1972 | »Dem Gewissen kann man keinen Zwang antun«

Nach dem dramatischen Höhepunkt des zweiten Verhandlungstages, dem Auszug Herbert Witzenmanns und eines Teiles der Mitglieder aus dem großen Saal des Goetheanum, verlief auch der dritte Tag der denkwürdigen Generalversammlung nach dem Muster eines kathartischen Prozesses, der zwischen Selbsterhöhung und Selbsterniedrigung, zwischen Erfolgserzählungen und Selbstzerfleischung hin und her schwankte, während der vierte und letzte, der auf den Todestag Rudolf Steiners (30. März) fiel, als Peripetie und Katastrophe eine Generalabrechnung mit dem dissidenten Vorstandsmitglied in Form eines Sündenbockrituals darbot.

Den dritten Tag eröffneten Berichte aus den Sektionen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, die von den jeweiligen Leitern vorgetragen wurden: Georg Unger sprach für die Mathematisch-Astronomische, Walter Holtzapfel für die Medizinische und Jochen Bockemühl für die Naturwissenschaftliche Sektion.

Georg Unger, 1909-1999

Georg Unger, 1909-1999

Georg Unger (1909-1999) war als Sohn Carl Ungers und Auguste Arensons Sprössling einer der ältesten theosophisch-anthroposophischen Dynastien. 1919 wurde er in die erste Waldorfschule in Stuttgart aufgenommen und dort u.a. von Ernst Lehrs und Hermann von Baravalle unterrichtet. Mit 19 Jahren trat er der Anthroposophischen Gesellschaft bei und musste als 20jähriger erleben, dass sein Vater (am 3. Januar 1929) – zwei Tage nachdem er im Zusammenhang mit dem ersten Nachlasskonflikt, dessen Auslöser Walter Johannes Stein war, sein Vorstandsamt in der deutschen Landesgesellschaft niedergelegt hatte – von einem geisteskranken Mitglied in Nürnberg erschossen wurde. Die Machtergreifung 1933 zwang den inzwischen zum höheren Lehramt Zugelassenen ins Exil nach Wien, wo er zwischen 1935 und 1937 an der Rudolf Steiner Schule Mathematik und Physik unterrichtete. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 flüchtete er in die Schweiz und wirkte – soweit es die dem Emigranten auferlegte Zwangsarbeit zuließ – als wissenschaftlicher Assistent in der Mathematisch-Astronomischen Sektion mit. 1954 begann er die »Mathematisch-Physikalische Korrespondenz« herauszugeben und weilte 1955 als Visiting Fellow am MIT und als Gast am »Institute for Advanced Studies« in Princeton. Nach seiner Rückkehr rief er in Dornach ein »Mathematisch-Physikalisches Institut« ins Leben und gehörte 1961 zusammen mit George Adams und Theodor Schwenk (1910-1986) zu den Gründern des »Instituts für Strömungswissenschaften« in Herrischried im Schwarzwald. Zu Weihnachten 1963 wurde er nach dem tödlichen Bergunfall von Louis Locher-Ernst (der sich bereits im Herbst 1962 ereignet hatte) als Leiter der Mathematisch-Astronomischen Sektion berufen.

Wie bei Erfolgserzählungen üblich, wies Unger auf Errungenschaften hin, versäumte aber auch nicht, Gefährdungen zu benennen, zu welchen das Heilsame der Anthroposophie einen wirksamen Kontrast bilde. Die Errungenschaften bestanden in Publikationen und darin, dass es der Sektion gelungen war, jüngere Menschen für ihre Arbeit zu interessieren, was in ihm die Hoffnung weckte, eine »Saat« ausstreuen zu können, die »in der Wüste des Intellektualismus« aufgehen werde. Aus dieser Perspektive schilderte er auch die Auseinandersetzung mit der »Neuen Mathematik«, die durch die Einführung der Mengenlehre im Schulunterricht zu einer Gefährdung »des menschlichen Denkens schon bei Kindern« führe. Schließlich wertete er als Zeichen des Erfolgs auch, dass der Sektion immer mehr selbstständige Mitarbeiter zuwüchsen: »zur wahren Befriedigung gehört es, dass sich Mitarbeiter finden, die selbstständig die Arbeit, wie sie ›von unseren Vorvätern‹ angelegt worden ist, weitertragen«.

