Stigmatisation und Erkenntnis

gaedeke_coverEinen klärenden Diskussionsbeitrag zu strittigen Fragen möchte der Priester der Christengemeinschaft, Wolfgang Gädeke, in seinem Buch »Stigmatisation und Erkenntnis« vorlegen. Seit dem ersten Auftreten Judith von Halles als Stigmatisierte und Autorin (2004/05) in der anthroposophischen Szene werden teils heftige Kontroversen über die Deutung dieses Phänomens und die Inhalte ihrer Publikationen geführt. Die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland hat 2006 eine Kommission zur Untersuchung der Vorgänge im Berliner Arbeitszentrum um Judith von Halle eingesetzt, die im Jahr 2008 einen Abschlussbericht vorlegte, dessen Veröffentlichung selbst wiederum von Kontroversen begleitet war. Eine Reihe von Autoren haben sich mit höchst unterschiedlichen Positionen zu Wort gemeldet, die von euphorischer Zustimmung bis zur Anathematisierung reichen. Auf der einen Seite stehen jene, die in Judith von Halle die erste moderne Eingeweihte nach Steiners Tod und eine Zeugin des lebendigen Christus sehen, auf der anderen Seite jene, die sie als »Irrlehrerin« und »falsche Prophetin« betrachten.

Als Bestandteil der anthroposophischen Lebenswirklichkeit wirft Judith von Halle eine ganze Reihe von Erkenntnisfragen auf: Sie bietet erkennend zu durchdringende Wahrnehmungsphänomene wie ihre Stigmatisation, ihre Nahrungslosigkeit und bestimmte Bewusstseinsvorgänge, die sie selbst als »Zeitreisen« bezeichnet, sie bietet aber auch eine Fülle ideeller Inhalte, die sich teils als Deutungsversuche auf die genannten Wahrnehmungen beziehen, in weit größerem Umfang aber auf das Ideengewebe der anthroposophischen Anthropologie, Christologie und Historiosophie. Diese beiden Aspekte ihrer individuellen Existenz sind kaum voneinander zu trennen, da die Beurteilung der Wahrnehmungsphänomene die Bewertung der ideellen Inhalte beeinflusst und umgekehrt. Da sich von Halle sowohl ideell als auch sinnlich in die anthroposophische Lebenswirklichkeit hineinstellt, sind die Data zur Beurteilung ihrer Selbstdeutung und ihrer Deutung durch andere aus dieser Lebenswirklichkeit zu entnehmen.

Gädeke zweifelt nicht die Tatsächlichkeit der Wahrnehmungsphänomene an, die sich durch Judith von Halle darstellen; er zweifelt auch nicht an, dass sie »geistige Wahrnehmungen« hat. Aber er wirft die Frage auf, ob diese »Wahrnehmungen zuverlässige Erkenntnisse« sind und ob die bisherigen anthroposophischen Deutungsversuche der durch von Halle dargebotenen Wahrnehmungsphänomene überzeugen. In der Fragestellung, ob Wahrnehmungen »zuverlässige Erkenntnisse« darstellen, steckt allerdings ein gewisses Problem, da Wahrnehmungen für sich genommen keine Erkenntnisse sind, und sie daher weder zuverlässig noch unzuverlässig sein können. Sie sind, was sie sind. Man könnte höchstens fragen, ob die Erkenntnisauskünfte, die jemand über seine Wahrnehmungen erteilt, zuverlässig sind oder nicht. Man kann auch nicht fragen, ob die Wahrnehmungen Judith von Halles möglich sind oder nicht, da sie sie offenbar hat. Man kann allerdings fragen und beurteilen, ob zwei Personen, die behaupten, dasselbe wahrzunehmen, tatsächlich dasselbe beschreiben. Im Ausgangspunkt der Untersuchung Gädekes verbirgt sich so eine gewisse Unklarheit, und die Frage ist, ob sich diese Unklarheit im weiteren Verlauf klärt. Auch die beiden Methoden, die Gädeke anbietet, um die von ihm aufgeworfenen Fragen zu beantworten, sind nicht sonderlich präzise formuliert: Entweder man ist Eingeweihter und vermag die »dargestellten Inhalte« von Halles selbst »durch geistige Wahrnehmung« zu überprüfen, oder man kann »die Darstellungen mit normaler Vernunft auf ihre Stimmigkeit und Plausibilität in einem gegebenen Bezugsrahmen (Anthroposophie und Neues Testament)« untersuchen. Was versteht Gädeke unter »dargestellten Inhalten«, die durch geistige Wahrnehmung überprüft werden sollen? Reine Wahrnehmungen oder Wahrnehmungsurteile? Der Ausdruck »dargestellte Inhalte« scheint einiges mehr zu implizieren, als bloße Wahrnehmungen. Und stellt die »geistige Wahrnehmung« ein ausreichendes Kriterium der Überprüfung von »Darstellungen« dar, bei denen es sich offenbar um ein Konglomerat aus Beobachtungen und Urteilen, wenn nicht gar Theorien handelt? Was ist andererseits mit den »Darstellungen« gemeint, die mit »normaler Vernunft auf Stimmigkeit und Plausibilität« untersucht werden sollen? Begriffliche Bezüge zwischen Wahrnehmungen, Theorien, oder wiederum Wahrnehmungsurteile?

