Was heißt Geisterkenntnis in der Anthroposophie? – IV – Die Inspiration

Sophia, die göttliche Weisheit..

Sophia, die göttliche Weisheit.

Den Boden der äußeren sinnlichen Erlebnisse und des an diese gebundenen Alltagsbewusstseins, das auch das Bewusstsein der gewöhnlichen Wissenschaft ist, hat der Wanderer zwischen den Welten bereits mit der Imagination verlassen. Damit er nicht im Ozean der Bilder versinkt, muss er einen neuen Boden in der Bilderwelt selbst finden, der ihn trägt. Dieser Boden sind die Kristallisationskerne der objektiv geistigen Inhalte, um die sich die freischwebenden Bilder gruppieren, deren Wesensausdruck sie sind.

Wie bereits erörtert, ist die Herausbildung des imaginativen Bewusstseins mit einer Konstitutionsveränderung des Menschen, einer Veränderung seines Seinszustandes verbunden. Auf die mit der Realisation höherer – oder tiefergreifender – Bewusstseinsformen verbundenen Konstitutionsveränderungen geht Steiner in »Die Stufen der höheren Erkenntnis« nicht näher ein. Sie wurden von ihm aber bereits in »Wie erlangt man höherer Erkenntnisse?« beschrieben. Im Kapitel »Über einige Wirkungen der Einweihung« wird dargestellt, wie die unterschiedlichen Wahrnehmungsorgane (»Lotusblumen«) im Seelenorganismus des Menschen durch entsprechende Übungstechniken entwickelt werden können und zu welcher Art von Wahrnehmungen diese führen. Die Darstellungen in den vorliegenden Aufsätzen (die erstmals 1909 gesammelt als Sonderdruck und 1931 als von Marie Steiner herausgegebenes Buch erschienen sind) setzen jene früheren voraus und wiederholen sie daher nicht.

Jedenfalls ist die Veränderung der Seelenkonstitution von ontologischer Bedeutung, d.h. durch die Umgestaltung der menschlichen »Erkenntnisorganisation« verändert sich auch die Wirklichkeit, das Sein, in dem diese Erkenntnisorganisation verankert ist. Denn diese Organisation ist selbst Bestandteil des Seins der Welt und für alle Formen des Seins gilt das allgemeine Gesetz, dass sich die Erscheinungen, die einem Wesen zugänglich werden, der Seinsbeschaffenheit dieses Wesens entsprechend manifestieren. Dem Blinden zeigen sich keine sinnlich wahrnehmbaren Farben, insofern bewegt er sich in einer anderen Wahrnehmungswelt als der Sehende. Folglich ist auch die Wirklichkeit, in der er sich bewegt, eine andere als die des Sehenden. Dem Imaginationsblinden zeigen sich in seiner seelischen Bilderwelt keine objektiven Inhalte der geistigen Wesenswelt in Gestalt symbolischer Epiphanien, insofern bewegt er sich in einer anderen Wahrnehmungswelt als der Imaginierende. Für den letzteren treten aufgrund der Veränderung seiner Konstitution die Wahrnehmungen der Seelenwelt zu den Wahrnehmungen der Sinne hinzu. Die Veränderungen seiner Erkenntniskonstitution heben jedoch die konstitutionellen Bedingungen seines Alltagsbewusstseins nicht auf, sondern erweitern das letztere. Daher vermag sich der Wanderer zwischen den Welten auch zwischen den unterschiedlichen Bewusstseinszuständen und den ihnen entsprechenden Wirklichkeitsebenen hin und her zu bewegen. Diese Veränderung der Konstitution lässt sich mit der Aneignung einer neuen Fähigkeit (z. B. des Klavierspiels) durch Übung vergleichen: hier tritt ebenfalls zu den bestehenden Eigenschaften eine neue hinzu, ohne dass die anderen verlorengehen. Dennoch verändert sich das Sein desjenigen, der sich diese neue Fähigkeit aneignet, dauerhaft und er vermag sich aufgrund dieser neuen Fähigkeit dauerhaft in einer Welt zu bewegen, die ihm zuvor verschlossen war. Der Klavierspieler muss nicht andauernd Klavier spielen, trotzdem schlummert seine Fähigkeit immer in ihm und er kann sie jederzeit wieder in den Aktzustand versetzen.