Walter Holtzapfel, 1912-1994

Walter Holtzapfel, 1912-1994

Walter O. Holtzapfel (1912-1994) stammte aus der Ehe eines Hamburger Korvettenkapitäns und einer Freiin von Rheinbaben, die nach dem frühen Tod ihres Gatten einen anthroposophischen Arzt geheiratet hatte. Durch seinen zweiten Vater, der in sein Leben trat, als er etwa sechs Jahre alt war, kam er in Berührung mit dem Heilberuf. Der anthroposophischen Medizin wandte er sich jedoch erst nach seiner Begegnung mit Victor Thylmann (1893-1951), dem Schularzt der Hamburger Waldorfschule, Anfang der 1930er Jahre zu. 1932, mit 20 Jahren, nahm er erstmals an einem Medizinerkurs in Arlesheim teil und trat 1933 in die Anthroposophische Gesellschaft ein. An der Arlesheimer Klinik erlebte er durch Ita Wegman die anthroposophische Medizin aus erster Hand und trat später in engere Arbeitsbeziehungen zu Margarete Kirchner-Bockholt, die ihn 1964 in das Kollegium der Medizinischen Sektion aufnahm. Holtzapfel war 1969 als Nachfolger Kirchner-Bockholts in die Sektionsleitung berufen worden, die er bis 1977 innehaben sollte.

Auch er erzählte eine Erfolgsgeschichte, in der das Bedrohliche der Zeitsymptome mit dem Heilsamen der Anthroposophie kontrastierte. Im Unterschied zur Mathematisch-Astronomischen Sektion wirkte die anthroposophische Medizin aber damals wie heute viel breiter in die Mitte der Gesellschaft. Dies zeigte sich für Holtzapfel an den positiven Würdigungen, die dem Klinisch-Therapeutischen Institut (der Ita-Wegman-Klinik) in Arlesheim und der Weleda aus Anlass ihres 50jährigen Bestehens von seiten der Behörden zuteil wurden sowie dem Vertrauen, das sie »in der ganzen Welt« gewonnen hätten. »In beiden Fällen«, so Holtzapfel, »ist etwas gewachsen, was die Anerkennung auch von Nichtanthroposophen finden konnte, soweit sie eben die Fähigkeit unbefangener Wahrnehmung und unbefangenen Erlebens haben«. Auf dem Gebiet der Arzneimittelherstellung und der klinischen Arbeit zeigten sich nach seiner Auffassung aber auch deutlich die »starken, zum Teil bewussten Gegenkräfte«, die den therapeutischen »Freiheitsraum« gefährdeten. Um diesen Freiheitsraum zu verteidigen, sei vor kurzem eine »Internationale Vereinigung für anthroposophisch erweiterte Medizin« gegründet worden.

Eine eigene Erfolgsgeschichte stellten die Kliniken dar: Herdecke (eröffnet 1969) habe durch sein »soziales Programm Aufsehen erregt, wie noch selten eine anthroposophische Institution zuvor«, es werde seine Bettenzahl bald mehr als verdoppeln, weitere Klinikgründungen stünden bei Hamburg, Stuttgart und Pforzheim bevor. Diese Ausweitung der klinischen Arbeit ziehe das Problem des Nachwuchses nach sich, worauf ein umfangreiches Ausbildungsprogramm der Sektion antworte. So durchliefen etwa 100 Medizinstudenten jährlich die verschiedenen Seminare, die heileurythmische Ausbildung werde von 45 Teilnehmern besucht, aus den Schwesternausbildungen gingen bald bis zu dreißig neue Krankenschwestern im Jahr hervor und das heilpädagogische Seminar in Eckwälden bilde jährlich 35 neue Heilpädagogen aus.

