1970 | Getrübte Euphorie

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Von der evangelischen Reformbewegung über den SDS zur RAF: Ulrike Meinhof (1934-1976). Fotoquelle: http://data6.blog.de/media/788/5552788_8967470628_l.jpeg

Im Jahr der US-Invasion in Kambodscha, der Gründung der RAF und des Arbeiteraufstandes in Polen, begann der Vorstandskonflikt der anthroposophischen Gesellschaft aus seiner Latenzphase zu erwachen, in die er im vorangegangenen Jahr eingetreten war. Aus der Sicht des übrigen Vorstandes war es nur konsequent, einem Mitglied, das an seinen Sitzungen nicht mehr teilnahm und dessen Gesamtverantwortung nicht teilen wollte, jene Funktionen zu entziehen, die es für die Gesellschaft und die Hochschule ausübte.

Das betraf die beiden Sektionen, die Witzenmann weiterhin leitete: die sozialwissenschaftliche Sektion und die Jugendsektion. Anfang 1970 ging es um die sozialwissenschaftliche Sektion. Auf einer turbulenten Versammlung des Vorstandes der deutschen Landesgesellschaft im Januar in Wiesbaden, an welcher der gesamte Dornacher Vorstand teilnahm, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen über die Nachlassverwaltung und den Bücherbeschluss, einzelne Teilnehmer berichteten von groben Ausfällen Grosses gegen Witzenmann. Mochte die Versammlung auch keine anderweitigen Ergebnisse zeitigen, so legitimierte sie jedenfalls die Absicht, dem renitenten Vorstandsmitglied die Leitung der Sektion zu entziehen. Eine weitere Konfliktlinie entstand durch das Vorhaben Grosses und Hiebels, des Schriftleiters des »Goetheanum«, bisher unveröffentlichte Vorträge Rudolf Steiners mit Genehmigung der Nachlassverwaltung in der Wochenschrift abzudrucken.

Dass Witzenmann die Leitung der sozialwissenschaftlichen Sektion entzogen wurde, erfuhr die Gesellschaft durch eine Mitteilung, die rund fünf Wochen nach der Generalversammlung im Nachrichtenblatt erschien (3. Mai; siehe weiter unten). Der Zeitpunkt war vordergründig klug gewählt, da sich auf diese Weise Turbulenzen auf der Generalversammlung vermeiden ließen. Dafür traten diese erst recht im folgenden Jahr auf.

Die Generalversammlung Ende März 1970 zeigte sich in seltener Einmütigkeit. Eine ganze Reihe von Berichten aus den Sektionen und verschiedenen Landesgesellschaften machte deutlich, dass die Gesellschaft allmählich dabei war, aus ihrem sozialen Nischendasein herauszutreten und die Aufmerksamkeit einer Generation im Umbruch auf sich zu ziehen.

Rudolf Grosse wies in seiner Eröffnungsansprache darauf hin, dass im vergangenen Jahr rund tausend neue Mitglieder aufgenommen worden seien. Er erging sich aber auch in Anspielungen auf den schwelenden Konflikt, indem er von zwei Gefahren warnte, die der Gesellschaft drohten: der Gefahr der Auflösung oder der Verhärtung. »Man sieht die Formlosigkeit immer dort, wo der Mensch in Schwärmerei gerät und dass er, statt auf sich selbst, auf seinem eigenen Boden zu stehen, auf andere Menschen hinblickt und dadurch zu einer Art Personenkult kommen kann.« Den »Gegenschlag« sah er darin, »dass das Denken in ideologische Haarspalterei ausarte«. Um diesen beiden Gefahren zu begegnen, müsse man »zur Vernunft in allen Lebensverhältnissen zurückkehren«. Und was Vernunft bedeute, sei ohne weiteres klar, man brauche es nicht einmal zu sagen, »da der Mensch nach Vernunft eingerichtet ist. Diese wollen wir uns in gar keiner Weise aus der Hand schlagen lassen.« Grosse glaubte sich – oder »uns«, also alle, für die er sprach oder die seiner Meinung waren – offenbar im Besitz dieser natürlichen, unmittelbar evidenten Vernunft und sprach sie dem Adressaten seiner Anspielungen implizit ab, der wegen Krankheit an der Versammlung nicht teilnahm.

