1972 | »Es ist eine grenzenlose Qual gewesen«

Goetheanum. Detail. Quelle: http://hicarquitectura.com/

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Der vierte und letzte Verhandlungstag der Generalversammlung 1972, der auf Rudolf Steiners Todestag fiel (30. März 1925), stand im Zeichen der Abrechnung mit dem dissidenten Vorstandsmitglied und seinen Getreuen. In der »freien Aussprache« schilderte eine Reihe von hochstehenden Funktionären der Gesellschaft ihre Sicht des Konfliktes und der Person Witzenmanns, andere, die auf verlorenem Posten standen, versuchten ihn zu verteidigen. Die Redebeiträge der Funktionäre, die sich gegen Witzenmann aussprachen, waren offenbar konzertiert und zielten darauf ab, die mehr oder weniger offen ausgesprochene Forderung nach seinem Rücktritt zu legitimieren.

Der Vorsitzende Rudolf Grosse erinnerte zu Beginn der Versammlung an den Tod des Begründers und gab seiner Überzeugung Ausdruck, dieser sei auch weiterhin mit der Gesellschaft verbunden: »Denn eines ist sicher: Er hat die Anthroposophische Gesellschaft nicht verlassen, denn sie war seine Schicksalsverbindung. Und auch wir verlassen ihn nicht.«

Man muss einen Augenblick innehalten, um sich die Bedeutung dieser Äußerung klarzumachen. Grosse brachte damit keine Erkenntnis zum Ausdruck, sondern einen Mythos, auch wenn er seine Aussage in die Form eines Schlusses kleidete. Er behauptete nicht, aufgrund seiner eigenen Geistesforschung mit Sicherheit zu wissen, dass Steiner weiterhin mit der Gesellschaft verbunden sei, sondern leitete diese Gewissheit aus dem Vordersatz ab, die Gesellschaft sei »die Schicksalsverbindung« Steiners gewesen. Den Syllogismus, der Grosses Bekenntnis zugrunde lag, könnte man wie folgt formulieren: die Anthroposophische Gesellschaft ist Steiners Schicksal; die Gesellschaft existiert; also hat Steiner die Gesellschaft nicht verlassen.

Man würde aber die eigentliche Bedeutung dieses Bekenntnisses unterschätzen, wenn man es als Exempel eines logischen Fehlschlusses behandelte. In Wahrheit stellte es einen performativen Akt dar. Der Vorsitzende der Gesellschaft versuchte, in einem Augenblick der Krise durch seine Sprechhandlung eine spirituelle Realität zu konstituieren, die das Handeln der Leitung dieser Gesellschaft legitimieren sollte. Die Gesellschaft wurde zum mystischen Leib Rudolf Steiners erklärt, ihre Leitung zum Exekutivorgan seines fortwirkenden Willens. Grosses zweiter Satz (»auch wir verlassen ihn nicht«), begründete im Augenblick, in dem das »Wir« dieses Satzes ausgesprochen wurde, eine orthodoxe Gemeinschaft, die sich durch ihre Treue zu Steiner auszeichnete und damit dessen mystischen Leib bildete. Die dissidente Gruppe hatte sich durch ihr Verhalten aus dem Wirkungsbereich dieses mystischen Leibes entfernt und damit selbst die Voraussetzung für ihre Anathematisierung geschaffen. Mit anderen Worten: Sie hatte Rudolf Steiner verlassen. Was folgte, war eine Reihe von Sprechhandlungen, die diese Anathematisierung rechtfertigen sollte. Interessanterweise versuchte Ingo Hellmers, wie sich noch zeigen wird, diese religiöse Denkfigur Grosses auch im Anhängerkreis Witzenmanns wiederzufinden, es entging jedoch seiner Aufmerksamkeit, dass die vermeintliche Entdeckung lediglich eine Projektion des von Grosse postulierten mystischen »Wir« darstellte.

Angesichts dieser Beschwörung des mystischen »Gesellschafts-Wir« darf an Ausführungen Steiners erinnert werden, die ein halbes Jahr vor der Weihnachtstagung über die »Geschichte und Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Verhältnis zur Anthroposophischen Gesellschaft« in Dornach gehalten wurden. In seinem Vortrag vom 16. Juni 1923 führte er unter anderem aus: »Was nützt es denn, wenn wir den Leuten immer wieder und wiederum sagen, wir seien keine Sekte, wenn wir uns so verhalten, wie wenn wir eine Sekte wären. Denn, sehen Sie, was vor allem verstanden werden sollte durch die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, das ist die Bedingung einer Gesellschaft überhaupt in der modernen Zeit. Eine Gesellschaft kann gar nicht eine Sekte sein. Daher darf eigentlich gar niemals, wenn die Anthroposophische Gesellschaft auf ihrem richtigen Boden stehen soll, das ›wir‹ mit Bezug auf die Anschauungen eine Rolle spielen. Immer wieder und wiederum hört man von Anthroposophen der Außenwelt gegenüber sagen: Wir, die Gesellschaft, haben diese oder jene Anschauung. Mit uns geschieht das oder jenes. Wir wollen dies oder jenes. – Das war in alten Zeiten möglich, dass in einer solchen Konformität Gesellschaften vor die Welt sich hinstellten. Das ist in unserer Zeit nicht mehr möglich. In unserer Zeit muss gerade innerhalb einer solchen Gesellschaft jeder einzelne Mensch ein wirklich freier Mensch sein. Anschauungen, Gedanken, Meinungen hat nur jeder einzelne. Die Gesellschaft hat keine Meinung. Und das muss schon im sprachlichen Ausdruck, mit dem der einzelne von der Gesellschaft spricht, zum Ausdruck kommen. Das ›wir‹ muss eigentlich schwinden.

Damit ist noch etwas anderes verbunden. Wenn dieses ›wir‹ schwindet, dann fühlt sich nicht jeder in der Gesellschaft wie in einem Wassertümpel drinnen, von dem er getragen wird und auf den er sich entsprechend beruft, wenn es darauf ankommt. Sondern, wenn er in der Gesellschaft seine eigene Meinung und sich selbst vor allen Dingen zu vertreten hat, fühlt er sich auch für dasjenige voll verantwortlich, was er als einzelner, als Individualität spricht«. (GA 258, kursiv L.R.)

Nun, als erster ergriff Hagen Biesantz für den Vorstand das Wort. Es ist nicht einfach, aus dem rhetorischen Meisterstück seiner Rede, das den Anschein der sachlichen Richtigstellung erweckte, und gleichzeitig systematisch vermied, auf die Sachgründe des ganzen Konflikts einzugehen, den ideellen Gehalt herauszudestillieren. Die Ausführungen von Biesantz kreisten um zwei Hauptmotive: 1. den Versuch, zu begründen, dass der Generalversammlung oder allgemeiner: der Mitgliedschaft die Kompetenz fehlte, den Konflikt, der sie nun schon seit vier Jahren beschäftigte, zu beurteilen, 2. den Versuch, nachzuweisen, dass Herbert Witzenmann der Alleinschuldige an der Situation war, in die er sich hineinmanövriert hatte und sich deshalb auch die Konsequenzen selbst zuzuschreiben habe.

So betonte Biesantz zu Beginn, die Zurückweisung der Anträge wegen Konstitutionswidrigkeit in den vergangenen Tagen sei in Übereinstimmung mit der internationalen Funktionärselite erfolgt. Sie seien nicht vom Vorstand allein, sondern vom Vorstand, den Generalsekretären und den Landesvorständen »als geschlossener Gruppe«, also »von der Führung der Anthroposophischen Weltgesellschaft«, zurückgewiesen worden. In dieser kleinen Gruppe von Funktionären (»einem überschaubaren Kreise«) sei es möglich, »ein Bild der Wirklichkeit zu erarbeiten« und zu einer verantwortungsvollen Entscheidung zu kommen. Biesantz wies im Verlauf seiner Rede auf einen Ordner von Dokumenten, den er mitgebracht hatte und bemerkte dazu: »Sie können sich vorstellen, dass es einer solcher Versammlung [wie der Generalversammlung] ja ganz unmöglich ist, alle diese Dokumente zu kennen und zu prüfen und ihren Zusammenhang in kurzer Zeit festzustellen, und dass es noch weniger möglich ist, die Wirklichkeit dessen, was geschieht, dadurch zu erfassen.« Aus diesem Grund habe der Vorstand auch »seit 4 Jahren fast ganz zu all den Vorwürfen geschwiegen«, die gegen ihn erhoben worden seien.

