1964: Die Größe eines Wagnisses

1964, im Jahr der Gründung der PLO, der Unterzeichnung des Bürgerrechtsgesetzes zur Aufhebung der Rassentrennung durch Lyndon B. Johnson – der die Nachfolge des am 2. November 1963 ermordeten Präsidenten John F. Kennedy angetreten hatte – und der Tonkin-Resolution, die den Eintritt der USA in den Vietnamkrieg vorbereitete, bahnte sich auch in der Führung der Anthroposophischen Gesellschaft ein Politikwechsel an.

Karl König, 1902-1966

Karl König, 1902-1966

Der Tod Guenther Wachsmuths und Albert Steffens eröffnete die Möglichkeit, Verhandlungen mit der Nachlassverwaltung zur Klärung der gegenseitigen Beziehungen aufzunehmen. In den vergangenen vier Jahren war es gelungen, die holländische und die englische Landesgesellschaft wieder in die Muttergesellschaft zu integrieren und damit den ersten großen historischen Bruch symbolisch zu heilen, der im Jahr 1935 diese Gesellschaften ins geistige und soziale Exil getrieben hatte. Im Jahr 1965 sollte sich auch Karl König (1902-1966), der Begründer der Camphill-Bewegung, der zu den Ausgeschlossenen von 1935 gehört hatte, kurz vor seinem Tod wieder der Dornacher Gesellschaft anschließen (Nachrichtenblatt, 22.05.1966). Noch immer aber klaffte die schwärende Wunde im Leib des anthroposophischen Amfortas, die das Zerwürfnis zwischen Marie Steiner und Albert Steffen geschlagen hatte.

Treibende Kraft bei den Bemühungen, die sog. »Bücherfrage« zu klären, war Rudolf Grosse, der sich dabei auch auf die inzwischen verstorbenen Vorstandsmitglieder Steffen und Wachsmuth berief. Wiederholt erzählte er eine Episode, die sich zwischen ihm und Albert Steffen kurz vor dessen Tod zugetragen haben sollte und nur aus seinen Erzählungen bekannt ist. Dass ausgerechnet Rudolf Grosse die Lösung der »Bücherfrage« vorantrieb, ist insofern bemerkenswert, als er zu Lebzeiten Albert Steffens zu den unversöhnlichsten Gegnern der Nachlassverwaltung gehört hatte.

Zweimal war er in Generalversammlungen gegen Anträge aufgetreten, die »Bücherfrage« pragmatisch zu lösen und den Verkauf der Publikationen der Nachlassverwaltung im Goetheanum zu ermöglichen.

1955 hatte er gegen einen solchen Antrag argumentiert: »Welche Konsequenzen hätte die Annahme des Antrages? Er würde zunächst die Konstitution der Anthroposophischen Gesellschaft verändern, die von einer Goetheanumleitung spricht, deren Verantwortungsbereich auch der Büchertisch anheimgestellt ist und die in diesen Angelegenheiten nicht dem Befehl der Generalversammlung unterstellt sein darf.« Die Annahme des betreffenden Antrages, so Grosse weiter, »würde das Goetheanum zum Büchertisch für den Nachlassverein und uns zu dessen Verkaufspersonal machen.«

Und 1956 hatte er ausgeführt, die Herausgabe der Bücher Rudolf Steiners und ihr Verkauf sei eine spirituelle Angelegenheit, deswegen habe dieser bei der Weihnachtstagung seinen Büchern ein »Signum« mitgegeben, indem er sie als »Publikationen der Hochschule« bezeichnete. In den vom Nachlassverein herausgegebenen Werken fehle jedoch der von Steiner gewünschte Schutzvermerk, da der Nachlassverein diese Intention nicht erfüllen könne, sondern nur das Goetheanum, dessen Vorstand aber verhindert worden sei, das, was seine Pflicht und Aufgabe seit der Weihnachtstagung sei, zu erfüllen – und zwar eben durch die Nachlassverwaltung. Der Nachlassverein könne nicht den Anspruch erheben, das Werk Steiners zu schützen, denn ein noch so getreuer Abdruck der Worte Steiners allein gebe noch keinen Schutz. Zu diesem gehöre die Erfüllung seines Willens, seine Bücher als Publikationen der Hochschule erscheinen zu lassen und sie durch den Hochschulvermerk gegenüber der Öffentlichkeit zu schützen. Man könne einem solchen Antrag nicht zustimmen, wenn man nicht die Hoffnung aufgeben wolle, dass das, was dem Goetheanum entzogen worden sei, aber zu ihm als Zentrum gehöre, ihm je wieder eingefügt werden könne.

