1971 | Der Staub von zwanzig Jahren

Bibliothek Görlitz, CC BY-SA 3.0, Quelle Wikipedia

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Wie nicht anders zu erwarten, wurde die Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft am Karsamstag, dem 10. April 1971, zum Schauplatz des nicht länger zu ignorierenden Konfliktes um die künftige Rolle Herbert Witzenmanns.

Vorausgegangen war diesen Auseinandersetzungen ein hier nachzutragendes und die Atmosphäre mitbestimmendes Ereignis, das sich im Dezember 1970 abgespielt hatte, von dem die Mitgliedschaft im Januar 1971 durch das Nachrichtenblatt in Kenntnis gesetzt wurde: der Rücktritt Gerhard Schmidts (1908-2003) von der Leitung der Sektion für Ernährung und Landwirtschaft. Der Arzt und Ernährungsforscher Schmidt, der noch von Albert Steffen im Jahr 1963 mit der Leitung dieser Sektion betraut worden war, hatte zu den engeren Mitarbeitern Witzenmanns und den Begründern des »Arbeitskreises zur geistgemäßen Durchdringung der Weltlage« im Jahr 1968 gehört.

Entgegen der lakonischen Mitteilung, er habe die Leitung der Sektion »niedergelegt«, war er in Wahrheit von Rudolf Grosse mit dem Argument, seine Mitgliedschaft im »Arbeitskreis« sei mit der Sektionsleitung nicht vereinbar, zum Rücktritt gezwungen worden. Was sich bei Schmidt relativ unspektakulär durchsetzen ließ, erwies sich bei einem Mitglied des Vorstandes als ungleich schwieriger. Schmidt, der vom Goetheanum finanziell abhängig war, stand nach seinem Rücktritt ohne Alterssicherung da. Diese Situation bildete den Hintergrund eines Antrages, den Rudolf Koller, Generalsekretär der schweizerischen Landesgesellschaft und Mitbegründer des »Arbeitskreises«, an die Generalversammlung stellte, der sich auf die Altersversorgung der Mitarbeiter des Goetheanum bezog.

Drei Anträge bzw. Anliegen beschäftigten die Gesellschaft den größten Teil dieses – wie Grosse sich in seiner Abschlussrede ausdrückte – »schweren und bedrückenden« Tages.

Der erste Antrag wurde von Udo und Ursula Hermannstorfer gestellt und betraf die Jugendsektion. Hintergrund war die Befürchtung, deren Leitung könnte Witzenmann in Bälde entzogen werden. Udo Hermannstorfer (geb. 1941) gehörte seit Ende der 1960er Jahre zu den engeren Mitarbeitern Witzenmanns in dieser Sektion. Der zweite Antrag stammte von Henriette Jaquet-Quispel (1904-?), die wie der Vertreter des dritten Antrages, Walter Boger (1910-1976), zu den Gründern des »Arbeitskreises zur geistgemäßen Durchdringung der Weltlage« gehörte. Jaquets Antrag betraf die von Friedrich Hiebel geleitete Wochenschrift und die in ihr neuerdings abgedruckten (von der Nachlassverwaltung edierten) Texte Rudolf Steiners. Walter Boger verlangte, die »geistigen Grundlagen der Gesellschaft« wieder herzustellen, die der Bücherbeschluss vom Januar 1968 untergraben habe.

Die Debatte über die Jugendsektion

Der 29jährige Udo Hermannstorfer, der seinen »Antrag« inzwischen in ein »Anliegen« umgewandelt hatte, bat den Vorstand darum, der Versammlung mitzuteilen, welche Pläne er mit der Jugendsektion verfolge. Er betonte in seiner Begründung die Bedeutung der anthroposophischen Jugendarbeit und hob die Qualität des von Witzenmann geleisteten Beitrags hervor, der sich nicht nur an die Gemütskräfte, sondern auch und vor allem an die Erkenntniskräfte der jungen Menschen richte. Er ging auf die von großen Teilen der Gesellschaft geübte Kritik an dieser Arbeit ein und führte die Turbulenzen der vergangenen Sommertagung (siehe: 1970 | Getrübte Euphorie) auf diese Kritik – die mangelnde Wertschätzung durch die Mitgliedschaft – zurück. Außerdem beklagte er sich darüber, dass der Vorstand die Arbeit der Sektion unter Witzenmanns Leitung durch Nichtankündigung ihrer Veranstaltungen im Nachrichtenblatt und ähnliches behindere.

