1968: Ein Tag von weltgeschichtlich negativer Bedeutung

Bücherbeschluss, erschienen im Mitteilungsblatt der Anthroposophischen Gesellschaft am 14. Januar 1968

Bücherbeschluss, erschienen im Mitteilungsblatt der Anthroposophischen Gesellschaft am 14. Januar 1968

Am 14. Januar 1968 erschien im »Nachrichtenblatt« der Anthroposophischen Gesellschaft folgende Mitteilung: »Der Bücherverkauf am Goetheanum wird in Zukunft auch die durch die Nachlassverwaltung herausgegebenen Werke Rudolf Steiners in den Verkauf aufnehmen. Dieser Beschluss beendet einen seit vielen Jahren bestehenden, den Mitgliedern in seiner Verursachung bekannten Zustand. Dadurch werden Kräfte frei, die für die Weiterentwicklung der Anthroposophischen Gesellschaft und ganz besonders für die Verwirklichung der Hochschule eingesetzt werden können. Der Vorstand am Goetheanum. (Herr Herbert Witzenmann konnte diesem Beschluss nicht zustimmen.)«

Die Mitteilung ist nicht nur sprachlich schlecht formuliert. Sie liefert auch eine sonderbare Rechtfertigung des bekanntgegebenen Beschlusses. Ist es vorstellbar, dass durch den Verkauf von Büchern »Kräfte frei werden«, die fortan für die Weiterentwicklung von Gesellschaft und Hochschule eingesetzt werden können? Um was für Kräfte soll es sich dabei handeln?

Die Mitteilung ist außerdem vom »Vorstand am Goetheanum« unterzeichnet, obwohl Witzenmann, wie der Klammerzusatz besagt, dem Beschluss gar nicht zugestimmt hatte. Ernst Reinl, ein enger Vertrauter Witzenmanns schrieb daher auch Ende Januar an die Unterzeichner: »Durch diese geist-widerrechtliche Usurpation haben sich fünf Persönlichkeiten aus dem spirituellen Organismus des Vorstandes am Goetheanum herausgesondert und werden es bis zur Wiedergutmachung bleiben.« Mit anderen Worten: dieser »spirituelle Organismus« bestand in Reinls Augen nur noch aus dem einzig verbliebenen legitimen Vorstandsmitglied, dessen Partei er ergriff, dieses eine Mitglied war der alleinige Träger des spirituellen Stroms der »lebendigen Anthroposophie«.

Die Entscheidung, die das »Nachrichtenblatt« bekanntgab, war am 9. Januar 1968 in Anwesenheit Herbert Witzenmanns gefällt worden. Der inzwischen 63jährige hielt seine Eindrücke von der besagten Sitzung in den düstersten Farben fest:

»9.1.1968. – Tag von weltgeschichtlicher negativer Bedeutung: ›Beschluss‹ gegen mich, die Editionen des Nachlassvereins hereinzunehmen. Vorgeschichte: Biesantz von Grosse, Berger von Biesantz gegen mich vergiftet. Vergiftungsmachenschaften von Biesantz vielerorts bemerklich, mir besonders deutlich an Thetter. Betörungsversuche von Kirchner und Deventer an Bleiker [Madeleine van Deventer und Hans Bleiker gehörten der Leitung der Medizinischen Sektion an]. 30. und 31.12.1967, Sitzung mit Generalsekretären und Landesvertretern. Börnsen: ›das Beste daraus machen‹, Thetter: ›mittragen‹. [Hans Börnsen war seit 1965 Generalsekretär der deutschen Landesgesellschaft, Thetter österreichischer Generalsekretär]. David und Fränkl besonders kläglich [Kurt Franz David war Sekretär des Vorstandes, Otto Fränkl Schweizer Generalsekretär]. Grosse wie stets unwahrhaftig. Berger betäubt. Lievegoed angreifend. Weissert vermittelnd und teilnehmend. Hiebel pedantisch illusionär. Die Übrigen betäubt … Allein Koller [Rudolf Koller war Arzt in Zürich] energisch, aber vielleicht etwas unelastisch protestierend. – Auf meine Darstellung dezenter Hohn …«

Angesichts der weltgeschichtlich bedeutsamen Ereignisse, von denen das Jahr 1968 geradezu überquellen sollte, möge man diese nun negativ oder positiv bewerten, scheint diese Tagebuchnotiz doch eine extrem subjektive Perspektive widerzuspiegeln. 1968 sollte nicht nur das Jahr sein, in dem die Aktionen der weltweiten Studenten- und Bürgerrechtsbewegungen kulminierten, das Jahr der Proteste gegen den Vietnamkrieg, der Ermordung Martin Luther Kings, der Pariser Mai-Unruhen, der Notstandsgesetze und der außerparlamentarischen Opposition in Deutschland, des Prager Frühlings und des Einmarsches der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei, der polnischen Märzunruhen, der Studentenproteste in Mexiko, sondern auch das Jahr der Tet-Offensive, des Massakers von Mi Lai und der Hungerkatastrophe in Biafra. In diesem Jahr unterzeichnete Lyndon B. Johnson den »Civil Rights Act« und leitete den Friedensprozess in Vietnam ein, wurde Richard Nixon zum 37. Präsidenten der USA gewählt, verkündete Leonid Breschnew die nach ihm benannte Doktrin, wurde Robert F. Kennedy ermordet und der deutsche Studentenführer Rudi Dutschke bei einem Attentat lebensgefährlich verletzt.

Auch wenn man den Beschluss vom 9. Januar, den Witzenmann – offenbar, weil er ihm nicht zugestimmt hatte – stets in Anführungszeichen setzte, in die Reihe all der anderen Ereignisse von negativer Bedeutung in der Gesellschaftsgeschichte stellt, dann scheint das Prädikat »weltgeschichtlich« eher unangemessen.

Eine untergründige Assoziation scheint Witzenmann außerdem die Feder geführt zu haben, verweist das zweimalige Auftauchen des Wortes »Vergiftung« doch auf ein Ereignis der Gesellschaftsgeschichte zurück, von dem Rudolf Steiner angeblich betroffen war.

Während eines geselligen Beisammenseins (Rout) zum Abschluss der Weihnachtstagung am 1. Januar 1924 soll ein Giftanschlag auf ihn verübt worden sein. Darüber berichtete erstmals öffentlich die Eurythmistin Lidia Gentilli-Baratto in einer Broschüre mit dem Titel »Eine Erinnerung an Marie Steiner«, die 1947 erschien. Marie Steiner soll ihr Folgendes erzählt haben: »Ja, Rudolf Steiner wurde vergiftet, am letzten Tage der Weihnachtstagung, bei dem Rout, der in der Schreinerei stattfand. Lange Zeit war ich auch in dem Raum gesessen, während die anderen, um den Doktor herum, kamen und gingen. Ich konnte auf keinen Menschen achtgeben, grüßte die Herannahenden mit größter Mühe; denn ein Unbegreifliches, ein Furchtbares stand vor meiner Seele, es war mir, als ob ich etwas abwehren sollte, und ich wusste nicht wie und was. Da hielt ich es so ruhig sitzend nicht mehr aus und ging in meinen Raum nach hinten…

Ich war in ein Gespräch mit Dr. Wachsmuth vertieft, als der Doktor plötzlich hereinkam, grün wie dieses Blatt. Er lehnte sich an den Türpfosten, schaute uns verzweifelt an und sagte: ›Wir sind vergiftet!‹

Ich war vom Schrecken wie gelähmt. Er fragte uns sofort, ob wir etwas getrunken hätten, und als ich verneinte und er bemerkte, dass Dr. Wachsmuth nichts widerfahren war, atmete er erleichtert auf: ›Also nur ich, das ist gut‹, hauchte er und trat wankend in das Zimmer hinein.

