Ein verzerrtes Bild

Anmerkungen zu einer Rezension des Buches von Markus Osterrieder über den ersten Weltkrieg.

osterrieder_coverIn der Dezember-Nummer 2014 von Info3 setzt sich Ansgar Martins kritisch mit dem Buch von Markus Osterrieder: »Welt im Umbruch. Nationalitätenfrage, Ordnungspläne und Rudolf Steiners Haltung im Ersten Weltkrieg. Stuttgart 2014: Verlag Freies Geistesleben« (1722 Seiten) auseinander. Im einführenden Text heißt es, das Buch vermittle »das Bild, wonach ein universell-humanistisches ›Mitteleuropa‹ von Herder bis zur Anthroposophie durch eine von okkulten Gruppen aus der englischsprachigen Welt geplante neue Weltordnung ersetzt wurde«, Osterrieder wärme »damit einen Urmythos deutscher Verschwörungstheorien auf.«

Diese Bilanz stützt sich auf eine Reihe von Behauptungen, die Ansgar Martins aufstellt; die wichtigsten davon seien angeführt und kommentiert.

Eines dieser Statements lautet: »Osterrieder verzerrt […] die Rolle des Deutschen Kaiserreichs. Er erblickt hier ›eine Verbindung von Preußentum und Amerikanismus‹ und wirft der deutschen Politik letztlich bloß vor, die ›Handlungsweise‹ des ›Empire‹ ›bis zur eigenen Lächerlichkeit nachzuahmen‹ (114).«

Liest man nun in Osterrieders Ausführungen nach, so finden sich auch ganz andere Aspekte. Er zitiert Steiners scharfe Kritik an den Trägern der Macht im Kaiserreich: »Das ist es, was Mitteleuropa seinen Untergang gebracht hat: die Ehe zwischen dem Industrialismus und dem Territorialfürstentum, den politischen Verwaltern Europas. […] das für dieses Mitteleuropa grausam-fürchterliche Zusammenwirken des alten verkommenen Nibelungenadels mit dem heraufkommenden, seine welthistorische Stellung durch keine inneren seelischen Ansprüche rechtfertigenden industriellen Menschentum Mitteleuropas.« (74) Dann verweist er auf die scharfe Zurückweisung der Dolchstoßlegende durch Rudolf Steiner und dessen harsche Kritik an Wilhelm II., »diese sonderbare, karikaturhafte Gestalt eines Monarchen«, der »seiner ganzen intellektuellen Qualität nach [ein] höchst unbedeutender Herrscher« (76) gewesen sei, sowie an Generalfeldmarschall Ludendorff, der »eine pathologische Natur« gewesen sei, »die sozusagen seit Kriegsanfang nicht mehr anders als vom psychiatrischen Standpunkte aus zu beurteilen« sei, ein »Schwarmgeist«, »der sich niemals bequemt hat, die Wirklichkeit zu sehen, wie sie ist, sondern sie nach seinen bequemen Ideen formen wollte.« (77) Schließlich führt er Steiners Äußerung aus dem Jahre 1919 zur Schuld des deutschen Volkes an: Es sei »die Schuld eines gänzlich unpolitisch denkenden Volkes, dem die Absichten seiner ›Obrigkeit‹ durch undurchdringliche Schleier verhüllt worden sind. Und das aus seiner unpolitischen Veranlagung heraus gar nicht ahnte, wie die Fortsetzung seiner Politik der Krieg werden musste.« (81) Weitere Passagen beschäftigen sich mit dem Aufkommen von Nationalismus und Militarismus in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (95-108) sowie mit der imperialistischen Ausrichtung deutscher Politik inklusive dem Bau der Bagdad-Bahn »als Spekulationsprojekt der deutschen Hochfinanz und des deutschen Kapitalmarkts, die von der Staatsführung Rückendeckung erhielten« (112) und dem vor der Öffentlichkeit geheim gehaltenen »Septemberprogramm« vom 9. September 1914 mit den darin formulierten Kriegszielen (118f.) – direkt darauf wird die gegenwärtige Forschungslage zur bekannten These Fritz Fischers referiert, die Führungsstäbe von Heer und Marine hätten ab Dezember 1912 gezielt einen Krieg gegen Frankreich, Russland und England vorbereitet (122-124). Offensichtlich ist die Charakterisierung des deutschen Kaiserreichs durch Markus Osterrieder ungleich komplexer als es Ansgar Martins darstellt.

