1965: »Rudolf Steiners Bücher gehören ins Goetheanum«

Bücherverkauf am Goetheanum

Bücherverkauf am Goetheanum

Dass die Aktivitäten der Haußer-Stiftung zumindest für Rudolf Grosse ein maßgeblicher Grund waren, sich mit der »Bücherfrage« zu beschäftigen – die sich bei ihm ab 1965 nachgerade zum beherrschenden Thema entwickelt zu haben scheint –, geht aus einem langen Brief hervor, den er Ende März 1965 an seinen Vorstandskollegen Herbert Witzenmann schrieb, der zu dieser Zeit nach einem leichten Herzinfarkt mit einer Lungenentzündung in einem Pforzheimer Krankenhaus lag. Das Schreiben Grosses – das über ein Referat berichtet, das er bei der Delegiertenversammlung der Schweizer Zweige am 27. März dieses Jahres gehalten hatte –, fasst den Stand seiner damaligen Reflexionen über die mit der Existenz der Nachlassverwaltung verbundenen Aporien zusammen. Grosses Überlegungen gehen von zwei unbestreitbaren Tatsachen aus: der Gültigkeit des Testamentes Rudolf Steiners und der rückwirkenden Verlängerung der Schutzfrist für geistige Urheberrechte auf 50 Jahre. Durch diese Tatsachen wurde die Gesellschaft nach Grosses Auffassung vollständig »enteignet«. Außerdem führt die Tätigkeit der Haußer-Stiftung dazu, dass die Publikationen der Nachlassverwaltung weite Verbreitung finden. Das Werk Rudolf Steiners wird dadurch zu »bloßer Literatur«, aus seinem ursprünglich esoterischen Zusammenhang mit der Gesellschaft herausgelöst, der für das richtige Verständnis und den angemessenen Umgang mit diesem Werk aus Grosses Sicht jedoch konstitutiv ist. Der Gesellschaft wächst angesichts dieser Situation die Aufgabe zu, das Werk auf spirituellem Weg in Schutz zu nehmen. Dieser Schutz kann nur noch darin bestehen, dass es durch die richtigen Methoden zu einem lebendigen Bestandteil des spirituellen Lebens der Gesellschaft erhoben wird. Der Boykott der Publikationen der Nachlassverwaltung seitens der Gesellschaft und Hochschule ist aus Grosses Sicht ein unhaltbarer Zustand. Aber ist durch den Verkauf dieser Bücher im Goetheanum nicht eine »Anerkennung« der Nachlassverwaltung und damit ihrer Nichtanerkennung des esoterischen Status der Hochschule verbunden? Oder kann man den bloßen Verkauf von Büchern pragmatisch – letztlich durch einen Akt der Abstraktion – von der Anerkennung der Institution, die sie herausgibt, trennen? Exakt diese Frage sollte binnen kurzem den Konflikt mit Witzenmann auslösen, der als Ideenrealist darauf bestand, dass eine solche Abstraktion nicht möglich sei, da geistige Tathandlungen eine Realität darstellten. Eine ideelle Negation ist, auch wenn sie ideell ist, nicht weniger real. Eine Lösung dieses Problems glaubt Grosse aus dem Vorbild Rudolf Steiners schöpfen zu können, wobei er eine keineswegs vergleichbare Situation auf das Problem zu übertragen versucht, vor dem die Gesellschaftsleitung steht. Als Steiner vor der Frage stand, was mit den gegen seinen Willen nachgeschriebenen und verbreiteten Vortragsreihen geschehen sollte, entschied er sich für deren vollständige Freigabe, unter der Bedingung allerdings, dass sie durch den Schutzvermerk als Publikationen der Hochschule gekennzeichnet würden. Da dieser Schutz nicht mehr besteht, bleibt nur noch die Möglichkeit, Steiners Werke ideell zu schützen. Die Bücher Steiners müssen, wie Grosse sich ausdrückt, »geistig« in die Hochschule »zurückgeholt« werden. Grosse schreibt:

»In der Bücherfrage bestehen zwei grundlegende karmische Tatsachen:

  1. die Gründung des Nachlassvereins auf dem Boden des Testaments Rudolf Steiners und durch Gerichtsurteil erhärtet,
  2. die Verlängerung der Schutzfrist auf 50 Jahre – ungewöhnlicher Weise rückwirkend vom schweizerischen Bundesrat in Kraft gesetzt.

