1972 | Auszug aus Ägypten

Auszug aus Ägypten

Auszug aus Ägypten. Bildquelle: schalomchaverim.com

Im Jahr 1972 steuerte der Konflikt in der Anthroposophischen Gesellschaft auf einen Höhepunkt zu. Herbert Witzenmann war nicht gewillt, seine »Funktionen in Vorstand und Hochschule als ruhend zu betrachten«. Auf das im Januar veröffentlichte Schreiben seiner Kollegen antwortete er mit einem Brief, der Anfang Februar im »Nachrichtenblatt« abgedruckt wurde.

Im Gegensatz zu diesen, die von seiner »Aufkündigung der Mitarbeit am Goetheanum« gesprochen hatten, sah er sich als Opfer. Er habe sich nicht »der Mitwirkung im Aufgabenbereich des Vorstandes entzogen«, sondern vielmehr seine »freie Mitwirkung« angeboten, obwohl ihm diese »freie Tätigkeit unmöglich gemacht« worden sei. Außerdem warf er seinen Kollegen vor, sie hätten versucht, »Zwang« auf ihn auszuüben. Die Beschuldigten wiesen diese Vorwürfe umgehend zurück und beteuerten, Witzenmann habe seinerseits zahlreiche Gesprächsangebote ausgeschlagen. De facto war Witzenmann damit aus dem Vorstand ausgeschlossen, auch wenn dieser Schritt de jure nicht vollzogen wurde – und bis zu seinem Tod nicht vollzogen werden sollte.

So lagen die Dinge vor der Generalversammlung an Ostern 1972, die mit einer Dauer von vier Tagen wohl eine der längsten Generalversammlungen der Geschichte der Gesellschaft war, wenn man einmal von der Gründungsversammlung absieht, die neun Tage dauerte. In diesem Jahr vollendete die Gesellschaft nicht nur das 49. Jahr ihrer bewegten Geschichte, hatte doch die Weihnachtstagung zur Neukonstitution der Gesellschaft 1923 stattgefunden (24.12.1923-1.1.1924), sondern auch das 70. Jahr ihrer Existenz auf Erden, wenn man der Zählung den Beginn der Tätigkeit Rudolf Steiners als Generalsekretär der Deutschen Sektion zugrunde legt.

Vermutlich auch aufgrund dieser bedeutungsschwangeren zeitlichen Bezüge wurde die Generalversammlung in die Ostertagung integriert und unter drei thematische Gesichtspunkte gestellt. Grosse sprach in seiner Eröffnungsansprache von einem »geistigen Impuls«, aus dem heraus sie aufgebaut worden sei. Ihr Gesamtthema sei »die Dreiheit als Urbild der Anthroposophischen Gesellschaft«: die Verhandlungen über die Traktanden sollten unter dem Motto »Gestalt und Aufgabe der Anthroposophischen Gesellschaft« stehen und die Abendveranstaltungen dem Thema »Die Anthroposophische Gesellschaft als eine esoterische Gemeinschaft – Das Hereinwirken geistiger Wesenheiten« gewidmet sein.

Grosse bettete in seine Ansprache eine Rezitation des mantrischen Textes der »Grundsteinlegung« ein, die er mit den Sätzen kommentierte: »In diesen drei Anrufen an die Menschenseele, die sie ja selber an sich richtet, haben wir jene Dreiheit zu sehen, die als ein Urbild, als Grundsteinurbild in die Anthroposophenherzen gesenkt worden ist.« (»Menschenseele! … Übe Geist-Erinnern / In Seelentiefen … Übe Geist-Besinnen / Im Seelengleichgewichte / Übe Geist-Erschauen / In Gedanken-Ruhe«, GA 260, S. 67 f). Mit dieser Rezitation Grosses begann eine Tradition der rituellen Reinszenierung der Weihnachtstagung in der Anthroposophischen Gesellschaft, die bis heute anhält und die spirituelle Kontinuität untermauern soll, die sie an ihren Gründungsakt zurückbindet.

Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass sich die Lebensrealität dieser Gesellschaft zu ihrem beschworenen geistigen Status in deutlichem Kontrast befand. Kein Geringerer als Gerhard Kienle sollte dies bei seinem Bericht über die Lage der anthroposophischen Medizin bei der Generalversammlung zum Ausdruck bringen. Doch wenden wir uns zuerst Rudolf Grosse zu.

In seiner Eröffnungsansprache erinnerte er – Steiner zitierend – daran, dass die Weihnachtstagung von 1923 dazu gedient habe, »der anthroposophischen Gesellschaft eine Form zu geben, wie sie die anthroposophische Bewegung zu ihrer Pflege« brauche. Er betonte den Unterschied zwischen Gesellschaft und Freier Hochschule für Geisteswissenschaft. Der Vorstand leite sowohl die Gesellschaft als auch die Hochschule. Letztere sei jedoch »eine rein spirituelle Angelegenheit«. Die Hochschule und ihre Sektionen unterlägen nicht der Generalversammlung und ihren Beschlüssen. Die Vermischung dieser beiden Institutionen würde, so Grosse, die Konstitution der Gesellschaft »im tiefsten verunmöglichen und verletzen«.