Dr. Wachsmuth wollte sofort eilen und einen Arzt rufen, aber Dr. Steiner verbot es ihm mit allem Nachdruck. Dr. Wachsmuth entfernte sich mit dem Versprechen, dass kein Mensch etwas davon erfahren dürfe, dass kein Arzt gerufen werden dürfe. Der Doktor ließ sich dann alle Milch geben, die im Raume vorhanden war, und unternahm damit eine Magenspülung, während andere Milch aus der Villa Hansi geholt wurde. Alle vorhandene Milch wurde herbeigeschafft, und den ganzen Abend und die ganze Nacht setzte er die Spülung fort …

Ja, nach seinem Tode hätte ich [Marie Steiner] die Pflicht gehabt, das der Gesellschaft zu sagen, aber schon die Andeutung, die ich später am Ende des ›Lebensganges‹ darüber machte, stieß auf Widerstand seitens des Vorstandes …

Man wollte nicht darüber die Wahrheit erfahren … Dieser Vorgang war gefürchtet wie sein Testament. So musste ich darüber schweigen.«

Die Andeutung, auf die Marie Steiner laut Gentilli-Baratto anspielte, findet sich in ihrem 1932 verfassten Nachwort zu Steiners Autobiografie, in dem es heißt: »Sie wüteten mit Gift und Flamme, frohlocken jetzt, besudeln sein Gedächtnis.«

Die Erzählung von Gentilli-Baratto beruhte auf Hörensagen. Es gibt aber eine weitere, unabhängige Quelle, den Bericht einer unmittelbar beteiligten Augenzeugin. Die Eurythmistin Ilona Schubert schrieb in ihrem Buch »Selbsterlebtes im Zusammensein mit Rudolf Steiner und Marie Steiner« 1970: »Beim sogenannten Rout an der Weihnachtstagung am 1. Januar 1924 haben einige Eurythmistinnen die Gäste bedient, die in dem großen Saale der Schreinerei an kleinen Tischen saßen.

Von dem Saal führte ein Gang an der Bühne vorbei zu den Garderoberäumen. In einem solchen Raum war eine Teeküche eingerichtet worden, und von da aus brachten wir Tee, Kaffee und Kuchen zu den Gästen. So ging auch ich einmal mit einer Tasse Tee durch den Gang. Da teilte sich der Vorhang, der den Gang von dem Saal abschloss und Dr. Steiner kam mir wankend entgegen, schneebleich und heftig stöhnend. Ich setzte schnell meine Tasse ab und konnte ihn gerade noch zu einem Sessel führen. Er sagte nur: ›Mir ist ja so schlecht.‹ Ich wollte schnell Frau Dr. Steiner und Frau Dr. Wegman holen, aber er hielt meine Hand ganz fest und sagte: ›Nein, bleiben Sie bei mir – bitte Wasser, Wasser.‹ Fräulein Mitscher, die gerade dazukam, lief gleich, es zu holen, ich konnte nicht weggehen, da ich mit meinem Arm Dr. Steiner stützte. Er leerte das Glas Wasser, das Fräulein Mitscher ihm reichte. Wir fragten, was denn geschehen sei, und da sagte er: ›Man hat mich vergiftet.‹« (Die beiden Erzählungen weichen deutlich voneinander ab: Während im Bericht Gentilli-Barattos Marie Steiner und Guenther Wachsmuth Zeugen des Geschehens waren und Steiner Unmengen von Milch trank – eine »Magenspülung« ist ein medizinischer Eingriff, den Steiner gar nicht allein vorgenommen haben kann, waren laut Schubert weder Marie Steiner noch Guenther Wachsmuth zugegen. Ihren Vorschlag, Marie Steiner und Ita Wegman zu holen, lehnte er ab und trank nicht Milch, sondern Wasser. Laut Gentilli-Baratto soll Steiner gesagt haben »Wir sind vergiftet«, laut Schubert: »Man hat mich vergiftet«. Der Kern der Berichte ist jedoch derselbe. – Näheres dazu: Günther Röschert: Die Todeskrankheit Rudolf Steiners – Eine bisher unbeantwortete Frage, in Jahrbuch für anthroposophische Kritik 1998 [Hrsg.: Lorenzo Ravagli] München 1998).

Entweder spielte Witzenmann in seinem Tagebucheintrag ganz bewusst auf diese Episode der Gesellschaftsgeschichte an, deren Wahrheitsgehalt leider nicht mehr überprüft werden kann, oder aber, er identifizierte sich unterschwellig mit Rudolf Steiner, auf den angeblich ein solcher Giftanschlag verübt worden war. Um Missverständnissen vorzubeugen: damit soll nicht etwa behauptet werden, auf Witzenmann sei ein Anschlag mit physischem Gift ausgeübt worden, vielmehr ist gemeint, dass er die den Beschluss vorbereitenden Vorgänge als seelischen oder sozialen Vergiftungsvorgang empfand. Dabei dürfte die Rolle des Giftes die Grosse von Witzenmann unterstellte »Unwahrhaftigkeit« gespielt haben, die auch mit der von ihm konstatierten »Betäubung« oder »Trübung« des Bewusstseins der Beteiligten in Zusammenhang zu sehen ist.

Wie dem auch sei –, das dissidente Vorstandsmitglied zog aus diesen Vorgängen jedenfalls die Konsequenz, sich von der kollektiven Verantwortung für das künftige Handeln des Vorstandes zu verabschieden. So schrieb er am 30. Januar an seine Kollegen, er gehe davon aus, »dass durch den Beschluss vom 14. Januar [gemeint war der 9. Januar, am 14. war der Beschluss im »Nachrichtenblatt« veröffentlicht worden] die Verschiedenheit unserer Auffassungen hinsichtlich der Grundlagen der Anthroposophischen Gesellschaft und der an diese geknüpften frei übernommenen Verpflichtungen endgültig offenbar geworden ist. … Daher gibt es zunächst keine andere Möglichkeit, als dass wir unsere Arbeit auf weit voneinander abliegende Grundlagen stützen. Aus diesem Grunde kann ich vorläufig an Ihren Beschlüssen nicht mitwirken und für diese keine Mitverantwortung übernehmen [kursiv L.R.]. Vielmehr muss ich mich bis auf weiteres ganz der Arbeit in meinen Sektionen [der sozialwissenschaftlichen und der Jugendsektion] zuwenden und diese Arbeit im Sinne der Konstitution der Freien Hochschule in eigener freier Verantwortung gegenüber der Freien Hochschule durchführen …« (Zitiert nach Hartmann, Witzenmann II, S. 171)

Achtzehn Tage später, am 18. Februar, erschienen im »Nachrichtenblatt« der Gesellschaft zwei längere Artikel in denen die beiden Exponenten des neuen Gesellschaftskonflikts ihre kontroversen Auffassungen darlegten.

Hermann Linde (1863-1923), erstes Goetheanum

Hermann Linde (1863-1923), erstes Goetheanum

Grosses Stellungnahme trug den Titel »Die Bemühungen zur Lösung der Bücherfrage«, Witzenmanns Aufsatz war überschrieben: »Warum ich dem Beschluss vom 14. Januar 1968 nicht zustimmen kann«. Die beiden Stellungnahmen werden weiter unten wegen ihrer Bedeutung in voller Länge wiedergegeben.

In diesen beiden Artikeln standen sich eine schlichte Erzählung historischer Ereignisse, die bestrebt war, die Entscheidung in einen breiten gesellschaftlichen Konsens einzubetten und ein in sakrale Stimmung getauchter philosophisch-esoterischer Exkurs gegenüber, der gerade aus seiner Exklusivität seine Überzeugungskraft bezog.

Grosse beschwor zu Beginn seiner Erzählung die Einheit der Gesellschaftsleitung (die realiter nicht mehr bestand) und bezog in diese ausdrücklich auch die verstorbenen Mitglieder des Gründungsvorstands ein, er berief sich gewissermaßen auf die Zustimmung der Toten, um die Lebenden auf die getroffene Entscheidung einzustimmen. Zuletzt berief er sich auf Rudolf Steiner und nahm in Anschluss an ihn ein »wirklichkeitsgemäßes«, also pragmatisches Denken in Anspruch, das dieser selbst gefordert habe. Seine Ausführungen mündeten in einen Aufruf, nach vorne zu blicken, und über die Streitfragen der Vergangenheit mutig hinauszugehen.

