Anrufung der Toten, Aufruf an die Lebenden. Die Generalversammlung des Jahres 1968

Wiederkehr der Mahatmas? Koot Hoomi auf einer theosophischen Darstellung.

Wiederkehr der Mahatmas? Koot Hoomi auf einer theosophischen Darstellung.

Durch seinen Brief an den Vorstand vom 30. Januar 1968, in dem Witzenmann mitteilte, er könne »vorläufig« nicht mehr an dessen »Beschlüssen mitwirken und für diese keine Mitverantwortung« mehr »übernehmen«, hatte er sich eigentlich bereits aus diesem Gremium verabschiedet. Um so erstaunlicher ist es, dass es bis zum März 1974, also volle sechs Jahre, dauerte, bis eine endgültige Formel gefunden wurde, die diese Tatsache offiziell zum Ausdruck brachte. Es waren sechs quälende Jahre für alle Beteiligten, für die ganze Gesellschaft. Witzenmanns Verabschiedung erfolgte schrittweise. Im Mai 1970 wurde ihm die Leitung der Sozialwissenschaftlichen Sektion entzogen, im Oktober 1971 wurde ihm mitgeteilt, dass seine »gesamten Funktionen in Vorstand und Hochschule als ruhend betrachtet« würden, im Januar 1972 wurde ihm offiziell die Leitung der Jugendsektion abgenommen und im März 1974 teilten Witzenmann und Clara Kreutzer im Nachrichtenblatt mit, Witzenmann betrachte sich in Übereinstimmung mit den anderen Vorstandsmitgliedern bis auf weiteres als »beurlaubt«. Doch bis dahin war ein weiter Weg.

Noch vor der Generalversammlung Mitte April 1968 wurde im Stillen – vermutlich in Antizipation der zu erwartenden Restriktionen – der »Arbeitskreis zur geistgemäßen Durchdringung der Weltlage« gegründet, der später zum Auffangbecken der sozialwissenschaftlichen Arbeit werden sollte, die am Goetheanum unter Witzenmanns Leitung nicht weitergeführt werden konnte. Der Arbeitskreis begann eine eigene Zeitschrift, die »Mitteilungen«, herauszugeben, deren erstes Heft ebenfalls noch vor der Generalversammlung erschien. Darin setzte er die Öffentlichkeit von seiner Existenz in Kenntnis und druckte Texte zur bevorstehenden Generalversammlung ab. Auch Witzenmann lieferte einen Beitrag mit dem Titel »Die drei Könige und ihr gemischter Bruder«.

Die Generalversammlung an Ostern 1968 stand ganz im Zeichen des neuen Gesellschaftskonflikts. Eine Reihe von Anträgen und Anliegen zum Bücherbeschluss stand auf der Traktandenliste. Im Verlauf der Versammlung meldeten sich sowohl Rudolf Grosse als auch Herbert Witzenmann ausführlich zu Wort.

Grosse rief zu Beginn seiner Ansprache die Verstorbenen an und versuchte mit Hilfe des Gesetzes der dreiunddreißigjährigen Umlaufzeit historischer Ereignisse einen Bezug der aktuellen Generalversammlung zu jener von 1935 herzustellen, als unter anderem Ita Wegman, Elisabeth Vreede, die holländische und die englische Landesgesellschaft ausgeschlossen wurden. Damals habe sich, so Grosse in Anspielung auf Amfortas, dem »Organismus« der Gesellschaft eine »dauernde Wunde« eingeprägt. Was damals als Keim in die Gesellschaft gelegt worden sei, trete heute in Form eines »entschiedenen Willens« zu Tage, dass »niemals mehr eine Generalversammlung so in die Hochschule eingreifen möge«, wie dies damals geschehen sei.

