Der Pfad der Schülerschaft – II – Bedingungen der Schülerschaft

Annie Besant. 2. Vortrag, 28. Dezember 1895.

Kontrolle des Denkens. Meditation. Charakterbildung.

Brüder, – das Unterthema das ich heute Morgen zu erörtern habe, sind die Bedingungen der Schülerschaft.

Annie Besant um 1880

Annie Besant um 1880

Lasst mich damit beginnen, dass ich eure Aufmerksamkeit auf die Frage der Wiedergeburt lenke und darauf, wie ein Mensch begreifen kann, was unter Schülerschaft zu verstehen ist und wie er diese frei als künftigen Pfad in seinem Leben wählen kann. Ihr werdet euch an meine gestrigen Ausführungen erinnern, in denen ich den unterschiedlichen Stufen des Handelns nachgegangen bin: wie ein Mensch zunächst wegen der Befriedigung seiner eigenen niederen Natur handelt, die immer nach den Früchten verlangt, wie er dann langsam in der Praxis des Karma-Yoga lernt, nicht um der Früchte für das niedere Selbst willen zu handeln, sondern weil die Handlung getan werden muss, und wie er sich auf diese Weise mit dem Gesetz identifiziert und bewusst an den großen Weltaufgaben teilzunehmen beginnt. Dann habe ich auf eine weitere Stufe hingedeutet, auf der das Opfer nicht nur als Pflicht dargebracht wird, sondern als freudige Gabe von allem, was ein Mensch besitzt. Es ist klar, wenn man diese Stufe anstrebt, wenn jemand nicht nur arbeitet, weil die Arbeit getan werden muss, sondern weil er alles in den Dienst des Höchsten stellen möchte, was er ist und besitzt, dass es dann möglich wird, die Fesseln der Begierde zu sprengen und sich selbst von der Wiedergeburt zu befreien.

Denn eben die Begierde ist es, die den Menschen zur Wiedergeburt zieht; der Wunsch, die Dinge zu genießen, die nur hier genossen werden können, die Dinge zu erwerben, die nur hier erworben werden können. Jeder, der sich irgendein irdisches Ziel setzt, der ein irdisches Objekt zu seinem Ziel macht, ist offensichtlich von der Begierde gefesselt.

Und so lange er nach dem begehrt, was die Erde ihm geben kann, muss er zu ihr zurückkehren; solange es irgend eine Freude, irgendein Objekt des vergänglichen Lebens auf der Erde gibt, die die Macht besitzen, ihn anzuziehen, solange besitzen sie auch die Macht, ihn zu fesseln. Jede Anziehung, jedes Verlangen bindet die Seele und bringt sie an den Ort zurück, an dem dieses Verlangen seine Befriedigung finden kann.

Der Mensch ist so göttlich, so gottähnlich in seinem Wesen, dass selbst diese von ihm ausströmende Energie, die wir als Wunsch oder Verlangen bezeichnen, in sich selbst die Kraft besitzt, ihre Erfüllung herbeizuführen. Was er verlangt, das erlangt er, was er verlangt, das gibt ihm die Natur früher oder später, wenn die Zeit reif ist; so dass der Mensch, wie schon oft gesagt wurde, der Schmied seines eigenen Schicksals ist, und was immer er vom Universum verlangt, das erhält er. Er muss natürlich die Befriedigung des Verlangens in jenem Teil des Universums suchen, auf den sich das Verlangen richtet.

Wenn er also nach den Dingen der Erde verlangt, muss er auf die Erde zurückkehren, damit seine Begierden befriedigt werden können. Und so ist ein Mensch auch an die Wiedergeburt gebunden durch jeden dieser Wünsche, die ihre Befriedigung in den zeitlichen und vergänglichen Welten auf der anderen Seite jenseits Todes finden; jene Welten, die vergänglich sind, jenseits der Schwelle des Todes, führen, wie wir wissen, alle zurück zur Wiedergeburt hier auf der Erde; wenn also die Wünsche eines Menschen auf die Freuden des Svarga fixiert sind, wenn er nach den Früchten seines Lebens in irgendeiner anderen, ebenfalls vergänglichen Welt Ausschau hält – angenommen, er versagt sich die irdischen Freuden, um der Freuden von Svarga willen –, dann sind jene Freuden die Früchte seiner Arbeit auf der Erde, und diese Früchte wird er zum angemessenen Zeitpunkt erhalten. Insofern Svarga selbst aber vorübergehend ist, hat er für sich bloß jenen Pfad gewählt, der als »Pfad des Mondes« bezeichnet wird, den Pfad, der zur Wiedergeburt führt – ihr erinnert euch, dass es heißt, »der Mond ist das Tor von Svarga« – und aus Svarga kommt der Mensch zurück auf die Erde. Auf diese Weise bindet das Verlangen – ob es in dieser oder einer anderen, ebenso vergänglichen Welt befriedigt wird – die Seele an die Wiedergeburt, und daher kommt es, dass geschrieben steht, »erst wenn die Fesseln des Herzens gesprengt sind«, kann die Seele Befreiung erlangen.

Nun kann die Befreiung (in einem Zeitalter) schlicht und einfach durch die Zerstörung des Verlangens erreicht werden. Ohne irgendeine sehr hohe Entwicklung, ohne eine erhabene Stufe der Entwicklung der Seele, ohne die Entfaltung all der göttlichen Möglichkeiten, die im menschlichen Bewusstsein verborgen liegen, ohne jene großen Höhen zu erreichen, auf denen die Lehrer und Helfer der Menschheit stehen, vermag der Mensch, wenn er dies wünscht, eine Befreiung zu erlangen, die durch und durch selbstisch ist, die ihn tatsächlich aus der Welt des Wandels erhebt, die tatsächlich die Fesseln sprengt, die ihn an die Welten von Geburt und Tod binden, die aber auf keine Weise seinen Brüdern hilft, die deren Fesseln nicht sprengt und sie nicht befreit; dies ist eine Befreiung nur für den Einzelnen, nicht für das Ganze, eine Befreiung, durch die der Einzelne sich von der Menschheit verabschiedet und sie in ihrem Ringen sich selbst überlässt.

Ich weiß, dass viele Menschen in ihrem Leben keinen höheren Gedanken fassen; dass viele nur nach dieser Befreiung suchen, sich nicht um andere sorgen, und nur selbst aus dieser Welt flüchten wollen. Dies kann, sage ich, relativ leicht erreicht werden. Man muss nur die Vergänglichkeit der irdischen Dinge einsehen, die Wertlosigkeit der scheinbar so erstrebenswerten Dinge, um die sich ein weltlicher Mensch Tag für Tag abmüht. Aber trotz allem ist diese Befreiung nur vorübergehend, vielleicht für die Dauer eines Manvantaras; danach kommt die Rückkehr. So dass die Seele, die auf diese Weise von der Welt befreit ist und so weit es diese Erde betrifft, befreit bleibt, doch in einem künftigen Zyklus zurückkehren muss, um weitere Schritte auf die wahrhaft göttlichere Bestimmung des Menschen zuzugehen, die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins in Richtung Allbewusstsein nämlich, das benötigt wird, um zu erziehen, zu helfen, und die künftigen Welten zu lenken.

Ich wende mich also den weiseren und gütigeren Seelen zu, die, wenn sie die Fesseln des Verlangens sprengen, dies nicht tun, um sich aus den Schwierigkeiten des irdischen Lebens zu befreien, sondern um jenem höheren und edleren Pfad zu folgen, der als Pfad der Schülerschaft bezeichnet wird, um jenen Großen Einen zu folgen, die der Menschheit den Weg bereitet haben; diese Seelen suchen nach den Lehrern, die bereit sind, jene anzunehmen, die sich selbst für die Schülerschaft qualifizieren, denen es nicht nur um die Selbsterlösung geht, nicht bloß darum, den Sorgen zu entfliehen, sondern darum, Helfer und Lehrer und Retter der Menschheit zu werden, um der Welt im Ganzen das zurückzugeben, was der Einzelne von den Lehrern empfangen hat, die vorangegangen sind.