Bereits die Gesellschaft stelle gegenüber »allem bisherigen Vereinswesen« einen vollständigen Bruch dar. Steiner habe sogar gesagt, »ein Wählen« sei in der Anthroposophischen Gesellschaft »unmöglich«.

Am 24. Dezember 1923 vormittags, hatte Steiner im Eröffnungsvortrag der Gründungsversammlung bei der Vorstellung des »Statutenentwurfs« für die neue Gesellschaft tatsächlich davon gesprochen, dass »ein eigentliches Wählen in der Anthroposophischen Gesellschaft unmöglich« sei, dass stattdessen »in ihr nur Initiative möglich« sei. Wichtig ist jedoch der Kontext dieser Äußerung. Steiner sprach über sein Verständnis des Vorstandes: dieser verstehe sich nicht als »gewählt« (und in der Tat hatte Steiner ja die einzelnen Mitglieder auch berufen), sondern als eine Gruppe von Menschen »mit Initiative für die anthroposophische Sache«, die mit der Mitgliedschaft in lebendigen Austausch trete. Nicht eine Vertretung von Menschen »in abstracto« stelle der Vorstand dar, sondern – so muss man den Gedanken interpretieren – die Vertretung einer Sache »in concreto«, in der die vertretene Sache tatsächlich konkret, real, leibhaftig anwesend war oder sein sollte. Verwirklichung der Anthroposophie in Person auf der einen Seite (der des Vorstandes) und freie Anerkennung dieser Verwirklichung auf der anderen (der der Mitgliedschaft). Werde dieses freie Verhältnis zwischen Vorstand und Mitgliedschaft realisiert und öffentlich kommuniziert, dann, so Steiner, »werden solche Urteile … nicht mehr auftreten, dass ja ein willkürlicher Vorstand durch seine eigene Ernennung in den letzten zehn Jahren bestanden habe, der nirgends gewählt worden sei. Man muss von Anfang an die Tatsache scharf betonen, dass ein eigentliches Wählen in der Anthroposophischen Gesellschaft unmöglich ist, sondern dass nur Initiative möglich ist« (24.12.1923, GA 260).

In diesem Kontext verstand Steiner also unter »Wählen« eine »abstrakte Vertretung von Menschen«, dem er die »konkrete Vertretung einer Sache« gegenüberstellte. Geeignet für das Amt des Vorstandes war seiner Ansicht nach, wer die Anthroposophie in Person – in concreto – realisierte und diesem gebührte Anerkennung seitens der Mitgliedschaft.

Nun kam Steiner allerdings am 25.12.1923 nachmittags, bei der Besprechung mit den Generalsekretären der Länder, erneut auf diese Frage zurück und kokettierte etwas mit »demokratischen« und »aristokratischen« Verfahrensweisen. »Ich kann mir zum Beispiel ganz gut denken, dass es Ländergesellschaften gibt, die durchaus demokratisch verfahren wollen. Ich kann mir denken, dass andere hocharistokratisch sein wollen, sich anschließen an irgendeine Persönlichkeit und der es übertragen, die anderen Funktionäre zu ernennen und dergleichen. Deshalb meine ich, dass zunächst die ja von mir etwas – wie soll ich sagen –, etwas aristokratisch gehandhabte Einsetzung des Vorstandes vielleicht etwas nachgeahmt wird. Es kann aber auch sein, dass sie da oder dort als höchst unsympathisch empfunden wird: dann könnte ja auch demokratisch gewählt werden« (GA 260, 25.12.1923, nachm.).

Steiner hielt einen Wahlvorgang prinzipiell also keineswegs für »unmöglich«. Aber die Geschichte geht noch weiter. Er begründete seine Auffassungen auch. Vernünftige, begründete Wahl setzte seiner Ansicht nach nämlich Erkenntnis voraus: in diesem Fall Erkenntnis von Personen und ihrer spezifischen Fähigkeiten. Je kleiner eine Gruppe, »um so leichter« die Wahl, während schon die Versammlung, die aus den Generalsekretären der Länder, ihren Sekretären und dem Vorstand zusammengesetzt war (bei dieser Versammlung dürften maximal 35 bis 40 Personen zugegen gewesen sein, s. GA 260, S. 70 ff.), wegen ihrer Größe einer solchen vernünftigen, »gedankenvollen« Wahl die Grundlage entziehe: »Irgend jemanden nominieren und wählen, das ist unmöglich, wenn zunächst so wenig gegenseitiges Erkennen vorhanden ist«. »Entweder man wird so wählen, dass die Wahl gedankenlos ist: dann werden die Gesellschaften nicht blühen …«, oder aber, »man schaut hin auf diejenigen, die sich schon Verdienste erworben haben, das oder jenes als Arbeit geleistet haben, an denen man beobachtet, wie sie die Arbeit leisten: dann wird im allgemeinen auch eine Majorität auf selbstverständliche Art sich finden. Ich glaube nicht, dass irgendwie, wenn die Antezedenzien hergestellt sind für irgendeine Wahl, dann bei uns, wo es wirklich darauf ankommt, dass gearbeitet wird, irgendeine Demokratie die Arbeit unmöglich macht. Also ich meine, in der Praxis wird kein so großer Unterschied sein zwischen Demokratie und Aristokratie« (ebenda).