Am Ende seiner Ansprache kam Grosse auf die Notwendigkeit der »Konsolidierung« der Gesellschaft zu sprechen. Diese sah er vor allen Dingen in der Überwindung von Zersplitterung. »Die Anthroposophische Gesellschaft wird in dem Maße schwächer, als sie sich innerlich zersplittert.« Mit tiefer Befriedigung erfüllten ihn dagegen Berichte von unterschiedlichen Mitgliedergruppen, die mit der Parole Ernst machten, einen Schlussstrich zu ziehen. »Tatsächlich«, so Grosse, »haben viele Mitglieder diesen Ausdruck vernunftgemäß verstanden.« Selbst den »Weihespruch« eines mittelalterlichen spirituellen Ritterordens, der von dessen Großmeister in Steiners Mysteriendrama »Die Prüfung der Seele« ausgesprochen wird, münzte er zu einem Werkzeug der moralischen Diffamierung um, indem er ihn zur Maxime der Vorstandsarbeit erklärte: »Es muss sein Sondersein und Leben opfern, wer Geistesziele schauen will durch Sinnesoffenbarung; wer sich erkühnen will, in seinen Eigenwillen den Geisteswillen zu ergießen.«

Besonders die Eröffnung des anthroposophischen Allgemeinkrankenhauses in Herdecke und das 50jährige Jubiläum der Waldorfpädagogik hatten 1969 für öffentliche Aufmerksamkeit gesorgt. Diese standen auch im Mittelpunkt einiger Berichte. Der Arzt und Heilpädagoge Walter Holtzapfel (1912-1994), der seit 1969 die medizinische Sektion leitete, sprach von der Gefahr, dass die freie Ausübung des Arztberufs auf dem Wege der Gesetzgebung immer weiter eingeschränkt werde. Um dieser Gefahr zu begegnen, hätten sich in vielen europäischen Ländern Verbände anthroposophischer Ärzte gebildet und ein internationaler Verband sei im Entstehen begriffen. Der »Verein für ein erweitertes Heilwesen« Walter Bühlers (1913-1995) und die Weleda-Nachrichten trügen auf ihre Weise zum Verständnis der anthroposophischen Medizin in der Öffentlichkeit bei, während Herbert Sieweke (1917-1993) junge Ärzte und Studierende am Goetheanum vorbildlich in die anthroposophische Heilkunst einführe. Gerhard Kienle berichtete über die Eröffnung des Herdecker Krankenhauses und Hellmut Klimm über die »weit verbreitete und von der Öffentlichkeit anerkannte« Heilpädagogik. 1965 hatte in Eckwälden ein Heilpädagogisches Seminar seine Ausbildungsarbeit aufgenommen und seither mehr als hundert Heilpädagogen ausgebildet.

In den Berichten zur Waldorfpädagogik wurde ein Problem thematisiert, das diese seit Jahrzehnten begleitet und phasenweise besonders akut wird: der Lehrermangel. 1952 war vom Bund der Freien Waldorfschulen in Deutschland aufgrund dieses Mangels ein Gründungsstopp verhängt worden, der 1962 von Ernst Weissert (1905-1981) angesichts der intensiven Nachfrage von Eltern wieder aufgehoben worden war. Grosse bemerkte dazu, die 50-Jahrfeiern hätten sein Gewissen erschüttert, da sie die Notwendigkeit der »Fundierung und Vertiefung« verdeutlicht hätten. Auch Georg Hartmann (1909-1988), der Leiter des pädagogischen Seminars am Goetheanum, wies auf den Mangel an entsprechend befähigten Lehrkräften hin. Im Gegensatz zur ersten Waldorfschule in Stuttgart, an der Lehrer mit einem anthroposophischen Fundament gewirkt hätten, müsse dieses Fundament heute erst geschaffen werden. Deshalb führe das Seminar am Goetheanum erstmals einen zweijährigen Ausbildungskurs für Waldorflehrer durch. In Stuttgart werde ebenfalls eine solche Ausbildung angeboten.