Für den Vorstand antwortete Hagen Biesantz, der betonte, derzeit lägen »keine Pläne für eine Umgestaltung der Jugendsektion« vor. Es bestehe allerdings das Bestreben, den unterschiedlichsten Jugendinitiativen vermehrt entgegenzukommen. Hält man dieser Versicherung die Tatsache entgegen, dass die Leitung der Sektion im Oktober 1971, also 6 Monate später, Witzenmann tatsächlich entzogen wurde, drängt sich die Frage nach ihrem Wahrheitsgehalt auf.

Die Debatte über die Jugendarbeit und die für sie zuständige Sektion wurde am Samstagnachmittag fortgesetzt. In welcher Atmosphäre sie stattfand, machen die Verdächtigungen deutlich, die mehrere Redner gegen Hermannstorfer erhoben. Obwohl jedermann klar sein musste, dass seine Anfrage die künftige Rolle Witzenmanns in der Sektion betraf, schienen manche ihn als eine Art Verschwörer zu betrachten, hinter dem sich eigentlich das umstrittene Vorstandsmitglied verbarg.

So stellte gleich zu Beginn Werner Berger von seiten des Vorstandes die Frage, in wessen Namen Hermannstorfer seinen Antrag vorbringe. Dieser beteuerte, er spreche nur in seinem eigenen Namen und im Namen seiner Frau. Ein anderer Redner wandte ein, Hermannstorfer vertrete lediglich eine bestimmte Gruppe von Jugendlichen, für viele sei jedoch die von diesen gepflogene Arbeit nicht zugänglich, was nicht zuletzt die Jugendtagung des vergangenen Sommers gezeigt habe. Ein weiterer Debattant schlug in dieselbe Kerbe und bemängelte, die Arbeit der Jugendsektion spreche gerade die Gemütskräfte zu wenig an, während doch Steiner betont habe, die Anthroposophie trete als »Gefühlsbedürfnis« auf und sei dadurch gerechtfertigt, dass sie dieses Bedürfnis »befriedige«. Die Unzufriedenheit mancher Jugendlicher sei darauf zurückzuführen, dass ihr Gemüt nicht angesprochen werde. Professor Karl von Baltz, der bereits Ende 1968 von Grosse mit dem Argument »Sie haben sich durch ihre Opposition zum Vorstand selbst ausgeschlossen aus der Hochschule« zur Niederlegung der Leitung der Sektion für Redende und Musizierende Künste veranlasst worden war, wies in einem kurzen Redebeitrag, der allerdings keinerlei Echo fand, auf einen zentralen Aspekt der gesamten Gesellschaftsproblematik hin: »Von Bedeutung kann sein, wenn miterlebt wird an der Gestalt des Johannes Thomasius, wie er sich nur mit Hilfe der Maria und der anderen wieder mit seinem Doppelgänger vereinigen kann. Denn dieses Doppelgängerproblem ist auch das unsere.«

Die gesamte konfliktreiche Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung kann in der Tat als gescheiterte Integration des Doppelgängers gelesen werden. Nicht nur in »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?« hatte Steiner die rückhaltlose Erkenntnis des Doppelgängers als zentrale Aufgabe des Geistesschülers bezeichnet, auch in seinen Unterweisungen für die Mitglieder der ersten Klasse der Freien Hochschule seit 1924 stand diese Aufgabe im Mittelpunkt. Wer dem Doppelgänger, der an der Schwelle der geistigen Welt steht, nicht begegnet, kann diese Schwelle nicht überschreiten. Wer diese Begegnung vermeidet oder zu umgehen sucht, wird in seinem Handeln und Verhalten unweigerlich vom Doppelgänger bestimmt. Die der Erkenntnis nicht zugänglichen oder von ihr nicht aufgelichteten Anteile des Seelenlebens bestimmen nicht nur das Selbstverständnis des betreffenden Menschen, sondern werden auch auf andere projiziert. Eine Gemeinschaft von »Geistesschülern«, die sich in einer Gesellschaft zur Förderung der Geisterkenntnis zusammenschließt, wird die Augen vor ihrem Doppelgänger nicht verschließen dürfen, sonst wird das Leben dieser Gemeinschaft von ihm dominiert.

Hermannstorfer, der sich von manchen Redebeiträgen offenbar angegriffen fühlte, räumte ein, er spreche zwar nur für eine Gruppe von Jugendlichen, die Jugendsektion sei jedoch für alle offen. Stets sei bei der Arbeit die Freiheit aller geachtet worden. Es gehe auch nicht um eine Herabsetzung des Gefühlslebens, sondern darum, die Erlebnisse der Verstandes- und Gemütsseele in die Bewusstseinsseele hinaufzuheben. Weitere Redner setzten sich für Witzenmann ein und hoben die bedeutenden Anregungen hervor, die sie von ihm erhalten hätten. Die Debatte bewegte sich zwischen allgemeinen Gesichtspunkten zur Aufgabe der Sektion und der Jugendarbeit und konkreten Erlebnisberichten aus der Arbeit hin und her, bis schließlich Witzenmann zu einer längeren abschließenden Stellungnahme das Wort ergriff.