Steiner verfuhr, wie man sieht, nach einem meritokratischen Prinzip: als geeignet für ein Amt erschien der, der sich durch sein Handeln, seine Verdienste vor anderen auszeichnete und in der Gemeinschaft wegen ebendieser bereits Anerkennung genoss. Die »Wahl« war so gesehen schon im Vorfeld durch einen Prozess der sozialen Distinktion erfolgt, in dem initiatives Handeln aus Verantwortung für die Sache und Anerkennung durch Andere ineinander verschränkt waren und sich gegenseitig bedingten. Diese im sozialen Distinktionsprozess bereits erfolgte Wahl wurde durch die formale Nominierung für das Amt lediglich bestätigt, die wiederum formal durch die Mitgliedschaft bestätigt wurde. Dass dieses meritokratische Verfahren sozialempirisch und im Grunde basisdemokratisch ist, sollte nicht übersehen werden. Auf einer tieferen Ebene verfuhr Steiner also wirklich »demokratisch«, auch wenn er damit kokettierte, »aristokratisch« zu handeln.

Kehren wir nach diesem Exkurs zu Grosse zurück, der offenbar der Auffassung war, nicht nur die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, sondern auch die Anthroposophische Gesellschaft, deren Ziel die Förderung der Forschung auf geistigem Gebiet ist, seien Institutionen, die keinerlei demokratischem Prozedere unterlägen.

Im Vorblick auf die bevorstehenden Auseinandersetzungen führte Grosse aus: »Wir stehen nun auch in dieser Generalversammlung wieder vor einer mit Anträgen beladenen Versammlung. Wir hatten ja das letzte Jahr eine Versammlung, die so niederschmetternd und deprimierend war, dass wir fragen mussten: gibt es Möglichkeiten, ins Zentrum der anthroposophischen Generalversammlung andere Themen zu stellen, die von wesentlicherer Bedeutung sind? Und diese wesentliche Bedeutung haben z.B. die Berichte, die die Landessekretäre uns zu geben haben … ebenso die Arbeitsberichte, die aus den verschiedenen Sektionen … zu erteilen sind … muss denn eine Generalversammlung so blockiert werden durch Anträge, wie es wieder bei dieser der Fall ist, die ja Befehlscharakter haben? Wäre es nicht möglich, in ganz anderer Weise Probleme hereinzustellen …«, zum Beispiel »das Verhältnis, das wir heute im Arbeitszusammenhang des Vorstandes haben? Das ist ein Problem, das uns seit Jahren bedrückt. Es gehört behandelt, aber die Anträge nehmen uns die Zeit. Oft sind es Anträge, die zum Teil sinnlos sind … Was müssen wir für Zeit dafür hergeben! … Man hätte eigentlich, wenn man aus dem Herzen sprechen wollte, und das will ich, nichts anderes, als den Appell: zieht sie doch zurück! Es hat keinen Sinn, mit Anträgen solche Dinge zu behandeln.«

Damit war die Marschroute festgelegt: Fragen der Hochschule lagen generell außerhalb der Entscheidungsmöglichkeiten der Generalversammlung, entsprechende Anträge waren wegen »Konstitutionswidrigkeit« abzuweisen. Selbst für Verhandlungen der Mitgliederversammlung über gesellschaftliche Fragen stellte Grosse die Gültigkeit demokratischer Verfahren – zu denen ja auch Abstimmungen und Mehrheitsentscheidungen gehören – in Abrede. Und diese Marschroute sollte in den folgenden Tagen konsequent eingehalten werden.

Im Anschluss an Grosse berichtete Erhard Fucke von der Kasseler Waldorfschule zunächst von einer erfreulichen Entwicklung: dem Boom dieser Schulen in Deutschland. Jedes Jahr würden neue eröffnet und die bestehenden Einrichtungen könnten gar nicht alle Kinder aufnehmen. Allerdings bemerkte er auch selbstkritisch, die Zahl der Schulen sage nur wenig über die Qualität der in ihnen verwirklichten Pädagogik aus. »Waldorfschule«, so Fucke, existiere nur insofern, »als es den dort unterrichtenden Lehrern gelingt, das Initiationsprinzip zum Zivilisationsprinzip zu machen.« Damit meinte er die Verpflichtung der Lehrer, »die Kluft, die zwischen der Erdenzivilisation und den Gesetzen der geistigen Welt« bestehe, durch »Bewusstseinsschulung« immer wieder neu zu überbrücken.

Daraufhin wurde der Antrag eines Mitglieds behandelt, das sich aus »rechtlichen und esoterischen Gründen« gegen die Aufnahme der Verhandlungen der Generalversammlung auf Tonband zur Wehr setzte. Rejo Wilenius (*1930), Waldorflehrer und Philosophieprofessor aus Finnland, kommentierte diesen Antrag wie folgt: »Es wird versucht, den Vorstand mit vereinsrechtlichen und esoterischen Mitteln zu schlagen. Das Vereinsrechtliche wird missbraucht, um den Vorstand zu gewissen Handlungen zu zwingen. Und dies … widerspricht dem Geist unserer Konstitution, die auf ein Vertrauensverhältnis zwischen den Mitgliedern und dem Vorstand zielt … es gibt tausend Möglichkeiten, um durch vereinsrechtliche Mittel, durch eine sozusagen Geheimpolizei der Gesellschaft, den Vorstand zu schlagen oder in die Ecke zu treiben. Dieser Antrag, oder ich möchte sagen, diese ganze Anträgerei widerspricht der Würde einer anthroposophischen Generalversammlung …« Der Antrag wurde mit überwältigender Mehrheit abgelehnt.

