1966: Der Vorstand als spirituelle Emanation des Geisteslehrers

Hagen Biesantz, 1924-1996

Hagen Biesantz, 1924-1996

Die »Erklärung« des Vorstandes zur Bücherfrage im Jahr 1965 erklärte oder klärte gar nichts, vielmehr war die durch sie hervorgerufene Verwirrung beträchtlich. Auch in den folgenden Jahren rangen unterschiedliche Positionen miteinander. Der Vorstand selbst war in dieser Frage gespalten.

Während Grosse den gordischen Knoten pragmatisch durchschlagen wollte, erwies sich Witzenmann als Bedenkenträger (manche bezeichneten ihn nach dem Vorbild einer Gestalt in Steiners Mysteriendramen als »Retardus«). Dass er die Position des Vorstandes im Jahr 1966 noch beeinflussen konnte, zeigt ein Brief, den dieser Ende März 1966 an Hans Werner Zbinden (1899-1977), einen der Gründer des Nachlassvereins schrieb. Wenn man sich an die ein gutes Jahr davor veröffentlichte Erklärung zur Bücherfrage zurückerinnert, dann wirft der Brief ein bezeichnendes Licht auf die Suchbewegungen, die der Vorstand bei seiner Urteilsbildung vollzog. In diesem Brief, der eher den Eindruck eines Ultimatums als den eines Verhandlungsangebotes macht, hieß es unter anderem:

»Die mit Ihnen und Ihren Freunden geführten Gespräche sollten uns Gewissheit darüber verschaffen, ob es nach den leidvollen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte möglich sei, die hängigen Probleme in befriedigender Weise zu lösen. Wir waren und wir sind überzeugt davon, dass sich Möglichkeiten und Methoden zu einer allgemein erhofften Lösung finden lassen.

Die Bemühungen des Vorstandes der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft gehen davon aus, dass die im solothurnischen Gerichtsurteil bezeichneten Rechte an die Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung gefallen sind, wodurch eine Situation geschaffen wurde, die die freieste Institution, als die wir die von Rudolf Steiner begründete Anthroposophische Gesellschaft betrachten, durch eine äußere Instanz – nämlich durch das Gericht – in eine ihr wesensfremde Abhängigkeit gebracht hat. Diese Situation konnte und kann vom Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft nicht anerkannt werden, da es zu den Lebensbedingungen der Anthroposophischen Arbeit gehört, dass zwischen Anthroposophen nur der Geist völliger Freiheit herrscht. Es muss daher unser unablässiges Bestreben sein, alles zu unternehmen, um diese Freiheit im Sinne unserer Gründungstagung wieder herzustellen. Denn den heutigen Zustand müssen wir als schweres Hemmnis betrachten. den es im Sinne der Weihnachtstagung zu ändern gilt.

Unsere Überzeugung ist es, dass es für die Sache des Werkes Rudolf Steiners ein großer Fortschritt wäre, wenn die Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung sich entschließen könnte, gegenüber der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft eine Erklärung abzugeben, wonach die Nachlassverwaltung ihr und nur ihr gegenüber auf alle Ansprüche, welche hinsichtlich des gesamten Werkes von Rudolf Steiner aus der auf fünfzig Jahre verlängerten Schutzfrist ergeben, ausdrücklich und endgültig verzichtet. Vergleiche dazu die Äußerung Dr. Steiners … ›30 Jahre nach dem Tode gehört das geistige Eigentum der gesamten Menschheit. Jeder kann 30 Jahre nach meinem Tode drucken, was ich hervorgebracht habe, man kann es in beliebiger Weise verwenden, und das ist recht‹ (26. April 1919). Eine Einschränkung hingegen, wonach die Herausgabe von Büchern und Schriften aus dem Werke von Rudolf Steiner [der Nachlassverwaltung?] vorbehalten bleibt, würde uns nicht stören, da wir vor einer grundlegenden Neu-Ordnung der Verhältnisse an eine irgendwie geartete Herausgabe durch unseren Verlag nicht denken.

Mit einer solchen Lösung hätte sein Ende gefunden, was das Leben der Anthroposophischen Gesellschaft bis heute in unheilvoller Weise belastet hat, und keine Unfreiheit würde das initiative Sich-Einsetzen für das Werk Rudolf Steiners mehr beeinträchtigen. In erster Linie würde aber die Stoßkraft in der geschlossenen Vertretung der Anthroposophle der Außenwelt gegenüber und auch in den Herzen der Mitglieder einen Teil der Beeinträchtigung, die sie erfahren hat, überwinden, und es würden uns zweifellos neue Kräfte erwachsen, weil vieles, was das Wirken innerhalb der Gesellschaft und für diese bisher erschwert hat, weggeräumt wäre, und eine neue, hoffnungsvolle Aera eingeleitet würde.

