standbild.

Wer nicht in Dornach lebte oder nicht zu den Generalversammlungen der Gesellschaft anzureisen vermochte und daher – sofern er nicht über andere, informelle Quellen verfügte – allein auf die Berichte im Nachrichtenblatt angewiesen war, um sich ein Bild davon zu machen, »Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht«, dürfte sich in diesen Jahren vor allem über die Nachrichtenlosigkeit gewundert haben. Auch der Historiker wundert sich und fühlt sich veranlasst, seine Vermutungen anzustellen. Es sei daran erinnert, dass immer noch Albert Steffen die Schriftleitung des »Goetheanum« und seiner Beilage für die Mitglieder innehatte. Der erste Vorsitzende entschied also auch darüber, was er der Mitgliedschaft mitteilen wollte und was nicht. Und so kann die asketische Veröffentlichungspolitik nur auf eine Entscheidung Steffens zurückzuführen sein. Vermutlich lagern in den Archiven des Goetheanum die Originalprotokolle der damaligen Versammlungen, aus denen ein vollständigeres Bild ihres Verlaufs rekonstruiert werden könnte. Da mir diese mit Sicherheit existierenden Protokolle im Augenblick nicht zugänglich sind, stütze ich mich bei meinen Ausführungen allein auf die Berichte im »Nachrichtenblatt«. Eine künftige Revision der Darstellungen der folgenden Jahre aufgrund neuer Forschungsergebnisse ist daher nicht ausgeschlossen. (Dies gilt übrigens auch – selbstredend – für alle bisherigen Ausführungen).

Wie bereits erwähnt, kam 1957 der Zeitraum von 33 1/3 Jahren zum Abschluss, der seit der Gründungsversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft verstrichen war. Die Anstrengungen der Goetheanumleitung hatten sich im vergangenen Jahr darauf konzentriert, den Ausbau des Großen Saals voranzutreiben und diesen rechtzeitig zur mit esoterischer Bedeutung aufgeladenen Generalversammlung 1957 zum Abschluss zu bringen. Die Bemühungen, die auch einen finanziellen Kraftakt der Mitgliedschaft darstellten (Wachsmuth sprach von der »größten und umfangreichsten Bilanz« in der Geschichte des Goetheanum), erwiesen sich als erfolgreich und so konnte die Generalversammlung dieses Jahres im neu eröffneten Saal stattfinden. Dies und die genannte kalendarische Tatsache dürfte mit zu der »andachtsvollen, feierlichen Stimmung« beigetragen haben, auf die Steffen in seiner relativ kurzen Ansprache an die Mitglieder hinwies.

Thematisch rankten sich seine Ausführungen um die Motive von Polarität und Steigerung, wie sie im Werk Hegels, Goethes und Schillers auftraten, um schließlich in der Anthroposophie ihre umfassendste, tiefschichtigste Ausformung zu erhalten. Die Anthroposophie selbst hatte sich, so Steffen, über verschiedene Stufen im Werk Steiners entwickelt. Sie hatte sich aus ihrem »geistigen Ursprungsland« zunächst in die Region des Denkens herabgesenkt, erkennbar in Steiners philosophischen Werken, um in seinen Mysteriendramen die Region der Kunst und des Gefühls zu durchdringen, um schließlich durch die Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft in der Willenssphäre zur sozialen Tatsache zu werden. In deutlich platonischer Diktion fuhr Steffen fort: »Es ist ein Gang der Anthroposophie immer tiefer hinunter in den Menschen, der Weg des Wesens Anthroposophie, das Rudolf Steiner selbst einen Menschen genannt hat, ein sich Hineinsenken aus kosmisch-geistigen Bereichen. Man darf sogar sagen, Anthroposophie ist aus dem Göttlichen herausgeboren ins Irdische hinein. Rudolf Steiner wurde der Vollzieher dieser Tat.« Die soziale Ausgestaltung der Anthroposophie in der Anthroposophischen Gesellschaft bezeichnete Steffen als deren höchste Erscheinungsform, diese selbst wiederum als das »sozialste Werk der heutigen Kultur«.

In seine Ausführungen bettete Steffen ein Treuebekenntnis zur Weihnachtstagung ein. Die Erkenntnis der Tatsache, dass die Anthroposophie in der nach ihr benannten Gesellschaft verkörpert sei, verpflichte den Vorstand auf die Prinzipien der Gründungstagung. »Es wird ihn niemand daran hindern können … , dieser Weihnachtstagung treu zu bleiben, keine Disputation, kein Gesetz von außen her, er folgt eben dem, was er von der geistigen Welt aus als richtig erkannt hat. Dadurch allein gewinnt er seine absolute Sicherheit, dadurch allein werden Sie ihn auch anerkennen wollen …« Steffens Bemerkungen formulieren einen Anspruch, der kaum mehr zu überbieten ist: für den Vorstand reklamierte er eine Erkenntnis »von der geistigen Welt aus«, die mit »absoluter Sicherheit« verbunden war. Solche Ansprüche hatte nicht einmal Rudolf Steiner geltend gemacht, auch nicht während der »Weihnachtstagung«, deren Satzungsverhandlungen er im Gegenteil aus einer urdemokratischen Haltung heraus geführt hatte. Über die Geistesforschung hatte er 1904 geschrieben: dass ihr keine Unfehlbarkeit innewohne. Auch sie könne sich täuschen, ungenau, schief oder verkehrt sein. »Von Irrtum frei ist auch auf diesem Felde kein Mensch; und stünde er noch so hoch.« (GA 11) Steffen hingegen band die Anerkennung des Vorstandes ausdrücklich an dessen »absolute« Erkenntnis. Die Beschwörung der Weihnachtstagung und der Integrität einer Gesellschaft, die sich diesem Gründungsereignis verpflichtet fühlte, sollte auch in den kommenden Jahrzehnten eines der Hauptargumente bei den symbolpolitischen Auseinandersetzungen in der inneranthroposophischen Debatte sein. Ja, wie sich noch zeigen wird, nahm diese Tagung immer gigantischere, geradezu kosmische Dimensionen an und wurde immer mehr zu einem Mythos ausgebaut, einem umkämpften Gründungsmythos, um den sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine wahre Gigantomachie entzünden sollte, bei der es im Kern um die Erneuerung des Mythos ging.

Aus der Ansprache des Schatzmeisters lassen sich einige weitere erwähnenswerte Informationen gewinnen. 1956 hatten drei große Faustaufführungen am Goetheanum stattgefunden, rund 4000 Besucher angelockt und zu einer erfreulichen Zunahme der Einnahmen geführt. Der weitere innerarchitektonische Ausbau des Goetheanum sollte in Angriff genommen werden, vor allem aber der Ausbau der Hochschule, ihrer Sektionen und Institute. Und man begann sich bereits auf den 100. Geburtstag Rudolf Steiners vorzubereiten, der im Februar 1961 bevorstand. Ein besonderes Anliegen war Wachsmuth die Förderung des anthroposophischen Nachwuchses – es gab offenbar schon damals ein Nachwuchsproblem, das zu den permanenten Problemen der Gesellschaft zu gehören scheint. Den gegenwärtigen »Trägern einer im besten Sinne lebendigen Tradition«, die noch Rudolf Steiner erlebt hätten, so Wachsmuth, müsse ermöglicht werden, eine »neue Schar von Rittern des Geistes« heranzuziehen. Dazu seien Tagungen, Bildungskurse, Seminare, Arbeits- und Kollegienräume, Gruppenquartiere für Tagungen und vor allem erschwingliche Unterbringungen für Jugendliche vonnöten. Wenn man es der Jugend ermöglichen wolle, »an der einzigen Michael-Hochschule, die es auf Erden gibt, zu studieren und zu leben«, müssten dazu Geldmittel in Form von Spenden aufgebracht werden. Bis zum 100. Geburtstag Rudolf Steiners müssten diese Vorhaben in Angriff genommen oder schon verwirklicht werden, damit Steiner »in seiner ganzen Glorie [!] vor der Menschheit« werde stehen können. Die Stichworte: »lebendige Tradition«, »Ritter des Geistes«, »Michael-Hochschule« und »Glorie« zeugen vom spirituellen Selbstverständnis Wachsmuths, aber auch vieler Verantwortungsträger der Gesellschaft. Die Verwendung dieser Metaphern deutet darauf hin, dass sich die Geisteshaltung, die inzwischen in Dornach herrschte, kaum mehr vom Traditionalismus unterschied. Auch bei Guénon, Corbin, Eliade oder Schuon spielten die Motive des geistigen Rittertums, der Elitebildung, und vor allem das Motiv der ununterbrochenen Kontinuität geistiger Überlieferung, die auf einen Stifter zurückging, dessen Glorie durch Initiation auf seine Nachfolger übertragen werden konnte, eine zentrale Rolle. Auch der Streit um die Schutzklausel der Publikationen war letztlich ein Streit zwischen Nominalisten und Realisten um die Reinheit der Tradition und die Frage der spirituellen Kontinuität. Die Nominalisten der Nachlassverwaltung leugneten sie, die Realisten des Goetheanum sahen sich selbst weiterhin als deren rechtmäßige Träger.