Von der schrittweisen Realabstraktion war bereits die Rede. Wie erwähnt, fallen im inspirativen Bewusstsein nicht nur die Sensationen (die äußeren Sinneswahrnehmungen) weg, sondern auch die Bildelemente, die noch einen Bezug auf die sinnliche Wahrnehmungswelt aufweisen. Dennoch greifen die Erlebnisformen der höheren Erkenntnis auf die Kräfte und Tätigkeitsmöglichkeiten zurück, die sich in der Seele vorfinden bzw. bereits in dieser veranlagt sind. Diese müssen jedoch gegenüber dem gewöhnlichen Alltagsbewusstsein auf eine höhere Potenz gehoben, intensiviert werden. So wie das Imaginieren als Potenzierung des Vorstellens beschrieben werden kann, so die Inspiration als eine Potenzierung des Gefühlserlebens. Diesem korrespondiert, was Steiner zu Beginn seiner Schrift als »Begriff« bezeichnet hat.

In Steiners weiteren Ausführungen zur Inspiration wird nun deutlich, dass die anfängliche Charakterisierung der unterschiedlichen Erkenntnisstufen als fortschreitende Realabstraktion von Inhalten des gewöhnlichen Alltagsbewusstseins vorläufig und unvollständig war. Denn bereits für das imaginierende Bewusstsein galt, dass seine Imaginationen nur noch entfernt etwas mit den Erinnerungs- und Phantasievorstellungen des gewöhnlichen Alltagsbewusstseins zu tun hatten. Noch mehr gilt dies für das inspirative Bewusstsein und die Begriffe des gewöhnlichen Bewusstseins. Statt von »Begriffen« hätte Steiner ebensogut von »Worten« sprechen können, die den Zusammenhang der Zeichen bilden, durch die sie sich der inspirativ erlebte Wahrnehmungsinhalt ausspricht. Entscheidend für das Verständnis der höheren Erkenntnisarten ist nicht so sehr der Blick auf die Inhalte, sondern der auf die Tätigkeiten: auf die bilderzeugende Tätigkeit, die dem Vorstellen, die zusammenhangsbildende Tätigkeit, die dem Fühlen und die hervorbringende Tätigkeit, die dem Wollen, der geistigen Realität des Ich, verglichen werden kann.

Daher geht Steiner bei der Charakterisierung der Schulungsmethoden, die zur Inspiration hinführen, auch von einer Gefühlsqualität, der Hingabe, aus. (Weitere, stärker systematisierte Ausführungen finden sich 1909 in der »Geheimwissenschaft im Umriss«. Der letzte Aufsatz der Reihe, die später von Marie Steiner unter dem Titel die »Stufen der höheren Erkenntnis« veröffentlicht wurde, war ursprünglich im Mai 1908 erschienen, die Reihe wurde von Steiner nicht abgeschlossen).