In einer für ihn charakteristischen Art beantwortete er die aufgeworfenen Fragen nicht direkt, sondern stellte eine grundsätzliche Betrachtung an. Die Jugendarbeit ordnete er in Anknüpfung an eine Beobachtung des britischen Geschichtsphilosophen Arnold Toynbee in einen größeren zeitgeschichtlichen Zusammenhang ein. Dieser hatte davon gesprochen, die Gegenwart sei durch eine Zunahme von Gewalt und Mitleidlosigkeit gekennzeichnet, die zu einer fortschreitenden Brutalisierung der Menschheit führten. Dieser Entwicklung müsse die anthroposophische Gesellschaft und die freie Hochschule das Prinzip des Zusammenarbeitens freier Individualitäten entgegenstellen. An die Stelle der zunehmenden Entfremdung der einzelnen Individuen müsse das Vertrauen in die geistige Welt treten, die sich als Individualimpuls im einzelnen Menschen äußere. Angesichts der Weltsituation komme dem Leiter einer Sektion eine doppelte Statthalterschaft zu: erstens gegenüber dem in der geistigen Welt befindlichen Vorstand der Anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft und ihrem ersten Vorsitzenden Rudolf Steiner, der die Aufgabe gestellt habe, die irdische Gesellschaft und Hochschule zu einem Abbild der Michaelschule zu machen; und zweitens gegenüber der heranwachsenden Generation und ihren Lebens- und Erkenntnisfragen.

Neben Gewalt und Mitleidlosigkeit werde aber an der heranwachsenden Generation noch ein drittes Problem sichtbar: das Bedürfnis, sich aus dem Produktionszwang der Konsumgesellschaft zu befreien. Wie nach dem I. Weltkrieg das Proletariat aus der Besitz- und Erwerbsgesellschaft hinausgestrebt sei, dieses Streben aber nur in alten Gedanken- und Empfindungsgewohnheiten zum Ausdruck zu bringen vermocht habe, so strebten in der Gegenwart, in der alle zum Proletariat geworden seien, besonders die Jugendlichen aus den Zwängen der Konsumgesellschaft heraus, fänden aber wiederum die Wege nicht, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Diese Befreiung werde nur gelingen, wenn die Menschen in ihrem Inneren die Konsumentensituation zu überwinden vermöchten und sie aus Konsumenten zu Produzenten würden. Sie bei dieser inneren Umwandlung zu unterstützen, sei die vordringlichste Aufgabe der anthroposophischen Jugendarbeit. Und auf welche Weise diese Arbeit geleistet werden könne, verdeutlichte Witzenmann im Folgenden an einem Beispiel. Er ließ sich also nicht theoretisch über die Methoden seiner Arbeit aus, sondern führte der Versammlung exemplarisch vor, wie er in der Jugendsektion arbeitete. Als Beispiel wählte er den anthroposophischen Schulungsweg, die Meditation.

Zwar könne die Frage nach der Meditation nicht direkt beantwortet werden, Beobachtungen aus dem Vorfeld des Meditierens könnten aber in einem lebendigen Gespräch entwickelt werden. Dies werde er an der Samenkornmeditation veranschaulichen.