Vergleicht man Steiners ursprüngliche Ausführungen zu diesem 33jährigen Zyklus mit Grosses Aperçu, stellt sich die Frage, ob nicht eher der manifeste Konflikt innerhalb der Gesellschaft als eine Auswirkung von 1935 aufgefasst werden müsste. 1917 hatte Steiner, wie bereits dargestellt, in Ausführungen über den Ersten Weltkrieg bemerkt (GA 180, Vortrag vom 23.12.1917), dass die Keime zu den Ereignissen des Jahres 1917 dreiunddreißig Jahre zuvor gelegt worden seien. Ein historischer Impuls, der zu einer bestimmten Zeit in Erscheinung trete, wirke sich durch 33 Jahre aus, um im dreiunddreißigsten Jahr »in verwandelter Gestalt aus dem Grabe zu erstehen« und selbst wiederum Ausgangspunkt historischer Wirkungsreihen zu werden, die dieselbe Zeitspanne umfassten. Steiner erläuterte dieses »Gesetz« des historischen Werdens am Beispiel des Mahdiaufstandes, der dazu führte, dass das britische Empire seine Herrschaft in Ägypten errichtete, am französischen Krieg in Indochina und der Kongokonferenz, deren Auswirkungen in den Geschehnissen des Jahres 1917 gesehen werden könnten. Er deutete damals an, dass die Globalisierung des Kriegsgeschehens im Jahr 1917 als Karma des europäischen Kolonialismus interpretiert werden könne.

Konsequent müsste der Bücherkonflikt als Karma der Ausschlüsse des Jahres 1935 interpretiert werden. Nicht nur die Tatsache, dass es nach dreiunddreißig Jahren zu einer erneuten Spaltung der Gesellschaft kam, ist eine auffällige Parallele. Auch der Konflikt selbst lässt sich als das Wiederauftauchen einer Frage verstehen, die 1935 durch den Ausschluss nicht gelöst worden war. Wie 33 Jahre zuvor, ging es auch 1968 um den Besitz des echten Rings, um das Problem der spirituellen Nachfolge und die wahre Anthroposophie. Aber während 1935 gegen die Ausgestoßenen der Vorwurf erhoben worden war, sie hätten sich räuberisch des Heilsgutes (der Esoterik) bemächtigt, erhoben diesmal die Ausgestoßenen den Vorwurf, die sie Ausstoßenden hätten das Heilsgut verraten und verbanden damit den Anspruch, sie seien die wahren (alleinigen) Träger dieses Gutes. Wenn man das Motiv der 33 Jahre etwas weiterspinnen will, ergeben sich interessante Bezüge, die an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden sollen: geht man zurück, gelangt man ins Jahr 1902, in dem Steiner das Amt des Generalsekretärs der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland übernahm, geht man vorwärts, gelangt man ins Jahr 2001, mitten in die Konstitutionsdebatten, die zu Beginn des neuen Jahrtausends in der Anthroposophischen Gesellschaft geführt wurden, bei denen es um die Frage ging, ob die Gesellschaft der Weihnachtstagung überhaupt noch bestand oder wieder erneuert werden konnte. Man könnte davon sprechen, dass der Keim zu den wiederkehrenden Konflikten um spirituelle Autorität und Authentizität bereits 1902 durch Steiner selbst gelegt worden war, als er sich der Theosophischen Gesellschaft anschloss, die einen esoterischen Anspruch in sich trug, der mit seinem eigenen inkompatibel war. Was sich durch all die späteren Auseinandersetzungen hindurchzieht, ist der Konflikt unvereinbarer esoterischer Geltungsansprüche.

Aber noch ein anderer Gedanke drängt sich auf: 1935 wurde jener Teil aus der Gesellschaft herausgedrängt, der den Anspruch auf esoterisch bevollmächtigte Veränderung der Welt (Willensströmung, Heilerimpuls) repräsentierte, 1968 ein weiterer Teil, der den wissenschaftlichen Erkenntnisanspruch der Esoterik (Denkströmung) repräsentierte; übrig blieb das Gefühl, die Sentimentalität. Zwischen 1960 und 1965 zog die Willensströmung mit dem Wiedereintritt der holländischen und englischen Landesgesellschaft und Karl Königs wieder ins Goetheanum ein; die Erkenntnisströmung wurde bis heute nicht wieder eingegliedert.