Während das Bewusstsein bei der sinnlichen Wahrnehmung den äußeren Gegenständen hingegeben ist, aus welchen es seine Vorstellungen schöpft, fallen diese in der Imagination und Inspiration weg. Woher kommen nun die »Vorstellungen«, d.h. die Bewusstseinsinhalte? Die Seele kann sie nur aus sich selbst schöpfen, durch eigene Tätigkeit erzeugen. Aber in das, was die Seele durch ihre eigene Tätigkeit erzeugt, »muss sich die Offenbarung der höheren wirklichen Welt einprägen«. Ein scheinbarer Widerspruch zwischen Hingabe und produktiver Eigentätigkeit wird hier sichtbar, der jenem zwischen Subjektivität und Objektivität entspricht. Der Mensch, so Steiner, »soll in einer gewissen Art der Schöpfer seiner Vorstellungen sein; und doch dürfen diese Vorstellungen selbstverständlich nicht seine Geschöpfe sein; sondern durch sie müssen sich die Vorgänge der höheren Welt ebenso zum Ausdrucke bringen, wie sich in den Wahrnehmungen der Augen, Ohren usw. die Vorgänge der niederen Welt zum Ausdrucke bringen. Es ist das aber ein Widerspruch, der sich in der Schilderung dieser Erkenntnisart finden muss. Denn das ist es gerade, was sich der Geheimschüler auf dem Wege zur Inspiration aneignen muss, dass er auf dem Wege seiner inneren Tätigkeit etwas zustande bringt, wozu er in dem gewöhnlichen Leben von außen gezwungen wird.«

Die Dialektik, die das spirituelle Erleben kennzeichnet, ließe sich auch durch einen anderen Vergleich verdeutlichen, den mit der menschlichen Denktätigkeit. In dieser bringen wir durch unsere Tätigkeit gedankliche Inhalte hervor, die jedoch ihre Eigengesetzmäßigkeit besitzen. Unsere Denktätigkeit verläuft nur dann diesen Inhalten gemäß, wenn sie ihrerseits durch deren Gesetzmäßigkeit bestimmt wird. Wir bestimmen die Inhalte und werden zugleich von ihnen bestimmt. Die hervorbringende Tätigkeit muss also einerseits produktiv sein, aber diese Produktivität muss von einer Hingabebereitschaft erfüllt sein, die sich durch die zur Erscheinung gebrachten Inhalte bestimmen lässt.

Ebendiese Dialektik von Hingabe oder Selbstlosigkeit und Eigentätigkeit illustriert Steiner an der Sinneswahrnehmung und der Vorstellungsbildung, die sich an diese anschließt. Hier nehmen wir unsere Eigentätigkeit sogar noch mehr zurück, als beim Denken. Wir richten uns bei der Vorstellungsbildung nach den äußeren Gegenständen. »Alle ›Willkür‹ des Ich fällt weg, weil die Gegenstände der Sinne sagen, so oder so sind wir. Wer sich den Gegenständen nicht fügen will, der stellt sich eben Unrichtiges vor …« Diese Bereitschaft, sich dem Gegebenen zu fügen, bezeichnet Steiner als »Selbstlosigkeit«. Die Welt der Sinneswahrnehmungen ist ein »Lehrmeister der Selbstlosigkeit«. In der Inspiration muss diese Selbstlosigkeit nun auch zur Wirksamkeit kommen, wenn keine äußeren Gegebenheiten dazu zwingen. Der Mensch »muss innerlich schaffen lernen, jedoch so, dass sein ›Ich‹ bei diesem Schaffen nicht im geringsten eine eigenmächtige Rolle spielt«.

So wie das gewöhnliche Vorstellungsleben der »Mutterboden« der Imagination ist, sind es nun die Erlebnisse des Fühlens und Wollens, aus welchen, als ihrem »Mutterboden, die Inspirationen herauswachsen«. Es wird daher alles darauf ankommen, diesen Mutterboden so zuzubereiten, dass diese Inspirationen auch tatsächlich aus ihm hervorsprießen können.

»Die Geheimschulung stellt sich deshalb die Aufgabe, dem Menschen die Mittel zu zeigen, welche ihn befähigen, seine Gefühle und seine Willensimpulse zu gesund-fruchtbaren für die Inspiration zu machen«. Die Übungstechniken der Inspiration sind Techniken des Gefühls, so wie die Übungstechniken der Imagination solche des Vorstellens sind. Bei diesen Techniken des Gefühls geht es um dreierlei: um eine Intensivierung, Steigerung des Gefühlslebens, um dessen Abwendung von Gegenständen der Sinneswelt und Hinwendung auf geistige Gegenstände und um etwas, was man als »Ökonomie der Gefühlskräfte« bezeichnen könnte.

