1967: Die Verwirklichung der Weihnachtstagung als ewige Aufgabe

Rotgardisten mit Maobibel, die Inschrift zitiert den großen Vorsitzenden: »Gründlich lernen, täglich aufwärts«.

Rotgardisten mit Maobibel, gerüstet für die Kulturrevolution, die Inschrift zitiert den großen Vorsitzenden: »Gründlich lernen, täglich aufwärts«.

Mitte der 1960er Jahre beschäftigte sich die anthroposophische Bewegung nicht nur mit der »Bücherfrage«. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts nahm diese Bewegung einen bedeutenden Aufschwung. Dieser Aufschwung war auch durch die gesamtgesellschaftliche Entwicklung bedingt, durch die anthroposophische Kernthemen wie Menschenrechte, Emanzipation, Ökologie, ganzheitliche Heilweisen und Spiritualität auf die politische und kulturelle Tagesordnung gesetzt wurden. Während 1966 in China die kommunistische »Kulturrevolution« begann, der rund 20 Millionen Menschen zum Opfer fallen sollten, legten Waldorfpädagogen, anthroposophische Ärzte und Landwirte die Keime für eine friedliche kulturelle Revolution, die in den folgenden 30 Jahren aufgehen sollten. Diese Entwicklung wurde in den wenigsten Fällen von der Anthroposophischen Gesellschaft angestoßen, auch wenn sie in dieser auf vielfältige, teilweise kritische Resonanz stieß. Bereits 1963 war in Tübingen ein erstes anthroposophisches Studentenheim, das Fichte-Haus gegründet worden, 1966 folgte das Friedrich von Hardenberg-Haus in Bochum. Beide verdankten ihre Entstehung dem unermüdlichen Wirken des Priesters Diether Lauenstein (1914-1990) und des Arztes Gerhard Kienle (1923-1983), über die noch zu sprechen sein wird. Kienle sollte 1969 auch das erste anthroposophische Allgemeinkrankenhaus in Herdecke eröffnen. 1962 hob Ernst Weissert, der seit 1953 dem Bund der Freien Waldorfschulen vorstand, den 1952 aufgrund akuten Lehrermangels verhängten Gründungsstopp für diese Schulen auf und bereitete damit dem Boom von Neugründungen Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre den Weg. Am Goetheanum fanden 1966 erstmals internationale Tagungen von Waldorflehrern und Ärzten statt, die der Bildung eines gemeinsamen Bewusstseins über Landesgrenzen hinweg dienten.

Die Gesellschaftsleitung bemühte sich weiterhin darum, den Konflikt mit der Nachlassverwaltung zu lösen. Wie sich diese Bemühungen aus der Sicht der Nachlassverwaltung darstellten, geht aus einem Brief Hans Zbindens hervor, den dieser Anfang Januar 1967 an Ingo Hellmers, den Vertreter der deutschen Landesgesellschaft schrieb.

In diesem Brief unterbreitete Zbinden zwar ein weiteres Gesprächsangebot, bemerkte jedoch gleichzeitig: »dass die mangelhaften Zustände der sog. Hochschule, wie auch die chaotischen und dogmatischen Vorstellungen in den Seelen unabsehbar vieler Mitglieder, durchaus zustande gekommen sind ohne jede Mitwirkung und gegen jeden Willen von Frau Marie Steiner und ihrer Mitarbeiter, die jetzt in der Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung vereinigt sind. Das heißt also, es müssen schon die tätigsein-wollenden Mitglieder, insofern sie zu sich selbst gekommen sind, die Initiative zur Remedur in Gesellschaft und Hochschule ergreifen. Die Zustände dort sind von andern mit Energie und sehr unesoterischen Mitteln hervorgerufen worden. Indessen sind wesentliche Probleme eben durch Versagen von Gesellschaft und Hochschule und auch sonst aus fortschreitenden Entwicklungen entstanden. Diese lösen zu helfen aus der Anthroposophie Rudolf Steiners – aber nur aus ihr –, dazu bieten wir gerne die Hand von Mensch zu Mensch.« (Zitiert nach Hartmann, Witzenmann II, S. 227)

Wie konnte man die realistische Erwartung hegen, diese Position, die vom vollständigen Versagen der Hochschule und der Gesellschaft ausging, mit jener anderen auszusöhnen, die Rudolf Grosse am Palmsonntag 1967 zum Ausdruck brachte: »Wenn wir von der Weihnachtstagung sprechen, dann haben wir in ihr das essentielle, das wesenhafte Ereignis, durch welches eine Handlung vollzogen wurde, eine Tat, die nicht Lehre ist. Und diese Tat besteht darin, dass durch den Vorsitz Rudolf Steiners verbunden worden ist die anthroposophische Bewegung mit dem, was als Anthroposophische Gesellschaft auf Erden ihre Hülle ist. Es ist ein Ostersonntagsthema der Menschheit.« (NBL, 16.4.1967)