Es wäre bedeutsam, wenn unser Brief als der Ausdruck eines anthroposophischen Impulses verstanden würde, der sich an die früher von uns unternommene Initiative folgerichtig anschließt.

P.S. Die Detailfragen, welche im Zusammenhang mit der oben skizzierten Erklärung stehen, müssten dann in besonderen Besprechungen behandelt werden.«

Durch ein Gerichtsurteil, so also die Auffassung des Vorstandes, sei die »freieste« aller möglichen Institutionen in eine ihr »wesensfremde Abhängigkeit« gebracht worden. In was für eine Abhängigkeit denn? Die Nachlassverwaltung sollte auf »alle Ansprüche gegen die Gesellschaft«, die aus der verlängerten Schutzfrist erwachsen könnten, ein für alle mal verzichten, ohne auf das Recht auf die Herausgabe der Werke Rudolf Steiners verzichten zu müssen. Welche Ansprüche sollte sie darüber hinaus denn noch erheben? Ansprüche finanzieller Art – auf Tantiemenzahlungen zum Beispiel? Oder war an spirituelle Ansprüche gedacht?

Werner Berger, 1916-1978

Werner Berger, 1916-1978

Wie bereits erwähnt, leitete Grosse die Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft 1966 durch einen Rückblick auf das vergangene Arbeitsjahr ein. Er erwähnte drei »gravierende« Ereignisse, die an die »Tragkraft der Gesellschaft hohe Ansprüche« gestellt hätten: die Vorstands»erklärung« an Ostern 1965 zur Bücherfrage, die zu »extremen« – positiven wie auch negativen – »Reaktionen« in der Mitgliedschaft geführt habe, den Rücktritt des Vorsitzenden und die Veröffentlichung der Klassentexte durch Wilke. Die Reaktionen auf die Vorstands»erklärung« und diese selbst kommentierte Grosse nicht weiter, sondern bemerkte stattdessen: »Manchmal hilft man einer Sache mehr, wenn man sie nicht mehr bespricht, sondern wenn man darüber schweigt.« Was sich konkret an Folgen für die Beziehung zwischen Gesellschaft und Nachlassverwaltung aus der »Erklärung« ergeben hatte, erfuhr die Mitgliedschaft nicht. Auch zum Rücktritt Poppelbaums gab Grosse einen merkwürdigen Kommentar. Er fühlte sich durch ihn nämlich dazu veranlasst, darauf hinzuweisen, dass dieser Vorstand über keine »demokratische Herkunft« verfüge. Wie Steiner diesen Vorstand in sie »hineingestellt« habe, so Grosse, sei ein »unvergängliches Gut dieser Gesellschaft«. Für den unmittelbar darauf zum ersten Vorsitzenden avancierten Grosse scheint der undemokratische Ursprung des Gesellschaftsvorstands ein für die Ewigkeit bestimmtes Konstitutionsmerkmal gewesen zu sein. Über die Veröffentlichung der Klassentexte führte er aus, sie hätte ihn so »tief« getroffen, dass das Wort »Prüfung« nicht mehr ausreiche, um die Erlebnisse zu beschreiben, die sie ausgelöst habe. Andererseits habe sie auch »das Heiligste im Mitglied der Hochschule geweckt« und zu einer unvergleichlichen Stärke aufgerufen.

Poppelbaum hielt anlässlich seines Rücktritts eine Abschiedsrede, in der er betonte, seine persönlichen Verhältnisse gingen die Leute nichts an, auch wenn die Einwände gegen diese ihn zu seinem Rücktritt bewogen hätten. Er halte es für unter seiner Würde, sich gegen solche Einwände zu verteidigen. »Vor einer höheren Instanz«, fügte er hinzu, »glaube ich mit dem Getanen sehr wohl bestehen zu können.« Seine siebzehnjährige Mitarbeit im Vorstand beurteilte er rundum positiv, sie sei – sowohl in administrativer als auch in anthroposophischer Hinsicht – »mustergültig harmonisch geschehen und bei aller Differenzierung der Urteile immer menschlich befriedigend« gewesen. Schließlich erinnerte er daran, dass er der letzte Überlebende der einst von Steiner autorisierten neun Goetheanum-Redner sei.

