Geisteswissenschaft als persönliche Erfahrung VI – der Zauberspiegel und das Wesen, das sich spiegelt

Rauchquarz

»Dafür wird unser ätherischer Leib, der sonst ganz durchsichtig wäre, gleichsam undurchsichtig gemacht; ich möchte sagen, er wird so, wie etwa Rauchtopas ist, der durchzogen wird von dunklen Schichten, während der Quarz ganz durchsichtig und rein ist.«

Die sechste Meditation des Buches »Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen« wendet sich dem »Ich- oder Gedankenleib« zu. Die beiden Termini (»Ichleib«, »Gedankenleib«) kommen in Steiners Gesamtwerk äußerst selten vor, der erstere lediglich sechsmal, der letztere vierzehnmal. (Der »Ichleib« bemerkenswerterweise zuerst im 1907 erschienenen Aufsatz »Die Erziehung des Kindes …«, GA 34, in dem er neben physischem Leib, Ätherleib und Astralleib das vierte menschliche Wesensglied darstellt). Der Sache nach ist allerdings an vielen Orten von diesem aus der Substanz des Bewusstseins geformten Gebilde die Rede. Es handelt sich nicht etwa um einen sinnlich greifbaren Leib, sondern um einen Leib, der aus Gedanken gewoben ist, in dem das Ich – die geistige Individualität – sich spiegelt.

Bereits das Erleben des Ätherleibes stellt, wie wir wissen, eine »außersinnliche« Wahrnehmung dar, aber der »Sinnenleib« (der physische Leib) wird bei dieser Wahrnehmung immer noch mit empfunden. Erst beim Erleben des Astralleibes fühlt sich der Wanderer zwischen den Welten gänzlich außerhalb des physischen. Wer den Ätherleib erlebt, empfindet diesen wie eine »Erweiterung« des eigenen Wesens, wer den Astralleib erleben will, muss laut Steiner einen inneren Abgrund »überspringen« und in andere (geistige) Wesen übergehen.

Im Astralleib empfindet man die Wirkungen dieser Wesen und beginnt, deren Beziehungen untereinander zu erkennen. Offensichtlich spricht Steiner hier von dem, was er in seinen früheren Schriften als Übergang von der Imagination zur Inspiration beschrieben hat.

Dem Astralleib geht in der Inspiration der innere Himmel auf. Es sind die Individualitäten des Pleromas, der Geistwelt, die sich als tönende Lichtwesen mitzuteilen beginnen. Solche Wesen sind beispielsweise die »Zeitgeister« (Archai), die den geistigen Inhalt geschichtlicher Epochen »intuieren«, indem sie Menschen mit physischen Geschehnissen oder Tatsachen zusammenführen, um sie zu Entdeckungen, zu Ideenbildungen anzuregen. Wie sie dies tun, darauf hat Steiner 1910 in seinen Vorträgen über »Die Mission einzelner Volksseelen …« hingewiesen:

»Wie intuieren eigentlich diese Zeitgeister den Menschheitsfortschritt? Sie intuieren ihn dadurch, dass einen Menschen das, was im Physischen geschieht, wie zufällig anregt. Es sind nicht bloß Legenden, wenn auch das manchmal zutrifft.

Ich erinnere nur an die schwingende Kirchenlampe im Dome zu Pisa, wo Galilei das Pendelgesetz entdeckt hat an den regelmäßigen Schwingungen der Lampe im Dom, und wie dann Kepler und Newton zu ihren Entdeckungen angeregt wurden. Hunderte und Tausende von Fällen könnte man erzählen, wo physisches Geschehen zusammengeführt wird mit menschlichem Denken, woraus man ersehen könnte, wie da intuiert wird von den Archai oder Urkräften das, was als Ideen, als Zeitideen in die Welt hinausgeht, was die Menschen dann in ihrer Entwicklung beeinflusst, was ihren Fortschritt regelt und gesetzmäßig durchdringt« (GA 121, Kristiania, 8.06.1910).

Die Archai »flössen« also den betreffenden Menschen nicht etwa Gedanken ein oder rufen diese in ihnen hervor, sondern führen Anlässe herbei, die sie dazu anregen, durch eigene Erkenntnistätigkeit Ideen und Theorien zu entwickeln, die in ihren Zeitgenossen zustimmende oder ablehnende Resonanzen hervorrufen. Für die Entdeckung des Neuen schaffen die Archai die äußeren Veranlassungsgründe, gefunden werden muss es von den Menschen.