Die zentrale Aufgabe der medizinischen Sektion als einer Abteilung der Freien Hochschule liege jedoch in der Forschung auf geistigem Feld, für die übersinnliche Wahrnehmungsfähigkeit zwar wünschenswert, aber nicht zwingend erforderlich sei. Denn das Einmalige der Darstellungsart Steiners bestehe darin, dass sie nicht nur das »durchschauende Verständnis der geistigen Wahrheiten« ermögliche, sondern auch die »selbstständige geistige Forschung« fördere. Und worin bestand diese Forschung Holtzapfel zufolge? »Forschung hat es einzig und allein damit zu tun, dass Forschungsergebnisse erstrebt werden, d.h., dass etwas Neues, bisher noch nicht vor das menschliche Bewusstsein Gestelltes, vor diesem auftreten kann«. Zweifelhaft ist, ob diese Definition das Spezifische anthroposophischer Forschung hinreichend kennzeichnet. Schließlich wies Holtzapfel im Kontext seines Interesses auch auf Gefährdungen hin, auf »neue Krankheiten«, die es zu Steiners Zeiten noch nicht gegeben habe. Ihr »Wesen« zu ergründen sei durch Rudolf Steiner möglich geworden. Holtzapfel nannte zwei solche Krankheiten: den »Autismus« und die »Schreib-Lese-Störung«, führte aber im Folgenden nichts Näheres zur geisteswissenschaftlichen »Ergründung ihres Wesens« aus, sondern stellte lediglich fest, dass es sich um »außerordentlich wichtige Zeitsymptome« handle und dass sogar »Nichtanthroposophen« – wie einer Buchpublikation zu entnehmen sei – die Erfahrung machten, das »beste Mittel gegen diese Störungen sei die Eurythmie«. Dies weise darauf hin, dass die Fragen, die sich der Menschheit in der Gegenwart stellten, auf Antworten aus der anthroposophischen Menschenkunde warteten. (Holtzapfel setzte sich in den folgenden Jahren in mehreren Publikationen mit den hier angesprochenen Themen auseinander, 1978 in »Seelenpflege-bedürftige Kinder« und Mitte der 1980er Jahre im Sammelwerk »Der frühkindliche Autismus«).

Jochen Bockemühl, 1928-

Jochen Bockemühl, 1928-

Jochen Bockemühl (1928- ), der im Jahr zuvor die Leitung der Naturwissenschaftlichen Sektion von Hermann Poppelbaum übernommen hatte, gewährte einen etwas plastischeren Einblick in die von ihm verfolgte Arbeitsweise und die Vorhaben der Sektion. Er knüpfte an Bemerkungen Steiners aus dem Jahr 1924 an, der betonte, die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft sei keine »rein wissenschaftliche«, sondern eine »rein menschliche« Einrichtung, sie trete weder in »Konkurrenz« zu den gewöhnlichen Hochschulen, noch sei sie ein »Ersatz« für diese, vielmehr versuche sie, ein allgemein menschliches Seelenbedürfnis nach »esoterischer Vertiefung« zu befriedigen, während ihre einzelnen Sektionen die entsprechenden Bedürfnisse spezieller Wissenschafts- und Lebenszweige berücksichtigen sollten. Im Vordergrund stehe also, so Bockemühl, die Suche nach Wegen zur Geisterkenntnis. Auf die Naturerkenntnis angewandt, bedeute dies, von abschließenden Forschungsurteilen Abstand zu nehmen und sich stattdessen auf den Prozesscharakter des Erkennens selbst zu konzentrieren. Denn das Erkennen der Natur sei abhängig von der Seelenhaltung, die der Mensch ihr entgegenbringe. Die naturwissenschaftliche Forschung müsse durch Übungen, die »das Denken an der Beobachtung« umwandelten, eine andere Form annehmen. »Der Umgang mit der Natur wird zum Erziehungsmittel und zum Übungsweg und nicht primär zum Erlangen von Forschungsergebnissen im üblichen Stil«. Der Umgang mit dem Wesenhaften in der Natur werde auf diese Weise zu einem Mittel der Selbsterkenntnis. Es gehe um ein neues Verhältnis des Menschen zur Natur, das sich daran zeige, dass man das Wesenhafte in ihr nur finde, wenn man ihr den Geist entgegenbringe. Man müsse sich mit der Ideenwelt lebendig verbinden, damit diese sich zum Wahrnehmungsorgan umwandle. Die von der Sektion zu leistende Arbeit sei so umfangreich, dass sie nur von einer Forschungsgemeinschaft gemeistert werden könne. Daher stehe die kollegiale Zusammenarbeit im Zentrum. Etwa 20 Mitarbeiter seien im Forschungslaboratorium am Goetheanum und in der Auskunftstelle für biologisch-dynamische Landwirtschaft tätig und gingen ihren Arbeiten im Bereich der Kristallisationsforschung, der Optik, Akustik, Elektrizitätslehre, Erkenntnistheorie und Heilpflanzenerkenntnis nach. Hinzu kämen Potenzierungsversuche und die Zusammenarbeit mit benachbarten Instituten, der Weleda, Hiscia, der Arlesheimer Klinik und anderen Sektionen. Die Arbeit sei auf drei Leitideen hin orientiert: da man einem Hinweis Steiners zufolge das Ganzheitliche, Gestaltende in der Natur nur finden könne, wenn man auf ihre rhythmischen Prozesse blicke, sei es notwendig, den umfassenden Rhythmus des Jahreslaufs als erlebte Idee zum Wahrnehmungsorgan für die Natur werden zu lassen. Im Bereich der Landwirtschaftsforschung spiele diese Rolle die Idee der Hofindividualität und im Bereich der Ernährungsforschung das Durchschauen der kosmischen und irdischen Kräfte und Substanzen. Diese drei Ideen seien Quellpunkte für ein neues Bewusstsein, das der Verantwortung des Menschen für Natur und Umwelt gerecht zu werden vermöge.