Wenn Grosse hier von »Ostersonntag« sprach, dann meinte er die Auferstehung der Menschheit durch die Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft, durch das Opfer, das Steiner mit der Übernahme des Vorsitzes und seinem bald darauf folgenden Tod erbracht hatte. Auf der einen Seite also: zunehmende Mythologisierung des Gründungsereignisses, das mit immer größerer spiritueller Bedeutung aufgeladen wurde, je mehr man sich historisch von ihm entfernte; auf der anderen Seite vollständige Entmythologisierung und Leugnung jeglicher realen geistigen Substanz. Dass diese Positionen auf ideeller Ebene nicht miteinander vermittelbar waren, ergab sich schon aus den Gesetzen der Logik – stellten sie doch einen kontradiktorischen Gegensatz dar: die Bejahung der einen Behauptung war die Negation der anderen und umgekehrt. Angesichts dieses Tatbestandes gab es im Grunde nur zwei Möglichkeiten: entweder man hielt diesen unaufhebbaren Widerspruch für alle künftigen Zeiten fest, oder man setzte die Logik durch beherztes Handeln außer Kraft. Ersteres tat Herbert Witzenmann, letzteres die übrigen Mitglieder des Vorstandes.

Dass sich der Konflikt, der sich am Bücherbeschluss vom 9. Januar 1968 entzünden sollte, bereits 1967 anbahnte, kann man aus den Verhandlungen und Redebeiträgen der Generalversammlung dieses Jahres heraushören, wenn man sie aufmerksam genug verfolgt.

Rudolf Grosse holte nämlich zu einer Art Generalangriff gegen dogmatische Positionen in der »Bücherfrage« aus, ohne die Personen namentlich zu nennen, die diese Positionen vertraten. »Vielerlei Freunde«, sagte er, zitierten immer wieder den § 8 der Prinzipien, und wiesen darauf hin, dass dieser Paragraph mit der Forderung nach dem Schutzvermerk heute nicht weniger gelte als zu Zeiten Rudolf Steiners. Man könne diese Forderung auch heute bejahen, und dennoch müsse der »Gedankengang eine Erweiterung« erfahren. Es folgte die bereits zitierte Beschwörung der Weihnachtstagung, welche die Einheit zwischen Bewegung und Gesellschaft gestiftet habe. An diese Beschwörung schloss Grosse Bemerkungen über Bestrebungen oder Haltungen an, die diese Einheit gefährden oder verhindern könnten. Unter Berufung auf die Prinzipien nannte er drei solche Bestrebungen: das Sektierertum, das die Gesellschaft ablehne, die Politik, die sie nicht als ihre Aufgabe betrachte und den Dogmatismus, den sie von sich ausschließe. »Anthroposophie«, so Grosse, über den Dogmatismus, »kann nicht zu Statuierungen von geistigen Inhalten in dogmatischer Form kommen, sondern fortwährend muss der lebendige Fluss des Denkens erhalten bleiben.« Der Anspruch auf »alleinige Rechthaberei« sei mit den Prinzipien der Gesellschaft nicht vereinbar. (Diesen Anspruch dürfte kaum jemand in der Geschichte der Gesellschaft jemals erhoben haben. Der Versprecher ist allerdings vielsagend, auch dass er im Bericht nicht korrigiert wurde).

Es komme, so Grosse, nicht nur darauf an, dass man »richtige« Gedanken habe, sondern auch darauf, dass in den Gedanken, die man äußere, der ganze Mensch zur Erscheinung komme. »Man wird dann nicht sagen, das ist falsch gedacht und nur das ist richtig gedacht, sondern man wird zusammen das Bemühen finden müssen, wie man gemeinsam zu einem Erarbeiten von Menschengedanken kommen kann.« Seine Erfahrung aus den Gesprächen mit der Nachlassverwaltung habe ihn gelehrt, dass der zugrunde liegende Konflikt nicht lösbar sei. Und doch könne die Lösung gelingen, wenn man sie auf dem Gebiet des freien Geisteslebens, unabhängig von Rechts- oder Wirtschaftsfragen suche. Voraussetzung dafür sei allerdings die Anerkennung der Tatsache, dass die Lösung dieser »unlösbaren Frage« einen Wandlungsprozess unter allen Beteiligten voraussetze.

Binnen eines Jahres sollte die Lösung eintreten, allerdings nicht auf dem Gebiet des »freien Geisteslebens«, sondern unter Ausklammerung aller geistigen Fragen auf rein wirtschaftlichem Gebiet.

Im weiteren Verlauf der Versammlung berichteten Herbert Witzenmann und Hagen Biesantz von erneuten Gesprächen, die sie mit Vertretern der Nachlassverwaltung geführt hatten, ohne etwas vom Inhalt dieser Gespräche mitzuteilen, über den einmal mehr der Mantel der Vertraulichkeit gebreitet wurde.