Witzenmann hingegen sponn ein beeindruckendes Gewebe sich selbst tragender und stützender Ideen, die auch ohne Bezug auf eine reale historische Gemeinschaft Gültigkeit beanspruchen konnten. Er stellte die »Prinzipien« der Weihnachtstagung in den Mittelpunkt seiner Überlegungen und entwickelte aus ihnen eine Idee der Esoterik, in der sich Öffentlichkeit und Innerlichkeit (Öffnung und Abschließung) gegenseitig durchdrangen und bedingten. Der weit ausschwingende, sich frei entfaltende Ideenflug war jedoch von einem dogmatischen Tonfall grundiert, auf den die hinzugefügten Kursivsetzungen aufmerksam machen sollen. Witzenmann ging in seiner Rechtfertigung so weit, zu behaupten, der geistige Inhalt des literarischen Werks Rudolf Steiners sei »im spirituellen Sinn« »bis heute nicht in das Goetheanum« aufgenommen worden. Im Grunde hob er mit dieser These die gesamten Voraussetzungen seiner Argumentation auf. Denn die Hochschule, die vor den ihre Existenz verneinenden Editionen der Nachlassverwaltung geschützt werden musste, existierte nach dieser These gar nicht in der historisch-empirischen Realität, sondern höchstens als Idee. Das Handeln der »angeblichen« Hochschulleitung konnte daher auch nicht diese Hochschule in ihrer realen Existenz gefährden – da sie ja nicht existierte –, sondern nur deren Idee. Dies ist kein nominalistischer Einwand, da Witzenmann sich gar nicht mit der Frage beschäftigte, wie die empirisch-historische Realität durch Ideen gestaltet werden konnte, sondern nur mit der Frage der Unvereinbarkeit ideeller Prinzipien. In der konkreten historischen Situation kam es aber gerade darauf an, die Realität der Ideen durch die Gestaltung dieser Situation zu bezeugen.

Rudolf Grosse: Die Bemühungen zur Lösung der Bücherfrage

Im März 1964 ergriff der Vorstand am Goetheanum, dem damals Frau Dr. Kirchner-Bockholt und die Herren H. Poppelbaum, R. Grosse, F. Hiebel und H. Witzenmann angehörten, die Initiative, mit den Persönlichkeiten der Nachlassverwaltung zu sprechen.

Wegleitend dabei war die Ansicht, im unmittelbaren Kontakt zu versuchen, das Nachlassproblem in sachlicher, offener Aussprache zu behandeln. Die vier Gespräche, welche sich bis in das Jahr 1965 hinzogen, waren, trotzdem sie zu keinen neuen Gesichtspunkten führten, insofern wertvoll, als direkte menschliche Erfahrungen gemacht werden konnten.

Die Ausgangssituation der mit Erwartung begonnenen Gespräche fand den Vorstand in einer neuen Problemstellung. Es war notwendig, Rudolf Steiner mit allen Mitgliedern des Gründungsvorstandes vereint zu denken. Die Weiterführung der Weltimpulse der Weihnachtstagung konnte von der Erde aus allein nicht genügend stark erfolgen. Aber gemeinsam mit ihnen daran zu wirken, war ein nicht nachlassendes Ideal. Konnten wir uns mit ihnen verbinden [kursiv L.R.], indem wir an der Ordnung des Karmas unserer Gesellschaft so arbeiteten, dass man die bisher unlösbaren und hart gewordenen Probleme auflichtete? In welcher Weise musste das geschehen, damit es zu einem wirklichen Fortschritt führte? Unsere Antwort konnte nur sein, in diesen Problemen menschlich, frei und mit großer Geduld vorzugehen.

Ein umfassendes Erkenntnisringen waren zu jener Zeit alle Gespräche, die bei den Vorstandssitzungen auftraten. Das Eindringen in die Hintergründe der schwierigen Gesellschaftsgeschichte wurde zu einem geistigen Erlebnis. Die an Ostern 1965 abgegebene Erklärung zur Bücherfrage [siehe weiter oben] war ein Ergebnis dieser Arbeit. Durch das Hinwenden zu dem Gründungsvorstand, mit dem man sich andauernd beschäftigte, entstand eine Art geistiger Wegleitung.

Im weiteren Suchen nach fruchtbaren Ideen kam uns die Äußerung Rudolf Steiners über das Drucken seiner Bücher vor Augen. Er sagte in einem Vortrag aus dem Jahre 1919: »Dreißig Jahre nach dem Tode gehört das geistige Eigentum der gesamten Menschheit. Jeder kann dreißig Jahre nach meinem Tode drucken, was ich hervorgebracht habe …« … Uns schien diese Äußerung eine gute Basis für ein weiteres Gespräch mit der Nachlassverwaltung abzugeben, da viele Probleme sich lösen ließen, wenn man sich verbindlich auf Rudolf Steiners eigene Worte stützen würde. Man sah die dadurch mögliche Freiheit greifbar vor sich. Darum wurde der Nachlassverwaltung am 22. März 1966 ein entsprechender Brief geschrieben [siehe weiter oben]. Leider war ihm kein Erfolg beschieden. Das Bemühen des Vorstandes, dem sich viele Schwierigkeiten entgegenstellten, wurde in der Folge erweitert. In vielen Zusammenkünften wurde das Problem des Ordnens unseres Karmas mit folgenden Kreisen besprochen: mit dem Hochschulkollegium, den Generalsekretären, den Funktionären und Delegierten der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz sowie mit weiteren Freunden. Es lag dem Vorstand sehr daran, sich diesen Freunden verständlich zu machen und sie an seinen Überlegungen und Erkenntnisfragen teilnehmen zu lassen. Es kamen alle die Probleme wieder zur Erörterung, die durch die Jahrzehnte behandelt worden waren und vor denen man genau so suchend und fragend stand wie damals. Unverkennbar war, wie eingefahren in alten Spuren manche Gespräche verliefen und wie oft die Forderung erhoben wurde, dass zuerst die Nachlassverwaltung das oder jenes zu tun habe. Gerade aus diesen Gedankengängen, die sich auf den Ablauf von Aktion und Reaktion stützten, wollte jedoch der Vorstand heraus. Die vielen Jahre dieses Konfliktes haben bewiesen, das man gar nichts bewegen kann, wenn man in den vergangenen Zusammenhängen stehen bleibt, die mit der Nachlassverwaltung zu tun haben.

Die Nachlassverwaltung ist eine mit eigenem Recht ausgestattete und einen eigenen Weg gehende Institution, die nicht mit dem Goetheanum zusammengeht. Das aber ist ihre Angelegenheit. Etwas anderes jedoch bedeuten uns die Bücher. Sie sind und bleiben die Werke Rudolf Steiners. Sie enthalten seine Geistesforschung, sie atmen seinen Geist. Sie sind in die Aura der vielgestaltigen Mitgliedschaft hineingesprochen worden und leben auf die vielfältigste Weise auf, wenn sie mit dem Herzen aufgenommen werden. Ihre Heimat ist das Goetheanum.

Der Paragraph 8 der Prinzipien wird in der von Rudolf Steiner gegebenen Form durch die Nachlassverwaltung nicht eingehalten. Aber die Nachlassverwaltung kann es auch nicht tun, da eine Voraussetzung dafür das positive Verhältnis zur Hochschule wäre. Die schwerwiegenden Bedenken richten sich daher gegen den fehlenden Hochschulvermerk. Wir müssen aber sehen, dass die Bücher der Realität nach nicht weniger Publikationen für die Hochschulmitglieder sind, wenn man sie von sich aus an diesen Platz setzt [kursiv L.R.]. Der äußerlich fehlende Hochschulvermerk wird zum Appell für die Leser. Denn da es zum Schicksal geworden ist, was als Editionen der Nachlassverwaltung existiert, ruft es dazu auf, einerseits die Erkenntnisschulung vom Leser aus zu suchen, andererseits durch das eigene Verhältnis zur Hochschule das Fehlende zu ergänzen. Wenn der schon so lange andauernde Konflikt durch die Bemühungen im äußeren Bereich doch nicht geordnet werden kann, dann muss dieses Ordnen zur inneren geistigen Aufgabe werden.