Bei der Intensivierung des Gefühlslebens und zugleich dessen Umwendung auf geistige Gegenstände geht es darum, der Inspiration den richtigen Nährboden zu bereiten. Sie wird von Steiner am Erleben von Wahrheit und Unwahrheit illustriert. Entscheidend ist, dass die bereits im gewöhnlichen Bewusstsein vorhandenen Empfindungen gegenüber Wahrheit und Unwahrheit, Wahrheit und Irrtum »ins Unbegrenzte« gesteigert werden. Steiner spricht von »Lust« an der Wahrheit, »Unlust« am Irrtum, ja er spricht sogar von »Schmerz« am Irrtum, »wirklicher Freude und Lust« an der Wahrheit, von »Liebe zur Wahrheit«, die einen ganz und gar persönlichen Charakter annimmt, die so »warm« wird, »wie der Liebende der Geliebten gegenüber empfindet« und von »Hass gegen die Unwahrheit«. Das logisch Unrichtige muss eine »Quelle des Schmerzes«, das »Richtige« eine Quelle des Glücks werden. Der Pilger auf dem spirituellen Pfad muss »die ganze Stufenfolge von Gefühlen, vom Schmerz bis zum Enthusiasmus, von der wehevollen Spannung bis zur entzückenden Lösung im Besitz der Wahrheit« durchleben.

Gelegenheiten, Wahrheit und Irrtum zu erleben, sollte der spirituelle Pilger absichtlich aufsuchen oder in seinem Inneren immer wieder erzeugen, um an ihnen die Gefühlserlebnisse zu intensivieren. Er muss sich aber auch vor einem möglichen Ungleichgewicht des Gefühlslebens durch »Überempfindlichkeit« durch gleichzeitige »Stärkung der Widerstandskraft« und »Erziehung zur Toleranz« schützen: »Er muss zugleich in sich den lebendigsten Schmerz empfinden können, wenn zum Beispiel ein Mensch ein unrichtiges Urteil abgibt, und vollkommen tolerant sein können gegen diesen Menschen, weil der Gedanke in der Seele ebenso lebhaft da ist: dieser Mensch muss so urteilen, und es ist mit seinem Urteile wie mit einer Tatsache zu rechnen«.

Bei der »Ökonomie des Gefühlslebens« geht es um den Kräftehaushalt der Seele und die Energien, die bei der Erzeugung von Gefühlen aufgewandt oder verbraucht werden. Sie wird unter dem Gesichtspunkt erörtert: »Wie werden die Gefühle fruchtbar, so dass sie aus sich wirkliche, der Inspirationswelt angehörige Vorstellungen gebären?« Hier ist vom Überschießen der Gefühlskräfte über ihre äußeren sinnlichen Anlässe die Rede. Diese überschießenden Energien müssen systematisch aufgespart oder auf Geistiges umgeleitet werden. Erläutert wird dies am Erlebnis der Furcht oder Angst. Es soll nicht vollständig schwinden, sondern auf ein dem Anlass angemessenes Maß reduziert werden. Die Seelenkraft, die sonst verloren geht, erspart der Geistesschüler. »Wiederholt er solche Vorgänge oft, so wird aus den fortlaufend ersparten Seelenkräften ein innerer Schatz gebildet; und der Geheimschüler wird bald erleben, dass ihm aus solchen Gefühlsersparnissen die Keime zu Vorstellungen erwachsen, welche Offenbarungen des höheren Lebens zum Ausdrucke bringen«.

