1963 – Das Ende einer Ära

1963 ging die lange Ära zu Ende, in der Albert Steffen maßgeblich die Geschicke der Anthroposophischen Gesellschaft bestimmt hatte. Über die Dauer dieser Ära kann man geteilter Meinung sein. Man könnte sie im Dezember 1925 beginnen lassen, als Steffen den Vorsitz der Gesellschaft übernahm, oder im April 1935, als die beiden Vorstands-Kolleginnen Ita Wegman und Elisabeth Vreede durch den Beschluss der Generalversammlung ihrer Ämter enthoben wurden. Im ersteren Fall hätte sie einen Zeitraum von rund 38 Jahren umspannt, im letzteren rund 28 Jahre, also vier Jahrsiebte.

Wie dem auch sei: dem historischen Rückblick erscheint dieser ganze Zeitraum als von Krisen, Konflikten und Katastrophen bestimmte Epoche. Das erste Jahrzehnt von 1925 bis 1935 war von Auseinandersetzungen mit den beiden Vorstandskolleginnen und ihren Verbündeten über die legitime Nachfolge Rudolf Steiners geprägt. 1935 wurden nicht nur diese beiden und die mit ihnen verbundenen Landesgesellschaften ausgeschlossen, 1935 wurde auch die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland durch das nationalsozialistische Regime verboten. 1937 starb Steffens an Epilepsie leidende Stieftochter, die Elisabeth Stückgold 1935 mit in die Ehe gebracht hatte. Während des II. Weltkriegs begann der Konflikt um den Nachlass mit Marie Steiner, der über ihren Tod hinaus fortdauerte, zu rechtlichen Auseinandersetzungen führte, und erst einige Jahre nach Steffens Tod, 1968, zu einem vorläufigen Abschluss kam. Natürlich war Steffen nicht allein für all diese Katastrophen verantwortlich, aber er war als 1. Vorsitzender der Gesellschaft (oder Privatperson) von allen betroffen und als Handelnder oder Leidender in sie verwickelt. Wie mochten sich die Geschicke dieser Gesellschaft in seinem persönlichen Lebensrückblick darstellen? Eine Frage, die schwierig zu beantworten ist, zumal ein großer Teil seines Nachlasses bis heute nicht veröffentlicht wurde.

Albert Steffen, Die vier Tierengel, 1931

Albert Steffen, Die vier Tierengel, 1931

Steffen verstand sich zeitlebens als Künstler, insbesondere als Dichter, nicht als Wissenschaftler. Im ganzen Zeitraum, in dem er die Geschicke der Gesellschaft lenkte (1925-1963), verfasste er 14 Theaterstücke (7 davon zwischen 1933 und 1945), 8 Romane und 10 Gedichtbände und schuf ein nicht unbeträchtliches malerisches Oeuvre, aber kein einziges theoretisches Werk, das zur Lehrentwicklung der Anthroposophie beigetragen hätte. Auch seine großen Essays, die zwischen 1926 und dem Ende seines Lebens erschienen, befassten sich in der Hauptsache mit Fragen der Dichtungstheorie und der Gestalt des Künstlers. Er sah seine Aufgabe nicht darin, die Anthroposophie als Geisteswissenschaft, soweit sie in Steiners Werk Gestalt angenommen hatte, auszubauen oder zu systematisieren. Rund einen Monat nach dem Ausschluss Ita Wegmans und Elisabeth Vreedes aus der Gesellschaft schrieb er in sein Tagebuch (am 26. Mai 1935): »Aber wir in Dornach sind nicht dazu da Lehrstühle für Dr. Steiner’s Erkenntnisse einzurichten, sondern selbst zu erkennen und zu schaffen. Die geistige Welt wandelt sich, und mit ihr die Werke, die aus der Schau derselben geschaffen werden.« Die Dichtkunst verstand er als eigenständigen Weg zum Geist, als Form sozialer Therapie, als eine ihm mögliche Methode, Anthroposophie zu leben, nicht zu lehren. Deutlich macht dies ein Tagebucheintrag vom 12. Mai 1948, in dem Steffen auch seine Überzeugung festhielt, er sei von niemandem verstanden worden, außer von Rudolf Steiner: »Es gibt eine anthroposophische Naturwissenschaft, Astronomie, Sprachgestaltung, Bewegungskunst, Geschichtsauffassung – aber keinen Anthroposophen, wenn dieser die Anthroposophie nicht lebt. Ich lebe sie, und das anthroposophische Erleben macht mich zum Dichter. Ich will nichts anderes als Dichter sein. Als solcher bin ich Anthroposoph. Kein Mensch kann mich verstehen, wenn er mich nicht als Dichter zu begreifen sucht.