Von dieser Schülerschaft sprechen alle großen Schriften der Welt. Der Guru, den man finden kann, der die Menschen unterrichtet, ist eines der Ideale aller höchsten und am weitesten entwickelten Seelen, die in dieser äußeren Welt das Göttliche zu realisieren versucht haben. Nehmt eine beliebige Schrift zur Hand, und seht euch an, wie diese Idee in ihr zum Ausdruck gebracht wird. In allen Upanischaden wird der Guru erwähnt, und die Aufmerksamkeit des potentiellen Schülers wird darauf gelenkt, ihn zu suchen und zu finden. Das möchte ich euch heute morgen erläutern; die Bedingungen der Schülerschaft; was getan werden muss, damit eine Schülerschaft möglich wird; was erreicht werden muss, bevor die Suche nach dem Guru Aussicht auf Erfolg haben kann; was in der Welt, im gewöhnlichen Leben des Menschen getan werden muss, indem man dieses Leben als Schule benutzt, als einen Ort des vorbereitenden Lernens, als einen Ort, der den Menschen vorbereitet, damit er die Füße der großen Lehrer berühren kann, die ihn zur wahren Wiedergeburt führen werden – der Wiedergeburt, die in allen exoterischen Religionen durch die eine oder andere äußere Zeremonie symbolisiert wird, die ihre Heiligkeit dem verdankt, was sie symbolisiert und nicht sich selbst.

Im Hinduismus findet ihr den Ausdruck »zweimal geboren«, was einschließt, dass der Mensch nicht nur von seinem irdischen Vater und seiner irdischen Mutter abstammt, sondern auch die wahre zweite Geburt erlebt hat, die der Seele durch den Guru zuteil wird.

Diese wird symbolisiert – leider nur symbolisiert in zu vielen Fällen heutzutage – durch die Initiation, die durch den Familienguru oder den Vater dem Sohn zuteil wird, wenn er zu dem wird, was in der äußeren Welt als »zweimal geborener« Mensch bezeichnet wird.

Aber in alter Zeit – und ebenso noch heute – gab es und gibt es eine wahre Initiation, die das Urbild dieser äußeren Zeremonie ist; es gibt eine reale, wahre Initiation, die nicht nur in eine exoterische Kaste hineinführt, sondern in eine wahrhaft göttliche Geburt; die durch einen mächtigen Guru erteilt wird; die auf den Großen Initiator zurückgeht, den Einen Initiator der Menschheit. Wir lesen von diesen Initiationen in der Vergangenheit, wir wissen dass sie aber auch in unserer Gegenwart existieren. Die gesamte Geschichte zeugt davon, dass es sie wirklich gibt.

Es gibt Tempel in Indien, unter denen sich die Orte dieser alten Initiationen befinden, Orte, die den Menschen unbekannt sind, die vor den Augen der Menschen heute verborgen sind, die aber trotzdem dort sind, die trotzdem jenen zugänglich sind, die sich als würdig erwiesen haben, sie zu erreichen.

Und nicht nur in Indien findet man solche Orte. Auch das alte Ägypten besaß seine verborgenen Initiationsräume, und mächtige Pyramiden stehen im einen oder anderen Fall über diesen alten Plätzen, die heute den Augen der Menschen verborgen sind. Die späteren Initiationen, die in Ägypten stattfanden, jene, von denen ihr in der Geschichte Griechenlands oder in der Gesichte Ägyptens selbst lesen könnt, jene, von denen ihr gehört habt, dass der eine oder andere große Philosoph sie durchlaufen hat – sie fanden in den äußeren Gebäuden statt, die den Menschen bekannt waren, die die wahren Tempel der Initiation verbargen.

In diese gelangte man nicht durch äußeres Wissen, sondern unter Bedingungen, die seit Urzeiten existiert haben und die heute ebenso real existieren wie damals; denn ebenso, wie die gesamte Geschichte von der Realität der Initiation zeugt, zeugt sie auch von der Realität des Initiierten.

Am Ausgangspunkt jeder großen Religion stehen Menschen, die mehr als gewöhnliche Menschen waren, Menschen, die den Menschen die Schrift gaben, Menschen, die die Umrisse der exoterischen Glaubensformen schufen, Menschen, die ihre Zeitgenossen aufgrund ihrer spirituellen Weisheit weit überragten, einer Weisheit, die sie von Gnade erfüllt sein ließ und einer spirituellen Erkenntnis, aufgrund dessen, was sie sahen und die von dem, was sie sahen, Zeugnis ablegten; denn es gibt eine Sache, die wir oft schon erwähnt haben, die für all diese großen Lehrer von Bedeutung ist.

Sie argumentieren nicht, sie verkünden; sie diskutieren nicht, sie stellen fest; sie erreichen ihre Ergebnisse nicht durch logische Prozesse, sondern durch spirituelle Intuition; sie treten auf und sprechen mit einer Autorität, die sich selbst rechtfertigt, indem sie spricht, und die Herzen der Menschen erkennen die Wahrheit ihrer Lehre, selbst wenn sie die Verständnismöglichkeiten ihres Intellekts übersteigt.

Denn im Herzen eines jeden Menschen wohnt ein spirituelles Prinzip, das jeder göttliche Lehrer anspricht, und dieses Prinzip antwortet auf die Wahrheit der spirituellen Verkündigung, auch wenn die intellektuellen Augen nicht scharf genug sind, die Realität dessen zu erkennen, was der Geist zu sehen vermag.

Diese großen Gurus also, die wir in der Geschichte als die größten Lehrer finden, ebenso wie jene, die wir als die größten Philosophen anerkennen, sie sind die Initiierten, die zu mehr als Menschen geworden sind; solche Initiierten existieren heute genauso wie zu allen Zeiten.

Wie sollte der Tod jene berühren, die Leben und Tod hinter sich gelassen haben, die Meister der niederen Natur? Sie haben sich im Lauf der Jahrtausende, die hinter ihnen liegen, über die Menschheit hinaus entwickelt, manche aus der gegenwärtigen Menschheit, manche aus einer Menschheit, die der unsrigen vorausgegangen ist. Manche von ihnen kamen aus anderen Welten, von anderen Planeten, als die Menschheit noch in ihrem Kindheitsstadium war; andere wuchsen heran, als die Menschheit alt genug war, um ihre eigenen Initiierten hervorzubringen, Gurus aus unserer eigenen Rasse, die der Menschheit, der sie selbst angehören, weiterzuhelfen vermögen. Wenn dieser Pfad beschritten und dieses Ziel erreicht ist, hat der Tod keine Macht mehr über einen solchen Menschen, es ist ausgeschlossen, dass er einmal aufhören könnte, zu existieren; die Tatsache, dass wir sie in der Geschichte finden, ist der beste Beweis dafür, dass sie auch in unserer Gegenwart existieren; allein das würde schon ausreichen, ihre Existenz zu beweisen, und wir bedürften nicht der von Jahr zu Jahr zunehmenden Zeugnisse derer, die Sie gefunden haben und die Sie kennen, die von Ihnen unterrichtet werden und zu Ihren Füßen Ihre Lehren empfangen. Denn in unserer heutigen Zeit und in unseren Tagen findet einer nach dem anderen diesen alten Pfad wieder; in unserer Gegenwart, ja in unseren Tagen, findet einer nach dem anderen diesen schmalen Pfad, der so scharf wie eine Rasierklinge ist, der zum Tor der Schülerschaft führt und den Durchgang durch dieses Tor ermöglicht; und so wie einer nach dem andern diesen Pfad findet, vermag ein Zeuge nach dem anderen in unseren Tagen die Wahrheit der alten Schriften zu beschwören und indem sie sich auf diesen Pfad begeben, können sie ihn Schritt für Schritt abschreiten.