Da die Mitgliedschaft aus seiner Sicht offenbar aufgrund eines eklatanten Mangels an Information nicht urteilsfähig war, hätten Stellungnahmen von seiten des Vorstandes nur »Öl in das Feuer« eines schwelenden Konfliktes gegossen. Da sie aber zunehmend einseitig von Witzenmann informiert worden sei, könne er nicht weiter schweigen. Es würde sich lohnen, diesen Teil der Rede einer genaueren Analyse zu unterziehen. Sie ging von Witzenmanns Erklärung aus, »er könne nicht mehr im Vorstand mitarbeiten«, die im weiteren Verlauf der Ausführungen zur Behauptung mutierte, »der Vorstand könne nicht zusammenarbeiten«, die sich in die Feststellung verwandelte, »Herr Biesantz darf mit Herrn Witzenmann nicht mehr zusammenarbeiten« und schließlich in die (unausgesprochene) Behauptung mündete, Witzenmann habe mit niemandem zusammenarbeiten wollen, der nicht seine Überzeugung in Gesellschaftsangelegenheiten teilte. Dieser Teil der Rede schloss, nachdem eine ganze Reihe von einzelnen Vorkommnissen aufgezählt worden waren, mit der Bemerkung: »Ich erspare es Ihnen und mir, Einzelheiten darüber zu erzählen. Wenn man in die Details gehen würde, es würde doch ein sehr schlimmes Bild entstehen.«

Im Folgenden setzte sich Biesantz mit dem »Vorwurf« auseinander, der Vorstand habe Witzenmann »seiner Funktionen enthoben und ihn sozusagen zwangsweise zur Ruhe gesetzt«. Die Pointe dieses Redeteils bestand darin, nachzuweisen, dass Witzenmann sich selbst seiner Funktionen enthoben und zwangsweise zur Ruhe gesetzt hatte. Nachdem Witzenmann erklärt habe, er könne »nicht mehr die Verantwortung für die Vorstandsmitarbeit mittragen«, habe ihm der Vorstand angeboten, sich beurlauben zu lassen. Witzenmann hatte am 30. Januar 1968 nach dem Bücherbeschluss erklärt, durch diesen Beschluss sei »die Verschiedenheit unserer Auffassungen hinsichtlich der Grundlagen der Anthroposophischen Gesellschaft und der an diese geknüpften frei übernommenen Verpflichtungen endgültig offenbar geworden«. Daher gebe es zunächst »keine andere Möglichkeit, als dass wir unsere Arbeit auf weit voneinander abliegende Grundlagen stützen: Aus diesem Grunde kann ich vorläufig an Ihren Beschlüssen nicht mitwirken und für diese keine Mitverantwortung übernehmen. Vielmehr muss ich mich bis auf weiteres ganz der Arbeit in meinen Sektionen [der sozialwissenschaftlichen und der Jugendsektion] zuwenden und diese Arbeit im Sinne der Konstitution der Freien Hochschule in eigener freier Verantwortung gegenüber der Freien Hochschule durchführen«. Witzenmann aber, so Biesantz weiter, »wollte sich nicht beurlauben lassen, sondern, wie er sagte, freier Mitarbeiter sein«. »Wir haben ihm gesagt: Das können Sie tun, wenn Sie entweder beurlaubt sind oder aus dem Vorstand austreten. Man kann aber nicht als Vorstandsmitglied freier Mitarbeiter sein. Das ist ein Unbegriff. Das geht nicht, weil der Begriff des freien Mitarbeiters enthält, dass man keine Verantwortung trägt, und der Begriff des Vorstandes enthält, dass man die Verantwortung trägt«. Wie aus der zitierten Äußerung Witzenmanns zu ersehen ist, sprach er von seiner »eigenen freien Verantwortung gegenüber der Hochschule« – davon, dass er als freier Mitarbeiter keine Verantwortung übernehmen wollte, konnte also keine Rede sein. Er wollte allerdings keine Mitverantwortung für Beschlüsse übernehmen, denen er nicht zustimmen konnte.

»Dieses Motiv« so Biesantz weiter, »zieht sich nun durch die ganzen Jahre hindurch, dass eigentlich immer versucht wird, dem Vorstand zuzumuten, dass ein Vorstandsmitglied nicht an der Vorstandsarbeit teilnimmt, wohl aber die wichtige Funktion eines Sektionsleiters der Hochschule wahrnimmt, ohne darin unmittelbar mit dem Vorstand verbunden zu sein«. (Nebenbei gesagt gibt es keinen zwingenden Grund, warum der Leiter einer Sektion der Hochschule zugleich Mitglied im Vorstand der Gesellschaft sein muss, hatte doch Steiner selbst, auf den man sich so gerne berief, 1923 einer seiner Mitarbeiterinnen, Edith Maryon, die Leitung der Sektion für bildende Künste übertragen, ohne sie zugleich in den Vorstand aufzunehmen).

Gegen Ende seiner Ansprache ging Biesantz doch noch kurz auf die »Bücherfrage« ein. Er setzte sich mit dem Problem der Entscheidungsfindung im Vorstand, dem Prinzip der »Einmütigkeit« und der »Einstimmigkeit« auseinander und mit gewissen »Schlagworten«, die aus seiner Sicht ebenfalls »Unbegriffe« waren. So spreche man seit dem Konflikt um Witzenmann von einem »Mehrheitsvorstand«, der »Mehrheitsverfügungen« treffe. »Das ist auch ein Unbegriff [gemeint sind die »Mehrheitsverfügungen«], denn eine Verfügung besteht ja gerade darin, dass einer oder wenige über viele etwas verfügen, während das andere, das Umgekehrte, das Demokratische ist, dass eine Mehrheit ihren Willen durch Abstimmung durchsetzt [die natürlich, indem sie ihren Willen durchsetzt, über die Minderheit verfügt]. Aber, es ist eigentlich so, dass diese Angelegenheit mit der Abstimmung und dem Zwang, der dadurch entsteht, nicht durch die Mehrheit entstanden ist«. Mit anderen Worten: Witzenmann habe dem Vorstand durch seine Renitenz, seine mangelnde Bereitschaft, sich der Mehrheit freiwillig zu fügen, das Abstimmungsverfahren aufgezwungen.

Vor diesem Konflikt habe man stets in der Beratung nach Einmütigkeit gesucht, Mitglieder des Vorstandes mit abweichender Meinung hätten ihre Auffassung zurückgestellt und sich gefügt oder aber, ein einzelner habe die Mehrheit von seiner Auffassung überzeugt. Dieses Verfahren habe man auch in der Bücherfrage verfolgt. »Dr. Berger und ich waren ein Jahr etwa dabei [beide wurden 1966 in den Vorstand berufen], bevor es einer Entscheidung näher kam. Wir haben jede Woche, in fast jeder Vorstandssitzung über diese Bücherangelegenheit gesprochen mit Herrn Witzenmann, und die anderen älteren Vorstandsmitglieder haben das viel länger als ein Jahr schon mit Herrn Witzenmann besprochen. Es kam aber zu einem Punkt, wo man sagen musste: jetzt wird weiteres Sprechen sinnlos, wenn sich herausgestellt hat, dass einer eben immer ›Nein‹ sagt. … Es muss aber einmal ein Entschluss gefasst werden … Dann wird man schließlich gezwungen, abzustimmen«.