Beide Tatsachen sind ohne Mitwirkung oder Befragung, ja unter Ignorierung des Goetheanums zustande gekommen [sic! – Warum hätte der Bundesrat das Goetheanum in der Frage der Verlängerung der Schutzfrist für Urheberrechte konsultieren sollen?].

Resultat: alle im irdischen Bereich ausdrückbaren Macht- und Besitztitel hat die Nachlassverwaltung. Das Goetheanum ›hat nichts‹. (wichtig!)

Durch enorme Geldspenden von Konradin Haußer sind die Bücher Rudolf Steiners in alle Welt ungefragt hinaus geliefert worden als Bestandteil der Bibliotheken. Die Bücher sind ›Literatur‹ geworden. Wie ist demgegenüber die Aufgabe des Goetheanums? Da es keine irgendwie gearteten Rechte ›in dieser‹ Welt hat, liegt seine Aufgabe ganz in der geistigen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Bücher aus dem Unrecht des ›Literatur-Zustandes‹ befreit und fortwährend der Hochschule eingegliedert werden durch einen geistigen Vorgang.

Die Mitglieder benötigen die Bücher, sie sind die Grundlage ihres Studiums; auch die Hochschule beruht auf den in den Büchern festgehaltenen Forschungen Rudolf Steiners. Je mehr die Bücher studiert und in geistiger Lebendigkeit der Arbeit am Goetheanum eingefügt werden, tun wir das, was wir den ›Schutz der Bücher‹ heute nennen müssen. Der Hochschulvermerk ist den Büchern durch einen fast gleichsinnigen aus dem Lebensgang beigefügt, aber durch das Herausschicken auch der esoterischen Vorträge in Bibliotheken, ohne dass um diese eine lebendige Gesellschaft besteht, sind die Bücher ›schutzlos‹. Ob die Bücher vom Nachlassverein oder von jemand anderem herausgegeben werden, ist gleichgültig für die spirituelle Verantwortung, welche die Hochschule für dieses Werk trägt.

Man müsste also kurzgefasst sagen: Mitglieder, ihr braucht die Bücher Rudolf Steiners. Studiert sie intensiv, damit sie vom Literaturzustand befreit und lebendige Anthroposophie werden. Auch am Goetheanum brauchen wir die Bücher.

Bis dahin ist es nicht schwer, aufzuzeigen, dass gerade in der rein spirituellen Aufgabe des Goetheanums seine Freiheit und Unabhängigkeit besteht. Wir selber erklären uns für dieses Werk als die verantwortliche Stelle. Wir wollen die Bücher nicht allein in die Welt hinausgehen lassen.

Demgegenüber entsteht eine andere Problemstellung, wenn wir auf den Verkauf der Bücher im Goetheanum blicken. Es ist ein Unding, dass Rudolf Steiners Werk nicht im Goetheanum zu haben ist. Der Einwand, man könne die Bücher nur 100 m entfernt im Haus Duldeck kaufen, ist künstlich beruhigend. Er macht aber doch nur aus der Not eine Tugend. Selbstverständlich gehören Rudolf Steiners Bücher ins Goetheanum. Das war auch Albert Steffens Meinung. Er wusste nur nicht, wie man das spirituell richtig tun könne. Diese Hürde ist bis jetzt von niemandem genommen worden. Wir werden von überallher ermutigt, die Hürde ›einfach‹ auf die Seite zu schieben und die Bücher aufzulegen. Das wäre ohne geistige Motivierung ein Unrecht.

  1. Frage: Bedeutet das Auslegen der Bücher im Goetheanum eine Anerkennung des Nachlassvereins?
  2. Frage: Muss man die Geistgestalt ›Nachlassverein‹ nicht trennen vom Verleger Nachlassverein? Ist man nicht in der Gefahr eines Michael Kohlhaas, der einer Konsequenz zuliebe, wenn sie zu weit getrieben wird, in eine sterile Haltung getrieben wird, in der man sich selber fängt?
  3. Frage: Wo ist die rechte Handlung, die den Übergang vom phantasielosen Kurs (zu dem sich ungezählte Inkonsequenzen addieren) zum Handeln aus geistiger Einsicht bildet?

Wenn die Bücher weiterhin nur beim Nachlassverein gekauft werden können, dann treiben wir die jungen Mitglieder fort, in die Räume des Nachlassvereins herein, eine Jugend, die mit dem Nachlassverein gar nichts zu tun haben will. Ist das gut?