Als Dichter zeige ich die neuen Lebensmöglichkeiten. Kein Naturwissenschaftler oder sonstiger Wissenschaftler hat eine Möglichkeit etwas über mich als Dichter zu sagen. Ein Dichter kann niemals Autorität sein. Er kann dem Geiste dienen. Aber er kann keine Lehrsätze geben. Er kann nur das wahr Erkannte erleben. Mag man daraus machen, was man will, es darf und wird ihn nicht kümmern, und er wird nie verlangen, sondern immer strenge abweisen, dass man sich danach richtet. Man richte sich nach dem Geiste. Nach Christus, von dem der Geist ausgeht. Ihm dient der Dichter. Mögen auch seine Leser ihm dienen. Der Dichter spricht nur von dem Schicksal, das sich aus diesem Dienen ergibt, sei es, dass altes Geschick sich löst, sei es, dass neues sich bildet.

Man muss als Dichter jeden Augenblick Dichter sein. Ich bin als Dichter an der Anthroposophie gestorben und auferstanden. Ich war schon vor der Geburt Anthroposoph und werde es auch nach dem Tode sein. Das ist mein Zeugnis (mein Martyrium), was niemand in der Anthroposophischen Gesellschaft (außer Rudolf Steiner) verstanden hat und versteht [1948 – sic!]. Aber ganz gewiss wird der Tag kommen, und wäre es erst am Ende des Jahrhunderts, wo man es verstehen wird.«

Heinz Matile, der Präsident der Albert Steffen Stiftung, schrieb über Steffen: »Als eine der führenden Persönlichkeiten der Anthroposophischen Gesellschaft suchte er die Anthroposophie besonders dadurch fruchtbar zu machen, dass er sie ins Leben überführte … Spektakulär konnte ein solches Wirken, das sich nicht nach außen, sondern nach innen richtete, nicht sein. Steffen war ein Mensch, der aus der Stille heraus wirken wollte und konnte. Nach außen wirkte er eher scheu, beobachtend, ernst, doch mit feinem und treffsicherem Humor.

Seine Führungsaufgabe machte er sich nicht leicht. Man hat Steffen vorgeworfen, er habe die Anthroposophische Gesellschaft nicht mit genügend fester Hand geleitet. Steffen ging aber davon aus, dass in einer Gesellschaft, die ganz auf dem freien Handeln des Einzelnen beruhen sollte, ein Eingreifen aufgrund einer wie auch immer gearteten Machtposition sich von selbst verbietet. Da für ihn die Kunst das denkbar Freilassendste war, versuchte er, die Gesellschaft durch das Kunstwerk zu leiten. Dass dieser neue, um nicht zu sagen zukünftige Führungsstil nur von wenigen verstanden worden ist, ja, ihm im Gegenteil viel Feindseligkeit eintrug, gehört zu den tragischen Entwicklungen, unter denen die Anthroposophische Gesellschaft bis heute zu leiden hat.«