Ingo Hellmers, der seit 1968 dem Vorstand der deutschen Landesgesellschaft angehörte, hatte es auf sich genommen, den »Arbeitskreis zur geistgemäßen Durchdringung der Weltlage«, der im selben Jahr zur Fortführung der sozialwissenschaftlichen Arbeit unter der Leitung Herbert Witzenmanns gegründet worden war, bloßzustellen. Er zitierte aus dem von diesem Arbeitskreis herausgegebenen »Mitteilungen«, um den sektiererischen Charakter dieser Gruppierung deutlich zu machen. 1968 hatte Gerhard Schmidt anlässlich der Gründung des Arbeitskreises geschrieben, Witzenmann habe die »innere Einheit und Würde der Hochschule und Gesellschaft durch seine Handlungen gewahrt«, Ende 1970 hatte Walter Boger (1910-1976) betont, die Existenz des Arbeitskreises sei wichtiger denn je, da er stellvertretend für die Anthroposophische Gesellschaft die »Unversehrtheit ihrer Prinzipien« bewahre. Die Sätze Bogers kommentierte Hellmers mit der Bemerkung: »Daraus geht unzweideutig hervor, dass dieser Arbeitskreis … die zentralste Aufgabe … als von der Gesellschaft nicht mehr ausgeübt anschaut«. Witzenmann hatte im Oktober 1971 in einem Brief an den Arbeitskreis geschrieben, dieser sei »der wichtigste Träger der geistigen Grundlagen der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und die wahrhaftigste Stütze der Vorstandsidee«. Erstaunlicherweise zitierte Hellmers den nachfolgenden Satz nicht, der sich noch besser für seine Zwecke geeignet hätte: »Er [der Arbeitskreis] kann daher seinem Wesen nach gar nicht anders, als innerhalb der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Aufgabe ihrer geistigen Führung stehen«. Schließlich kulminierte die aus Hellmers Sicht fatale Entwicklung in Sätzen, die sich in einer »Notiz« Henriette Jaquet-Quispels in der Märznummer 1972 fanden: »Zu allen Zeiten hat es zu Ketzern erklärte Verfolgte gegeben, die bereit waren, für das, was ihr Ich als Wahrheit erkannt hatte, sich foltern und töten zu lassen. Der Leser wird in dieser Nummer einen Aufsatz finden über die viel bewunderte und viel verleumdete christliche Strömung des Katharismus in Südfrankreich, die einen großen Geistimpuls als Keim der Erde einverleibte – wie es vorher der Manichäismus getan hatte –bevor ihre Anhänger von der sich ebenfalls christlich nennenden römischen Kirche, die nach römischen Machtimpulsen urteilte, sowie von dem ebenso machtdurchdrungenen nordfranzösischen Königtum mit Feuer und Schwert ausgerottet wurden (13. Jahrhundert). – Ein Keim aber ist dazu berufen, in Zukunft Blüte und Frucht hervorzubringen«. »Nun«, fügte Hellmers hinzu, »ich denke, man braucht nicht sehr viel Phantasie, um die Deutlichkeit dieser Sprache wahrzunehmen«. Gewiss war die Sprache deutlich, aber offenbar verwechselte Hellmers die Sätze Jaquets mit einer Aussage über das Selbstverständnis des Arbeitskreises. Hellmers war anscheinend einer Projektion erlegen, falls es sich nicht schlicht um einen Manipulationsversuch handelte.

Im weiteren Verlauf seiner Rede ließ er sich über frühere Zustände in der deutschen Landesgesellschaft aus, die ihm mit den gegenwärtigen vergleichbar schienen, die aber glücklicherweise beseitigt worden seien. Das (aus den Nachwehen des zweiten Nachlasskonflikts entstandene) Münchner Arbeitszentrum sei einst ein Hort einer geradezu »absurden Möglichkeit von Freiheit« gewesen, da es jedem, der sich keiner lokalen Arbeitsgruppe anschließen wollte oder konnte, die Möglichkeit geboten habe, sich mit ebendiesem Arbeitszentrum zu verbinden. Der (1968 verstorbene), der maßgeblich für diese absurde Form der Freiheit verantwortlich gewesen sei, habe aber eingesehen, dass sie geändert werden müsse, weil sie keine »Begegnung von Menschen« mehr zugelassen habe. Daher habe er das Münchner Arbeitszentrum zurück in die deutsche Landesgesellschaft geführt.

In all diesen Symptomen glaubte Hellmers den Geist der Sonderung und des Sektierertums zu erkennen, der sich, wie er in einer gewagten Wendung feststellte, auch in der gegenwärtigen deutschen Geschichte manifestiere. Denn diese stehe »unter den Auswirkungen des Jahres 1939«: wie damals der Überfall auf Polen stattgefunden habe, der zur Teilung dieses Landes führen sollte, so ringe heute, 33 Jahre später, die deutsche Politik um die Unterzeichnung der Ostverträge, die »zur Abtrennung der Ostgebiete Deutschlands führen« würden. Ebenfalls 1939 habe Albert Einstein einen Brief an den amerikanischen Präsidenten geschrieben, der die »Ankurbelung der Atomindustrie zu militärischen Zwecken« nach sich gezogen habe. Dadurch sei – so Hellmers orakelhaft – die »›Spaltung‹ als Kraft – zunächst auf einer bestimmten Ebene – ›inszeniert‹« worden. Und die Frage sei, wie man mit dieser Spaltung, die eine »unvorstellbare Kraft« habe, zurechtkomme. Hellmers wollte mit diesen Ausführungen vermutlich sagen, dass alle an der anthroposophischen Gesellschaft Beteiligten alles tun sollten, um diese »Kraft der Spaltung« – nicht der Atomspaltung, sondern der sozialen Spaltung –  zu überwinden. Hätte Hellmers ein etwas ausgeprägteres geschichtliches Bewusstsein für die Institution besessen, in deren Namen er sprach, hätte sich ein etwas näherliegender Vergleich für die »Auswirkungen des Jahres 1939« angeboten: im Jahr 1939 wurde nämlich nach der Michaelitagung im September das Goetheanum offiziell geschlossen und dem Schweizer Militär für Einquartierungen zur Verfügung gestellt. Aber was für Schlüsse hätte man aus diesem Vorgang ziehen müssen, wenn man ihn als Symptom interpretierte?

Auf Hellmers folgte Jörgen Smit, der Generalsekretär der norwegischen Landesgesellschaft, der, wie er sagte, »zwei Gesichtspunkte aus dem Problemkomplex« herausheben wollte, vor dem die Gesellschaft stand. Der eine Gesichtspunkt bezog sich offenbar auf die Unterscheidung zwischen Erkenntnis- und Entscheidungsprozessen in einem gesellschaftlichen Verantwortungsgremium, der zweite darauf, nach welchen Kriterien im Unterschied zu 1923 ein solches Gremium zusammengesetzt werden musste und in welchem Verhältnis die Mitgliedschaft zu ihm stehen sollte.

Solange es lediglich um Erkenntnisfragen gehe, so Smit, seien Differenzen innerhalb eines Verantwortungsgremiums durch Tiefentoleranz ausgleichbar. Wenn es aber um Entscheidungen und Handlungen gehe, reiche Toleranz nicht mehr aus, vielmehr sei es notwendig, einen Minimalkonsens zu finden, sonst werde ein solches Gremium handlungsunfähig. Daher sei es auch jahrelang möglich gewesen, trotz größter Differenzen im Vorstand zusammenzuarbeiten. »Dann aber kam man zu einem gewissen Punkt, wo bestimmte Beschlüsse gefasst werden mussten, denn wenn sie eventuell nicht gefasst würden, wäre dieses Nichtfassen von Beschlüssen auch eine ebenso entscheidende Handlung«. Um seine Handlungsfähigkeit zu sichern, habe daher der Vorstand Witzenmann von seinen Funktionen entbinden müssen.

Nun scheint Jörgen Smit im Eifer der Rede Bedingung und Folge durcheinandergebracht zu haben: die Amtsenthebung war die Folge des Bücherbeschlusses und nicht der Bücherbeschluss die Folge der Amtsenthebung. Außerdem kann man fragen, worin das »Entscheidende« der Handlung bestanden hätte, den Bücherbeschluss nicht zu verabschieden. Wahrscheinlich hätte sich die Gesellschaft dadurch einen jahrelangen kräftezehrenden Konflikt und eine Sezession erspart, die Jahrzehnte nachwirkte.