Am ersten Tag der Generalversammlung, Montag, den 27. März 1972, musste sich die Mitgliedschaft mit einer Reihe weiterer Traktanden auseinandersetzen, darunter einem Geschäftsordnungsantrag, den die beiden Mitstreiter Witzenmanns, Rudolf Koller und die Ärztin P. Weyeneth eingereicht hatten, der sich gegen die gesamte Organisation der Veranstaltung und die Anordnung der Traktanden wandte. Darin hieß es unter anderem, die Festsetzung der Generalversammlung auf vier Tage widerspreche dem Sinn und Zweck einer Generalversammlung. Außerdem forderten die Antragsteller, den Anträgen, die sich auf Witzenmanns Mitarbeit im Vorstand und die Nachlassverwaltung bezogen, Priorität einzuräumen. In seiner Begründung berief sich Koller unter anderem auf einen »in Gesellschaftsfragen spezialisierten Anwalt«, der eine derart lange Generalversammlung »vereinsrechtlich nicht für zulässig« halte. Werner Berger plädierte seitens des Vorstandes dafür, den Antrag abzuweisen, erstens, weil er viel zu spät eingereicht worden sei, und zweitens, weil sowohl die Prinzipien als auch die Statuten der Gesellschaft dem Vorstand das Recht einräumten, die Tagesordnung der Generalversammlung festzusetzen. Die Mitgliedschaft folgte dieser Empfehlung.

Ein weiterer Antrag wurde von Michael Rist (gest. 2014) gestellt. Rist gehörte dem Lehrkörper der ETH an, war Präsident des Zürcher Konsumentenvereins zur Förderung der biologisch-dynamischen Landwirtschaft und sollte 1973 eine Stiftung mitbegründen, die eben diese Landwirtschaft in der Schweiz fördert und unter anderem bis heute das wissenschaftliche Forschungsinstitut FiBL trägt. Rist schlug die Einrichtung eines Seminars zum Thema »Gemeinschaftsbildung durch Individualitäten« vor, das den im Vorstand zutage getretenen Widerspruch zwischen Einheit und Freiheit bearbeiten solle. Im Verlauf seiner Begründung stellte sich aber heraus, dass es noch um etwas ganz anderes ging: um die Verfahrensweisen der Generalversammlung und die Rechte der Mitglieder gegenüber dem Vorstand.

»Es ist ein ungeheures Missverstehen«, so führte Rist aus, »wenn meine Ausführungen, die ich in Form eines Antrags vorgebracht habe, als ein Schlag gegen den Vorstand bezeichnet werden … Wenn Sie die Statuten und Prinzipien ansehen, dann ist in ihnen nur die Rede von Anträgen … Ich bin aber mit dem Vorstand durchaus einverstanden, dass es ein Unfug ist, in der Anthroposophischen Gesellschaft über Anträge abzustimmen. Das ist, so wie Herr Grosse ja ausgeführt hat, gar nicht möglich, dass hier in der Generalversammlung irgend etwas zur Abstimmung gebracht wird, was dann für den Initiativvorstand bindend ist. Wir müssen also … entweder die Statuten ändern und dort zum Ausdruck bringen, dass es sich nicht um Anträge handelt, sondern um Anliegen, oder wir müssen die Anträge so auffassen, dass sie nicht zwingenden Charakter für den Vorstand haben.«

An Rists Ausführungen schloss sich eine lange Debatte an, die um die Frage der Autonomie des Vorstands und der Hochschule und die Rechte der Generalversammlung kreiste, an der sich seitens des Vorstandes Berger und Hagen Biesantz beteiligten. Die Debatte zeigt, dass die streitenden Parteien dieselben grundlegenden Missverständnisse teilten, dass also der Grund der Kontroversen gar nicht in diesen gemeinsam geteilten Überzeugungen lag, sondern in den sozialen Konstellationen, die sich aus persönlichen Bindungen und Solidaritäten ergaben. Dies zeigt bereits Bergers erste Erwiderung, in der er ein bemerkenswertes Argument vorbrachte, das offensichtlich der autoritären Deutung Grosses widerspricht. Berger dürfte diese Tatsache nicht klar gewesen sein. Er erklärte nämlich die Generalversammlung zum »einzig zuständigen Interpretationsorgan« der Verfassung der Gesellschaft (der Prinzipien und Statuten). Wenn diese immer schon mit der Unterscheidung zwischen Anträgen (die der Abstimmung bedurften) und Anliegen (die lediglich der Beratung oder Besprechung bedurften) gelebt habe, dann sei dies eben so. Er drängte Rist, seinen Antrag in ein Anliegen umzuwandeln, »um ihn aus der Abstimmungssphäre herauszunehmen und ihm damit den zwingenden Charakter zu nehmen.« Berger schien also der Auffassung zu sein, wenn eine Mehrheit der Versammlung den Vorschlag Rists befürworte, dann wäre der Vorstand an dieses Votum gebunden, was ja auch mit seiner These zusammenstimmte, die Generalversammlung sei das »einzige Interpretationsorgan« der Verfassung der Gesellschaft. Wenn Grosse sich gegen »Anträge« zur Wehr setzte, die »Befehlscharakter« hätten, dann setzte er sich gegen ein demokratisches Verfahren der Willensbildung in der Gesellschaft zur Wehr, um die Autokratie des Vorstandes zu sichern. Wenn Berger erklärte, die Generalversammlung sei das »einzig zuständige Interpretationsorgan« der Gesellschaft, dann war sie auch für die Frage zuständig, wie ihr Verhältnis zur Hochschule und die Regelung der Kompetenzen des Vorstandes innerhalb der Gesellschaft zu interpretieren sei. Hätte nun eine Generalversammlung entschieden, sie sei auch für die Hochschule oder für die Entscheidungen des Vorstandes zuständig, dann wäre eine solche Entscheidung ihres »einzigen Interpretationsorgans« selbstverständlich für die gesamte Gesellschaft verbindlich gewesen.