Auch mit den geistigen und politischen Entwicklungen seiner Zeit – und der Gesellschaft, die er leitete – setzte sich Steffen in erster Linie als Dichter auseinander. Das Drama »Der Chef des Generalstabs« beschäftigte sich 1927 mit Helmuth von Moltke und dem Ausbruch des I. Weltkriegs, die dramatische Skizze der »Sturz des Antichristen« von 1928, die am Karsamstag 1933 in Dornach uraufgeführt wurde, mit dem Geist, der zu dieser Zeit (1928) von Deutschland Besitz zu ergreifen drohte, aber auch mit dem Urnenstreit, dessen Augenzeuge Steffen gewesen war. Der jüdische Komponist und Anthroposoph Viktor Ullmann, der in Auschwitz ermordet wurde, vertonte dieses Drama zu einer Oper, die erst 1995 in Bielefeld ihre Uraufführung erlebte und im Oktober 2014 im Goetheanum zum 70. Todestag des Komponisten ihre Schweizer Erstaufführung. Steffens »Friedenstragödie« von 1936 setzte sich mit Woodrow Wilson und der Idee des Völkerbundes auseinander, während das »Adonisspiel« von 1935, das allerdings erst Ende 1937/Anfang 1938 im Goetheanum uraufgeführt wurde, in mythisch-poetischer Form die Geschehnisse aufarbeitete, die sich in diesem Frühjahr in der Anthroposophischen Gesellschaft abgespielt hatten und zugleich den Odinanhängern im nationalsozialistischen Deutschland das Bild einer Mysterienstätte entgegenhielt, die dem Auferstandenen verpflichtet war, der die Menschheit aus der Gefangenschaft von Blutsdämonen befreit hatte. Hier tritt ein »Jugendhäuptling« auf, der über die Ziele seiner Odinsschar sagt: »Ein mitternächtig’ Feuer haben wir
/ dem Abendland als Aufgang angezündet.
/ Das Sonnenrad erfaßt die Völkerseelen, /
streut Funken auf die dunkle Erde nieder.
/ Und aus der Tiefe glüht ein Leuchteleben.
/ Der Kern der Erde ist ja lichtgeboren
/ und keimt und blüht und reift sich selbst zur Sonne. / Erzengel-Morgenröte steigt empor.« In einem am 15. September 1935 verfassten Gedicht, das im Band »Der Tröster« im selben Jahr veröffentlicht wurde, erklingt die Antwort an diesen Odinsjünger: »Predigen Boden und Blut / bis ihr Körper verblutet / führen das große Wort / haben die Macht der Lüge. / Lehrer der Finsternis / Usurpatoren des Lichtes / Diener des Antichrists / Wach o Mensch widerstehe.« Am 7. April 1938 schrieb Steffen in sein Tagebuch: »Am gleichen Tag wie in Stuttgart dem Befehl der Regierung [auf Schließung der Waldorfschule] nachgekommen wurde, führten wir das Adonisspiel auf, worin die Lösung der Rassen-, Religions-, Menschheitsschulungsprobleme dargestellt wird. O daß die Welt doch merkte, daß ihr Wege gewiesen werden, die gültig sind, weil sie geistgemäß und gottgewollt sind.«

Aber möglicherweise erschwerte gerade die Form, die Steffen gewählt hatte, das Verständnis seiner Beiträge zur Klärung des innergesellschaftlichen Lebens und die Anwendung der in ihr enthaltenen Therapeutika, ganz zu schweigen von der möglichen historischen sozialtherapeutischen Wirkung. Es ist eine merkwürdige Tatsache, dass zum ersten Nachfolger Rudolf Steiners, der zugleich der 1. Vorsitzende der Gesellschaft mit der längsten Amtsdauer war, bis heute keine Biografie oder nennenswerte biografische Monografie veröffentlicht wurde.