Durch Grosse lebte 1968 mit der massiven Berufung auf die Toten, die das eigene Handeln rechtfertigen sollten, eine theosophische Rhetorik in der Gesellschaft wieder auf. Die inzwischen verstorbenen Angehörigen des Gründungsvorstands wurden zu anthroposophischen »Mahatmas«, auf die man sich so berufen konnte, wie sich einst Blavatsky, Olcott, Besant und andere auf die Meister berufen hatten. Der theosophischen Praxis vergleichbar ist Grosses Rhetorik, weil es im Vorstand, der weiter oben zitierten vertrauenswürdigen Bemerkung Witzenmanns zufolge, keinerlei »auf Beobachtung beruhenden Kontakt mit den verstorbenen Mitgliedern des Gründungsvorstandes« gab.

Albert Steffen, so Grosse, habe später über die 1935 Ausgeschlossenen in sein Tagebuch geschrieben: »Ich bin bei ihnen und sie bleiben bei mir.« Und Ita Wegman habe ihren engsten Freunden mitgeteilt: »Ich habe dieses Schicksal bejaht.« Was genau Grosse mit diesen Zitaten sagen wollte, ist nicht deutlich. Beiden ließe sich entnehmen, dass man trotz äußerer Feindschaft und Entzweiung miteinander verbunden bleiben kann. Wegman könnte aber auch als Vorbild dafür gemeint gewesen sein, dass man die Verstoßung als Schicksal akzeptieren müsse.

Im Folgenden kam Grosse auf die Krise zu sprechen, die durch den Bücherbeschluss entstanden war und setzte sich zunächst mit dem Vorwurf auseinander, dieser widerspreche der Weihnachtstagung. Dieselbe Denkform die er auf die Gründungsmitglieder angewandt hatte, wandte er auch auf diese Tagung an, wenn er argumentierte, sie könne durch menschliches Handeln nicht »verletzt« werden, da sie etwas vollkommen Transzendentes sei. »Ein Wort Rudolf Steiners: dass, wenn sie auf Erden nicht aufgenommen und gepflegt wird, sie nicht angewiesen ist auf einen Erdenort, sondern dass sie andere Orte des Kosmos aufsuchen kann, aber sie selbst bleibt existent.« Vergegenwärtigt man sich den spirituellen Kern dieser Tagung: die Verschmelzung der anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft, dann wird die Fragwürdigkeit dieses Arguments deutlich. Seit der Tagung lag die Verantwortung für die Esoterik ganz in den Händen der auf Erden lebenden Menschen, die sich in der anthroposophischen Gesellschaft zusammengeschlossen hatten. Die Tagung, durch die der Übergang der spirituellen Bewegung in eine irdische Institution vollzogen worden war, zu einer rein geistigen Entität zu erklären, hieß, die auf Erden lebenden Menschen von ihrer Verantwortung für diese Bewegung gänzlich freizusprechen.

Zwar könne, so Grosse weiter, »die Weihnachtstagung« nicht verletzt werden, wohl aber die Konstitution, die Prinzipien der Gesellschaft. Grosse nannte zwei für sein Selbstverständnis charakteristische Beispiele für eine solche Verletzung: »dass der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft, der nicht gewählt werden soll, gewählt wird; dass er als Initiativvorstand Abstimmungsergebnissen unterstellt wird«; als drittes merkwürdigerweise den »Paragraphen 8«.

