Geistesforschung als Wissenschaft – II – Erfahrung, Experiment und Beweis

Steiner, 1923

Steiner, 1923

Im einleitenden Kapitel der »Geheimwissenschaft im Umriss« (»Charakter der Geheimwissenschaft«) setzt sich Steiner nicht nur mit einer Reihe von Einwänden gegen die Möglichkeit einer solchen Wissenschaft auseinander, sondern legt auch dar, worin seiner Auffassung nach ihre Wissenschaftlichkeit besteht.

Eine Bemerkung sei vorausgeschickt. Unter »Geheimwissenschaft« versteht Steiner nicht etwa ein »geheimzuhaltendes Wissen«, sondern die Wissenschaft von dem, was den Sinnen und dem gewöhnlichen Alltagsbewusstsein verborgen ist, mit anderen Worten: die Wissenschaft vom realen geistigen Weltinhalt. Um Verwirrungen zu vermeiden, wird hier von »Geisteswissenschaft« im Sinn dieser Begriffsbestimmung, statt von »Geheimwissenschaft« gesprochen. Wenn von »Geisteswissenschaft« im akademischen Sinn die Rede ist, dann stets mit diesem ergänzenden Prädikat.

Offenbar ist auch der Begriff der Wissenschaft, wie alle Bewusstseinsphänomene, von den ontologischen Bedingungen des jeweiligen Bewusstseins abhängig. Ein Bewusstsein, dessen Erfahrungshorizont sich auf die Sinneswahrnehmungen und die an diese anschließenden Verstandesoperationen beschränkt, wird seinen Begriff der »Wissenschaft« demnach auf etwas anderes beziehen, als ein Bewusstsein, das für andere Erfahrungsräume offen ist.

Da die Bewusstseinsform, die für die »Geheimwissenschaft« oder »Geisteswissenschaft« konstitutiv ist, sich ontologisch mit einer anderen Wirklichkeit verschränkt, wird die Aktivität dieses Bewusstseins, die zu den für dieses Bewusstsein spezifischen Erkenntnissen führt, dem sinnesgestützten Bewusstsein als »irreal«, als Rede von etwas Nichtexistentem, erscheinen. Ein Wirklichkeitsbegriff, der die konstitutionellen Bedingungen einer bestimmten Bewusstseinsform verabsolutiert, ist jedoch reduktionistisch. Das Bewusstsein ist ein Bestandteil der Wirklichkeit und entsteht aus dieser. Letztere umfasst das erstere und nicht umgekehrt. Das auf die Sinneserfahrungen gestützte Bewusstsein erfährt zwar seinen eigenen Inhalt, die konstitutiven Faktoren, die seiner eigenen Wirklichkeit zugrunde liegen, sind ihm jedoch unzugänglich. Wie kommt die Wahrnehmungswelt zustande, die das auf sie gestützte Bewusstsein als allein wirklich postuliert? Wie kommt die Wahrnehmungsorganisation zustande, der die sinnlichen Wahrnehmungsinhalte gegeben sind? Welche Prozesse erhalten beide im Dasein? Wie kommt das auf die Sinne gestützte Bewusstsein selbst zustande?

All diese Fragen lassen sich aus der Perspektive dieses Bewusstseins nicht beantworten, da es zwar die Ergebnisse, nicht aber die Prozesse zu beobachten vermag, die diesen Ergebnissen zugrunde liegen. Allein diese Feststellungen müssten eigentlich ausreichen, um das sinnesgestützte Bewusstsein davon zu überzeugen, dass es selbst mit all seinen Inhalten nicht die gesamte Wirklichkeit umfasst. Die schlichte und dennoch fundamentale Tatsache, dass die Wirklichkeit des sinnesgestützten Bewusstseins mit jedem Einschlafen im Nichts versinkt und mit jedem Aufwachen wieder aus diesem Nichts auftaucht, könnte – wenn sie nicht verdrängt würde – zur Einsicht führen, dass der Grund, auf dem die Wirklichkeit dieses Bewusstseins steht, ein prekäres Fundament ist.

Insofern ist jede Behauptung, »Wissenschaft« seien allein solche Operationen des Bewusstseins, die der Verstand an den sinnlichen Wahrnehmungsinhalten vollbringt, bestenfalls unreflektiert. Denn schon für das gewöhnliche Bewusstsein ist eine solche Behauptung unzutreffend. Es gibt genügend Zweige der wissenschaftlichen Betätigung, die sich gerade nicht auf Sinnesdaten stützen, sondern auf ideelle Inhalte, die nicht aus der Sinneswahrnehmung stammen. Dazu gehören z.B. alle gedanklichen Operationen, welche die Wissenschaftstheorie begründen. Gälte der Satz, nur solche Operationen, die sich auf Sinnesdaten stützen, seien wissenschaftlich, wäre die Wissenschaftstheorie per definitionem unwissenschaftlich. Man hätte es also mit der absurden Situation zu tun, dass die wissenschaftliche Tätigkeit nur unwissenschaftlich begründet werden könnte. Dies würde jedoch nicht der Begründung, sondern der Tätigkeit ihre Legitimation entziehen. Eine Wissenschaftstheorie, die auch die Geisteswissenschaften im akademischen Wortsinn und vor allem sich selbst in ihre Theorie mit einbezieht, muss demnach einen umfassenderen Begriff von Wissenschaft entwickeln. Aber selbst wenn all jene nicht sinnesgestützten Bewusstseinsoperationen des gewöhnlichen Bewusstseins in eine solche Theorie mit einbezogen werden, die sich auf seine rein gedanklichen Inhalte beziehen, erstreckt diese sich doch nur auf den Umfang dessen, was diesem Bewusstsein zugänglich ist.