Ein weiteres Diktum von Martins: »Von Nationalbewegungen über Politiker führt Osterrieder nahezu jedes politische Ereignis auf ›angloamerikanische‹ Geheimgesellschaften zurück – sogar die russische Oktoberrevolution (ab S.1337), deren Ziel es gewesen sei, eine Verbindung von Russland und ›Mitteleuropa‹ zu verhindern. Nicht nur der Sozialismus erscheint hier als Spielball konspirativer Mächte.«

Sieht man einmal von dem pauschalen Charakter dieser These ab und überprüft sie an dem angeführten Beispiel der russischen Oktoberrevolution, so ist man einigermaßen erstaunt. Denn Osterrieder beginnt seine Ausführungen zu dieser Thematik, wie jeder Historiker das vernünftigerweise macht, mit einer Analyse der vorangegangenen Februarrevolution und verweist schon auf der ersten Seite auf ihre ökonomischen und sozialen Ursachen: eine gravierende Versorgungskrise und erste Hungerrevolten im Winter 1916/17, in denen der Ruf nach Brot und einer gerechten Landverteilung laut wurde (1301). Diese Situation führte zu den bekannten revolutionären Ereignissen: den Demonstrationen am 8. März (= 23. Februar nach dem alten Kalender), den anschließenden Massenprotesten, dem erzwungenen Thronverzicht des Zaren und der Bildung der provisorischen Regierung. Nach dem Hinweis auf diese Vorgänge referiert Osterrieder den Forschungsstand zur Verbindung führender Männer der Revolution zu freimaurerischen Kreisen, um dann in aller Deutlichkeit festzustellen: »Es wäre eine völlige Verkennung der sozialen Situation, zu behaupten, Freimaurer hätten die ›Revolution gemacht‹. Die revolutionäre Situation hatte sich aus einer verfehlten Politik entwickelt, die weit in das 19. Jahrhundert zurückreichte. Als sich die Revolution Anfang 1917 abzeichnete, versuchten jedoch politische Freimaurerorganisationen, auf deren Verlauf Einfluss zu nehmen, führende Positionen zu besetzen und sie zu steuern« (1316) – eine Feststellung, die durch eine Reihe historischer Dokumente belegt wird. In der Folge führte die Regierung den Krieg weiter, was die sozialen Spannungen verschärfte und die bolschewistische Propaganda für Land, Brot und Frieden immer populärer machte.

Diese Lage traf Lenin an, als er und eine Reihe von Mitrevolutionären nach der mit Zustimmung der deutschen Regierung und Obersten Heeresleitung unternommenen Fahrt im versiegelten Eisenbahnwaggon von Zürich aus quer durch Deutschland am 16. April (3. April alter Zählung) in Petrograd eintraf, um die Revolution zu radikalisieren und in eine sozialistische weiter zu treiben. Bei der Schilderung dieser Vorgänge legt Osterrieder Wert auf die Feststellung, es sei völlig verfehlt, »in Lenin einen ›deutschen Agenten› oder ›das Werkzeug des Kaisers‹ zu sehen – er diktierte die Bedingungen und gedachte seine eigenen Ziele zu verwirklichen.« (1329)

Diese Linie behält Osterrieder auch bei, als er nach einer differenzierten Darstellung der Finanzhilfen für die Bolschewiki durch die deutsche Regierung mit dem Ziel, Lenin zu einem Separatfrieden mit Deutschland zu bewegen, die Versuche der Alliierten darstellt, »aus diesen Bolschewiken unsere Bolschewiken« (1341) zu machen, wie es der Direktor der New Yorker Federal Reserve Bank, William B. Thompson, gegenüber dem britischen Premier Lloyd George ausgedrückt hat. An keiner Stelle wird Lenin als »Spielball konspirativer Mächte« dargestellt, vielmehr schildert Osterrieder, wie Lenin die Interessengegensätze der Großmächte für seine eigenen Zwecke auszunutzen suchte; so bot er entgegen den Abmachungen von Brest-Litowsk, die Deutschland die wirtschaftliche Meistbegünstigung zusprachen, den Amerikanern Konzessionen für Kohle, Holz und Eisenbahnbau sowie für die Errichtung von Kraftwerken und Wasserstraßen an; sie könnten weite Teile des russischen Markts beherrschen, wenn sie Kredite zur Verfügung stellen würden (1356). Wiederum erweist sich Martins Behauptung bei genauer Lektüre als unzutreffend.