Einige der von Wachsmuth in Aussicht gestellten Vorhaben konnten in der Folgezeit verwirklicht werden: in der Hochschule konstituierte sich im Sommer 1957 aus dem Vorstand, den Sektionsleitern und verschiedenen Fachgruppen eine Art Senat der Fakultäten, der die Arbeit der Institution koordinieren und professionalisieren sollte (»Hochschulkollegium«) und 1958 entstand im Rahmen der allgemein-anthroposophischen Sektion ein Seminar für Anthroposophie, das Jahreskurse anbot.

Wie sehr Wachsmuth sich als Ritter des Geistes verstand, davon zeugten auch seine Sätze auf der Generalversammlung 1958: »Als geistige Basis für all unser Tun erinnern wir uns immer aufs neue an die zutiefst ergreifenden, mutgebenden und verpflichtenden Worte Rudolf Steiners, die er nach der Weihnachtstagung aus seinen Erfahrungen heraus sprach, dass ›seit der Weihnachtstagung der geistige Impuls, der aus den spirituellen Welten herunterkommen muss, wenn die anthroposophische Bewegung ihren richtigen Fortgang nehmen soll, durchaus gewachsen ist, so dass unsere anthroposophische Bewegung seit unserer Weihnachtstagung immer esoterischer werden konnte und es weiter werden wird. Es ist damit verbunden, dass allerdings auch, ich meine von der geistigen Seite her, sehr starke, gegnerische Mächte, dämonische Mächte, gegen die anthroposophische Bewegung anstürmen. Aber es steht durchaus zu hoffen, dass die Kräfte des Bündnisses, das wir durch die Weihnachtstagung mit guten geistigen Mächten schließen durften, in der Zukunft imstande sein werden, alle diejenigen gegnerischen Mächte auf geistigem Gebiete, die sich doch der Menschen auf Erden bedienen, um ihre Wirkungen zu erzielen, diese gegnerischen Mächte aus dem Felde zu schlagen.‹«

Diese Äußerungen Wachsmuths sind ein klassisches Beispiel für ein performatives Reenactment, durch das der historische Abgrund, der eine mythogene Gemeinschaft von ihrem Ursprung trennt, überbrückt wird. Indem sie sich ideell und rituell durch die Wiederaufführung ihres Gründungsereignisses im Hier und Jetzt an dieses anschließt bzw. dieses Ereignis in die nie vergehende, sich immer wiederholende Gegenwart hereinholt, versichert sich eine solche Gemeinschaft ihrer spirituellen und sozialen Integrität. Da es sich bei der Anthroposophischen Gesellschaft – zumindest der Idee nach – aber nicht um eine mythogene Gemeinschaft, sondern um eine aufgeklärte Gesellschaft handeln sollte, stellt sich die Frage, ob ein solches Reenactment nicht entweder deplatziert oder – angesichts ihrer realen sozialen Verfassung – schlicht sentimental ist.

Wie die gegnerischen Mächte durch die »Ritter des Lichtes« aus dem Felde geschlagen werden konnten, zeigte sich im unmittelbaren Anschluss an Wachsmuths Ausführungen. Die Waffe, welche die Ritter schwangen, war der Geschäftsordnungsantrag. Die Pionierin der anthroposophischen Arbeit in Italien, die Eurythmistin Lidia Gentilli-Baratto, die Ende der 1920er Jahre in Berlin einen Sohn Adolf Arensons geheiratet hatte und seit 1958 in zweiter Ehe mit Paolo Gentilli verheiratet war, hatte nämlich unverdrossen »zur Schlichtung und Einigung der Herzen aller Anthroposophen im Einklang mit dem Testament Rudolf Steiners« den Antrag eingereicht, die Generalversammlung möge beschließen, die von der Nachlassverwaltung herausgegebenen Bücher Rudolf Steiners auch am Büchertisch des Goetheanum zu verkaufen und sie im Nachrichtenblatt anzuzeigen. 36 Schweizer Zweige hatten zu ihrem Vorschlag einen Geschäftsordnungsantrag auf Nichteintreten in die Debatte vorbereitet. Einige Teilnehmer protestierten dagegen, dass ein solcher Geschäftsordnungsantrag schon vor Beginn der Versammlung vorbereitet werde, um den Eintritt in eine thematische Auseinandersetzung von vorneherein zu unterbinden. Prof. Louis Locher-Ernst, der 1962 in den Vorstand berufen werden sollte, wies die Kritik mit dem Hinweis zurück, Geschäftsordnungsanträge genössen Priorität. Dennoch äußerte er sich aber zur Sache: Gentillis Antrag verstoße gegen einen früheren Beschluss der Gesellschaft, die Nachlassverwaltung nicht anzuerkennen, der nie zurückgenommen worden sei und die Beschäftigung mit diesem Antrag stelle deshalb eine »Desavouierung« der Generalversammlung dar. Kurz und gut, der Vorschlag Gentillis wurde mit Hilfe eines Geschäftsordnungsantrags abgeschmettert.

Hier ist vielleicht der Zeitpunkt, sich über den Missbrauch von Geschäftsordnungsanträgen auszulassen, der jahrelang an Generalversammlungen der Gesellschaft der »Michaels-Schule« getrieben worden ist. Da dieses Problem jedoch auf der Generalversammlung 1961 – im Jahr des hundertsten Geburtstags Rudolf Steiners – durch einen speziellen Antrag thematisiert wurde, gehe ich weiter unten darauf ein.

Interessanterweise kam Rudolf Grosse im Anschluss an diese unrühmliche Episode auf die Arbeit an der Konstitution der Gesellschaft zu sprechen. Albert Steffen hatte auf der außerordentlichen Generalversammlung im Dezember 1957 bemängelt, dass in der Mitgliedschaft »weitgehend Unklarheit über die Konstitution der Gesellschaft« herrsche. »Wie kann man beraten, wenn man darüber keine vollkommene Klarheit hat?«, hatte er damals rhetorisch gefragt. Otto Fränkl-Lundborg hatte den Vorschlag gemacht, die Ausführungen Steiners über diese Konstitution zusammenzustellen, mit der Begründung, so Steffen, »alles sei unnütz oder schwebe im Ungewissen, wenn wir nicht Gewissheit haben über dasjenige, was eigentlich Rudolf Steiner gesagt hat in bezug auf die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft.«