Nun ist aber die wissenschaftliche Betätigung nicht schon deswegen unwissenschaftlich, weil sie falsch interpretiert wird. Wenn man unter wissenschaftlicher Betätigung die Gesamtheit geregelter Verfahren versteht, durch die im Rahmen der jeweiligen ontologischen Gegebenheiten Wissen erlangt wird, dann ergibt sich aus deren Betrachtung eine Einsicht in die Vorgänge, durch die wissenschaftliche Erkenntnis entsteht. Schon für die unterschiedlichen Wissenschaftsformen des gewöhnlichen Bewusstseins gilt, dass deren Wissenschaftlichkeit nicht von ihren Gegenständen abhängt, sondern von der Art und Weise, wie diese Gegenstände behandelt werden. Wissenschaftliche Erkenntnis ist, wie Steiner sagt, »eine Betätigungsart, ein gewisses Verhalten der menschlichen Seele«. Mit einem pragmatischen Wissenschaftsbegriff, der Wissenschaft als das definiert, »was Wissenschaftler tun«, stimmt diese Auffassung ganz gut zusammen. Wer dieses Verhalten generell nur den »Offenbarungen der Sinne« gegenüber zur Anwendung bringt, wird geneigt sein, die wissenschaftliche Tätigkeit als etwas zu betrachten, das an diese Inhalte gebunden ist. Nach Steiners Auffassung auferlegt man sich dadurch jedoch eine »willkürliche Selbstbeschränkung«. Bereits in den »Grundlinien einer Erkenntnistheorie« hieß es: »Das Prinzip der Erfahrung« ist »ein rein methodisches Prinzip. Es sagt über den Inhalt dessen, was erfahren wird, gar nichts aus. Wollte man behaupten, dass nur die Wahrnehmungen der Sinne Gegenstand der Wissenschaft sein können, wie das der Materialismus tut, so dürfte man sich auf dieses Prinzip nicht stützen. Ob der Inhalt sinnlich oder ideell ist, darüber fällt dieses Prinzip kein Urteil«.

Die geregelten Verfahren, durch die Wissen gewonnen wird, gehen nicht aus ihren Gegenständen hervor, sondern diesen voraus. Nicht die Gegenstände konstituieren ihre Wissenschaften, sondern die Wissenschaften konstituieren ihre Gegenstände. Diese Einsicht dürfte in einer Zeit, in der ständig neue Wissenschaften entstehen und alte in der Versenkung verschwinden, leicht nachvollziehbar sein. Ebensowenig dürften ihr die Thesen des Konstruktivismus entgegenstehen.

Eine Erkenntnis »nichtsinnlicher Weltinhalte« kann daher ebensogut wissenschaftlich sein, wie eine solche sinnlicher Weltinhalte, wenn sie jene geregelten Verfahren anwendet, die bei letzteren, unabhängig von ihren Gegenständen, die Wissenschaftlichkeit begründen. Der Sitz der Wissenschaftlichkeit, auch der Naturwissenschaften, ist die Seele, das Erkenntnissubjekt. Dieses Erkenntnissubjekt auferlegt sich die Disziplin einer Verfahrensart, die das Erscheinen objektiver Sachverhalte im erkennenden Subjekt sicherstellt.

Die »naturwissenschaftliche Forschungsart und Forschungsgesinnung, die sich an den Zusammenhang und Verlauf der sinnlichen Tatsachen hält«, betrachtet Steiner sogar als vorbildlich, nicht weil sie sich an den sinnlichen Tatsachen abarbeitet, sondern weil sie sich durch ihre Hingabe an diese Tatsachen zu jener Disziplin erzieht, die das Erscheinen objektiver Sachverhalte im Subjekt ermöglicht. Diese Erkenntnisdisziplin muss »in ihrer denkerischen und sonstigen Eigenart festgehalten«, aber von ihrem Gegenstand losgelöst werden.

Die Geisteswissenschaft will »von ihren nichtsinnlichen Gegenständen« so sprechen, »wie die Naturwissenschaft über Sinnliches spricht«. Damit ist gewiss nicht gemeint, dass jene über ihre Gegenstände so spricht, als wären sie Naturgegenstände, denn dann würde man den Inhalt der Wissenschaft mit ihrer Betätigungsart verwechseln, sondern so, dass sich im Sprechen des erkennenden Subjektes der »objektive Weltinhalt« auszusprechen vermag. Die Geisteswissenschaft, so Steiner, »hält von dem naturwissenschaftlichen Verfahren die seelische Verfassung innerhalb dieses Verfahrens fest, also gerade das, durch welches Naturerkenntnis Wissenschaft erst wird. Sie« – also die Geisteswissenschaft – »darf sich deshalb als Wissenschaft bezeichnen«. Die seelische Verfassung, die Verfahrensart – die exakte Beobachtung, das am Zusammenhang und dem Verlauf der Tatsachen orientierte Denken –, machen Naturerkenntnis erst zur Wissenschaft. Diese Verfahrensart gilt es auch den übersinnlichen Weltinhalten gegenüber zur Anwendung zu bringen.