Rist griff jedoch diesen Widerspruch nicht auf, sondern erklärte, ihm gehe es darum, festzustellen, ob die versammelte Mitgliedschaft die Einrichtung des von ihm vorgeschlagenen Seminars begrüße oder nicht (also um eine Meinungsumfrage). Wenn dies durch eine Abstimmung geklärt werde, bedeute dies keineswegs, dass der Vorstand gezwungen sei, ein solches Seminar auch einzurichten. Er könne sich nach dem Votum richten oder aber auch nicht. Berger entgegnete nun: »Ob tausend Menschen eine Idee für gut finden oder ob ein Mensch das für richtig und gut findet …, von der Zahl hängt es nicht ab. Entweder besteht die Notwendigkeit ein Seminar einzurichten, und das hat der Vorstand innerhalb seines Aufgabenbereiches zu entscheiden, oder es besteht keine Notwendigkeit.« Offensichtlich steht diese Aussage im Widerspruch zum kurz zuvor von Berger selbst postulierten Grundsatz, die Generalversammlung sei das »einzige Interpretationsorgan« der Verfassung. Denn wenn dieses »einzige Interpretationsorgan« einen Mehrheitsbeschluss fasste, dann war dieser für den Vorstand der Gesellschaft bindend und dieser konnte sich nicht auf das Privileg einer Entscheidungsfreiheit »innerhalb seines Aufgabenbereichs« berufen.

Auf das Problem der Autonomie des Vorstandes und der Hochschule ging auch Hagen Biesantz in seinem langen Redebeitrag ein. Für Biesantz, der seiner eigenen Bekundung zufolge die Meinung des »Vorstandes, der Generalsekretäre und Landesvorstände« zum Ausdruck brachte, war der Antrag Rist »konstitutionswidrig«, d.h., er widersprach dieser Auffassung nach der Verfassung der Gesellschaft. Dies aus folgendem Grund: ein solches Seminar, so Biesantz, könne am Goetheanum, der freien Hochschule für Geisteswissenschaft, nur durch eine Sektion eingerichtet werden und »stünde damit unter der ausschließlichen Verantwortung des Vorstandes und der Sektionsleiter. Die Generalversammlung hat keinerlei Kompetenz, zu bestimmen über dasjenige, was innerhalb der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft als Arbeit eingerichtet wird … Mit gutem Grund lässt unsere Konstitution jedes tätig-sein-wollende Mitglied frei, eigene Initiativen zu verwirklichen. Dieselbe Konstitution lässt aber auch den Vorstand frei und die Sektionsleiter, im Arbeitsbereich der Hochschule ihre Initiativen zu verwirklichen. Und das ist eine unabdingbare Notwendigkeit … Die Freiheit muss eine gegenseitige sein.«

Diese Ansichten brachte der Gegenantrag auf Nichteintreten zum Ausdruck, den Biesantz abschließend vorlas, in dem es hieß: »Der Antragsteller lässt außer Acht, dass den vereinsrechtlichen Bestimmungen nur die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft, nicht aber die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft unterstellt ist. Die Generalversammlung hat daher keine Möglichkeit, auf die Gestaltung der Hochschultätigkeit durch Beschlussfassung bestimmend einzuwirken.« Hätte man sich der Argumentationslinie Bergers angeschlossen, dann wäre es aber, wie bereits gesagt, durchaus im Bereich des Möglichen gelegen, »durch Beschlussfassung auf die Gestaltung der Hochschultätigkeit bestimmend einzuwirken«. Die anschließende Debatte über Eintreten oder Nichteintreten führte jedoch dazu, dass es Rist schließlich – mit der ironischen Bemerkung: »Ich kann Sie nicht zwingen, einzusehen, dass ich sie nicht zwingen will« – dem Vorstand anheimstellte, seinen »Antrag« als »Anliegen« zu behandeln oder auch nicht.