An diese drei Beiträge schloss sich der Bericht des Schatzmeisters und die Déchargeerteilung, die den Übergang zur Behandlung eines weiteren Antrages zur Mitarbeit Witzenmanns im Vorstand bildeten, den die Autorin Dora Baker (1899-1984) eingereicht hatte. Baker gehörte zur Prominenz der Gesellschaft. Als Tochter eines britischen Diplomaten und einer deutschen Mutter war sie in Triest geboren und dreisprachig aufgewachsen, verbrachte die Zeit des I. Weltkriegs in einem englischen Internat, studierte in der Heimat ihres Vaters und kehrte 1920 nach Triest zurück, um sich hier im Konsulat um jüdische Palästina-Auswanderer zu kümmern und Berichte für die britische Handelskammer zu verfassen. 1925 nahm sie an den Trauerfeierlichkeiten für Rudolf Steiner teil, nachdem sie zuvor durch Alfred Meebold (1863-1952) in die Anthroposophie eingeführt worden war. 1926 ließ sie sich in Dornach nieder und trat in engere Beziehungen zur Malerin Sophie Gräfin von Schönborn-Dentice (1889-1968) und als Mitarbeiterin des »Goetheanum« zu Albert Steffen. Von 1933 bis 1969 gab sie das englische Nachrichtenblatt »Anthroposophic News Sheet« heraus und als Gräfin von Schönborn 1950 die italienische Landesgesellschaft mitbegründete und deren Generalsekretariat übernahm, wurde sie ihre rechte Hand und lebte wie diese lange Zeit die eine Hälfte des Jahres in Italien, die andere Hälfte in Dornach. Baker publizierte mehrere Gedichtbände sowie Werke über Garibaldi, Brunetto Latini und Giovanni Pico della Mirandola.

