Die Ukraine als Schauplatz eines Kampfes zwischen Eurasiern und Atlantiern

St. Michael's Kathedrale in Kiew, Ukraine. Foto: Petar Milošević.

St. Michael’s Kathedrale in Kiew, Ukraine. Foto: Petar Milošević.

Wladimir Putin brachte in seiner Regierungserklärung zur Ukraine und der Krim am 18. März 2014 zum Ausdruck, dass er die Zukunft der Ukraine, dieses russischen Herzlandes, in ihrer »Integration in den eurasischen Raum« sieht. Damit spielte er auf geopolitische Überzeugungen an, nach denen Konflikte zwischen Blöcken Folge geographischer Gegebenheiten sind. Aus der Sicht der Eurasier steht ein »atlantischer Block« maritimer Völker (England, USA) die dem Freihandel und dem demokratischen Liberalismus huldigen, einem europäisch-asiatischen Block kontinentaler Völker gegenüber, die dem Zentralismus und der Spiritualität zugewandt sind. Die Theorie geht unter anderem auf den britischen Geographen Sir Halford Mackinder zurück, der in seinem 1919 veröffentlichten Buch »Demokratie als Idee und Realität« von diesem fundamentalen Unterschied zwischen dem eurasischen Herzland und der atlantischen Welt sprach. Pawel Dugin, einer der führenden Theoretiker des russischen Eurasiertums, setzt den atlantischen Block mit dem Kali Yuga, der Moderne, dem Fehlen wirklicher Spiritualität und der Demokratie gleich. Russland sieht er als Reservoir einer mächtigen und ausgedehnten initiatischen Tradition, die einen Kampf gegen die Mächte der Finsternis führt, die sich in der atlantischen Allianz verkörpern. So wie es die historische Mission der Sowjetunion war, den Kommunismus zu realisieren, ist es jetzt die heilige Mission Russlands, dem orthodoxen Traditionalismus zum Sieg zu verhelfen.

Warum die Ukraine zum Schauplatz dieses Kampfes wird, kann man nur aus ihrer geographischen Lage und ihrer Geschichte verstehen. Die heutige Ukraine reicht vom Verwaltungsbezirk Lemberg (Lwow) an der polnischen Grenze bis zu Donezk am Asowschen Meer und Lugansk im Osten, im Norden grenzt sie an Weißrußland und Rußland, im Südosten und Süden an Rumänien, Moldawien und das Schwarze Meer und damit an die Türkei. Der von Norden nach Süden ins Schwarze Meer fließende Dnjepr teilt das größte europäische Land (wenn man es denn als europäisch betrachtet) in eine westliche und eine östliche Hälfte. Im Staatsgebiet der Ukraine leben infolge ihrer wechselvollen Geschichte über 100 unterschiedliche Ethnien, die beiden größten sind die Ukrainer mit 77% (37,5 Mio) und die Russen mit 17% (8,3 Mio), die Anteile der anderen, von Rumänen über Griechen, Deutsche und Juden bis zu Armeniern liegen jeweils unter 1%. Bei der Volkszählung 2001 gaben rund 67% der Bevölkerung Ukrainisch als Muttersprache an, rund 29% Russisch, beide ostslawischen Sprachen sind jedoch eng miteinander verwandt. In der West- und Zentralukraine überwiegt der ukrainische Anteil mit 90%, in der Südukraine mit rund 66% ebenfalls, aber auch in der Ostukraine befinden sich ukrainische Muttersprachler in der Mehrheit, lediglich in den Verwaltungsgebieten Donezk und Lugansk im äußersten Osten, sowie auf der Krim und in Sewastopol überwiegen die russischen Muttersprachler. 1991, als die Ukraine sich von der ehemaligen UdSSR lossagte, wurde das Ukrainische als einzige offizielle Amtssprache eingeführt. Wiktor Juschtschenko betrieb eine aktive Ukrainisierungspolitik, die darauf abzielte, das Russische zurückzudrängen, 2010 hob jedoch Janukowitsch viele seiner Maßnahmen wieder auf und seit 2012 gilt Russisch dort als zweite offizielle Sprache, wo mindestens 10% der Bevölkerung eine andere Muttersprache sprechen und damit in 13 der 27 Regionen der Ukraine. Auch religiös ist das Land gespalten oder – je nachdem wie man es sieht – reich an Unterschieden: 75% der Bevölkerung bekennen sich zu vier unterschiedlichen orthodoxen Kirchen: der ukrainisch-orthodoxen unter Moskauer Patriarchat, die aber autonom ist bzw. einer ebensolchen unter Kiewer Patriarchat, die sich heftig befehden. Daneben gibt es eine ukrainisch-autokephale orthodoxe und eine seit dem Ende des 16. Jahrhunderts bestehende ukrainisch-griechisch katholische Kirche, die den Papst als Oberhaupt anerkennt. Schließlich bekennen sich 2 Mio. Ukrainer zum Islam, etwa 1 Mio. zum römischen Katholizismus, etwa 1 Mio. zu einer evangelischen Kirche und rund 100.000 zum Judentum.