Andere Wesen werden laut Steiner erlebt, deren Gedanken zugleich »wirkende Naturkräfte« sind: überall, wo eine Naturkraft wirkt, »leben sich« »Gedanken« solcher Wesenheiten aus. Bei diesen Wesenheiten handelt sich um die »Geister der Form«. Dass Steiner hier die Naturkräfte als »Gedanken der Geister der Form« bezeichnet, während er im selben Jahr – im April 1912 in Helsingfors (GA 132) – davon spricht, diese »Naturkräfte« seien der Ausdruck von »Elementarwesen« oder »Naturgeistern«, ist kein Widerspruch, wenn man berücksichtigt, dass diese Naturgeister ihrerseits den gedanklichen Inhalt ihres Wirkens von den Geistern der Form empfangen. 1916 führte er in Berlin über diesen Zusammenhang zwischen Geistern der Form und Elementarwesen aus:

»Wir wissen ja, dass um uns herum sich in der Welt nicht bloß dasjenige ausbreitet, wovon die heutige Sinnes-Wissenschaft spricht, sondern dass dieser Natur, von der wir heute sprechen, zugrunde liegt die sogenannte elementarische Welt, zugrunde liegt die Welt, für die wir nur Bezeichnungen haben, wenn wir auf die alte Mythologie zurückgehen [kurs. L.R.], in den verschiedenen Elementarwesen, die zugrunde liegen dem mineralischen Reich als Gnomen, dem wässerigen, pflanzlichen Reich als Undinen, dem luftförmig belebten Reiche als Sylphen, und dem ganzen Irdischen [den Feuer- und Wärmeprozessen, durch welche die Gestaltungskräfte des Ätherischen in die Welt der physischen Elemente übergeführt werden] als Salamanderwesen. …

Derjenige, dessen Augen geöffnet sind für diese elementarische Welt, der sieht, wie diese elementarischen Wesen im Grunde genommen wirklich im Verlaufe des Jahres eine Art ›Jahreskursus‹ durchzunehmen haben: wie in anderer Weise gewirkt wird von den geistigen Welten herunter auf diese Wesen im Frühling, im Sommer, im Herbst, im Winter, das heißt, wie sie hier auf der Erde um uns herum ein elementarisches Reich ausbreiten, das in der angedeuteten Weise dem Naturreich zugrunde liegt, und wie sich herunterströmend ergießt, man kann nicht sagen ein Unterricht, aber etwas, was an Kräften sich ergießt, damit diese Wesen im Frühling die Macht bekommen, aus der Erde die Pflanzendecke herauszuformen.

Es tragen herunter die Kräfte der Geister der Form gewisse geistige Weisheiten, die sie diesen elementarischen Wesenheiten mitteilen, so dass eine neue Formenwelt im Frühling heraussprießt. Indem es dem Sommer zugeht, bekommen sie gleichsam einen späteren Kursus, so dass sie dasjenige wieder bewirken können, was gegen den Sommer zu sich vollzieht. Und so vollzieht sich im Jahreslauf eine Wechselwirkung zwischen den Geistern der höheren Hierarchien und den elementarischen Wesen, die weben und leben in der Natur, die uns umgibt. Das heißt, wir haben es fortwährend zu tun mit einem Auf- und Abschweben, mit einem Auf- und Abströmen von Geistwesenheiten der höheren Hierarchien, deren Zöglinge, deren Schüler die Wesenheiten sind, welche die belebenden Kräfte wieder abzugeben haben für alles dasjenige, was im Jahreslauf sprießt und sprosst. Denn alles dasjenige, was im Jahreslauf sprießt und sprosst, was entsteht und vergeht, alles das ist nicht bloß herausgewachsen aus unserer Erde, sondern steht in unmittelbarer Wechselwirkung mit dem Himmlisch-Geistigen« (Berlin, 13.04.1916, GA 167).