Wie dem auch sei. Den zweiten, weitaus längeren Teil seiner Rede widmete Smit dem weiteren Ausbau der Gesellschaftsmystik. Im Unterschied zu Grosse sprach er nämlich nicht nur von der Gesellschaft als einem corpus mysticum Rudolf Steiners, sondern auch von einem »Gesellschafts-Ich«, einem Ich dieses corpus mysticum also. Der Weihnachtstagung 1923 habe der Impuls zugrunde gelegen, »ein Gesellschafts-Ich in Erscheinung zu treten zu lassen«. »Unmittelbar in der Weihnachtstagung und nachher können wir wirklich sehen, wie Rudolf Steiner selbst sozusagen ein Organ dieses tiefen Gesellschafts-Ichs hat in Erscheinung treten lassen und wo die ganze Wesenheit der Anthroposophie darinnen ist«.

Was meinte Smit mit diesem Hinweis auf das »Gesellschafts-Ich«? Was verstand er darunter? In der Gesamtausgabe findet sich eine einzige Stelle, an der Steiner diesen Ausdruck bezogen auf die Anthroposophische Gesellschaft verwendet: in der weiter oben zitierten Vortragsreihe von 1923. Sie tritt in einer Erzählung Steiners über die Theosophische Gesellschaft in einem ausgesprochen nüchternen, um nicht zu sagen ironischen Gewand auf. Offensichtlich bezog sich Smit auf diese Ausführungen Steiners, auch wenn er dies nicht erwähnte, da er nicht nur diesen ungewöhnlichen Ausdruck verwendete, sondern auch einen anderen Begriff, den Steiner an dieser Stelle benutzte: den des »Zusammengehörigkeitsgefühls«.

Die Passage sei hier im Kontext zitiert (voraus gehen hier nicht zitierte Ausführungen Steiners darüber, wie die zumeist un- oder nur halb verstandenen orientalischen Lehren von den Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft aufgenommen wurden und dass gerade dieses mangelnde Verständnis sie eng aneinander geschmiedet habe): »Das ist etwas, was in einer außerordentlich intensiven Weise die Theosophical Society zu einem Ganzen zusammengeschmiedet hat, was wirklich gemacht hat, dass ungeheures Zusammengehörigkeitsgefühl vorhanden war, dass jeder einzelne sich als einen Repräsentanten der Theosophical Society fühlte. Diese Society war etwas für sich; außer dem, dass jeder einzelne da war, war diese Gesellschaft etwas. Sie hatte, man kann schon sagen, ein Selbstbewusstsein für sich. Sie hatte ein eigenes Ich. Dieses eigene Ich war so stark, dass, selbst als dann die Absurditäten der führenden Persönlichkeiten in einer geradezu kuriosen Weise an die Oberfläche getreten sind, diejenigen Menschen, die sich einmal als zugehörig gefühlt haben, mit eiserner Gewalt festgehalten haben und so ein Gefühl dafür hatten: Das ist etwas wie Verrat, wenn auch bei großen Fehlern der führenden Persönlichkeiten nicht zusammengehalten wird.

Wer etwa einen Einblick gewonnen hat in jene Kämpfe, die von gewissen Anhängern der Theosophischen Gesellschaft später durchgemacht worden sind, als die Anthroposophische Gesellschaft längst von ihr getrennt war, welche Kämpfe da durchgemacht worden sind, wenn immer wieder und wiederum gesehen worden ist: Da machen die Führer ganz ungeheuerliche Dinge, aber man kann sich doch deshalb nicht von ihnen trennen, – wenn man angesehen hat die Kämpfe, die da in den einzelnen Seelen vor sich gegangen sind, dann bekommt man, wenn man auch wirklich ungeheuer Schlechtes dabei verurteilen muss, auf der anderen Seite einen gewissen Respekt vor diesem Ich-Bewusstsein der ganzen Gesellschaft.

Und es entsteht eben die Frage: Wäre es nicht möglich, dass mit den Bedingungen, unter denen die Anthroposophische Gesellschaft in die Welt treten sollte, auch ein solches Gesellschaftsbewusstsein erwachsen könnte? [Zu diesen Bedingungen gehörten die weiter oben aus dem Vortrag vom 16. Juni zitierte Verabschiedung vom Gesinnungs- und Meinungszwang und die radikale Individualisierung der Urteilsbildung. Dies deuten auch die folgenden Sätze an.]

Mit der Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft musste verzichtet werden auf jene oftmals sehr bedenklichen Mittel, durch welche dort in der Theosophischen Gesellschaft der starke Zusammenhalt und das Ich-Bewusstsein der Gesellschaft errungen worden ist. Es musste das Ideal eben vor der Anthroposophischen Gesellschaft schweben: Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit. Aber das sind eben doch Dinge, die bis heute Ideal geblieben sind. Gerade auf diesem Felde lässt ja die Anthroposophische Gesellschaft insofern noch viel zu wünschen übrig, als sie in bezug auf die Bildung eines Gemeinschaftskörpers, eines eigenen Gesellschafts-Ichs, nicht einmal noch in den Anfängen steht.

Die Anthroposophische Gesellschaft ist eine Vereinigung von Menschen, die als einzelne Menschen sehr strebsam sein können, aber als Gesellschaft ist sie im Grunde genommen noch gar nicht da, weil eben dieses Zusammengehörigkeitsgefühl nicht da ist, weil die wenigsten Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft sich als Repräsentanten dieser Gesellschaft fühlen. Es fühlt sich jeder als ein einzelner und vergisst ganz, dass es eine Anthroposophische Gesellschaft geben soll«. (GA 258, 11.06.1923, kursiv L.R.)

Was Steiner also vorschwebte, war eine Gesellschaft von ausgeprägten Individualisten, die ihre radikal selbstverantwortete Urteilsfähigkeit mit der Solidarität zu einer Idee verbanden, zu der sie gemeinsam aufsahen. Unter dem »Ich« der anthroposophischen Gesellschaft hat man sich demnach kein Organ eines mystischen Geistleibes vorzustellen, das »Rudolf Steiner selbst«, wie Jörgen Smit sagte, bei der Weihnachtstagung »hat in Erscheinung treten lassen«, sondern eben jene Idee einer Gesellschaft, die radikalen Individualismus und Gemeinschaftsbildung im Hinblick auf ihren Zweck, die Geisterkenntnis, in sich vereinigte.