Im Augenblick muss es uns aber darum gehen, die Bedingungen kennenzulernen, die erfüllt sein müssen, damit man durch das Tor zum Pfad hindurch gelassen wird.

(1) Kontrolle des Geistes oder des Denkens

Nun, die erste dieser Bedingungen muss in beträchtlichem Ausmaß erfüllt werden, bevor Schülerschaft in irgendeinem Sinn möglich sein soll. Sie wird als Kontrolle des Geistes, des Denkens, bezeichnet, und meine erste Aufgabe besteht nun darin, euch sehr genau zu erklären, was Kontrolle des Geistes bedeutet, was der Geist ist, der konktrolliert werden muss und wer es ist, der ihn kontrolliert.

Denn ihr müsst bedenken, dass für die Mehrzahl der Menschen der Geist den Menschen repräsentiert. Wenn er von »sich selbst« spricht, dann meint er damit seinen Geist [»mind« – sein Bewusstsein, sein Denken]. Wenn er »Ich« sagt, identifiziert er dieses »Ich« mit seinem Geist, der bewussten Intelligenz, die weiß; und wenn er sagt, »Ich denke, ich fühle, ich weiß«, dann werdet ihr feststellen können, wenn ihr der Bedeutung dieser Worte genau nachgeht, dass er nicht über die Grenzen seines Wachbewusstseins hinausgeht. Das ist es meistens, was er meint, wenn er »Ich« sagt.

Sicherlich wissen jene, die sorgfältig studiert haben, dass ein solches »Ich« eine Illusion ist; aber auch wenn ihnen dies als Gedanke vielleicht klar ist, wenden sie diese Einsicht in ihrem alltäglichen praktischen Leben doch nicht an. Sie mögen dieser These als Philosophen zustimmen, aber sie leben in ihrem täglichen Leben doch nicht danach.

Um zu genau verstehen, worin diese Kontrolle des Geistes besteht, und wie wir sie erreichen können, lasst uns für einen Moment das betrachten, was wir als »Selbstkontrolle« im gewöhnlichen Leben bezeichnen; und wir werden sehen, wie wenig ausreichend diese Selbstkontrolle im Vergleich zu jener ist, die eine der Bedingungen der Schülerschaft darstellt.

Wenn wir von jemandem sagen, er kontrolliere sich selbst, er beherrsche sich selbst, dann meinen wir, dass sein Geist stärker ist als seine Leidenschaften; wenn ihr also die niedere Natur, die Leidenschaften und Emotionen auf der einen Seite und die intellektuelle Natur, den Geist, den Willen, das Denkvermögen und die Urteilskraft auf der anderen betrachtet, dann sind die letzteren stärker als die ersteren; ein solcher Mensch vermag im Augenblick der Versuchung, wenn seine Leidenschaften angesprochen werden, zu sagen: »Nein, ich werde dem nicht nachgeben; ich werde den Leidenschaften nicht erlauben, mich fortzureißen, ich werde meinen Sinnen nicht erlauben, mein Selbst zu überwältigen; diese Sinne sind bloß die Pferde, die meine Kutsche ziehen; ich aber bin der Wagenlenker, und ich werde ihnen nicht erlauben, auf der Straße des Verlangens entlang zu galoppieren«; von einem solchen Menschen sagen wir, er beherrsche oder kontrolliere sich selbst. Das ist die gewöhnliche Bedeutung des Wortes, und wahrlich, diese Selbstkontrolle ist eine bewundernswerte Eigenschaft. Sie ist eine Stufe, die jeder Mensch erreichen muss.

Der unkontrollierte und ungezügelte Mensch, der den Sinnen vollständig unterworfen ist, muss sich wirklich äußerst anstrengen, bevor er auch nur diese Fähigkeit der weltlichen Selbstkontrolle erreicht hat; aber viel, viel mehr als das ist erforderlich. Wenn wir über einen willensstarken und einen willensschwachen Menschen reden, dann meinen wir meistens, dass der mit dem starken Willen unter den gewöhnlichen Umständen der Versuchung seinen Weg durch seine Vernunft und sein Urteilsvermögen finden wird, sich selbst durch die Erinnerung an seine Erfahrungen und die Schlüsse, die er aus ihnen zieht, führen wird; dann sagen wir, er habe einen starken Willen; er ist nicht den Umständen ausgeliefert, er wird nicht von seinen Impulsen getrieben, er ist nicht wie ein Schiff, das von den Strömungen des Flusses umhergetragen oder von den Winden da und dorthin getrieben wird. Er ist eher wie ein Schiff, das von einem Kapitän kontrolliert wird, der seine Pflicht kennt, der die Strömungen und die Winde benutzt, um es in die Richtung zu steuern, in die er strebt, der das Ruder des Willens benutzt, um das Schiff auf jenem Kurs zu lenken, den er selbst bestimmt hat. Und es ist wahr, dass in diesem Unterschied zwischen dem starken und dem schwachen Willen etwas vom Wachstum der Individualität zum Ausdruck kommt; je mehr der Mensch reift, und die Individualität mit ihm, je mehr kommt diese Reife in der Macht der inneren Führung zum Ausdruck. Ich erinnere mich daran, dass H.P. Blavatsky in einem ihrer Artikel, der von der Individualität handelt, davon spricht, man könne ihr Vorhandensein im Menschen und ihre Abwesenheit im Tier erkennen, wenn man beobachtet, wie der Mensch und das Tier sich in gewissen äußeren Umständen verhalten. Wenn ihr eine Anzahl wilder Tiere in ähnliche äußere Umstände bringt, dann werden sie sich alle mehr oder weniger gleich verhalten. Ihr Verhalten ist durch die äußeren Umstände bedingt; das einzelne Tier wird durch sein Verhalten nicht die äußeren Umstände verändern, es wird nicht das eine gegen das andere abwägen, um sich dann für den Weg zu entscheiden, den es gehen will; sie verhalten sich alle ähnlich. Wenn ihr das Wesen des Tieres kennt, und wenn ihr die Umstände kennt, dann werdet ihr aus eurer Kenntnis des Verhaltens von einem oder zweien dieser Tiere auf das Verhalten aller schließen können, die derselben Art angehören. Und das zeigt deutlich die Abwesenheit von Individualität. Aber wenn ihr eine Anzahl von Menschen betrachtet, dann könnt ihr nicht voraussagen, dass sie sich auf die gleiche Weise verhalten werden; denn aufgrund der jeweils unterschiedlichen Individualität werden sich auch ihre Handlungen in denselben Umständen unterscheiden. Ein Individuum unterscheidet sich vom anderen, deswegen handelt es anders; es hat seinen eigenen Willen, deswegen trifft es eine andere Wahl; der Willensschwache ist weniger individuell, er ist weniger entwickelt, er ist auf der Straße der Evolution nicht so weit vorangeschritten.

Dies einmal vorausgesetzt, kann der Mensch einen Schritt weitergehen, als nur die niedere Natur durch die höhere zu kontrollieren, und er kann vielleicht etwas von der schöpferischen Kraft seines Denkens zu entdecken.