Zunächst richte man seinen Blick mit der besonnenen Ruhe des Naturforschers auf die Pflanze, die man in ihrem inneren Gestaltungsprozess vor sich entstehen lasse. Durch eine innere Tätigkeit gehe man aus dem Ungeformten ins Geformte, dem Farblosen ins Farbige, dem Trockenen ins Saftige über. Richte man nun den beobachtenden Blick auf sich selbst, bemerke man, dass die Meditation auf einer nicht alltäglichen Willensentfaltung beruhe und dieser Wille durch einen freien Entschluss in Bewegung gebracht werde. Der Wille werde dadurch bewusster und in einer vollständigen Umkehr erlebt. Er wende sich nicht mehr nach außen, sondern nach innen. Der Meditierende senke seine Willenswurzeln in das Wesen der Dinge und indem er sich nach innen wende, beginne der Stamm seines Wesens aufzusteigen. Sein Gefühlsleben fühle sich erfrischt und er beginne im Inneren aufzublühen. Durch diesen seelischen Vorgang werde die Konsumentengesinnung tatsächlich überwunden, denn das Samenkorn werde nicht mehr verzehrt, sondern als Nahrung des Seelenlebens verwendet. Nicht nur das Verhältnis des Menschen zur Welt verändere sich, sondern der Mensch beginne auch aus dem Wesen der Welt hervorzuwachsen. So wie sich der Wille des Meditierenden nach innen wende, so wende sich sein Gefühl nach außen. Der Mensch beginne sich im Wesen und Werden der Dinge zu fühlen, sein Fühlen wachse in die Welt hinein und verleihe ihm Flügel, die ihn in der Welt trügen. Auch das Erkenntnisleben verwandle sich durch die Meditation. Während es gewöhnlich unbeobachtet bleibe und nur »in seinen toten Endprodukten als blutlose Schattenwelt« erlebt werde, werde es nun zweiseitig wie ein Januskopf: denn in der Meditation erlebe der Mensch das Gesetz der Pflanzenbildung nicht nur als tote Vorstellung, sondern als lebendige Bildekraft, die sowohl in seinem Inneren, als auch in der äußeren Welt wirke. So entstünden Erkenntnisblüten aus dem Stamm unseres Wesens. Frage man sich nun, was da vorgegangen sei, auf welche Weise dieses Samenkorn im meditativen Erleben reife, so erkenne man, dass es nicht durch Naturkräfte, sondern durch eine im Menschen liegende Kraft wachse. Diese Kraft sei den Todeskräften entgegengesetzt, die den Menschen aus der Welt herausfallen ließen und schließlich seine physische Gestalt zerstörten. Es handle sich um eine Auferstehungskraft, die des Menschen Geistgestalt aufbaue, sein Gefühlsleben ausweite und ihn mit dem Wesen der Welt verbinde. – Auf diese Weise könne die Konsumentenhaltung überwunden und zur inneren Produktivität fortgeschritten werden.

Die Debatte über die Wochenschrift

Der Antrag Jaquets, der ebenfalls in ein Anliegen umgewandelt worden war, stand als nächster zur Diskussion. Sie betonte, ihr Anliegen stelle keinen Angriff auf Friedrich Hiebel dar, sondern betreffe die gesamte Gesellschaft. Seit Februar 1970 würden wieder Vorträge Rudolf Steiners in der Wochenschrift veröffentlicht. Hiebel habe im Januar erklärt, dadurch sei jener Zustand wieder hergestellt, der zur Zeit der Begründung der Wochenschrift bestanden habe. Jaquet bestritt diese Behauptung. Zu Steiners Lebzeiten und nach seinem Tod seien von ihm verfasste bzw. hinterlassene Texte in der Wochenschrift erschienen. Der 1952 von der Nachlassverwaltung gegen die Gesellschaft angestrengte Prozess habe diesen Veröffentlichungen ein Ende gesetzt. Darin, dass der Vorstand und die Leitung der Hochschule durch ein Gerichtsurteil daran gehindert worden seien, Steiners Vorträge herauszugeben, liege eine »furchtbare Tragik«. Denn sie hätten nach dem Urteil den Nachlassverein um eine Abdruckgenehmigung bitten müssen, was einer Freien Hochschule nicht geziemt haben würde. Sie wäre dadurch in Abhängigkeit von einer »außerhalb der Gesellschaft stehenden« Institution geraten. Daher seien seit nahezu 20 Jahren keine Vorträge Steiners mehr in der Wochenschrift erscheinen. Wenn nun neuerdings wieder welche erschienen, sei die Situation aber eine völlig andere, als bei der Begründung der Zeitschrift, denn nun geschehe dies mit der Genehmigung des von der Gesellschaft niemals anerkannten Nachlassvereins, der sich mit Hilfe eines Gerichts die Aufgaben der Hochschule habe übertragen lassen. Dieser Verein besitze jedoch keinen geistigen Auftrag für diese Tätigkeit. In einer Fußnote werde auf die Genehmigung durch die Nachlassverwaltung hingewiesen, in einer Fußnote werde damit die Nachlassverwaltung von der Gesellschaft anerkannt. Durch diese Anerkennung werde nicht etwa der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt, denn dieser habe in der Vereinigung von Bewegung und Gesellschaft durch die Weihnachtstagung bestanden. Diese Einheit sei aber durch die Gründung der Nachlassverwaltung gerade zerstört worden. Die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes könne unmöglich darin bestehen, die Nachlassverwaltung anzuerkennen, denn ihre Gründung beruhe auf dem Irrtum, in der Gesellschaft sei »das schöpferische Leben der Weihnachtstagung erloschen«.