Den Naturwissenschaften kommt für die Geisteswissenschaft eine propädeutische oder pädagogische Bedeutung zu, da sie die Seele zu jener selbstlosen Exaktheit des Verfahrens erziehen, die sie für ihre wissenschaftliche Betätigung in jenen Gebieten benötigt, die außerhalb des Feldes der Naturwissenschaften liegen. Denn dieses Feld ist ontologisch begrenzt. Die ontologischen Regionen der Seele und des Geistes liegen außerhalb des Gegenstandsbereichs der Naturwissenschaften, weil sie diesen unzugänglich sind. Dies gilt auch in Zeiten der Gehirnforschung und der Neurowissenschaften. Die Realität der Seele und des Geistes beginnt dort, wo die Möglichkeiten der externen Beobachtung enden. Die Seelen- und Geisteswissenschaften müssen ihre Gegenstände erst hervorbringen, damit sie der inneren Beobachtung überhaupt zugänglich werden. Daher kann die Naturerkenntnis auch »nie und nimmer zu etwas anderem führen, als einem Erleben desjenigen, was die Menschenseele selbst nicht ist«.

Die Menschenseele ist der unbeobachtete Beobachter. Sie schwebt bei der naturwissenschaftlichen Erkenntnis im Hintergrund, ohne selbst Gegenstand der Beobachtung zu werden. Sie muss sich daher erst von den Gegenständen ab- und sich selbst zuwenden, damit sie zu einer Erkenntnis ihrer selbst gelangen kann. Eine »metanoia«, eine Umwendung des Geistes, ist also erforderlich. »Nicht in dem lebt das Seelische, was der Mensch an der Natur erkennt, sondern in dem Vorgang des Erkennens. In ihrer Betätigung an der Natur erlebt sich die Seele«. Dem Gedanken, dass die Tätigkeit stets auf das Tätige zurückwirkt, sind wir bereits begegnet. Dieser Gedanke wird beim Übergang von der Natur- zur Geisteswissenschaft fruchtbar. Denn, was die Seele an der Naturerkenntnis erlebt, »ist Selbstentwicklung«. Und »den Gewinn« dieser Selbstentwicklung will die Geisteswissenschaft auf jene ontologischen Regionen anwenden, die jenseits der Natur liegen, die zu ihren genuinen Gegenständen gehören.

Dadurch vermag der Geisteswissenschaftler »den Wert« der Naturwissenschaft sogar »noch besser« anzuerkennen, als diese selbst. Naturgemäß liegen die seelischen Folgewirkungen der naturwissenschaftlichen Betätigung außerhalb des Erkenntnisgebietes der Naturwissenschaft. Was die Naturwissenschaft mit dem Menschen macht, abgesehen davon, dass sie ihm Naturwissen und Verfügungswissen vermittelt, wird von ihr selbst nicht reflektiert. Mit dieser Reflexion ist nicht etwa eine Technikfolgenabschätzung oder ethische Kritik der Forschung gemeint, die sich ebenfalls nur auf äußere Objekte richten. Der spirituelle Wert der Naturwissenschaft erschließt sich erst einer Beobachtung, die deren seelische Folgewirkungen in Betracht zieht. Denn sie erzieht der Seele jene Verfahrensarten an, die sie für ihre Selbsterkenntnis benötigt, wenn sie nicht im Abgrund der Subjektivität versinken will. Sie muss in ihrer Selbsterkenntnis diese Verfahrensarten festhalten, auch wenn sie nicht durch äußere Gegenstände angeleitet wird.

Die bisherigen Ausführungen haben implizit gewisse Methoden thematisiert, die grundlegend für die naturwissenschaftliche Erkenntnis sind: die Beobachtung und das Experiment. Man kann diese Methoden, um 180 Grad gewendet, auch in der Geisteswissenschaft finden: ihr Blick ist nicht nach außen, sondern nach innen gerichtet. Im inneren Beobachtungsfeld des Subjekts entfaltet sich – sofern die Beobachtungsorgane durch die entsprechende Schulung »zugerüstet« sind – ein anderer Gegenstandsbereich, der genauso beobachtet und experimentell erfahren werden kann, wie die Gegenstände der Sinneserkenntnis. Das Prinzip der Erfahrung, des Experiments, verliert in den Räumen der Seele und des Geistes nicht seine Gültigkeit. Im Gegenteil: die Erfahrungen werden intensiver, unmittelbarer, dramatischer, das Experiment spielt sich auf einem inneren Schauplatz ab, dem des Experimentierenden selbst. In der Geisteswissenschaft wird der Forscher selbst zum Gegenstand seiner Experimente. Während in den Naturwissenschaften die Seele stets äußeren Gegenständen und Geschehnissen zugewandt ist, wird sie in der Seelen- und Geisteswissenschaft ihrerseits zum Gegenstand und zum Geschehnis. Jedes Experiment ist ein Ereignis der Seele, sie selbst wird zum Ereignis.

An die Beobachtungen schließen sich Hypothesen- und Theorienbildungen an. Diesen Hypothesen- und Theorienbildungen wendet sich Steiner bei seinen weiteren Ausführungen zu, indem er einen Einwand aufgreift, der gegen die Geisteswissenschaft »oftmals« erhoben wird: sie »beweise nicht«, was sie vorbringe, sondern verkünde ihre Erkenntnisse »dogmatisch«. Diesem Einwand hält Steiner eine Reihe von Argumenten entgegen.

Eines sei hier näher untersucht. Es greift die Beobachtung auf, dass die Naturerkenntnis, wie gesagt, zur Ausbildung von Fähigkeiten führt, die auch unabhängig von jenen Gegenständen angewendet werden können, auf die sie ursprünglich bezogen sind. Werden diese Fähigkeiten weiter entwickelt, und auf die Seele selbst angewandt, eröffnet sich für diese ein neues Erfahrungsfeld: eben das Feld der »übersinnlichen Tatsachen«. Wendet sich die Seele mit der durch die Naturerkenntnis geschulten Beobachtungsfähigkeit auf ihre eigene Erkenntnistätigkeit zurück, stößt sie nach Steiners Auffassung »notwendig« auf diese Tatsachen.