Die weiteren Ausführungen Jörgen Smits über das »Zugehörigkeitsgefühl« der Mitglieder zur Gesellschaft legen die Interpretation nahe, dass er jenes »Gesellschafts-Ich« mit dem Vorstand identifizierte. Gleichzeitig scheinen sie aber auch einigermaßen verworren und am Ende bleibt unklar, was er eigentlich genau dachte. Einerseits sprach er nämlich davon, dieses »Zugehörigkeitsgefühl« sei darauf zurückzuführen, dass sich das einzelne Mitglied »karmisch« im Vorstand repräsentiert sehe: »Ist es so, dass … der Vorstand eigentlich so sein müsste, dass jedes Mitglied sich sagen könnte: wenn ich meine karmische Schicksalszugehörigkeit untersuche, sozusagen mich selbst erkenne, dann möchte ich  auch eine Vertretung innerhalb des Vorstandes finden, ich also sagen könnte: jawohl ich gehöre zu dieser oder jener karmischen Strömung und sehe mich im Vorstand da vertreten. Und wenn das nicht der Fall ist, würde ich mich mehr oder weniger oder ganz ausgeschlossen fühlen«. Diese Form karmischer Zugehörigkeit mit Repräsentanz im Vorstand scheint nach Smits Auffassung durch die Weihnachtstagung realisiert worden zu sein. Denn er fuhr fort: »Wieviel schwieriger wurde nun diese Lage nach« Steiners Tod? »War nun dieses Gesellschafts-Ich in einem Organ entsprechend stark darinnen? Ich glaube ja, unbedingt auch weiterhin«. Allerdings, wandte Smit gegen sich selbst ein, sei dieser Zustand gar nicht erstrebenswert, denn wenn »das Gewicht darauf gelegt wird [also die karmische Repräsentation] und nicht auf die Anthroposophie selbst, dann wird eine solche Zugehörigkeit, obwohl sie ganz wahrhaft tief begründet ist, schädlich wirken. Denn dann fängt sie an, zersplitternd zu wirken«. Daher dürfe man heute, 1972, nicht mehr verlangen, dass der gegenwärtige Vorstand so umfassend wäre, »dass jedes Mitglied, wenn man auf die Karmazusammengehörigkeit schauen würde, sagen könnte, ich bin da vertreten«. »Das wäre total ungerecht, unfruchtbar und direkt schädlich, weil nicht zeitgemäß im Jahr 1972. Wir sind weiter gekommen. Wir müssen über diese Stufe hinwegschreiten. Ich würde das nennen eine gewisse Mündigkeit …, dass man nicht auf irgendwelche besondere karmische Zusammengehörigkeitsgruppe hinzuschauen braucht«. Was könnte also nach Smits Auffassung nach der Überwindung dieser nicht mehr zeitgemäßen Form der Repräsentanz das Gefühl der Zugehörigkeit zur Gesellschaft bewirken? Die Frage des einzelnen Mitglieds: »Wie kann ich mithelfen, wie kann ich dann mitwirken dazu, eventuelle Einseitigkeiten zu ergänzen?« Das einzelne Mitglied solle also die möglichen Einseitigkeiten innerhalb des Vorstandes auszugleichen suchen, allerdings »ohne in die Handlungsfähigkeit des Vorstandes einzugreifen«. Es solle sich fragen, »wie kann ich mithelfen …, damit dieses Organ des Gesellschafts-Ich wirklich allmählich in Erscheinung treten kann, aber nicht als etwas Organisatorisches?« Wo sollte dieses »Organ«, das keinen »organisatorischen Charakter« haben durfte, nach Smits Auffassung in Erscheinung treten? Weiterhin im Vorstand? Oder an einem anderen Ort der Gesellschaft?

Dass Smit offenbar meinte, der Vorstand müsse dieses Organ sein, scheinen seine weiteren Überlegungen nahezulegen, in denen er auf die Zusammensetzung des Vorstandes zu sprechen kam, zugleich aber wieder auf den Gesichtspunkt rekurrierte, den er kurz zuvor verworfen hatte: »Wäre es dann nicht doch eine Aufgabe, den Vorstand zu erweitern, so dass auch solche karmischen Strömungen, die eventuell jetzt nicht da vertreten sind, auch vertreten sein könnten?« Meldete hier der norwegische Generalsekretär in der aktuellen prekären Situation einen Anspruch an, redete er von sich selbst, als er sagte, »wie kann ich selbst mithelfen?« Jedenfalls fuhr er fort: »Wir müssen das mit der äußersten Vorsicht beobachten, denn hier geht es um einen realistischen Lebensweg. Und wenn irgend etwas künstlich in dieser Beziehung gemacht werden würde, würde das sofort wieder auseinandergehen, zusammenfallen … Es muss realistisch betrachtet werden, welchen Vorstand haben wir, was kann er machen, was können wir jeder an seiner Stelle mitwirken, mithelfen … Und das Gesellschafts-Ich als Organ kann überall da leben, ganz unabhängig von dem, dass man hinblickt auf engere Schicksalszusammenhänge oder Auffassungen«. Wo leben? Wieder im Vorstand – oder überall? Den verworrenen Ausführungen ist nicht eindeutig zu entnehmen, ob Smit hier anbot oder andeutete, er stünde für einen Vorstandposten zur Verfügung. Jedenfalls sollte er drei Jahre später (1975) als Nachfolger Witzenmanns in den Vorstand und zum Leiter der Jugendsektion berufen werden.

Weitere Redner schlossen sich an. Einige gewichtigere Wortmeldungen seien herausgegriffen. Der Delegierte der französischen Landesgesellschaft, Emil Rinck (1904-1988), berichtete von einem Gespräch, das er bereits vor dem Bücherbeschluss mit Witzenmann geführt hatte, um dessen »Anspruch auf Unfehlbarkeit« zu belegen. Gefragt, warum er dem beabsichtigten Beschluss nicht zustimmen könne, habe dieser geantwortet, wenn fünf Ärzte eine Behandlung für ein krankes Kind in Betracht zögen, von der ein sechster erkenne, dass sie zu dessen Tod führe, dann könne er sich dieser Behandlung nicht anschließen. Dem Einwand Rincks, der betreffende Arzt dürfe aber die Behandlungsmethode der anderen Ärzte nicht bekämpfen, sondern müsse abwarten, was dabei herauskomme, wollte sich Witzenmann – aus durchaus nachvollziehbaren Gründen – nicht anschließen. Ebendies sei, so Rinck, ein Beweis für seinen Unfehlbarkeitsanspruch. Schon damals seien die Generalsekretäre fast einhellig der Meinung gewesen, einem Vorstandsmitglied stehe es zu, eine andere Meinung zu haben, aber es dürfe diese Meinung [Rinck meinte die andere Meinung] nicht durch Bildung von Gruppen bekämpfen, sondern müsse »aus Gründen der Billigkeit zurücktreten«. Schon damals sei Witzenmann »fast einstimmig« gebeten worden, zurückzutreten, damit er »seine eigene Verantwortung zu handeln und seine Freiheit gegenüber diesen für ihn tödlich wirkenden Beschlüssen« bewahre. »Aber«, so Rinck, »wir leben ja noch«.

Michael Rist, ein Mitarbeiter Herbert Witzenmanns, verwies im Anschluss an Rinck auf Rudolf Steiners »Philosophie der Freiheit«, in der gezeigt worden sei, »der aus Einsicht Handelnde ist frei. Aber wie kommt er in Gemeinschaft zu denen, die auch frei sind, indem er sie frei lässt? Das ist das Geheimnis der Initiative, dass die eine Initiative die andere nie stören kann.« »Warum«, so Rist weiter, »soll es denn nicht möglich sein, eine Initiative, die anders läuft als die anderen Initiativen darzuleben und zu vollziehen?« »Wir müssen doch so weit kommen, dass wir Toleranz walten lassen und die Einzelnen Initiativen durchführen lassen können«. Resignierend fügte er hinzu: »Und ich kann nicht mehr sagen als das: Wenn eine Initiative an einem Ort nicht mehr möglich ist, dann muss sie eben an einem anderen Ort vollzogen werden«.

