1969 | One giant leap for man, one small step for mankind

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Erste Schritte auf dem Mond 1969. Foto: NASA

Dass die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft nicht nur mit der Selbstdestruktion beschäftigt, sondern auch zu bedeutenden sozialen Leistungen imstande waren, zeigt ein Ereignis, das zu den deprimierenden Szenen der Generalversammlungen einen erfreulichen Kontrast bildet: die Gründung des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke durch Gerhard Kienle (1923-1983), das im November 1969 eröffnet wurde.

Der in Madrid geborene Sohn eines Diplomaten hatte als 16jähriger die Cristengemeinschaft kennengelernt, 1941 ein Medizinstudium begonnen und bereits 1943 im Untergrund eine erste anthroposophische Studentengruppe ins Leben gerufen, die er als Keimzelle einer freien Universitätsgründung betrachtete. Als Hilfsarzt rekrutiert, wurde er 1944 bei Arnheim verwundet, konnte aber sein Studium 1945 in Tübingen fortsetzen. Hier gründete er eine neue Studentengruppe und bemühte sich darum – zusammen mit dem Christengemeinschaftspriester Diether Lauenstein (1914-1990), mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband –, die Anthroposophie in der akademischen Welt ins Gespräch zu bringen. 1950 – auf dem Höhepunkt des Konfliktes zwischen Gesellschaft und Nachlassverwaltung – schlug er bei einer Versammlung der deutschen Landesgesellschaft erstmals vor, die verschiedenen anthroposophischen Seminare in Stuttgart (das Priesterseminar der Christengemeinschaft, das Waldorflehrerseminar und das Freie Studienjahr) zusammenzulegen und sie zu einer Universität weiter zu entwickeln. Seine Vorschläge fanden aber bei den Verantwortlichen keine Gegenliebe. 1950 promovierte er über das Problem der motorischen Nerven und veröffentlichte eine Arbeit zu »Grundfragen der Nervenphysiologie«. 1951 bis 1953 betreute er in der Schweiz als Arzt zwei heilpädagogische Heime und forschte an der Universität Zürich an neurophysiologischen Themen. Im Herbst 1953 begann er eine Facharztausbildung beim Psychiater Ernst Kretschmer in Tübingen und verfasste in den folgenden Jahren Publikationen zu psychiatrischen, neurologischen und anthropologisch-anthroposophischen Themen. 1957 heiratete er die Ärztin Gisela Hörtreiter (1930-1988), gründete 1963 zusammen mit Diether Lauenstein das erste anthroposophische Studentenheim in Tübingen und habilitierte sich 1966.

Seit Beginn der 1960er Jahre setzte sich Kienle mit der deutschen Arzneimittelgesetzgebung und der Gesundheitspolitik auseinander und versuchte, die Arbeitsgemeinschaft Anthroposophischer Ärzte (deren Vorstand er angehörte) zur Schaffung eigener Arzneimittelkommissionen zu bewegen. Ihre Aufgabe sollte die Ausarbeitung spezifischer Methoden des Wirksamkeitsnachweises für die anthroposophisch-homöopathischen Medikamente sein. Aber auch hier konnte er mit seinen Anliegen nicht durchdringen. Kienle vertrat die Auffassung, die anthroposophische Medizin müsse sich aus ihrem Nischendasein befreien und durch Diskussion mit der Fachwelt Anerkennung erlangen. Zeit seines Lebens litt er am Provinzialismus und der Nabelschau der anthroposophischen Institutionen, in denen er gleichwohl mitwirkte. Von 1964-69 arbeitete er als leitender Oberarzt an einer neurologischen Abteilung in Frankfurt, wurde Privatdozent an der Johann Wolfgang von Goethe-Universität, veranstaltete wissenschaftliche Symposien und hielt Vorlesungen. In dieser Zeit bereitete er zusammen mit Anselm Basold die Gründung des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke vor, das schließlich im November 1969 in Betrieb genommen werden konnte.