Hier erhebt sich unwillkürlich die Frage, auf welcher Geschäftsgrundlage die Gesellschaft seit dem Tod Steiners eigentlich gearbeitet hatte, wenn ihr erst 1957 auffiel, dass »alles im Ungewissen schwebe«. Jedenfalls wurde Anfang 1957 eine solche Zusammenstellung veröffentlicht und laut Grosse zur Grundlage für Besprechungen im Hochschulkollegium (dem weiter oben erwähnten Senat der Hochschule). Man habe sich mit der Frage beschäftigt: »Was bedeutet es, wenn Rudolf Steiner vom ›esoterischen‹ Zug der Anthroposophischen Gesellschaft oder vom ›esoterischen‹ Vorstand spricht? Im Hinblick auf den Vorstand bedeutet es nicht Unfehlbarkeit oder hellsichtige Fähigkeit.« Zu welcher Antwort war man gelangt? Grosses Antwort: »Rudolf Steiner hat dem Lehrer eine besondere Meditation gegeben, die es ihm ermöglicht, seinen Unterricht von innen her, aus der Anthroposophie heraus zu führen. Eine so geleistete Arbeit kann man eine esoterische nennen.« Eine klassische Tautologie. Eine Arbeit ist dann esoterisch, wenn sie anthroposophisch ist, eine Arbeit ist dann anthroposophisch, wenn sie esoterisch ist. Grosse fuhr fort: »Äußerlich betrachtet braucht sie sich [diese Arbeit] nicht viel zu unterscheiden von einer, die ohne ein solches Ringen geschieht. Die Arbeit des Anthroposophen ist also eine innere, sie ist Angelegenheit der Gesinnung, die ihr Tun vor dem Geistigen verantwortet. Wer sein Mitgliedsein Ernst nimmt, stellt sich ja die Frage: arbeite ich aus dem Inneren heraus oder aus der Routine, das hieße eben ohne esoterischen Zug?« Im Hinblick auf das, was weiter unten über die Geschäftsordnung der Generalversammlungen und das Gewohnheitsrecht ausgeführt werden wird, erhalten diese Bemerkungen Grosses eine zusätzliche, ihm wohl kaum bewusste Bedeutung. Immerhin setzte sich Grosse mit seiner Feststellung, der Vorstand müsse nicht unfehlbar sein, um esoterisch sein zu können, von Steffens 1957 reklamierter »absoluter Erkenntnis« »aus der geistigen Welt« ab. Aber ebensoweng wie Steffens frühere Äußerungen setzten diejenigen Grosses eine Diskussion in Gang.

Auch 1959 scheint die Generalversammlung nach dem Nachrichtenblatt nur aus der Eröffnungsansprache Steffens bestanden zu haben. Diesmal griff der Vorsitzende Ausführungen Steiners zum »Schwellenübertritt der Menschheit« auf und illustrierte sie durch »wissenschaftliche, künstlerische und soziologische Symptome«. »Die ganze Menschheit«, so Steffen, »überschreitet heute die Schwelle des Todes, was symptomatisch in den beiden Weltkriegen und seinen Folgen zutage trat. Sie spaltet sich, was sich in den Divergenzen von Westen und Osten zeigt, und in der Kluft dazwischen, die von Jahr zu Jahr geistentblößter wird …«

Aus der Wissenschaft griff der Dichter-Vorstand ein kosmologisches Problem auf. Betrachten wir seinen Gedankengang etwas näher. Laut Kant könne die reine Vernunft nicht entscheiden, ob die Welt einen zeitlichen Anfang habe oder ewig sei. Die heutige Astrophysik hoffe, Kants kosmologisches Problem mit Hilfe von Radioteleskopen, die sie mittels Satelliten ins Weltall schicke, lösen zu können. Steiner dagegen überwinde die Kantsche Antinomie (die Unentscheidbarkeit der kosmologischen Frage), indem er den Raum nicht als Anschauungsform der menschlichen Organisation betrachte, sondern als »Idee«. Rudolf Steiner erforsche das Weltall vom Geiste aus und die Forschungsergebnisse der Astrophysik erwiesen sich als das Gegenbild dessen, was die Geistesforschung erkannt habe. Die Astrophysik scheine den Beweis zu erbringen, dass im Kosmos keine schöpferischen Kräfte »im geistig-göttlichen Sinn« walteten. Im physikalischen Kosmos habe kein Weltenrichter Platz, keine Seele, die nach dem Tode in den Himmel aufsteige, um dort für ihre Taten auf der Erde belohnt oder bestraft zu werden und anschließend durch ihre Erlebnisse verwandelt wieder auf die Erde herabzusteigen. In diesem physikalischen Weltbild habe die Inkarnation Christi auf Erden keinen Platz. Zwar lasse sich auch im naturwissenschaftlichen Kontext eine Reinkarnation denken, allerdings, ohne dass der Mensch eine Wandlung im Himmel durchmache. »Die Reinkarnation ließe sich aus dem biogenetischen Grundgesetz ableiten.« Die wiederholten Erdenleben bräuchten der naturwissenschaftlichen Denkungsart nicht zu widersprechen, man gelange man von ihr aus jedoch nur zu einer entstellten Form dieser Idee. »Wie wäre es denn, wenn der Mensch ohne Aufenthalt in einer geistigen Welt, ohne Läuterung seiner Seele und ohne die Wendung des Willens zur Gutmachung seiner schlechten Taten, wiedergeboren würde? Da fragt es sich, wird sein Ich, wenn es nach dem Tod in Bewusstlosigkeit versinkt, denn wiederum zur Welt kommen? Muss es nicht zersplittert werden, oder degeneriert erscheinen? Es kann dann eben eintreten, dass der Mensch, der sonst dieses Ich im Wandel durch die Sternenwelt gestärkt hätte, keine sittlichen Impulse mehr aufgenommen haben würde, dass er überhaupt ich-los würde, ein Herdenmensch von einem Führertier gelenkt, wie es Nietzsche vor Augen stand. In solchem Sinne müsste das Verbrechertum eine Steigerung erfahren, und unter den Menschen guten Willens, die aber ohne Einsicht bleiben, eine ungeheure Verzweiflung Platz greifen, die zu Selbstmordepidemien führen würde.«

Auffallend an Steffens Ausführungen ist, dass er aus einer Erkenntnishypothese eine reale Konsequenz ableitete, ohne es zu bemerken. Die drastischen Konsequenzen, die sich aus der naturwissenschaftlichen Reinkarnationsvorstellung ergäben, könnten nur eintreten, wenn diese nicht nur eine Hypothese wäre, sondern eine Tatsache. Wenn es sich mit dem nachtodlichen Leben des Menschen aber so verhält, wie Steffen im Anschluss an Steiner voraussetzte, dass nach dem Tod eine Läuterung und Wandlung eintritt und Entschlüsse zur Wiedergutmachung reifen, dann können auch nicht die von ihm geschilderten Konsequenzen eintreten. Vielmehr erwiese sich dann das nachtodliche Leben auch als Korrektiv der falschen Vorstellungen, die aus der naturwissenschaftlichen Kosmologie oder dem biogenetischen Grundgesetz abgeleitet wurden. Das »Herdenmenschentum« und die »Zunahme des Verbrechertums« können nicht aus einer falschen Reinkarnationsvorstellung abgeleitet werden, da diese selbst keinerlei Realitätsgehalt besitzt. Aus der gedanklichen Leugnung einer nachtodlichen Läuterung lässt sich nicht die tatsächliche Nichtexistenz einer solchen Läuterung ableiten.

Als »künstlerisches Symptom« griff Steffen die Selbstreflexion eines zeitgenössischen Dichters auf, der über die Tragödie schrieb: »Die Tragödie setzt eine Gemeinschaft voraus, die heute nicht immer ohne Peinlichkeit als vorhanden fingiert werden kann: Es gibt nichts Komischeres etwa, als in den Mysterienspielen der Anthroposphen als Unbeteiligter zu sitzen.« An die Bemerkung über die »fingierte Gemeinschaft« der Anthroposophen schloss Steffen den Kommentar an: » – das ist eine Ausdrucksweise, die uns gar nicht unbekannt ist. Sie kam schon früher aus Kreisen, die ich hier nicht weiter zu charakterisieren brauche … Dieser Schriftsteller redet vielleicht, ohne dass er weiss, was am Goetheanum geleistet wird. Aber es gibt Menschen, die es wissen und doch so reden, die verbreiten, unsere Gemeinschaft sei in Wahrheit keine richtige Gesellschaft. Die verleumden uns.« Steffen durfte voraussetzen, dass jeder der Anwesenden wusste, wovon er sprach.

Als »soziologisches Symptom« führte Steffen die Möglichkeit an, dass die Menschheit entweder durch einen Atomkrieg zugrunde gehe, oder dass Ost und West zwar zu einem Frieden fänden, ohne die Kluft zwischen den Systemen durch ein »neues Geistesleben« auszufüllen. Die Folge wäre laut Steffen, dass Mord und Selbstmord immer mehr zunähmen. »Die Menschheit würde nicht geändert. Es würde zuletzt ein Vergehen über sie kommen, das schimmer wäre als der physische Tod, nämlich der geistig-seelsche Tod, der zweite Tod, wie ihn Paulus nennt.«

Hier fällt auf, dass Steffen gar kein Symptom beschrieb, sondern lediglich eine hypothetische Möglichkeit.