Grosse kam nun darauf zu sprechen, was die Weihnachtstagung seiner Ansicht nach bedeutete: »Sie ist der Impuls, Mensch zu werden. Der Weihnachtstagungsspruch ruft den dreifach gegliederten Menschen, der mit den Hierarchien zusammenhängt, an, und weckt damit die Kraft und den Impuls, in seinem Sinne mehr Mensch zu werden, als man vorher war.« Diesem Ziel stünden aber mannigfache Hindernisse entgegen – auf dem Gebiet des Erkennens, Fühlens und Wollens. Auf dem Gebiet des Erkennens bestehe die Gefahr, dass der Mensch zum »Schriftgelehrten« werde, dass ihm die Weihnachtstagung und die Prinzipien zu einem »Gesetzbuch der Gesellschaft« würden. Offensichtlich zielte dieses Argument gegen Witzenmann. Grosse meinte, man müsse lernfähig bleiben, man dürfe eine einmal gewonnene Einsicht nicht verabsolutieren, sondern zulassen, dass sie durch neue Einsichten revidiert werde. Auch hier berief er sich wieder auf die Verstorbenen. 1948 habe Marie Steiner zu einer engen Mitarbeiterin gesagt: »Wir haben einen Fehler gemacht, wir hätten niemals den Ausschluss damals 1935 tun sollen, das war unser Fehler.« Steffen habe 1952 im Hinblick auf die gerichtliche Niederlage vor dem Solothurner Obergericht gesagt: »Ich appelliere nicht, ich bin zu alt dafür … ich kann nicht mit einem laufenden Prozess in die geistige Welt eintreten … « und 1962 im engsten Kreis: »Wir hätten den Prozess [gegen die Nachlassverwaltung] nie machen sollen.« Der höheren Natur, die einen durch das Schicksal zu neuen Einsichten führe, stehe das Schriftgelehrtentum gegenüber, das glaube, einmal gewonnene Einsichten seien nicht mehr revidierbar.

Im Fühlen, und auch dies war offensichtlich ein auf Witzenmann gemünztes Argument, könne es der Mensch »kaum ertragen, wenn er nicht recht bekomme«. Anstelle des Gefühls, dass einem Unrecht widerfahren sei, müsse man Gelassenheit und das Gleichgewicht der Seele ausbilden, das einen dazu bringe, eine Niederlage oder vermeintliche Verletzung anzunehmen. Im Willen schließlich stehe der Entwicklung des Menschen der Wunsch nach Macht entgegen, gegen den es gelte, die Toleranz, die Duldsamkeit aufzurufen.

Seine ganze restliche Rede widmete Grosse jedoch seinem Hauptargument: der Zusammenarbeit mit den Toten. Diese sei das bedeutsamste Element, das Steiner der Kultur habe einprägen wollen. »Können wir als Anthroposophische Gesellschaft entraten bei einem so tiefgreifenden Geschehen, wie es als unlösbares Problem mit dem Nachlass Rudolf Steiners vor uns steht, der Hilfe der Verstorbenen, die mitten unter uns sind, und können wir vernachlässigen das, was sich in ihnen abspielt?«

Nur – und das ist die entscheidende Frage – wie lässt sich erkennen, was sich in ihnen abspielt?

Statt sich über die Möglichkeiten einer solchen Erkenntnis auszulassen, berief sich Grosse auf die Äußerung eines Lebenden und erzählte erneut, dass Steffen ihm auf der Treppe zur Wandelhalle gesagt habe, »ich kann es fast nicht mehr ertragen, dass die Bücher Rudolf Steiners nicht im Goetheanum sind, aber ich weiß nicht, wie ich es machen soll«. Schließlich musste um der Vollständigkeit willen auch noch Guenther Wachsmuth erwähnt werden: »Guenther Wachsmuth war verzweifelt über die Sackgasse, in der [sic!] die Entwicklung geraten war. Der Tod hat sie beide [Steffen und Wachsmuth] im Jahre 1963 enthoben und sie frei gemacht für neues Entwickeln und Werden.«