Danach griff Grosse in die Debatte ein und bemängelte, dass bisher nicht von den wirklichen Vorkommnissen die Rede gewesen sei, die zu der beklagenswerten Situation geführt hätten. Er sei es gewesen, der Albert Steffen vorgeschlagen habe, Witzenmann in den Vorstand aufzunehmen. [Das sah Witzenmann ganz anders, siehe dazu weiter unten]. Witzenmann habe allerdings die Jugendsektion leiten wollen, die Grosse zu diesem Zeitpunkt führte. So habe er, Grosse, die pädagogische Sektion übernommen und Witzenmann sei Vorstandsmitglied geworden. Aber von Anfang an sei man »in Zwangssituationen hineingeraten«. Drei solche Situationen nannte Grosse: die Berufung in den Vorstand sei an die Bedingung geknüpft, seinen realen Wohnsitz in Dornach aufzuschlagen. Dazu sei Witzenmann nicht bereit gewesen, und mehrfach habe er, Grosse, ihm gesagt, wenn man eine Bedingung, an die eine Berufung geknüpft sei, nicht erfüllen könne, wäre es fair, die Berufung zurückzugeben. Witzenmann habe dem Bücherbeschluss nicht zustimmen können und erklärt, »er werde gegen« den Vorstand »kämpfen«. Die Antwort sei gewesen, man könne nicht im Vorstand bleiben »und gegen den Vorstand kämpfen«. Außerdem habe er erklärt, er könne im Vorstand nicht mitarbeiten, bleibe aber im Vorstand. So sei man von Unlösbarkeit zu Unlösbarkeit gelangt. Dass diese Situation unerträglich gewesen sei, hätten sogar Sympathisanten von Witzenmann eingesehen. Karl von Baltz habe ihn (Witzenmann) daher vergangenes Jahr (1971) gebeten, zurückzutreten. (Es sei daran erinnert, dass Baltz von Grosse mit dem Argument »Sie haben sich durch ihre Opposition zum Vorstand selbst ausgeschlossen aus der Hochschule« Ende 1968 zur Niederlegung der Leitung der Sektion für Redende und Musizierende Künste aufgefordert worden war). Einem anderen Mitarbeiter Witzenmanns, Rudolf Koller, habe er (Grosse) unlängst erklärt, das Mitglied eines Vorstandskonzerns, das in diesem Vorstand nicht mitarbeiten wolle, könne ebenfalls nicht Mitglied des Vorstandes bleiben, woraufhin dieser geantwortet habe, Witzenmann sei bereit zurückzutreten, wenn er weiterhin Vorträge halten könne. Witzenmann, den er darauf angesprochen habe, hätte erwidert, Koller sei eine freie Individualität und könne sagen, was er wolle. Grosse dazu emphatisch: »Nun, liebe Freunde, um was geht es denn? Um die Einsicht! Es geht nämlich nicht um Philosophie, sondern es geht um die Tatsache, dass Herr Witzenmann von Ihnen erlebt wird als Vortragender, und es dann einmal in einer Hochschulkollegiumssitzung war, wo Herr von Baltz sagte, er habe die stärksten esoterischen Anregungen von Herrn Witzenmanns Vorträgen bekommen … Aber das Leben im Vorstand, liebe Freunde, sind nicht Vorträge, sondern das ist etwas völlig anderes. Und da kann ich nur sagen, wir haben 9 Jahre durchgemacht. Es ist eine grenzenlose Qual gewesen. Diejenigen, die das nicht kennen, denen kann ich nicht wünschen, auch sie sollen das 9 Jahre lang durchmachen … Herr Witzenmann als Vortragender ist das eine, als Vorstandsmitglied ist das etwas völlig anderes. Und darum diese Situation, die unlösbar ist, wenn Herr Witzenmann nicht selber den Schritt und die Konsequenz zieht«.

Grosse muss es wie eine Ohrfeige empfunden haben, als im unmittelbaren Anschluss an seine Rede Silvia Schwarz, die dem Vorstand der italienischen Landesgesellschaft angehörte, die Generalsekretäre und den Vorstand darum bat, den Beschluss, Witzenmanns gesellschaftliche Funktionen als ruhend zu betrachten, rückgängig zu machen.

Nach ihr versuchte Udo Hermannstorfer einen längeren Debattenbeitrag zu geben, wurde aber ständig von Rinck, Berger und Grosse mit »Richtigstellungen« unterbrochen und gab schließlich entnervt auf. Er wandte sich unter anderem gegen das Rücktrittsansinnen, musste aber erleben, wie die Redner, die kurz zuvor noch von einem solchen gesprochen hatten, nun bestritten, Derartiges gesagt zu haben. Man kann diese taktischen Schachzüge im Protokoll der Generalversammlung nachlesen, das im Nachrichtenblatt der Gesellschaft veröffentlicht wurde (NBL, 46.Jg, Nr. 29., 16. Juli 1972)

Im weiteren Verlauf der Debatte meldeten sich Rudolf Grosse zu Wort, der die Geschichte des Entzugs der Sozialwissenschaftlichen Sektion und des Konflikts über deren Bekanntgabe erzählte, Helmut Knauer (196-1980), ein weiterer Mitarbeiter des Arbeitskreises zur geistgemäßen Durchdringung der Weltlage, der sich in Bezug auf Ingo Hellmers gegen die kollektive Inhaftnahme des gesamten Arbeitskreises wegen einer individuellen Äußerung von Henriette Jaquet zur Wehr setzte, Hagen Biesantz, der die Ausführungen Grosses präzisierte, sowie Gerhard Schmidt, der sich gegen den Vorwurf verwahrte, der Arbeitskreis beanspruche »Unfehlbarkeit«: »Wer, möchte ich fragen, kann, wenn man sich noch gegenseitig als Schüler Rudolf Steiners betrachtet, so etwas aussprechen?« Schließlich sprach Grosse ein kurzes Schlusswort, in dem er darum bat, »für die Zukunft Dinge, die den Charakter eines Retardusgeistes oder einer dogmatischen Rechthaberei haben sollten, mutig fallen zu lassen und auf die Grunddinge unserer Gesellschaft hinzusehen«. In mehrfacher Hinsicht ein Hohn auf das Anliegen Herbert Witzenmanns.

Wie bereits weiter oben angedeutet, erhielt Witzenmann rund zwei Monate nach dieser Generalversammlung einen eingeschriebenen Brief, der vom gesamten Vorstand unterzeichnet war, in dem er zum Rücktritt aufgefordert wurde (Einschreiben vom 25.05.1972 nach Pforzheim, zitiert nach Hartmann, Witzenmann II, S. 388). Darin hieß es: »Wir sind zu dem Schluss gekommen, Ihnen zum Ausdruck zu bringen, dass seit der Generalversammlung die letzte Möglichkeit einer den Pflichten genügenden Zusammenarbeit innerhalb des Vorstandes am Goetheanum mit Ihnen verloren gegangen ist. Die Konsequenz, die wir aus dieser Tatsache ziehen müssen, ist das Ersuchen an Sie, Ihren Rücktritt aus dem Vorstand am Goetheanum zu nehmen«. Witzenmann antwortete umgehend und teilte seinerseits dem Vorstand mit, »dass die fortgesetzte Verletzung Ihrer Pflichten gegenüber der Freien Hochschule, den sonstigen von Ihnen übernommenen Aufgaben sowie mir gegenüber als Hochschul- und Vorstandsmitglied, persönlichem Schüler Rudolf Steiners und Träger bestimmter Aufgaben, die mir von Albert Steffen im Interesse der Freien Hochschule anvertraut wurden, für mich keineswegs einen Grund für meinen Rücktritt aus dem Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft darstellt, sondern mir im Gegenteil die unabdingbare Notwendigkeit meines Verbleibens in diesem Amt vor Augen stellt. Daher erlegt mir Ihre an mich gerichtete Forderung die Verpflichtung auf, Sie aufzufordern, sich Ihrerseits auf Ihre Verpflichtungen zurückzubesinnen, die Sie übernommen haben und ihnen entsprechend zu handeln.

Ich bemerke in diesem Zusammenhang auch, dass ich keineswegs durch Sie in den Vorstand am Goetheanum aufgenommen wurde, dass vielmehr umgekehrt ohne mein Mitwirken niemand von Ihnen sein heutiges Amt erhalten hat.

Meine ständige Bereitschaft, Ihnen als Kollege und stets in Treuen besorgter Freund mit allen mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zur Seite zu stehen, um Sie, soviel ich es vermag, vor weiteren Irrtümern und Fehlgriffen zu bewahren, bleibt von dem Voranstehenden auch künftighin unberührt«. (Zitiert nach Hartmann, Witzenmann II, S. 317-318)

Wie mögen wohl die Adressaten dieses Schreibens reagiert haben? Grosse hatte bei der Generalversammlung erwähnt, Witzenmann sei auf seinen Vorschlag von Steffen in den Vorstand berufen worden. Witzenmann drehte den Spieß um und behauptete, alle gegenwärtigen Vorstandsmitglieder hätten ihre Position ihm zu verdanken, auch Grosse, der doch bereits 1956 berufen worden war, während Witzenmann zusammen mit Hiebel erst 1963 kooptiert wurde. Über Witzenmanns Berufung schreibt sein Biograph Klaus Hartmann: »Offenbar hatten sich Poppelbaum und Grosse … gegenüber Albert Steffen für eine Aufnahme Witzenmanns in den Vorstand starkgemacht« (loc. cit, S. 32).

Die durch Witzenmanns Antwort eingetretene Pattsituation sollte die Gesellschaft als latentes Problem weiterhin beschäftigen und periodisch wieder an die Oberfläche treten.