Ziemlich abrupt fuhr er fort: »Hier ist nun auf die im Geist begründete und vom Geist getragene Gemeinschaft hinzuweisen, die Rudolf Steiner ins Leben gerufen hat … Rudolf Steiner hat den Vorsitz der Allgemeinen Anthrposophischen Gesellschaft übernommen und ihr die Konstitution gegeben. Sie darf als sein Werk betrachtet werden, sein größtes soziales Werk, das Gemeinschaftswerk der Gegenwart, das aus Freiheit und Liebe erwächst und die ganze Menschheit umfassen soll.« Diese Gesellschaft unterscheide sich von allen anderen Gesellschaften dadurch, dass sie »keine Dogmen« verkünde und »keinen Zwang« ausübe. Sie werde bestehen, »so lange es Menschen gibt, welche ihr Wesen erkennen, als lebendige und schöpferische Gemeinschaft. Es wäre die allergrößte Unterlassungssünde, wenn wir sie nicht in diesem Sinne weiterführen würden … Wer hierin nicht streng gegen sich selbst sein will, der trägt dazu bei, dass jene Meinung, die Gesellschaft sei eine Fiktion, in der Außenwelt weiterhin verbreitet würde. Das ist sie nicht. Denn wir sind treu.«

Hierzu erübrigt sich jeder weitere Kommentar.

Kurt Franz David,

Kurt Franz David, 1910-1986

Wie bereits erwähnt, scheint es aber auch auf dieser Generalversammlung, trotz aller Beschwörungen von Freiheit und Liebe, zu Konflikten gekommen zu sein. Aus dem Protokoll der Generalversammlung 1961 wissen wir, dass Kurt Franz David (1910-1986) – der 1962 von Guenther Wachsmuth zum Leiter der in Gründung befindlichen Sozialwissenschaftlichen Sektion berufen werden sollte, die 1965 Herbert Witzenmann übernahm –, wohl als Antwort auf sich unserer Kenntnis entziehende Vorgänge, folgende Erklärung abgab: »Als Ursache der Begründung der Nachlassverwaltung wurde angegeben, dass insbesondere der Vorsitzende, Herr Albert Steffen, den Rudolf Steiner seinen Stellvertreter nannte, der Weihnachtstagung nicht die Treue gehalten habe und moralisch keine einwandfreie Persönlichkeit sei. Es lastet damit auf der Anthroposophischen Gesellschaft ein Makel, der ihre spirituelle Reinheit und ihre Verbindung zu Rudolf Steiner schädigend beeinflussen müsste, sobald die Gesellschaft die Anerkennung der Nachlassverwaltung in der Ausübung ihrer Funktion der Herausgabe von Publikationen Rudolf Steiners aussprechen würde. Dass diese Anerkennung bis heute nicht erfolgte, bestätigt die Auffassung der Mitglieder, dass die Existenz der Nachlassverwaltung auf eine objektive Unwahrheit zurückzuführen ist. Das ist die Situation, in der wir noch immer stehen. Wie könnte also ein Weg eingeschlagen werden, der uns weiterführt? Der erste Schritt kann nur darin bestehen – denn vorher wären alle Verhandlungen oder eventuelle Rückgliederungsversuche zwecklos – , diesen Makel endlich zu beseitigen. Wenn die Mitglieder der Nachlassveramtlung dieses in freier Weise, aus verstehendem Wollen tun würden, dann wird wieder reine Luft geschaffen, die Würde der Gesellschaft als Trägerin der Anthroposophischen Bewegung wieder allseitig hergestellt und alles weitere, was zu geschehen hat im Sinne der Prinzipien, würde nach und nach erreicht werden.« Auch zu dieser byzantinischen Verlautbarung erübrigt sich jeder weitere Kommentar.

Anfang 1960 schloss sich die holländische Landesgesellschaft, die seit 1935 von der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft getrennt war, unter der Leitung ihres Generalsekretärs Frederik Willem Zeylmans van Emmichoven (1893-1961) wieder der Muttergesellschaft an. Dieser Zusammenschluss war durch den 1956 – im Jahr der 33. Wiederkehr der Weihnachtstagung –gegründeten »Scheveninger Kreis« vorbereitet worden, an dessen jährlichen Treffen führende Vertreter verschiedener skandinavischer, der englischen und der deutschen Landesgesellschaft sowie Hans-Rudolf Niederhäuser für die Nachlassverwaltung teilgenommen hatten.

Über ihren Wiedereintritt berichtete eine nüchterne Mitteilung im Nachrichtenblatt (Nr. 9, 1960): »Mit herzlicher Freude teilen wir den Mitgliedern mit, dass die Antroposofische Vereeniging in Nederland wieder in die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft eingegliedert ist.« Welche Gründe für diesen Schritt ausschlaggebend waren oder wie es zu diesem Schritt gekommen war, darüber erfuhren die Mitglieder nichts. Der erste Vorsitzende ging bei seiner Eröffnungsansprache zur Generalversammlung im April mit einigen wenigen Worten auf dieses angesichts der Gesellschaftsgeschichte überaus bedeutsame Ereignis ein, das eine seit 25 Jahren klaffende Wunde schloss. Er richtete sein Grußwort »besonders auch an die holländischen Freunde, deren Vertreter wir seit langer Zeit zum ersten Mal wieder in einer Generalversammlung sehen dürfen, altbekannte Gesichter, die wir aber neu erkennen wollen …; physisch gealtert …, aber seelisch verjüngt …«.

Wenn man sich daran erinnert, welche dramatischen Auseinandersetzungen auf einer Reihe von Generalversammlungen ein Vierteljahrhundert zuvor zum Ausschluss der Holländischen Landesgesellschaft geführt hatten, kann man sich über diesen Vorgang nur wundern. Es scheint, als wäre im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft eine Art Amnesie eingetreten, die über jene Ereignisse den Schleier des Vergessens breitete. Hätte die Gesellschaft ein historisches Gewissen besessen, wäre eine offene Aussprache über die damaligen Vorgänge und eine Aufarbeitung des geschehenen Unrechts unumgänglich gewesen. »Es waren viele, lange Überlegungen und schwierige Verhandlungen vorausgegangen, die mit Geduld und Einsicht, Geschick und Strenge geführt werden mussten, um diesen Wiederanschluss zu ermöglichen«, schreibt Zeylmans Biograph 1979 (Emanuel Zeylmans). Von diesen »langen Überlegungen und schwierigen Verhandlungen« erfährt man jedoch nichts. Im offiziellen Brief der Holländischen Landesgesellschaft an den Dornacher Vorstand vom September 1959, in dem die Anschlussbereitschaft mitgeteilt wurde, hieß es: »Wenn wir nun doch bereit sind, uns der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft einzugliedern, geschieht dies aus dem Grunde, weil wir der Meinung sind, dass die Zeit drängt …« In seiner Ansprache, die Zeylmans auf der Generalversammlung 1960 hielt, bemerkte er, der Anschluss finde statt, »weil wir es wollen«. Laut einer anderen Überlieferung soll er geäußert haben, der Wiederanschluss erfolge »Rudolf Steiner zuliebe«. Peter Selg teilt mit, Zeylmans habe Steiner »in einem geistigen Erlebnis als noch immer mit den Geschicken der Anthroposophischen Gesellschaft verbunden erlebt« (Peter Selg, Willem Zeylmans van Emmichoven, 2009, S. 180f.). Der holländische Generalsekretär verstarb knapp zwei Jahre später, im November 1961, in seinem 68. Lebensjahr, hundert Jahre nach Steiners Geburt. Vielleicht hatte Zeylmans das Herannahen seines eigenen Todes empfunden, vielleicht hatte ihn das bevorstehende Jubiläum dazu bewogen, diesen Schritt zu unternehmen. Für die englische Landesgesellschaft spielten solche Überlegungen offenbar keine Rolle, sie sollte sich erst 1964 wieder der Muttergesellschaft anschließen.