Das schließt mehr als das alltägliche Denken ein; es schließt eine gewisse Kenntnis der Philosophie ein. Wenn er zum Beispiel die großen Schriften der Hindus studiert hat, dann wird er sich aus ihnen eine deutliche Vorstellung von der schöpferischen Kraft des Denkens angeeignet haben, aber im Augenblick, wo er das entdeckt hat, wird er auch erkennen, dass etwas hinter dem steht, was er als Denken oder Bewusstsein bezeichnet; denn wenn es eine schöpferische Kraft des Denkens gibt, wenn der Mensch durch seinen Verstand Gedanken erzeugen kann, dann muss es etwas geben, das erzeugt, und dieses Etwas verbirgt sich hinter dem Verstand, der die Gedanken erzeugt.

Die schlichte Tatsache, dass es eine solche schöpferische Kraft des Denkens gibt, dass der Mensch fähig ist, sein eigenes Bewusstsein und das Bewusstsein anderer durch diese kreative Macht zu beeinflussen und zu erziehen, zeigt zur Genüge, dass etwas hinter dem denkenden Bewusstsein steht, etwas, das von ihm unterschieden oder abgetrennt werden kann, etwas, das dieses Bewusstsein als sein Instrument benutzt.

Und dann beginnt dem Studenten, der sich um Selbsterkenntnis bemüht, zu dämmern, dass er mit etwas umgehen muss, mit dem es äußerst schwierig ist, umzugehen, und dass Gedanken auftreten, ohne dass man sie gerufen hat, dass sie ins Bewusstsein treten, ohne dass man das selbst gewollt hat; wenn er beginnt, die Tätigkeit des Bewusstseins zu untersuchen, dann stellt er fest, dass Gedanken in sein Bewusstsein strömen, die er nicht eingeladen hat; er findet sich selbst von Ideen besessen, von denen er wünschte, sie sähen ganz anders aus. Alle Arten von Fantasien tauchen in seinem Bewusstsein auf, die er gerne aus ihm entfernen würde; aber er ist hilflos, er kann sie nicht loswerden. Er sieht sich gezwungen, auf Gedanken herumzukauen, die sein Bewusstsein beherrschen und die sich weder seinen Wünschen noch seiner Autorität unterwerfen. Und er beginnt diese Gedanken zu beobachten; er beginnt zu fragen: Wo kommen sie her? Wie entstehen sie? Wie können sie kontrolliert werden? Und er beginnt langsam zu erkennen, dass viele Gedanken, die in seinem Bewusstsein auftauchen, ihren Ursprung im Bewusstsein anderer Menschen haben, und dass er nach seiner eigenen Gedankenart aus der äußeren Gedankenwelt die Gedanken anderer anzieht; dass er umgekehrt das Denken anderer durch die Gedanken beeinflusst, die er selbst hervorgebracht hat, und er beginnt zu begreifen, dass seine Verantwortung weitaus größer ist, als er je geträumt hat. Er dachte bisher, er würde das Denken anderer nur beeinflussen, wenn er spricht, dass er das Handeln anderer nur beeinflusst, wenn er selbst handelt; aber je mehr er der Sache nachgeht, um so mehr beginnt er zu verstehen, dass es eine unsichtbare Kraft gibt, die vom denkenden Menschen ausströmt und das Denken anderer beeinflusst.

Die heutige Wissenschaft berichtet uns ebenfalls davon; sie hat durch viele Experimente herausgefunden, dass Gedanken zwischen Gehirnen hin und her gehen können, ohne dass Worte gewechselt oder Nachrichten niedergeschrieben werden, und dass es im Gedanken etwas gibt, was greifbar, was beobachtbar ist, etwas, wie eine Schwingung, die anderes in Schwingung versetzt, auch wenn kein Wort ausgesprochen wird, keine gestaltete Rede erklingt. Die Wissenschaft hat entdeckt, dass Gedanken auch ohne Worte von Mensch zu Mensch gesandt werden können, dass ohne jegliche äußere Kommunikation – oder wie Professor Lodge sagte, ohne materielle Mittel der Kommunikation, wobei »materiell« hier physisch bedeutet – ein Geist den anderen zu beeinflussen vermag.

Wenn dem so ist, dann beeinflussen wir uns alle gegenseitig durch unsere Gedanken, ohne zu sprechen oder zu handeln; denn der Gedanke, den wir erzeugt haben, geht in die Welt hinaus, um das Denken anderer zu berühren; ihre Gedanken wiederum kommen zu uns, um unser eigenes Denken zu berühren, und wir beginnen zu erkennen, dass das Denken nur einen sehr kleinen Teil des Lebens der Menschen in Anspruch nimmt, und dass wir das bloße Empfangen von Gedanken anderer schon als Denken bezeichnen und meist mit dem wirklichen Denken verwechseln. Tatsächlich ist das Bewusstsein des Menschen wie ein Haus, ein Rasthaus, durch das Reisende hindurchgehen und in dem sie einmal übernachten; die meisten Menschen haben ein Bewusstsein, das nicht mehr ist, als das. Die Gedanken kommen und gehen. Die Menschen tragen recht wenig zu den Gedanken bei, die sie empfangen. Sie nehmen sie auf, beherbergen sie, lassen sie wieder ziehen. Was wir aber stattdessen tun sollten, ist willentlich zu denken, mit Absicht zu denken, um das zu erreichen, was wir uns selbst als Ziel setzen.

Warum sollte diese Kontrolle des Bewusstseins, diese Gedankenkontrolle, dieses Anhalten des Denkens, diese Weigerung, die Gedanken anderer zu beherbergen, so wertvoll sein? Warum sollte sie eine Bedingung der Schülerschaft sein?

Weil der Mensch, wenn er Schüler wird, einen Zuwachs an geistiger Macht erlangt; weil seine Individualität reift, zunimmt, mächtiger wird; weil jeder Gedanke, den er denkt, lebendiger und energieerfüllter wird und die äußere Welt um so stärker beeinflusst. Der Mensch kann durch Gedanken töten; er kann Krankheiten durch Gedanken heilen; er kann die Massen durch Gedanken beeinflussen; er kann eine sichtbare Erscheinung durch Gedanken erzeugen, die andere blenden und auf Abwege zu führen vermag.

Da dem Gedanken mit dem Wachstum der Individualität eine solche Macht zuwächst, da Schülerschaft das schnelle Wachstum und die Reifung der Individualität bedeutet, so dass der Mensch in wenigen Leben erreicht, was er sonst nur in Jahrtausenden erreichen könnte, ist es notwendig, dass er lernt, seine Gedanken zu kontrollieren, bevor er diese zusätzliche Macht erlangt, dass er alles Böse in ihnen erkennen kann, dass er nichts in sich eindringen lässt, außer was rein, wohlwollend und nützlich ist.

Die Kontrolle des Bewusstseins durch das Selbst ist also eine Bedingung der Schülerschaft, weil der Mensch, bevor er die zusätzliche Macht, die aus der Lehre des Guru entspringt, Kontrolle über das Instrument erlangt haben muss, das die Gedanken erzeugt, so dass es tut, was er will, und nichts ohne seine volle Zustimmung erzeugt.

Ich weiß, dass die Menschen das als schwierig empfinden werden. Sie werden sagen: Worum handelt es sich bei dieser Individualität, die ständig wächst? Worum handelt es sich bei dieser Individualität, die den Willen und die Macht der Gedankenkontrolle entwickelt, die, wie du sagst, nicht der denkende Geist ist, sondern größer als dieser Geist?