Da Gädeke sich nicht für einen »Eingeweihten« hält, bleibt ihm jedenfalls nach eigener Auffassung nur die zweite Möglichkeit, die Plausibilitätsprüfung, zu der von Halle laut Gädeke sogar ausdrücklich einlädt: »Eine Prüfung der Darstellungen der Ereignisse in der Zeitenwende durch Judith von Halle an den Evangelien und an den Erkenntnissen Rudolf Steiners ist gerechtfertigt und geboten, weil sie selber die Übereinstimmung und Widerspruchslosigkeit ihrer eigenen Erkenntnisse und denen von Rudolf Steiner als notwendig gegeben ansieht.«

In der Tat behauptet von Halle in ihrem Buch »Und wäre er nicht auferstanden …«: »… dass aus unterschiedlichen Blickwinkeln der geistigen Welt sich zwar immer neue Erkenntnisse ergeben, dass sich diese aber niemals widersprechen, sondern wie Puzzle-Teile mit den von Rudolf Steiner gemachten Aussagen zusammenpassen.«

Von Halle vertritt, wie man sieht, nicht die Auffassung, sie trage »neue Erkenntnisse« vor, die bereits vorhandene berichtigten oder zu diesen im Widerspruch stünden, sondern sie erklärt ausdrücklich, diese »neuen Erkenntnisse« passten wie »Puzzle-Teile« mit den von Steiner gemachten Aussagen »zusammen«.

Dabei handelt es sich um eine Behauptung von grundlegender, systematischer Bedeutung, die sich nicht nur auf einzelne Tatsachenaussagen, sondern auf alle Tatsachenaussagen bezieht. Hätte sie erklärt, sie erhebe den Anspruch, Steiners Erkenntnisse zu erweitern oder gar zu korrigieren, wäre der Versuch der Validierung mit weitaus größeren Schwierigkeiten verbunden. In diesem Fall wären Aussagen über Wahrnehmungen nur überprüfbar, wenn die behaupteten Wahrnehmungen mittels der entsprechenden Methoden aufgesucht würden. Man müsste also entweder die Wahrnehmungsmethoden Rudolf Steiners oder den Bewusstseinszustand von Halles reproduzieren, um die beobachteten Inhalte verifizieren zu können. Die Frage ist, ob beide miteinander kompatibel sind. Gädeke ist offenbar nicht dieser Auffassung, wie aus dem dritten Teil seiner Untersuchung hervorgeht. Wenn aber schon die Methoden der Wahrnehmungsgewinnung unterschiedlich sind, dann ist die Erwartung, die Wahrnehmungen, zu denen sie führen, könnten übereinstimmen, von vorneherein fragwürdig. Wie kann man erwarten, dass eine konvexe und eine konkave Linse dieselben Wahrnehmungen ermöglichen? Da bei von Halle präzise Aussagen darüber fehlen, mit Hilfe welcher Methoden sie zu welchen Wahrnehmungen (oder Erkenntnissen) gelangt, ist es nicht möglich, auch nur theoretisch denkbare Überprüfungen zu formulieren. Denn während sie einerseits behauptet, aufgrund von »Zeitreisen« zu ihren »Wahrnehmungen« zu gelangen, ist andererseits die Rede davon, sie habe bereits von Kindesbeinen an »über die klassischen anthroposophisch-übersinnlichen Fähigkeiten der Imagination, Inspiration und Intuition verfügt« (Kiene). Welche Erkenntnisse oder Wahrnehmungen sie im einzelnen welchen Bewusstseinsformen verdankt, ist jedoch aus von Halles Darstellungen nicht zu entnehmen.