Herdecke war das erste anthroposophische Allgemeinkrankenhaus mit Akutversorgung und fast 200 Betten. Kienle wurde Sprecher des Kollegiums der leitenden Ärzte und arbeitete hauptverantwortlich an der neurologischen Abteilung des Hauses.

Ein Jahr später (1970) wurde in Herdecke eine Krankenpflegeschule eröffnet, während Kienle sich bereits wieder neuen Aufgaben zuwandte. In der deutschen Arzneimittelgesetzgebung drohte der Alternativmedizin aufgrund von Arzneimittelskandalen (Contergan, Menocil) unverschuldetes Ungemach. Die Zulassung von Arzneimitteln sollte von Doppelblind- und Tierversuchen abhängig gemacht und einer staatlichen Aufsichtsbehörde unterstellt werden. Kienle kritisierte die wissenschaftlichen Paradigmen, die diesen Methoden zugrunde lagen. Seine Gutachten trugen wesentlich zur pluralistischen Fassung des Arzneimittelgesetzes von 1976 bei.

Unermüdlich wirkte Kienle, zusammen mit Lauenstein, Herbert Hensel und Karl Ernst Schaefer für die Gründung einer anthroposophischen Universität. Im Sommer 1976 gehörte er zu den Begründern der »Stiftung Freie Europäische Akademie der Wissenschaften (FEAW)« die über 60 internationale Hochschullehrer mit anthroposophischen Anliegen verband, im Herbst dieses Jahres wurde ein Reformstudiengang für Medizin in Herdecke etabliert und die Hochschulgründung rückte in greifbare Nähe. Während Kienle, Lauenstein und Hensel die konzeptionelle Arbeit vorantrieben, kümmerte sich der Arzt Konrad Schily, der Bruder des späteren Innenministers Otto Schily, um die politischen Aspekte des Unternehmens. Auch bei diesem Vorhaben musste sich Kienle mit Widerstand im anthroposophischen Lager auseinandersetzen. 1982 schließlich wurde die staatliche Genehmigung für die Wittener Modelluniversität ausgesprochen, die im folgenden Jahr eröffnet werden konnte. Er hatte endlich seinen Lebenstraum verwirklicht, lag aber zur Zeit der Eröffnung tödlich erkrankt auf der Intensivstation des von ihm gegründeten Krankhauses, wo er am 2. Juni 1983 verstarb.

Ein weiteres, für die anthroposophische Bewegung bedeutsames Ereignis, ist aus Norwegen zu berichten. Das Storting (Parlament) hatte am 18. Februar nach einer zwölfstündigen Debatte beschlossen, freie Schulen zu hundert Prozent staatlich zu finanzieren. Ein Einfluss des Staates auf die Unterrichtsgestaltung, den Lehrplan oder die Berufung von Lehrern war trotz dieser staatlichen Finanzierung nicht vorgesehen. Damit wurden im Schulwesen Bedingungen geschaffen, die in den Niederlanden bereits seit längerem bestanden. Der Beschluss bot für die Waldorfbewegung in Norwegen bedeutende Chancen, aber auch Risiken, zumal der sich eröffnenden Möglichkeit von Schulneugründungen keine entsprechende Zahl an ausgebildeten Waldorflehrern gegenüberstand. Diesem Mangel suchte das 1961 in Järna – südlich von Stockholm – gegründete Rudolf Steiner Seminar abzuhelfen, an das 1966 Jörgen Smit berufen werden sollte (der zu den Gründern des Seminars gehört hatte), um dort eine Lehrerbildung aufzubauen. Jörgen Smit sollte 1975 in den Vorstand der allgemeinen anthroposophischen Gesellschaft berufen werden und die Leitung der Jugendsektion übernehmen, die Herbert Witzenmann 1971 entzogen worden war.