Als Rudolf Steiner selber vor dem Bücherproblem stand, in bezug auf die Zyklen, war der Tatbestand der folgende gewesen:

  1. waren die Zyklen gegen seinen Willen nachgeschrieben worden,
  2. waren die Zyklen trotz Verbot im antiquarischen Buchhandel und durch Mitglieder von Fremden zu erwerben gewesen.

Hat Rudolf Steiner die Zyklen zurückgezogen, oder hat er noch strengere Vorschriften erlassen – Sie wissen, er tat das, was keiner von uns gewagt hätte, er gab sie ganz frei.

Der Hochschulvermerk, trotz der Umschreibung, die heute gewählt wird, bietet durch die Gründung des Nachlassvereins, der über keine esoterische Gesellschaft verfügt, keinen Schutz mehr.

Und jetzt kommt meine Hauptfrage: Kann die Gesellschaft, kann die Hochschule überhaupt darauf verzichten, die schutzbildende Heimstätte für die Bücher Rudolf Steiners zu bilden? Muss nicht in völliger Unabhängigkeit und geistiger Initiative, dem ›Reiche‹ der Hochschule, das ihr immer bleibt, gemäß, ein Willensentschluss gefasst werden: Wer auch immer in Zukunft die Bücher (sachgemäß) herausgibt – die Hochschule nimmt sie in ihren Schutz, weil nur sie es tun kann? Anders: dürfen wir die Bücher herumsegeln lassen, ohne uns verantwortlich zu erklären? Der Einwand: Mit den Büchern ist Unrecht verbunden, die Hochschule ist verletzt worden, der Vorsitzende diffamiert worden – so sind das richtige, aber zunächst rein negative Feststellungen.

Wie würde Rudolf Steiner selber gemäß seiner damaligen befreienden Handlung, heute vorgehen? Müssen wir nicht das Karma, das der Nachlassverein geschaffen hat, ihm allein aufbürden, statt uns immer weiter damit zu verquicken? Wo ist hier die freie Tat, die auch bewusst ein Unrecht in sich hinein nimmt, statt immer vor ihm stehen zu bleiben?

Die Rehabilitierung von Albert Steffen kann nie und nimmer vom Nachlassverein erfolgen.

Es wäre unwürdig, ihn zu dieser Instanz zu erküren. Wenn es eine braucht, dann ist es allein der Vorstand. Dieser muss eine Überzeugung aussprechen: es ist dem Geist Albert Steffens zu verdanken, dass die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft heute noch existiert und bei seinem Tode sich in aufbauender, steigender Entwicklung wie nie zuvor befunden hat. Und danach müssten wir – Rudolf Steiner folgend – in einer Art Spiegelbild das Problem der Bücher behandeln: er gab sie nach außen ganz frei – nach innen trug die Hochschule den Schutz. Heute sind die Bücher nicht nur frei, sondern sie werden gratis, sogar kistenweise in die Bibliotheken geschleppt, preisgegeben. Was sollten wir tun? Sie geistig zurückholen! Wie soll das formuliert werden?

›Die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft möchte zum Ausdruck bringen, dass die heute in alle Welt verbreiteten geisteswissenschaftlichen Forschungen Rudolf Steiners, die er in Vorträgen und Zyklen den Mitgliedern anvertraut hat, fortwährend das grundlegende Studienmaterial des Anthroposophen und des Hochschulmitglieds bilden. Die innere Verantwortung der Hochschule für die regsamste lebendig-spirituelle Verarbeitung der Inhalte durch Tagungen, Seminarien etc. bleibt nach wie vor bestehen. Dadurch wird das Werk Rudolf Steiners davor bewahrt, ‚Literatur’ zu werden, das in Regalen aufbewahrt wird, sondern es soll gemeinsam erarbeitetes Geistesbrot werden. Auf diese Weise ist die auf dem inneren Weg arbeitende Mitgliedschaft der Schutz, dessen die Bücher, insbesondere die esoterischen Vorträge, bedürfen. Die Hochschule ruft die Mitglieder dazu auf, mit ihr zusammen diesen Geistesschutz zu bilden und die Bücher nicht allein zu lassen.‹

Das ist aus dem Stegreif geholt und befriedigt wohl niemanden – auch mich nicht. Es soll aber dazu anregen, an das ›Spiegelbild‹ zu denken und ein dem Zyklenvorgang entsprechendes neues Verfahren zu entwickeln. Das zu tun, lege ich vertrauensvoll in Ihre Hand! [ … ]«. (Zitiert nach Klaus Hartmann, Herbert Witzenmann, Bd. 2)