Eine ähnliche Signatur zeigt sich, wenn man Martins Vorwurf, Osterrieder stelle »den Aufstieg Hitlers als Produkt von Appeasement-Politik und ›angloamerikanischen Wirtschaftsinteressen‹ dar«, überprüft. Denn in Wirklichkeit stellt Osterrieder in einem eigenen Kapitel »Hakenkreuz statt Selbstbesinnung« dar, wie sich der Aufstieg Hitlers nach dem Krieg im völkischen Milieu Münchens mit seiner Vielzahl rechtsradikaler Organisationen vollzog (1474-1504); die Appeasement-Politik, deren Hintergründe sorgfältig dokumentiert werden, setzt logischerweise erst viel später, im Wesentlichen nach der Machtergreifung Hitlers, ein.

Schließlich konstatiert Ansgar Martins, Osterrieder habe zwar »eine beachtliche Menge an Quellen und Literatur« berücksichtigt, »darunter manch bemerkenswerten Fund«, doch sei bei seinen Forschungen zu dem Einfluss okkulter Gruppen vieles zwar »anekdotisch interessant, aber wenig von tatsächlicher historischer oder politischer Relevanz«. Aufgrund dieser Äußerung muss man wohl annehmen, dass für Ansgar Martins Gestalten wie der Freimaurer Cecil Rhodes sowie Alfred Milner und Arthur James Balfour, für welche der Spiritismus ein wichtiges biographisches Element darstellte und welche die Idee einer Überlegenheit der angelsächsischen Rasse propagierten, für die Ausrichtung der britischen Politik unerheblich waren; ebenso der kriegstreibende Okkultistenkreis um Gerard Encausse, genannt »Papus«, für die Orientierung der französischen oder die Martinisten für die Ausrichtung der russischen Politik – obwohl Osterrieder dazu eine Fülle von Belegen anführt. Und unbedeutend erscheint aus dieser Perspektive offensichtlich auch die freimaurerischen Organisationsformen nachgebildete Geheimorganisation »Schwarze Hand«, die den österreichischen Thronfolger ermordete und damit den Anlass für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs schuf.

Aufgrund der beschriebenen Leseerfahrungen komme ich zu dem Schluss, dass Ansgar Martins ein verzerrtes Bild des Buches von Markus Osterrieder zeichnet, einer Forschungsarbeit, die sich durch ihre Multiperspektivität in die Reihe der großen neueren Darstellungen zum Ersten Weltkrieg einreiht und durch ihre Vielschichtigkeit, gepaart mit immensem Quellenmaterial, neue Akzente setzt. Es ist sicher möglich und sinnvoll, über Schwerpunktsetzungen zu streiten, doch setzt eine fruchtbare geistige Auseinandersetzung voraus, dass zunächst die Position des Dialogpartners sachgerecht rezipiert und wiedergegeben wird.

Markus Osterrieder, Welt im Umbruch: Nationalitätenfrage, Ordnungspläne und Rudolf Steiners Haltung im Ersten Weltkrieg

6 Kommentare

  1. Markus Osterrieder

    Wer sich mit dem gegenwärtigen internationalen Forschungsstand zu den Thesen Fritz Fischers vertraut machen will, dem sei (wie im Buch angegeben) die Spezialnummer des Journal of Contemporary History 48/2 (2013) empfohlen. Sie enthält alle Beiträge der großen internationalen Konferenz des Deutschen Historischen Instituts in London zum 50-jährigen Jubiläum von Fischers Veröffentlichung. Auf der Konferenz wurde deutlich, daß eine maßgebliche Schwäche von Fischers Thesen auf dem Umstand beruhte, daß sie nicht ebenso umfassend die Politik der anderen kriegsauslösenden Mächte wertend miteinbezogen. Auf diese Weise entstand ein beträchtliches Ungleichgewicht in der Wertung. Entsprechende Revisionen wurden auf der Londoner Konferenz bereits eingebracht (Jonathan Steinberg: Old Knowledge and New Research. A Summary of the Conference on the Fischer Controversy 50 Years On. In: Journal of Contemporary History 48/2 (2013), S. 241–250).