Die Einsicht, dass die Erscheinungen der Natur Manifestationen des Wirkens geistiger Wesenheiten sind, ist, wie Steiner betont, nicht etwa das Ergebnis einer abstrakten metaphysischen Theorie, die solche Wesen zu den Naturvorgängen »hinzudenkt«, vielmehr erlebt der Geistesforscher diese Wesen in einem »begriffsfreien, konkreten Verhältnis«, so wie wir im Alltagsbewusstsein menschliche Individualitäten bei der Begegnung erleben.

Zur gesamten Hierarchienwelt entwickelt sich allmählich durch die Inspiration ein solches »konkretes, begriffsfreies Verhältnis«. Nachdrücklich macht dies Steiner auch in der bereits mehrfach zitierten Vortragsreihe deutlich:

»Wir stehen … in dieser geistigen Welt nur Wesenheiten gegenüber, und diesen Wesenheiten steht nicht das entgegen, was man Naturverlauf nennen könnte. Alles ist Wesen, was einem begegnet … Überall wo etwas ist, ist Wesen, und man kann nicht sagen wie im Sinnensein: Dort ist ein Tier und dort sind äußere Stoffe, die von ihm gegessen werden. – Diese Zweiheit gibt es dort nicht, sondern was ist, ist Wesen … In ihrer Stufenfolge lernt man die Welt der Hierarchien kennen, von denjenigen Wesenheiten an, die man zunächst kennenlernt als die Angeloi und Archangeloi, Engel und Erzengel, wie sie in unserer Terminologie genannt werden, bis zu den Wesenheiten, die einem fast zu entschwinden scheinen, so undeutlich werden sie, den Cherubim und Seraphim. Aber es ist eines möglich, wenn man sich in diesen Welten befindet: eine Beziehung zu diesen Wesenheiten zu gewinnen« (GA 138, München, 29.08.1912).

Während im Inneren der Seele nach und nach der geistige Inhalt des Kosmos in Gestalt unterschiedlicher Engelwesen aufzuleuchten beginnt, deren erhabenste »einem fast zu entschwinden scheinen«, entschwindet auf der Gegenseite etwas anderes: Das, was man im gewöhnlichen Bewusstsein als sein eigenes Wesen, als seine Innenwelt erlebt hat. Aus der Perspektive des Astralleibes, in dem die Welt der Sphärenharmonien zu tönen beginnt, erscheint das frühere Innenwesen der sinnlichen Welt als etwas »Äußeres«, das ihm dahinschwindet. Er blickt so auf dieses Innenwesen, wie wir auf eine Pflanze in der Sinneswelt blicken. Dieses Zurückschauen auf das eigene dahinschwindende Wesen wird so lange als »höchst schmerzvoll« empfunden, als nicht ein weiteres Erlebnis hinzutritt: die Einsicht, dass man die lebendige Erinnerung an dieses frühere Ich jederzeit in sich hervorrufen kann, so wie man im gewöhnlichen Bewusstsein eine Erinnerung hervorruft. Aber dieses Erlebnis, dass das eigene frühere Wesen zur Erinnerung wird, ist auch mit einer deutlichen Dissoziations-Empfindung verbunden, dem Gefühl, mit diesem nicht mehr identisch zu sein, sondern es »wie ein Kleid« an sich zu tragen. Sich selbst fühlt das Ich des Nachtmeerfahrers in seinem astralen Seelengefährt als Angehörigen einer Welt geistiger Wesen, als »Geist unter Geistern«, wie die »Theosophie« sagt. Auch hier handelt es sich laut Steiner um eine »konkrete Erfahrung«, und nicht etwa nur um eine »Theorie«.

Erst durch diese konkrete Erfahrung ist es möglich, die Eigenart des Alltagsbewusstseins, das man zurückgelassen hat, zu erkennen. Es stellt sich als »Gewebe von Erinnerungsvorstellungen« dar, die durch das Zusammenwirken des physischen Leibes, des Ätherleibes und des Astralleibes wie ein Spiegelbild in einem Spiegel erzeugt werden. Die im Astralozean schwimmende Seele identifiziert sich so wenig mit diesem Spiegelbild, wie derjenige, der in der physischen Welt vor einem Spiegel steht, sich mit seinem Bild identifiziert. Vom Bild im physischen Spiegel unterscheidet sich dieses Gewebe aus Erinnerungsvorstellungen dadurch, dass es nicht zu existieren aufhört, wenn das neugeborene Selbst vom Spiegel – dem Gewebe aus Erinnerungsvorstellungen – zurücktritt. Es existiert vielmehr fort. Es stellt eine Wesenheit für sich dar und ist doch nur ein Bild des wahren Seelenwesens. Letzteres empfindet dieses Spiegelbild als seine Selbstoffenbarung, die sich zwar von ihm unterscheidet, die es aber benötigt, um zum Bewusstsein seiner selbst zu gelangen. Ihr eigenes Abbild muss der Seele zuerst in der sinnlichen Welt gegenübertreten, damit sie ein Wissen von sich erlangen kann.