Auf diese Ausführungen antwortete Friedrich Hiebel. Er ging nicht inhaltlich auf das zentrale Argument Jaquets ein, sondern stellte unter anderem die Frage: »Muss der gegenwärtig wirkende Vorstand, der in bezug auf die Konflikte, in die der frühere Vorstand verwickelt wurde, schicksalsmäßig in einer andersgearteten Lage steht, nur als Verwalter vererbter Umstände fungieren oder kann er vielmehr versuchen, als Neugestalter freier Initiativen zu wirken?«

Im Anschluss an Hiebel erging sich E.C. Maron in längeren Ausführungen, die aufgrund zunehmender Unruhe im Saal vorzeitig abgebrochen werden mussten (stand doch das Abendessen bevor). In polemischer Zuspitzung vermutete er »hinter dem Antrag« Jaquets den »Arbeitskreis zur geistgemäßen Durchdringung der Weltlage« (zu deren Mitbegründern Jaquet bekanntlich gehört hatte), »der unter dem Protektorat des dissidenten Vorstandsmitgliedes, Herrn Witzenmann, in einer inneren Opposition gegen den von der Mehrheit des Vorstandes gefassten Bücherbeschluss von 1968 steht.« (Man erinnere sich daran, dass der Vorwurf der inneren Opposition auch schon 1968 von Grosse gegen Karl von Baltz verwendet worden war). Es werfe kein gutes Licht auf die Gesellschaft, so Maron, wenn sich diese von alten liebgewordenen Vorstellungen der 1940er und 1950er Jahre nicht trennen könne, obwohl inzwischen zwanzig Jahre vergangen und vielerlei Klärungen erfolgt seien. Zu diesen Vorstellungen gehöre auch die Meinung, Marie Steiner habe der Gesellschaft durch ihre Nachlassregelung ein Unrecht zugefügt. Steffen selbst habe den Streit mit dem Nachlassverein für einen Irrtum gehalten. Daher sei die Frage, wer Steffen größere Treue erweise: »diejenigen, die nach seinem Tode das taten, wozu er selber nicht mehr die Kraft hatte, oder diejenigen, die ihn weiterhin an notorische Fehler und an ein Unrecht binden wollen.« »Dem Vorstand unter der Führung von Herrn Grosse«, fuhr Maron fort, »gebührt der Dank dafür, dass er mit den schlimmsten Irrtümern durch die Hereinnahme der Bücher ins Goetheanum und den Abdruck von Wortlauten Rudolf Steiners aufgeräumt hat … Unbegreiflich muss es erscheinen, wenn jetzt durch die Anträge von Mme Jaquet und Herrn Boger diese Beschlüsse wieder rückgängig gemacht werden sollen.« Dass Maron damit die Meinung der überwiegenden Gesellschaftsmehrheit aussprach, sollte sich im Mai und Juni dieses Jahres zeigen, als zahlreiche Landesgesellschaften sich mit der Politik des Vorstandes ausdrücklich solidarisierten.

Die Debatte über die geistigen Grundlagen der Gesellschaft

Damit war aber der Höhepunkt dieses Karsamstages noch nicht erreicht. Dieser sollte am Abend folgen, als über das dritte Anliegen verhandelt wurde. Walter Boger vertrat die Auffassung, durch den Bücherbeschluss von 1968 habe die Gesellschaft ihre »geistigen Grundlagen« verlassen. Die in ihn gesetzten Erwartungen seien nicht erfüllt worden, vielmehr befinde sich die Gesellschaft in einer »äußerst gefährdeten Lage, wie nie zuvor«. Sie sei dabei, sich in eine »Nachlassgesellschaft« zu verwandeln, eine Gesellschaft, die sich die Auffassungen des Nachlassvereins zu eigen mache. Seit dem Tode Albert Steffens sei diese Gesellschaft auf ein geistiges Niveau herabgesunken, das nicht mehr ihrem Anspruch entspreche. Der Bücherbeschluss sei der erste Ausdruck dieses Niveauverlusts gewesen. Er richte sich gegen die geistigen Grundlagen der Gesellschaft und sei deswegen »illegitim«. Der Vorstand berufe sich auf sein Recht auf Initiative, aber bei Initiativen des Vorstandes könne es sich nur um »sinnlichkeitsfreie Initiativen« handeln, die der Vorstand intuitiv im Sinne der »Philosophie der Freiheit« fassen müsse. Solche Initiativen könnten nie im Widerspruch zu den Prinzipien stehen, weil in diesen der »Wahrheitsgehalt der Welt« lebe. Versuche der Vorstand Initiativen durchzusetzen, »denen dieser Wahrheitsgehalt nicht innewohne«, drohe Unfreiheit durch den Rückfall in autoritative Gemeinschaftsformen der Vergangenheit. Mittlerweile habe sich der Verlag der Nachlassverwaltung sogar in Rudolf Steiner Verlag umbenannt.