Die Gründung des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke und die Ereignisse in Norwegen lenken den Blick auf Aspekte der Geschichte der Anthroposophie im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, deren Schauplätze sich zunehmend außerhalb des Zentrums der Gesellschaft in Dornach finden: in den einzelnen Praxisfeldern mit ihrer von Steiner angeregten Berufsesoterik entfaltete sich gegen Ende dieses Jahrhunderts ein eigenständiges anthroposophisches Leben, das erst teilweise erforscht ist und hier ebensowenig dargestellt werden kann, wie die Geschichten der anthroposophischen Landesgesellschaften oder die Geschichte anthroposophisch inspirierter Unternehmen. Die anthroposophische Medizin, die Waldorfbewegung, die Heilpädagogik, die biologisch-dynamische Landwirtschaft begannen seit dem Ende der 1960er Jahre zunehmend in den Gesellschaften der Länder Fuß zu fassen, in denen sie wirkten und blicken inzwischen auf ihre je eigenen regionalen oder lokalen Entwicklungen zurück, die auf ihre genuinen Erzähler warten bzw. diese teilweise bereits gefunden haben (Herbert H. Koepf, Bodo von Plato: Die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise im 20. Jahrhundert: Die Entwicklungsgeschichte der biologisch-dynamischen Landwirtschaft von ihren Anfängen bis zum Ende des Jahrhunderts, 2001; Volker Frielingsdorf, Rüdiger Grimm, Brigitte Kaldenberg: Geschichte der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie: Entwicklungslinien und Aufgabenfelder 1920-1980, 2013).

Zwar blieben diese regionalen und lokalen Geschichten stets auf die Geschichte der Gesellschaft bezogen und häufig spiegelte sich diese in ihnen, da viele Protagonisten dieser regionalen Entwicklungen zugleich als Mitglieder einzelner Sektionen der Freien Hochschule an den Dornacher Geschehnissen teilnahmen, aber der Schwerpunkt ihrer Aktivitäten lag nicht mehr dort, sondern in den jeweiligen Zentren ihrer Institutionen und Organisationen, für die sie verantwortlich waren. Auch die Hauptinteressen und zentralen Fragestellungen dieser »Tochterbewegungen« (so hatte Steiner sie bezeichnet) deckten sich nur noch bedingt mit dem, worum die Dornacher gesellschaftlichen Diskussionen kreisten, mochten führende Vertreter dieser Bewegungen auch bei Generalversammlungen auftreten und »aus der anthroposophischen Arbeit« berichten. Hier stießen sie jedoch nicht immer auf enthusiastisches Interesse, hatten doch die Mitglieder der Gesellschaft mitunter andere, »dringlichere« und »wichtigere« Anliegen. Sie erwärmten sich weniger für die deutsche Arzneimittelgesetzgebung, die Sicherung der Therapiefreiheit oder die rechtliche und finanzielle Gleichstellung freier Schulen, dafür um so mehr für die Frage, ob der Vorstand der Gesellschaft Mehrheitsentscheidungen fällen dürfe oder ob die »Weihnachtstagung« richtig verstanden worden war. Deutlich wurde dies bei der Generalversammlung 1971, als die endlose Diskussion über den neu aufgeflammten Gesellschaftskonflikt um Herbert Witzenmann nur noch einen kurzen Bericht von Gerhard Kienle über die Lage der anthroposophischen Medizin angesichts der europäischen Gesetzgebung zur Arzneimittelsicherheit zuließ, die er mit den Worten einleitete, die Anwesenden hätten nun ausführlich gehört, »in welchen Gefahren sich die Gesellschaft« befinde, sie sollten jetzt aber durch ihn »mit Gefahren vertraut gemacht werden, die wirklich bestünden«. Oder bei der Generalversammlung 1972 als ein ähnlicher Bericht Kienles mit dem Zwischenruf unterbrochen wurde, der Versammlungssaal beginne sich »langsam in einen Schlafsaal zu verwandeln«. Kienle wies diesen Einwurf »scharf zurück« und entgegnete, »die Existenz lebenswichtiger anthroposophischer Tätigkeiten in der Öffentlichkeit« sei in der Vergangenheit oft genug »durch das Voranstellen von Gesellschaftsproblemen« gefährdet worden.