Kurz nach seinem Grußwort gab der 76jährige Steffen eine denkwürdige Performance. Er begab sich nämlich als Vorstandsmitglied und Vorsitzender (!) rhetorisch vom Vorstandstisch hinunter in den Zuschauerraum und sprach nun als einfaches Mitglieds zum Vorstandstisch hinauf. Wenn man als solches einfaches Mitglied zum Vorstand hinaufblicke, da erwache ein bestimmtes Gefühl in einem, »ein Dankbarkeitsgefühl dem Vorstand gegenüber [sic!], welcher der Mitgliedschaft ermöglicht hat, dass diese, ohne irgend welchen Streit während der letzten zehn Jahre innerhalb des Vorstandes, an allem teilnehmen zu können, dass also die Arbeit unter seiner Leitung in dieser Zeit nicht durch Konflikte aufgehört hat oder gefährdet worden ist, wie es früher so vielfach der Fall war.«

An diese Worte schloss sich eine Eloge der Selbstzufriedenheit: »Man wird auch dafür danken wollen, dass es möglich geworden ist, wiederum im Sinne der Weihnachtstagung die Medizinische Sektion und die Sektion für das Geistesstreben der Jugend einzurichten, dass die Naturwissenschaftliche Sektion mit den ihr angeschlossenen Institutionen, dem Chemisch-Biologischen und dem Physikalischen Laboratorium, dem Landwirtschaftlichen Ring so gut gedeiht; dass uns die Sektion für Redende und Musikalische Künste mit ihren Leistungen beglückt; dass die Sektion für Bildende Künste mit ihren Ausstellungen regelmäßig die Jahrestagungen schmückt; dass wir eine so schöne Plastikschule besitzen; das die Mathematisch-Astronomische Sektion mit ihrer neuen Sternwarte trefflich arbeitet; und dann, dass etwas völlig neues eingerichtet worden ist, das Pädagogische Seminar und das Seminar für Allgemeine Anthroposophie … Sehr dankbar sind wir auch dafür, dass eine Arbeitsgruppe für Philosophie und Psychologie, eine Arbeitsgruppe für Kulturwissenschaft eine Arbeitsgruppe für Sozialwissenschaft ununterbrochen am Werke sind.« Steffen versäumte nicht, in seinen Dank auch Rudolf Steiner einzuschließen, fuhrt er doch fort: »Und was tun die so mit Dank Bedachten? Die sagen: das gebührt ja nicht uns, sondern das gebührt Rudolf Steiner. Und dieser Dank, der von dort nach hier kommt, der wird dann dem Werke Rudolf Steiners entgegengesandt, … zu dem ja auch die Anthroposophische Gesellschaft gehört … die einzige Gemeinschaft …, die in umfassender Weise die Veranlagung in sich trägt, den Niedergangskräften der heutigen Kulturepoche das Gegengewicht entgegenzuhalten …« Für eine Gemeinschaft mit einem Jahresetat von rund 1,1 Millionen Schweizer Franken und rund 25.000 Mitgliedern, der es immer noch nicht gelungen war, sich wieder des verlorenen Geistesgutes ihres Begründers zu bemächtigen, kein geringes Sendungsbewusstsein.

Am 27. Februar 1961 feierte die Anthroposophische Bewegung den hundertsten Geburtstag ihres Begründers. Das ganze Jahr stand im Zeichen dieses Jubiläums. Seine vier Mysteriendramen wurden am Goetheanum mehrfach wiederaufgeführt, es fand eine Ausstellung zu seinem Leben und Werk statt, die vom schwedischen Künstler und langjährigen Vorsitzenden der schwedischen Landesgesellschaft, Arne Klingborg gestaltet (1915-2005) wurde, schließlich hatte Louis Locher-Ernst den Vorschlag gemacht, eine Reihe von Monographien zu publizieren, die zeigen sollten, wie Kunst und Wissenschaft von der Anthroposophie befruchtet worden waren. 1961 war aber auch insofern ein symbolisch bedeutsames Jahr, als sich in ihm nach dem Gesetz der »Umlaufzeit historischer Ereignisse« die Eröffnung des Goetheanumbaus zum dreiunddreißigsten Mal jährte. Darauf wies Steffen bei der Feier zu Steiners Geburtstag hin, ein Hinweis, der in diesem Jahr häufig aufgegriffen wurde.

Zur Generalversammlung der Gesellschaft am 1. April 1961 lagen drei Anträge vor. Der erste bezog sich auf die Geschäftsordnung der Generalversammlungen, die beiden anderen stellten Abwandlungen bzw. Neuauflagen früherer Anträge zur schier ewigen »Bücherfrage« dar.

Die Kunsthistorikerin (und Künstlerin?) Fanny Podreider aus Mailand, eine Mitstreiterin des Ehepaars Gentilli, das für den dritten Antrag verantwortlich war, stellte erstmals in der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft einen Antrag zur Präzisierung der bisher ungeschriebenen Geschäftsordnung. Weder die Prinzipien der Weihnachtstagung, noch die handelsregisterlichen Statuten enthielten eine geschriebene Geschäftsordnung. Die einzige Aussage zu Anträgen in den Prinzipien von 1923/24 bezieht sich darauf, dass diese eine Woche vor der Versammlung beim Vorstand einzureichen seien, die Statuten von 1925 verlängerten diese Frist auf vierzehn Tage.

Podreider nahm in ihrem Antrag das Instrument der Geschäftsordnungsanträge aufs Korn. Es sei bereits mehrfach vorgekommen, so schrieb sie zur Begründung ihres Antrags, dass »die Behandlung von rechtzeitig und ordnungsgemäß eingereichten Anträgen verhindert worden sei, meist durch einen von den Funktionären vorher vorbereiteten Geschäftsordnung-Antrag auf Nicht-Behandlung des betreffenden Antrags und zwar so, dass der Geschäftsordnungsantrag vor Eintreten auf den ordentlichen Antrag von der Versammlungsleitung – stets mit Erfolg – zur Abstimmung gebracht« worden sei. Auf diese Weise, so Podreider, seien »die dem Vorstand unbequemen Redner von vorneherein mundtot gemacht worden.« Daher stelle sie den Antrag, dass »jeder rechtzeitig und ordnungsgemäß eingereichte Antrag an die Generalversammlung materiell, das heißt sachlich und effektiv zu behandeln« sei, »durch Diskussion des Pro und Contra und schließliche Abstimmung über den Antrag selbst.« Es werde als »den Rechten der Mitglieder zuwiderlaufend betrachtet, auch wenn sie in der Minderheit« seien, »wenn die sachliche Behandlung eines solchen Antrags durch Abstimmung über einen Geschäftsordnungsantrag verhindert« werde.

Damit war das erste Mal aus der Mitgliedschaft die Frage nach der rechtlichen Verfassung und den prozeduralen Abläufen der Mitgliederversammlung gestellt. Wie wenig das Rechtsbewusstsein unter den versammelten Mitgliedern ausgeprägt war, zeigt die Behandlung dieses Antrags. Es gab dazu nur drei Wortmeldungen, wobei der Versammlungsleiter Hermann Poppelbaum, der sich selbst zur Sache äußerte, gleich einen Geschäftsordnungsantrag auf Nichteintreten in die Debatte stellte und nachdem sich doch ein Befürworter zu Wort gemeldet hatte, nach einer Gegenrede einen Antrag auf Ende der Debatte stellte, der mit überwältigender Mehrheit von etwa 1096 gegen 4 angenommen wurde. Damit hatte der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft einmal mehr bewiesen, was er von einer demokratischen Willensbildung und den Rechten der Mitglieder hielt.

Da es sich bei Geschäftsordnungsanträgen um ein taktisches Verfahren handelt, das im säkularen politischen Leben gang und gäbe ist, und keineswegs um eine anthroposophische Erfindung, ließe sich die Frage aufwerfen, wer diesem Instrument des politisch-taktischen Machtspiels eigentlich Eingang in das anthroposophische Vereinsleben verschafft hat, in jene Gesellschaft also, die Steffen als eine Ausgeburt des Göttlichen in der sozialen Welt pries. Gerade weil es sich um keine anthroposophische Erfindung handelt, kann ein Blick auf die gewöhnlichen Usancen erhellend sein.