Dora Baker, 1899-1984

Dora Baker, 1899-1984

In der ausführlichen Begründung ihres Antrags, »Witzenmann wieder eine freie Mitarbeit am Goetheanum zu ermöglichen«, ließ Baker noch einmal die entscheidenden Etappen des jüngsten Konflikts Revue passieren. Witzenmann habe seine Bereitschaft zu einer solchen Mitarbeit durch seine Mitteilung vom 27. Februar 1971 bekundet, obwohl er seine Vorstandstätigkeit bis auf weiteres nicht ausüben könne, die übrigen Vorstandsmitglieder jedoch hätten im Oktober dieses Jahres all seine gesellschaftlichen Funktionen für ruhend erklärt. An den Besprechungen, die zu diesem Beschluss geführt hätten, habe der Betroffene wegen Krankheit nicht teilnehmen können. Der ganze Konflikt sei darauf zurückzuführen, dass Witzenmann seinem Gewissen gefolgt sei und dem Bücherbeschluss von 1968 nicht zugestimmt habe. Dem Gewissen aber könne man in einer Gemeinschaft wie sie Rudolf Steiner bei der Weihnachtstagung begründet habe, »keinen Zwang antun«. Die »Freiheit des Geisteslebens« am Goetheanum sei gefährdet, was sich auch daran zeige, dass drei Mitarbeiter des »Arbeitskreises zur geistgemäßen Durchdringung der Weltlage« kaltgestellt worden seien (Rudolf Koller, Generalsekretär der schweizerischen Landesgesellschaft, Gerhard Schmidt, Leiter der Sektion für Ernährung und Landwirtschaft und vermutlich Karl von Baltz, der Leiter der Sektion für redende und musizierende Künste, dessen Namen Baker aufgrund einer Intervention des Versammlungsleiters nicht mehr nennen konnte). Am Ende ihres Redebeitrags teilte Baker mit, sie verzichte auf eine Abstimmung über ihren Antrag. Sie begründete dies wie folgt: »Gestern wurde ein junger Mensch [Udo Hermannstorfer] von Dr. Berger abgefertigt mit dem Verweis, dass, wenn die Versammlung beschließen würde, in die Diskussion seines Antrages einzugehen, der Vorstand diesen Beschluss nicht ausführen würde. Heute weist ein alter Mensch [Baker selbst, die 72 Jahre alt war] dies zurück, weil es wider jedes Recht ist«. Durch diese Bemerkung fühlte sich Berger zu einer »Richtigstellung« aufgerufen, die jedoch inhaltlich keine war, sondern lediglich den Wortlaut seiner Äußerung wiederholte. Baker betonte im anschließenden Wortwechsel erneut, die Erklärung des Vorstandes, einen Beschluss der Generalversammlung nicht auszuführen, sei »widerrechtlich«, woraufhin Berger erwiderte, es sei »wenig sinnvoll«, sich »vor so vielen Menschen über Rechtsfragen zu unterhalten« und die Diskussion mit dem Vorwurf abwürgte, Baker befinde sich »in einem Rechtsirrtum«. Befand sich die alte Dame in einem Rechtsirrtum? Sicherlich nicht. Ordnungsgemäß zustande gekommene Beschlüsse einer Generalversammlung sind zweifellos für den Vorstand verbindlich. Die einzige Option, die dem Exekutivorgan einer Gesellschaft verbleibt, das mit dem Beschluss ihrer Hauptversammlung nicht einverstanden ist, besteht darin, zu demissionieren. Man nehme den extremen Fall, eine Hauptversammlung beschließe, den Vorstand abzuberufen: wäre es legitim, wenn dieser erklärte, er werde diesem Beschluss nicht Folge leisten? Zweifellos illegitim ist es, eine mögliche Abstimmung über einen Antrag mit der Androhung zu verhindern, ein Beschluss, der dem Vorstand nicht behagt, werde von diesem nicht umgesetzt werden. Insofern kann die Reaktion Witzenmanns und eines Teiles der Mitglieder, die bei Bergers Ankündigung am Vortag die Versammlung verlassen hatten, als Form des Protestes nachvollzogen werden. Verräterisch ist auch die Bemerkung Bergers, es sei wenig sinnvoll, sich vor »so vielen Menschen über Rechtsfragen zu unterhalten«, zumal das Hauptargument gegen all die Anträge, die sich auf Witzenmanns Mitarbeit im Vorstand bezogen, ihre unterstellte »Konstitutionswidrigkeit« war. Wer, wenn nicht die Hauptversammlung der Gesellschaft, sollte denn über die Konstitutionswidrigkeit oder -konformität eines Antrags befinden?