Da von Halle aber die Auffassung vertritt, ihre »Erkenntnisse« stünden zu Steiners »Erkenntnissen« nicht im Widerspruch, reicht ein Vergleich der jeweiligen Beobachtungsaussagen, um die behauptete Übereinstimmung zu verifizieren oder zu widerlegen. Wenn zum Beispiel Steiner ausführt, Lazarus habe sich bei seiner Auferweckung durch Jesus in einem todähnlichen Schlaf, einem Einweihungsschlaf befunden, er sei aber nicht wirklich tot gewesen, während von Halle behauptet, er sei wirklich tot gewesen und bereits in Verwesung übergegangen, dann können die beiden Aussagen – vorausgesetzt, es ist vom selben Lazarus die Rede, was ja nicht ohne weiteres vorausgesetzt werden kann – nicht gleichzeitig wahr sein und diese Tatsache kann durch einen einfachen Vergleich festgestellt werden. In diesem Fall aber kann von Halles Behauptung, ihre »Erkenntnisse« stünden nicht im Widerspruch zu Steiners Erkenntnissen nicht wahr sein, das heißt von Halle widerspricht nicht nur Steiner, sondern auch sich selbst.

Wie ist dann die systematische Behauptung der Widerspruchsfreiheit zu interpretieren? Entweder von Halle kennt die widersprechenden Aussagen Steiners nicht oder sie erkennt nicht, dass ihre eigenen jenen widersprechen. Beides erweckt nicht gerade Vertrauen in die Validität ihrer Erkenntnismethoden. Das sagt trotzdem nichts über die Validität ihrer »Wahrnehmungen« aus – schließlich könnte sie in einer Parallelwelt einen anderen Lazarus wahrnehmen, auf den die von ihr behaupteten Aussagen zutreffen.

Die angekündigte Überprüfung führt nun Gädeke in bezug auf bestimmte Tatsachengebiete durch: die Taufe Jesu im Jordan, die Beschaffenheit des Kreuzes auf Golgatha, das Abendmahl, die Auferweckung des Lazarus und eine Reihe weiterer. Und diese Überprüfung kommt zum Ergebnis, dass von Halles Beobachtungsaussagen in jedem dieser Gebiete im Widerspruch zu den Aussagen Steiners stehen. Nicht nur dies: Sie stehen in vielen Fällen auch im Widerspruch zu der Darstellung der Evangelien. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist das vierte Kreuzeswort Jesu, das von Halle gehört haben will, das aber weder im Hebräischen noch im Aramäischen existiert. Aber was zieht man nun aus dieser Einsicht für Schlüsse? Redet von Halle wirklich von derselben Wirklichkeit wie Steiner, oder von einer ganz anderen, und behauptet sie möglicherweise nur, sie rede von derselben, ohne zu erkennen, dass sie sich in einer Parallelwelt bewegt?