Über diese Umbenennung und die von ihr ausgehende imaginierte Gefahr sprach im Anschluss an Boger Aldo Bargero. Bereits dadurch, dass die Nachlassverwaltung durch ihren Prozess gegen die Gesellschaft den Nachlass Steiners an sich gezogen habe, habe sie ersterer schweren geistigen und materiellen Schaden zugefügt. Die nun vollzogene Namensänderung füge einen weiteren Schritt zu dieser fatalen Entwicklung hinzu. Denn nun sei auch der Name Rudolf Steiners in Gefahr, von Gesellschaft und Hochschule immer mehr getrennt zu werden. Der bisherige Name habe auf die tatsächliche Situation hingewiesen, der neue dagegen verschleiere diese Situation.

Die Anträge Jaquets und Bogners kommentiert der Biograph Herbert Witzenmanns, Klaus Hartmann, mit der Bemerkung, man könne sich aus heutiger Sicht fragen, »warum die Mitglieder des Arbeitskreises darauf insistierten, solche insgesamt zum Scheitern verurteilten Voten so lange vorzubringen, bis sie von den meisten als uneinsichtige Fundamentalisten angesehen wurden.« (Herbert Witzenmann, Bd 2, S. 284). Diese Frage ist aber nicht nur an die Anträge Jaquets und Bogners zu stellen, die zur Verteidigung einer verlorenen Sache vorgebracht wurden, sondern auch an die Position von Witzenmann selbst, denn ohne diese Position hätte es diese Anträge nicht gegeben.

Den aus seiner Sicht »schweren und bedrückenden Tag« beschloss Rudolf Grosse mit einer zusammenfassenden Abrechnung. Seinen Kritikern warf er vor, sie hätten den Vorstand abgeurteilt bzw. ihm das Gefühl vermittelt, er müsse in Zukunft die Antragsteller fragen, wenn er Entscheidungen treffen wolle. In der von ihnen verwendeten Sprache liege eine »Militanz«, die dem möglicherweise Berechtigten in ihren Anliegen den Boden entzogen habe. Wer schreibe, die Gesellschaft befinde sich in einer äußerst gefährdeten Lage wie nie zuvor, habe von dieser Gesellschaft und ihrer Arbeit offenbar keine Ahnung. »Es ist ja der Staub von zwanzig Jahren zurück auf uns gefallen«, fuhr Grosse fort. »Wir haben doch offenbar den 10. April 1971 und nicht etwas, was 10, 20, 30 Jahre in der Vergangenheit zurückliegt. Man kann nicht zurücktun, was getan worden ist. Man kann auch keinen Weg zurückgehen, den man gegangen ist. Es gibt nur einen Weg in die Zukunft hinein. Aber es gibt ein Betrachten der Vergangenheit und die Möglichkeit, gewisse Erkenntnisse daraus zu gewinnen. Es muss eben doch möglich sein, nicht fortwährend in einer Art Diskussion zu stehen, wo man den Eindruck hat: spaltet sich denn hier etwas oder ist hier eine Gemeinschaft der Anthroposophischen Gesellschaft noch gültig, aus der heraus es möglich ist, Probleme von den verschiedensten Seiten ohne Moralisieren entgegenzunehmen?«

Wer glaube, er müsse die Probleme der Vergangenheit unaufhörlich durchdringen, bis sie gelöst seien, der verstehe das Leben nicht. Auch Steiner habe durch die Weihnachtstagung einen Schlussstrich unter die vorherige bedrückende und ausweglose Situation gezogen und danach kein einziges Mal auf nicht bewältigte Probleme der Vergangenheit oder die Notwendigkeit ihrer Aufarbeitung verwiesen. Zur Frage, wie man in der Gesellschaft mit abweichenden Urteilen umgehen solle, führte er aus: »An dieser Beurteilung rüttelt man ja gar nicht. Denn das ist etwas, was jede Individualität in sich besitzt, zu urteilen, wie sie das aus sich und ihrer Reife heraus tun kann.« Allerdings sei es auch ein Ausdruck der Reife, wenn man frühere Urteile zu revidieren vermöge. »Das Alter fordert eine Verwandlung der in der Jugend gefällten Urteile.« Man könne nicht mehr tun, als abzuwarten, zuzuschauen, wie etwas komme und dann die Dinge sich aussprechen lassen.