Am 2. März 1963 starb Guenther Wachsmuth in seinem 70. Lebensjahr. Der inzwischen 78jährige Steffen scheint die Notwendigkeit empfunden zu haben, das Haus der Gesellschaft und sein eigenes zu bestellen. Kurz vor seinem Tod gründete er unter dem Namen »Stiftung für Therapeutische Dichtung« (heute Albert Steffen-Stiftung) – »außerhalb der Gesellschaft« – eine Nachlassverwaltung, deren Aufgabe die Betreuung seines künstlerischen und wissenschaftlichen Lebenswerkes war, in die auch der Verlag für Schöne Wissenschaften, der Verlag der gleichnamigen Sektion, übergeführt wurde.

Da der Vorstand der Gesellschaft nach dem Tod Wachsmuths (Louis Locher-Ernst war bereits im Herbst 1962 tödlich verunglückt) nur noch aus dem 78jährigen Steffen, dem 72jährigen Poppelbaum und dem 57jährigen Grosse bestand, war eine erneute Erweiterung dieses Gremiums unumgänglich. Zu Ostern 1963 wurden daher der 60jährige Literaturprofessor Friedrich Hiebel (1903-1989), die 69jährige Ärztin Margarethe Kirchner-Bockholt (1894-1973) und der 58jährige Unternehmer Herbert Witzenmann (1905-1988) in den Vorstand berufen. Kirchner-Bockholt hatte seit 1955 zusammen mit Madeleine van Deventer, Hans Bleiker und Gerhard Schmidt die Medizinische Sektion verwaltet und übernahm nun deren Leitung, Witzenmann die Jugendsektion, Grosse die pädagogische Sektion, deren bisheriger Leiter, Hermann Poppelbaum, zur naturwissenschaftlichen Sektion wechselte.

Friedrich Hiebel (1903-1989)

Friedrich Hiebel (1903-1989)

Friedrich Hiebel, dessen Mutter Jüdin war und aus einer Industriellenfamilie stammte, hatte das Benediktinergymnasium Kremsmünster in der Nähe von Wien besucht und mit 17 Jahren durch die Mutter Walter Johannes Steins, Hermine Stein, die Anthroposophie kennengelernt. 1921, beim Stuttgarter Kongress »Anthroposophie, ihre Erkenntniswurzeln und Lebensfrüchte« begegnete er Rudolf Steiner in Person. Dieser schlug ihm vor, deutsche Literatur, Geschichte und Sprachwissenschaften zu studieren. Hiebel nahm dieses Studium tatsächlich in Wien auf.

Seit der Begegnung mit Walter Johannes Stein und der Stuttgarter Waldorfschule hatte er die Absicht, Waldorflehrer zu werden. Am Pfingstmontag 1922 führte er in Wien ein weiteres Gespräch mit Steiner, nahm 1923 an der Gründung der österreichischen Landesgesellschaft teil und gehörte 1923/24 zu den jüngsten Teilnehmern der Weihnachtstagung. Kurz darauf nahm ihn Steiner – ohne dass Hiebel ihn darum gebeten hätte – in die Freie Hochschule auf. 1924 setzte er sein Studium in Tübingen fort, um im dortigen Pädagogischen Arbeitskreis mit Wilhelm Dörfler und Friedrich Kübler mitarbeiten zu können. Schließlich promovierte er 1928 in Wien über den Romantiker Wilhelm von Schütz. 1929 begann er als Klassenlehrer an der Essener Waldorfschule tätig zu werden, wechselte jedoch ein Jahr später nach Stuttgart über. Dort unterrichtete er Griechisch, Latein sowie Freie Religion und führte ebenfalls eine Klasse. Nebenbei arbeitete er in der Zeitschrift »Erziehungskunst« mit, der er auch ihren Namen gab.