Eine andere Frage ist die Deutung des Wahrnehmungsphänomens Judith von Halle. Wie ist ihre Stigmatisation zu erklären – in welchen Deutungskontext kann sie eingebettet werden? Wie ist die Bewusstseinsform zu deuten, in der die Erlebnisse auftreten, die sie als »Zeitreisen« bezeichnet? Wie lässt sich das Phänomen der Nahrungslosigkeit verstehen? Da sowohl von Halle selbst als auch die sich an sie anschließenden Interpreten (Tradowsky, Kiene) ihre Deutungsversuche aus der anthroposophischen Anthropologie und Christologie schöpfen, stellt diese auch für dieses Problem einen »verbindlichen Referenzrahmen« dar. Weil sie sich bei ihren Erklärungsversuchen sowohl mit sich selbst als auch mit diesem Referenzrahmen in Widersprüche verwickeln, sind diese Versuche für Gädeke wenig überzeugend. So stellt etwa Steiner wiederholt das Auftreten von Stigmata beim Beschreiten des christlich-gnostischen Schulungsweges als Vorbereitung der Wiederherstellung des Phantoms des physischen Leibes dar, während von Halle und die ihr zustimmenden Autoren diese Stigmata als Folge dieser Wiederherstellung interpretieren. Insgesamt erweist sich die Rezeption des komplexen Themas »Phantom« bei all diesen Autoren als unzureichend. Da sie sich lediglich auf vereinzelte Äußerungen Steiners stützen und die Vertiefung seiner Erkenntnisse im Verlauf seiner Forschungsarbeit ignorieren, gelangen sie zu teilweise höchst fragwürdigen Theorien, die mitunter sogar als originäre Erkenntnisse ausgegeben werden. Der Fragenkomplex Phantom und Auferstehung wird auch von Gädeke nur gestreift, eine umfangreiche systematische Aufarbeitung enthält die demnächst erscheinende Forschungsarbeit Frank Lindes mit dem Titel »Auferstehung« (Auferstehung: Band 1 und 2: Die Auferstehung im Werk Rudolf Steiners, Band 3: Zeitreisen und Phantom – Eine kritische Analyse).

Dagegen bietet Gädeke eine andere Erklärung für die genannten Phänomene mit Hilfe eines differenzierten Begriffs des Somnambulismus. Im Unterschied zu Prokofieff, der diesen Begriff benutzte, um von Halle zu pathologisieren, arbeitet Gädeke die positiven Aspekte des Somnambulismus heraus, die sich in Steiners umfangreichen Darstellungen zu diesem finden. Steiner hat seinen Begriff des Somnambulismus an historisch so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Jeanne d’Arc, Jakob Böhme, Paracelsus, Swedenborg, Anna Katharina Emmerick, Franz Schubert, aber auch an der literarischen Gestalt der Theodora (Mysteriendramen) erläutert. Diese differenzierten Darstellungen erlauben es, Stigmatisierte wie Emmerick, Therese Neumann von Konnersreuth und Adrienne von Speyr, aber auch Judith von Halle zu verstehen, ohne sie zu pathologisieren. Sowohl die vorübergehende Sinnesblindheit als auch die räumliche und zeitliche Fernwahrnehmung lassen sich aus Steiners Begriff des Somnambulismus zwanglos herleiten.

Gädeke rechnet sich weder den »begeisterten Anhängern« noch den »entschiedenen Gegnern« Judith von Halles zu. Er sieht seine Kritik an einigen ihrer Darstellungen, seine Nachweise einiger Fehler und Irrtümer und seinen Versuch der Deutung der Phänomene von Stigmatisation, Nahrungslosigkeit und »Zeitreisen« mit Hilfe des Somnambulismus nicht als eine Herabsetzung von Halles. Er hat, wie er betont, weder subjektiv die Absicht, ihre Person herabzusetzen, noch stellt die Einsicht, dass Menschen, die sich um Geisterkenntnis bemühen, nicht von Irrtum frei sind, seiner Ansicht nach eine Herabsetzung dar. »Auch gegenüber den Aussagen Rudolf Steiners« schreibt Gädeke in seinem Schlusswort, »ist es falsch, alles ungeprüft und gläubig für wahr anzunehmen, nur weil es von ihm gesagt oder geschrieben worden ist, wie es genauso falsch ist, alles das von ihm grundsätzlich abzulehnen, was man zunächst nicht versteht oder überprüfen kann. Wenn wir diese Haltung auch gegenüber Judith von Halle einnehmen, dann dürfen wir hoffen, auch mit denen in Frieden leben zu können, die im Einzelnen ein anderes Urteil fällen als wir selbst.

Selbst wer die Ergebnisse der Forschung von Judith von Halle für falsch hält, braucht nicht vor ihr zu warnen wie vor einem falschen Propheten. Denn ›an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen …‹ Man kann doch in Ruhe abwarten, welche Früchte ihre Forschungen auf den verschiedenen Lebensfeldern zeitigen werden.« –

Nun, wer nicht abwarten will, kann auch die Begriffsbildung der Anhänger, Gegner und Neutralen einer näheren Analyse unterziehen und sich fragen, ob sie den Anforderungen genügt, die Steiner an die Anthroposophie als Geisteswissenschaft gestellt hat.