Auf der einen Seite also Bereicherung, Intensivierung des Gefühlslebens, auf der anderen Seite Ersparnis, Ökonomie; in beiden Fällen: Umlenkung von sinnlichen auf geistige Inhalte, von gegebenen auf selbsterzeugte Anlässe. Die »an der sinnlichen Wahrnehmungswelt ersparten Gefühle« werden nicht nur auf einem anderen Gebiet, dem Geistigen gegenüber frei, sondern erweisen sich auf diesem Gebiet »auch als schöpferisch«. »Sie schaffen das Material zu den Vorstellungen, in denen sich die geistige Welt offenbart«.

Die »Mutter« der Geisterkenntnis ist also, wie man aus diesen Ausführungen ersehen kann, die Seele, die ganze Seele, nicht etwa nur das Vorstellungsleben oder das Denken. Die ganze Seele des Menschen muss eine Umwandlung erfahren, alle Seelenkräfte bedürfen der Läuterung oder Umwendung. Wer dies nicht genügend beachtet, kann leicht dem Missverständnis erliegen, bei der Geisterkenntnis, wie Steiner sie versteht, handle es sich bloß um gedankliche Operationen, um Manipulationen des Vorstellungslebens. Dieses Missverständnis beruht auf einer Verwechslung zwischen Theorie der Esoterik und esoterischer Praxis. Selbstverständlich lässt sich die Theorie der Geisterkenntnis mit dem gewöhnlichen Vorstellen und Denken begreifen, bei der Praxis der Geisterkenntnis handelt es sich aber nicht um das Begreifen, sondern um das Verwirklichen, die tatsächliche Umsetzung des Begriffenen im eigenen Handeln. Die Esoterik muss, wie bereits bemerkt, zur Tat werden, ihre Theorie zur Esoterik in Person. Und diese Umsetzung beginnt bereits mit dem Vorstellungsleben, endet aber keineswegs mit ihm, wie aus den bisherigen Darstellungen deutlich hervorgeht. Die Behauptung, die Realität des Geistes erschöpfe sich in den Prozessen des gewöhnlichen Bewusstseins, ist in Wahrheit eine Annihilation der Wirklichkeit des Geistes, wie die Geisteswissenschaft ihn versteht.

Steiners Ausführungen über die Seele als »Mutterboden« der Inspiration erinnern an eine Passage in seiner Schrift »Das Christentum als mystische Tatsache …«. Im Kapitel über »Mysterien und Mysterienweisheit« (Kapitel 2) war ebenfalls die Rede von dieser Mutter. Hier hieß es vom »Mysten«, der sich auf die Suche nach dem verborgenen, in der Natur »verzauberten Gott« machte: »Der Mensch blickt nun in sich. Als verborgene Schöpferkraft, noch Daseinlos, wirkt das Göttliche in seiner Seele. In dieser Seele ist eine Stätte, in der das verzauberte Göttliche wieder aufleben kann. Die Seele ist die Mutter, die das Göttliche aus der Natur empfangen kann. Lasse die Seele von der Natur sich befruchten, so wird sie ein Göttliches gebären. Aus der Ehe der Seele mit der Natur wird es geboren. Das ist nun kein ›verborgenes‹ Göttliches mehr, das ist ein offenbares. Es hat Leben, wahrnehmbares Leben, das unter den Menschen wandelt. Es ist der entzauberte Geist im Menschen, der Spross des verzauberten Göttlichen. Der große Gott, der war, ist und sein wird, der ist er wohl nicht; aber er kann doch in gewissem Sinne als dessen Offenbarung genommen werden. Der Vater bleibt ruhig im Verborgenen; dem Menschen ist der Sohn aus der eigenen Seele geboren. Die mystische Erkenntnis ist damit ein wirklicher Vorgang im Weltprozesse. Sie ist eine Geburt eines Gottessprossen. Sie ist ein Vorgang, so wirklich wie ein anderer Naturvorgang, nur auf einer höheren Stufe. [kursiv L.R.] Das ist das große Geheimnis des Mysten, dass er selbst seinen Gottessprossen schaffend erlöst, dass er sich zuvor aber vorbereitet, um diesen von ihm geschaffenen Gottessprossen auch anzuerkennen. Dem Nicht-Mysten fehlt die Empfindung von dem Vater dieses Sprossen. Denn dieser Vater ruht in Verzauberung. Jungfräulich geboren erscheint der Spross. Die Seele scheint unbefruchtet ihn geboren zu haben. Alle ihre anderen Geburten sind von der Sinnenwelt empfangen. Man sieht und tastet hier den Vater. Er hat sinnliches Leben. Der Gottes-Spross allein ist von dem ewigen, verborgenen Vater-Gott selbst empfangen.«