Der Vorstand musste den bisherigen Misserfolg im Finden einer Lösung hinnehmen. Aber er ließ nicht nach, seinen Weg weiter zu verfolgen. Das Motiv, sich ganz vom Nachlasskonflikt zu befreien, ihn quasi dort, wo er war, stehenzulassen, aber dafür aus geistiger Souveränität einen unabhängigen Neuanfang zu setzen, gewann mehr und mehr an Gewicht.

Trotzdem wollten wir in der Anstrengung fortfahren, eine Lösung des Nachlassproblems durch Verständigung über die Hochschulfrage zu finden. Die nächste Initiative dazu ging von den beiden Vorstandmitgliedern H. Witzenmann und H. Biesantz aus. Es lag ihnen daran, in ihren Gesprächen das Verhältnis der Nachlassverwaltung zur Hochschulaufgabe abzuklären. Zweimal waren sie vor Ostern 1967 mit der Nachlassverwaltung zusammen. Dieselbe teilte später mit, dass sie die Gespräche nicht weiterzuführen beabsichtige [siehe weiter oben]. Bald darauf ergriff Dr. Zbinden seinerseits die Initiative zu zwei persönlichen Gesprächen mit Rudolf Grosse, die im August und November 1967 stattfanden. Sie erweckten eine gewisse Hoffnung, doch führten sie bisher zu keinem neuen Ergebnis.

Es musste erneut das Motiv auftauchen, dass der Vorstand – wiederum unabhängig von der Nachlassverwaltung – etwas tun könne, um der Situation eine positive Wendung zu geben. Als Möglichkeit zeichnete sich ab, ein freies Hereinnehmen der Bücher in das Goetheanum, verbunden mit einer erhöhten Anstrengung des Vorstandes, die vom Goetheanum ausgehende Hochschularbeit zu stärken und weiterzuentwickeln.

Im November und Dezember des gleichen Jahres wurde noch einmal ausführlich mit den Schweizer Funktionären alles durchgesprochen. Bis auf zwei Freunde waren sie der Meinung, dass es richtig sei, die Bücher Rudolf Steiners wieder in den Bücherverkauf am Goetheanum hereinzunehmen. Zum Jahresende versammelten sich die Generalsekretäre zu ihrer Jahresberatung mit dem Vorstand am Goetheanum. Auch da wurde dem Weg, den der Vorstand in bezug auf die Bücher entwickelte, zugestimmt. Nur zwei Freunde waren nicht dafür.

Sowohl in zwei vorbereitenden Vorstandssitzungen als auch vor den Generalsekretären entwickelte Herr Witzenmann seine nicht zustimmende Auffassung.

In der Vorstandssitzung vom 9. Januar 1968, bei der alle Vorstandsmitglieder anwesend waren, wurde der Beschluss gefasst, die von der Nachlassverwaltung edierten Bücher Rudolf Steiners in den Bücherverkauf am Goetheanum aufzunehmen. Verhandlungen mit der Nachlassverwaltung sind diesem Beschluss nicht vorausgegangen.

Betrachten wie abschließend noch zwei Punkte, die in allen Gesprächen ausführlich zur Darstellung kamen.

Seit 1952 sind bald zehntausend neue Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft beigetreten. Sie studieren die Anthroposophie aus den Büchern, welche die Editionen der Nachlassverwaltung sind. In den Seminaren, die am Goetheanum bestehen, in den Hochschulkursen, in der Gemeinschaftsarbeit während der Tagungen, in der speziellen Arbeit der Sektionen und des Hochschulkollegiums und zuletzt innerhalb des Vorstandes wird anthroposophisches Studium mehr oder weniger unter Mitbenützung der Neuausgaben geleistet. In welchem Umfang die Bücher durch den lebendigen Arbeitsstrom im Goetheanum anwesend sind, muss als Tatsache zur Kenntnis genommen werden.

Dieses Zurkenntnisnehmen führt zum nächsten Punkt, der als »wirklichkeitsgemäßes Denken« in allen Gesprächen gründlich durchdacht wurde. Es wurde auf eine Äußerung Rudolf Steiners Bezug genommen, die in dem Vortragszyklus »Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt (gehalten in Dornach 1917) im vierten Vortrag wiedergegeben ist.

Wenn hier der Kern dieser Äußerung zitiert wird, dann entbindet das nicht davon, den ganzen Zusammenhang durch eigenes Lesen zur Kenntnis zu nehmen. Viele Stunden des Neuuntersuchens der Lebenstatsachen wurden diesen Ausführungen, die folgendermaßen lauten, gewidmet:

»Alle möglichen Ideale werden ja heute gesellschaftsmäßig vertreten. Man macht Programme und so weiter, stellt Gesellschaftsprinzipien auf, dass man dies oder jenes erstrebt. Alle diese Dinge, die man da erstrebt, mögen recht schön sein. Aber mit dem abstrakten Schönfinden ist es nicht getan. Die Menschen müssen lernen, wirklichkeitsgemäß zu denken. Und da kann man auch mit Bezug auf die Tugendhaftigkeit einmal auf das Wirklichkeitsgemäße aufmerksam machen. Vollkommenheit, Wohlwollen, schöne Tugenden, Recht: das alles ist etwas Schönes für das äußere menschliche Zusammenleben.

Aber wenn jemand sagt: Wir streben programmmäßig diese oder jene Vollkommenheit an, … so sagt er das in der Regel mit der Idee, dass dies … als etwas Absolutes realisiert werden könne. … Aber mit dem Gesetz der Wirklichkeit stimmt das nicht. … Wenn man konkret nach einer bestimmten Richtung der Vollkommenheit strebt, so schlägt nach einiger Zeit dieses Vollkommenheitsstreben um und wird zur Unvollkommenheitswirklichkeit. Das Vollkommenheitsstreben wird nach einiger Zeit durch Umschlag zur Schwäche. Wohlwollen wird nach einiger Zeit zum vorurteilsvollen Verhalten. Und realisieren Sie, welches Recht Sie wollen, es kann noch so gut sein: im Laufe der Zeit wird es zum Unrecht. Es gibt nichts Absolutes auf dieser Welt. Das ist die Realität.« [GA 177]

Es wird einleuchten, dass dieser Hinweis auf die Ausbildung zum wirklichkeitsgemäßen Denken eine nachhaltige Besinnung bewirkte.

An einer Frage können wir zuletzt nicht vorbeigehen, da sie aus den Tiefen der Seele gestellt wird: »Wofür haben wir dann eigentlich gekämpft?« Sie macht am deutlichsten darauf aufmerksam, dass auf die Bücher Rudolf Steiners eine Hypothek gelegt wurde, die im Grunde mit etwas anderem zu tun hat, nämlich unmittelbar mit der Gründung der Nachlassverwaltung. Das, was dazu geführt hat, dass die Herausgabe nicht mehr von der Hochschule, ausgeführt werden konnte, wurde den Büchern aufgebürdet. Getroffen aber wurde das Werk Rudolf Steiners. Denn so, wie man beim Lesen sich direkt mit dem Autor verbindet, so trifft die Ablehnung diesen ebenfalls. Seine Bücher, die als solche niemals bekämpft werden können, am wenigsten am Goetheanum, erfahren ein von keinem Vorstand gewolltes Schicksal.

Dass in den Zeiten des Kampfes, bei denen es um die Existenz des Goetheanums und der Gesellschaft ging, von ganz anderen Gesichtspunkten ausgegangen werden musste [kursiv L.R.], lässt sich leicht einsehen. Aber das nach zwei Jahrzehnten einsetzende prüfende Besinnen muss zur Unterscheidung kommen, dass es bei der Auseinandersetzung einst darum gegangen ist, dass Rechte, die ihrem ganzen Wesen nach untrennbar mit dem anderen Lebenswerk Rudolf Steiners, der Hochschule, verbunden waren, an die Nachlassverwaltung übertragen worden sind. Dort liegen die Vorgänge, die am tiefsten getroffen und verwundet haben. Seit die Jahrhundertfeier für Rudolf Steiner im Jahre 1961 die Unantastbarkeit und Stärke des Goetheanums geoffenbart hat, kann unser Problem nicht mehr im Stil der früheren Jahre weitergeführt werden. An seine Stelle haben aufbauende Ideen zu treten. Handlungen, in denen Stärke und Vertrauen lebt, müssen die Führung übernehmen.