Ein grundsätzlicher Unterschied der beiden Erkenntnisarten besteht jedoch darin, dass die erkennende Tätigkeit der Seele gegenüber den Naturtatsachen in den Hintergrund tritt: diese ist den gegebenen Erfahrungsinhalten zugewandt und bearbeitet sie mit ihren Denkoperationen. Es bedarf einer Umwendung des Blicks, um diese Operationen selbst zum Gegenstand zu machen. Mit dieser Umwendung des Blicks beginnt die Geisteswissenschaft. Für sie tritt daher die erkennende Seelentätigkeit in den Vordergrund.

Im Unterschied zu den Naturtatsachen sind die übersinnlichen Tatsachen nicht gegeben, sondern müssen hervorgebracht werden, um gegeben zu sein. Dies gilt bereits für die Tatsachen des Denkens, die dem gewöhnlichen Bewusstsein zugänglich sind, das in sich den »Ausnahmezustand« der Beobachtung des Denkens hervorruft. Es gilt umso mehr für jene Tatsachen, die erst durch eine Veränderung der Konstitution des Bewusstseins in Erscheinung treten. Dies gilt nicht nur für den Erforscher dieser Tatsachen, sondern auch für den Leser, der ihre Darstellungen (ihre Theorien) zur Kenntnis nimmt. Dieser Leser gelangt nur zu den Tatsachen, wenn er die Seelentätigkeit, durch die sie zur Erscheinung kommen, »zu seiner eigenen macht«. »Der geisteswissenschaftliche Darsteller setzt also voraus, dass der Leser mit ihm gemeinsam die Tatsachen sucht«.

Es ist klar, dass mit dieser Suche zunächst eine gedankliche Suchbewegung gemeint ist, die sich jener vergleichen lässt, die bei der Verfolgung einer mathematischen oder philosophischen Argumentation stattfindet. Die Einsichten in den Zusammenhang der dargestellten Inhalte ergeben sich aus der Tätigkeit, die zu diesen Inhalten führt und die aufgezeigten Zusammenhänge erscheinen nur evident oder beweiskräftig, wenn diese Zusammenhänge denkend vollzogen werden. Entscheidend ist dabei, dass der »Beweis« sich aus der Tätigkeit ergibt, die den jeweiligen ideellen Inhalten zugewandt ist und nicht aus etwas anderem.

Diesem Beweisgang, der in seinem Vollzug zur intuitiven Evidenz führt bzw. die intuitive Evidenz realisiert, indem er vollzogen wird, entspricht in der geisteswissenschaftlichen Darstellung die Erzählung der Tatsachen, ihrem Auffinden und den Mitteln, die zu diesem Auffinden führen. Die Erzählung beweist sich selbst, weil sie jene Tatsachen sichtbar werden lässt, von deren Auffinden sie erzählt und weil sich diese Tatsachen durch ihr Sichtbarwerden als selbstevident erweisen. Während in den Naturwissenschaften das Beweisen von Theoremen den Gegenständen selbst äußerlich gegenübersteht, liegt die Beweiskraft der Geisteswissenschaft in der Tätigkeit, die zu ihren Inhalten führt. Im geisteswissenschaftlichen Denken liegt die Betätigung, »welche die Seele beim naturwissenschaftlichen Denken auf den Beweis wendet, schon in dem Suchen nach den Tatsachen. Man kann diese nicht finden, wenn nicht der Weg zu ihnen schon ein beweisender ist. Wer diesen Weg wirklich durchschreitet, hat auch schon das Beweisende erlebt; es kann nichts durch einen von außen hinzugefügten Beweis geleistet werden«.

Wie dieser erzählende Beweisgang, der das Selbstevidente im Bewusstsein des Lesers zur Sichtbarkeit bringt, beschaffen ist, kann man an der Einführung des Begriffs des »Ätherleibes« studieren, der zu Beginn des Kapitels »Wesen der Menschheit« in der »Geheimwissenschaft …« entwickelt wird. Wenn man verstehen will, was als Beweisendes in der Erzählung erlebt werden kann, muss die Aufmerksamkeit auf die Art und Weise gerichtet werden, wie dieser Begriff eingeführt wird.

Zunächst sollte der Leser im gedanklichen Nachvollzug des Erzählten die Beobachtungen, von welchen die Rede ist und die sich an diese anschließenden Überlegungen (Theorien) in seinem eigenen Bewusstsein hervorbringen. Der Leser versetzt sich in eine gedankliche Kontemplation, durch die ideelle Inhalte sichtbar werden, die für die Sinnesbeobachtung unzugänglich sind. Er selbst bringt diese Inhalte hervor. Und indem er sie hervorbringt, erschließen sich ihm ihre gesetzmäßigen Zusammenhänge, die keines äußeren Beweises bedürfen, da sie sich selbst beweisen.