Wolfgang Gädeke, Stigmatisation und Erkenntnis: Anmerkungen zu Evangeliendarstellungen und Schicksal Judith von Halles, Verlag Urachhaus 2015, 319 S.

12 Kommentare

  1. mein Blog ist revisiert. Man braucht nicht mehr so weit zu scrollen.

    http://jvhalle.blogspot.nl/

    es gibt Hollaendische, Deutsche und Englische Beitraege.

  2. Zum fraglichen Zustand des Lazarus schreibt der Evanglist: „Jesus hatte von seinem Tode gesprochen, die Jünger meinten, er rede vom Schlaf.“ (Joh.11,13) – Die uninterpretierte Aussage Steiners über des Lazarus „Einweihungsschlaf“, die Ravagli erwähnt, widerspricht der Darstellung des Johannes und deckt sich eher mit dem Irrtum der Jünger. Hingegen handelt die Darstellung von Halles offensichtlich vom selben Lazarus, den auch der Evangelist im Auge hatte. – „Jesus spricht: Nehmt den Stein weg! Da sagte Martha, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er ist schon in Verwesung, er liegt ja schon den vierten Tag hier.“ (Joh.11,39). – Ravagli erwähnt zu Recht, dass man gut daran tut, Steiners Erkenntnisentwicklung in Bezug auf alles, was er beschreibt, zur Kenntnis zu nehmen, wenn eine seiner Aussagen schon autoritativ entgegengenommen werden soll. Denn sinnigerweise wird man sich nur auf eine solche Autorität beziehen können, bei welcher eine durch sie und in ihr stattfindende, unaufhörliche Erkenntnisvertiefung feststellbar ist. Eine Einseitigkeit wird ja nicht dadurch vollkommener, dass sie unverändert wiederholt wird. – Wenn Ravagli seiner Empfehlung angesichts des fraglichen „Tatsachenbereichs“ nachkommt, wird er den Widerspruch Steiners zum Evangelium, der zunächst unüberwindlich scheint, nicht allein durch den Verweis auf einen für Steiner in der Parallelwelt lebenden Lazarus auflösen können. Wir dürfen gespannt sein.

    • Lieber Reto,
      die Frage ist, welcher Autorität man folgt:
      – der des Evangelisten, der ein Sondergut bietet, das die drei anderen Evangelisten nicht kennen und der sich selbst widerspricht,
      – der des Geistesforschers, der eine konzise Deutung bietet, die sich widerspruchsfrei in seine gesamte Christologie und Geschichtserzählung einfügt,
      – oder der einer Visionärin, die sich selbst widerspricht, wenn sie behauptet, sie widerspreche nirgends diesem Geistesforscher.

      Dass mit der Auferweckung des Lazarus ein Mysterium verbunden ist, darauf deutet das 11. Kapitel des Evangeliums selbst.
      Warum erzählt Johannes als einziger diese Geschichte?
      Warum lässt er Jesus sich selbst widersprechen?
      Sagt dieser doch erst, die Krankheit des Lazarus sei nicht zum Tode, danach, er sei eingeschlafen, danach, er sei gestorben, dann wird er zornig, als Maria sagt, Lazarus sei gestorben, danach bricht er in Tränen aus und wird erneut zornig, als die Juden ihm vorwerfen, er habe ihn nicht vor dem Tode bewahrt, schließlich tritt der Tote von alleine aus dem Grab hervor.

      Joh 11, 3-4:
      Da schickten die Schwestern eine Botschaft zu Jesus und ließen ihm sagen: »Herr, der, den du lieb hast, ist krank!«  Als Jesus das hörte, sagte er: »Am Ende dieser Krankheit steht nicht der Tod, sondern die Herrlichkeit Gottes. Der Sohn Gottes soll dadurch geehrt werden.«

      11,6:
      Als er nun hörte, dass Lazarus krank sei, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er war.