Langer Rede kurzer Sinn: Grosse legte seinem Vorstandskollegen, der in Bezug auf die Frage, was das Fehlen des Schutzvermerkes in den Publikationen der Nachlassverwaltung für eine Bedeutung hatte, gänzlich anderer Auffassung war, unter Berufung auf das Vorbild Rudolf Steiners nahe, einer Umdeutung des Schutzbegriffes zuzustimmen, die es ermöglichen würde, diese Publikationen auch im Goetheanum zu verkaufen. Das ist mit dem Gedanken der »spiegelbildlichen« Handlung gemeint: wie Steiner einst die Nachschriften seiner Vorträge – nach außen – für die Veröffentlichung freigegeben und sie zugleich – nach innen durch den Hochschulvermerk – unter den Schutz der Hochschule gestellt hatte, so sollten jetzt die völlig frei zugänglichen Werke Steiners – die nicht mehr unter dem Schutz der Hochschule standen, da sie von einem Verein herausgegeben wurden, der diese Hochschule nicht anerkannte –, geistig und zugleich materiell in diese Hochschule heimgeholt werden, indem die Gesellschaft das Fehlen des Schutzparagraphen ignorierte und die Publikationen gleichzeitig erneut unter ihren geistigen Schutz stellte.

Ein »spiegelbildliches Verfahren« ist dies allerdings nicht. Das wahre – seitenverkehrte – Spiegelbild zu Steiners Verhalten – nach außen freigeben, nach innen unter den Schutz der Hochschule stellen – hätte darin bestanden: die Freigabe nach außen zurückzunehmen und auf den Schutz nach innen durch die Hochschule zu verzichten. Dieses wirkliche Spiegelbild ist aber geistig nicht nur vollkommen irreal, sondern auch lebenspraktisch schlicht absurd. Grosses Konstrukt einer »spiegelbildlichen Handlung« ist in Wahrheit der misslungene Versuch, die angedachten neuen Zielsetzungen argumentativ durch das Vorbild Rudolf Steiners unter Verdrehung der Tatsachen zu rechtfertigen.

Konsequent wäre eine Argumentation gewesen, die die gänzliche Verfügungsohnmacht über das Werk Rudolf Steiners anerkannt und gleichzeitig die von dieser vollkommen unabhängige Vollmacht der Hochschule für Geisteswissenschaft betont hätte. Eine Hochschule, die unabhängig von der Anerkennung oder Nichtanerkennung durch eine andere Instanz aus eigener Vollmacht existierte, konnte durch ihre Nichtanerkennung seitens der Nachlassverwaltung nicht beeinträchtigt werden, vielmehr hätte sie diese als das zu erkennen vermocht, was sie einzig und allein war: ein Archiv- und Editionsverein für den literarischen Nachlass Rudolf Steiners. Aber das Problem bestand eben darin, dass diese Hochschule nicht aus eigener Vollmacht – aus ihrer originären geistigen Forschung – existierte, sondern lediglich aus zweiter Hand – aus dem sukzessive durch die Nachlassverwaltung veröffentlichten Werk Rudolf Steiners. Dadurch befand sie sich in fortdauernder Abhängigkeit von diesem Verein und sah sich durch ihn permanent in ihrem Bestand bedroht. An diesem Grundproblem konnte auch die Öffnung des Bücherverkaufs am Goetheanum für die Publikationen der Nachlassverwaltung nichts ändern. Insofern lenkten auch die Auseinandersetzungen, die sich in den folgenden Jahren an der Frage des Schutzvermerkes entzünden sollten, nur vom eigentlichen Problem der Gesellschaft ab.

Diese Auseinandersetzungen zogen sich durch die folgenden drei Jahre hindurch, führten zur zunehmenden Isolation Witzenmanns im Vorstand und mündeten schließlich in den sogenannten »Bücherbeschluss« vom 9. Januar 1968, der eine Stellungnahme Grosses und eine Antwort Witzenmanns im Nachrichtenblatt der Gesellschaft nach sich zog, durch die der Bruch innerhalb des Vorstandes gesellschaftsöffentlich wurde.

Die einzelnen Etappen der Auseinandersetzung lassen sich aufgrund der veröffentlichten Dokumente leicht rekonstruieren.