Witzenmann sprach über die Gesinnung, in der die Gespräche geführt worden waren und über ihre Voraussetzungen, da er über deren Ergebnisse – abgesehen davon, dass sie fortgesetzt werden sollten – wegen der vereinbarten Vertraulichkeit nichts mitteilen durfte. Über seine eigene Haltung sagte er: »In diesem inneren Vertrauen in die Kraft der Gelassenheit sind wir … in das Gespräch hineingegangen: das Opfer wird uns tragen, die Gegenwart des Vorstandes als einer spirituellen Körperschaft wird über uns sein, und die drei großen Positivitäten, Bau der Hochschule, Suchen nach einem gemeinsamen Sprachquell, Bereitschaft, die Willensimpulse zusammenzuführen – das wird uns helfen.« Er versäumte nicht, auf drei im »Nachrichtenblatt« erschienene Veröffentlichungen hinzuweisen, die den Dialog erschwert hätten. Namentlich nannte er einen Aufsatz Grosses zum hundertsten Geburtstag Marie Steiners, die Ansprache von Hagen Biesantz bei der Jahrestagung der deutschen Landesgesellschaft in Düsseldorf und einen Aufsatz von Friedrich Kempter (Kempter war seit 1963 Präsident der Albert Steffen Stiftung und seit 1965 Generalsekretär der deutschen Landesgesellschaft). Damit griff er indirekt den Vorsitzenden der Gesellschaft, einen weiteren Vorstandskollegen und den Generalsekretär der größten Landesgesellschaft an. Was genau »die Vertreter der Nachlassverwaltung« an diesen Artikeln gestört hatte, konnte er natürlich auch nicht öffentlich mitteilen.

Trotzdem erhoffte er sich von der Fortsetzung der Gespräche unter anderem eine Erörterung der Frage: »In welcher Gestalt zeichnet sich die Hochschule als ein geistiges Urbild vor unseren Blicken ab? Nicht als etwas, was bereits im Physischen erreicht oder nicht erreicht wäre, sondern als eine ewige spirituelle Aufgabe.« Zwar lasse sich dieses Bild nicht in eine fertige Form pressen, aber andererseits lägen von Steiner »klare und strenge, grundrissartige Äußerungen« über die Lebensbedingungen dieser Hochschule vor. »Und aus diesen Grundrissen«, so Witzenmann weiter, »erhebt sich in einer wunderbaren Mannigfaltigkeit das individuelle Wahrbild eines Geistbaues, das jeder in sich selbst jederzeit vollziehen muss, und das sich in ihm in einer ständigen Verwandlung vollzieht. Diese wachstümlichen Wahrbilder sind beweglich, sie stellen keinen Status dar, aber gerade in ihrer Verschiedenheit … müsste sich der Zusammenhang offenbaren. Und das Suchen nach einem solchen Zusammenklang bei den natürlich zu erwartenden Differenzen und Divergenzen« wäre anzustreben. »Findet sich innerhalb dieser Divergenzen ein gemeinsamer Ausgangspunkt für ein gemeinsames Wirken am Bau des geistigen Goetheanum?«

Hagen Biesantz sprach von zwei Bewusstseinsformen: der Haltung der Verstandesseele, die andersartige Überzeugungen nicht gelten lassen könne, sondern moralisch abwerte, und der Haltung der Bewusstseinsseele, die in das Denken des Anderen eintauche, um dadurch für das Geistige, das in ihm lebe, zu erwachen. »Man kann erleben, dass dort, wo die Verstandesseele Urteil gegen Urteil stellt, sofort die Gefahr da ist, den anderen deswegen zu verurteilen, weil er nichts anderes tut, als einen anderen Gedankengang zu denken und diesen für wahr hält … Man kann dessen Herr werden, indem man die moralische Gegenbewegung macht, die der Bewusstseinsseelen-Möglichkeit entspricht: dass man nämlich sein ganzes Bewusstsein darauf anwendet, nicht dem Urteil, das der andere ausspricht, sofort das eigene innerlich entgegenzusetzen, sondern dass ich die Bewusstseinskraft … verwende, um mit erhöhtem Bewusstsein anzuhören, was der andere Mensch sagt.«

Später entspann sich auf der Generalversammlung ein Geplänkel um einige Anträge, die der Unternehmer Willi Kux (1902-1976) vorgebracht hatte. Der Vorstand drängte Kux dazu, diese Anträge in Anliegen umzuwandeln, um auf diese Weise eine Abstimmung über sie zu umgehen. Kux wollte Beschlüsse der Versammlung herbeiführen, die den Wiederabdruck von Vorträgen Steiners in der Wochenschrift und die Aufhebung der Inseratensperre für die von der Nachlassverwaltung herausgegebenen Bücher ermöglichten. Der Vorstand wollte über diese Fragen lediglich eine »freie Aussprache«, jedoch keine Abstimmung. Werner Berger brachte zur Begründung dieses Ansinnens ein inzwischen sattsam bekanntes Argument vor: der Vorstand sei kein Exekutiv-, sondern ein Initiativorgan der Gesellschaft, das durch Beschlüsse der Generalversammlung nicht dazu gezwungen werden könne, Angelegenheiten des freien Geisteslebens in ihrem Sinne zu gestalten. Kux hielt diesem Argument schlagfertig entgegen, die Gesellschaft sei eben auch eine Initiativ-Gesellschaft. Grosse drohte daraufhin mit einem Antrag auf Nichteintreten in die Debatte, was Kux schließlich dazu bewog, seine Anträge in Anliegen umzuwandeln. Am Ende der Versammlung kam es tatsächlich zu einer Aussprache über die von Kux vorgebrachten Anliegen, in der Kux darauf hinwies, dass auch im Philosophisch-Anthroposophischen Verlag Werke Steiners ohne Schutzvermerk erschienen, was niemand anstößig finde. Es sei deshalb nicht nachzuvollziehen, warum das Fehlen eines solchen ein Hinderungsgrund für den Verkauf der betreffenden Bücher im Goetheanum sei. Ernst Weissert betonte noch einmal, die Generalversammlung habe kein Recht, dem Vorstand durch Beschlüsse in geistigen Angelegenheiten Aufträge zu erteilen.