Diese Kontemplation geht von einem Phänomen aus, das der Sinnesbeobachtung zugänglich ist: dem physischen Leib des Menschen. Um »den Begriff des physischen Leibes« zu »beleuchten«, wird die Aufmerksamkeit auf die Erscheinung des Todes, auf die leblose Natur und das Mineralreich gelenkt, »das stets den Tod in sich trägt«. Der physische Leib des Menschen ist der mineralischen Welt gleich. Der Tod macht diese Gleichartigkeit offenbar: der Leichnam fällt dem Reich des Leblosen anheim und zerfällt. Im Leichnam sind dieselben Stoffe und Kräfte wirksam, wie in der übrigen mineralischen Welt. Diese wirken bereits während des Lebens im physischen Leib, aber offenbar führen sie nicht zu dessen Zerfall. Den Kräften, die im Leichnam wirken, muss etwas entgegenwirken, das diesen Zerfall aufhält. »Etwas Verborgenes« muss während des Lebens einen Kampf gegen die Kräfte des Zerfalls führen, die mit dem Tode offenbar werden. Die Wissenschaft vom Übersinnlichen muss nach dem suchen, was diesen Kampf führt, das für die Sinne verborgen ist. Aber auch, wenn es den Sinnen verborgen ist, liegen doch seine Wirkungen für die Urteilskraft offen zutage: diese zeigen sich in der Form und Gestalt, in der die mineralischen Stoffe und Kräfte während des Lebens zusammengefügt sind. Diese Form und Gestalt entschwinden nach dem Tod. Sie können also nicht eine Wirkung der mineralischen Kräfte sein. Das »verborgene Etwas«, das den Kampf gegen den Zerfall führt, bewirkt diese Form und Gestalt. In seinen Wirkungen lässt sich dieses Etwas auch an der sinnlichen Erscheinung des Leibes beobachten, als solches jedoch nur durch übersinnliche Beobachtung, da es sich ja gerade um etwas Nichtsinnliches handelt, das auf das Sinnliche einwirkt, im Sinnlichen wirkt und diesem eine Form der Wirklichkeit verleiht, die höher ist als jene, die es aus sich selbst hervorzubringen vermag. Es muss sich um ein »selbstständiges Glied der menschlichen Wesenheit« handeln, da es sowohl unabhängig von den mineralischen Stoffen und Kräften – ja diesen entgegen – wirkt, als auch unabhängig vom Bewusstsein des Menschen. Dieses selbstständige Glied wird »Ätherleib« oder »Lebensleib« genannt. Da er den physischen Stoffen und Kräften eine höhere Wirklichkeit verleiht, als diese aus sich selbst anzunehmen vermögen, kommt ihm auch ein »höherer Grad an Wirklichkeit« und Wirksamkeit zu. Offenbar muss dieser Ätherleib den physischen allseits durchdringen, da dieser allseits belebt ist und er muss wie ein Architekt, ein Erbauer des physischen Leibes wirken. Also auch die einzelnen Organe des physischen Leibes erhalten ihre Form von ihm. Man kann daher von einem »Ätherherz«, einem »Äthergehirn« usw. sprechen.

Was ist hier geschehen? Eine sinnliche Tatsache, der physische Leib und sein Zerfall, wird im Licht einer übersinnlichen Tatsache betrachtet. Durch gedankliche Überlegungen wird der Leser zur Einsicht geführt, dass diese sinnliche Tatsache nur verständlich ist, wenn sie als Offenbarung (Folge) einer übersinnlichen Tatsache aufgefasst wird. Da das Wirkende, das den Zerfall des physischen Leibes aufhält, nicht sinnlich beobachtbar ist, muss es sich um ein übersinnlich Wirkendes handeln. Der Begriff dieses übersinnlich Wirkenden wird aus dem sinnlich Beobachtbaren abgeleitet, es handelt sich um einen Schluss von den Wirkungen auf die Ursachen. Es handelt sich um eine gedankliche Operation des gewöhnlichen Bewusstseins, die den Begriff einer übersinnlichen Tatsache zur Erscheinung bringt. »Begreifen kann man eben auch das auf diesem Gebiete, was man noch nicht beobachtet«. Entwickelt werden Begriffe: jener des physischen und jener des Ätherleibes. Diese Begriffe sind durch sich selbst verständlich, auch wenn – wie im Fall des letzteren – die übersinnlichen Beobachtungen, auf die sie verweisen, selbst nicht zugänglich sind. Nach diesem Prinzip verfährt die gesamte »Geheimwissenschaft im Umriss«.

Der Begriff einer übersinnlichen Tatsache ist kein Beweis für die Existenz dieser übersinnlichen Tatsache, aber er ist ein Beweis für sich selbst. (»So wie man auf dem Gebiete der physischen Welt niemals logisch beweisen kann, ob es einen Walfisch gibt oder nicht, sondern nur durch den Augenschein, so können auch die übersinnlichen Tatsachen nur durch die geistige Wahrnehmung erkannt werden«). Es ist klar, dass in das gewöhnliche Bewusstsein keine übersinnlichen Tatsachen eingehen können, es ist aber ebenso klar, dass durch diese begriffliche Entwicklung der Begriff einer übersinnlichen Tatsache in das Bewusstsein eingegangen ist. Und darauf kommt es zunächst an. Denn es ist »der gute Weg zum Schauen derjenige, welcher vom Begreifen ausgeht«.

Nun ist laut Steiner nicht zu bestreiten, dass der Leser, der die Darstellungen der Geisteswissenschaft zur Kenntnis nimmt, »eine größere Summe von übersinnlichen Erfahrungen, die er noch nicht selbst erlebt, mitteilungsgemäß«, das heißt, ihrem Begriff nach, »aufnehmen« muss. Wird damit also doch eine »Anzahl vermeintlicher Erkenntnisse als Dogmen vorgetragen, für die Glauben auf Autorität hin verlangt« wird? Steiner verneint dies, und zwar aus mehreren Gründen.