Als Sohn einer jüdischen Mutter musste Hiebel aufgrund der rassistischen Gesetzgebung des Naziregimes 1934 die Stuttgarter Waldorfschule verlassen und kehrte zunächst nach Wien zurück. Auch dort arbeitete er als Lehrer an der Rudolf Steiner-Schule. Nach dem »Anschluss« Österreichs flüchtete er 1939 in die USA. In New York setzte er seine Waldorflehrertätigkeit für sieben Jahre fort und gab die Zeitschrift »Education as an Art« heraus. Bis 1961 war er an verschiedenen Universitäten als Lektor und Professor für deutsche Sprache und Literatur tätig. Einige Jahre war er zudem im Vorstand der amerikanischen Anthroposophischen Gesellschaft tätig. 1961 entschloss er sich, mit seiner Familie nach Dornach überzusiedeln. Bis ihn Albert Steffen 1963 in den Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft berief, nahm er einen Lehrauftrag an der Universität Freiburg wahr. Nach dem Tod Steffens sollte er die Leitung der Sektion für Schöne Wissenschaften übernehmen und 1966, nach dem Tod des Dichters Paul Bühler, die Redaktion der Zeitschrift »Das Goetheanum«. 1965 veröffentlichte er einen noch heute lesenswerten Essayband über »Rudolf Steiner im Geistesgang des Abendlandes«. Rückblicke auf seine Begegnung mit der Anthroposophie und die Weihnachtstagung enthält sein autobiografisches Werk »Entscheidungszeit mit Rudolf Steiner« (1986).

Margarethe Kirchner-Bockholt (1894-1973)

Margarethe Kirchner-Bockholt (1894-1973)

Margarethe Kircher-Bockholt war eine der engsten Mitarbeiterinnen Ita Wegmans. In Dülmen (Westfalen) geboren, hatte sie nach dem Besuch eines Kölner Mädchengymnasiums an den Universitäten Freiburg, Münster, München, Berlin und Rostock Medizin studiert und ihr Studium 1919 mit dem Staatsexamen abgeschlossen. Seit 1921 arbeitete sie als Assistenzärztin in der Rostocker Psychiatrischen Universitätsklinik. Ihr dortiger Vorgesetzter beuaftragte sie, über einen Vortrag Eugen Koliskos zu berichten – so wie einst Annie Besant den Auftrag erhielt, H.P. Blavatskys »Geheimlehre« zu rezensieren. Zwar verstand sie nicht viel von seinen Ausführungen, erfuhr aber durch Koliskos Vortrag von der Existenz einer Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach und fasste den Entschluss, diese Hochschule zu besuchen. Sie fuhr nach Stuttgart, um Steiner zu hören und begegnete dort der Eurythmie. Sogleich begann sie bei Alice Fels diese neue Bewegungskunst zu studieren. Von Marie Steiner wurde sie nach Dornach eingeladen, um ihr Studium zu vertiefen.

Hier traf sie des öfteren Rudolf Steiner, der sie stets mit »Guten Morgen, Frau Doktor« begrüßte, vermutlich, um sie an ihre eigentliche Aufgabe zu erinnern. Im August 1922 vertrat sie Ita Wegman für einen Monat am Klinisch-Therapeutischen Institut und wurde daraufhin Assistenzärztin an der Arlesheimer Klinik. Da sie sich mit der Eurythmie vertraut gemacht hatte, gehörte sie bald zu den Pionierinnen ihrer therapeutischen Anwendung. Sie betreute die seelenpflegebedürftigen Patienten in einer Dependance der Klinik und Kranke im Sonnenhof. Sie nahm regelmäßig an den Konsultationen mit Steiner und Ita Wegman teil. Zwischen 1922 und 1924 erlebte sie die Katastrophen und Höhepunkte des anthroposophischen Lebens mit: den Brand des ersten Goetheanum, die Weihnachtstagung, die Karma-Vorträge Steiners, seine diversen medizinischen Kurse sowie den Heilpädagogischen Kurs. Sie übernahm die kommissarische Leitung der Jugendsektion bis Maria Röschl sich von der Stuttgarter Waldorfschule freimachen konnte.