Lasst mich ein Bild aus der äußeren Welt benutzen, um euch eine Vorstellung davon zu geben, wie diese Individualität entsteht und wächst. Stellt euch vor, ihr tretet in eine Umgebung voll mit Wasserdampf ein, dass diese Umgebung aber so heiß ist, dass das Waser dampfförmig bleibt, unsichtbar, so dass euch der Ort leer erscheint; da ist nichts, würdet ihr sagen, nur leere Luft. Ihr wisst wohl, wenn ein Chemiker einen Teil dieser Luft nehmen würde, die so mit Dampf angefüllt ist, und sie einschließen und langsam abkühlen würde, aus dieser Leere einen feinen Nebel oder wolkenartige Gebilde hervorzaubern könnte, und dieser feine Nebel würde langsam dichter und dichter werden, bis schließlich, je mehr die Atmosphäre abgekühlt ist, sich dort, wo vorher nichts zu sehen war, ein Tropfen Wasser bilden würde. Nun, dies mag als eines jener groben sinnlichen Bilder dienen, durch das die Entstehung der Individualität illustriert werden kann.

Aus diesem Unsichtbaren, dem Einen, aus dem alles hervorgeht, erscheint, wie eine feine Wolke, die sichtbar wird, ein feiner kondensierender Nebel, der sich selbst vom unsichtbaren Dampf in seiner Umgebung loslöst, der sich mehr und mehr verdichtet, bis er zum individuellen Wassertropfen wird, den wir als Einheit erkennen; aus dem, das Alles ist, kommt das Abgegrenzte und Unterschiedene; seiner Natur nach eins mit dem All, in seinem Wesen dasselbe, aber durch seine Bedingungen getrennt und auf diese Weise aus dem Ganzen heraus individualisiert.

Und die individuelle Seele des Menschen ist eine solche Individualisierung aus dem Einen Selbst, und sie wächst und gedeiht durch Erfahrung. Sie wächst, nimmt zu und entwickelt sich, indem sie wiedergeboren wird, Leben für Leben, Epoche für Epoche, hunderte Male in dieser Welt. Und was wir als Geist bezeichnen, ist lediglich eine kleine Ausstülpung dieser Individualität in die stoffliche Welt.

So wie die Amöbe, die nach Nahrung sucht, einen Teil von sich ausstülpt und ein kleines Partikelchen des Nahrungsstoffes in sich aufnimmt, und den ausgestülpten Teil, der dieses Partikelchen enthält, wieder in ihre Substanz aufsaugt, um sich so zu ernähren, so stülpt die Individualität einen kleinen Teil von sich in die Welt – die physische Welt – aus, um Erfahrung als Nahrung für sich zu sammeln, und diese Ausstülpung bei dem, was wir als Tod bezeichnen, mit der gesammelten Erfahrung wieder einzusaugen und durch sie ihr Wachstum zu fördern.

Und der Geist ist diese Ausstülpung in die physische Welt, er ist ein Teil der Individualität, der Seele; das Bewusstsein, das du bist, ist größer als dein Geist; das Bewusstsein, das du bist, ist größer, als das, was du als den Intellekt kennst. Deine gesamte Vergangenheit, all die Erfahrungen, die du gesammelt hast, sind im Bewusstsein angesammelt. All das Wissen, das du dir angeeignet hast, ist in dem Bewusstsein, das du wirklich bist, aufbewahrt. Bei deiner Geburt stülpst du einen kleinen Teil deiner selbst aus, um neue Erfahrungen zu sammeln und das Angesammelte zu vermehren: – noch mehr Bewusstsein; diese nimmt die Seele, um durch sie zu wachsen, in sich auf und in jedem Leben versucht sie aus ihrem umfassenderen Bewusstsein heraus jene Ausstülpung ihrer selbst zu beeinflussen; was wir als Stimme des Gewissens bezeichnen, ist nichts als dieses größere Selbst, das zum niederen Selbst spricht und versucht, das niedere Selbst in seiner Unwissenheit durch die Weisheit des höheren Selbstes, die es in all seinen Leben angesammelt hat, zu leiten.

Aber wir wissen, mit diesem niederen Selbst, unserem Geist, ist eine Schwierigkeit verbunden. Erinnert ihr euch an das, was Arjuna zu Shri Krishna sagte, als er über diese Kontrolle des niederen Manas sprach, von der wir gerade reden? Ihr erinnert euch, wie er zu seinem göttlichen Lehrer sagte, dieses Manas sei so ruhelos; »Manas ist sehr ruhelos«, sagte er, »O Krishna; es ist ungestüm, stark und schwer zu zügeln; ich glaube, es ist so schwer zu zügeln, wie der Wind«. Und das ist wahr; jeder, der versucht, den Geist zu bändigen, weiß wie schwer es ist. Jeder, der versucht, Manas zu kontrollieren, weiß, wie ruhelos, ungestüm und stark es ist und wie schwer es sich zügeln lässt. Aber erinnert ihr euch, was der Gesegnete Herr Arjuna antwortete, als er sagte, es sei so schwer zu zügeln, wie der Wind? Seine Antwort war: »Ohne Zweifel ist Manas schwer zu zügeln und ruhelos, O mächtig Gewappneter; aber es kann gezügelt werden durch ständige Übung und Gleichmut.«

Es gibt keinen anderen Weg. Ständige Übung: niemand kann das für dich übernehmen; kein Lehrer kann es an deiner Stelle tun. Du selbst musst es tun, und bevor du diese Arbeit nicht selbst in Angriff nimmst, wirst du auch nie den Guru finden können.

Es ist nutzlos zu jammern und zu wünschen, wenn man nicht jene Schritte unternimmt, die in den Schriften aller großen Lehrer beschrieben sind, und uns anleiten wollen, den Weg zu ihren Füßen zu finden. Da ist ein mächtiger Lehrer, ein Avatar, der beschreibt, was getan werden muss und sagt, es möge getan werden. Und wenn ein Avatar sagt, es möge getan werden, dann meint er, es könne getan werden, von jenen, die es wirklich wollen; denn er kennt die Kräfte derjenigen, die er zu sehen vermag und die er als der Erhabene in diese Welt geführt hat; und wenn er uns sein göttliches Wort gibt, dass die Eroberung möglich ist, sollten wir es dann wagen, zu behaupten, wir könnten es nicht tun, so als wollten wir den Gott, der spricht, der Lüge bezichtigen?

Wie also soll es getan werden? »Durch ständige Übung«, sagt der Herr; das heißt, in eurem täglichen Leben, in eurem geschäftigen Leben sollt ihr damit beginnen, diesen euren ruhelosen Geist zu erziehen und ihn eurem Willen zu unterwerfen.

Versucht für einen Augenblick, konzentriert an etwas zu denken. Ihr werdet erleben, wie eure Gedanken wegfliegen. Was sollt ihr tun? Führt sie wieder zu jenem Punkt zurück, auf den ihr sie konzentrieren wollt. Wählt einen Gegenstand und denkt klar und folgerichtig über ihn nach. Erinnert euch, dass ihr einen gewaltigen Vorteil bei dieser Übung des Geistes habt; ihr besitzt die alten Hindutraditionen, ihr besitzt das physische Erbe, das unter diesen Bedingungen geformt wurde, und die Übung in eurer Jugend, die euch an diese Beherrschung eurer geistigen Tätigkeit bereits gewöhnt haben sollte.

