Impromptu zwischen den Zeiten

Licht und Finsternis, Rudolf Steiner 1923

Licht und Finsternis, Rudolf Steiner 1923

Wer sich mit der Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung beschäftigt, wird immer wieder über die Zähigkeit erstaunt sein, mit der die unterschiedlichen Gruppierungen an den einmal erwählten Zielsetzungen festhielten. Trotz aller äußeren Widerstände – die Anthroposophische Gesellschaft und ihre »Zweckverbände« wurden während der Zeit des Nationalsozialismus aufgrund ideologischer Unvereinbarkeit in Deutschland verboten – und trotz aller inneren Spaltungen – die heute nicht mehr nachvollziehbare, metaphysisch aufgeladene Kampfstimmungen erzeugten –, arbeiteten die meisten Beteiligten, soweit als möglich und teilweise mit märtyrerhafter persönlicher Opferbereitschaft weiter im Dienst ihrer jeweiligen spirituellen Zielsetzungen.

Von der mit Ita Wegman verbundenen Menschengemeinschaft ging eine bedeutende, therapeutische und heilpädagogische Bewegung aus, die – auch ohne von der Gesellschaftsleitung in Dornach akzeptiert zu sein – die Ideen der anthroposophisch erweiterten Medizin und ihre Praxis in der ganzen Welt verbreitete. Die Paladine Marie Steiners verfolgten nach deren Tod, ausgegrenzt und angefeindet vom Goetheanum, mit bemerkenswerter Energie ihr Ziel weiter, den literarischen und künstlerischen Nachlass Rudolf Steiners für die Nachwelt zu bewahren und der Mitwelt zugänglich zu machen. Auch am Goetheanum selbst ruhte unter der Leitung Albert Steffens und den neuen Vorstandskollegen die Arbeit nicht.

All dies – die erstaunliche Lebensfähigkeit der anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft und die bemerkenswerte Bereitschaft sich mit allen persönlichen Einseitigkeiten in den Dienst überpersönlicher Ziele zu stellen – lässt sich nicht aus rein pragmatischen Gründen erklären. Vielmehr müssen bedeutende seelische Energien durch intrinsische Motivationen freigesetzt worden sein, die Bestandteil eines idealistisch-religiösen Wertesystems waren, das dem Leben der einzelnen Akteure allen Anfeindungen zum Trotz Bedeutung und Sinn verlieh. Der von Steiner in seinem Buch »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?« ausgesprochene Grundsatz: »Jede Idee, die dir nicht zum Ideal wird, ertötet in dir Erkenntniskräfte«, dürfte für das Selbstverständnis vieler Beteiligten maßgeblich gewesen sein. Und die dort vom Geistesschüler verlangte unbedingte »Verehrung von Wahrheit und Erkenntnis« (nicht von Personen, obwohl es auch diese in ausgiebigem Maß kultiviert wurde) dürfte das ihrige dazu beigetragen haben, die individuell als richtig betrachteten Handlungsalternativen mit jener existentiellen Bedeutung aufzuladen, die mögliche Kompromisse als Verrat an der Wahrheit erscheinen ließ. Noch in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts konnte man in Dornach Menschen begegnen, die den Fels, auf dem das Goetheanum errichtet wurde, als Zeugen des ihnen in den großen Gesellschaftskonflikten widerfahrenen Unrechts anriefen, das nicht vergessen und vergeben werde, solange dieser Felsen stehe.

Sektenbildungen sind bei Erkenntnisgemeinschaften nicht ungewöhnlich. Man findet sie in politischen und wissenschaftlichen Diskursgemeinschaften wie der sozialistischen, marxistischen oder psychoanalytischen, unter Physikern und Philosophen, quer durch alle Disziplinen und akademischen Fakultäten. Weder die emotionalen Energien, die von den inneranthroposophischen Weltanschauungskämpfen entfesselt wurden, noch die psychosozialen Gruppendynamiken der Spaltung, Abkapselung, Ausgrenzung und Dämonisierung dürften Archäologen der Wissensgeschichte überraschen. Spätestens seit Thomas Kuhns Forschungen zur Entstehung und Verbreitung wissenschaftlicher Paradigmen hat sich in der Wissensgeschichte die Überzeugung durchgesetzt, dass das Irrationale ein konstitutiver Bestandteil der Geschichte der Rationalität ist und die neuere Esoterikforschung hat gezeigt, dass das sogenannte Irrationale seinerseits lediglich eine verdrängte Form von Rationalität darstellt.