Diese Funktion des aus dem Zusammenwirken der Leiber entstehenden Spiegelbildes des Ich ist nicht nur Steiner vertraut. Viele Mystiker und Theosophen beschrieben sie. Ein eindrucksvolles Zeugnis findet sich beim iranischen Theosophen Sā’inoddīn Ispahānī aus dem 15. Jahrhundert. »Jedesmal«, so fasst Corbin dessen Ansichten zusammen, »wenn das Licht auf einen dichten Gegenstand trifft, den es nicht zu durchdringen vermag, und ein Schatten dieses Gegenstandes entsteht, wird das Licht in sich selbst zurückgeworfen wie durch einen Spiegel und seine leuchtende Wesenheit bereichert sich durch die Spiegelung. Dasselbe geschieht mit jenem lebendigen Licht, das man ›Geist‹ oder ›denkende Seele‹ nennt: auch sie nimmt die Spiegelung des Lichtes in sich auf, das sie in ihre Umgebung strahlt, und bereichert sich durch sie. Gewiss, es ist ihr eigenes Licht, das in sie zurückkehrt, das sie wahrnimmt, und das der Körper, der es aufhält, ihr zurückspiegelt. Ihren eigenen Erkenntnisinhalt, ihr eigenes Bild projiziert sie auf die Gegenstände, und diese Inhalte kehren zu ihr zurück. Aber sie muss sie auch auf diese Art projizieren, damit sie sich in einem Spiegel sehen kann, der, indem er sie für sie selbst offenbart, sie mit dem Licht bereichert, das er empfängt und das er ihr zurückwirft. Und damit dies möglich ist, muss sie in die Finsternis absteigen. In ihrem präexistenten Dasein besaß sie nur eine allgemeine Erkenntnis der geistigen Welt. Indem sie sich mit dem Körper verband, erlangte sie die Fähigkeit, alle konkreten Einzeldinge zu erkennen; sie zu unterscheiden und zu begreifen, bedeutet, zu erkennen, dass sie diese Einzeldinge enthält, dass sie selbst diese Einzeldinge ist, und auf diese Weise erreicht sie die vollumfängliche Epiphanie aller Dinge. Wenn sie zu dieser Vollendung gelangt, gibt es kein Seiendes mehr, weder in der unteren, noch in der oberen Welt, das nicht Teil dieses Lichtwesens wäre« (Henry Corbin, En Islam iranien III, 1972, S. 245).

Dieses Gewebe aus Spiegelungen kann man, so Steiner, als »Ich-Leib« oder »Gedankenleib« bezeichnen. Ein solcher »Leib« beginnt in jenem Lebensaugenblick zu entstehen, in dem das Ichwesen in den Ätherleib eintaucht und »sich gleichsam an dessen Innenwänden spiegelt«. »In dem Moment, wo das Kind anfängt, sein Ich-Bewusstsein zu entwickeln, da hat der Strom des Seelenlebens einen Eigeneindruck auf den Ätherleib gemacht. Dadurch entsteht aber auch die Ich-Vorstellung … in dem Augenblick, wo es anfängt, das Ich-Bewusstsein zu entwickeln, verspürt es seinen Ätherleib, und es spiegelt zurück in das Ich das Wesen des eigenen Ätherleibes … Wenn das Ich … sich innerlich [am Ätherleib] spiegelt, so bedeutet alles seelische Leben von da ab ein Mitspiegeln der Erlebnisse, ein Mitspiegeln der Eindrücke. Daher können sie sich an nichts erinnern, bevor sich das Ich zum Spiegelapparat gemacht hat … Das Wesentliche ist … dass das menschliche Ich, insofern es in den Ätherleib hineinschlägt, das heißt, aufnimmt die Vorstellungen … dadurch selber zu einem Seelen-Spiegelungsapparat wird« (GA 115, Berlin 4.11.1910).