Erstens: das Wissen von den übersinnlichen Weltinhalten lebt in der Seele des Darstellers »als lebendiger Seeleninhalt«; dieser lebendige Seeleninhalt fließt in die Darstellung ein; er ist in den begrifflichen Erörterungen anwesend. Mit anderen Worten: bei diesen handelt es sich nicht bloß um Schlüsse von Wirkungen auf Ursachen, sondern um Schilderungen von tatsächlich beobachteten Ursachen. Der scheinbar induktive Schluss ist in Wahrheit deduktiv: bei der Induktion, die vom Sinnlichen zum Geistigen hinaufsteigt, handelt es sich um einen didaktischen Kunstgriff, dem in Wahrheit eine Deduktion, ein Abstieg vom Geistigen zum Sinnlichen zugrunde liegt. Darin spiegelt sich der tatsächliche Sachverhalt: Wirkungen können nur aus ihren Ursachen verstanden werden, Ursachen sind in ihren Wirkungen anwesend.

Im Bewusstsein des Darstellers vollzieht sich der Abstieg von den angeschauten Ursachen zu den Gedankenbildern dieser Ursachen in begrifflicher Form. Im Bewusstsein des Lesers, der die begrifflichen Darstellungen der geistigen Ursachen in sich aufnimmt und sich in diese einlebt, vollzieht sich der umgekehrte Vorgang: er steigt von den Gedankenbildern der Ursachen zur Schau dieser Ursachen auf. Bereits in den Gedankenbildern der Ursachen schaut er diese Ursachen selbst an, denn die begriffliche Form ihrer Erscheinung ist eine ihrer Wirkungen, wenn auch eine Wirkung, die vom Bewusstsein, das sie anschaut, mitbewirkt wird. Der Begriff des Wesens, wenn er deduktiv aus diesem Wesen hervorgeht, ist eine Epiphanie des Wesens im Bewusstsein, das dessen Begriff denkend hervorbringt. Das Gedankenbild des Wesens ist ein Abbild dieses Wesens in Gedankenform. Wie bei einem Spiegel ist das Abgebildete im Abbild anwesend. Diese Gedankenbilder, so Steiner, entzünden in der Seele des Lesers »die Impulse, welche nach den entsprechenden übersinnlichen Tatsachen hinführen«. Noch einmal, mit etwas anderen Worten: »Liest man … Mitteilungen über übersinnliche Tatsachen im rechten Sinne, so lebt man sich ein in den Strom geistigen Daseins. Im Aufnehmen der Ergebnisse nimmt man zugleich den eigenen Innenweg dazu auf. In dem wahren gedankenmäßigen Aufnehmen steht man in dieser Welt schon drinnen und hat sich nur noch klar darüber zu werden, dass man schon unvermerkt erlebt hat, was man vermeinte, bloß als Gedankenmitteilung erhalten zu haben«.

Wie eine Erläuterung dieser Sätze lesen sich einige Ausführungen, die Steiner 1918 zur »Philosophie der Freiheit« hinzugefügt hat (2. Zusatz zur Neuausgabe):

»Wenn auch einerseits das intuitiv erlebte Denken ein im Menschengeiste sich vollziehender tätiger Vorgang ist, so ist es andererseits zugleich eine geistige, ohne sinnliches Organ erfasste Wahrnehmung. Es ist eine Wahrnehmung, in der der Wahrnehmende selbst tätig ist, und es ist eine Selbstbetätigung, die zugleich wahrgenommen wird. Im intuitiv erlebten Denken ist der Mensch in eine geistige Welt auch als Wahrnehmender versetzt. [kurs. L.R.] Was ihm innerhalb dieser Welt als Wahrnehmung so entgegentritt wie die geistige Welt seines eigenen Denkens, das erkennt der Mensch als geistige Wahrnehmungswelt. … Die geistige Wahrnehmungswelt kann dem Menschen, sobald er sie erlebt, nichts Fremdes sein, weil er im intuitiven Denken schon ein Erlebnis hat, das rein geistigen Charakter trägt [kurs. L.R.]. Von einer solchen geistigen Wahrnehmungswelt sprechen eine Anzahl der von mir nach diesem Buche veröffentlichten Schriften. Diese ›Philosophie der Freiheit‹ ist die philosophische Grundlegung für diese späteren Schriften. Denn in diesem Buche wird versucht, zu zeigen, dass richtig verstandenes Denk-Erleben schon Geist-Erleben ist. Deshalb scheint es dem Verfasser, dass derjenige nicht vor dem Betreten der geistigen Wahrnehmungswelt haltmachen wird, der in vollem Ernste den Gesichtspunkt des Verfassers dieser ›Philosophie der Freiheit‹ einnehmen kann. Logisch ableiten – durch Schlussfolgerungen – lässt sich aus dem Inhalte dieses Buches allerdings nicht, was in des Verfassers späteren Büchern dargestellt ist. Vom lebendigen Ergreifen des in diesem Buche gemeinten intuitiven Denkens wird sich aber naturgemäß der weitere lebendige Eintritt in die geistige Wahrnehmungswelt ergeben«.