Hier betont Steiner, dass es sich bei dieser parthenogenen Zeugung und beim Geburtsvorgang des Gottessohnes in der Menschenseele, um einen wirklichen Weltprozess handelt. Zwar wird nicht der »große Gott, der war, ist und sein wird« in der Seele des Menschen geboren, aber sein Spross, der vom »ewigen, verborgenen Vater« empfangen wird. Und dieser Spross des verborgenen Vaters, der »entzauberte Geist«, ist das offenbare Göttliche, das wahrnehmbares Leben besitzt, »das unter Menschen wandelt«. Wie könnte dieser Gottesspross in der Seele des Menschen ausgeboren werden, wie könnte diese von etwas befruchtet werden, das nicht existierte? Wie könnte dieses Göttliche wahrnehmbares Leben erlangen, das unter Menschen wandelt, also zur Weisheit in Person werden, wenn das befruchtende Göttliche eine bloße Chimäre wäre? Was aber ist die Seele als Mutter der Inspiration anderes als eine Epiphanie jener göttlichen Sophia, die sich so zum Gottessprossen in der individuellen Seele des Menschen verhält, wie sich die Weltseele, das Pleroma der himmlischen Hierarchien, zu jenem Gottessprossen verhält, den sie in einen menschlichen Leib ausgeboren hat?

Mit den angedeuteten Übungstechniken ist das Prinzip eines Weges vorgezeichnet, auf dem sich die »aufgesparten Seelenkräfte« allmählich »in Inspirationen umsetzen«, durch den aus der Seele »wahre Vorstellungen aufsteigen«, die »Erlebnisse in höheren Welten darstellen«. Der spirituelle Sucher könnte auf diesem Wege allmählich »alles aus sich herausspinnen, was die Inspiration zu geben hat«, d.h. alle Erkenntnisse, die sich auf das Wesen des Menschen, sein Leben nach dem Tod, die Entwicklung des Menschengeschlechts und die Kosmogonie beziehen, mit anderen Worten: den gesamten Inhalt der »Geheimwissenschaft im Umriss«. Allerdings würde er dafür »unermesslich lange Zeiträume« benötigen. Ein solcher Erkenntnissucher verhielte sich wie jemand, der die gesamte Entwicklung der Geometrie aus ihren ersten Anfängen heraus aus sich selbst »herausspinnen« wollte. Möglich wäre das zwar, aber »töricht«.

Denn es gibt eine reiche esoterische Literatur, in der aufgezeichnet ist, »was durch inspirierte Vorgänger für die Menschheit errungen worden ist«. Und diese reiche esoterische Tradition – man darf hier auch die Schriften der Offenbarungsreligionen hinzurechnen und die gesamte esoterische Hermeneutik, die sich an diese angeschlossen hat – »muss«, schreibt Steiner, »gegenwärtig die Grundlage abgeben für die eigene Inspiration«. Natürlich hätte er auch »kann« schreiben können, aber dann träte höchstwahrscheinlich der Fall ein, dass ein Leben kaum ausreichte, über die Anfänge der inspirativen Erkenntnis hinauszuschreiten, was töricht wäre. Nicht töricht hingegen ist es, auf diese reiche esoterische Tradition zurückzugreifen, und diese »als Inspirationsgrundlage« zu nutzen.