Den Vormittag des zweiten Verhandlungstages (Dienstag, 28. März 1972) füllten einige Berichte über die anthroposophische Arbeit: Erhard Fucke sprach über die Berufsbildung, die an der Kasseler Waldorfschule durchgeführt wurde; Arne Klingborg (schwedische Landesgesellschaft) – veranlasst durch das zunehmende Interesse der Massenmedien an der anthroposophischen Bewegung – über die Notwendigkeit, sich das Instrument dieser Medien (insbesondere Rundfunk und Fernsehen) zunutze zu machen, um die Öffentlichkeit sachgerecht zu informieren (»Wenn wir uns nicht um die Öffentlichkeit kümmern, dann wird sich die Öffentlichkeit um uns kümmern, aber auf eine ungünstige Art«); Gerhard Kienle über die Situation der anthroposophischen Medizin und die Gefahren, die ihr durch die Arzneimittelgesetzgebung drohten. Während seiner Ausführungen warf ein Zwischenrufer ein, der Saal beginne sich in einen »Schlafsaal« zu verwandeln, was Kienle zur scharfen Entgegnung veranlasste, »die Existenz lebenswichtiger anthroposophischer Tätigkeiten« sei in der Vergangenheit oft genug »durch das Voranstellen der Gesellschaftsprobleme« gefährdet worden.

Heten Wilkens (1923-1994), der langjährige Generalsekretär der deutschen Landesgesellschaft, berichtete schließlich über die Arbeit einer Studienkommission, die sich mit der »Verfassung« (Konstitution) der Anthroposophischen Gesellschaft, insbesondere mit der Aufgabe und Bedeutung der Delegierten (von Landesgesellschaften oder Arbeitsgruppen) beschäftigte, die in dieser Funktion an Generalversammlungen teilnahmen. Unter anderem ging er auch auf die Unterscheidung zwischen »Anträgen« und »Anliegen« ein.

»Wir haben auf der einen Seite Anträge« so Wilkens, »die zu einem Mehrheitsbeschluss führen, durch Abstimmung. Abgestimmt wird durch Delegierte. Es ergeben sich Beschlüsse, die die Gleichheit der gesamten Gesellschaft wirksam werden lassen. Mit anderen Worten: es kämen nur solche Sachen zur Abstimmung, die alle gleich angehen, daher von allen gestaltet werden und in der Folge alle binden.« »Man muss nur wissen, was kann Inhalt eines Antrages sein und was nicht«.

Anliegen brachte Wilkens mit den »Überzeugungen einzelner Individualitäten« in Zusammenhang, dies oder jenes müsse geschehen, das in die Gesellschaft »hineinempfohlen« werde, »aber ohne Abstimmung«. Er sprach sich dafür aus, solche Anliegen durch kurze Zusammenfassungen und Veröffentlichung im »Nachrichtenblatt« aufzuwerten, und dadurch die Initiativen der einzelnen Mitglieder zu würdigen. »Wir brauchen für dieses geistige Feld, wo Überzeugungen ausgesprochen werden, mehr Luft, seelische Luft im sozialen Raum. Etwas pointiert gesagt: Es muss sich auch der größte Unsinn ohne Erregungszustände aussprechen dürfen! Und man bekommt nur einen falschen Druck in die Sache, wenn über den größten Unsinn abgestimmt werden muss. Das ist sozial tragisch, weil es unnötig ist … Wir müssen dieses Feld freisetzen vom Abstimmungszwang«.

Die Nagelprobe für all diese verfahrenstechnischen Differenzierungen sollte der komplexe Antrag von Udo Hermannstorfer darstellen, über den am Dienstagnachmittag verhandelt wurde. Dieser Antrag, der nach den bereits vorgebrachten Überzeugungen des Vorstandes eindeutig »verfassungswidrig« war, rief die Generalversammlung dazu auf, den Beschluss der »Mehrheit des Vorstandes« vom Oktober 1971, sämtliche Funktionen Witzenmanns in Vorstand und Hochschule als ruhend zu betrachten und ihm die Leitung der Jugendsektion zu entziehen, für ungültig zu erklären, da er »auf falschen Voraussetzungen« beruhe.

Der inzwischen 31jährige Antragsteller legte drei Gründe für sein Ansinnen dar. Erstens sei Witzenmann selbst bei diesem Beschluss wegen Krankheit nicht dabei gewesen. Beschlüsse über die Aufgabenverteilung eines Vorstandes müssten aber bei Anwesenheit aller Personen, um die es gehe, gefällt werden.

Zweitens gehe der Beschluss von der falschen Voraussetzung aus, Witzenmann habe seine Mitarbeit von sich aus »aufgekündigt«. Vielmehr habe er öffentlich erklärt, er könne seine Tätigkeit bis auf weiteres nicht ausüben, er habe also von einem Nicht-Können gesprochen, nicht von einem Nicht-Wollen. Gleichzeitig habe er erklärt, er trete nicht aus dem Vorstand zurück, sondern biete seine freie Mitarbeit an.

Schließlich brachte Hermannstorfer sein drittes Argument vor, das er in die Frage kleidete, ob der Vorstand überhaupt »berechtigt« sei, einen solchen Beschluss zu fassen. Der Beschluss greife tief in die Verhältnisse der Gesellschaft ein und werde daher »unmittelbare Angelegenheit der Mitgliedschaft« und damit auch der Generalversammlung. Zwar habe der Vorstand laut Statuten das Recht, seine Aufgabenverteilung selbst zu regeln. Dies schließe aber nicht das Recht ein, eines seiner Mitglieder zu suspendieren, da eine solche Suspendierung dem Begriff der Aufgabenverteilung widerspreche. (In der Tat: Bei einer Suspendierung werden einer Person keine Aufgaben zugeteilt, sondern vielmehr alle Aufgaben entzogen. Allerdings muss, wer das Recht hat, Aufgaben zuzuteilen, auch das Recht haben, sie zu entziehen). Eine solche Suspendierung könne nur durch eine gemeinsame Erklärung erfolgen, der alle Beteiligten zustimmten. (Witzenmann hätte demnach seiner eigenen Suspendierung zustimmen müssen). Eine »Gemeinsamkeit des Willens« bestehe im Vorstand seit dem Bücherbeschluss (1968) jedoch nicht mehr. Daher könne es seit diesem Zeitpunkt nur noch gleichberechtigte Initiativen im Vorstand geben.