Seit dem Tode Steffens oder bereits früher musste Grosse in dieser Frage einen Schwenk um 180 Grad vollzogen haben und offenbar erschien ihm nun die »Veränderung der Konstitution« der Anthroposophischen Gesellschaft, die er 1955 noch befürchtet hatte, nicht mehr als Bedrohung, wenn nicht sogar wünschenswert. Seither erzählte er jedem, der es hören wollte, jene Episode, auf die er auch bei der Generalversammlung 1968 wieder zurückkam: »Ich erwähnte an der letzten Generalversammlung [1967] und in den vielen Gesprächen, die wir unter den Freunden geführt haben, ein Wort Albert Steffens, das ich heute noch einmal in diesen Saal hineinbringen möchte. Es war Albert Steffen im Laufe der Jahre, besonders je näher der hundertste Geburtstag Rudolf Steiners [1961] kam, damit beschäftigt, ob man etwas finden könne, der Gesellschaft eine Lösung zu zeigen, wie man sich heraus entwickle aus dem, was als Wunde, als Verletzung bezeichnet werden kann. Ich habe Ihnen schon einmal erzählt, wie Albert Steffen auf der Treppe herunter zur Wandelhalle stehenblieb und sagte: ›Herr Grosse, ich kann es fast nicht mehr ertragen, dass die Bücher Rudolf Steiners nicht im Goetheanum sind, aber ich weiß nicht, wie ich es machen soll.‹ Ich verhielt mich still in einer erschütterten Haltung im Entgegennehmen dieser Worte. Und wie ist die Situation gewesen? Die Bücher Hereinnehmen war falsch, die Bücher draußen lassen war falsch, nichts zu tun, war falsch – ja, was soll man dann in diesem Erdenleben, wo alles falsch ist, noch tun? Er bezeichnete das als eine unübersehbare Tragik seiner Stellung. Guenther Wachsmuth war verzweifelt über die Sackgasse, in die die Entwicklung geraten war. Der Tod hat sie beide im Jahre 1963 enthoben und sie frei gemacht für neues Entwickeln und Werden.« (Nachrichtenblatt, 5. Mai 1968)

Konraden Haußer, 1883-1973

Konradin Haußer, 1883-1973

Möglicherweise lagen aber die Gründe, die Grosse zu seinem Sinneswandel bewogen, nicht nur auf der Ebene der esoterischen Metageschichte, bei der es um Gefolgschaftstreue, lückenlose Sukzession, höhere Einsicht, Verletzung und Heilung ging, sondern auch in der weitaus handfesteren Welt der profanen Geschichte. Eine nicht unbedeutende Rolle dürften dabei die Aktivitäten des Unternehmers Konradin Haußer (1883-1973) und der von ihm 1959 gegründeten Stiftung gespielt haben. Der in Ulm geborene Haußer hatte 1919 daselbst Vorträge Alfred Meebolds gehört und war im Januar 1920 durch die Vermittlung von Carlo Septimus Picht in die Anthroposophische Gesellschaft aufgenommen worden. 1920 wurde er neben Hans Kühn und Wilhelm Trommsdorff in das Direktorium des »Kommenden Tages« berufen, einer Aktiengesellschaft, die mit dem Ziel gegründet worden war, finanzielle Mittel für die Unterstützung der anthroposophischen Bewegung zu erwirtschaften. Später baute Haußer ein eigenes Firmengeflecht auf, zu dem Unternehmen für Datenverarbeitung und Apparatebau gehörten. Teile des beträchtlichen Vermögens, das diese Firmen erwirtschafteten, stellte Haußer getreu der Dreigliederungsidee der anthroposophischen Bewegung zur Verfügung. Da er offenbar Marie Steiner nahestand, kam insbesondere die Nachlassverwaltung in den Genuss seiner Unterstützung. Er förderte nicht nur die Herausgabe der Werke Rudolf Steiners, sondern stellte auch deren Publikationen weltweit solchen Einrichtungen, öffentlichen Bibliotheken und Hochschulen zur Verfügung, die sie ihrerseits Interessenten zugänglich machten. Seine Stiftung förderte auch die Übersetzung der Bücher Rudolf Steiners. Neben dem Verkauf durch den Verlag der Nachlassverwaltung trugen die Akivitäten der Haußer-Stiftung seit Beginn der 1960er Jahre nicht unerheblich zur Verbreitung der Werke Rudolf Steiners bei. Angesichts dieser Tatsache erschien es immer absurder, dass ausgerechnet im Goetheanum die Werke Steiners, die von der Nachlassverwaltung herausgegeben wurden, nicht erhältlich waren, hundert Meter von diesem entfernt, in der Bücherstube der Nachlassverwaltung jedoch schon.