Es ist voll zu verstehen, wenn Mitglieder nicht diese Metamorphose von einem Abwehrduktus zu einer Haltung mitmachen können, die den Konflikt aus dem äußeren Felde herausnimmt und ihn zu einer im Inneren zu vollziehenden Aufgabe macht. Aber es ist zu hoffen, dass nach und nach der Blick für die Verwandlung und für die Überwindung, die wir nicht von anderen erwarten, doch von uns verlangen dürfen, frei wird.

Soweit Grosse. Auf ein gedankliches Motiv seines Aufsatzes sei hier besonders hingewiesen, da sich an ihm die tieferliegende Konfliktkonstellation verdeutlichen lässt. Gleich zu Beginn schrieb er: »Es war notwendig, Rudolf Steiner mit allen Mitgliedern des Gründungsvorstandes vereint zu denken. Die Weiterführung der Weltimpulse der Weihnachtstagung konnte von der Erde aus allein nicht genügend stark erfolgen. Aber gemeinsam mit ihnen daran zu wirken, war ein nicht nachlassendes Ideal. [Kursiv L.R.] Konnten wir uns mit ihnen verbinden, indem wir an der Ordnung des Karmas unserer Gesellschaft so arbeiteten, dass man die bisher unlösbaren und hart gewordenen Probleme auflichtete? In welcher Weise musste das geschehen, damit es zu einem wirklichen Fortschritt führte?«

Grosse war also der Ansicht, »die Impulse der Weihnachtstagung« müssten unter Einbezug der verstorbenen Mitglieder des Gründungsvorstandes weitergeführt werden. Dies sollte dadurch geschehen, dass sich der aktuelle Vorstand mit diesen Verstorbenen verband. Aber wie war dies zu bewerkstelligen? Setzte diese Verbindung nicht eine reale Erkenntnis der gegenwärtigen Intentionen der geistigen Individualitäten voraus, die die Erde vor längerer oder kürzerer Zeit verlassen hatten? Also die Möglichkeit, das Schicksal und die Entwicklung dieser Individualitäten nach ihrem Tod zu verfolgen und mit ihnen zu kommunizieren? Lagen solche Möglichkeiten nicht vor, konnte man lediglich für sich beanspruchen, in ihrem Sinne zu handeln, indem man sich auf die eine oder andere Weise auf sie berief. Herbert Witzenmann, der als Mitglied des Vorstandes intime Kenntnisse von der geistigen Verfassung und den Fähigkeiten seiner Kollegen besaß, stellte jedenfalls das Vorhandensein einer solchen realen Erkenntnis in Abrede. An Gerhard Kienle, der brieflich auf seine Stellungnahme im »Nachrichtenblatt« reagierte, schrieb er Ende März 1968: »Wenn z.B. gesagt wird, die Situation in der sogenannten Bücherfrage sei deshalb eine völlig andere wie früher, weil sich nunmehr alle Mitglieder des Gründungsvorstandes in der geistigen Welt befänden und daher jetzt die Dinge anders ansähen als zu ihren ehemaligen Lebzeiten, so ist dies eine rein begriffliche Deduktion ohne die direkte oder indirekte Unterlage der Beobachtung, da mich bisher niemand von seinem auf Beobachtung beruhenden Kontakt mit den verstorbenen Mitgliedern des Gründungsvorstandes überzeugen konnte. [kursiv L.R.; zitiert nach Hartmann, Witzenmann II, S. 179]« Man darf davon ausgehen, dass ein solcher »auf Beobachtung beruhender Kontakt« mit den verstorbenen Mitgliedern des Gründungsvorstandes also tatsächlich nicht vorhanden war. Daher entbehrte aber auch jegliche Berufung auf die aktuellen Intentionen dieser Verstorbenen des realen Bodens. Es handelte sich bei Aussagen dieses Typus um bloße Annahmen, Hypothesen, oder wie Witzenmann schrieb, um »Deduktionen«. Wie aber sollte die Anthroposophische Gesellschaft »das seelische Leben im einzelnen Menschen und in der menschlichen Gesellschaft auf der Grundlage einer wahren Erkenntnis der geistigen Welt pflegen«, wie es in den »Prinzipien« der »Weihnachtstagung« hieß, wenn keine solchen Erkenntnisse vorlagen? Wohl lag eine Fülle solcher Erkenntnisse im Werk Steiners vor, aber diese bezogen sich naturgemäß nicht auf die konkreten Ereignisse in der Anthroposophischen Gesellschaft nach seinem Tod. Nach Witzenmanns Auffassung war es geisteswissenschaftlich illegitim durch Deduktionen oder Analogieschlüsse aus den Forschungsergebnissen Steiners Aussagen abzuleiten, die der Beobachtungsgrundlage entbehrten. Aber konnte es dann überhaupt noch eine »wahre Erkenntnis der aktuellen geistigen Welt« geben und wie sollte diese aussehen, nachdem Rudolf Steiner, die einzige Quelle dieser Erkenntnis verstorben war? War es möglich, Geisterkenntnis auch ohne hellsichtige Fähigkeiten zu betreiben? Witzenmann sieht die Antwort auf diese Frage im »ethischen Individualismus«, in der Erkenntnis, dass die denkende Betätigung die erste Stufe der Hellsicht sei und in der Bildung eines gemeinsamen Bewusstseins aus dieser Betätigung heraus.

Hermann Linde (1863-1923), Der Tempel aus Goethes Märchen als Vorbild des Goetheanum

Hermann Linde (1863-1923), Der Tempel aus Goethes Märchen als Vorbild des Goetheanum

Auf die Stellungnahme Grosses folgte im »Nachrichtenblatt« vom 18. Februar 1968 der Artikel Witzenmanns. Diesem Artikel schickte »der Vorstand am Goetheanum« einen Hinweis voraus, der wie folgt lautete: »Der unten abgedruckte Aufsatz von Herbert Witzenmann gibt in freier Weise, mit Auslassungen und Hinzufügungen, den Inhalt der Voten wieder, die Herr Witzenmann in verschiedenen Vorstandssitzungen, zuletzt auf der beschlussfassenden Sitzung vom 9. Januar 1968, zur Bücherfrage vorbrachte. Da es üblich ist, den Mitgliedern von Verantwortungsgremien in besonderen Fällen das Recht eines öffentlichen Sondervotums einzuräumen, bringen wir es hiermit der Mitgliedschaft zur Kenntnis. Die Veröffentlichung erfolgt, ebenso wie die Bekanntgabe seiner abweichenden Ansicht bei der Beschlussfassung vom 9. Januar … auf ausdrücklichen Wunsch von Herrn Witzenmann. Auf den Abdruck weiterer Voten zur Neuregelung der Bücherfrage wird verzichtet im Sinne der Mitteilung vom 14. Januar, wonach der Vorstand bestrebt ist, alle frei werdenden Kräfte für die positive anthroposophische Arbeit einzusetzen.«

Eine Diskussion über den Beschluss des Vorstandes war also nicht erwünscht. Entschieden dezisionistisch sollte nach vorne geblickt werden, »aufbauende Ideen«, »Handlungen der Stärke« sollten in der Gesellschaft die Führung übernehmen.