Werfen wir einen kurzen Blick auf die inneranthroposophischen Auseinandersetzungen des Jahres 1969, in dem nicht nur die erste Mondlandung und die erste Herztransplantation stattfand, sondern auch die Proteste gegen den Vietnamkrieg in den USA auf einen Höhepunkt zusteuerten und Richard Nixon seine Präsidentschaft antrat.

Die Generalversammlung dieses Jahres verlief erstaunlich friedlich. Herbert Witzenmann saß, obwohl er 1968 erklärt hatte, er könne aufgrund der Verschiedenheit der Auffassungen über die Grundlagen der Anthroposophischen Gesellschaft an den Beschlüssen des Vorstandes nicht mehr mitwirken und für diese keine Mitverantwortung übernehmen, weiterhin am Vorstandstisch und gab als Mitglied dieses Gremiums einen ausführlichen Beitrag.

Das Ausharren in Paradoxien scheint ein Wesenszug Witzenmanns gewesen zu sein. Nicht nur sein Denken ist von einer polaren Grundstruktur und ihrer fortdauernden Vermittlung geprägt, auch in seinem Leben tauchte dieses Motiv wiederholt auf. Während er als Vorstandsmitglied der Gesellschaft einen gelebten Widerspruch verkörperte, unterhielt er in seinem Privatleben in äußerster Diskretion eine Beziehung zu Jutta Weitz (geb. 1938), einer dreißig Jahre jüngeren Frau, und erwog, sich von seiner Gattin zu trennen, die von einer Scheidung jedoch nichts wissen wollte. So lebte er auch hier in unauflösbaren Widersprüchen. Besonders pikant ist, dass Witzenmanns neue Seelengefährtin einst Rudolf Grosse zum Klassenlehrer hatte und dass die bis ins Jahr 1980 anhaltende Beziehung dadurch endete, dass Weitz sich Hendrik Knobel, einem Mitarbeiter der Nachlassverwaltung (sic!) zuwandte – dessen wissenschaftliche Leistungen sie für »bedeutender« hielt, als diejenigen Witzenmanns – und diesen schließlich heiratete. In der Zeit ihrer Beziehung (1969-1980) finanzierte Witzenmann Weitz einige Ausbildungen am Goetheanum, nahm sie auf Reisen mit und verfasste Testamente, in denen er sie als Verwalterin seines schriftlichen Nachlasses einsetzte. Auch dieser Vorgang entbehrt nicht der Paradoxien. Denn unmittelbar vor seinem Tod (1988) gründete Witzenmann eine Stiftung, der er die Verwaltung seines Nachlasses übertrug, ohne dass er die früheren Testamente widerrufen hätte. Dadurch trat er nicht nur in die Fußstapfen Albert Steffens, der ebenfalls (»außerhalb der Gesellschaft«) eine Stiftung zur Verwaltung seines Nachlasses gegründet hatte, sondern auch in diejenigen Rudolf Steiners, der seine Testamente zugunsten Marie Steiners nach der Weihnachtstagung nicht widerrufen hatte.

Einen Keim für künftige Entwicklungen legte im Juni 1969 eine begüterte Gönnerin Herbert Witzenmanns, Betty Lipin (1900-1980), mit der Gründung der Alanus-Stiftung. Lipin war mit ihrem Mann 1925 von Frankfurt nach New York ausgewandert, lernte dort das Werk Rudolf Steiners kennen und erhielt bei Aufenthalten in Dornach private Unterweisungen von Mathilde Scholl. 1955, nach dem Tod ihres Mannes, ließ sie sich in Dornach nieder, entwickelte sich zu einer Verehrerin Albert Steffens und hielt diesem in Gestalt Witzenmanns auch nach seinem Tod die Treue. Ab 1970 ermöglichte die Stiftung das Erscheinen einer Korrespondenz der Jugendsektion, die Gründung eines Verlags für die Bücher Witzenmanns und die Durchführung von Tagungen.

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