  2. Markus Osterrieder

    Und auf S. 1407ff.:

    Mit Abschluß des Friedensvertrages von Brest-Litovsk zwischen Sowjetrußland und den Mittelmächten am 3. März 1918 … waren die Ukraine, Polen und das Baltikum – von Rußland unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht getrennt – deutsches Protektorat geworden, der Krieg an der Ostfront schien beendet. Rußland verlor durch diesen Friedensvertrag 26 Prozent des damaligen europäischen Territoriums, 27 Prozent des anbaufähigen Landes, 26 Prozent des Eisenbahnnetzes, 33 Prozent der Textil- und 73 Prozent der Eisenindustrie sowie 73 Prozent der Kohlegruben. Alle abzutretenden Gebiete umfaßten insgesamt 1,42 Millionen km2, auf denen rund 60 Millionen Menschen lebten, mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung des einstigen Zarenreiches.
    Der militärische Sieg der Mittelmächte schien in greifbare Nähe gerückt. In Wirklichkeit jedoch besiegelte dieser Scheinfriede die verheerende Niederlage des geistigen Deutschlands, die «Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des ‹deutschen Reiches›» (Nietzsche), und den Durchbruch jener Vorstellungen, die Hitler in Mein Kampf sieben Jahre später in Gestalt der ‹Lebensraum-Doktrin› zum politischen Programm erheben sollte. Der Abschluß des Friedensvertrages von Brest-Litovsk Anfang März 1918 spiegelte dementsprechend alle Kolonialgelüste der OHL in Osteuropa. Ein in der Zeitschrift ‚Das neue Deutschland‘ im Dezember 1914 formulierter Wunsch begann in Brest-Litovsk physische Gestalt anzunehmen:
    «Heute ist nichts dringender, als daß der Welteroberungswille das ganze deutsche Volk erfasse. Damit erst erheben wir uns von der halb unbewußten Weltmacht zur deutlich bewußten, also zur imperialistischen Macht. Damit erst können wir auch England die Spitze bieten …» …
    Strategische Machtpolitik und die Aussicht auf wirtschaftliche Ausbeutung beherrschten die Gedanken der Verantwortlichen. …
    Im österreichischen Armeeoberkommando stellte man fest, daß sich die Ukraine in ein «stillschweigendes Protektorat» der Deutschen verwandelt habe. «Die Deutschen verfolgten in der Ukraine ein bestimmtes wirtschaftlich-politisches Ziel. Sie wollen […] den sichersten Weg nach Mesopotamien und Arabien, nach Baku und Persien, den ihnen der Einmarsch in die Ukraine in die Hand gespielt hat, für immer in der Hand behalten.» …
    Die Ausbeutung der Ukraine durch das Deutsche Reich erfolgte nun nach den strafferen Richtlinien der Kriegswirtschaft. Das Land sollte durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes enger an die mitteleuropäischen Abnehmermärkte gebunden werden. Unterstaatssekretär Bussche forderte: «Es muß gelingen, den Osten für uns auszubeuten. Dort sind die Zinsen für unsere Kriegsanleihen zu holen.» …
    Im Mai 1918 äußerte eine Versammlung von Vertretern der deutschen Schwerindustrie (Thyssen, Hugenberg, Bruhn, Stinnes u.a.) ihre Besorgnis über das Einfließen alliierten Kapitals in Rußland; die Industriellen forderten von der Staatsführung eine «möglichst tiefgreifende finanzielle Durchdringung Rußlands» sowie eine «dau- ernde militärische Besetzung der europäischen Zufuhrstraßen nach dem Norden Rußlands durch Deutschland und seine Verbündeten», was weit über die Beschlüsse des Brester Vertrages hinausging. …

  3. Markus Osterrieder

    Weitere Erörterungen im Buch zum wirtschaftlichen Aspekt deutscher Kriegspolitik (unter ausgiebiger Verwendung von Fritz Fischer und seiner Schüler):

    S. 1040-1045:
    Insbesondere in Berlin, wo der Einfluß der militärischen Führung, der Obersten Heeresleitung (OHL) unter Hindenburg und Ludendorff, diktatorische Züge gewann, blickte man seit Anfang 1917 verstärkt auf den baltisch-osteuropäisch-kaukasischen Raum, der als deutsches Rohstofflager und Brücke nach Persien und Indien ebenso geeignet schien wie als «Lebensraum» künftiger deutscher Siedlungskolonien. [etc.]

    S. 1155-1162
    Wie bereits erwähnt, gab es in Deutschland tatsächlich jene alldeutschen Kreise, die bereits vor dem Krieg eine geradezu unerschöpfliche Phantasie an den Tag legten, was die imperialistischen Ziele der deutschen «Weltpolitik» betraf. … Auch in Wirtschaftskreisen sprach man von der Notwendigkeit der deutschen Expansion; es genüge nicht mehr, sich auf «Einflußgebiete» zu beschränken, sondern in den heutigen Zeiten brauche man «Rohstoffländer und Absatzmärkte in eigenem Besitz», denn «jede Nation, die in unseren Tagen nicht wächst, muß untergehen», so ließ der «Hansabund» im Februar 1914 verlauten. Walter Lambach folgerte im März in der Deutschen Handelswacht, daß sich an «der Linie Berlin–Bagdad […] unser Schicksal als wirtschaftliche Weltmacht und damit als Volk» entscheide.[etc.]