Herbert Witzenmann: Warum ich dem Beschluss vom 14. Januar nicht zustimme

Die »Prinzipien«, die Rudolf Steiner der Anthroposophischen Gesellschaft bei deren Neubegründung gegeben hat, sind ein offenbares Geheimnis. Sie geben ein weltgeschichtliches Beispiel dafür, wie in einer modernen Gemeinschaft das Initiationsprinzip zum Zivilisationsprinzip werden kann. Denn die wahre Erkenntnis [kursiv L.R.] der geistigen Welt, ihre Erforschung auf Grund geisteswissenschaftlicher Schulung soll in dieser Gesellschaft die Grundlage bilden für eine Pflege des seelischen Lebens im einzelnen Menschen und in der menschlichen Gesellschaft, für die Brüderlichkeit des Zusammenlebens und die Befruchtung und Erneuerung aller Kulturbereiche.

Im Mittelpunkt dieser Prinzipien steht der Paragraph 8; die Zahl der ihm vorausgehenden und nachfolgenden Paragraphen ist die gleiche. In diesem Paragraphen wird mit dem gleichen Nachdruck die volle Öffentlichkeit der Gesellschaft wie die Verborgenheit ihres inneren Lebens betont. Denn dieses wird nur auf den Wegen [kursiv L.R.] geisteswissenschaftlicher Schulung zugänglich. Und nur einer durch solche Schulung [kursiv L.R.] gewonnenen Vor-Erkenntnis wird ein kompetentes Urteil zugestanden für die Publikationen der Hochschule, die dennoch ohne Einschränkung der Öffentlichkeit übergeben werden. Öffentlichkeit und Innerlichkeit sind die Säulen, die das Tor der Freien Hochschule bilden und das Dach tragen, das seinen Schutz über die Gesellschaft wölbt. Dieses Dach müsste zusammenstürzen, würde eine der Säulen wanken, die es nach dem architektonischen Urbild Rudolf Steiners nur gemeinsam stützen.

Das Motiv, das als guter Genius der Publikationen der Freien Hochschule dem Paragraphen 8 jenen heldenmütigen Klang gibt, den wir auf Geistespfaden immer wieder vernehmen, durchzieht aber die ganze Folge der Prinzipien. Überall ist von einer Öffentlichkeit die Rede, deren Lebenselement der Verkehr mit der geistigen Welt ist, von einer geisteswissenschaftlichen Schulung und Forschung, die vor die volle Öffentlichkeit tritt, von einem Vertrauen auf die geistige Welt, das auch innerhalb einer verständnislosen äußeren Welt sich allein auf seine spirituellen Grundlagen beruft, von einer Pflege des seelischen Lebens, die jeden ohne Unterschied einlädt, in ihr neu errichtetes Haus zu kommen. Denn der Brückenschlag, der an die Stelle der Usancen die Intuitionen zu Pfeilern setzt, ist gelungen.

Zur Durchführung der damit bezeichneten Absichten bedurfte es bei dem Gründer der Weihnachtstagung des größten Mutes. Denn keiner von jenen, welche die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt nicht anerkennen, kann das Unternommene anders als widersinnig oder bedenklich empfinden. Und alle, die jene Hintergründe nicht nur zum Gegenstand von Formulierungen, sondern im Sinne der Prinzipien zum Richtmaß ihres Lebens machen, müssen den unerbittlichsten Widerständen begegnen. Nur die Jugend, freilich oft ohne es sich selbst bewusst zu machen, ist im Grunde überall und noch auf den Abwegen der Verbündete jenes Geistesmutes. Denn sie will heraus aus einem Leben in Usancen und nur klingenden Worten und sucht nach einer echten Geistes-Gegenwart im äußeren Leben, nach einer Erquickung ihres inneren Lebens aus dem Quell der Bewusstseinswandlung. Auf jeder ihrer Fahnen, wenn auch in Lettern, die ihre Träger oft selbst nicht deuten können, steht: »Das Initiationsprinzip soll wieder Zivilisationsprinzip werden!«

Dieser Ausruf wäre aber nur eine Deklamation [kursiv L.R.], hätte er nicht seinen Grund in Rudolf Steiners Geisteswissenschaft und Lebenspraxis. Rudolf Steiner hat die Freie Hochschule zur Stätte einer realen Verbindung ihrer Angehörigen mit der geistigen Welt gemacht. Alleindiese reale Verbindung erfüllt das von ihr Veröffentlichte, wenn auch auf geheime Weise, mit geistigem Leben; nach dem Versiegen dieser Lebenskraft müsste das Veröffentlichte verwelken [kursiv L.R.]. Solange die Freie Hochschule lebt, lebt daher auch der Schutz, auf den der Paragraph 8 weist, fort. Dieser Schutz beruht auf der Kraft einer spirituellen Gemeinschaftsbildung, die auch in eine ihr fremde äußere Welt hineinzuwirken berufen ist. Die Verpflichtung, welche die Mitglieder der Freien Hochschule im Sinne des Paragraphen 8, wie überhaupt im Sinne der Prinzipien Rudolf Steiner gegenüber übernommen haben, ist daher eine umso ernstere und größere, je weniger sie außerhalb der Freien Hochschule verstanden und anerkannt wird.

Aber ein gewichtiger Einwand muss sich hier erheben. Nur solange Rudolf Steiner, könnte man entgegnen, als der legitime Repräsentant unserer Verbindung mit der geistigen Welt physisch unter uns weilte und in unermüdlich schenkender Tugend uns durch die Zeugnisse dieses Bundes über uns selbst erhob, floss der Quell. Seitdem hat das hier Dargestellte nur noch die Bedeutung des Rückblicks, es beschreibt, was einmal gewesen ist, nicht aber ein Geschehen, dessen Gegenwart unter uns wir behaupten und beanspruchen dürfen.

Der hier angedeuteten Anschauung verdankt die Nachlassverwaltung ihre Entstehung, aus ihr will sie die Berechtigung für ihre Wirksamkeit schöpfen. Ihre Tätigkeit, ihre Editionen geben der Auffassung Ausdruck, die spirituell lebendige, nicht nur institutionelle Hochschule, so wie sie von Rudolf Steiner begründet wurde, existiere nicht mehr und jene, die den Auftrag zu ihrer Fortführung erhalten haben, hätten versagt. Eine unüberwindbare Kluft trenne unsere Gegenwart von der Zeit des Erdenwirkens Rudolf Steiners und uns verbleibe, neben unserer persönlichen Entwicklung, nur die Aufgabe, das von ihm Hinterlassene so lange zu verwalten, bis ihm ein neues physische Erdenwirken möglich sein werde.

Die Entstehung einer solchen Anschauung werden jene, die nüchtern um sich und gewissenhaft in sich blicken, gewiss nicht für unverständlich halten. Denn die Ergebnisse der geisteswissenschaftlichen Schulung sind für die meisten Strebenden nur anfängliche und unvollkommene, wenn sie nicht überhaupt ausbleiben. Was also zur Lebenszeit Rudolf Steiners durch ihn selbst Wirklichkeit war, könne, so mag man vermeinen, heute nur noch eine unfruchtbare Ideologie oder gar ein illusionäres Trugbild sein.