Kiew ist die Mutter Rußlands, das Kernland, von dem das spätere russische Reich seinen Ausgang nahm, als sich die norwegischen Wikinger mit den Slawen verbanden und die Kiewer Rus gründeten, die ihre Blütezeit im 10. und 11. Jahrhundert erlebte und sich vom Ladogasee im Norden bis südlich von Kiew im Süden, von Przemyzl im Westen bis Nischni Nowgorod im Osten erstreckte. 988 wurde die Kiewer Rus von der griechisch-orthodoxen Kirche christianisiert. Im 13. Jahrhundert war sie gegenüber der Goldenen Horde der Mongolen tributpflichtig, Teile der späteren Ukraine gelangten unter die Herrschaft des Großfürstentums Litauen, später Polen-Litauens. Im Osten entstand das Großfürstentum Moskau, das nach und nach alle benachbarten russischen Fürstentümer unterwarf. Polen-Litauen und Moskau rivalisierten seitdem um die Herrschaft über die Ukraine, während im Schwarzmeergebiet das osmanische Krimkhanat fortbestand. Die Ende des 16. Jahrhunderts geschlossene Union zwischen der polnisch-litauischen Orthodoxie und der römisch-katholischen Kirche, die dem Schutz vor den Herrschaftsansprüchen des Moskauer Patriarchats dienen sollte, führte Mitte des 17. Jahrhunderts zum Aufstand der Saropoger Kosaken unter ihrem Hetman Bogdan Chmelnizki und zum Anschluss ihres nordöstlich des Dnjepr gelegenen Gebietes an Moskau. Im Verlauf dieser Auseinandersetzungen entstand das Konzept des »dreieinigen russischen Volkes«, das dem Zarenreich dazu diente, die Groß-, Klein- und Weißrussen unter seinem Zepter zusammenzuschließen. Die heutigen Ukrainer wurden damals als »Kleinrussen« bezeichnet. Im 18. Jahrhundert annektierte das Zarenreich nach mehreren russisch-türkischen Kriegen auch die Halbinsel Krim. Ende des 18. Jahrhunderts teilten die drei Mächte Preußen, Österreich-Ungarn und das Zarenreich Polen unter sich auf, die spätere Ostukraine fiel an Russland, die spätere Westukraine an Österreich-Ungarn. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand eine ukrainische Nationalbewegung, deren Vertreter sich nicht als Kleinrussen betrachteten, sondern von der Oberherrschaft Moskaus loslösen und einen westlich orientierten Staat gründen wollten. Der Zusammenbruch des Zarenreiches und Österreich-Ungarns schien nach dem I. Weltkrieg eine Chance auf staatliche Unabhängigkeit zu eröffnen, aber der polnisch-sowjetische Krieg führte 1920 zur Aufteilung des westlichen Teiles auf Polen, Rumänien und die Tschechoslowakei. Gleichzeitig tobte im Südosten des Landes ein Bürgerkrieg, in dem die bäuerlich-anarchistische Machnobewegung erst gemeinsam mit den Bolschewisten gegen die konservativ-monarchistischen Truppen Denikins kämpfte, um später von ihren Verbündeten ausgelöscht zu werden. Trotzki führte die Ukraine 1922 in die Sowjetunion zurück. Nikita Chruschtschow schließlich schenkte die Halbinsel Krim 1954 der ukrainischen Volksrepublik als Dank für den Aufstand der Kosaken 300 Jahre zuvor, der zum Anschluss ihres Gebietes an das Zarenreich geführt hatte.

1991 wurde die Ukraine aufgrund des Zerfalls der Sowjetunion unabhängig und sieht sich seitdem von neuem mit all den ungelösten Problemen ihrer Geschichte konfrontiert. Gespalten ist das Land nicht nur geographisch, sondern auch ethnisch, sprachlich, religiös, politisch – in nahezu jeder Hinsicht und die Frage ist, ob seine Probleme durch eine einseitige West- oder Ostorientierung, oder aber durch einen tatsächlichen Vollzug einer wie auch immer gearteten Teilung gelöst werden können. Der politische Analytiker Samuel P. Huntington sprach 1996 in seinem Buch über den »Kampf der Kulturen« von drei möglichen Entwicklungen: einer friedlichen Lösung der Konflikte aufgrund der ethnisch-religiösen Verwandtschaft zwischen Ukrainern und Russen, einem Zerfall entlang der kulturellen Bruchlinie zwischen dem westlichen und dem östlichen Teil oder ihrem Fortbestand als geeintes, aber zweigeteiltes Land, den er für am wahrscheinlichsten hielt. Angesichts der gegenwärtigen Entwicklung scheint jedoch ein Bürgerkrieg und der anschließende Zerfall wahrscheinlicher.

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