In bezug auf die Diskussion über den Bücherbeschluss führte er aus: »Ist es denn heute das vornehmste Zeichen in der Gesinnung der Anthroposophen, die Bücher Rudolf Steiners aus dem Goetheanum herauszutun? … Ich muss das den Freunden überlassen, ob sie meinen, es wäre ein ungeheurer Fortschritt, wenn man jetzt die Bücher entfernt aus dem Goetheanum … die Bücher Rudolf Steiners und das Goetheanum gehören untrennbar zusammen.«

Am 9. Mai erschien im Nachrichtenblatt eine Stellungnahme der deutschen Landesgesellschaft zum ausgebrochenen Konflikt. Sie wurde ausdrücklich als einmütig bezeichnet. »In der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft hat sich eine Gruppierung um eine bestimmte Überzeugung in der sogenannten ›Bücherfrage‹ formiert … Absolute Einstimmigkeit ist keine Forderung innerhalb der Verantwortungsgemeinschaft des Vorstands; wenn der Träger mit seiner abweichenden Überzeugung im Sinne der Einmütigkeit auf die Gemeinschaft der Verantwortung eingestellt bleibt. Wenn statt dessen eines der Vorstandsmitglieder geistig die Mitte einer Sondergruppierung bildet, muss dies zu Schwierigkeiten und schließlich in Absurditäten führen:

– Die Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft wird zum Schauplatz einseitiger, zuweilen agitatorischer Äußerungen. Von den wirklichen Aufgaben der Gesellschaft in der heutigen Weltlage kann – wie die Erfahrung lehrt – kaum mehr gesprochen werden.

– Die Gesellschaftsbildung wird in örtlichen Bereichen durch solche Gesinnungsgruppierungen gestört.

– Die Jugendsektion offenbart nicht mehr die für ihr Wirken notwendigerweise allseitig orientierte Basis, auf der sich alle in der Welt für Jugendarbeit wirksamen Initiativen am Goetheanum begegnen und finden können …

Die Mitgliedschaft musste durch die letzten Generalversammlungen den Eindruck gewinnen: Durch eine Gesinnungsgruppierung besonders in Dornach selber, ist das Leben in der Gesellschaft negativ beeinflusst. Der Vorstand ist auch aus menschlicher Rücksichtnahme weitgehend gehindert, seine Initiativen durchzuführen …

Wir erklären daher zur ›Bücherfrage‹ und dem damit verknüpften Konflikt um den Nachlass Rudolf Steiners:

  1. Die mit den Individualitäten des Gründungsvorstands zusammenhängenden irdisch ungelösten Schicksale sind seit Jahrzehnten in karmischer Weiterbildung begriffen. Aus der Achtung dieses geistigen Tatbestands erwächst die Zurückhaltung in der Beurteilung der entstandenen Schicksalssituationen.
  2. Die Testamente Rudolf Steiners und Marie Steiners und die darauf beruhende heute bestehende Rechtslage bezüglich der Urheberrechte am Werk Rudolf Steiners werden anerkannt. In dem Testament Rudolf Steiners kommt über die juristische Verfügung hinaus ein menschlicher Vertrauensakt zum Ausdruck. In den entstandenen Konsequenzen waltet Karma. Dem Bemühen der Mitarbeiter der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung um die Gesamtausgabe gemäß den Intentionen von Marie Steiner gebührt der Dank aller, die mit diesem Werk arbeiten und leben …

Mit starker Anteilnahme haben wir die positiven Entwicklungen der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft in den letzten Jahren mitgemacht. Wir möchten dem Vorstand in seinem redlichen Ringen um wahrhaftige Initiativen danken und [ihn] mit allen unseren Kräften unterstützen.«

Ähnliche Stellungnahmen wurden im Mai von Norwegen, Finnland, Schweden, den Niederlanden, Kanada, England und Dänemark abgegeben und Anfang Juli im Nachrichtenblatt veröffentlicht. Wie hatte Grosse am Ende der Generalversammlung gesagt? Man könne nicht mehr tun, als abzuwarten, zuzuschauen, wie etwas komme und dann die Dinge sich aussprechen lassen.