In herkömmlichen Vereins- oder Gesellschaftsversammlungen bezieht sich ein Geschäftsordnungsantrag auf den formalen Ablauf einer Versammlung. Er setzt das Vorhandensein einer Geschäftsordnung voraus, in der die Verfahrensregeln beschrieben werden, nach denen Sitzungen und Versammlungen ablaufen sollen. Eine solche Geschäftsordnung kann, muss aber nicht Bestandteil einer (Vereins-)Satzung sein. Festgelegt werden sollte sie jedoch und zwar von den Mitgliedern des betreffenden Vereins, die ihn ja auch kraft ihres Willens gegründet und ihm seine Satzung gegeben haben, aus dem einfachen Grund, um die Mitwirkungsrechte der Mitglieder zu regeln und abzusichern. Allerdings existieren Geschäftsordnungen nicht immer in schriftlicher Form: Häufig werden bestimmte Verfahren praktiziert und gelten aufgrund des Gewohnheitsrechts. Im Fall der Anthroposophischen Gesellschaft dürfte es jedoch schwer fallen, sich auf ein Gewohnheitsrecht oder das »allgemein Übliche« zu berufen, versteht sie sich doch als einzigartige Gesellschaft, die mit keiner anderen zu vergleichen ist – oder verstand sich zumindest 1961 noch so. Man dürfte also erwarten, dass sich diese Gesellschaft eine explizite Geschäftsordnung gibt, in der die Verfahren ihrer Versammlungen aus spirituellen Erkenntnissen heraus geregelt werden. Wenn sie sich bei ihren Verfahren an den gewöhnlichen Usancen oder dem Gewohnheitsrecht orientiert, dann ist sie nicht einzigartig, sondern nichts anderes als gewöhnlich.

Geschäftsordnungsanträge werden im herkömmlichen Vereinsleben stets vorrangig vor Sachfragen behandelt, da sie sich auf das Verfahren der Entscheidungsfindung beziehen. Natürlich können sie die Beschlussfassung und damit auch die Entscheidung von Sachfragen maßgeblich beeinflussen, beispielsweise wenn durch Änderung des Verfahrens die Behandlung von Sachfragen verhindert wird, etwa durch einen Antrag auf Nichtbefassung mit einem Antrag oder auf die Vertagung eines Verhandlungsgegenstandes. Anträge zur Geschäftsordnung werden dem Versammlungsleiter üblicherweise durch das Heben beider Arme angezeigt. Der Versammlungsleiter muss dem Antragsteller unverzüglich (spätestens nach dem laufenden Redebeitrag) das Wort erteilen, damit dieser seinen Antrag begründen kann. Ist diese erfolgt, wird die Versammlung in der Regel gefragt, ob eine Gegenrede (Votum gegen den Antrag – mit oder ohne Begründung) gewünscht wird. Es ist üblicherweise nur eine Gegenrede erlaubt. Erfolgt keine Gegenrede, gilt der Antrag ohne Abstimmung als angenommen. Andernfalls entscheidet, soweit die Satzung nicht etwas anderes bestimmt, die einfache Mehrheit der Versammlung. Bei Stimmengleichheit ist der Antrag abgelehnt. In vielen Versammlungen ist es üblich, dass Redner, die selbst zur Sache gesprochen haben, keinen Antrag auf Schluss der Debatte oder Schluss der Rednerliste stellen dürfen.

Eine Muster-Geschäftsordnung (GO), die im Internet (Wikipedia) zur Verfügung steht, nennt folgende Verfahrensvorschläge zu Ordnungsanträgen: (1) GO-Anträge können jederzeit gestellt werden. Der Versammlungsleiter kann verfügen, dass GO-Anträge schriftlich einzureichen sind. (2) Über GO-Anträge ist außerhalb der Rednerliste sofort abzustimmen, nachdem der Antragsteller und ein eventueller Gegenredner gesprochen haben. (3) Teilnehmer, die bereits zur Sache gesprochen haben, können keinen GO-Antrag auf Schluss der Debatte oder Schluss der Rednerliste stellen. (4) Folgende Anträge zur GO sind zulässig: Antrag auf 1. Vertagung der Versammlung, 2. Absetzen des Verhandlungsgegenstandes von der Tagesordnung, 3. Übergang zur Tagesordnung, 4. Nichtbefassung mit einem Antrag, 5. Vertagung eines Verhandlungsgegenstandes, 6. Sitzungsunterbrechung, 7. Schluss der Debatte bzw. Verzicht auf Aussprache, 8. Schluss der Rednerliste, 9. Begrenzung der Redezeit, 10. Verbindung der Beratung über unterschiedliche Sachgegenstände, 11. Besondere Form der Abstimmung, 12. (Wiederholung der) Auszählung der Stimmen.

Diese Muster-Geschäftsordnung sieht keine Anträge auf sofortigen Entzug des Rederechts vor. Man erinnert sich daran, dass dem Ehemann Lidia Gentillis 1956 dieses Rederecht in der Versammlung mit der Begründung entzogen worden war, er habe die Gesellschaft »beleidigt«. Ihm war auch das Recht verweigert worden, zu diesem Antrag auf Entzug des Rederechts Stellung zu nehmen, also auch das Recht auf Gegenrede war ihm nicht eingeräumt worden. Solche taktischen Spielereien sind weder demokratisch, noch entsprechen sie dem Gewohnheitsrecht. Ob sie dem spirituell exklusiven Anspruch der Anthroposophischen Gesellschaft entsprechen, dürfte zweifelhaft sein. Daher hatte Fanny Podreider jedes Recht, dieses Verfahren in Frage zu stellen. Wie ging nun die Versammlung mit ihrem Antrag um?

Der Versammlungsleiter schickte der Behandlung des Antrags selbst einige Worte voraus. Er legte Wert darauf, zu betonen, die Rechte der Mitglieder, aber auch die Rechte der Versammlung zu schützen, wobei sich sogleich die Frage erhebt, worin der Unterschied zwischen beidem besteht, handelte es sich doch um eine Mitgliederversammlung. Zu den unabdingbaren Rechten einer Versammlung gehöre es, so Poppelbaum, einer Diskussion ein Ende zu setzen, wann immer sie wolle. Und er als Versammlungsleiter könne es keinesfalls für recht halten, wenn von vorneherein bestimmt werde, dass die Versammlung die ganze Diskussion unbedingt anhören müsse. Würde der Antrag angenommen, dann würde er die zugesicherten Rechte der Versammlung einschränken, ja, er würde die Satzung ändern.

Zurecht wird sich der Leser fragen: welche zugesicherten Rechte, welche Satzung? Denn wie wir wissen, gab es zu dieser Zeit keine Satzung, die den Mitgliedern in der Generalversammlung irgendwelche Rechte zusicherte. Sie konnten sich solche durch ihre eigene Entscheidung also auch nicht entziehen. Statt zu erkennen, dass dieser Antrag die Gelegenheit geboten hätte, das Problem der nicht vorhandenen Satzung zu klären und eine solche zu schaffen, drang Poppelbaum jedoch darauf, den Antrag so schnell wie möglich von der Tagesordnung zu schaffen, indem er selbst den Antrag auf Nichteintreten auf den Antrag stellte. Wie wir gesehen haben, ist es im Vereinsleben nicht üblich, dass Teilnehmer, die bereits zur Sache gesprochen haben, einen Geschäftsordnungsantrag auf Schluss der Debatte oder Schluss der Rednerliste stellen. Hier kann man sich also nicht einmal auf das Gewohnheitsrecht berufen. Einem Teilnehmer fiel dies auch auf und er stellte fest, es sei ein gewaltiger Unterschied, wie bei der »Weihnachtstagung« Anträge, Wortmeldungen und Fragen von Steiner behandelt worden seien. Hier habe sich ein Wandel in den Verfahrensweisen der Gesellschaft vollzogen. Louis Locher-Ernst wies in seiner Entgegnung auf einen scheinbaren Widerspruch im Antrag Podreider hin: einerseits wolle er die »Freiheit der Versammlung wahren«, andererseits wolle er sie »einschränken«. Auch er betonte, eine Versammlung müsse das Recht haben, darüber zu entscheiden, worüber sie debattieren wolle und worüber nicht. In einem dramatischen Bild verglich er den Antrag mit einer Brandfackel, die jemand in ein Heim tragen wolle. Pflicht des Heimleiters sei es, dies zu verhindern. Auch er stellte einen Antrag auf Nichteintreten in die Debatte. Niemand protestierte gegen den Vergleich der Generalversammlung mit einem »Heim« – ob Locher ein Altersheim oder ein Behindertenheim meinte, sei dahingestellt. Die »Insassen« folgten ihren »Heimleitern« und lehnten mit überwältigender Mehrheit eine Debatte über den Antrag ab.