Das intuitiv erlebte Denken ist »eine Wahrnehmung, in der der Wahrnehmende selbst tätig ist«. Es ist eine »Selbstbetätigung, die zugleich wahrgenommen wird«. Im »wahren gedankenmäßigen Aufnehmen« steht man bereits im »Strom des geistigen Daseins« und muss sich lediglich über diese Tatsache klar werden. Im intuitiv erlebten Denken ist der Mensch »in eine geistige Welt auch als Wahrnehmender versetzt«. Wer den Begriff des Ätherleibs in seinem Bewusstsein intuitiv entwickelt, nimmt diesen Ätherleib in begrifflicher Form wahr, dieser Ätherleib ist – in begrifflicher Form, als Gedankenbildals Wahrnehmung in seinem Bewusstsein anwesend. Die geistige Wirklichkeit ragt als Begriff in das denkende Bewusstsein hinein, wer ihren Begriff erfasst, nimmt sie als Begriff, der sich seiner eigenen Denktätigkeit offenbart, wahr. Daher kann Steiner schreiben: »So wird man durch das erste Aufnehmen der Mitteilungen, wie sie im ersten Teile dieses Buches gegeben sind, zunächst Mit-Erkenner der übersinnlichen Welt; durch die praktische Ausführung der im zweiten Teile angegebenen Seelenverrichtungen wird man selbständiger Erkenner in dieser Welt«. Aus dem »lebendigen Ergreifen des intuitiven Denkens« wird sich »naturgemäß der weitere lebendige Eintritt in die geistige Wahrnehmungswelt ergeben« – allerdings ergibt er sich nicht von alleine, sondern nur durch das »lebendige Ergreifen«, oder, wie es die »Geheimwissenschaft im Umriss« formuliert, »durch die praktische Ausführung der im zweiten Teile angegebenen Seelenverrichtungen«. Ohne diese »Seelenverrichtungen« bleibt man beim intuitiven Erleben begrifflicher Gedankenbilder stehen.

Da nun alles, was in der »Geheimwissenschaft im Umriss« dargestellt wird, durch dieses Nadelöhr des intuitiven Denkens hindurchgeht, kann der Vorwurf der »Dogmatik« auch noch aus einem zweiten Grund abgewiesen werden. »Denn der Inhalt dieser Erkenntnisse wird in einem solchen Seelenleben erworben, das ihm jede bloß suggestive Gewalt benimmt und ihm nur die Möglichkeit gibt, auf demselben Wege zum andern zu sprechen, auf dem alle Wahrheiten zu ihm sprechen, die sich an sein besonnenes Urteil richten«. Mit dem besonnenen Urteil sind jene »induktiven« Schlüsse gemeint, deren Evidenz sich durch ihren Vollzug ergibt. Nichts als die begrifflichen Inhalte selbst, die denkend hervorgebracht und im Hervorbringen angeschaut werden, befindet sich im Bewusstsein desjenigen, der die Darstellungen der »Geheimwissenschaft im Umriss« »im rechten Sinne« liest. Er unterliegt ebensowenig einer Suggestion wie jemand, der einen mathematischen oder philosophischen Argumentationsgang mitvollzieht und aufgrund seines Mitdenkens zum »Mit-Erkenner« seiner Evidenzen wird. Ebensowenig, wie man einen mathematischen Beweisgang als »dogmatisch« bezeichnen kann, kann man auch die Darstellungen des Geistesforschers, die von intuitiver Evidenz zu intuitiver Evidenz voranschreiten, als dogmatisch bezeichnen.

Eine wesentliche Ergänzung erfahren diese Ausführungen durch einen längeren Exkurs über das »sinnlichkeitsfreie Denken«, den Steiner in das Kapitel »Die Erkenntnis der höheren Welten« eingefügt hat. Dort wird die Bedeutung dieses sinnlichkeitsfreien Denkens für die »innere Gediegenheit der imaginativen Erkenntnis« betont. Der Exkurs behandelt aber auch die Frage der intuitiven Evidenz, mit der wir uns hier auseinandersetzen.

Dieses sinnlichkeitsfreie Denken stellt eine »sehr wichtige Zwischenstufe« zwischen dem Erkennen der Sinnenwelt und dem der geistigen Welt dar. Sinnlichkeitsfreies Denken liegt dann vor, »wenn das Denken sich nicht den Eindrücken der physisch-sinnlichen Außenwelt hingibt, sondern nur sich selbst. Es arbeitet dann das reine Denken, nicht das bloß in Erinnerungen an Sinnliches sich ergehende in dem Menschen, wie eine in sich lebendige Wesenheit«. Auf dieser »wichtigen Zwischenstufe«, an der Grenze der sinnlichen und geistigen Erkenntnis, bewegen sich Steiners vor der Jahrhundertwende verfasste philosophische Schriften, auf die er an dieser Stelle ausdrücklich hinweist. Sie stellen aus der Perspektive der Geistesschulung einen Weg zur Ausbildung des sinnlichkeitsfreien Denkens dar, der sogar »sicherer, genauer, wenn auch für viele Menschen schwieriger« zu begehen ist, als jener, den die kontemplative Verarbeitung der Darstellungen der Geistesforschung eröffnet. Denn wer die »von der Geisteswissenschaft mitgeteilten Tatsachen der höheren Welt zum Eigentum seines eigenen Denkens« macht, beschäftigt sich kontemplativ – oder reflexiv oder wie auch immer – mit Inhalten, die nicht sinnlich beobachtet werden können. Er nimmt also reine Gedanken, Inhalte, die aus geistiger Wahrnehmung stammen, in sein Bewusstsein auf. Und er vermag diese Inhalte zu begreifen (wie bereits weiter oben ausgeführt). Es ist durchaus möglich, so Steiner, »aus dem bloßen Nachdenken heraus die sichere Überzeugung zu erhalten: das Mitgeteilte ist wahr«, womit wir wieder bei der intuitiven Evidenz wären, die den Geistesschülern durch folgenden Gedankengang nahegebracht wird.