Das ist aber noch längst nicht alles. Hinter dieser esoterischen Tiefe des Gedächtnisses bzw. des »Ichleibes« liegt eine weitere esoterische Tiefe, auf die Steiner 1914 in seinen Wiener Vorträgen über das »innere Wesen des Menschen und das Leben zwischen Tod und neuer Geburt« zu sprechen kommt. Auch hier ist von Spiegelungsvorgängen die Rede: »Wenn wir denken, machen wir mit dem wirklichen Denken keine Eindrücke auf unseren physischen Leib, wohl aber auf unseren Ätherleib. Aber indem wir denken, kommt … nicht alles das, was in den Gedanken [an schöpferischen Imaginationen, Inspirationen und Intuitionen] liegt, in uns herein. Würde alles das, was in den Gedanken liegt, in uns hereinkommen, dann würden wir jedes Mal, wenn wir denken, zunächst lauter lebende Elementarwesen in uns pulsieren fühlen, wir würden uns ganz innerlich belebt fühlen …

Dieses Leben nehmen wir nicht wahr in dem menschlichen Denken, weil … nur gleichsam der Schaum davon uns zum Bewusstsein kommt und eben die Schattenbilder der Gedanken bildet, die da als unser Denken in uns auftauchen. Dagegen senkt sich in unseren Ätherleib ein dasjenige, was als lebendige Kräfte die Gedanken durchzieht. Wir nehmen die lebendigen Elementarwesen, die uns da durchschwirren, nicht wahr, sondern wir nehmen in den Gedanken gleichsam nur einen Extrakt wahr, etwas wie eine Abschattierung. Das andere aber, das Leben, zieht in uns ein, und indem es in uns einzieht, durchdringt es uns … so, dass … in unserem Ätherleib ein Kampf entsteht, … ein Kampf zwischen den fortschrittlichen Geistern und Ahriman, den ahrimanischen Wesenheiten [der »Finsternis« Ispahānīs].

Quarz

Quarz

Und der Ausdruck dieses Kampfes ist, dass sich in uns die Gedanken nicht so abspielen, wie sie sich abspielen würden, wenn sie lebendige Wesen wären. Würden sie sich so abspielen, wie sie wirklich sind, so würden wir uns in dem Leben der Gedankenwesen fühlen: die würden sich hin und her bewegen – aber das nehmen wir nicht wahr. Dafür wird unser ätherischer Leib, der sonst ganz durchsichtig wäre, gleichsam undurchsichtig gemacht; ich möchte sagen, er wird so, wie etwa Rauchtopas ist, der durchzogen wird von dunklen Schichten, während der Quarz ganz durchsichtig und rein ist. So wird unser ätherischer Leib von geistiger Dunkelheit durchzogen [die Seele muss laut Ispahānī in die Dunkelheit hinabsteigen]. Das, was da unseren ätherischen Leib durchzieht, das ist unser Gedächtnisschatz.

Der Gedächtnisschatz entsteht dadurch, dass … in unserem ätherischen Leibsich die Gedanken gleichsam spiegeln, aber jetzt in der Zeit sich spiegeln, bis zu dem Punkte hin, bis zu dem wir uns eben erinnern im physischen Leben. Das sind die gespiegelten Gedanken, die wir im Gedächtnis haben, die aus der Zeit heraus gespiegelten Gedanken« (GA 153, 11.4.1914, Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt).

Der Nachtmeerfahrer, der auf dem Nachen seines Astralleibes im kosmischen Seelenmeer dahingleitet, vermag nun erst – durch die erinnernde Anschauung seines ätherischen Spiegelbildes – die »Erscheinung des Todes« zu verstehen. Er selbst erlebt sich als Wesen, das einer »wahrhaft wirklichen Welt« angehört, das die Erfahrungen aus der Sinneswelt wie einen Gedächtnisinhalt in sich trägt. Und diese Erfahrung entspricht dem seelischen Erleben nach dem Tod: auch hier trägt die Seele die Erlebnisse der Sinneswelt wie eine Erinnerung mit sich fort. Durch die Loslösung vom Ätherleib erlebt sich die Seele in »unmittelbarer« Erfahrung unter Geistwesen und das Leben in der Sinneswelt erscheint ihr nurmehr als »vorübergehende Offenbarung« (Epiphanie) ihrer ungeborenen und unsterblichen geistigen Dauerwesenheit.