Da es sich bei den beiden anderen Anträgen um nahezu identische Neuauflagen früherer Anträge zur Zulassung der Publikationen der Nachlassverwaltung und zur Anerkennung ihrer Arbeit handelte, die so wie die früheren durch Geschäftsordnungsanträge abgefertigt wurden, braucht auf sie nicht weiter eingegangen zu werden. Auf die an das Abstimmungsprozedere anschließende Diskussion muss aber eingegangen werden, weil sie einige Mythen dokumentiert, die sich inzwischen in den Identitäts- und Geschichtsdebatten der Gesellschaft festgesetzt hatten. Diese zur Kenntnis zu nehmen, ist insbesondere deshalb von Bedeutung, weil der grundlegende Kurswechsel, der sieben Jahre später mit dem Bücherbeschluss vollzgen wurde, nichts an den zentralen Mythen dieser Gesellschaft änderte, obwohl bis zu diesem Zeitpunkt stets behauptet wurde, diese seien ein unwegdankbarer Bestandteil ihrer Integrität.

Friedrich Kempter,

Friedrich Kempter, 1899-1968

In einer langen Rede kam Friedrich Kempter (1899-1968) – der 1963 Präsident der Albert Steffen Stiftung und 1965 Generalsektretär der deutschen Landesgesellschaft werden sollte – auf den »Schutzvermerk« des § 8 der Prinzipien zu sprechen. Vor der Weihnachtstagung, so Kempter, sei das Vortragswerk Steiners nur für Mitglieder erhältlich gewesen und man habe erst Mitglied werden können, nachdem man sich bestimmte Erkenntnisse angeeignet habe. Da die »Zyklen« aber doch außerhalb der Gesellschaft verbreitet worden seien, habe Steiner sie unter «moralischen Schutz« stellen wollen. Was Steiner damit gemeint habe, erklärte Kempter wie folgt: »Er wollte, dass wir nach besten Kräften dafür sorgen, dass beachtet wird, was man sich erst erarbeiten muss, bevor man die Zyklen und Vorträge richtig lesen kann. Es wird auch niemandem die Berechtigung zugesprochen, über ein mathematisches Buch etwas zu sagen, der nicht die entsprechende Vorbildung hat. Doch ist es ein ziemlich großer Unterschied, denn die Vorträge und Zyklen Steiners sind in einer Sprache geschrieben, von welcher der wissenschaftlich gebildete Mensch meint, er könne sie verstehen. Er meint, er kann es verstehen, ohne es zu können! Aufgabe der Herausgeber wäre, die ganze Herausgabe so einzurichten, dass das evident wird.« Stattdessen würden die Mitgliedervorträge inzwischen im Katalog der Frankfurter Bucmesse angezeigt und damit eine »ungeheure Gefahr der Diskriminierung und des Missverstehens heraufbeschworen.«

Die subtile Bedeutungsverschiebung, die in dieser Passage verborgen ist, wird einem deutlich, wenn man sich vor Augen hält, dass Steiner seine geisteswissenschaftliche Forschung der Prüfung durch den »gesunden Menschenverstand« unterworfen hatte (»Geheimwissenschaft im Umriss«). Wenn er selbst dem gesunden Menschenverstand eine solche Prüfung zutraute, musste dann nicht erst recht der wissenschaftlich geschulte Verstand zu einer solchen Prüfung berechtigt sein? Kempter ließ sich auch über die Vorgänge aus, die zur Gründung der Nachlassverwaltung geführt hatten und sah die Schuld allein auf Seiten Marie Steiners. »Das Testament Rudolf Steiners« – und hier vollzog er einen bemerkenswerten Kurzschluss – »ich darf sagen: der Teil seines Testamentes, der in den Prinzipien der Anthroposophischen Gesellschaft niedergelegt ist, war bis zu den Gesellschaftskonflikten in völligem Einklang.« In völligem Einklang womit? Die Auslassung ist verräterisch. Kempters rednerische Fehlleistung, die darin bestand, dass er die bürgerlichen Testamente Steiners zu erwähnen vergass, deutet darauf hin, welche Verdrängungsleistungen inzwischen von den Mitgliedern dieser esoterischen Gesellschaft vollbracht werden mussten. Statt von den realen Konflikten und ihren Anlässen, pflegte man inzwischen stets von »Tragik« zu sprechen. Die ganze Gesellschaftsgeschichte war eine einzige Ansammlung von Tragödien. Hegel definierte die Tragödie als Zusammenprall unterschiedlicher Willensrichtungen. Vom ideellen Inhalt dieser Willensrichtungen ist aber bei Kempter nicht die Rede. »Die Tragik ist eingetreten«, so fuhrt er fort, »dass aus Zweifeln heraus Frau Marie Steiner die Betreuung des Werkes der Goetheanum-Leitung entzogen hat. Wo sind die Gründe dafür? Wir kennen sie nicht, weil sie nicht vorhanden sind.« Auch diese Aussagen stellen eine enorme Verdrängungsleistung dar. Wer die bisher beschriebene Geschichte der Gesellschaft zur Kenntnis genommen hat, wird kaum sagen können, dass Marie Steiner die Betreuung des Werkes Rudolf Steiners der Goetheanum-Leitung völlig grundlos, also willkürlich und aus irrationalen Antrieben entzogen hat.

Julius Solti,

Julius Solti, 1899-1983

Im Anschluss an Kempter ging Julius Solti vom Hamburger Arbeitszentrum näher auf die Gründe ein, die Marie Steiner zu ihrem Handeln bewogen haben mochten. Er verstieg sich zu der Behauptung, Marie Steiner habe die Anthroposophie nicht verstanden. Er zitierte aus der Einleitung Marie Steiners zum Band der Gesamtausgabe über die Weihnachtstagung aus dem Jahr 1944, in der es heißt: »Doch ist diese Weihnachtstagung zugleich mit einer unendlichen Tragik verbunden. Denn man kann nicht anders als sagen: Wir waren wohl berufen, aber nicht auserwählt. Wir sind dem Ruf nicht gewachsen gewesen. Die weitere Entwicklung hat es gezeigt.« Eine solche Tragik sei auch mit dem Leben Marie Steiners verbunden, so Solti. »Wir dürfen hinschauen auf Frau Marie Steiner, auf ihr mühseliges Ringen um den rechten Weg – aber es war nicht der rechte Weg. Frau Marie Steiner hatte in den letzten Jahren ihres Lebens den Weinachtstagungsimpuls angesehen so, als ob er untergegangen, zerstört worden wäre [wir wissen, dass sie bereits nach der Kremation Steiners diese Auffassung vertrat], und die Gesellschaft nicht mehr zu retten sei – wohl noch die Bewegung, denn diese sei von Weltenmächten gewollt.« Aber, so fuhr Solti fort: »Die Gesellschaft ist nicht von Weltenmächten gewollt. Die Gesellschaft ist eine freie Tat Rudolf Steiners als Individualität. Das muss man unterscheiden. Rudolf Steiner aber sagte, dass dadurch, dass er das Karma der Gesellschaft übernommen habe, Gesellschaft und Bewegung eines geworden seien. Wer vielleicht die Auffasssung vertreten mag, dass durch seinen Tod diese Gesellschaft zu Ende ist, hat die Anthroposophie nicht verstanden. Es ist unmöglich, dass ein Eingeweihter durch seinen Tod einen Impuls zu Ende führt. Damit beginnt ein neues Leben. Dadurch, dass Rudolf Steiner das Karma der Anthroposophischen Gesellschaft selbst übernommen hat, ist mitbedingt, dass diese Gesellschaft über Tode hinaus immer wieder zum Auferstehungsleben kommen darf.« Marie Steiner hatte also die Anthroposophie nicht verstanden. Und Rudolf Steiner wurde durch die Sätze Soltis für alle Zeiten in den Leib der Anthroposophischen Gesellschaft eingesargt.