Siebzehn Jahre in mustergültiger Harmonie! Poppelbaum war 1949 in den Vorstand berufen worden, der damals de facto nur noch aus zwei Personen – Albert Steffen und Guenther Wachsmuth – bestand. In der Tat war der ehemalige Frontoffizier, der 1935 zu den Mitverfassern der berüchtigten »Denkschrift« gehört und damit im Zentrum der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Wegman und Vreede gestanden hatte, zu dieser Zeit noch nicht Mitglied dieses illustren Gremiums gewesen, und aus seiner subjektiven Perspektive mochte die Arbeit des Vorstandes in der Zeit zwischen 1949 und 1966 tatsächlich »mustergültig harmonisch« verlaufen sein – gehörten doch die Unruhestifter stets anderen Fraktionen an, die dem Vorstand feindselig gegenüberstanden. All dies schmälert gleichwohl nicht die Verdienste, an die Witzenmann in seiner Laudatio auf den scheidenden Vorsitzenden erinnerte, die dieser sich durch seine naturwissenschaftlichen Forschungen bei der »spirituellen Überwindung« des Darwinismus erworben hatte.

Die »Wahl« Grosses zum ersten Vorsitzenden war im Grunde bereits ein fait accompli. Der Vorstand hatte einmütig beschlossen, ihn vorzuschlagen, die Generalsekretäre und Landesvertreter unterstützten den Vorschlag einmütig, die Anthroposophische Gesellschaft in der Schweiz ebenso wie die deutsche Landesgesellschaft und so konnte die Zustimmung der Generalversammlung nicht ausbleiben.

Dan Lindholm, 1908-1998

Dan Lindholm, 1908-1998

Interessant sind dennoch einige Bemerkung Friedrich Hiebels, mit der er diese »Wahl« einleitete. Das Aperçu Grosses über den undemokratischen Ursprung des Vorstands ist uns noch erinnerlich. Hiebel hob in dieser »Schicksalsstunde« hervor, dass die Gesellschaft »keine Statutengesellschaft«, sondern eine »Gesinnungsgesellschaft« sei. Auch er beschwor die »Weihnachtstagung«, deren Einzigartigkeit in der Tatsache bestanden habe, dass Rudolf Steiner, »der Geisteslehrer, der Verkünder des Wesens Anthroposophia«, den Vorsitz der Gesellschaft übernommen habe. Und die Frage nach dem Recht des Vorstandes, die Hochschule zu leiten, beantwortete er mit dem Hinweis auf den siebten Paragraphen der Prinzipien – obwohl er doch gerade beteuert hatte, die Gesellschaft sei keine Statutengesellschaft – in dem es heiße, die Einrichtung der Hochschule und die Ernennung eines etwaigen Nachfolgers obliege Rudolf Steiner.

Nun habe Steiner zwar keinen Nachfolger ernannt, aber dennoch die Hochschule eingerichtet, seine Mitarbeiter zu Leitern der Sektionen und in den Gründungsvorstand berufen. Nach seinem Tod sei die Leitung der Hochschule in die kollegiale Verantwortung dieser Mitarbeiter übergegangen, die ihn bis heute als Geisteslehrer in ihrer Mitte wüssten. Daher – so muss man schließen – konnte ein Vorschlag zu einer Vorstandserweiterung oder zur »Wahl« eines Vorsitzenden, der aus einem solchen Gremium hervorging, nur als eine spirituelle Emanation des Geisteslehrers betrachtet werden, der durch das von ihm eingesetzte Kollegium bis auf weiteres hindurchwirkte.

Und so verwundert es nicht, dass Hiebel im Anschluss an diese Präliminarien ein Lebensbild Grosses zeichnete, in dem gleichsam die Vorsehung selbst ihn zu diesem Amt ausersehen hatte. Noch einmal legte Hiebel am Ende seiner Ausführungen ein Bekenntnis ab: »Rudolf Steiner ist und bleibt der Leiter der Hochschule und Geisteslehrer mitten unter uns.« Die »Vorstandsidee« existiere im Geistigen, »so unvollkommen unsere irdischen Verkörperungen auch immer dieser Idee zur Erscheinung zu verhelfen vermögen«, und der Vorstand, »der sich im Sinne der Weihnachtstagung aus seiner Mitte heraus kooptiert, … ist der Ausdruck von Kontinuität und zugleich von Fortschritt.«

Otto Fränkl-Lundborg fügte diesen Ausführungen als Vertreter der Schweizer Landesgesellschaft die erinnerswerte Bemerkung hinzu, das Amt des Vorsitzenden sei »das schwerste, weil verantwortungsvollste heute auf Erden«. In ähnlichen Lobeshymnen ergingen sich Ernst Weissert von der deutschen Landesgesellschaft und Arne Klingborg als Sprecher der Landesvertreter und Generalsekretäre.