Spätgeborene Historiker können den an den Gesellschaftskatastrophen unmittelbar Beteiligten also nicht Irrationalität vorwerfen, vielmehr lebten und handelten sie gerade aus einer komplexen Rationalität, in deren Gewebe aus Ideen, Einstellungen und Entscheidungen sie all ihre biographischen und geschichtlichen Erfahrungen einflochten – mit unterschiedlichen Resultaten, die eine Folge ihrer individuellen Bildungsgeschichte, Lebensperspektive und Geschichtsdeutung waren. Dass viele dieser Beteiligten sich gegen Argumente resistent erwiesen, die mit ihrer eigenen oder in Gemeinschaft ausgebildeten Rationalität nicht kompatibel waren, dürfte darin begründet sein, dass ihnen jene Argumente schlicht als irrational erschienen. Trotzdem sie sich alle auf dieselben Gründungsmythen beriefen, gelangten sie doch zu unterschiedlichen Deutungen dieser Mythen und flochten sich auf je unterschiedliche Weise in die mythischen Gründungserzählungen ein. Da sie selbst als handelnde Personen Teil der sich fortentwickelnden Mythengeschichte waren, standen sich personalisierte Varianten mythischer Erzählungen gegenüber, die für den sozialen Zusammenhalt der Menschengruppen verantwortlich waren, die sich um ihre jeweiligen Heroen scharten.

Je stärker sich Einzelpersonen oder Kollektive mit solchen Mythen identifizieren, um so mehr verfestigen sich diese. Dogmatische oder fundamentalistische Tendenzen machen sich breit und die sozialen Prozesse nehmen den Charakter von Bestätigungsritualen an, in denen stets die selben Gründungserzählungen und Legitimationsformeln wiederholt werden. Mit zunehmendem Alter verlieren solche sozialen Konglomerate die Bereitschaft oder Fähigkeit zur Veränderung. Sie passen sich nicht mehr an den Wandel der empirischen Welt an, verkrusten und kapseln sich ab. Haben sie einen gewissen Zustand der Erstarrung erreicht, vermögen sie sich kaum noch aus eigener Kraft aus ihm zu befreien und erst der natürliche Tod der Protagonisten sprengt die harte Schale der Tradition. Traditionen müssen aber keineswegs mit den Generationen untergehen, die sie geschaffen haben, wenn diese rechtzeitig in den nachwachsenden Generationen für ihre Reproduktion sorgen. Lediglich personalisierte Traditionen schwinden mit dem Tod ihrer Träger dahin, nicht jedoch kollektive Traditionen, denn das Kollektiv webt den Tod ihrer Heroen in die umfassende Erzählung der Gemeinschaft ein und die Gründergestalten werden selbst zu einem Teil des unsterblichen Mythos.

Nur auf diese Weise ist es zu erklären, dass die katholische Kirche noch heute existiert, ja, dass sie aus dem Tod ihres Heros, des personalisierten Trägers ihres Erlösungsmythos, überhaupt erst entstanden ist. Abgesehen von der katholischen Kirche und einigen anderen Religionsgemeinschaften, gibt es keinerlei sozialen Konglomerate, weder politische noch rechtliche noch ideelle, die sich als so resistent gegen Veränderung erwiesen haben. Diese erstaunliche Beharrungsfähigkeit zeugt vom Ausmaß der Entpersonalisierung der betreffenden Traditionen – man könnte auch sagen, vom Ausmaß ihrer Enthistorisierung und Globalisierung. Ebenso wie personale sterben auch lokale Traditionen mit ihren Trägern aus, wenn diese sich nicht oder nicht mehr zu reproduzieren vermögen. Geistige Bewegungen – sei es der Platonismus, das Christentum, die Renaissance, die Aufklärung oder die abendländische Esoterik – gehen stets von schöpferischen Gründergestalten oder kleinen Gruppen von Menschen aus. Das Ausmaß des Überschusses ihrer Inspiration über die alles verschlingende Entropie der Geschichte entscheidet über die Lebensdauer der aus ihnen hervorgehenden Bewegungen. Je universeller, je übergeschichtlicher, je umfassender und großartiger eine Inspiration, um so mehr Generationen und soziale Kollektive vermögen aus ihr das Wasser des Lebens zu schöpfen.