      11,11:
      Dann sagte er zu seinen Jüngern: »Unser Freund Lazarus ist eingeschlafen. Aber ich gehe jetzt hin, um ihn aufzuwecken.«

      11,12-14:
      »Herr, wenn er schläft, wird er gesund werden«, sagten die Jünger. Sie dachten, er rede vom natürlichen Schlaf. Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen. Da sagte er es ihnen ganz offen: »Lazarus ist gestorben.«

      11,32-33:
      Als Maria nun an die Stelle kam, wo Jesus war, warf sie sich ihm zu Füßen und sagte: »Herr, wenn du hier gewesen wärst, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.« Als Jesus die weinende Maria sah und die Leute, die mit ihr gekommen waren, wurde er zornig und war sehr erregt.

      11, 35-38:
      Da brach Jesus in Tränen aus. »Seht einmal, wie lieb er ihn gehabt hat«, sagten die Juden. Aber einige von ihnen meinten: »Er hat doch den Blinden geheilt. Hätte er nicht auch Lazarus vor dem Tod bewahren können?« Da wurde Jesus wieder zornig und ging zur Gruft. 

      11,39-40:
      Doch Marta, die Schwester des Verstorbenen wandte ein: »Herr, der Geruch! Er liegt ja schon vier Tage hier.« Jesus erwiderte: »Ich habe dir doch gesagt, dass du die Herrlichkeit Gottes sehen wirst, wenn du mir vertraust!«

      11,43-44:
      Danach rief er mit lauter Stimme: »Lazarus, komm heraus!« Da kam der Tote heraus, Hände und Füße mit Grabbinden umwickelt und das Gesicht mit einem Schweißtuch zugebunden.

      Wenn man diese Erzählung mit jener von der Auferweckung des Jünglings zu Nain (Lk 7) und jener des Jairustöchterleins (Lk 8) vergleicht, wird der mysteriöse Unterton bei Johannes erst richtig deutlich.

      Bei Lk 8 heißt es übrigens: Das Jairustöchterlein sei gestorben, worauf Jesus erwidert: »Das Kind ist nicht tot, es schläft nur«. (8,49;52)

      • lieber Lorenzo,
        wenn die „Visionärin“ von Halle mit ihrer Aussage, dass ihre Mitteilungen mit denen Steiners kompatibel seien – dabei wären auch (äusserlich wortwörtliche) schöpferische „Widersprüche“ denkbar, wie sie sich in Steiners Darstellungen ja zuhauf finden – falsch liegt, dann würde es sich um einen Irrtum und nicht, wie Du schreibst, um einen Selbstwiderspruch handeln. (So schreibt z.B. Steiner im berühmten Kapitel „Das Lazaruswunder“ aus seinem „Christentum als mystische Tatsache“: «Man hat es mit einer Krankheit zu tun.» Und wenig später: «Der irdische Leib ist drei Tage lang wirklich tot gewesen.» – Im weiteren findet sich an dieser Stelle noch nichts von demjenigen Aspekt des „Lazaruswunders“, der ihm später zugänglich wurde, nämlich dem auf das „Lazaruswunder“ gestützten, erfolgten Wesenstausch mit dem Täufer). –
        Beim „visionären“ Evanglisten diagnostizierst Du wie bei der „Visionärin“ „Selbstwiderspruch“. Wenn sich nun alle drei Autoritäten in Selbstwidersprüche verstrickt haben sollten, relativiert sich notgedrungen die Frage, welcher Autorität man folgen soll. Auch wenn nicht, scheint mir allein die folgende Frage wesentlich:
        Wie hoch entwickelt ist die im Zentrum der seelisch-geistigen Aktivität stehende Fähigkeit – aus der alle Beurteilungen und Einschätzungen von Steiner, Prokofjeff, Halle, Kiene, Tradowsky, Moosmuller, Gädeke, Ravagli, Savoldelli usw. hervorgehen – Aussagen von Mitmenschen, seien sie Zeitgenossen oder längst woanders, im erlebten Zusammenhang mit dem geistigen Entwicklungsimpuls, in welchem jede Individualität eingebettet ist, erfassen zu können?

  3. sory, diese Link war gemeint:

  4. Das Begriff Parallelwelt wer hat das verwendet und was wird damit gemeint?

  5. Ist im Buch auch genannt das JvH suggeriert das sie in eine vorherige Inkarnation Edith Marion gewesen sein sollte?

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