Der auf diese Weise mit kaum zu tragender Verantwortung beladene und spirituellem Charisma aufgeladene erste Vorsitzende schritt sogleich zu seiner ersten Amtshandlung, die darin bestand, zwei neue Mitglieder für den Vorstand vorzuschlagen: den Schweizer Werner Berger und den Deutschen Hagen Biesantz.

Werner Berger (1916-1978) war – wie Grosse in seiner Vorstellung hervorhob – der bisher einzige gebürtige Dornacher, der den Weg in die Anthroposophische Gesellschaft gefunden hatte. Nach dem Besuch eines Basler Gymnasiums hatte er an der dortigen Universität Jura studiert und in diesem Fach promoviert. 1941 übernahm er die Stelle eines juristischen Sekretärs im Finanzdepartement Solothurn und schlug eine Laufbahn in der Verwaltung ein. Er beendete diese ihn offenbar nicht befriedigende Tätigkeit, um Lehrer an der kaufmännischen Berufsschule in Solothurn zu werden. 1941 heiratete er Christine Gerster. Aus der Ehe gingen drei Töchter hervor.

Durch Gespräche mit dem Maler Theodor Ganz, mit dem er Albert Steffens Moltke-Drama las, und durch Vorträge Otto Fränkl-Lundborgs kam er in Kontakt mit der Anthroposophie. Mit 34 Jahren wurde er Mitglied im C. F. Meyer-Zweig Solothurn. 1952 wurde er zum Ersatzrevisor, 1955 zum Revisor der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft bestellt. Zwischen 1953 und 1962 war er in der sozialwissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft am Goetheanum tätig, die er mit Hugo Reimann und Paul Kipfer zusammen leitete.

Das Amt des Schatzmeisters sollte er bis zu seinem Tod innehaben.

Der in Köln geborene Hagen Biesantz (1924-1996), der bei seiner Berufung erst 41 Jahre alt war, stammte aus einer Juristen- und Industriellenfamilie, die jedoch wenige Jahre nach seiner Geburt auseinanderfiel. Die Gleichschaltung erlebte der Jüngling in der Internatsschule Ilfeld im Harz. Den Eintritt in die Partei oder die SS konnte er vermeiden, indem er sich zum Dienst bei der Luftwaffe meldete. Er wurde zum Kampfpiloten ausgebildet, aber nicht mehr eingesetzt. Nach dem Krieg nahm er in Marburg ein Studium der Theologie und Religionsgeschichte auf, um bald zur klassischen Archäologie zu wechseln. 1948 heiratete er Brigitte Naumann, die vor dem Abschluss ihres Medizinstudiums stand. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor.

Bereits als Student wurde Biesantz durch Otto Franke, einen Priester der Christengemeinschaft, in die Anthroposophie eingeführt und schloss sich 1948 der Gesellschaft an. Nach Abschluss des Studiums und der Promotion (1952) führten ihn Studienreisen als Stipendiat des Deutschen Archäologischen Instituts nach Italien, England, Frankreich und Griechenland und Ausgrabungen nach Thessalien. Am Deutschen Archäologischen Institut in Athen arbeitete er als Bibliothekar. 1962 habilitierte er sich mit einer Arbeit über thessalische Grabreliefs an der Universität Mainz. 1963-66 wirkte er als Privatdozent daselbst. Seit 1963 gehörte er zum Vorstand des Arbeitszentrums Frankfurt und dem Mitarbeiterkreis der Deutschen Landesgesellschaft.