Während der Leib der Sinneswelt angehört und ihren Gesetzen unterliegt, gehört das Ichwesen einer anderen Welt an, die nicht von den Gesetzen der Sinneswelt, sondern von den Gesetzen der geistigen Welt bestimmt wird. Zu diesen gehören die Gesetze der Weisheit, des Ausgleichs, der Harmonie, der Allseitigkeit, der Universalität. (Daraus ist Steiners Formel von den »Meistern der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen« verständlich). Das Ich ist an diese andere Welt gebunden, wie der Leib an die Sinneswelt. Und diese geistige Bindung des Ich an seine wahre Heimat wird von Geburt und Tod nicht berührt. Vielmehr stellen sich die Bindungen zwischen menschlichen Geistwesen während des Lebens auf der Erde als Ausdruck ihrer geistigen Beziehungen dar, die unabhängig von ihrer irdischen Existenz bestehen. Sie sind bereits vor der Geburt vorhanden und bleiben auch nach dem Tode erhalten. Ganze Seelenfamilien, Gruppen miteinander verwandter Seelenwesen, bewegen sich gemeinsam durch die unterschiedlichen ontologischen Regionen des Kosmos und werden von ihren Verwandtschaftsaffinitäten auf der Erde zueinander hingezogen. Diese Affinitäten liegen dem Erlebnis des Wiedererkennens zugrunde, das manchmal von feinfühligen Menschen bei der ersten Begegnung mit Fremden empfunden wird. Aristophanes sprach in Platos »Symposion« von zwei Hälften, in die Zeus die ursprünglich kugelförmigen (vollkommenen) Seelen auseinandergeschnitten habe, wodurch sie nun auf Erden zueinanderstrebten, um wieder ganz zu werden. In Wahrheit lässt sie ihre geistige Verwandtschaft, der Zusammenklang der Empfindungen und die Weisheit des Ausgleichs zueinanderstreben.

Zu all diesen Erfahrungen führen die Übungen, die der Verstärkung des Seelenlebens dienen. Die Wirkung dieser Übungen kann durch weitere Empfindungen verstärkt werden, die im Umgang mit Schicksalsereignissen auszubilden sind. Für gewöhnlich bringt man solchen Ereignissen unwillkürlich Sympathie oder Antipathie entgegen: Antipathie, dem was man als schädlich, als Unglück empfindet, Sympathie den glücklichen Ereignissen. Zwar können solche unwillkürlichen Seelenregungen bis zu einem gewissen Grad durch die Erziehung zur Gelassenheit abgedämpft werden, wirken aber trotzdem im Unbewussten fort und äußern sich in gewissen Grundstimmungen des Seelenlebens (Zufriedenheit, Unzufriedenheit) oder auch in körperlichen Symptomen (Gesundheit, Krankheit).

Erforderlich ist Gelassenheit, eine von Sympathien und Antipathien freie Annahme des eigenen Schicksals. Wer sie entwickeln will, muss sie sich systematisch anerziehen. Erst dann kann er seinem Schicksal wie ein äußerer Beobachter gegenübertreten. Diese Gelassenheit darf nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden, sie entspricht vielmehr der stoischen Ataraxie (tranquillitas animae), die den Weisen zur Autarkie, zur Selbstherrschaft führt. Über das Zusammenleben mit den Göttern schreibt Marc Aurel: »Es lebt mit den Göttern zusammen, wer ihnen unausgesetzt seine Seele zeigt, wie sie über das Zugeteilte zufrieden ist und tut, was der Daimon [der Engel] will, den Zeus einem jeden als Vorsteher und Lenker gegeben hat, als einen aus seiner eigenen Substanz abgetrennten Teil [»apospasma« – Steiner nennt dies »Ausstülpung«]. Das ist eines jeden Geist und Logos« (Wege zu sich selbst, V, 27; Syzēn theois).