*

Herbert Witzenmann wäre nicht der gewesen, der er war, wenn er nicht die Erfahrungen der Generalversammlung, an der er selbst teilgenommen hatte, zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung gemacht hätte. Und so erschien als Beilage zum September/Dezemberheft der Mitteilungen des Arbeitskreises 1972 eine noch heute lesenswerte, längere Abhandlung unter dem Titel »Vergangenheitsschatten und Zukunftslicht«, in der er sich mit den Fragestellungen beschäftigte, die diese Generalversammlung aufgeworfen hatte. Einige seiner Überlegungen, die sich mit dem Problem der Anträge und Anliegen sowie dem Abstimmungsverfahren befassen, seien hier im Auszug wiedergegeben.

»Zunächst«, so schrieb Witzenmann, »sei daran erinnert, dass die ›Prinzipien‹ [der Anthroposophischen Gesellschaft von 1923] … nicht die Unterscheidung von ›Anliegen‹ und ›Anträgen‹ kennen. Die Unterscheidung … erscheint auch wenig sinnvoll, wenn man bedenkt, dass überhaupt alles, was vorgebracht wird, ein Anliegen des Vorbringenden, nämlich die Äußerung einer Erkenntnis und ein Appell an die Miterkenntnis ist. Daher ist in diesem Sinne natürlich auch ein Antrag ein Anliegen und kann als solches aufgefasst werden. …«

Zwar könne ein Redner auf eine Abstimmung über das von ihm Vorgebrachte freiwillig verzichten, aber der Wirklichkeit nach finde eine Abstimmung auch bei einem sogenannten Anliegen statt, »wenn dieses sich an das Bewusstsein der Zuhörer wendet und diese ihm ihr bewusstes Interesse entgegenbringen. Sie werden dies in Form der Zustimmung, der Ablehnung oder des zurückhaltenden Abwartens mindestens innerlich tun, also ganz in der gleichen Weise wie bei einer Abstimmung, die sich der üblichen Formen der Bekundung bedient. Denn solange mit der Haltung der Mitglieder die Gesinnung der Zwangsausübung vereinbar ist, kann man das Zwingende nicht dadurch beseitigen, dass man auf die Mitglieder Zwang ausübt, indem man die Äußerung ihrer Gesinnung unterdrückt. Man kann das Problem zwar durch Verdrängung verlagern, aber nicht lösen. Wenn man jedoch wiederum einwenden wollte, die Verhinderung einer Abstimmung sei (mindestens in bestimmten Fällen) notwendig, da auf solche Weise unangenehme oder gar verhängnisvolle Rechtsfolgen von Gesellschaft und Hochschule abgewendet würden, so kann man nur entgegnen, dass es zu dem Glauben, man vermöge durch ein in sich widerspruchsvolles Verhalten und Handeln dem Unheil zu wehren, der Verblendung bedürfe. Man kann ein Unheil nicht durch ein Unrecht bannen …

Vollends anzweifelbar, wenn nicht gar missbräuchlich wird aber die Unterscheidung von Anträgen und Anliegen, wenn mit ihr die durch vereinsrechtliche Zustimmung gestützte Verfügung verbunden wird, dass Anliegen nur vorzutragen, nicht aber in den Gesprächsaustausch innerhalb der Versammlung aufzunehmen seien. Dadurch werden die Anliegen dem gesellschaftsbildenden Vorgang entzogen, der das eigentliche ›Anliegen‹ einer Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft ist«.

Nun würden aber neuerdings mit dem Argument der »Konstitutionswidrigkeit« Anträge abgelehnt, welche »die Initiativsphäre des Vorstandes« beträfen, »weil das Resultat der auf den Antrag folgenden Abstimmung den Vorstand unter Ausführungszwang setzen würde. Es ist klar«, so Witzenmann weiter, »dass mit dieser Auffassung Anträge im Prinzip überhaupt verworfen sind, da es im Bereich der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft nichts gibt, was nicht der Initiativsphäre des Vorstandes angehören würde. Aber auch dann, wenn man die ›Konstitutionswidrigkeit‹ auf solche Anträge einzuschränken versucht, welche ausdrücklich den Bereich der Hochschulleitung betreffen, wird es bei konsequenter Durchführung des Gedankens schwerfallen, die Berechtigung eines bestimmten Antragssektors auszusparen, weil es innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft nichts gibt und geben kann, was nicht mindestens indirekt die Hochschulleitung anginge. In der Tat musste ein Beobachter auf der Generalversammlung des Jahres 1972 den Eindruck gewinnen, dass viele ihrer Teilnehmer und namentlich jene, welche leitende Funktionen innehatten, die Entfernung von Anträgen aus dem Versammlungsgeschehen als eine Art Ideal betrachteten. In welchem Maße sie sich damit in Widerspruch zu ›Prinzipien‹ und ›Konstitution‹ setzten, war wohl keinem von ihnen bewusst, wenngleich niemandem verborgen sein konnte, dass man stets dann von ›Konstitutionswidrigkeit‹ sprach, wenn man die erkenntnismäßige Auseinandersetzung mit einem Problem vermeiden wollte«.

Eine Mitgliederversammlung der Gesellschaft müsse dem für diese Gesellschaft konstitutiven Öffentlichkeitsprinzip genügen, ihre Handhabung dürfe also auch »nicht dem Gesellschaftsrecht des Gastlandes widersprechen«. »Ein Antragsverbot oder eine vereinsrechtlich gestützte Verfügung gegen das Antragsrecht sowie … eine Antragsunterbindung durch die Art der Versammlungsvorbereitung und -leitung, ohne dass die vorliegende Absicht deutlich anschaubar, beurteilbar und diskutierbar würde, würde sich aber … im Widerspruch zum Geist des Schweizerischen Vereinsrechts und dem mit ihm übereinstimmenden Billigkeitsempfinden setzen«.

Nun werde vielfach das öffentliche Recht als etwas Minderwertiges empfunden oder als etwas betrachtet, was dem Wesen einer spirituellen Gesellschaft und vor allem der Freien Hochschule unangemessen sei. Abstimmungen gemäß den Bestimmungen des öffentlichen Rechts, so werde argumentiert, zögen einen Ausführungszwang nach sich, und daher seien der Mysteriencharakter der Freien Hochschule und das öffentliche Recht zumindest in diesem Punkt unvereinbar. Diese Auffassung hält Witzenmann jedoch für verfehlt. Denn Steiner habe in die Prinzipien der Gesellschaft ausdrücklich das Antragsrecht aufgenommen. »Läge hier ein Widerspruch zum Wesen der Freien Hochschule vor, würden die ›Prinzipien‹ durch Selbstaufhebung gegenstandslos«. Von seiten der Freien Hochschule dürfe kein Zwang auf die Mitglieder hinsichtlich der Stellung von Anträgen ausgeübt werden, weil die Ausübung von Zwang dem Wesen von Hochschule und Gesellschaft überhaupt widerspräche. »Man kann die Mitglieder daher nicht verpflichten, Anträge … zu unterlassen oder ein solches Verbot indirekt wirksam machen. Die Vertreter der Freien Hochschule können demgemäß … sich lediglich an die freie Einsicht der Mitglieder wenden … Bei Anträgen, die einen zwingenden Charakter haben oder zu haben scheinen, können die Vertreter der Freien Hochschule also nichts anderes unternehmen, als durch ein Beraten des Einsichtsvermögens der Mitglieder den Erkenntnisgehalt solcher Anträge herauszuschälen und zur Sprache zu bringen …«

Während den Mitgliedern der Freien Hochschule die Freiheitspflicht auferlegt sei, auf die übrigen Mitglieder keinen Zwang auszuüben, exponierten sich jene jedoch ohne Vorbehalt einer sich möglicherweise auf sie erstreckenden Zwangsausübung, da den übrigen Mitgliedern jene Freiheitsverpflichtung zunächst nicht auferlegt sei. Sollte eine solche Zwangsausübung auftreten, so müssten die Mitglieder der Freien Hochschule eine Erkenntnisentscheidung treffen, wie sie sich in einem solchen Fall verhalten wollten. Keinesfalls aber sei es mit dem Wesen der Freien Hochschule vereinbar, durch vorherige Bekanntgabe einer solchen gegebenenfalls erforderlichen Entscheidung einen Einfluss auf die Mitglieder und den Abstimmungsvorgang auszuüben.