Nach Steiners Tod stand sie bedingungslos an der Seite Ita Wegmans. Als Wegman 1931 angesichts der bedrohlichen politischen Lage in Deutschland die Initiative ergriff, die dortige medizinische Arbeit zu intensivieren, ging sie in deren Auftrag nach Berlin und eröffnete eine Praxis sowie ein heilpädagogisches Tagesheim. 1933 kehrte sie allerdings nach der Machtergreifung in die Schweiz zurück. Als die Arlesheimer Klinik aus Furcht vor einem Einmarsch der deutschen Armee evakuiert wurde, begleitete sie Ita Wegman ins Tessin und übernahm die Leitung des heilpädagogischen Heimes »La Motta« in Brissago. 1949 kehrte sie nach Arlesheim zurück und heiratete Emil Kirchner, den kaufmännischen Leiter der Klinik. 1950 gründete sie zusammen mit Franz Geraths und Albrecht Strohschein das Heilpädagogische Seminar Eckwälden und arbeitete unter anderem mit Zeylmans van Emmichoven zusammen. Wie bereits erwähnt, nahm sie 1955 das Angebot an, zusammen mit anderen Ärzten die Medizinische Sektion am Goetheanum zu verwalten und leitete damit, gegen nicht geringe Widerstände, die Rückkehr der Strömung, die Ita Wegman repräsentiert hatte, in die Anthroposophische Gesellschaft ein. 1962 veröffentlichte sie ein Grundlagenwerk zur Heileurythmie (»Grundelemente der Heileurythmie«). Eine nicht minder bedeutende Leistung – insbesondere für die anthroposophische Historiografie – dürfte jedoch das Buch »Die Menschheitsaufgabe Rudolf Steiners und Ita Wegman« gewesen sein, dessen letztes Kapitel sie wenige Tage vor ihrem Tod verfasste, und das ihr Ehemann zwei Jahre später, im Jahr 1976 herausgab. Warum es 33 Jahre dauerte, die sich aus dem Nachlass Ita Wegmans ergebenden Erkenntnisse zu veröffentlichen, dürfte sich aus einem Blick in diese Publikation erklären. Dazu später mehr.

Herbert Witzenmann (1905-1988)

Herbert Witzenmann (1905-1988)

Herbert Witzenmann, das dritte neue Vorstandsmitglied, wurde am 16. Februar 1905 in Pforzheim geboren, wo sein Vater in der zweiten Generation eine Metallschlauchfabrik führte. Witzenmann war vielseitig begabt: musikalisch, philosophisch, unternehmerisch und nicht zuletzt spirituell. Bereits als Gymnasiast beschäftigte er sich mit Humboldts Sprachphilosophie und seine Abiturientenrede befasste sich mit »Schillers Menschheitsidee«. Die Schimpftiraden eines Lehrers machten ihn auf Steiners Buch »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten« aufmerksam. Während eines Aufenthaltes in der Schweiz besuchte er mit seinen Eltern das erste Goetheanum und hörte Vorträge Steiners. Den Beruf des Pianisten konnte er aufgrund einer Sehnenschwäche nicht ergreifen. Wie für Hebel erwies sich auch in seinem Leben Walter Johannes Stein als Weichensteller. Er vermittelte einen Kontakt zu Steiner, der Witzenmann riet, seine philosophischen Interessen zu vertiefen. Witzenmann begann daraufhin ein Studium der Philosophie, der Musik-, Kunst- und Literaturgeschichte. Ende der 1920er Jahre schickte Witzenmann einige seiner Gedichte an das »Goetheanum«, die Steffen 1931 veröffentlichte. 1930 heiratete er die Sängerin und Lyrikerin Maria Wozak, die ihm im Verlauf ihrer Ehe vier Kinder schenkte.