Jörgen Smit, 1916-1991

Jörgen Smit, 1916-1991

Bei der Generalversammlung kam auch ein »nordisches« Anliegen zur Sprache, das Dan Lindholm (1908-1998), Jörgen Smit (1916-1991) und Sophus Clausen (1911-1999) vorgebracht hatten. Lindholm gehörte dem Vorstand der norwegischen Landesgesellschaft an, Jörgen Smit war ihr Generalsekretär, außerdem ein Enkel des Schweizers Curt Englert-Faye, der zu den Gründern der Nachlassverwaltung gehört hatte. Clausen war ebenfalls Mitglied des norwegischen Vorstandes. Das Anliegen der skandinavischen Nachlassfreunde knüpfte an die Erklärung zur »Bücherfrage« von 1965 an und erhöhte den Druck zur pragmatischen Lösung dieser Frage beträchtlich. Es lautete: »In der Generalversammlung möge ausgesprochen und bekräftigt werden: damit der Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft die Intentionen seiner Erklärung an die Generalversammlung von Ostern 1965 tatkräftig verwirklichen kann, erwartet die Mitgliedschaft konkrete Schritte, die seitens des Vorstandes notwendig sind, um die Ziele zu erreichen, die er in der genannten Erklärung angedeutet hat.«

In der Aussprache über das Anliegen, das eigentlich ein Willensmanifest zur Unterstützung Grosses war, meldeten sich die Antragsteller, Rudolf Grosse und Clara Kreutzer zu Wort.

Lindholm wies in seinem Beitrag auf die »großen Hoffnungen« hin, die die Erklärung des Vorstandes im vergangenen Jahr geweckt habe. Das norwegische Anliegen sei nicht darauf gerichtet, alte Dinge wieder aufzurühren, sondern »neues Karma anzuspinnen«. Die »tragischen Konflikte« der Vergangenheit sollten nicht konserviert, sondern neue freie Entscheidungen ermöglicht werden.

Smit sprach vom fernen Ziel, alle Mitglieder »in der Weltgesellschaft« wieder zu vereinen. Noch immer lähmten die alten Konflikte und Probleme die positiven Leistungen der Gesellschaft. Mit Geduld und gegenseitigem Verständnis müssten die alten Unsachlichkeiten und falschen Wünsche beseitigt werden, die dem fernen Ziel entgegenstünden.

Grosse kam daraufhin auf die Bemühungen des Vorstandes im vergangenen Jahr zu sprechen, das Verhältnis zur Nachlassverwaltung zu klären. Er erwähnte den weiter oben zitierten Brief, der an Hans Zbinden versandt worden war, dessen Absicht gewesen sei, »die unabdingbare Freiheit der Hochschule wieder herzustellen und sie von jedem Einspruchsrecht zu befreien«. Clara Kreutzer und Jörgen Smit hätten inzwischen in Zürich ein Gespräch mit Hans Zbinden und anderen Angehörigen der Nachlassverwaltung geführt. Clara Kreutzer bestätigte, dass dieses Gespräch stattgefunden hatte, wollte aber von dessen Inhalt nichts preisgeben, um künftigen Entwicklungen nicht vorzugreifen.

Nicht nur bei der Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft wurde der Druck auf die Zauderer oder Bedenkenträger in der Bücherfrage erhöht. Auch die deutsche Landesgesellschaft war Schauplatz ähnlicher Vorgänge. Hier wirkte vor allem der Unternehmer Konradin Hausser darauf hin, die Mitgliedschaft auf Kurs zu bringen. Er verschickte Rundschreiben, in denen er dazu aufrief, der deutsche Vorstand solle »mit aller Entschiedenheit dafür eintreten, dass die Bücher Dr. Steiners, die im Verlag der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung herausgebracht werden, am Büchertisch des Goetheanum aufgelegt werden, unbeschadet aller sonstigen noch zu klärenden Fragen.«

Doch die Nachlassverwaltung schien alle Bemühungen um Versöhnung abzulehnen. Das zumindest konnte man einem Bericht entnehmen, den Hagen Biesantz der deutschen Landesgesellschaft im November dieses Jahres vortrug. Schon vor der Ostererklärung von 1965 habe der Vorstand versucht, Gespräche zu führen, die ohne Ergebnis geblieben seien. Er deutete den Inhalt des Briefes an, den der Vorstand an Zbinden geschrieben hatte: dieser habe den Nachlassverein gefragt, »ob er vielleicht sich jetzt bereit erklären könnte, nachdem die 30 Jahre [der ursprünglichen Schutzfrist] doch längst abgelaufen sind, wenigstens gegenüber dem Goetheanum das Werk Rudolf Steiners freizugeben, so dass wir es frei gebrauchen dürfen. Wir haben dazu gesagt, wir wollen nicht Bücher drucken und da in Konkurrenz treten, aber wir wollen es frei gebrauchen dürfen in der Wochenschrift … Wir haben dann nach einigen Monaten eine … abschlägige Antwort bekommen.«

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Fortsetzung: 1967 | Die Weihnachtstagung als ewige Aufgabe