Nach dieser Anrufung der Zeugenschaft nahezu sämtlicher Gründungsmitglieder (Elisabeth Vreede hatte er ausgelassen) kam erst die eigentliche Beschwörung: »Wir haben im Vorstand … vor uns hingestellt die geistige Pflicht, innerlich mitzugehen die Geisteswege aller Gründungsvorstandsmitglieder, keines auszulassen … Es ist das ein Element, das es früher nicht gegeben hat, dass zusammen, ohne Ausnahme der Kreis der Persönlichkeiten um Rudolf Steiner herum geschlossen ist, mit dem Ziel, die Weihnachtstagung weiterzuführen mit den Kräften, die aus der geistigen Welt neu möglich sind. Sie haben um sich versammelt, so darf ich das vor mir sehen, alle Anthroposophen, die tragen gelernt haben, so dass ihr Wesen unlöslich verbunden ist mit der Weihnachtstagung als Michaelsgeschehen auf Erden und im Jenseitigen.«

So wurden die Toten für das Handeln der Lebenden haftbar gemacht. »So darf ich das vor mir sehen …«: Wer oder was erlaubte es Grosse, dies so vor sich zu sehen? Der Satz verschleiert das Nichtvorhandensein einer tatsächlichen Erkenntnis. Wo liegt hier der Unterschied zur Behauptung Olcotts, die Meister hätten gewünscht, Annie Besant solle seine Nachfolgerin als Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft werden? (»Mahatma Morya and Mahatma K.H. appeared astrally in Henry’s bedroom. Marie Russak and Miss Renda were both in the room at the time … Marie Russak wrote down an account of the meeting in the form of questions by the Colonel and answers from a Master … ›Question: What is your Divine Will in reference to my successor – whom shall i appoint? Answer: [Master M.]: Annie Besant.‹« Howard Murphet, Yankee Beacon of Buddhist Light, 1988, S. 305).

Gleichsam einen anderen Kontinent betritt man mit Witzenmanns Ansprache an die Generalversammlung vom 14. April. Witzenmann appellierte nicht an die Verstorbenen, sondern an die Lebenden. Zunächst an die Generalversammlung selbst: »Eine Generalversammlung ist ein Organ der Bewusstseinsbildung, und als ein solches gehört sie ja auch in die Prinzipien herein, die uns Rudolf Steiner gegeben hat. Es ist ein Organ der Bewusstseinsbildung, aber bis zu einem gewissen Grade auch der Willensbildung, denn Rudolf Steiner hat ja der Generalversammlung auch das Recht und die Aufgabe … gegeben, durch Zustimmung und damit auch durch Veto, zu den Initiativen des Vorstandes Stellung zu nehmen und unter Umständen auch in der Willensbildung noch weiterzugehen. Aber es ist eben so eindeutig und klar, dass bei einer solchen Willensbildung alles vermieden werden sollte, das in die Richtung der Entwicklung von Macht und Zwang geht …« Deutlich ist der Gegensatz zu Grosses Auffassung, der in der Vorstellung, der Vorstand als »Initiativvorstand« könne »Abstimmungsergebnissen unterstellt« werden, eine Verletzung der »Prinzipien« der Weihnachtstagung sah.

»Diese Willensbildung«, fuhr Witzenmann fort, »sollte eine solche sein eines einheitlichen Bewusstseins, das aus Erkenntnis errungen ist … Aber wir können uns ja nicht verhehlen, dass eine solche Einheitlichkeit zur Zeit nicht möglich ist … Heute stehen wir vor dem Gegensatz zweier scharf profilierter Auffassungen …

Die eine Auffassung sagt …, das Werk soll in seiner physischen Existenz in das Goetheanum hereinkommen, es soll verfügbar sein, man soll mit ihm arbeiten können, und mit diesem Hereinnehmen glaubt man ja, da seien auch alte Konflikte mehr oder weniger bereinigt …

Bei der anderen Auffassung geht es gar nicht in erster Linie um die menschlichen Konflikte … Diese andere Auffassung fragt, wie bezieht man das Werk Rudolf Steiners auch in seiner physischen Existenz in die große Grundaufgabe hinein, das Ewige im Vergänglichen in der Weise sichtbar zu machen, wie es dem Gründungsakt der Weihnachtstagung entspricht …