Seine Dissertation und Habilitation nahm Witzenmann bei Karl Jaspers in Heidelberg in Angriff, der zwar nichts von der Anthroposophie hielt, ihn aber trotzdem als Doktoranden annahm. In seiner Habilitationsschrift beschäftigte sich Witzenmann mit dem Thema »Die Philosophie der Arbeit bei Hegel und Nietzsche«. Allerdings scheiterte das Habilitationsvorhaben vermutlich an Jaspers Ablehnung der Anthroposophie. Witzenmann schrieb 1985, der Plan sei aufgrund »von Jaspers Diffamierung durch die Nationalsozialisten« (Jaspers war mit einer Jüdin verheiratet und wurde 1937 zwangsemeritiert) verhindert worden, sein Biograph meint jedoch, warum das Vorhaben scheiterte, könne »wohl nicht mehr geklärt werden« (Klaus Hartmann, »Herbert Witzenmann«, Bd. I). Witzenmann wandte sich daraufhin der Leitung des väterlichen Unternehmens zu und erwies seine geistige Beweglichkeit durch eine Reihe technischer Erfindungen, die sich patentieren ließen.

Während der nationalsozialistischen Herrschaft musste der »Judenfreund« eine Reihe von Verhören und Hausdurchsuchungen über sich ergehen lassen. Bei der Bombardierung Pforzheims im Februar 1945 wurden all seine Aufzeichnungen, darunter die Habilitationsschrift, vernichtet. Nach der Flucht aus französischer Kriegsgefangenschaft, in die Witzenmann kurz vor Kriegsende geraten war, widmete er sich dem Wiederaufbau der zerstörten Firma. Neben seiner Arbeit im Unternehmen betätigte er sich als Dozent im Stuttgarter Waldorflehrerseminar, begründete zusammen mit Friedrich Kempter das Freie Jugendseminar und arbeitete an der Seite von Erich Schwebsch als Redakteur in der Zeitschrift »Die Drei«. In dieser »Monatsschrift für Anthroposophie, Dreigliederung und Goetheanismus« erschien 1948 sein grundlegender Aufsatz »Intuition und Beobachtung«, der 1977/78 einer zweibändigen Aufsatzsammlung den Titel gab. Im genannten Aufsatz geht es, wie der Untertitel sagt, um das »Erfassen des Geistes im Erleben des Denkens«, was deutlich Witzenmanns Grundanliegen, die Anthroposophie philosophisch zu interpretieren bzw. zu reformulieren zum Ausdruck bringt. Diesem Anliegen blieb er auch in seinem weiteren Wirken verpflichtet, in dem er versuchte, ausgehend von Steiners philosophischen Werken einen denkerischen Weg zur Erkenntnis des Geistes zu bahnen. Anfang 1950 beschloss eine Konferenz von Mitgliedern in Wuppertal, Witzenmann als Generalsekretär der damals in Bildung befindlichen Deutschen Landesgesellschaft vorzuschlagen. Wie sich aber herausstellte, war der Widerstand der maßgeblichen Personen (unter anderem Erich Schwebsch und Ernst Weissert) gegen Witzenmanns intransigente Haltung in der Nachlassfrage zu stark und das Vorhaben, das der Dornacher Vorstand (in Gestalt Wachsmuths) begrüßte, verlief sich im Sande. Schon hier, 1950, zeichnete sich einerseits ab, dass Witzenmann durch seine Solidarität mit Steffen für diesen zu einem wertvollen Verbündeten werden konnte, andererseits war aber auch erkennbar, dass gerade seine konsequente Ablehnung des Nachlassvereins eine künftige Einigung mit diesem nicht zulassen würde. In den folgenden Jahren zog sich Witzenmann aufgrund persönlicher Umstände und auch aufgrund der erfahrenen Ablehnung aus der Funktionärsarbeit für die Gesellschaft zurück und widmete sich seiner unternehmerischen Tätigkeit. Trotzdem hielt er weiterhin Vorträge, gab Kurse und veröffentlichte 1958 im Verlag des Münchner Arbeitszentrums die kleine, aber bedeutungsvolle Schrift »Die Voraussetzungslosigkeit der Anthroposophie«. Mit der Aufnahme Herbert Witzenmanns in den Vorstand wurde der Grund für einen neuen Gesellschaftskonflikt gelegt. Denn Rudolf Grosse war vermutlich schon vor dem Tod Steffens entschlossen, das Bücherproblem und die Nachlassfrage ein für allemal aus der Welt zu schaffen – koste es, was es wolle. Herbert Witzenmann stellte sich zu dieser Frage ganz anders.