Die Anteilnahme des Ich an seinem Schicksal darf nicht unterdrückt, sie muss »umgewandelt« werden. Umgewandelt wozu? Dem Unglück, das einen selbst betrifft, sollen die gleichen Empfindungen entgegengebracht werden, wie dem Unglück, das andere betrifft. Leichter lässt sich dieser objektive Blick gegenüber Schicksalsschlägen entwickeln, als gegenüber den eigenen Fähigkeiten (Vorzügen). Letztlich ist es jedoch für den Weltzusammenhang bedeutungslos, ob man selbst oder jemand anders sich im Besitz bestimmter Fähigkeiten befindet, Neid oder Eifersucht erscheinen daher aus höherer Perspektive, der Perspektive der Weisheit und des Zusammenklangs der Empfindungen, gegenstandslos. Auch den eigenen Begabungen gegenüber muss dieses Gefühl der Gelassenheit entwickelt werden.

Durch solche seelischen Techniken bildet sich jenes Wesen heraus, das dem gewöhnlichen Ich wie etwas Fremdem gegenüberzustehen vermag. Es beginnt die Schicksale, die dieses gewöhnliche Ich betreffen, als etwas zu empfinden, das es selbst herbeigeführt hat. Hilfreich ist dabei der Rückblick auf das eigene Leben, der jene Vorgänge und Entscheidungen aufsucht, welche die späteren Ereignisse mitvorbereitet haben. Dieser Rückblick ist bis zu jenem Punkt in der frühen Kindheit möglich, an dem das Selbstbewusstsein (die Ichvorstellung) durch Spiegelung des Ich an den »Innenwänden des Ätherleibes« erwachte. An dieser Grenze, die mit dem biografischen Moment der Entstehung des Ichleibes identisch ist, kann erlebt werden, wie etwas begonnen hat, am eigenen Seelenleben zu arbeiten, das aber bereits vor diesem Zeitpunkt anwesend war – sonst hätte es in dieses Seelenleben nicht gestaltend eingreifen können. Es bereitete durch seine Wirksamkeit an der Leibesorganisation eben jenes Ereignis vor, durch das dieses Selbstbewusstsein aufleuchten konnte, ja, es bereitete sogar die Fähigkeit des Wissens und alles, wovon man weiß, vor.

Auf diese Weise lernt man jene Wesenheit »anschauen«, welche die Vorfälle des Schicksals herbeiführt. Die Bedingungen des eigenen Schicksals, die bereits vor der Geburt vorhanden waren, stellen sich so dar, dass sie mit dem eigenen Selbst verbunden sind. Man wird eines »höheres Selbstes« gewahr, das die Bedingungen seines eigenen Erscheinens durch seine Arbeit an der leiblich-seelischen Organisation vorbereitet hat, das gleichsam den Spiegel zubereitet hat, in dem es sich später spiegeln sollte. Und dieses höhere Selbst wirkt aus der Umgebung der Leibesorganisation auf diese ein. Das Gewahrwerden des höheren Selbstes ist wiederum nicht das Ergebnis »theoretischer« Überlegungen, sondern wird zur konkreten Empfindung einer gestaltenden Kraft, die als wirkliches, »lebendiges Wesen« das gewöhnliche Ich als sein Geschöpf hervorbringt.

Wie also der meditative Blick auf das Lebensende, der sich zur Erfahrung verdichtet, zum Erlebnis eines den Tod überdauernden, postexistenten Ichwesens führt, das sich zum gewöhnlichen Ich verhält wie das Erinnernde zum Erinnerten, so führt der Blick auf den Beginn des Lebens zur Anschauung ebendieses – präexistenten – Ichwesens, das der Geburt vorangeht und sich zum Gestalteten verhält wie das Gestaltende. Auf zwei Wegen gelangt man so zur Anschauung der Seele »als Geistwesenheit«. Diese Anschauung ist, wie Steiner erneut betont, keine »Einbildung« oder »Autosuggestion«, sondern das Ergebnis einer Erfahrung, die auf dem Wege der »Seelenwanderschaft« eintritt. Und die Fähigkeit, »Einbildung« von wirklicher Erfahrung zu unterscheiden, eignet man sich durch eben diese Wanderschaft an.

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