B.C.J. Lievegood berichtete aus Holland von der Generation des letzten Jahrhundertdrittels, die inzwischen in die Gesellschaft ströme, einer »Willensgeneration«, die sich durch »zielgerichtetes Wollen« und »unmittelbares Zugehen auf andere Menschen« auszeichne. Mit dieser »Willensgeneration« aus Holland sollte Herbert Witzenmann bei der Jugendtagung im Sommer zu kämpfen haben (siehe weiter unten). Auch in Holland wurden Angebote für die junge Generation geschaffen: eine Akademie für Eurythmie war gegründet worden und ein freies Studienjahr für Schulabgänger befand sich im Aufbau. In England waren die zwei Landesgesellschaften zu einer verschmolzen und auch aus Schweden berichtete Arne Klingborg von einer neuen Generation jüngerer Mitglieder, die einen »ganz neuen Zug« in die Gesellschaft einbrächten, die »nicht nach einer Weltanschauung« suchten, sondern »die Welt verändern« wollten. Diesen Bedürfnissen komme das Rudolf Steiner Seminar in Järna, eine gemeinsame Initiative der skandinavischen Länder, entgegen.

In diese Aufbruchsstimmung, dieses Hochgefühl des Erfolgs, platzte rund fünf Wochen später eine Mitteilung des Vorstandes, die – wie bei solchen Mitteilungen üblich – reichlich kryptisch formuliert, aber geeignet war, das Bild der Harmonie zu trüben: »Im Jahre 1965 übernahm Kurt Franz David die Führung des neugegründeten Vorstands-Sekretariats. Die bisher von ihm geleitete Sektion für Sozialwissenschaft wurde vom Vorstand übernommen, der Herbert Witzenmann bat, diese Sektion interimistisch zu betreuen. Darüber waren die Mitglieder im Mitteilungsblatt vom 21. Februar 1965 informiert worden, wo es folgendermaßen heißt: ›Die Sektion für Sozialwissenschaften wird vorläufig im Auftrage des Vorstandes von Herrn Witzenmann betreut werden‹

Der Vorstand teilt nunmehr mit, dass er die Betreuung der Sozialwissenschaftlichen Sektion wieder in seine Hände zurückgenommen hat.«

Die Frage, die sich hier unmittelbar aufdrängen musste, war: Wenn »der Vorstand die Sektion wieder in seine Hände genommen hatte«, gehörte dann Witzenmann nicht mehr zum Vorstand? Und hatte er 1965 etwa nicht dem Vorstand angehört, der ihm damals »den Auftrag« erteilt hatte? (Witzenmann war 1965 bereits zwei Jahre Mitglied des Vorstandes, also hätte er sein eigener Auftraggeber sein müssen). Dass Witzenmann selbst nicht die Absicht hatte, die Leitung der sozialwissenschaftlichen Sektion niederzulegen, brachte er in den folgenden Wochen und Monaten immer wieder zum Ausdruck. Sie war ihm ohne seine Zustimmung entzogen worden.

Zu skandalösen Ereignissen kam es während der öffentlichen Jugendtagung Anfang August, die unter der Verantwortung Witzenmanns stand. Eine Teilnehmerin berichtete darüber. Witzenmanns Eröffnungsvortrag fand in der Schreinerei statt. »Aber am nächsten Morgen schon fing das ›Protestieren‹ an.« Eine Gruppe junger Holländer türmte zu Beginn der Veranstaltung Stühle aufeinander, vermutlich um durch diese Aktion ihr »zielgerichtetes Wollen« und ihr »unmittelbares Zugehen auf andere Menschen« zum Ausdruck zu bringen, oder um zu verdeutlichen, dass sie »nicht an einer Weltanschauung« interessiert war, sondern daran, »die Welt zu verändern«. Die Protestler beschimpften den Vortragenden und Schmierereien wie »Kill Witzenmann« tauchten im Lauf der Tagung auf. Die Interventionen der etwa dreißig Randalierer zielten offenbar darauf ab, zu dokumentieren, dass Witzenmann unfähig sei, die Jugendsektion zu leiten und sollten vermutlich dem Entzug seiner Leitungsaufgabe den Boden bereiten.