Am 13. Juli 1963 starb Albert Steffen, das letzte Mitglied des einstigen Gründungsvorstandes. Hermann Poppelbaum übernahm daraufhin den Vorsitz der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft.

Im Jahr 1963 fand eine weitere historisch bedeutsame Zäsur statt: Die Anthroposophische Gesellschaft Englands, die seit 1935 ihre eigenen Wege gegangen war, schloss sich unter ihrem Vorsitzenden, Alfred Cecil Harwood 1898-1975), wieder der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft an. Harwood gehört zu den Generalsekretären mit der längsten Amtszeit in einer anthroposophischen Landesgesellschaft, hatte er diese Position doch 37 Jahre, von 1937 bis 1974, also bis kurz vor seinem Tod, inne. Nur Willem Zeylmans und Albert Steffen übertrafen ihn. Ersterer war exakt 38 Jahre General-Sekretär der holländischen Landesgesellschaft, von der Gründung am 18. November 1923 bis zu seinem Tod in Süd-Afrika am 18. November 1961. [Den Hinweis auf Zeylmans verdanke ich einem aufmerksamen Leser]. Letzterer war 38 Jahre 1. Vorsitzender der Anthroposophischen Gesellschaft (1925-1963). Harwood, der 1925 die erste Steinerschule in England mitbegründet hatte, sah sich als Träger eines esoterischen Auftrags, der von Ita Wegman über George Adams auf ihn übergegangen war. Er hatte zusammen mit Owen Barfield in Oxford studiert und unterhielt wie dieser Beziehungen zum Kreis der Inklings um J.R.R. Tolkien. Er gehörte zu den führenden Persönlichkeiten der britischen Waldorfschulbewegung und hatte deren Zeitschrift »Child and Man« gegründet. Sein Verständnis von Esoterik ließ es ihm notwendig erscheinen, die Kluft zwischen der Dornacher esoterischen Tradition und der englischen Anthroposophenschaft zu überbrücken. Daher bemühte er sich um persönliche Beziehungen zum Vorstand in Dornach. Zu Goetheanum-Tagungen in Leicester 1961 und 1962 reisten Rudolf Grosse und Hagen Biesantz an und die mit ihnen geführten Gespräche vermochten offenbar seine Bedenken auszuräumen. Daher kam es Ende 1963 zum Wiederanschluss. Über diesen informierte eine Mitteilung im »Nachrichtenblatt« im Januar 1964, die zwar nicht so lakonisch klang, wie die Nachricht, die 1960 über den Wiederanschluss der holländischen Landesgesellschaft veröffentlicht wurde, die aber nicht unbedingt aussagekräftiger war. Auch sie enthielt nicht mehr als das nackte Faktum und gab keinerlei Aufschluss über das »Warum« und »Wozu« der Fusion. »In einer von positiver und froher Stimmung erfüllten Versammlung, die in einer Art Fest der Wieder-Vereinigung gipfelte, hat die Mitgliedschaft [der Anthroposophischen Gesellschaft in Großbritannien] beschlossen, den Vorstand in Dornach zu bitten, die Wiedervereinigung zu vollziehen …« hieß es am 19. Januar 1964 im »Nachrichtenblatt«. Gleichzeitig dankte der Vorstand der englischen Landesgesellschaft Albert Steffen für die »weitherzige Art«, mit der er die Landesgesellschaft in den vergangenen zwei Jahren behandelt habe. Der Adressat dieses Dankes war seit 6 Monaten tot.

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