Goetheanum, Detail

Goetheanum, Detail

Bei der Generalversammlung Mitte April 1965 gab der Vorstand eine ominöse Erklärung zur Bücherfrage bekannt, die der Leiter der Versammlung, Hermann Poppelbaum, in vollem Wortlaut vorlas. Er leitete sie mit der Bemerkung ein, dabei handle es sich um eine Entscheidung, eine Initiative des Vorstandes, welche die Unabänderlichkeit »gewisser Schicksalstatsachen« anerkenne. In den darauffolgenden Einlassungen folgte Poppelbaum im Wesentlichen der Argumentationslinie, die Grosse in seiner oben zitierten Ansprache vor den Schweizer Zweigleitern bereits vorgezeichnet hatte. Steiner, so Poppelbaum, habe der Gesellschaft ein doppeltes Vermächtnis hinterlassen: sein »geistiges Testament« in Gestalt der Weihnachtstagung und sein »anderes« (bürgerliches) Testament, das bis heute unverändert gelte. Der Vorstand sei der Ansicht, »die Arbeit mit den Büchern« (den Publikationen der Nachlassverwaltung) gebe »diesen Büchern und dem Werk Rudolf Steiners den Schutz«, dessen sie bedürften. Der Vorstand lasse sich von jener »kühnen Tat« Steiners inspirieren, durch die er sein Werk 1923 »für alle, die es haben wollten« freigegeben habe. Das mit der angestrebten Entscheidung des Vorstandes verbundene Problem, dass durch sie frühere Vorstandsentscheidungen und Auffassungen seiner Mitglieder (insbesondere Marie Steiners und Albert Steffens) revidiert wurden, umschiffte er damit, dass er diese »Persönlichkeiten« für sakrosankt – also über jedes Urteil erhaben – erklärte. »Wir sind«, so führte er nämlich aus, »der Ansicht, dass es sich bei den Vorstandspersönlichkeiten, die wir alle verehren, beginnend mit Dr. Steiner selbst und bis zu Guenther Wachsmuth, dass es sich da um Persönlichkeiten von solchem Format handelte, dass wir mit unseren Rechtfertigungsbedürfnissen doch ein wenig zu kurz kommen [gemeint war wahrscheinlich »zu kurz greifen«], ja, dass eigentlich die Gesellschaft gar nicht aufgerufen ist, hier zu viel zu sprechen von richtig und falsch. Es soll niemand sein Urteil revidieren müssen. Es soll aber jeder daran denken, dass diese Persönlichkeiten doch aller Rehabilitierung entrückt sind und dass es möglich ist, mit ihnen bei richtigem Handeln hier von der Erde aus in diejenige zusammenhaltende Verbindung zu kommen, die wir alle suchen.«

Mit diesen Bemerkungen Poppelbaums war die Gesellschaft – veranlasst durch das logisch unlösbare Bücherproblem – mit ihrem Bewusstsein tatsächlich an einem Punkt angelangt, an dem sie glaubte, nur noch eine Lösung finden zu können, indem sie ein sacrificium intellectus beging, die handelnden Personen ihrer Geschichte für »entrückt« – ein Ausdruck, der in religiösen Traditionen gewöhnlich auf Heilige oder gottähnliche Personen angewandt wird – und zu Gegenständen bedingungsloser Verehrung erklärte. Mit jedem Satz, den Poppelbaum an die vorangegangen knüpfte, entfernte er sich mehr von jenen Grundsätzen, die Steiner selbst als essenziell für das Leben der Anthroposophischen Gesellschaft betrachtet hatte. Über die »Verehrung« von Personen konnte man bereits in »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten« lesen: »Betont muss werden, dass es sich beim höheren Wissen nicht um Verehrung von Menschen, sondern um eine solche gegenüber Wahrheit und Erkenntnis handelt.« Die »Entrücktheit« oder »Erhabenheit« der verstorbenen Vorstandmitglieder wurde von Poppelbaum sogar zur Bedingung dafür erklärt, dass die Lebenden zu ihnen eine gemeinschaftsstiftende spirituelle Verbindung aufnehmen konnten. Die Aufgabe der Gemeinschaftsbildung, die auf dem realen Boden der historischen Gesellschaft hätte angesiedelt werden müssen, die sich zwischen den lebenden Menschen, den Mitgliedern der Gesellschaft, auf der Grundlage ihres freien Urteilsvermögens und ihres sozialen Willens hätte entwickeln müssen, wurde vom Vorsitzenden dieser Gesellschaft in eine transzendente Sphäre projiziert und damit gleichzeitig zu einer Privatangelegenheit erklärt. Denn wie sollte in der Gesellschaftsöffentlichkeit überprüft werden, ob jemand durch »richtiges Handeln von der Erde aus in diejenige zusammenhaltende Verbindung« mit den Mitgliedern des Gründungsvorstands kam, die alle suchten? Und suchten wirklich alle Mitglieder der Gesellschaft eine solche Art von zusammenhaltender Verbindung, wie Poppelbaum sie postulierte?