Wie nicht anders zu erwarten, führten die weiteren Gesprächskontakte von Biesantz und Witzenmann mit der Nachlassverwaltung zu nichts und daher kann die Mitteilung, diese Begegnungen zu beenden, die im Juli 1967 von seiten Hans Zbindens erfolgte, nicht überraschen. Wie bereits bemerkt, war eine Vermittlung des kontradiktorischen Gegensatzes auf ideeller Ebene nicht möglich. Die Gesellschaft, in diesem Fall Witzenmann, hätte entweder die Position der Nachlassverwaltung übernehmen müssen oder umgekehrt. Eine Vermittlung schien aber auf einer anderen Ebene, mit anderen Gesprächspartnern erreichbar. Aufgrund der vorherrschenden Tendenz stand Witzenmann im Vorstand zunehmend allein. Man drängte ihn, sich dem Prinzip der Einmütigkeit zu unterwerfen, ansonsten müssten Fragen, in denen keine Einigkeit erzielt werde, durch Abstimmungen entschieden werden, bei denen der Vorsitzende zwei Stimmen abgeben könne (dem Vorstand gehörten damals sechs Personen an).

Ende Juni notierte Witzenmann in sein Tagebuch: »In der Nachlass- und sog. Bücherfrage erlebe ich immer neue Enttäuschungen. Grosse ist fest entschlossen, hauptsächlich wohl deshalb, weil es die Mehrheit will. Hiebel, weil er mit Grosse gehen und keine ihm sinnlos erscheinenden Schwierigkeiten auf sich nehmen will. Kirchner-Bockholt setzt rein diplomatisch ihren Einsatz ein. Biesantz ist sehr verschiedenen Einflüssen zugänglich und von der Wahl seiner Anhängerschaft beeindruckt. Berger fühlt sich nicht stark genug und ist in einer wirtschaftlich schwierigen Lage, wenn er sein Vorstandsamt niederlegen muss. Ich stehe allein.« (Hartmann, Witzenmann II, S. 149).

Haus Duldeck, für Jahrzehnte Sitz der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung

Haus Duldeck, für Jahrzehnte Sitz der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung

Aus dieser Zeit stammt eine längere Aufzeichnung Witzenmanns, in der er auf seine unnachahmliche Weise den Kern der Problemstellungen zusammenfasst. Sie beschäftigt sich mit vier untereinander zusammenhängenden Fragenkomplexen und verdeutlicht sein Selbstverständnis kurz vor der Verabschiedung des Bücherbeschlusses im Januar 1968. Die vier Problemfelder sind: 1. Bewegung und Gesellschaft, 2. Marie Steiner und das Problem, 3. Der Nachlassverein, 4. Aufgabe und Verantwortung des Vorstandes.

»1. Die Vereinigung von Bewegung und Gesellschaft in der Weihnachtstagung krönt das Werk Rudolf Steiners. Diese Vereinigung war aber von Beginn an in seiner Aufgabe veranlagt. Sie hätte wohl auch in anderer Gestalt und in anderem Zusammenhang zum Ausdruck kommen können.Der eigentliche Gehalt dieser Vereinigung ist die Verbindung des lebendigen Wesens Anthroposophie mit einer Art von physischem Leibe. Dieser Aufgabe diente das Werk Rudolf Steiners von seinem Beginn an. Der physische Leib kann nur eine freie Vereinigung von Menschen sein. Dies bedeutet, dass Erkenntnisfreunde den Weg der Geistesschülerschaft einschlagen, dass die ganz individuell Strebenden sich gegenseitig selbstlos in ihren völlig selbständigen Bemühungen fördern und sich gerade dadurch in dem übereinstimmenden Ziele eines einheitlichen Bewusstseins finden. Dadurch können sie gemeinsam und aus individueller Selbständigkeit Träger eines überindividuellen Bewusstseins werden.

Nachdem Rudolf Steiner seine letzte Inkarnation vollendet hatte, zweifelten viele, unter ihnen Marie Steiner, daran, dass diese Aufgabe von Rudolf Steiners Schülern weitergeführt werden könne. Als Merkmal für die Verwirklichung der Kulturaufgabe unserer Zeit wird also die physische Inkarnation des großen Eingeweihten, also ein physisches Merkmal angenommen. Demgemäß wird weiter angenommen, dass die Verwirklichung jener Aufgabe bis zu seinem Wiedererscheinen ruhen müsse und seinen Nachfolgern nur die Verwaltung des von ihm hinterlassenen Erbes verbleibe.«Gegen dieses Argument könnte man einwenden, Witzenmann selbst habe im vorangehenden Absatz eine Idee (das »lebendige Wesen der Anthroposophie«) mit einem physischen Merkmal (»einer Art physischem Leib«) verbunden. Der einzige Unterschied bestand darin, dass sich dieses physische Merkmal in seinem Gedankengang in einer »freien Vereinigung von Menschen« vervielfältigt hatte. Das Problem Marie Steiners war nicht, dass sie die Verbindung der Idee mit einem physischen Merkmal – dem inkarnierten Eingeweihten – zur conditio sine qua non erklärte, sondern dass sie die Verwirklichung dieser Idee in der Gemeinschaft der Vielen verneinte. Witzenmann fuhr fort:

»3. Demgegenüber muss betont werden, dass Rudolf Steiner in der Verwirklichung des Impulses der Weihnachtstagung eine ewige (wohl bis ans Erdenende gültige) Aufgabe gesehen hat. Es handelt sich doch wohl um eine zeitgeschichtliche Metamorphose der Vorgänge zur Zeit des Mysteriums von Golgatha. Rudolf Steiner hat eine neue Taufe vollbracht, er ist der Täufer, der die Anthroposophische Gesellschaft mit dem Geist der Bewegung getauft hat. Zu dieser Taufe bedarf es seiner Schüler. Diese sind also Mitträger seiner Aufgabe.«Ob die »Verwirklichung des Impulses der Weihnachtstagung« tatsächlich als »zeitgeschichtliche Metamorphose der Vorgänge zur Zeit des Mysteriums von Golgatha« betrachtet und Steiner die Rolle eines neuen Johannes zugeschrieben werden kann, sei dahingestellt. Fraglich ist jedoch, ob man Steiner die Ansicht unterstellen kann, die Verwirklichung der Weihnachtstagung sei eine »ewige Aufgabe«. Die logische Konsequenz einer ewigen Aufgabe ist die ewige Existenz einer Gesellschaft, deren Zweck diese Verwirklichung ist. Das metaphysische Postulat einer ewigen Existenz der Anthroposophischen Gesellschaft wird durch keine bekannte Äußerung Steiners abgedeckt. Immerhin ist auch denkbar, dass »die Mitträger« dieser Aufgabe an ihrer Verwirklichung scheitern. Was für einen Status erlangt eine Gesellschaft, die bei der Verwirklichung einer »ewigen Aufgabe« scheitert? Und wie soll man sich über Scheitern oder Gelingen ein Urteil bilden? Ohne entsprechende Kriterien ist ein solches Urteil nicht möglich. Witzenmann wendet sich daher dieser Frage zu. Es fällt ihm leichter, negative Kriterien (solche des Scheiterns) zu finden, als solche des Gelingens.

»4. Es ist klar, dass man auch dann, wenn man hierin übereinstimmt, sich immer wieder leicht veruneinigen wird, sobald man fragt, an welchen Merkmalen man erkenne, dass eine Handlung der Verwirklichung der Weihnachtstagung diene. Dieser Frage kann man in der Tat nicht ausweichen. Sobald man sie stellt, erkennt man aber auch die Schwierigkeiten ihrer Beantwortung.

Es zeigt sich bald, dass sich negative Merkmale leichter anführen lassen als positive Bestimmungen. Die negativen Merkmale findet man, wenn man sich darauf besinnt, woraus schon zu Rudolf Steiners Lebzeiten die größten Schwierigkeiten erwuchsen:

Rudolf Steiner hat in dieser Hinsicht immer wieder auf zwei Erscheinungsformen des Versagens hingewiesen, deren typische Bedeutung kaum zu übersehen ist:

a.) das Hereintragen von Methoden, Anschauungen und Lebensformen der Außenwelt in den Aufgabenbereich der Anthroposophischen Gesellschaft und vor allem der Hochschule; in diesem Zusammenhang hat Rudolf Steiner mit großem Nachdruck auf das Abwegige hingewiesen, Methoden der äußeren Wissenschaft in wissenschaftlichen Bestrebungen auf anthroposophischem Gebiet anzuwenden.

b.) die mangelnde Bereitschaft und der mangelnde Mut, für die Anthroposophie vor der Außenwelt einzutreten, wobei vielleicht den Vorrang das Eintreten für die Integrität ihrer führenden Persönlichkeiten hat; daher hat Rudolf Steiner immer mit einem ungewöhnlichen Maß dankbarer Zustimmung jener gedacht, die sich mutig für ihn einsetzten (Werbeck). Dies hatte gewiss keine persönlichen Gründe.

Vielleicht muss man hier der Bemerkung in ›Wie erlangt man … ?‹ gedenken, dass für die Entwicklung des Geistesschülers die Erkenntnis des Wesens der Eingeweihten von besonderer Bedeutung ist. Diese Erkenntnis ermöglicht nämlich allein die Verwirklichung ihrer Aufgabe, die Verkörperung eines geistigen Wesens. Damit diese gelingen kann, ist die Bildung eines einheitlichen Bewusstseins im zuvor angedeuteten Sinne nötig. Solche Bewusstseinsbildung wird aber durch Verbindung mit dem Wesen des Eingeweihten erlangt. Indem solche Bewusstseinsbildung die Verkörperung des geistigen Wesens vermittelt, das durch den Eingeweihten eine neue Kultur begründen will, bedeutet sie nicht nur einen Fortschritt für den Geistesschüler, sondern auch einen solchen in der Verwirklichung der Aufgabe des Eingeweihten. Daher die eigentliche Bewegung, die wir stets in seinem Tonfall bemerken; wenn er eines Vorgangs gedenken kann, der solcher Bewusstseinsbildung dient.