Die Funktionäre der Gesellschaft sahen dies offensichtlich ebenso, denn im Namen des Vorstandes, der Landesvertreter und der Generalsekretäre meldete sich der Sekretär der holländischen Landesgesellschaft Thomas Jurriaanse (1907-1993) zu Wort, um auf die mangelnde Zuständigkeit der Generalversammlung für die »Gestaltung des Hochschulbetriebes« hinzuweisen und für das Nichteintreten auf den Antrag Bakers wegen dessen »Konstitutionswidrigkeit und Statutenwidrigkeit« zu plädieren. Die Stellung Witzenmanns im Vorstand sei ein »Vorstandsinternum«, über das nach Ziffer 12, Absatz 3 der Statuten allein der Vorstand zu befinden habe. (Ziffer 12 der »Statuten«, die allerdings nicht in nummerierte Absätze unterteilt ist, enthält in der noch heute gültigen Fassung von 1965 den Satz: »Die Verteilung der Aufgaben innerhalb des Vorstandes und seine Geschäftsführung sind durch ihn selbst zu regeln«. Ziffer 12 ersetzte die frühere Ziffer 14, die lakonisch feststellte: »Der Vorstand regelt seine Geschäfte selbst.« Zweifellos impliziert jedoch die Rechenschaftspflicht eines Vorstandes über seine Geschäftsführung auch das Recht einer Generalversammlung, diese Geschäftsführung zu billigen oder in Frage zu stellen, sonst wäre die Rechenschaftspflicht inhaltsleer. Das höchste Kontrollorgan einer Gesellschaft ist nicht das Exekutivorgan des Vorstandes, sondern die Hauptversammlung. Dieses Kontrollrecht wird auch nicht durch ein Prädikat außer Kraft gesetzt, das 1965 in diesen Paragrafen der Statuten eingefügt wurde, das den Vorstand als »Initiativvorstand« kennzeichnet. Initiativen eines solchen Vorstandes müssen sich in Übereinstimmung mit dem Vereinszweck befinden und das Recht und die Pflicht, diese Übereinstimmung zu überprüfen, obliegt der Gesellschaftsversammlung).

In der Argumentation Jurriaanses tritt der performative Widerspruch deutlich zutage: Setzte eine Entscheidung der Generalversammlung, ein Antrag sei konstitutions- und statutenwidrig, nicht eben die Kompetenz und das Recht der Generalversammlung voraus, die Vereinbarkeit oder Nichtvereinbarkeit eines Antrags mit der Konstitution zu erkennen? Eine Entscheidung in dieser Frage maß doch offensichtlich dieser Versammlung ein Urteilsvermögen in bezug auf ebenjenes Erkenntnisproblem zu, das Berger ihr absprach. Berger schloss sich ungeachtet dieses Widerspruchs Jurriaanse mit dem Hinweis auf vier weitere Anträge an, auf den Antrag Bakers wegen »Konstitutionswidrigkeit« nicht einzutreten.

Werner Greub (1909-1997) warf im Anschluss an Berger die Frage nach der Wahrheit auf. »Stimmt das, was in den Anträgen Hermannstorfers und Fräulein Dora Bakers vorgebracht wurde, dass Herrn Witzenmann die Freiheit im Vorstand unmöglich gemacht wurde, oder stimmt das nicht?« Das prominente Mitglied der amerikanischen Landesgesellschaft Henry Barnes (1909-2008), der von 1974-1991 Generalsekretär dieser Gesellschaft war und 2005 unter dem Titel »Into the Heart’s Land« eine Geschichte der Anthroposophie in Amerika veröffentlichen sollte, ließ sich vom Hinweis Bergers auf die Geschäftsordnung nicht davon abbringen, ein Plädoyer für die freie Mitarbeit Witzenmanns zu halten, warf aber auch das Problem auf, ob über »Erkenntnisfragen« überhaupt abgestimmt werden könne. Das Problem ist allerdings ein Scheinproblem, sind doch alle Fragen Erkenntnisfragen und setzt jede Entscheidung Erkenntnis voraus. Wenn also über Erkenntnisfragen prinzipiell nicht abgestimmt werden könnte, könnte über gar nichts mehr abgestimmt werden. Berger sah sich durch diese inhaltlichen Auslassungen als »Verhandlungsleiter strapaziert« und behauptete nun, allein »die Form des Antrags« zwinge dazu, von »Konstitutionswidrigkeit« zu sprechen. »Denn auf diese Art und Weise« – indem man Anträge stelle – »könnte man etwas erzwingen, was nicht erzwungen werden kann«. Die Möglichkeit, Entscheidungen zu erzwingen oder ihrem Exekutivorgan bestimmte Handlungen verbindlich aufzuerlegen, gehört sehr wohl zu den Instrumentarien, deren sich eine Generalversammlung legitimerweise bedienen kann, ist doch jeder ordnungsgemäße Beschluss einer solchen Versammlung – auch für ihren Vorstand – bindend. Was Berger sagen wollte, war, dass bestimmte Verbindlichkeiten dem Vorstand seitens der Genrealversammlung nicht auferlegt werden sollten, weil er sie für »konstitutionswidrig« hielt. Aber genau diese Voraussetzung hätte nur in einer offenen Debatte geklärt werden können. Noch einmal wurden in einem Redebeitrag von Hagen Biesantz Rechtsvorgänge gegen Erkenntnisprozesse ausgespielt, der erklärte, »wenn das Zwingende der Rechtsvorgänge abgewickelt ist, dann hat man die Möglichkeit frei auszusprechen, was unter Umständen frei ausgesprochen werden muss.« Da Rechtsvorgänge stets auch Erkenntnisprozesse implizieren und diese in etwaige Rechtsvorgänge (Abstimmungen) münden, ist der hier postulierte Widerspruch zwischen dem Zwang des Rechts und der Freiheit eines (Erkenntnis-)Gesprächs nicht aufrecht zu erhalten, vielmehr muss das Recht als die gesellschaftliche Form der Freiheit anerkannt werden.