Es ist für einen im Westen geborenen Menschen erheblich schwieriger als es für euch sein sollte, diesen ruhelosen Geist zu bezwingen, weil im Westen die Kontrolle des Geistes nicht gelehrt wurde, weil diese dort nicht so wie hier Bestandteil der religiösen Erziehung ist und die Menschen es gewohnt sind, von einem Gegenstand zum nächsten zu flattern. Die Gewohnheit – um ein triviales Beispiel zu nehmen – des ständigen Zeitungslesens, vielleicht drei oder vier Zeitungen am Tag, ist etwas, was die Kontrolle des Geistes äußerst erschwert. Ihr flattert von einem Gegenstand zum nächsten; hier wirbelt eine Reihe von Telegrammen den Geist nach England, nach Frankreich, nach Spanien, nach Kamtschatka, nach Neuseeland, nach Amerika; wenn ihr diese Spalte oder halbe Spalte gelesen habt, dann findet ihr andere Neuigkeiten. Berichte über die Aktivitäten bekannter Leute. Berichte über Theateraufführungen, über Gerichtsverhandlungen. Hier eine Schiffsregatta, dort ein Wettrennen zwischen Menschen; hier Nachrichten über Sport oder Athletik, und so weiter. Ihr alle kennt das Kunterbunt der Zeitungen. Die Menschen wissen nicht, welchen Schaden sie sich dadurch zufügen, dass sie die Energien des Geistes bei der regelmäßigen Lektüre dieser trivialen und unbedeutenden Dinge verschwenden. Es gibt Menschen in England, die jeden Tag ein halbes Dutzend Zeitungen lesen; das bedeutet mehr, als dass sie nur im Augenblick die Kraft ihres Geistes zerstreuen; denn wenn ihr diese Kräfte Tag für Tag zerstreut, dann gewöhnt ihr euch an diese Zerstreuung und ihr könnt dann euer Denken nicht mehr auf eine Idee konzentrieren. Darüberhinaus verschwendet man Zeit, die man auf höhere Gegenstände verwenden könnte. Ich will damit nicht sagen, dass ihr als Menschen dieser Welt nicht wissen solltet, was in ihr vorgeht; aber es reicht völlig, eine Tageszeitung zu nehmen, die sich mit den wichtigeren Vorgängen der äußeren Welt befasst, und sie einige Minuten ruhig zu lesen; wenn ihr zu lesen versteht, dann reicht dies für diese äußeren Angelegenheiten.

Um diese moderne Neigung zur Zerstreuung zu bekämpfen, solltet ihr es euch zur täglichen Gewohnheit machen, folgerichtig zu denken und eure Aufmerksamkeit für eine gewisse Zeit einem Gegenstand zuzuwenden; lest ernsthaft jeden Tag einen Teil eines Buches, das von den gewichtigeren Dingen des Lebens handelt, vom Ewigem statt vom Zeitlichen; konzentriert euren Geist darauf, solange ihr lest. Erlaubt ihm nicht, herumzuwandern, sich zu zerstreuen. Wenn er fortspaziert, bringt ihn zurück, und setzt ihn erneut vor dieselbe Idee, und auf diese Weise werdet ihr euren Geist stärken, ihr werdet beginnen, ihn zu zügeln, und durch ständige Übung werdet ihr lernen, ihn zu kontrollieren, und ihn den Pfad entlang führen, den ihr für wünschenswert haltet. Selbst in weltlichen Angelegenheiten ist diese Eigenschaft von großem Nutzen. Ihr bereitet euch nicht nur auf das größere Leben vor, das vor euch liegt, sondern auch in den alltäglichen Dingen ist derjenige, dessen Denken konzentrierter ist, erfolgreicher; der, der folgerichtig, klar und bestimmt zu denken vermag, der wird sich auch in der niederen Welt durchsetzen können. So werdet ihr diese ständige Übung eures Geistes sowohl in dieser unwichtigen Welt als auch in bedeutenderen Angelegenheiten nützlich finden. Und dann werdet ihr schrittweise jene Kontrolle lernen, die eine der Bedingungen der Schülerschaft ist.

(2) Meditation

Wenn ihr euren Geist auf diese Weise übt, werdet ihr vielleicht auch einen weiteren Schritt unternehmen – die Meditation. Meditation ist die vorsätzliche und formgerechte Übung des Geistes in Konzentration und Sammlung der Gedanken auf einen Gegenstand.

Ihr müsst dies jeden Tag tun, denn wenn ihr es jeden Tag tut, dann werdet ihr durch etwas unterstützt, was man als Automatismus des Körpers und des Geistes bezeichnet. Was ihr jeden Tag tut, wird zur Gewohnheit; was täglich getan wird, wird nach einiger Zeit ohne Anstrengung getan; was zu Anfang schwer ist, wird leicht durch ständige Übung.

Nun kann man Meditation sowohl als Hingabe [devotional] wie auch als Aktivität [intellectual] üben, und der Weise, der sich auf die Schülerschaft vorbereitet, wird auf beide Arten meditieren.

[Die englische Unterscheidung ist schwer wiederzugeben bzw. nachzuvollziehen. Gemeint ist einerseits die fortgesetzte Hingabe an das höhere Ideal durch die sich der Meditierende an dieses Ideal angleicht – »devotional«. Andererseits die planmäßige Ausbildung gewisser Charaktereigenschaften durch Selbsterziehung – »intellectual«. Besant geht zuerst auf die eine Form der Meditation ein, weiter unten, unter 3., auf die zweite].

Er wird seinen Geist konzentrieren, seine Gedanken sammeln, auf das göttliche Ideal richten, auf den jetzt noch unbekannten Lehrer, den er dereinst zu finden hofft; und wenn er sich dieses vollkommene Ideal ständig vor Augen hält, wird er seinen niederen Geist in der Stunde der Meditation diesem Ideal zuwenden und wird mit gesammelten und nicht abschweifenden Gedanken zu ihm aufstreben. Je mehr der Geist wächst, um so leichter wird dies für ihn; und je mehr er in der Meditation zu diesem Ideal aufschaut, um so mehr beginnt es sich in ihm zu spiegeln, wird er zu einem kleinen Abbild dieses Ideals.

Dies ist eine der schöpferischen Kräfte des Geistes – der Mensch wird zu dem, worüber er nachdenkt; und wenn er täglich über das vollkommene Ideal des Menschseins nachdenkt, wird er allmählich diesem vollkommenen Ideal entgegenwachsen. Dann wird er nach und nach feststellen, wenn er seinen Geist beständig auf dieses Ideal richtet, wenn er zu ihm hinaufstrebt, und danach verlangt, mit ihm in Kontakt zu kommen, dass während der Zeit der Meditation der niedere Geist friedvoller wird, dass er in einen Ruhezustand versinkt, dass die äußere Welt aus dem Bewusstsein entschwindet, und dass das tiefere Bewusstsein aus seinem Inneren aufleuchtet – das höhere Bewusstsein, das der Individualität –, und er wird erleben und erkennen, was er ist.

Denn wenn der niedere Geist auf diese Weise zur Ruhe gekommen und seine Ruhelosigkeit bezwungen ist, dann wird er wie zu einem ruhigen See, der von keinem Wind bewegt wird, von keinerlei Strömungen durchzogen ist. Ein solcher See ist wie ein Spiegel; auf dessen glatter, ruhiger, unbewegter Oberfläche scheint die Sonne des Himmels herunter, und spiegelt sich im stillen Wasser; so auch bildet sich das höhere Bewusstsein im Spiegel des ruhiggestellten, niederen Geistes ab.

Und dann erkennt der Mensch, nicht mehr aufgrund von Autorität, sondern aus eigener Erfahrung, dass er mehr ist als der Geist, den er als Intellekt zur Erscheinung gebracht hat, dass sein Bewusstsein umfassender ist, als das vorübergehende Bewusstsein des Geistes; dann wird es für ihn möglich, sich mit dem Höheren zu identifizieren, und – vielleicht nur für einen kurzen Moment – einen Blick auf die Majestät des Selbstes zu werfen.