Auf diese Situation schien jedenfalls Hermann Poppelbaum anzuspielen, wenn er bei der Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft 1964 sagte: »Ohne eine tätige Gesellschaft könnten noch so gute und reich- und weitverschickte Ausgaben der Werke Rudolf Steiners nicht voll wirksam werden. So wird es von diesem Gesichtspunkt aus immer eine tätige Anthroposophische Gesellschaft geben, die vor der Welt dokumentiert, dass ihr die Anthroposophie und das Werk Rudolf Steiners am Herzen liegt. Der Vorstand vertraut darauf, dass in dieser Richtung Fortschritte gemacht werden können, auch dass, um einen noch größeren Gesichtspunkt zu zitieren, manches, was in der Gesellschaft in Unordnung gekommen ist, auch schicksalsmäßige Ausprägung erlangt hat, dass das in Ordnung gebracht werden kann und muss, vorzugsweise durch diejenigen, die selber noch verbunden waren mit der Entstehung der Schwierigkeiten … Der Vorstand wird sich in diesem Suchen nicht irremachen lassen durch jene Neunmalweisen, die immer schon alles gewusst haben, die gewohnheitsmäßigen Besserwisser, die plumpen Friedensmacher und dergleichen.«

Mit diesen Worten kündigte Poppelbaum am Karsamstag, dem 28. März 1964 eine Erklärung des Vorstandes an, von der er sagte: »Wollen Sie sie als Symptom nehmen … wie wir gedenken, die Initiative zu bewahren …« Anschließend las er die Erklärung vor. Sie lautete: »Am Donnerstag, den 12. März 1964, hatte der Vorstand auf seine Einladung hin am Goetheanum eine Begegnung mit den vier Persönlichkeiten der Nachlass-Verwaltung, den Herren Dr. Zbinden, Dr. Jenny, Dr. Weidmann und Herrn Froböse.

Das Gespräch dauerte annähernd drei Stunden und zeigte die Stellung der grundlegenden Probleme zwischen Vorstand und Nachlass-Verwaltung.

Hans Zbinden, 1899-1977

Hans Zbinden, 1899-1977

Es wurde in diesem Gespräch u.a. berührt die Frage von Gesellschaft und Bewegung, diejenige nach der Hochschule, dann die Gründung des Nachlassvereins und die Frage des Testaments. Daraus kann man ersehen, dass den Problemen nicht aus dem Wege gegangen wurde, sondern dass man ihnen in Ruhe und Offenheit in einer Aussprache von Mensch zu Mensch begegnet ist.

Diese Zusammenkunft war ein freier Versuch und sollte die Bemühung einleiten, auf Grund von Erkenntnisbegegnungen die Geschicke der Gesellschaft in gemeinsamer Verantwortung für das Werk Rudolf Steiners zu ordnen.

Diesem ersten Gespräch, das durchaus deutlich auch die gegensätzlichen Auffassungen zeigte, soll demnächst ein weiteres folgen. Der Vorstand wird darüber zu gegebener Zeit Mitteilung machen.«

Eine in mehrfacher Hinsicht merkwürdige Erklärung, die auch durch die nachfolgenden Erläuterungen Poppelbaums nicht unbedingt verständlicher wird. Abgesehen von der hölzernen Formulierung fällt auf, dass die Erklärung keinerlei konkrete Absicht oder Zielrichtung des Gespräches nennt. Zwar ist die Rede davon, »die Geschicke der Gesellschaft in gemeinsamer Verantwortung zu ordnen«, was das aber konkret bedeutet – für den Vorstand oder auch für die Nachlassverwaltung – erfahren die Adressaten der Erklärung, die Mitglieder, nicht.

Im Anschluss an die Verlesung fuhr Poppelbaum fort: »Nehmen Sie es … als ein Zeichen der Grundhaltung des Vorstandes, dass bestimmte Punkte in dieser Besprechung auch als gemeinsame Ansichten herausgekommen sind, – z.B. … dass die Bücherfrage sekundär sei gegenüber der zentralen Frage der Hochschule [kursiv im Original]. Denjenigen, die wissen was für Dinge da vorliegen, wird diese Erklärung ja sehr viel sagen können. Ich möchte … schließen damit, Sie zu bitten, das als eine der Initiativen des Vorstandes sorgfältig zu überdenken und die Größe der Aufgabe und die Größe des Wagnisses auch zu berücksichtigen. …«

Wer unter den Zuhörern Poppelbaums gehörte wohl zu »denjenigen«, die wussten, »was für Dinge da vorlagen«? Lag die »Größe des Wagnisses« darin, dass der Vorstand der Gesellschaft nach über einem Jahrzehnt der Gesprächsverweigerung die Vertreter der Nachlassverwaltung nun zu einem Gespräch einlud? Oder lag die Größe des Wagnisses in etwas ganz anderem, das vielleicht nicht einmal diejenigen ahnten, die »wussten, was für Dinge da vorlagen«? Worin das Wagnis bestand, sollte im Lauf der folgenden Jahre klar werden.

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