Was ist mit »Inspirationsgrundlage« gemeint? Steiner drückt es unmissverständlich aus: »Erhält man also solche Wahrheiten mitgeteilt, dann erregen sie in der Seele durch ihre eigene Kraft die Inspiration«. Er verweist auf die »einschlägige Literatur«, auf Vorträge, womit er seine eigenen meinen dürfte, auf Darstellungen »aus dem Gebiet der Geheimwissenschaft«, die sich auf die Lehren »über die verschiedenen Grundteile des Menschen (physischer Leib, Ätherleib, Astralleib usw.), die Erkenntnisse über das Leben nach dem Tode bis zu einer neuen Verkörperung« beziehen, »dann zum Beispiel alles, was unter dem Titel ›Aus der Akasha-Chronik‹ gedruckt wurde«.

Hiermit ist gesagt, dass diese Erkenntnisse mindestens das inspirative Bewusstsein voraussetzen, nicht um verstanden, aber um aufgefunden werden zu können, denn verstehen kann sie jeder, der sich mit ihnen denkend auseinandersetzt. Man kann aber auch mehr, als sich lediglich denkend mit ihnen auseinanderzusetzen. Man kann sie als »Inspirationsgrundlage« nutzen. Dann darf man sie allerdings »nicht bloß nüchtern und verstandesmäßig« entgegen nehmen, sondern muss sich vom »Hochschwung der Ideen in alle nur möglichen Gefühlserlebnisse versetzen lassen«, man muss durch sie »alle möglichen Gefühlsspannungen und Gefühlslösungen, alle Steigerungen und Krisen, alle Fortschritte und Rückschritte, alle Katastrophen und Verkündigungen« durchleben. Und wer mit diesen inspirierten Inhalten so umgeht, wird in sich durch diesen Umgang den »Mutterboden zur Inspiration« zubereiten.

Diese Aussagen Steiners und die unmittelbar auf sie folgenden enthalten einen wichtigen Hinweis auf die Bedeutung dessen, was man als »anthroposophische Lehre« und als an diese anschließende »anthroposophische Hermeneutik« bezeichnen könnte. Die Erzählung von der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis, die zum Mindesten inspiriert ist, muss im Leser zum Erlebnis werden. Er sollte sich mit ihr nicht bloß im reflektierenden Bewusstsein beschäftigen, das Informationen über einen Inhalt aufnimmt, der mit ihm selbst nichts zu tun hat. Das kann er natürlich tun, aber entsprechend gering wird die Wirkung dieser Informationen sein, ja in Wahrheit stellt diese Form der Aufnahme ein grundlegendes Missverständnis dar. Denn die Erzählungen von geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen sind gar nicht als lehrhafte Darstellungen gemeint, die lediglich der Information dienen. Sie wollen, wie es im Mysteriendrama »Die Prüfung der Seele« aus dem Munde des Benedictus heißt, nicht das allein nur sagen, »was als Begriffeshüllen sie verraten; sie lenken Seelenwesenskräfte zu Geisteswirklichkeiten; ihr Sinn ist erst erreicht, wenn sie das Schauen lösen in den Seelen, die sich ergeben ihrer Kraft. … Zu führen an Erkenntnisquellen ist dieser Worte Eigenheit. Doch muss dem Menschen es verbleiben, der sie vernimmt im wahren Wesen, zu trinken Geistessäfte aus den Quellen.«

Mit anderen Worten: erst wenn die Erzählung von der Geisteswirklichkeit, die zur persönlichen Realität des Erzählers gehört, der die erzählte Wirklichkeit in sich verwirklicht hat, zur persönlichen Realität des Lesers oder Hörers wird, indem er sie durch diese angeleitet in sich verwirklicht, erfüllt sie ihren eigentlichen Sinn. Sie ist dann nicht mehr bloße Information, sondern Erlebnis, ja Erfahrung. Genau dies bringen die folgenden Worte Steiners zum Ausdruck: »Viele unterschätzen noch immer die Gewalt dessen, was in diesen Mitteilungen aus einer höheren Welt allein schon verborgen liegt. Und im Zusammenhange damit überschätzen sie allerlei andere Übungen und Prozeduren. Ja, was nützt es mir, sagen sie, wenn mir andere erzählen, wie es in höheren Welten aussieht: ich möchte doch selbst da hineinschauen.