Denn erinnert euch daran, dass euch die großen Schriften stets lehren, dass ihr das Höhere und nicht das Niedere seid. Was bedeutet es, wenn es im Chandogyupanischad und anderswo heißt: »Du bist Brahma«, »Das bist Du« oder wenn der Buddhist sagt: »Du bist Buddha«? Was damit gemeint ist, wird solange nicht zu einer Bewusstseinstatsache für euch, sosehr ihr es intellektuell auch verstehen mögt, bis ihr den niederen Geist durch Meditation zu einem Spiegel gemacht habt, in dem sich der höhere spiegeln kann; dann, auf einer höheren Stufe der Meditation, werdet ihr selbst bewusst das Höhere werden, und dann werdet ihr wissen, was all jene großen Lehrer mit dem berühmten Satz sagen wollten, der uns versichert, der Mensch trage das Göttliche in sich.

Wenn man dies täglich übt, in der täglichen Meditation, Monat für Monat, Jahr für Jahr, dann durchdringt dieses Bewusstsein das ganze Leben und wird zu einem Dauerzustand, der die zeitlich begrenzten Erfahrungen ablöst. Zuerst ist es auf die Dauer der Meditation begrenzt, dann geht es über auf das Leben des Alltags.

Ihr mögt einwenden: Wie kann ich mir dessen bewusst sein, wenn ich mit der äußeren Welt beschäftigt bin? Wie kann ich das Bewusstsein des Höheren behalten, wenn das Niedere voll aktiv ist? Wisst ihr es wirklich nicht, wo ihr euch doch vor dem Altar niederbeugt, und euren Körper benutzt, um Blumen zu opfern, während der Geist auf die Gottheit selbst konzentriert ist? Wohl ist die äußere Aktivität des Körpers da, aber euer Denken ist nicht auf die Blumen gerichtet, die ihr opfert, sondern auf die Gottheit, der ihr das Opfer bringt; die Hände erfüllen ihre Pflicht und opfern die Blumen auf vollkommene Art, auch wenn der Geist seine Gedanken auf das Göttliche selbst konzentriert. Ebenso mögt ihr in der äußeren Welt des Menschen die Blumen der Pflicht opfern in einem Leben ständiger Aktivität, der täglichen Arbeit; ihr mögt diese Blumen mit dem Körper und dem Geist opfern, eure Pflicht bis zum Äußersten erfüllen, aber ihr selbst werdet unentwegt in der Meditation und Anbetung ruhen.

Lernt erst euer höheres Bewusstsein von eurem niederen zu trennen, euch selbst von eurem Geist, und ihr werdet schrittweise die Kraft erlangen, geistige Aktivitäten auszuführen, ohne euer »Ich« in ihnen zu verlieren; der Geist wird vollkommen mit seinen Pflichten beschäftigt sein, während das Selbst in erhabener Höhe verweilt. Ihr werdet euer inneres Heiligtum nie verlassen, wie geschäftig euer äußeres Leben auch sein mag. Auf diese Weise bereitet man sich auf die Schülerschaft vor.

(3) Charakterbildung

Es gibt eine weitere Stufe, die wir hier ins Auge fassen müssen, jene, die ich als die intellektuelle Seite der Meditation bezeichnete, die es mit der schrittweisen und bewussten Bildung des Charakters zu tun hat.

Erneut wende ich mich der großen Abhandlung des Karma-Yoga zu, den Lehren des Shri Krishna in der Bhagavad Gita. In der sechzehnten Rede findet ihr die lange Liste von Eigenschaften, die ein Mensch in sich entwickeln muss, so dass er in Zukunft mit ihnen geboren wird. Sie werden als »göttliche Eigenschaften« bezeichnet und Arjuna wird gesagt: »Du bist mit göttlichen Eigenschaften geboren, O Pandava.« Nun, damit ihr in künftigen Leben mit diesen Eigenschaften geboren werdet, müsst ihr sie in diesem Leben ausbilden; wenn ihr sie in das Leben zurückbringen sollt, müsst ihr sie schrittweise in aufeinanderfolgenden Leben ausbilden und der weltliche Mensch, der wissen will, wie er seinen Charakter bilden soll, kann nichts anderes tun, als dass er sich diese Reihe von Eigenschaften vornimmt, die göttlichen Eigenschaften, die in der Schülerschaft gefordert werden, und sie eine nach der anderen in seinem täglichen Leben entwickelt, indem er sich der Meditation und Aktion hingibt.

1. Reinheit

Reinheit ist zum Beispiel eine dieser Eigenschaften. Wie soll sich jemand Reinheit anerziehen? Indem er in seiner morgendlichen Meditation sich auf diese Idee der Reinheit konzentriert, und sich darüber klar wird, was darunter zu verstehen ist. Keine Unreinheit darf in seine Gedanken eindringen; keine Unreinheit in seine Handlungen, er muss rein sein in der dreifachen Äußerung seiner Handlungen, Worte und Gedanken. Das ist das dreifache Band der Pflicht, an das ich euch früher erinnert habe, das die drei Teile der Brahmanas repräsentieren. Am Morgen denkt er über die Reinheit nach, als etwas das wünschbar ist, das er verwirklichen muss; und wenn er in die Welt hinausgeht, trägt er die Erinnerung an diese Meditation in sich. Er beobachtet seine Handlungen; er erlaubt keiner unreinen Handlung, seinen Körper zu beflecken; er begeht den ganzen Tag über keine unreine Handlung, weil er unablässig jede seiner Handlungen beobachtet und darauf achtet, dass auch nicht der Hauch einer Unreinheit sie berührt. Er achtet auf seine Worte. Er spricht kein unreines Wort; er berührt in seiner Rede keinen unreinen Gegenstand; er erlaubt seiner Zunge nicht, durch eine unreine Vorstellung befleckt zu werden. Jedes seiner Worte ist rein, so dass er sie alle auch in der Gegenwart seines Meisters aussprechen könnte, dessen Auge das leiseste Anzeichen von Unreinheit sieht, das ein gewöhnliches Auge übersehen würde. Er wird auf jedes Wort achten, dass es das reinste ist, das er auszusprechen vermag und er wird niemals sich oder andere durch ein einziges Wort oder eine gemeine Äußerung mit unreiner Bedeutung beschmutzen. Seine Gedanken werden rein sein. Er wird niemals einem unreinen Gedanken erlauben, in seinen Geist einzudringen, oder falls er doch eintritt, wird er sofort wieder hinausbefördert; im Augenblick, in dem er eintritt, wird er hinausbefördert; und da er weiß, dass er nicht hätte in seinen Geist gelangen können, wenn es in diesem nicht etwas gäbe, was ihn angezogen hat, reinigt er seinen eigenen Geist, so dass auch kein unreiner Gedanke eines anderen in ihn eintreten kann. So achtet er auf diesen einen Punkt während des ganzen Tages.

2. Wahrhaftigkeit

Und dann wird er ebenso die Wahrheit in seine Morgenmeditation aufnehmen; er wird über die Wahrheit nachdenken, über ihren Wert für die Welt, für die Gesellschaft, für seinen eigenen Charakter; und wenn er in die Welt hinausgeht, wird er niemals eine Handlung ausführen, die einen falschen Eindruck erweckt, er wird nie ein Wort aussprechen, das eine falsche Vorstellung vermittelt. Er wird nicht nur nicht lügen, er wird nicht einmal ungenau sein, denn auch das ist eine Unwahrheit. Das, was du erlebt hast, ungenau wiederzugeben, kommt dem Aussprechen einer Lüge gleich. Jede Übertreibung oder jedes Ausmalen einer Geschichte, alles, was nicht vollkommen mit den Fakten übereinstimmt, so weit sie ihm bekannt sind, alles, was auch nur den Schatten der Unwahrheit an sich trägt, darf von dem, der Schüler werden will, nicht benutzt werden. Und ebenso muss er in seinem Denken wahr sein. Jeder Gedanke muss so wahr wie möglich sein, von keinem Schatten der Lüge berührt, der seinen Geist beschmutzen könnte.