Dieser beiden Merkmale, die uns erkennen lassen, wohin die Abwege führen, sollten wir auch im Hinblick auf das Bücherproblem gedenken.« (Zitiert nach Hartmann, Witzenmann II, S. 150-151).

Witzenmann nennt also zwei Kriterien des Scheiterns: 1. die Übertragung von Methoden, Anschauungen und Lebensformen der Außenwelt in den Aufgabenbereich der Hochschule, 2. den mangelnden Mut, für die Anthroposophie vor der Außenwelt einzutreten. Daraus lassen sich zwei Kriterien des Gelingens ableiten: 1. die Anwendung genuin geisteswissenschaftlicher Methoden im Bereich der Hochschule, 2. das mutige Eintreten für das Werk Rudolf Steiners vor der Außenwelt. Wie aber lassen sich diese Kriterien auf die unterschiedlichen Positionen in der »Bücherfrage« anwenden? Sollte er tatsächlich geglaubt haben, die von Rudolf Steiner berufene Verwalterin und Herausgeberin seines Werkes, die 17 Jahre unter seiner wohlwollenden Aufsicht diese Aufgabe wahrnahm (von der Gründung des Philosophisch-Theosophischen Verlags 1908 bis zu seinem Tod 1925) hätte mit der Hochschule unvereinbare Methoden in diese hineingetragen? Oder es hätte ihr am nötigen Mut gefehlt, sich für die Anthroposophie gegenüber der Öffentlichkeit einzusetzen? Und mussten nicht alle, die anderer Auffassung waren als Witzenmann, ebenfalls von diesem Vorwurf betroffen sein? Brachte er damit nicht implizit zum Ausdruck, dass er der einzige legitime Vertreter genuin geisteswissenschaftlicher Methoden innerhalb des Vorstandes war?

Eine weitere Stellungnahme Witzenmanns vom November 1967 ist in diesem Zusammenhang von Interesse. Rudolf Grosse hatte im Oktober an die Funktionäre der Gesellschaft eine Einladung zu einem Gespräch über die Bücherfrage versandt, das im November in Dornach stattfinden sollte. Dazu hatte er eine Reihe von Fragen formuliert, die bei dieser Zusammenkunft diskutiert werden sollten. Witzenmann notierte seine Antworten zu diesen Fragen. Seine Antworten machen deutlich, wie sich seine Argumentation seit dem Sommer dieses Jahres weiter entwickelt hatte. Sie zeigen aber auch, dass sich seine Ansichten im Kern nicht verändert hatten. Im Folgenden greife ich die wesentlichen Überlegungen heraus. Grosse hatte gefragt:

»3. Was ist der reale Kern der sog. Bücherfrage und welches sind nur sekundäre Probleme?

4. Was an dem Nachlass-Konflikt ist bleibend und was an ihm ist überholt?«

Dazu Witzenmann: »Das bleibend mit der sog. Bücherfrage verbundene Problem betrifft die spirituelle Kontinuität und das Fortwirken Rudolf Steiners unter seinen Schülern und in der heutigen Welt, auch nachdem er physisch nicht mehr unter uns weilt. Der Nachlassverein hat durch Wort und Tat vielfach zum Ausdruck gebracht, dass er als Institution wie auch im einzelnen Akt die Unvergänglichkeit dieses Fortwirkens und die Kontinuität des geistigen Lebensstroms, der ›anthroposophischen Bewegung‹ leugnet.«

Die »spirituelle Kontinuität«, das »Fortwirken Rudolf Steiners unter seinen Schülern«, die »Kontinuität des geistigen Lebensstroms«: noch nie in der Geschichte der anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft hatte jemand so deutlich und präzise die Wurzelfrage der Gesellschaftsexistenz, ja jeder spirituellen Bewegung, benannt. Sind die Entscheidungen der Konzile durch den Heiligen Geist inspiriert? Ist der Papst der Stellvertreter Christi auf Erden und der höchste Brückenbauer zwischen Gott und der Menschheit? Ist das Charisma des Eingeweihten auf einen seiner Schüler oder auf die Gesellschaft als Ganzes übergangen? Die Antwort auf diese Frage ergibt sich aus der Logik der Konstitution der Gesellschaft. Da der Eingeweihte keinen Nachfolger benannt hatte, konnte sein Charisma nicht auf einen einzelnen Schüler übergegangen sein. Da auch der Vorsitzende der Gesellschaft nicht aufgrund seines Amtes zum legitimen Träger dieses Charismas wurde, konnte nur die Gesellschaft als Ganze die Trägerin dieses Charismas sein (wenn die Gesellschaft nicht ihre Daseinsberechtigung verlieren wollte). Daraus ergab sich das Postulat ihrer ewigen Existenz. Durch das »Taufereignis« der Weihnachtstagung war die Gesellschaft zum »Schatzhaus des Heils«, zum »thesaurus gratiae«, zum mystischen Leib des lebendigen Wesens der Anthroposophie geworden. Wer in sie eintrat, konnte in den Genuss dieses Heils gelangen, wer aus ihr ausgeschlossen wurde, verlor seine spirituelle Integrität. Die Gesellschaft als Institution verwaltet seit dem Taufereignis das mit ihr verschmolzene Heilsgut, keine einzelne Person kann daher der exklusive Träger des Charismas sein. Die Geschichte der Gesellschaft nach dem Tod Rudolf Steiners zeigt, dass sie den Anspruch Einzelner, Träger des Charismas zu sein, stets als illegitime Selbstermächtigung zurückgewiesen und die betreffenden Personen ausgesondert hat. Sie sollte auch Witzenmann aussondern, der sich durch sein Urteil gegen den Rest der kollektiven Führung stellte, gleichzeitig sollte sie aber Teile seiner Ideen beerben.