In der Erklärung des Vorstandes hieß es unter anderem:

»Der Nachlassverein hat die Aufgabe des Herausgebers des Werkes selbst übernommen und muss diese karmische Verantwortung tragen. Was er aber nicht übernehmen kann, ist die Aufgabe, das Werk Rudolf Steiners über die Drucklegung hinaus zu pflegen. Diese Aufgabe kann niemand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und dem Goetheanum abnehmen, da sie in der Erfüllung der Weihnachtstagung liegt. Von der Durchführung dieser Aufgabe hängt es ab, ob sich neues Karma im Fortgang der Weihnachtstagung bilden kann.

Die in den Prinzipien veranlagte Durchdringung von Hochschule und Herausgabe des Werkes ist durch die Begründung des Nachlassvereins getrennt worden. Dieser Trennung stellt der Vorstand aus eigener Initiative einen heilenden Impuls entgegen. Die Bücher, welche ja doch die Geistesforschung Rudolf Steiners enthalten, nimmt er gerade wegen des damit verbundenen schweren Schicksals in seine tiefste Sorge, die Tragik des Schicksal so bejahend. Wenn sich die Mitglieder alle intensiv dem Erarbeiten der Bücher und Vorträge hingeben, fügen sie dem Goetheanum fortwährend den lebendigen Strom der Geistesforschung ein. Dadurch öffnet sich der Weg, die Bücher allgemein zu kaufen und auf sie hinzuweisen.

Zu Albert Steffens Lebzeiten wurde mit Recht die Bedingung gestellt, die gegen ihn ausgesprochenen Diffamierungen zurückzunehmen. Aber zugefügtes Leid wird nicht durch Erklärungen gutgemacht, die nicht Taten sind. Jetzt, nach dem Tode Albert Steffens, können wir uns in seinem Sinne zu der höheren Anschauung erheben: unseren großen Individualitäten, die ihr Leben für die Anthroposophie und die Anthroposophische Gesellschaft eingesetzt haben, wollen wir Taten entgegenbringen, die auf Erden solche Verhältnisse schaffen, dass sie sich als Geistwesen mit uns verbinden können. Das nie erlahmende Bemühen, das Karma der Gesellschaft zu ordnen, vereinigt unser Streben mit dem ihrigen. Eine irdisch-übersinnliche Gemeinschaft dadurch aufzubauen, ist unser größtes Ziel.«

Dieser Text ist nicht nur schwülstig, er ist auch in sich widersprüchlich. Die salbungsvoll als »heilende Tat« apostrophierte Entscheidung bestand schlicht darin, die Publikationen der Nachlassverwaltung künftig auch im Goetheanum zu verkaufen und Anzeigen für sie in die gleichnamige Zeitschrift aufzunehmen. Was aber hatte diese Entscheidung mit der Bildung »neuen Karmas im Fortgang der Weihnachtstagung« zu tun? Die Behauptung, das Studium der Bücher und Vorträge Steiners »füge dem Goetheanum den lebendigen Strom der Geistesforschung ein«, setzt voraus, dass diese Institution keine Geistesforschung betreibt, sondern dass sie ihr erst von außen, über das Studium von Büchern eingefügt werden muss. Damit sprach aber der Vorstand genau das aus, was die Nachlassverwaltung immer behauptet, bisher jedoch stets in Abrede gestellt worden war. Warum ausgerechnet die Anerkennung dieser Tatsache einen Weg eröffnen sollte, »die Bücher allgemein zu kaufen und auf sie hinzuweisen«, ist nicht nachzuvollziehen, denn sie konnten auch zuvor schon von der Allgemeinheit gekauft werden und jeder, der wollte, konnte auf sie hinweisen. Pietätlos war die Berufung auf den erst kürzlich verstorbenen Albert Steffen, dem eine »niedere Anschauung« unterstellt wurde, die durch eine »höhere« ersetzt werden müsse, die erst die Voraussetzung dafür schaffe, dass er sich mit der Gesellschaft, die ihn auf diese Weise verhöhnte, verbinden können sollte. Statt einfach offen auszusprechen, dass man den Entschluss gefasst hatte, die endlosen Streitereien hinter sich zu lassen, und fortan an den Erträgen des Bücherverkaufs wirtschaftlich zu partizipieren, beschwor man das hehre Ziel einer »irdisch-übersinnlichen Gemeinschaft«, die man – offenbar durch den Verkauf von Büchern – aufbauen wollte!