»Dann lebt jedes Vorstandsmitglied nur von Gnaden des Vorstandsgedankens und [der Vorstand] ist dann eine freie … Vereinigung freier Individualitäten, die sich die Anthroposophie erarbeiten und aus dieser Arbeit heraus ihre Initiativen an die Mitgliedschaft heranbringen. Durch die Aufnahme in den Vorstand haben die anderen Mitglieder kein Verfügungsrecht mehr über diese Persönlichkeit, denn wenn man freier Initiativvorstand sein will, muss die Persönlichkeit frei sein, d.h. es besteht kein gegenseitiges Verfügungsrecht und auch kein Recht, zu entscheiden, welche Initiative innerhalb des Vorstandes nun berechtigter sei als die andere.« Solange Mitglieder da seien, die auf die Vorstandsarbeit Witzenmanns Wert legten, sei seine Grundfunktion »unantastbar« (!).

So logisch diese Argumentation auch sein mag, so offensichtlich ist doch der grundlegende Widerspruch, unter dem sie leidet. Denn Hermannstorfer rief die Generalversammlung als »oberste Instanz« an, der er das Recht zugestand, auch einen Beschluss des Vorstandes aufzuheben (hier klingt sein Antrag merkwürdig mit dem Satz Bergers zusammen, die Generalversammlung sei die »oberste Interpretationsinstanz« der Gesellschaft, der für Berger aber realiter nicht bindend war, wie der weitere Verlauf der Versammlung zeigen sollte). Hätte die Generalversammlung die Entscheidung getroffen, den Beschluss des Vorstandes zu bestätigen, hätte Hermannstorfer sich dieser Entscheidung unterwerfen müssen. Dann hätte aber nicht der »Mehrheitsvorstand« über Witzenmanns Persönlichkeit verfügt, sondern die Mehrheit der Mitglieder. Hätte sich Hermannstorfer einer solchen Entscheidung gefügt?

Wie auch immer: Hermannstorfer setzte sich vorbeugend auch mit möglichen Einwänden gegen seine Argumentation auseinander. Dem Einwand, diese Frage betreffe die Hochschulleitung und falle daher allein in die Kompetenz der Hochschulleitung, begegnete er mit dem Argument, sie betreffe auch die Gesellschaft, da von der »Gesamtfunktion« Witzenmanns in »Gesellschaft und Hochschulleitung« die Rede sei. Außerdem sei das Problem öffentlich geworden und gehe daher nicht mehr allein die Hochschule an. Den Einwand, sein Antrag greife in die Kompetenz des Vorstandes ein, wies er zurück, da dieser Antrag dem Vorstand nicht vorschreibe, was zu tun sei, sondern ihn lediglich darum bitte, eine Lösung zu finden, die »den geistigen Lebensraum aller Vorstandmitglieder gewährleiste«. (Das Argument ist allerdings rabulistisch, da der Antrag sehr wohl ein imperatives Element enthielt: die Aufhebung eines Beschlusses ebendieses Vorstandes nämlich). Dem Vorstand als »Initiativvorstand«, fuhr Hermannstorfer fort, gebühre »volle Entscheidungs- und Beschlussfreiheit«. Aber auch die Mitgliedschaft sei frei, die Initiativen des Vorstandes anzunehmen oder nicht. Damit stehe dem Vorstand kein Verfügungsrecht über die Mitglieder zu. Besäße der Vorstand mit dem Recht auf Initiative auch das Recht, über die Mitglieder zu verfügen, dann besäße er eine Macht, die nicht einmal in der katholischen Kirche vorhanden sei, weil dort die Einschränkung »ex cathedra« gelte (nur jenen Entscheidungen des Papstes, die ex cathedra verkündet werden, muss sich die Kirchengemeinschaft bedingungslos unterwerfen, da sie per definitionem unfehlbar sind). – Wie aber, muss man hier gegenüber dem Antragsteller einwenden, verhält es sich mit dem »Verfügungsrecht« der Mitgliedschaft (der Generalversammlung) über den Willen des Vorstandes, das tatsächlich in Kraft gesetzt worden wäre, hätte diese den Beschluss des Vorstandes aufgehoben?