Sub specie aeternitatis oder wenigstens sub specie aetatis hat man es bei der anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung mit einem in Geburt begriffenen sozialen Konglomerat zu tun, dessen universelle Inspirationsquellen noch längst nicht versiegt sind. Die Geschichte ihres ersten Jahrhunderts (je nach Gesichtspunkt: 1902-2002, 1912/13-2012/13, 1923/24-2023/24) ist eine Geschichte der Geburtswehen. Die große metaphysische Erzählung – oder eigentlich die Kaskade mythischer Erzählungen – ihres Gründungsheros reicht weit über die lokalen Traditionen hinaus, die sie begründet hat und in deren Bachbett sie zunächst dahingeflossen ist. Die Anthroposophie, in welcher der große Gesang der abendländischen Esoterik neu angestimmt wird oder unter veränderten historischen Bedingungen von neuem erklingt, schöpft aus unversieglichen, universellen Quellen, aus einem Meer, aus dem sich das gesamte geistige Leben der Menschheit speist. Sie ist zwar nicht dieses Leben, aber sie hält der Menschheit ein Bild dieses Lebens entgegen, das imstande ist, aus ihr ein ungeahntes schöpferisches Potential zu entbinden, dessen sie bedarf, wenn sie ihren weiteren Weg durch die dunklen Jahrtausende, die da kommen, gehen will.

Vorheriger Beitrag: 1949-1952 | Der Prozess um den Nachlass Rudolf Steiners

Wird im September fortgesetzt

7 Kommentare

  1. Pingback:1953-1955 – Lauter ungelöste Fragen | Anthroblog

  2. Sehr geehrter Herr Ravagli,
    Damals wurde nicht nur die französische Gesellschaft, sondern irgendwo ganz Europa, zum tiefsten erschüttert weil über die Schuldfrage von Dreyfus kein Gespräch gestattet war. Dann war „J‘ accuse!“ gekommen. Selbstverständlich hat auch Rudolf Steiner seine Stimme erhoben.
    Hier geht es um etwas ähnliches. Wir dürfen Stigmatisation unterschiedlich beurteilen, aber hier wird das Gespräch darüber innerhalb der AAG von den verantwortlichen Vorstandsgremien verhindert. Die Folgen sich sehr ernsthaft, nicht nur für die Betroffenen, sondern für die ganze AAG.
    Auch 1935 wurde die Grundlagendiskussion verhindert und man wählte für eine „politische Lösung“. Wir, Holländer, wurden 26 Jahre lang ausgegrenzt!
    Warum kein Erkenntnisgespräch über Stigmata?
    Rob Steinbuch

    • Sehr geehrter Herr Steinbuch,

      Sie schreiben: »hier wird das Gespräch darüber innerhalb der AAG von den verantwortlichen Vorstandsgremien verhindert … Warum kein Erkenntnisgespräch über Stigmata?«.

      Mir sind keine offiziellen Verlautbarungen seitens der Gesellschaftsleitung bekannt, die ein solches »Erkenntnisgespräch« innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft verbieten oder verhindern würden. Ich habe die ganzen Debatten aber auch nur kursorisch zur Kenntnis genommen. Soweit ich weiss, sind in anthroposophischen Publikationsorganen und Verlagen eine ganze Reihe von Wortmeldungen zu Judith von Halle erschienen. Hätten die »verantwortlichen Vorstandsgremien« das Erkenntnisgespräch tatsächlich verhindern wollen, wären sie damit nicht sonderlich erfolgreich gewesen. Ausserdem hat eines der Vorstandsmitglieder selbst zu diesem Thema publiziert.

      Viel interessanter als die Frage nach dem Wahrheitsgehalt Ihrer Behauptung ist die Frage, wie ein solches »Erkenntnisgespräch« Ihrer Meinung nach aussehen könnte.

  3. Entschuldigung. Gemeint ist eine Dreyfus Affäre.
    Rob Steinbuch

    • Sehr geehrter Herr Steinbuch,

      in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft gab es weder 1935 noch zu einem anderen Zeitpunkt eine Dollfuß- oder Dreyfus-Affäre. Dollfuß war ab 1932 österreichischer Bundeskanzler, führte im März 1933 einen Staatsstreich durch und begründete eine spezifisch österreichische Ausprägung des Faschismus. 1934 wurde er von österreichischen Nationalsozialisten ermordet. Der Hauptmann Alfred Dreyfus wurde 1894 von einem französischen Kriegsgericht wegen Landesverrats zugunsten des Wilhelminischen Kaiserreichs verurteilt. Hintergrund der Affäre war der in der Offizierskaste weitverbreitete Antisemitismus. Steiner hat sich Mitte der 1890er Jahre in dem von ihm herausgegebenen »Magazin für Literatur« zugunsten von Dreyfus und gegen den Antisemitismus ausgesprochen.

  4. Wie erklären Sie die Ausgrenzung von Judith von Halle und von den Menschen die ihre Arbeit würdigen, von heutigen anthroposophischen Vorstandsgremien? Sie wird dämonisiert, wobei jedes Gespräch abgewiesen wird. Es entsteht wieder eine Dolfus Affäre innerhalb der AAG, wie damals in 1935 (bis 1961!)
    Rob Steinbuch, Holland

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