Nun, die Vertreter der Auffassung, das Werk muss herein …, sie können nicht verstehen, dass man einer solchen, doch praktischen und lebensnahen Auffassung nicht leicht seine Zustimmung geben kann, währenddem die Vertreter der anderen Auffassung es nicht verstehen können, dass man Jahre und Jahre dem Besprechen und Ringen um eine Aufgabe widmet, die ja eben doch nicht völlig lösbar ist. Denn solange die Inhaber des Nachlassvereins nicht zustimmen, kann das Werk ja nicht in der Gestalt im Goetheanum anwesend sein, wie es den Absichten Rudolf Steiners und den Grundlagen unserer Gesellschaft entspricht … Deshalb hätte man sich … nach dieser anderen Auffassung damit bescheiden müssen, … dass es der individuellen Gewissensentscheidung überlassen bleibt, sich mit diesem Werke in Beziehung zu bringen und für die Hochschule einzusehen, dass die sogenannte Bücherfrage zur Zeit nicht lösbar ist …

Diese sogenannte Bücherfrage, so wie ich sie sehe, hängt mit dem lebendigen Wesen der Hochschule zusammen, das sich eben dadurch erbildet, dass Menschen im Erwachen aneinander ein gemeinsames Bewusstsein bilden, in diesem Bewusstseinskelch ja erst die Hochschule formen, in diesem Kelch, in den ihr Engel einen Tropfen geistiger Substanz aus der geistigen Welt rinnen lässt. Oder ein anderes Bild: die Hochschule ist dieser lebendige Baum, … der in den Herzen wurzelt, der geistigen Welt entgegensteigt und Blätter treibt – was für Blätter? Unsere Schicksale! Und in unsere Schicksale soll eingeschrieben werden die Weisheitsschrift, die Sternenschrift, die unser Lehrer in unsere Schicksale hineinschreiben will, und von diesen Schicksalsblättern, die die Sternenschrift tragen, sollen die äußeren Bücher nur Abbilder sein. Und zum Zeichen dafür, dass sie nur solche Abbilder sind, sollten sie, das ist die wahre Gestalt des Schutzvermerks … auf ihrem Titelblatt das Symbol dieses lebendigen Baumes tragen, dessen Blätter unsere Herzen sind, die die Schicksalsschrift empfangen.

Und nun gibt es andere Editionen, auf deren Titelblatt das Bild dieses lebendigen Baumes fehlt … Kann man denn darüber nicht durch Verzeihen hinwegkommen?

Von Verzeihen, liebe Freunde, sollten wir nicht sprechen, denn wer den anderen in sein Bewusstsein aufnimmt, hat ihm schon verziehen. Verzeihen heißt im Griechischen ›syngignoskein‹ – Miterkennen. Menschen, die im Erkennen sich gegenseitig aufnehmen, brauchen sich nicht zu verzeihen, denn sie leben ineinander.

Aber eine ganz andere Frage sind eben die strengen Verpflichtungen, die wir dem lebendigen Geistwesen der Hochschule gegenüber haben … Und das gilt ja vor allem für die Hochschulmitglieder.

Es ist keineswegs eine private Frage, wenn ein Hochschulmitglied sich mit einem Text beschäftigt, der nicht auf seiner Titelseite dieses geheime Zeichen des Wunderbaumes trägt, den ich ansprach, es ist keine private Frage, sondern eine Frage der Bewusstseinsbildung und der Gewissens-Entscheidung. Aber es [das Hochschulmitglied] steht vor … einer anderen Aufgabe … der Hochschule gegenüber, die in ihrer geistigen, spirituellen Existenz … die Geschlossenheit des Bewusstseins fordert. Diese Geschlossenheit des Bewusstseins hat ja Rudolf Steiner für die [erste] Klasse mit der allergrößten Eindeutigkeit gefordert. …