Nun meldete sich Lothar-Arno Wilke (1925-1996) vom Hamburger Christian Rosenkreutz-Zweig zu Wort, der bis dahin noch nicht auf Generalversammlungen aufgetreten war und der den zweiten abgeschmetterten Antrag zur Anerkennung der Leistungen der Nachlassverwaltung gestellt hatte. Wilke sollte 1963 aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden und 1964-65 einen Rechtsstreit mit der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland wegen der Verwendung ihres Namens führen. Er verwahrte sich in einer intelligenten Bemerkung dagegen, dass das rein persönliche Karma zwischen Marie Steiner und Albert Steffen, das die Ursache der Kluft zwischen den Mitgliedern sei, von der Gesellschaft übernommen werden müsse. Durch diese Bemerkung sah sich Albert Steffen zu einer Äußerung veranlasst. Er sei von Steiner zu seinem Stellvertreter ernannt worden und habe stets als solcher gehandelt. Sein persönliches Verhältnis zu Marie Steiner spiele dabei keine Rolle. »Ich wüsste überhaupt nicht zu sagen«, so Steffen, »ob und wie ich mit Frau Marie Steiner karmisch verbunden sein sollte. Es ist überhaupt diese Frage ganz gegenstandslos.«

An dieser Stelle scheint es angebracht, sich an den Brief zu erinnern, den Rudolf Steiner rund einen Monat vor seinem Tod (30. März 1925) vom Krankenlager aus an seine Frau in Berlin schrieb, aus dem in der Geschichte der Gesellschaft des öfteren einzelne Passagen zitiert worden waren, um bestimmte Ansprüche oder Positionen im Parteienstreit damit zu begründen.

In diesem Brief vom 27. Februar 1925, in dem Steiner auf Klagen seiner Frau über Albert Steffen antwortete, hieß es unter anderem: »… wenn … [ich von Dir] dann ab und zu in meinem ›Lebensgang‹ die Beschreibung unserer gemeinsamen Tätigkeit gelesen weiß, dann fühle ich tief, wie verbunden wir sind. Dass Karma auch andere Personen in meine Nähe bringt, ist eben Karma. Und die Krankheit [gemeint ist Steiners eigene Krankheit] hat ja jetzt gezeigt, wie dieses Karma einschneidend ist. Aber Du hast Dich zum Verständnis durchgerungen; das ist ein Segen für mich. Im Urteil zusammenfühlen und -denken kann ich ja doch nur mit Dir. Und schon war es mir eine Entbehrung, dass ich Dir die letzten Seiten des Steffen-Aufsatzes nicht vorlegen konnte, bevor sie (gestern) in Druck gingen. Denn innere Kompetenz gestehe ich für mich doch nur Deinem Urteil zu. …

Dass Dich die ›Bestimmung der Roheit‹ [ein Roman Albert Steffens] so durcheinandergebracht hat, verstehe ich. Und Du hast natürlich vollkommen recht, wenn Du von dem Nichtverstehen des Weibes so sprichst, wie Du es tust. Ich musste, über Steffen schreibend, seine spirituelle Behandlung der dichterischen Probleme im Auge haben [Steiner hatte eine Rezension des Buches am 1. März 1925 im »Goetheanum« veröffentlicht; siehe GA 36, S. 213 f.].

Verstehen muss man Steffen, indem man zurückblickt auf ihn als Giotto. Die ganze Wendung vom Cimabue zum G[iotto] ist doch die vom lichten Spiritualismus, von der Geistigkeit in Farbe, Auffassung und Form zum Naturalismus; und nur in Raphael und den Großen bleibt noch etwas von dem, was untergegangen ist und nur in Cimabue etwas aufbewahrt ist. Das alles drückt sich in der Psyche von Steffen aus. Er arbeitet mit den Kräften, die aus der damaligen Wendung ihm aufstoßen, geht auf die Wirklichkeit los, wie das im zwanzigsten Jahrhundert fast allein möglich ist. G[iotto] hatte die Schönheit vor sich, aus der er herausgewachsen ist. Das idealisiert seinen Naturalismus. Steffen hatte überall Unkunst um sich; das materialisiert den Spiritualismus, der in ihm von Anfang an schlummerte.

Und dass Steffen bei uns ist: auch darin sehe ich ein bedeutsames Karma.

Dass er Gyges nicht versteht, ist schon deshalb nicht verwunderlich, weil er sich überhaupt in fremde Kunst schwer hineinversetzen kann. Und Rhodope ist so ganz anders, als was Steffen im Wesen des Weibes sehen kann [Rhodope, die sich in ihrer Ehe mit dem Lyderkönig Kandaules ihre Jungfräulichkeit bewahrt hatte, erstach sich selbst, weil sie ihre Keuschheit durch den Blick eines Mannes verletzt sah, mit dem sie nicht verheiratet war].«

Zumindest Steiner sah im Anschluss Steffens an die Anthroposophische Gesellschaft und seiner Berufung in den Vorstand eine bedeutsame karmische Tatsache und natürlich besteht kein Zweifel darüber, dass auch zwischen Albert Steffen und Marie Steiner ein persönliches Karma existierte. Hinzufügen darf man, dass in der anthroposophischen Tradition eine geheimnisvolle Beziehung zwischen Marie Steiner und der Raffael-Individualität hergestellt wurde (siehe zum Beispiel Jörgen Smit: Reinheit und Verjüngungskraft der Seele. Eine Würdigung der Persönlichkeit Marie Steiner-von Sivers, 1990).

Guenther Wachsmuth, der seinen letzten Beitrag zu einer Generalversammlung gab – bei der nächsten 1962 sollte er durch Krankheit verhindert sein und im März 1963 sterben – erinnerte angesichts der zerbrochenen Gefäße des anthroposophischen Gesellschaftsleibes an ein altes esoterisches Motiv, die »restitutio ad integrum« (von ihm fälschlicherweise als »restitutio in integrum« zitiert), die Wiederherstellung aller Dinge, die Aufhebung der Folgen des Sündenfalles durch die spirituelle Transmutation, die er sich auch für die Anthroposophische Gesellschaft wünschte. Allerdings hielt er es für diese Restitutio unabdingbar, dass die »Negierung der Integrität der Persönlichkeit« Albert Steffens durch die Nachlassverwaltung zurückgenommen werde. Vorher sei das Problem nicht zu lösen. Der Weltgeist löste das Problem auf andere Art. Albert Steffen starb im Juli 1963 und durch seinen Tod sollten sich bis dahin verschlossene Türen öffnen. Hier bewahrheitete sich das geflügelte Wort, dass manche Konflikte sich nur durch den (friedlichen) Hingang der Kontrahenten lösen.

Doch zuvor kam es im Jahr 1962 noch zu einer letzten von Steffen angestoßenen Erweiterung des Vorstandes: Louis Locher-Ernst, seit 1951 Direktor des Technikums Winterthur, Hochschullehrer an der ETH Zürich, Leiter des dortigen Paracelsus-Zweiges und seit 1953 Leiter der mathematisch-astronomischen Sektion am Goetheanum und damit Nachfolger Elisabeth Vreedes, wurde Ende April 1962 in die Leitung der Gesellschaft berufen. Allerdings sollte er dieses Amt nur wenige Monate ausüben, denn bereits im Herbst 1962 verunglückte der 56-Jährige tödlich beim Abstieg vom Düssistock im Maderanertal (Glarner Alpen).

Im Jahr 1962 wurde am Goetheanum eine Sektion für Sozialwissenschaften gegründet, deren Aufbau der Generalsekretär der Österreichischen Landesgesellschaft, Kurt Franz David übernahm, zu deren Leiter 1965 Herbert Witzenmanns berufen wurde.

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