Der Generalsekretär der österreichischen Landesgesellschaft, Raimar Thetter, hielt seine Eindrücke von diesen Ostertagen schriftlich fest. »Ganz Dornach«, schrieb er an Herbert Witzenmann, sei von einer »Depressionswelle« erfasst worden, jeder habe der Erklärung des Vorstands entnehmen müssen, die Publikationen der Nachlassverwaltung »kämen ans Goetheanum« und würden künftig in der Wochenschrift beworben, viele hätten sich überlegt, ihre Ämter niederzulegen. Erst eine stundenlange dramatische Beratung am Ostersonntag zwischen dem Vorstand, dem Hochschulkollegium und den Generalsekretären habe ihm die Gewissheit verschaffen können, dass die Erklärung des Vorstands noch keine Entscheidung in der Sache darstelle.

Als wenn all dies noch nicht genügt hätte, wurden von dieser Generalversammlung auch noch neue Statuten gutgeheißen, die die Widersprüche der früheren Fassungen zu den Prinzipien der Weihnachtagung, auf die man sich gleichzeitig vollmundig berief, fortschrieben bzw. neue hinzufügten. § 4 über die Aufnahme von Mitgliedern wurde präzisiert: »Die Aufnahme als Mitglied erfolgt durch den Vorstand …. Man ist Mitglied geworden in dem Augenblick, in dem der Vorsitzende der Anthroposophischen Gesellschaft die Mitgliedskarte unterzeichnet hat.« In den von Steiner formulierten Prinzipien hieß es dagegen: »Die einzelnen Gruppen [auf örtlichem oder sachlichem Felde] besorgen die Aufnahme der Mitglieder; doch sollen die Aufnahmebestätigungen [sic!] dem Vorstand in Dornach vorgelegt und von diesem im Vertrauen zu den Gruppenfunktionären unterzeichnet werden.« Während Steiner also den Arbeitsgruppen auf örtlichem oder sachlichem Felde vollständige Autonomie bei der Aufnahme von Mitgliedern in die Gesellschaft gewährt hatte, wurde diese Autonomie erneut vom Vorstand der Gesellschaft ausgehebelt. § 5 behauptete weiterhin, ein Mitglied könne ohne Angabe von Gründen durch den Vorstand ausgeschlossen werden – obwohl auch darüber in den Prinzipien nichts zu lesen war. Neu hinzugefügt wurde ein Absatz zum § 4, der die Führung des Namens »Anthroposophische Gesellschaft« von der Zustimmung des Vorstands der Gesellschaft abhängig machte. Diese Ergänzung war nicht etwa das Ergebnis höherer Einsichten, sondern die Frucht eines trivialen Rechtsstreits. Arno Wilke, der 1963 – ohne Angabe von Gründen – aus der Gesellschaft ausgeschlossen worden war, musste sich 1964-65 gegen eine Klage der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland zur Wehr setzen, die ihm das Recht auf die Verwendung ihres Namens streitig machte. Paradoxerweise führte der Rechtsstreit zum Ergebnis, dass der Hamburger Zweig, dem Wilke vorstand, ältere Rechte auf diesen Namen besaß, als die Gesellschaft.

Von einer ganz anderen Affäre wurde der inzwischen 75jährige Vorsitzende der Gesellschaft im Lauf des Frühjahrs eingeholt. Seine Haushälterin erwartete ein Kind. In Dornach verbreiteten sich Gerüchte, er sei der Vater. Poppelbaum sah sich aufgrund dieser Gerüchte und der durch sie hervorgerufenen moralischen Empörung zur Erklärung gezwungen, er werde bei der nächstern Generalversammlung 1966 von seinem Amt zurücktreten.

Die esoterischen Unterweisungen Rudolf Steiner für die Mitglieder der Hochschule wurden erst 1992 in der Gesamtausgabe veröffentlicht.

Die esoterischen Unterweisungen Rudolf Steiners für die Mitglieder der Hochschule wurden erst 1992 in der Gesamtausgabe veröffentlicht.