Die Leugnung der spirituellen Kontinuität durch den Nachlassverein, so Witzenmann weiter, »geschieht durch ihn in einem viel entscheidenderen Maße, als es seinen Mitgliedern bekannt sein kann. Jener geistige Lebensstrom tritt aus der übersinnlichen in die sinnliche Welt nur durch die Brunnenfassung freier Willensentschlüsse ein. Seine Verleugnung, die z. B. darin zum Ausdruck kommt, wie die Bucheditionen des Nachlassvereins in das soziale Leben hineingestellt werden, kann also, mag dies auch paradox klingen und nicht bewusst beabsichtigt sein, zur Ablenkung jenes Stromes aus der Richtung führen, welche durch die uns bekannten Absichten Rudolf Steiners bezeichnet wird.

In den Schwierigkeiten, vor die sich Viele angesichts dieser Tatsache gestellt sehen mögen, hat Rudolf Steiners Wort, dass der Buchdruck durch heilige Gesinnung geadelt werden müsse, eine heilende, die Seelenprüfung lösende Kraft. Demgegenüber sind die Fragen, ob und wie innerhalb des Goetheanums Bücher verkauft werden sollen, als zweitrangig, wenn nicht überhaupt als überholt zu betrachten. Die Mitgliedschaft wird sich angesichts dieser Fragen selbst fragen wollen, ob sie nicht in jenen Bereich gehören, innerhalb dessen die Goetheanumleitung frei zu entscheiden hat. Freilich darf die Mitgliedschaft erwarten, dass die Goetheanumleitung nicht in einer Weise entscheiden werde, durch die ihre eigene Existenz als Schützer der spirituellen Kontinuität aufgehoben würde. Dabei ist die Lokalisation des Buchverkaufs keine wesentliche Frage. Wesentlich aber ist die Frage, was geschehen müsse, damit der Grundstein des physischen Goetheanums mit dem Wesensgrund des geistigen Goetheanums verbunden bleibe.«

Witzenmann scheint also tatsächlich der Auffassung gewesen zu sein, die Existenz der Freien Hochschule hinge vom Eindruck des Büchervermerks in die Werke Rudolf Steiners ab. Damit stellte er ein drittes Kriterium des Gelingens auf, von dem bis anhin nicht die Rede war und das sich nicht unmittelbar aus den beiden zuvor genannten Kriterien ableiten lässt. Die Frage, ob die Art der Edition der Werke Rudolf Steiners durch die Nachlassverwaltung – abgesehen vom fehlenden Büchervermerk – geisteswissenschaftlich im Sinne der Anthroposophie war, warf er gar nicht auf. Dieses dritte Kriterium ist sachfremd. Das wird deutlich, wenn man bedenkt, dass sämtliche Schriften Steiners, die zu seinen Lebzeiten publiziert wurden, keinerlei Hochschulvermerk trugen. Das gilt auch für die zu seinen Lebzeiten publizierten Vortragsreihen. Noch deutlicher wird dies, wenn man ein im Folgenden von Witzenmann vorgebrachtes Argument mit einbezieht, dass nämlich »der Ablauf der Schutzfrist (der nach dem Willen Rudolf Steiners bereits eingetreten ist) eine Erneuerung des Hochschulvermerks, dessen äußere Form überholt« sei, »durch das spirituelle Tun« der Mitgliedschaft verlange. Wenn es also auch nach Witzenmanns Auffassung nicht einmal mehr auf das formale Kriterium ankam, ob das publizierte Vortragswerk den Schutzvermerk enthielt oder nicht, was konnte dann noch an diesen Publikationen den Bestand der Hochschule gefährden?