3. Mitgefühl

Ebenso das Mitgefühl. Er wird morgens über das Mitgefühl meditieren, und tagsüber wird er versuchen, es umzusetzen; er wird seinen Mitmenschen jede denkbare Form der Güte erweisen; er wird seiner Familie, seinen Freunden und Nachbarn alle denkbaren Dienste erweisen. Wo immer er Mangel sieht, wird er versuchen, ihn zu beseitigen; wo immer er Sorge sieht, wird er versuchen, sie zu beheben; wo immer er Elend sieht, wird er versuchen, es zu lindern. Er wird das Mitgefühl ebensosehr leben, wie er es denkt, und es so zu einem Teil seines Charakters machen.

4. Standhaftigkeit, Seelenstärke

So auch mit der Standhaftigkeit. Er wird über den Adel des tapferen Mannes nachdenken, den keine äußeren Umstände niederdrücken oder erheben können, den Mann, der sich nicht über Erfolg freut oder Misserfolg ärgert, der nicht von der Gnade der Umstände abhängig ist, heute traurig, weil die Dinge ihm Widerstand leisten, morgen fröhlich, weil ihm alles wie von selbst von der Hand geht. Er wird versuchen, stets er selbst zu sein, immer ausgeglichen und stark; wenn er in die Welt hinausgeht, wird er das üben; wenn Unannehmlichkeiten ihn heimsuchen, wird er an das Ewige denken, wo es keine Unannehmlichkeiten gibt; wenn er Geld verliert, wird er an den Reichtum der Weisheit denken, der ihm nicht genommen werden kann; wenn ein Freund ihm vom Tod entrissen wird, wird er daran denken, dass keine lebendige Seele stirbt und dass der Körper, der stirbt, nur das Kleid ist, das weggeworfen wird, wenn es abgetragen ist, um ein neues anzuziehen, und dass er seinen Freund wiederfinden wird.

5. Selbstbeherrschung, Friedfertigkeit, Furchtlosigkeit

Und ebenso mit all den anderen Tugenden der Selbstbeherrschung, der Friedfertigkeit, der Furchtlosigkeit – all diese Eigenschaften wird er meditieren und praktizieren. Nicht alle auf einmal. Kein Mensch in dieser Welt hätte Zeit genug, über sie alle jeden Tag zu meditieren; aber nehmt sie euch eine nach der anderen vor, und bildet sie eurem Charakter ein. Arbeitet unablässig daran: scheut euch nicht, Zeit darauf zu verwenden. Arbeitet unablässig daran: scheut euch nicht, Zeit und Mühe darauf zu verwenden. Alles, was ihr hier ausbildet, bildet ihr für die Ewigkeit aus, und ihr könnt ruhig in der Zeit geduldig sein, wenn die Ewigkeit vor euch liegt. Alles, was ihr gewinnt, gewinnt ihr für immer. Meditation oder Praxis allein reicht nicht aus für die Bildung des Charakters. Beides muss zusammenwirken; beide müssen einen Teil des täglichen Lebens sein, und auf diese Weise wird ein edler Charakter geformt.

Ein Mann, der sich so selbst erzogen hat, der das Äußerste getan hat, das ihm möglich ist, der Zeit und Gedanken und Mühe darauf verwendet hat, sich darauf vorzubereiten, den Lehrer zu finden, der wird den Lehrer auch wirklich finden; oder besser, der Lehrer wird ihn finden und sich seiner Seele offenbaren.

Denn stellt ihr euch in Blindheit und Unwissenheit vor, dass diese Lehrer verborgen bleiben möchten? Glaubt ihr, in Illusion gehüllt, dass sie sich willkürlich vor den Augen der Menschen verbergen, um die Menschheit in ihrem hilflosen Stolpern sich selbst zu überlassen, dass sie nicht bereit sind, zu helfen und zu führen? Ich sage euch, so sehr ihr auch für einen Moment euren Lehrer finden wollt, um so viel mehr, tausendfach mehr, begehrt der Lehrer danach, euch zu finden, damit er euch helfen kann. Wenn sie ihre Blicke über die Menschheit schweifen lassen, sehen sie, dass so viele Helfer gebraucht und so wenige gefunden werden. Die Masse versinkt in Unwissenheit; Lehrer werden für sie gebraucht und sie gehen zu Myriaden unter; niemanden gibt es, der ihnen helfen würde.

Die großen Lehrer brauchen Schüler, die in der niederen Welt leben, und die, durch die Lehrer ausgebildet, in die Welt der Menschen gehen, um den Leidenden zu helfen, den verdunkelten Geistern Erkenntnis zu bringen. Immerzu sehen sie auf die Welt herab, ob sie nicht eine einzelne Seele finden, die bereit und willens ist, ihre Hilfe anzunehmen; immerzu sehen sie auf die Welt herab, damit sie augenblicklich zu den Seelen kommen können, die bereit sind, sie zu empfangen, die die Türen ihrer Herzen nicht vor ihnen verschließen. Denn unsere Herzen sind gegen sie verschlossen und verriegelt, so dass sie nicht eintreten können. Sie wollen nicht einbrechen und mit Gewalt eindringen. Wenn jemand sich für seinen eigenen Weg entscheidet und die Türen verschließt, wird kein anderer den Schlüssel umdrehen; wir sind eingeschlossen in unsere weltlichen Wünsche; wir sind eingeschlossen, weil wir nach den Dingen der Erde greifen; wir sind eingeschlossen durch die Schlüssel der Sünde und Gleichgültigkeit und Trägheit; und der Lehrer steht da und wartet, bis das Tor aufgetan wird, damit er die Schwelle überschreiten und unseren Geist erleuchten kann.

Sagt ihr: Wie können sie unter den Myriaden von Menschen die eine Seele erkennen, die für sie arbeitet und sich selbst auf ihr Kommen vorbereitet? Die Antwort auf diese Frage wurde einst in Form eines Bildes gegeben; ein Mann steht auf dem Gipfel eines Berges und sieht über die angrenzenden Täler, und er sieht ein einzelnes Licht, das aus einer kleinen Hütte leuchtet, weil das Licht sich von der Dunkelheit der umgebenden Welt abhebt. Ebenso leuchtet auch die Seele, die sich bereit gemacht hat, in der Finsternis der umgebenden Welt und zieht die Aufmerksamkeit des Beobachters auf dem Gipfel des Berges durch ihr eigenes Licht auf sich. Ihr müsst eure Seele zum Leuchten bringen, damit der Lehrer sie sehen kann. Er steht da und hält Ausschau, aber ihr müsst das Zeichen geben, damit er euer Lehrer werden und euch auf dem Weg führen kann. Wie groß die Not ist, werdet ihr vielleicht am Ende der verbleibenden Arbeit verstehen, die noch vor uns liegt, wenn ich die Aufgaben des Schülers beschreibe und was er wirklich tun muss: aber lasst mich an diesem Morgen mit diesem Bild aufhören: dass der Lehrer Ausschau hält, wartet und euch finden möchte, dass ihn danach verlangt, euch zu unterrichten, dass ihr die Macht besitzt, ihn zu euch heranzuziehen, dass nur ihr allein ihn zu euch führen könnt. Er mag an die Tür eures Herzens klopfen, aber ihr müsst das Wort aussprechen, das ihm erlaubt, einzutreten; und wenn ihr dem Pfad folgen würdet, den ich heute Morgen vor euch umrissen habe, wenn ihr Schritt für Schritt Gedankenkontrolle, Meditation, Charakterbildung üben würdet, dann würdet ihr das dreifache Wort aussprechen, das es dem Lehrer erlaubt, sich selbst zu offenbaren. Wenn dieses Wort in der Stille des Herzens ausgesprochen wird, dann erscheint der Meister in ihm und die Füße des Gurus sind gefunden.

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