Gerade weil über Erkenntnisprobleme »nicht im Sinne einer Wahrheitsentscheidung« abgestimmt werden könne, müssten Erkenntnisgespräche über Fragen der Gesellschaftsbildung in den Rahmen einer anthroposophischen Generalversammlung fallen. Andernfalls würden hinsichtlich dieser Probleme mehrheitsgestützte Verwaltungsentscheidungen getroffen. »Dies aber würde eintreten, wenn (wie es in der Generalversammlung des Jahres 1972 tatsächlich geschah) der Versuch unternommen würde, durch Abstimmung die Antragstellung und die ihr geltende Meinungsäußerung und Abstimmung zu verhindern, wodurch über Erkenntnisfragen (z.B. die ›Konstitutionswidrigkeit‹) durch Abstimmung und nicht durch Entwicklung des Antragsinhalts entschieden würde. Man würde sich dadurch in den denkbar verworrensten Widerspruch verwickeln, Mehrheitsentscheidungen über Erkenntnisprobleme zu verwerfen und gleichzeitig eine auf Mehrheitsentscheidung beruhende Befugnis dazu zu benutzen, um hinsichtlich solcher Probleme Verfügungen zu treffen, die ihren Erkenntnisaustrag innerhalb der Mitgliedschaft verhindern. Man würde derart im Stile eines umgekehrten Münchhausen handeln, indem man sich am eigenen Schopfe nicht aus den Schwierigkeiten herauszöge, sondern in diese hineinstieße«.

»Im übrigen«, so Witzenmann weiter, »ist es … eine Fiktion, wenn behauptet wird, über Erkenntnisfragen werde durch Abstimmung entschieden (oder, was das gleiche bedeutet, diese würden unzulässigerweise in den Abstimmungsbereich hineingezogen), wenn diese im Zusammenhang mit einer Abstimmung eine Rolle spielen. Ist doch eine Abstimmung eine Willenserklärung; sie bekundet die Bereitschaft oder auch Nichtbereitschaft, bestimmte Erkenntnisse oder auch nur die Beschäftigung mit ihnen in den Bereich des eigenen Erkennens oder auch des ausführenden Handelns aufzunehmen. Sofern hierbei Entscheidungen fallen, wird, wenn es richtig zugeht, aus Erkenntnis oder im Bemühen um Erkenntnis, nicht aber (wie im Falle der Antragsunterbindung) über Erkenntnisinhalte entschieden.

In einer Erkenntnisgesellschaft gehören also Erkenntnisinhalte wesensgemäß in den Abstimmungsbereich hinein, weil dieser die Willensentscheidungen betrifft und der moderne Mensch als freier Geist aus Erkenntnis handelt. Tut er dies, dann kann von seiner Entscheidung kein Zwang ausgehen.

Hieraus wird ersichtlich, wodurch sich freilassende Anträge von solchen zwingenden Charakters unterscheiden. Anträge, deren Ziel ein gemeinsames Bemühen um Erkenntnis sowie die Bereitschaftsbekundung, gemeinsam aus Erkenntnis zu handeln, ist, gehören dem Freiheitsraum spiritueller Gesellschaftsbildung an. Solche Anträge dagegen, welche die Erkenntniserklärung spiritueller Probleme verhindern wollen (wie es bei den Nichteintretensanträgen auf der Generalversammlung des Jahres 1972 mindestens ihrer Wirkung nach der Fall war), stellen der Bildung freier Einsicht den Mehrheitszwang verwaltungspolitischer Maßnahmen entgegen.

Wer sich solchergestalt der Mehrheit als Macht bedient, unterwirft sich selbst der Macht der Mehrheit. Im Gegensatz dazu kann es in einer modernen Gesellschaft und einer ihrer Generalversammlungen keinen Bereich, keinen Vorgang, keine Maßnahme und keine Entscheidung (wie sie im Falle einer Abstimmung gefällt wird) geben, für welche Erkenntnisinhalte und das antragende und initiative Bemühen um ihre Klärung nicht von ausschlaggebender Bedeutung wären. Dass die Unterdrückung der Abstimmung, welche unter sich achtenden Partnern das Element jedes lebendigen Gesprächs ist, das in Zustimmung, Entgegnung, Zurückhaltung und abgestufter Bereitschaftsbekundung verläuft, einer Bewusstseinshaltung angehört, die durch den Fortschritt der Entwicklung längst überholt wurde, ist wohl nicht schwer zu erkennen. Dies bedeutet indessen keineswegs, dass jeder Antrag als solcher einer anthroposophischen Versammlung angemessen erachtet werden müsste. Vielmehr kann auf einen Antrag neben der ablehnenden Stimmabgabe auch mit einem Missbilligungsantrag geantwortet werden. Ein solcher wendet sich, wenn er sorgfältig begründet wird, im Gegensatz zu einem Nichteintretensantrag, der sich auf eine nicht im Geiste der Freiheit begründete Unverträglichkeitsentscheidung stützt, an die freie Einsicht der Mitglieder und deren keinen Zwang beinhaltende Bekundung«.

»Der behutsame und vertrauende Umgang mit den Anträgen ist daher«, so Witzenmann, »eine zur Rechenschaftspflicht komplementäre Pflicht des Vorstandes am Goetheanum … Die spirituelle Autonomie des Vorstandes kann sich ihren Freiheitsraum nur durch Initiative schaffen. Sie ist frei durch Produktivität und nur insofern und insoweit frei, als diese aus Erkenntnis erfließende Produktivität ihre Fruchtbarkeit erweist. Mit einer solchen Produktivität wird jeder Erkennende den Einklang suchen und finden, er wird sich dessen bewusst sein, dass er sein eigenes geistiges Wesen verriete, sähe er nicht in dem Schutze einer solchen Schaffensfreiheit eine seiner höchsten Aufgaben. Unverträglich aber ist diese produktive Autonomie mit jeder Art autoritären Verfügungsanspruchs, der sich auf eine Verwaltungsermächtigung stützt«.

*

Oft, aber nicht immer, entstanden aus den Querelen der Anthroposophischen Gesellschaft neue Arbeitsgemeinschaften und Institutionen. So wie bereits 1968 der »Arbeitskreis zur geistgemäßen Durchdringung der Weltlage« gegründet worden war, sollte 1973 zur Fortführung der Arbeit der Jugendsektion unter Witzenmanns Leitung in Dornach das »Freie Jugendseminar« entstehen. Nicht aus einer Sezession, sondern aus einem Interesse am humanen Umbau der kapitalistischen Gesellschaft, entstand im Herbst des Jahres 1972 in Achberg in der Nähe des Bodensees die »Arbeitsgemeinschaft für Dreigliederung des sozialen Organismus«. Bei der Gründung dieses Arbeitskreises am 20. bis 22. Oktober 1972 waren im Humboldt-Haus des Internationalen Kulturzentrums Achberg (IN.C.A.) über 100 Menschen aus dem Umkreis der anthroposophischen Bewegung versammelt. Die meisten von ihnen hatten sich bereits in ihren unterschiedlichen Berufsfeldern mit der Frage der Dreigliederung des sozialen Organismus beschäftigt. Sie schufen nun diesen Arbeitskreis, um ihre Aktivitäten zu bündeln und sie gesamtgesellschaftlich zur Wirksamkeit zu bringen. Zu den Mitunterzeichnern des Gründungsmanifestes gehörten prominente Vertreter des Bundes der Freien Waldorfschulen und der anthroposophischen Gesellschaft, unter ihnen Wilhelm Ernst Barkhoff (1916-1994), Bodo Hamprecht (1940-2005), Wilfried Heidt (1941-2012), Rolf Kerler (1941-2015), Stefan Leber (1937-2015), Manfred Leist (1918-2001), Gisela Reuther (1924-2013), Manfred Schmidt-Brabant (1926-2001), Wilhelm Schmundt (1898-1992), Peter Schilinski (1916-1992), Ursula Weber und Siegfried Woitinas (1930-2014).

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