    S. 1405-1418
    Von 1914 bis Ende 1916 stand die polnische Frage im Zusammenhang mit den Plänen für einen einheitlichen Wirtschaftsraum «Mitteleuropa» im Vordergrund der Erwägungen deutscher «Experten»[etc.]

  4. Von einem 1700-Seiten starken Buch kann man erwarten, dass viele Aspekte angesprochen werden. Die Masse an Material ersetzt jedoch nicht die Analyse und schützt auch nicht vor Einseitigkeiten, die natürlich auch Osterrieders Buch hat und von Martins völlig zu recht kritisiert werden.
    Exemplarisch sei hier ein Beispiel heraus gegriffen:
    In seiner Replik bringt A. Schmelzer einige Zitate, die eine „Multiperspektivität“ in Bezug auf die Kriegsschuldfrage belegen sollen. Erwähnt wird dabei nicht die Gewichtung. Osterrieder greift zwar in knapper Form einige Aspekte Fritz Fischers auf, erledigt sie jedoch mit wenigen Bemerkungen, ohne sich gründlicher mit dessen Argumentation auseinander zu setzen. Es entsteht der Eindruck, ökonomische Kriegsinteressen seien nur ein unwichtiger Nebenaspekt des Kriegs gewesen. Gerade das Septemberprogramm ist ein gutes Beispiel für Osterrieders Vorgehensweise, die Martins mit den Worten charakterisiert hat: „Er hält sich mit eindeutigen Aussagen zurück, lässt stattdessen Steiner und solche historischen Kontexte sprechen, die dessen Sichtweise zu unterstützen scheinen“. Das Septemberprogramm, das Fischer in die Diskussion um die Kriegsschuldfrage eingebracht hatte wird zwar erwähnt, jedoch in seiner Bedeutung unter Hinweis auf einige Historiker angezweifelt (119). Dabei finden die zahlreichen Kriegszieleingaben führender Wirtschaftsvertreter kaum Erwähnung, vor deren Hintergrund das Septemberprogramm ein besonderes Gewicht erhält. Der Leser erfährt auch nicht, dass Deutschland zahlreiche Friedensbemühungen des Auslands, angefangen bei der Julikrise bis hin zu den letzten Kriegsmonaten zu torpedieren bemüht war und zwar aus dem Grund, wie Fischer nachgewiesen hat, weil die ökonomischen Kriegsziele jener Wirtschaftsvertreter nicht erreicht worden waren.
    Anschließend wird referiert, Steiner habe das Gewicht der Wirtschaftsvertreter für gering gehalten (120) ohne zu untersuchen, worauf sich diese Haltung gründete und wie berechtigt diese Ansicht war. Immerhin berichtet Steiner im Memorandum, er habe sich bemüht zu erfahren, für welche Kriegsziele Deutschland kämpfe und keine Antwort erhalten, es gebe also keine solchen Kriegsziele. Mit diesem offensichtlichen Informationsdefizit setzt sich Osterrieder ebenfalls nicht auseinander.
    Während die deutschen Kriegsziele äußerst knapp behandelt werden, macht die Beschäftigung mit Weltherrschaftsplänen aus dem angelsächsischen Raum einen großen Teil des Buches aus. Allein durch diese Gewichtung ist der Vorwurf Martins, Osterrieder verzerre die Rolle des deutschen Kaiserreichs allemal gerechtfertigt.
    Eine notwendiger Weise knapp gehaltene Rezension zu einem solch umfangreichen Buch kann nicht jede Aussage im Detail ausargumentieren und setzt sich immer dem Vorwurf ungerechter Verkürzung aus. Sie gibt jedoch dem Leser wichtige Hinweise auf problematische Punkte, die zum Mitdenken anregen. A. Martins hat m.E. hier die entscheidenden Mängel aufgezeigt.
    Georg Klemp

  5. Friedrich Koplin

    Wer liest denn noch Des-Info3? Und der kleine Waldorfschüler Ansgar! Laßt ihn doch vor die Wand laufen. Dafür ist die Wand doch gut.

  6. Ohne beide Bücher gelesen zu haben, wohl aber ein anderes von mir sehr geschätztes von Osterrieder («Sonnenkreuz und Lebensbaum») bin ich sehr froh über Ihre klärende Stellungnahme, deren Schlussfolgerung ich unterstützte. Ich schätze Markus Osterrieder sehr.

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