Nun, Hermannstorfers Antrag kam nie zur Abstimmung. Dafür sorgte eine Fülle von Anträgen, auf diesen nicht einzutreten, die alle damit argumentierten, er sei »konstitutionswidrig«, weil er den Vorstand dem Willen der Generalversammlung unterwürfe. In einem hieß es beispielsweise: »Es obliegt der Generalversammlung nicht, dem Vorstand durch Mehrheits- oder Minderheitsbeschlüsse Vorschriften zu machen. Dieser Vorstand beruht auf esoterischer Basis und nicht auf Rechtsvorstellungen demokratischer Weise. Die Generalversammlung ist keine dem Vorstand übergeordnete Instanz innerhalb der anthroposophischen Gesellschaft.« In einem anderen: der Antrag »würde die Entscheidungs- und Handlungsfreiheit des Vorstandes in Frage stellen und die Unabhängigkeit der Hochschule verletzen.«

Ein gewichtiges Plädoyer gegen Hermannstorfer hielt Jörgen Smit im Namen »aller Generalsekretäre, Landesvertreter und Landesvorstände«, die am Vorabend der Generalversammlung über diese Frage beraten hätten. Kurz: die gesamte Gesellschaft der Funktionäre stand gegen Witzenmann und seinen Paladin. Auch Smit, der drei Jahre später als Leiter der Jugendsektion und damit als Nachfolger Witzenmanns in den Vorstand berufen werden sollte, hob auf die »Konstitutionswidrigkeit« und »Statutenwidrigkeit« des Antrags ab. Ob man mit Ja oder Nein entscheide, mit jeder Entscheidung griffe die Generalversammlung in die »Gestaltung und Leitung der Hochschule« ein. Smit fügte noch ein weiteres Argument hinzu. Der Antrag betreffe nämlich eine Erkenntnisfrage, behaupte er doch, der Beschluss des Vorstandes beruhe auf »falschen Grundlagen«. »Das ist eine eindeutige Erkenntnisfrage. Über eine solche Erkenntnisfrage ist es total sinnlos, eine Abstimmung der Generalversammlung abzuhalten«. Auf dieses Argument antwortete Hermannstorfer: »Ich möchte dem gegenüberstellen: in einer Erkenntnisfrage ist auch ein Beschluss des Vorstandes total sinnlos … und es wäre die Frage, was sinnloser ist als das andere«.

Nun ergriff Werner Berger das Wort, um jene historischen Sätze auszusprechen, die es verdienen, in die Annalen der Gesellschaft eingeschrieben zu werden: »Ich muss ihnen allerdings deutlich aussprechen …, wenn sie beschließen sollten, dass der Antrag von Herrn Hermannstorfer gutzuheißen sei …, dann sage ich ihnen, dass der Vorstand einen derartigen Beschluss nicht ausführen wird …« Noch während Berger diese Sätze sprach, entstand im Saal große Unruhe, »verursacht durch das demonstrative Weggehen von Herrn H. Witzenmann und ca. 120 Teilnehmern. Herr Witzenmann hatte in der 25. Sitzreihe Platz genommen und die Verhandlungen seit Beginn der Generalversammlung mitverfolgt«, wie das »Nachrichtenblatt« diesen Vorgang kommentiert.

Das war der Auszug aus der sprichwörtlichen »ägyptischen Finsternis«, in welche der Vorstand sich selbst und damit die Gesellschaft aus der Sicht Herbert Witzenmanns und seiner Mitstreiter manövriert hatte. Und in der Tat: Konnte man die Selbstentmündigung der Generalversammlung, die sich jegliche Kompetenz in Fragen der Gestaltung ihres eigenen exekutiven Organs und der Hochschule absprach und dem Vorstand unbegrenzte, durch nichts kontrollierte Freiheit zusprach, noch triumphaler übertrumpfen, als Berger dies getan hatte, der einen möglichen Mehrheitsbeschluss dieser Versammlung, bevor er gefallen war, vorsorglich für ungültig erklärte?

Nach dem Eklat des Auszugs der 120 fiel es nicht schwer, den Antrag Hermannstorfers abzuweisen.

An dieser Stelle sei an das Jahr 1935 erinnert, in dem eine »ordentliche« Generalversammlung der Gesellschaft mit einer Mehrheit von 1691 Stimmen beschlossen hatte, Ita Wegman und Elisabeth Vreede »als Vorstandsmitglieder« abzuberufen. Zehn Jahre nach Steiners Tod hatte die Mitgliedschaft unter dem Beifall eines Teils des Vorstandes (Albert Steffen, Marie Steiner, Guenther Wachsmuth) massiv in die »Autonomie« dieses Vorstandes und der Hochschule eingegriffen. 37 Jahre später erklärte sich die Gesellschaft, deren Daseinszweck die Förderung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft war, als unzuständig für ebendiese Hochschule und legte in die Hände ihres Vorstandes – des Vorstandes dieser Gesellschaft – das Mandat einer Infallibilität, die, wie Hermannstorfer beiläufig bemerkt hatte, »nicht einmal in der katholischen Kirche vorhanden sei«.

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3 Kommentare

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  3. If there has been a forty year desert, I can say that I glimpsed the Promised Land at the North American Society’s General Meeting in St. Louis in October of last year. A renewal was evident in the creative forming of the 3 days by a core team which included a youth section. No Schlafsaal– but presentations of initiatives of single members in unique situations across the continent, which were received with astonishment, laughter, and humble appreciation. Most of these presenters were women!
    In the three days, there was a minimum of „DDhg“ references, and a strong emphasis on personal research and experience. It was clear to me that the Stone on which we stand appears after the desert crossing is mastered. I am certain that the Waterman in the 25th row would have felt at home in the meeting. To Be Continued!

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