Solchen fehlt nur zumeist die Geduld, sich immer wieder und wieder in solche Erzählungen aus höheren Welten zu vertiefen. Täten sie es, dann würden sie sehen, welche Zündekraft diese ›bloßen Erzählungen‹ haben, und wie wirklich die eigene Inspiration angeregt wird, wenn man die Inspirationen anderer mitgeteilt erhält.

Gewiss, es müssen zum ›Lernen‹ andere Übungen hinzukommen, wenn der Schüler rasche Fortschritte in dem Erleben der höheren Welten machen will; es sollte aber niemand die unbegrenzt große Bedeutung gerade des ›Lernens‹ unterschätzen. Und jedenfalls kann niemandem Hoffnung gegeben werden, dass er durch irgendwelche Übungen rasche Eroberungen in den höheren Welten machen werde, der es nicht zugleich über sich bringt: unablässig sich in die Mitteilungen zu vertiefen, die, rein erzählend, von den Vorgängen und Wesen der höheren Welten von berufener Seite gemacht werden.«

Wer sich »immer wieder und wieder in solche Erzählungen aus höheren Welten« vertieft, wird erst erleben, welche »Zündekraft« diese »bloßen Erzählungen« haben, und wie durch sie »die eigene Inspiration angeregt wird«.

Es geht also um ein »reenactement«, eine Wiederinszenierung dessen, was als esoterische Realität im Erzähler lebte, im Bewusstsein des Lesers, eine Wiederinszenierung, die nicht darin besteht, das Erzählte in abstrakten Begriffen zu rekonstruieren oder es einer logischen Analyse zu unterziehen, um mögliche Widersprüche zu den Kategorien des Alltagsbewusstseins in ihm aufzufinden, sondern darin, den Weg der Erfahrung zu beschreiten, von dem der Erzähler erzählt. Die inspirierte Erzählung ist die esoterische Realität, diese lebt in ihr, im Verweisungszusammenhang der Worte, ja, die Inspiration ist in den Tiefen der Worte anwesend, und wer diese in sein Bewusstsein aufnimmt, bildet sein Bewusstsein um, denn das Bewusstsein ist mit seinem Inhalt identisch, seine Realität besteht aus dem, was es denkt, fühlt und will. Und dieses reenactement muss die ganze Realität der Seele erfassen, nicht nur ihr Verstehen. Wenn also von wirklichen Gefühlen der Liebe oder des Hasses, von wirklichen Willenshandlungen die Rede ist, dann reicht es nicht aus, die Vorstellungen dieser Gefühle oder Willenshandlungen im Bewusstsein zu reproduzieren, sondern die Gefühle und Willenshandlungen selbst müssen als Realität im Bewusstsein reproduziert werden. Mit anderen Worten: wer nicht nur ein Esoteriker des Vorstellens sein will, sondern ein realer Esoteriker, muss die Esoterik des Fühlens und Wollens in seiner Seele zur Realität werden lassen, er muss zum inneren Handeln übergehen und sich auf den Weg machen. Es ist daher kein Zufall, wenn bereits die »Mystik im Aufgang des neuzeitlichen Geisteslebens« mit einem Silesius-Zitat endete, das da lautet: »Freund, es ist auch genug. Im Fall du mehr willst lesen: so geh und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen.«

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Siehe auch: Der esoterische Schulungsweg der Anthroposophie

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