Nun ist es eben für mich und für viele andere so, dass dieser geistige Lebensstrom, der unter den Wurzeln der Hochschule hervordringen kann, … sich eben nicht mit dem anderen Strom verbinden kann, der die Editionen der Nachlassverwaltung trägt …

Nehmen Sie dies zur Kenntnis als ein innerstes Herzensanliegen meiner selbst und vieler anderer. Können wir uns nicht in unserem innersten Herzensanliegen achten und verstehen lernen? Wenn das möglich wäre, wie gut könnte es dann unter uns werden, auch wenn wir uns in diesem innersten Herzensanliegen zunächst fremd sind. Aber … eines könnte uns gemeinsam sein: das Gefühl dafür, dass die Ordnung der Editionen des Werkes Rudolf Steiners … zurzeit nicht im Sinne unseres Lehrers möglich ist, und dass uns davon ein großer Schmerz durchdringen kann …

Aber nun die Lösung … Rudolf Steiner sagt ja, man organisiert durch Differenzieren, man vereinigt durch Differenzieren. Dort, wo das einheitliche Bewusstsein noch nicht möglich ist, ist es der beste Weg, ihn [es!] zu finden, sich zu differenzieren, sich in der Differenzierung zu achten, den in den Differenzierungen lebenden Willen als heilig Unantastbares des menschlichen Innersten zu achten, und aus den Differenzierungen überall darauf zu achten, wo es möglich ist, eine gemeinsame Aufgabe zu ergreifen und durchzuführen. Daher wird jener Wunderbaum des gemeinsamen Bewusstseins unter uns allen blühen und gedeihen können, und der Strom des geistigen Lebens unter seinen Wurzeln nicht versiegen.« (Zitiert nach Hartmann, Band II, S. 190 ff.)

Witzenmanns Ansprache bewegt sich zwischen der Forderung nach einem einheitlichen Bewusstsein und einmütigen Entscheidungen auf der einen Seite und der Betonung der Freiheit der individuellen Gewissensentscheidung und der entsprechenden Differenzierung auf der anderen Seite hin und her, ohne die Spannung dieser Gegensätze auflösen zu können. Darüber können auch die schönen Bilder, deren er sich bedient, nicht hinwegtäuschen. Auf der einen Seite räumte er der Generalversammlung das Recht ein, eine Entscheidung des Vorstandes zu verwerfen, ihm also eine bindende Entscheidung aufzuerlegen. Auf der anderen Seite verwarf er wiederum die Ausübung dieser Entscheidungsmacht, die ja damit verbunden gewesen wäre, dem Vorstand den Willen der Generalversammlung aufzuzwingen. Einerseits bestand er auf der Notwendigkeit eines einheitlichen Bewusstseins, andererseits aber auch auf der Freiheit der Gewissensentscheidung des Einzelnen. Ganz besonders galt die Forderung eines »geschlossenen Bewusstseins« für die Mitglieder der Hochschule. Aber selbst hier war dieses Bewusstsein ja nicht zu realisieren und deswegen bestand die Notwendigkeit zu »differenzieren« und sich in seinen unterschiedlichen Entscheidungen gegenseitig zu achten. Nachdem die Entscheidung, der er sich nicht anschließen konnte, im Vorstand einmal gefallen war, blieb Witzenmann auch nichts anderes übrig, als sich mit dieser Differenzierung abzufinden.