Eine letzte interessante Wendung brachte schließlich ein Antrag des österreichischen Schauspielers Ernst Reinl, der zu dem Mitarbeitern Witzenmanns aus dem Jugendseminar gehörte. Dieser hatte die Generalversammlung gebeten, ihre »Missbilligung« gegenüber der Informationspolitik des »Mehrheitsvorstandes« zum Ausdruck zu bringen und Verbesserungsvorschläge zu machen. Aufgefordert, etwas zur Begründung seines Antrages vorzutragen, stellte er unter anderem fest, der Verlauf der Generalversammlung habe gezeigt, wie wenig man geneigt sei, dem »Informationsbedürfnis« und der »freien Urteilsbildung« in der Gesellschaft Raum zu geben. »Durch die gestrige Verlautbarung des Versammlungsleiters, dass der Mehrheitsvorstand bereits beschlossen habe, am de facto Ausschluss eines Vorstandsmitgliedes festzuhalten und dass er einen eventuell anders lautenden Generalversammlungsbeschluss ignorieren wollte, ehe er noch die Begründung kennen konnte, auf der ein solcher Beschluss fußen würde, ist Schweizer Recht und Konstitution gleichermaßen auf tiefste verletzt worden. Ich kann daher diese Generalversammlung nicht mehr als beschlussfähig betrachten und verzichte auf ein weiteres Prozedere«. Mit dieser Bemerkung verließ er den Saal. Obwohl auch zu seinem Antrag zwei Anträge auf Nichteintreten vorlagen, sah der Vorstand, wie Berger mitteilte, keinen Grund, ihn als nicht verhandlungsfähig zu betrachten. Folgt man der Logik des Vorstandes, lag ein solcher tatsächlich nicht vor, da er sich nicht auf die Geschäftsverteilung innerhalb dieses Organs bezog. Wie sich jedoch herausstellte, gab es, nachdem Reinl den Saal verlassen hatte, niemanden mehr, der sein Missfallen über die Informationspolitik des Vorstandes vorbringen wollte und so kam es auch über diesen Antrag zu keiner Abstimmung. Reinl hatte in seinem Redebeitrag von einem »de facto-Ausschluss« eines Vorstandsmitgliedes gesprochen. Obwohl dieser Schritt de jure bisher nicht vollzogen worden war, und auch niemals vollzogen werden sollte, kam doch die einseitige Mitteilung vom 16. Januar 1972, zweieinhalb Monate vor der Generalversammlung, alle Funktionen Witzenmanns in Gesellschaft und Hochschule als ruhend zu betrachten, d.h., ihn all seiner Ämter zu entheben, tatsächlich einem de facto-Ausschluss gleich. Wie ängstlich die übrigen Vorstandsmitglieder diesen Schritt des Ausschlusses zu vermeiden suchten, zeigt sich daran, dass zwei Monate später an Witzenmann ein Einschreiben erging, in dem er »ersucht« wurde, seinen Rücktritt aus dem Vorstand einzureichen.

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