Zu einer Vorstandssitzung am 19. Oktober 1970 notierte Witzenmann: »Eiserne Rechthaberei, keinerlei Gefühl, dass mir und vor allem der Hochschule gegenüber etwas gut zu machen sei … Als sich die völlige Unfruchtbarkeit des Gesprächs und die einsichtslos-starre Rechthaberei völlig entfacht hatte, schlug ich vor, meine Vorstandtätigkeit als freier Mitarbeiter auszuüben. Hierauf ging Biesantz sofort zustimmend ein.« Und einige Tage später: »Ich präzisierte gegenüber Biesantz …, dass ich in Wiesbaden [bei der gemeinsamen Besprechung mit dem Vorstand der deutschen Landesgesellschaft im Januar] die Sektionsleitung nicht abgegeben, sondern genau wörtlich erklärt habe: ›Wenn man nicht mit mir zusammenarbeiten will, steht die Sektion zur Verfügung‹. Dies bedeutete unmissverständlich, dass ich das Terrain der Sektion für alle anderen Initiativen zur Verfügung stelle, ohne … diesen etwas in den Weg zu legen.« – So unmissverständlich war der Satz allerdings nicht: dass die Sektion »zur Verfügung« stehe, konnte auch so verstanden werden, dass er sie zur Verfügung stelle.

Wie auch immer: die Würfel waren gefallen und es handelte sich nur noch darum, eine Formulierung zu finden, die es erlaubte, Witzenmanns Standpunkt der Mitgliedschaft möglichst unverfänglich bekannt zu geben. Eine entsprechende Mitteilung erschien im März 1971 im »Mitteilungsblatt«: »Ich gebe hiermit bekannt, dass ich im April vorigen Jahres erklärt habe, meine Tätigkeit im Vorstand am Goetheanum bis auf weiteres nicht ausüben zu können. Damit trete ich nicht aus dem Vorstand am Goetheanum zurück. Vielmehr stelle ich meine freie Mitarbeit der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft weiterhin zur Verfügung. Diese Tätigkeit werde ich aufgrund von Vereinbarungen ausüben, die von Fall zu Fall getroffen und vom Vorstand bekannt gegeben werden … Herbert Witzenmann.« Die übrigen Vorstandmitglieder weigerten sich, diese Mitteilung zu unterzeichnen. Stattdessen erschien kurz darauf eine von Grosse, Hiebel, Kirchner-Bockholt Berger und Biesantz unterzeichnete weitere Mitteilung: »Die Arbeit des Vorstandes am Goetheanum beruht auf einer kontinuierlichen Zusammenarbeit aller Vorstandsmitglieder und auf einem gemeinsamen Tragen der Vorstandsverantwortungen. Zu den letzten gehören auch alle leitenden Funktionen in Hochschule und Gesellschaft, die von den Vorstandsmitgliedern ausgeübt werden. Ein gelegentliches Sich-zur-Verfügung-Stellen kann es für Vorstandsmitglieder nicht geben.

Das von Herrn Witzenmann Mitgeteilte geht davon aus, dass er leitende Funktionen bis auf weiteres lediglich aufgrund von Vereinbarungen ausüben kann, die von Fall zu Fall mit dem Vorstand am Goetheanum getroffen werden.«

Mit anderen Worten: die Unterzeichner betrachteten Witzenmann auf dieser Basis nicht mehr als Mitglied des Vorstandes. Sie konnten sich auf eine Position stützen, die in der Geschichte der Gesellschaft bereits etabliert war: die Auffassung, er habe sich durch sein Verhalten selbst aus dem Vorstand ausgeschlossen.

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