Die im üblichen Dornacher Verlautbarungsstil verfasste Stellungnahme zu diesen Gerüchten, die mit Ausflüchten gespickt war und die wirklichen Gründe des angekündigten Rücktritts verschwieg, gab den Spekulationen über Poppelbaums Liebesleben weitere Nahrung und schlug sich sogar in einem Briefwechsel nieder, der einen engagierten Beobachter wie Christoph Lindenberg (1930-1999) zu folgenden Bemerkungen veranlasste: »Wenn Dr. Poppelbaum z.B. in seinem Brief von einem ›lange gehegten Wunsch‹ spricht, sich aus der Arbeit zurückzuziehen, wenn er von seinem Alter spricht, so muss man sich fragen, warum er dann vor 1 ½ Jahren den Vorsitz übernommen hat. – Das Entscheidende ist, dass die Gesellschaft die wahren Gründe, die zum Rücktritt führten, nicht offiziell erfährt. Das scheint mir in einer Gesellschaft wie der unsrigen problematisch, nicht nur, weil die Mitgliedschaft als unmündig behandelt wird, sondern weil so jedem Unfug die Tür geöffnet wird.« (Zitiert nach Hartmann, Witzenmann II, S. 96). Tatsache war jedenfalls, dass Poppelbaum 1964, nach dem Tod seiner lange Zeit pflegebedürftigen ersten Frau Edith, eine Ehe mit der jungen Lotte Brück eingegangen war.

Der Rücktritt Poppelbaums vom Vorsitz, an dessen Stelle Anfang 1966 Rudolf Grosse treten sollte, zog eine Erweiterung des Vorstandes nach sich. Die Erklärung, die an Ostern 1965 zur Bücherfrage abgegeben worden war, führte zu informellen Gesprächen mit Vetretern der Nachlassverwaltung, die im folgenden Jahr fortgesetzt wurden, aber keinerlei greifbare Ergebnisse erzielten.

Ein weiteres, das esoterische Selbstverständnis der Gesellschaft beeinträchtigendes Ereignis, das ebenfalls mit Veröffentlichungsfragen zu tun hatte, fiel in die Herbstzeit dieses Jahres: die Publikation von Teilen der sogenannten Klassentexte durch Lothar-Arno Wilke vom Hamburger Christian-Rosencreutz-Zweig. Wilke, der uns in der Geschichte der Gesellschaft bereits mehrfach als enfant terrible begegnet ist, hatte sich nach eigener Aussage davon überzeugen können, dass die »Klassentexte« in der Bibliothek des Vatikan standen und fühlte sich durch diese Beobachtung – aufgrund einer merkwürdigen Logik – dazu aufgerufen, sie der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich zu machen, um sie »vor Missbrauch durch die katholische Kirche zu schützen« (sic!). Bei den Klassenstunden handelte es sich um »Esoterische Unterweisungen«, die Steiner vom 15. Februar bis zum 2. August 1924 vor den Mitgliedern der Ersten Klasse der neugegründeten Freien Hochschule für Geisteswissenschaft gehalten hatte. Diese waren u.a. von Helene Finckh mitstenographiert und in Langschrift übertragen worden. Nach dem Tod Steiners war es Aufgabe ausgewählter – zum Teil noch von ihm selbst benannter – »Lektoren« (zu denen u.a. Ita Wegman und Lili Kolisko gehörten), diese Klassenstunden im Rahmen der Hochschularbeit vorzulesen. Sie gehörten, zusammen mit den »Priesterzyklen«, zu den am strengsten gehüteten Geheimnissen der anthroposophischen Lehrtradition. 1949 wurden die Stenogramme erneut in Langschrift übertragen. Diese Textfassung sollte zwischen 1974 und 1977 noch einmal überprüft und 1977 in einem Manuskript zusammengefasst werden. Von diesem Manuskript wurden 500 Exemplare gedruckt. Nach Lothar-Arno Wilke legte der Cagliostro-Verlag in den Niederlanden 1987 und 1988 eine erste vollständige Publikation im Stil eines hektographierten, fehlerbehafteten Raubdrucks auf. Zu einer verantwortlichen Veröffentlichung im Rahmen der Gesamtausgabe sollte es erst 1992 kommen. Die unautorisierte Veröffentlichung dieser esoterischen Lehrstunden wurde von vielen Repräsentanten der Hochschule als Angriff auf die Substanz der Anthroposophischen Gesellschaft empfunden. Wie dieses Ereignis erlebt wurde, brachte Grosse auf der Generalversammlung 1966 in seinem Rückblick auf das abgelaufene Arbeitsjahr zum Ausdruck.

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