Im Gedanken liegt »eine Wesenheit«, die mit der übersinnlichen Welt im Zusammenhang steht. Man muss nur auf sie aufmerksam werden. Dies gelingt um so eher, wenn man sich ein Denken aneignet, das seinen Inhalt nicht aus der Sinneswahrnehmung schöpft, sondern aus sich selbst. Gibt man sich einem solchen – in diesem Sinn reinen, also sinnlichkeitsfreien – Denken hin, dann erlebt man »wie im Innern der Seele Gedanke sich an Gedanke webt, wie Gedanke den Gedanken sucht, auch wenn die Gedankenverbindungen nicht durch die Macht der Sinnenbeobachtung bewirkt werden«. Die Gedankenwelt entfaltet ein inneres Leben, und indem man wirklich denkt, befindet man sich bereits »im Bereich einer übersinnlichen, lebendigen Welt« – der Welt des sinnlichkeitsfreien, in sich bewegten, sich organismisch im Bewusstsein entfaltenden Denkens nämlich. Wer sich diesem Denken hingibt, ist mit ihm eins und er kann erleben, wie »etwas Wesenhaftes« in seine Seele »einfließt«, so wie bei der Sinneswahrnehmung die Eigenschaften der Sinnendinge in ihn einfließen. Ebenso wie sich durch das Rot der Rosenblüte der Seele eine Wesenheit ankündigt, so kündigt sich im Inneren der denkenden Seele durch die Offenbarung des Denkens etwas Wesenhaftes an, das in ihr »Gedanken an Gedanken webt« und sich wie ein Organismus entfaltet. Im Unterschied zur Sinneswahrnehmung steht derjenige, der sich dem reinen Denken hingibt, jedoch nicht außerhalb des sich ankündigenden Wesens, sondern innerhalb, er ist eins mit ihm. Das Erleben des Denkens lehrt uns, dass sich etwas Wesenhaftes auch dadurch »ankündigen« kann, dass wir »mit ihm wie in eins vereinigt« sind. Und dies ist dann der Fall, wenn man die »Willkür« im Denken zum Schweigen bringt, wenn man sich den Gedankeninhalten so hingibt, dass sich diese auf dem Schauplatz des Bewusstseins ihren eigenen Gesetzen gemäß verbinden und entfalten können. Dann beobachtet man tatsächlich etwas Wesenhaftes, das sich in diesem Bewusstsein offenbart, auch wenn das Bewusstsein an dieser Offenbarung beteiligt ist. Wir müssen uns, wie es in den »Grundlinien einer Erkenntnistheorie …« heißt, zweierlei vorstellen: »einmal, dass wir die ideelle Welt tätig zur Erscheinung bringen, und zugleich, dass das, was wir tätig ins Dasein rufen, auf seinen eigenen Gesetzen beruht«. Und der Mensch, der sich in seiner Seelenbetätigung über die sinnliche Beobachtung zu diesem reinen Denken erhebt, aber »noch den Eingang vermeidet in die Geistesforschung«, steht bereits »in der geistigen Welt; nur dass sich diese ihm als Gedankenwelt gibt«, wie Steiner über seine philosophischen Werke sagt.

Was für sinnlichkeitsfreie philosophische Gedankeninhalte gilt, gilt auch für die Darstellungen der Geistesforschung. Auch diese sind nicht aus der sinnlichen Beobachtung geschöpft. Auch diese Gedanken – man erinnere sich an die Art, wie der Begriff des Ätherleibes eingeführt wurde – muss man in seiner Seele neu schaffen, um sie denken zu können. Bereits die »Grundlinien einer Erkenntnistheorie …« weisen darauf hin, dass Denken mit einer solchen Arbeit verbunden ist: »Ich muss den Gedanken« – gleichgültig welchen – »durcharbeiten, muss seinen Inhalt nachschaffen, muss ihn innerlich durchleben bis in seine kleinsten Teile, wenn er überhaupt irgendwelche Bedeutung für mich haben soll«.

Der Geistesforscher bedient sich, ebenso wie der Naturwissenschaftler, seiner spezifischen Methoden und Werkzeuge. Während aber der Naturwissenschaftler diese Werkzeuge durch die Verarbeitung dessen gewinnt, was ihm die Natur gibt, gewinnt der Geistesforscher seine Werkzeuge durch die Verarbeitung dessen, was ihm seine eigene Seele gibt. Ebenso, wie der Naturwissenschaftler die Gegebenheiten der Natur zu Erkenntniswerkzeugen transformiert (z.B. indem er ein Teleskop baut), transformiert der Geistesforscher die Gegebenheiten seiner Seele zu Erkenntniswerkzeugen, indem er durch bestimmte Verrichtungen dieser Seele in ihr übersinnliche Erkenntnisorgane heranbildet. Dadurch wird die Seele selbst zum »Instrument der Erforschung der übersinnlichen Welt«. Diese Verrichtungen der Seele werden im Kapitel »Die Erkenntnis der höheren Welten (von der Einweihung oder Initiation)« ausführlich beschrieben.

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6 Kommentare

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  2. »So wie man auf dem Gebiete der physischen Welt niemals logisch beweisen kann, ob es einen Walfisch gibt oder nicht, sondern nur durch den Augenschein, so können auch die übersinnlichen Tatsachen nur durch die geistige Wahrnehmung erkannt werden«

    Der Wal lässt sich auch außerhalb der geistigen Wahrnehmung erkennen. Dann muss aber weitergegangen werden, was Ihr Beispiel vermissen lässt, denn es besteht die Möglichkeit zu prüfen, ob der Wal existieren kann. Besteht diese Möglichkeit auch bei den „übersinnlichen Tatsachen“?

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  4. Sebastian Büttner

    Gute Zusammenfassung und Herleitung. Danke!

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