»6. Welchen Sinn hat der Hochschul-Vermerk in den Zyklen: a) gilt er zum Schutz Rudolf Steiners vor den unkorrigierten Nachschriften b) oder liegt ihm ein weitergehender spiritueller Wert, zeitlich unbegrenzt, zu Grunde?«

Dazu Witzenmann: »Der Hochschul-Vermerk gilt auch dem Schutz gegen unberechtigte Nachschriften. Er umfasst aber einen weit größeren Bereich. Er will das Bewusstsein der Verantwortlichen dafür wach halten und auch die Aufmerksamkeit der zunächst keine Verantwortung Tragenden dafür allmählich wecken, dass das Werk Rudolf Steiners, aber auch dessen Empfänger in der heutigen Welt in mehrfachem Sinne eines Schutzes bedürfen. Dieser kann kein juristischer, sondern nur ein spiritueller sein …

Wir vernehmen vielleicht noch nicht den wahren Namen der erhabenen Individualität, die uns mit der Mahnung ansprechen will, das Geistesgut, das sie uns anvertraut hat, in ihrem Namen zu hüten, nähern uns aber diesem Vernehmen, wenn wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten, dass eine der größten Geistestaten und Opferhandlungen Rudolf Steiners die Vereinigung der spirituellen Bewegung und der irdischen Gemeinschaft ist. Dies ist die Täufer-Tat in jener Gestalt, wie sie in unserer Zeit vollbracht werden kann.

Die Täufer-Tat ist das Schöpfen aus dem geistigen Lebensstrom der anthroposophischen Bewegung, die Schale ist das gemeinsame Bewusstsein der sich in individuellem Erkennen zu freier Gemeinschaft verbindenden Geistesschüler und Schicksalsliebhaber. Die Taufe ist die Treue zu diesem Verbindungsereignis, angesichts dessen sich das Erbe der Vergangenheit und die Freiheit der Zukunft scheiden.

Der aus dem Täufer-Impuls entspringende Schutz, der jedoch nur in einem spirituellen Tun wirksam und verwirklicht werden kann, konnte im Hochschulvermerk so lange ein äußeres Zeichen erhalten, als das literarische Werk Rudolf Steiners nach seinen bekannten Absichten und im Sinne der Weihnachtstagung allein vom philosophisch-anthroposophischen Verlag ediert wurde.

Die veränderten Verhältnisse und der Ablauf der Schutzfrist (der nach dem Willen Rudolf Steiners bereits eingetreten ist) fordern eine Erneuerung des Hochschulvermerks, dessen äußere Form überholt ist, in unserem spirituellen Tun. Ein solches Tun wird nunmehr einen physisch unsichtbaren, rein geistigen Schirm über das Werk Rudolf Steiners breiten, d, h. diesem Werk die reale Geistsubstanz des Fortwirkens des großen Lehrers unter uns mitgeben müssen, die der Nachlass-Verein als einen Impuls gemeinschaftsbildender Kontinuität und den Raum individueller Freiheit öffnenden Heldentums bewusst und unbewusst leugnet. Das spirituelle Tun freier Menschen wird wirken, mag sich ihm auch die Mutlosigkeit des Zweifels entgegenstellen. Dabei handelt es sich gewiss nicht darum, Rudolf Steiner oder sein Werk mit unseren schwachen Kräften zu schützen, vielmehr darum, Rudolf Steiners großem Opfer in unserem in Treue gemeinsamen Bewusstsein den Acker zu bereiten, in welchem seine Saat aufgehen kann.« (Zitiert nach Hartmann, Witzenmann II, S. 156-158)

Wenn man die Äußerungen Grosses und Witzenmanns über die Weihnachtstagung miteinander vergleicht, wird man leicht zur Einsicht gelangen, dass ihre Auffassungen nicht sonderlich voneinander abwichen. Grosse hatte bei der Generalversammlung 1967 gesagt: Wenn wir von der Weihnachtstagung sprechen, dann haben wir in ihr das essentielle, das wesenhafte Ereignis, durch welches eine Handlung vollzogen wurde, eine Tat, die nicht Lehre ist.Es ist ein Ostersonntagsthema der Menschheit.« Und er hatte hinzugefügt: »Aber man muss erkennen, dass diese Einheit nicht ein Status oder ein Bleibendes geworden ist.« In seinen Notaten zu Grosses 14 Fragen hatte Witzenmann geschrieben, Rudolf Steiner habe »in der Verwirklichung des Impulses der Weihnachtstagung eine ewige … Aufgabe gesehen … Es handelt sich … um eine zeitgeschichtliche Metamorphose der Vorgänge zur Zeit des Mysteriums von Golgatha. Rudolf Steiner hat eine neue Taufe vollbracht, er ist der Täufer, der die Anthroposophische Gesellschaft mit dem Geist der Bewegung getauft hat.«

Grosse zweifelte ebensowenig wie Witzenmann daran, dass der »Vorstandsgedanke« eine spirituelle Realität darstellte, die fortwährend einer neuen Verwirklichung bedurfte, hatte er doch 1966 diesen Vorstand – wenn auch ungeschickt – als »unvergängliches Gut« bezeichnet und dessen Wesen in die Initiative gesetzt. Schließlich hatte auch Grosse immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass der Wegfall des Schutzvermerkes in den Publikationen der Nachlassverwaltung die Notwendigkeit nach sich ziehe, das Werk Rudolf Steiners durch eine entsprechende spirituelle Vertiefung zu schützen, die nur von der Gesellschaft und der Hochschule vollbracht werden könne. Nichts anderes dürfte er gemeint haben, wenn er davon sprach, man müsse die Bücher Steiners »geistig« ins Goetheanum »zurückholen«.

Und doch zogen beide aus diesen gleichgearteten Überzeugungen entgegengesetzte Schlüsse. Warum?

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