So fruchtbar der Gehalt an Selbsterkenntnis in dieser Anschauung auch sein mag, so wenig wird sie doch dem weihnachtlichen Geschehen der Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft gerecht. Denn diese Neubegründung bezieht auch unsere Unvollkommenheiten in einer neuen Weise in ihren Wirkenskreis ein. Die geistkünstlerische Erfinderkraft Rudolf Steiners offenbart sich immer wieder darin, dass er Schwierigkeiten in Neuschöpfungen, das Zurückbleiben der ihm Anvertrauten in Inspirationen ihres Fortschrittes verwandelt. Die Weihnachtstagung ist die wohl größte unter diesen Schöpfungen. Sie verbürgt, solange Menschen in ihrem Geiste wahrhaft streben [kursiv L.R.], dass der lebendige Strom seines Werkes auch mit schwachen Kräften weiterhin zukunftswärts gelenkt werden kann. Denn zu den offenbaren Geheimnissen der Weihnachtstagung gehört eine neue Verknüpfung des Individuellen, des Gemeinsamen und des Überindividuell-Geistigen. Die Wege in die geistige Welt sind zwar für die heutigen Menschen nur in ethischem Individualismus rechtmäßig [kursiv L.R.] gangbar. Sie führen aber, wenn sie in die Einheitlichkeit eines Bewusstseins münden, das sich an übereinstimmenden Aufgaben entwickelt, weiter als in der Einsamkeit. Von jeher haben Menschen, die ein ernstes Streben zusammenführte, die fromme Erfahrung einer sie hoch überragenden geistigen Anwesenheit in ihrem Kreise machen können. Auch dieses Erlebnis erfuhr aber durch die Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft eine zeitgerechte Erneuerung. Die Weihnachtstagung ist daher mehr als Weisheitsoffenbarung und Wegweisung, sie ist Wirklichkeit, Grundlegung eines neuen Gemeinschaftsbaues. Seit dieser Gründertat Rudolf Steiners kann in dem einheitlichen Bewusstsein freier Individualitäten der Geist einer neuen Gemeinschaft anwesend werden. Um diesen Grund zu legen, war es nicht genug, dass ein neuer Weckruf an die Gemeinschaftswilligkeit erging, dass neue Lehrinhalte entwickelt und neue Schulungsmöglichkeiten eröffnet wurden, so bedeutsam, über das Maß der Worte hinaus, all dies auch ist. Durch Rudolf Steiners Gründer- und Opfertat musste darüber hinaus eine neue Realgrundlage in der geistigen und physischen Welt für ein Gemeinschaftsereignis geschaffen werden, das in dieser Art bisher noch nicht möglich war [kursiv L.R.]. Die Treuekraft jeder Seele, die der Gründertat Rudolf Steiners aus Erkenntnis vertraut, kann seit jenem Geschehnis zu einem Teil der Ätherschale eines gemeinsamen Bewusstseins werden, welche die Gabe der geistigen Welt in sich aufnehmen darf. Das Ereignis der Weihnachtstagung setzt sich daher trotz aller Hindernisse in der äußeren Welt und trotz aller inneren Unvollkommenheiten der Menschen fort, solange nur Menschen bereit sind, jenem Ereignis in echtem [kursiv L.R.] Treuevertrauen nachzuleben und solange sie entschlossen sind, den Widerständen nicht zu weichen, durch die sie geprüft werden.

Dieses fortdauernde Ereignis überragt die individuellen Fähigkeiten, die sich in seinem Erfahren verbinden, weit. Daher ist der unmittelbare individuelle Gewinn, den es bringt, weniger augenfällig und weniger bedeutsam, als sein Ertrag für das Werk Rudolf Steiners. Denn dieses Werk, vor allem in seiner literarischen Erscheinungsform, bedarf des moralischen Schutzes; und dies gilt, wenngleich in modifizierter Form, natürlich auch für den von Rudolf Steiner selbst für den Druck bestimmten Teil. Der Buchdruck muss, nach Rudolf Steiners eigenem Wort, durch heilige Gesinnung geadelt werden. Freilich, nicht wir mit unseren persönlichen Kräften sind in der Lage, Rudolf Steiners Werk diesen Schutz zu gewähren. Aber durch uns, durch die noch so unvollkommene Gemeinschaft der Individualitäten, kann die geistige Welt ihr schirmendes Wirken entfalten. Über die Gemeinschaft, die in ihrer Schale den Inhalt der geistigen Welt empfängt, kann sich jenes unsichtbare Dach wölben, das, von den Säulen des Offenbaren und des Geheimen getragen, Raum und Zeit weit in die Außenwelt hinein überragt, das auch jene schützt, die nichts von ihm wissen und der spirituellen Hintergründe der äußeren Welt nicht achten. Denn die Wirkenskraft der geistigen Welt ist nicht von Maßnahmen abhängig, die ihre Signatur vom Materiellen erhalten. Wohl aber wartet die geistige Welt auf die von Erkenntnis getragenen Entschlüsse, die sich im inneren Aufbauwirken vereinen und auf die zur Einsicht verwandelte Standhaftigkeit, die vor dem aufgedrungenen Widerstand nicht zurückschreckt.

Die Verbreitung des Werkes Rudolf Steiners, die wahrhaft nur [kursiv L.R.] durch Wurzelschlag in den Herzen geschieht, wird nicht schon dadurch gewährleistet, dass es an vielen Stellen zum Verkauf und zur Benutzung angeboten wird. Entscheidend hierfür ist vielmehr, dass es wenigstens an einer Stelle urbildlich geschützt wird. Dies gehört zum offenbaren Geheimnis der Weihnachtstagung, für dessen Wirksamkeit freilich jenen, die nur an den äußeren Ursachenzusammenhang glauben, keine Beweise gegeben werden können.

Wenn sich in der Treue dieses Schutzes die zu ihm Aufgerufenen selbst finden, dann ermattet seine Kraft nicht schon dadurch, dass manche den Ort, wo er ein physisches Zentrum haben soll, mit anderer Gesinnung und in anderem Verhalten betreten. Wenn die Säulen des Offenbaren und des Geheimen in ihrer wahren Bedeutung und Zusammengehörigkeit von jenen erkannt und geachtet werden, die im Dienste der Freien Hochschule tätig sein wollen, dann bleibt das Gleichgewicht des von ihnen getragenen Daches unerschüttert.

Und wenn auch die Unvollkommenheiten der strebenden Menschen sich ständig wandeln müssen und wandeln dürfen, so können sie doch gerade in der Wandlung immer heller vom Licht des Ewigen durchleuchtet werden. Rudolf Steiner hat in der Weihnachtstagung ein Ewiges mit uns verbunden: wandeln müssen wir uns zum immer besseren und tätigeren Verständnis, dass Offenbares und Geheimes, lebendige Hochschule und veröffentlichtes Werk untrennbar nur zwei Seiten der gleichen Sache sein können – wandeln müssen sich die Fähigkeiten, mit denen wir am lebendigen Kleid des Ewigen über uns weben.

Aus dem Angedeuteten geht hervor, dass die sog. Bücherfrage nicht von der Hochschulfrage getrennt werden kann. Denn zweierlei ist nicht zu verkennen:

  1. Die Nachlassverwaltung steht in dem entschiedensten Gegensatz zur lebendigen Hochschule [kursiv L.R.]. Denn sie bestreitet die Realisierbarkeit der Freien Hochschule im Sinne der Kontinuität der Weihnachtstagung und bringt dies durch ihre Editionstätigkeit zum sichtbarsten Ausdruck. Die Nachlassverwaltung erkennt damit die Unabhängigkeit der Freien Hochschule nicht nur nicht an, sondern verhindert auch [kursiv L.R.], dass die Hochschule einer ihrer vornehmsten Aufgaben, der Herausgabe des literarischen Werkes Rudolf Steiners gerecht werden kann. Die Berufung auf Rudolf Steiners letztwillige Verfügungen ausdrücklich zu Gunsten der Nachlassverwaltung ist abwegig, weil Rudolf Steiner diese Verfügungen geändert hätte, wenn sie nicht mit der Weihnachtstagung vereinbar gewesen wären. Er erwartete daher, dass seine letztwilligen Verfügungen in Übereinstimmung mit der Weihnachtstagung erfüllt würden. Diese Übereinstimmung bedeutet gerade die höchste Freiheit der Erfüllenden, weil nur [kursiv L.R.] der derart Handelnde sich in Übereinstimmung mit seinem eigenen höheren Wesen befindet. Die Freie Hochschule kann daher die Editionen der Nachlassverwaltung so lange nicht vertreiben, als diese Editionen, wie es bei den gegenwärtigen Vertretern der Nachlassverwaltung der Fall ist, ihre Existenz solchen Anschauungen und Absichten verdanken, die im Gegensatz zum Wesen der Freien Hochschule [kursiv L.R.] und dem von ihr übernommenen Auftrag stehen. Außerdem hat sich die Nachlassverwaltung bis heute noch nicht von den schweren Anschuldigungen distanziert, die gegen Albert Steffen erhoben wurden, der in seinem Werk das bisher bedeutendste Beispiel einer Realisierung der Weihnachtstagung gegeben hat [sic!].
  2. Die Berufung darauf, dass die Editionen der Nachlassverwaltung die Wortlaute Rudolf Steiners enthielten, dass man es also nicht mit diesen Editionen, sondern mit »Büchern Rudolf Steiners« zu tun habe, ist abwegig. Denn es handelt sich nicht darum, jemand an dem Versuch zu hindern, den Zugang zu dem immateriellen Werk Rudolf Steiners durch eine Ausgabe der Nachlassverwaltung zu suchen. Vielmehr handelt es sich im Gegenteil darum, diesen Zugang offen zu halten und zu sichern und zwar nicht durch Worte, die dies nicht vermögen, sondern durch anthroposophisches Tun [kursiv L.R.]. Dieses Tun muss sich nicht nur in der Bildung der Bewusstseinsschale, wie dies hier dargestellt wurde, sondern leider auch in der Bereitschaft zu aufgedrungenem Widerstand bekunden. Das Werk Rudolf Steiners wird in dem hier angedeuteten Sinn geschützt, wenn immer wieder der ernste Versuch gemacht wird, die Hochschulidee Rudolf Steiners durch Bewusstseinsbildung zu verwirklichen. Dies bedeutet aber zugleich die Treuepflicht gegenüber den geistigen Lebensgesetzen der modernen Mysterienschule, die Entschlossenheit, in keiner Weise einen Kompromissmit entgegengesetzten Absichten und Anschauungen im Tun einzugehen [kursiv L.R.]. Damit wird natürlich keineswegs die Bemühung abgelehnt, immer wieder eine Verständigung mit den Trägern dieser anderen Anschauungen zu suchen. Ist es im Blick auf die geistigen Hintergründe der äußeren Welt schwierig, zu durchschauen, dass ein physisches Hereinnehmen der Editionen der Nachlassverwaltung in den Goetheanumbereich gleichzeitig ihren Ausschluss aus dessen geistiger Schutzsphäre bedeutet [kursiv L.R.]? Dies ist aus dem tief tragischen Grunde der Fall, weil dann die Wirksamkeit dieser Schutzsphäre von dem Zentrum aus, aus dem sie hervorgehen sollte, durchbrochen wird. Denn das geistige Korrelat einer Handlung wie der in Rede stehenden ist ein überaus folgenschweres, weil es sich dabei um die Lebensgesetze einer Mysterienschule handelt. Vor jener Durchbrechung waren aber auch die Editionen der Nachlassverwaltung in den Schutzbereich der Hochschule einbezogen. [Kursiv L.R.] Nicht einmal solche Beurteiler, die allein ihre Aufmerksamkeit auf die Tatsachen der äußeren Welt lenken wollen, könnten bestreiten, dass durch jene Durchbrechung Entscheidendes verloren gegangen ist. Denn eine Institution, die durch ihre eigene Willensbildung in Gegensatz zu ihren Grundlagen gerät, befindet sich auch für eine äußerliche Betrachtungsweise in einer überaus schwierigen Lage. [Kursiv L.R.]

Unter den beiden damit nochmals zusammenfassend entwickelten Gesichtspunkten (nämlich dem Gegensatz der Nachlassverwaltung zur Freien Hochschule und der Art und Wirkungsweise des von der Hochschule übernommenen Schutzauftrages gegenüber dem Werk Rudolf Steiners) wird es ersichtlich, dass sich die Hochschulfrage und sie sog. Bücherfrage nicht voneinander trennen lassen und wie schwerwiegende Folgen der Versuch einer solchen Trennung haben muss.

Gewiss ist es tief schmerzlich, dass die Editionen des literarischen Werkes Rudolf Steiners vorläufig nicht in das Goetheanum aufgenommen werden können. Im spirituellen Sinne sind sie dies ja auch heute noch nicht; das Gegenteil ist, wie hier angedeutet wurde, der Fall. [Kursiv L.R.] Viel schmerzlicher und folgenschwerer aber wäre es, wenn in der Tat ein Dauerzustand eintreten sollte, durch den die Freie Hochschule in Widerspruch zu ihren eigenen Grundlagen [kursiv L.R.] geriete. Sollte man nicht im Gegenteil nie in dem Streben erlahmen, das Wesen der Hochschule im Geistes des Paragraphen 8 der Prinzipien zum Ausdruck zu bringen? Besagt doch dieser Paragraph, dass die Öffentlichkeit der Hochschule und ihrer Publikationen nur [kursiv L.R.] als Ausdruck eines realen Mysteriengeschehens wahrhaftig und lebensfähig bleibt. Die Möglichkeit der Fortsetzung dieses Mysteriengeschehens ist seit der Weihnachtstagung durch die Bildung eines einheitlichen Bewusstseins in erkennender Treue zu der Gründertat Rudolf Steiners gewährleistet. Die Untrennbarkeit der Veröffentlichung seines Werkes von dem durch ihn inaugurierten und in den Herzen seiner Schüler weitergetragenen Mysteriengeschehen hängt aufs innigste mit seinem wahren Namen, mit seinem von seiner Persönlichkeit untrennbaren Urheberrecht zusammen.

Rudolf Steiner hat selbst mit dem größten Ernste darauf hingewiesen, dass zwar die Fortsetzung des von ihm gestifteten spirituellen Geschehens in unsere Herzen und Hände gelegt, dass sie aber keineswegs ohne unser unablässiges Streben gesichert ist. Vielmehr ist diese Fortsetzung durch unser Verhalten in tief tragischer Weise verletzbar, ja, das Heilige, an dem wir teilhaben sollen, kann durch unser Versagen zur Abwendung von uns und zum Übergang in andere Wirkensbereiche genötigt werden.

Diese Ausführungen sind keineswegs in der Meinung geschrieben, man werde es unterlassen, ihnen alsbald mit Argumenten zu begegnen, welche die Akzente anders setzen und die Zusammenhänge auflösen wollen.*) Wohl aber sind diese Ausführungen von der Hoffnung getragen, dass der Morgenruf, der in den Prinzipien aufklingt, in vielen Herzen ein neues Echo wecken möge.

*) Man könnte z.B. darauf hinweisen, dass ja auch früher Werke Rudolf Steiners in Verlagen erschienen, deren Geschäftsleitung in keinerlei Zusammenhang mit den spirituellen Quellen seines Werkes stand. Man übersieht dabei nur, dass der Ursprung dieser Verlage keineswegs in der Freien Hochschule lag, dass sie auch nicht trotz dieses Ursprungs in den entschiedensten Gegensatz zur Freien Hochschule gerieten und dass ihre Vertreter sich nie mit den schwersten Vorwürfen gegen ein Vorstandsmitglied gewendet haben. Auf die spirituelle Situation, wie sie durch die Prinzipien und die Weihnachtstagung gekennzeichnet ist, nimmt dieser Einwand überhaupt keine Rücksicht.

In seiner Anmerkung, die einen möglichen Einwand vorwegnimmt, geht Witzenmann interessanterweise auf Verlage ein, »deren Ursprung nicht in der Hochschule lag«. Dies gilt sicher für alle Bücher Steiners, die vor der Gründung des Philosophisch-Theosophischen Verlags erschienen sind, also zum Beispiel auch für die »Theosophie« – es gilt aber auch für alle Bücher und Vortragspublikationen, die durch Marie Steiner im Philosophisch-Theosophischen (Anthroposophischen) Verlag bis zur Weihnachtstagung vorgenommen wurden. Gerade von letzteren wird man jedoch kaum behaupten können, dass »deren Geschäftsleitung in keinerlei Zusammenhang mit den spirituellen Quellen seines Werkes« stand. Dieser spirituelle Zusammenhang zwischen Marie und Rudolf Steiner wurde nicht erst durch die Weihnachtstagung geschaffen, sondern bestand schon vorher und zweifellos auch nach seinem Tod fort. Aus diesem von ihr empfundenen spirituellen Zusammenhang entschied sich Marie Steiner dafür, die Nachlassverwaltung zu begründen!

Vorheriger Beitrag: 1967 | Die Verwirklichung der Weihnachtstagung als ewige Aufgabe

Nächster Beitrag: Anrufung der Toten, Aufruf an die Lebenden. Die Generalversammlung des Jahres 1968