In der Erklärung der deutschen Landesgesellschaft war von »Schwierigkeiten und Absurditäten« die Rede, von Agitation, von der Verhinderung eines Gesprächs über die wirklichen Aufgaben, von einer Störung der Gesellschaftsbildung, von Einseitigkeit, von negativer Beeinflussung des Gesellschaftslebens, davon, dass der Vorstand daran gehindert werde, seine Initiativen zu entfalten: Konnte aus all diesen Vorwürfen etwas anderes hervorgehen, als die Entfernung der störenden Elemente aus dieser Gesellschaft? Selbst wenn Witzenmann der einzige gewesen wäre, der die umstrittenen Sachverhalte richtig beurteilte, in sozialer Beziehung war er, was diese Gesellschaft anbetraf, zweifellos gescheitert. Die Gesellschaft als soziale Körperschaft war dabei, ihn und all diejenigen, die seine Auffassung vertraten, aus sich auszusondern. Dass es nicht zu derselben radikalen Lösung kam wie 1935, zeigt, dass die Gesellschaftsleitung aus der Geschichte offenbar etwas gelernt hatte.

Die Konsequenz aus all dem wurde im Oktober dieses Jahres gezogen. Witzenmann erreichte auf dem Krankenlager ein Schreiben seiner Vorstandskollegen, das im Januar 1972 mit einem Zusatz auch im Nachrichtenblatt veröffentlicht werden sollte:

»Sehr geehrter Herr Witzenmann, an der Zusammenkunft mit den Generalsekretären und Landesvertretern vom 22.-24. Oktober 1971 ist die Frage ihrer Zugehörigkeit zum Vorstand am Goetheanum einer eingehenden Aussprache unterzogen worden. Die am Gespräch Beteiligten mussten dabei schmerzlich empfinden, wie untragbar die durch Ihre Aufkündigung der Mitarbeit am Goetheanum geschaffene Lage geworden ist. Das deutlich gewordene Ergebnis dieser Besprechungen führt uns dazu, Ihnen mitzuteilen, dass wir Ihre gesamten Funktionen in Vorstand und Hochschule nunmehr als ruhend betrachten. Mit freundlichen Grüßen …« Der Zusatz, der im Januar 1972 zu diesem Schreiben hinzugefügt wurde, lautete: »Damit ist zum Ausdruck gebracht, dass die Sektion für das Geistesstreben der Jugend in den Händen des Vorstandes am Goetheanum liegt, der sich gemeinsam dieser Aufgabe annimmt.«

Dass Witzenmann tatsächlich der Auffassung war, die Menschen, die seine Auffassung teilten, seien die einzig übrig gebliebenen legitimen Träger der wahren Idee der Gesellschaft und letztlich auch der Anthroposophie, geht aus einem Brief hervor, den er im September vom Krankenlager aus an die Mitglieder des »Arbeitskreises zur geistgemäßen Durchdringung der Weltlage« schrieb. »Sie haben sich«, so hieß es darin, »die hohe Aufgabe gestellt, eine Gemeinschaft aus freier Einsicht, eine Erkenntnisgemeinschaft zu bilden. Allein eine solche Gemeinschaft kann die Trägerin jenes Bewusstseins sein, das die spirituelle Grundlage der modernsten aller Gemeinschaften, nämlich der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, wie sie von Rudolf Steiner in der Weihnachtstagung inauguriert wurde, bilden soll. Eine solche Gemeinschaft, innerhalb deren sich die individuellen Überzeugungen durch Erkenntnis in einem überindividuellen Bewusstsein frei vereinigen, unterscheidet sich von allen jenen Gemeinschaften, die sich auf das alte kollektivistische Prinzip einer einheitlichen Meinung stützen …

Aufgabe der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft ist es …, dieses alte Prinzip durch das Gemeinschaftsprinzip der Zukunft abzulösen. In diesem zukünftigen Gemeinschaftsprinzip schließen sich die unvertretbar individuellen Überzeugungen in der Einheitlichkeit der Wahrheit zusammen, die gerade dadurch erden- und menschenwirksam werden, dass sie verschiedenen Individualitäten in ganz verschiedener Weise erscheint. Man kann daher in modernem Geiste nicht deshalb einer Gemeinschaft angehören, weil man diese als existent betrachtet und ihre Existenz für das eigene Handeln als verbindlich ansieht. Vielmehr muss eine moderne Gemeinschaft aus der freien Konkurrenz der Überzeugungen fortwährend neu entstehen. Allein darin kann der Einklang mit ihrer geistigen Führung bestehen …

Da sich der Arbeitskreis die hohe Aufgabe gestellt hat, diesem von mir … nur in Andeutung charakterisierten Ziele nachzuleben, ist er der wichtigste Träger der geistigen Grundlagen der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und die wahrhaftigste Stütze der Vorstandsidee. Er kann daher seinem Wesen nach gar nicht anders, als innerhalb der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Aufgabe ihrer geistigen Führung stehen.«

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Fortsetzung folgt

2 Kommentare

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