Die Anträge und Anliegen, die im Verlauf der Generalversammlung diskutiert wurden, bezogen sich auf zwei Themenkreise, die Frage, ob der Vorstand nur einstimmige Beschlüsse fassen dürfe und – wie es das Protokoll formuliert – »die Diskrepanz Bücherfrage – Nachlassfrage, darin eingeschlossen eine Rechtsfrage, das Verhältnis zur Weihnachtstagung und das Verhältnis der Gesellschaft zur Nachlassverwaltung«. Die Diskussion wogte hin und her, die unterschiedlichsten Standpunkte wurden vorgebracht und es kam in Bezug auf keinen einzigen der Anträge zu einer »rechtsverbindlichen« Abstimmung. Die Verworrenheit der Diskussion spiegelte die allgemeine Verwirrung wieder, in die die sogenannte Bücherfrage die Gesellschaft gestürzt hatte. Zu viele unterschiedliche Ebenen – persönliche, rechtliche, spirituelle –, waren in dieser Fragestellung unentwirrbar vermengt. Während die einen meinten, der Vorstand dürfe nur handeln, wenn er einig sei, meinten die anderen, die Vertreter einer Minderheitenmeinung müssten sich der Mehrheit unterordnen; während die einen behaupteten, der Vorstand habe mit seinem Bücherbeschluss gegen die Konstitution verstoßen, meinten die anderen, die Uneinigkeiten des Vorstands gingen die Mitgliedschaft nichts an. Während die einen Witzenmann aufforderten, den spirituell »einigen« Vorstand in Ruhe zu lassen, meinten die anderen, auch die Vorstandsmitglieder dürften unterschiedlicher Meinung sein und müssten mit diesem Problem leben. Vereinzelt meldete sich auch die Vernunft zu Wort. Ein Mitglied meinte: »Kein Mensch in der Welt begreift, dass die Bücher unseres großen Lehrers nicht im Goetheanum sind.« Besonders Mitglieder der englischen Landesgesellschaft, die 1963 in die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft zurückgekehrt waren, sahen das ganze Problem pragmatisch. Eines dieser Mitglieder beglückwünschte den Vorstand zu seinem Beschluss und meinte, in England habe man es sich gar nicht leisten können, auf die Editionen der Nachlassverwaltung zu verzichten. Die Benutzung dieser Editionen habe sich auch nicht nachteilig ausgewirkt. Ganz am Ende äußerte sich auch der 70 Jahre alte Cecil Harwood, der seit 1937 Generalsekretär der englischen Landesgesellschaft war. Er beklagte sich darüber, dass er 1968 denselben Spaltungen, Tendenzen und Argumenten begegne wie vor 30 Jahren und die wertvolle Zeit mit Auseinandersetzungen verschwendet werde, die besser mit der Erörterung großer Weltfragen zugebracht würde. Die »Anthroposophical Publishing Company«, der wohl größte Verleger für Übersetzungen Rudolf Steiners habe mit Betrübnis sehen müssen, dass ihre Editionen nicht im Goetheanum verkauft würden, obgleich sie in der ganzen englischsprachigen Welt verbreitet seien. – All die unentwirrten Fragen sollten die Gesellschaft auch in den folgenden Jahren beschäftigen.

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3 Kommentare

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  2. Nun, man hat’s leicht zu sagen: ich bzw. wir haben einen Fehler begangen; aber wesbezüglich? Der grösste Fehler überhaupt sei, dass all diese Menschen um die völlig irdische Seite der Anthroposophie gegeneinander gekämpft haben, sie alle haben einen Teil davon in Anspruch nehmen wollen; als karmische Folge haben wir heuer mit einer globalen Machtsucht zu tun, die sich hinter einer ökonomischen Maskerade versteckt. Indem man Weisheit als Gut misshandelte, metamorphosierte diese Sucht sich in diese mittelalterliche Wirklichkeit, die erst jetzt anfing. Man hat die Anthroposophie verknöchert, dürr gemacht durch endlose Gerichtsprozesse, weil es das einzige war, was der mittlereuropäische Mensch imstande war zu verstehen und noch ist! Ein ordentliches Anordnen der persönlichen Kurzsichtigkeit, was im Grossen sich nun wiederum wiederspiegelt als der enorme Fehler Europas des 21. Jahrhunderts: Länder durch eine gemeinsame Währung vereinigen wollen! Oh, wie die Dämonen uns auslachen, das haben wir in den zunehmenden Naturkatastrophen.

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