1973 | Die Anthroposophische Gesellschaft als »Geistorgan« der Menschheit

Rita Leroi, 1913-1988

Rita Leroi, 1913-1988

Wie vielfältig und sozial folgenreich die Aktivitäten der »tätigen« Mitglieder der Gesellschaft waren, die laut Grosse oft mehrere Arbeitsfelder zu »beackern« hatten, geht aus den Berichten solcher Mitglieder am 19. und 21. April 1973 während der Generalversammlung hervor.

Walter Holtzapfel und Rita Leroi erzählten aus der Arbeit der Medizinischen Sektion. Holtzapfel wies auf die Ausbreitung und Anerkennung der anthroposophischen Heilpädagogik hin.[1] Im Herbst dieses Jahres wurde zusätzlich zum Seminar in Eckwälden eine vom Kanton Solothurn akkreditierte Ausbildungsstätte für Heilpädagogik in Dornach eröffnet werden (»Rudolf Steiner Seminar für Heilpädagogik«), deren erster Kurs mit 9 Studenten beginnen sollte.

Holtzapfel erinnerte an Ita Wegmans Tod, der nunmehr 30 Jahre zurücklag, und an ihre zentrale Rolle bei der Begründung der anthroposophisch erweiterten Medizin, u.a. durch ihre Mitautorschaft am Buch »Grundlegendes zu einer Erweiterung der Heilkunst« (GA 27). Er erinnerte daran, dass im Jahr 1921, als diese medizinische Arbeit begründet worden war, zwei symptomatisch bedeutsame Ereignisse stattgefunden hätten: die Entdeckung des Insulins und die Veröffentlichung der Psychologischen Typenlehre C.G. Jungs.[2] Während das Insulin einen Weg eröffnet habe, den Zuckerstoffwechsel des Erkrankten im Substanzbereich zu regulieren, ohne jedoch ein Verständnis seines Seelenlebens zu ermöglichen, das bei der Entstehung dieser Krankheit eine bedeutende Rolle spiele, habe sich C.G. Jung lediglich mit seelischen Erscheinungen beschäftigt, ohne einen Zusammenhang dieser Erscheinungen mit der Physiologie der betreffenden Menschen herzustellen. In der anthroposophischen Medizin gehe es aber genau um diesen Zusammenhang, darauf verweise der Satz aus der »Erweiterung der Heilkunst«: »Wo Zucker ist, da ist Ich-Organisation«.[3] Hier werde das Innerste des Menschen mit der äußeren, körperlichen Substanz in Verbindung gebracht und die Kluft zwischen Leib und Seele überbrückt. Die anthroposophische Medizin befasse sich mit allen Modalitäten körperlicher Substanzen und zeige den inneren Zusammenhang des Substanzgeschehens mit Gesundheit und Krankheit auf. Die gegenwärtigen Auseinandersetzungen um die Arzneimittelgesetzgebung zeugten von der Aktualität dieser Fragestellung. Was eine heilende Substanz sei, darüber herrsche weitgehend Unklarheit. Die sogenannten Heilmittel seien zum großen Teil krankmachend. Kopfschmerztabletten verursachten Kopfschmerzen, Schlafmittel machten schlaflos, Krebswachstum hemmende Mittel erzeugten Krebs. Trotzdem werde die Wirksamkeit dieser Mittel anerkannt, weil sie sich physisch nachweisen lasse, obwohl sie nicht zu einer wirklichen Heilung führten, und ihre Wirkung sofort zu Ende sei, wenn sie abgesetzt würden. Mittel, die in das innere Gefüge des Organismus eingriffen und dessen Selbstheilungskräfte aktivierten, deren Wirkungen mit den üblichen Methoden nicht erfasst werden könnten, seien hingegen vom Verbot bedroht. In den europäischen Ländern kämpften die nationalen anthroposophischen Ärztegesellschaften unter unterschiedlichen Voraussetzungen um den Erhalt dieser Mittel. Mit der Veröffentlichung des Buches von Wegman und Steiner habe die »neue Initiatenmedizin« ihren Anfang genommen, die Inneres und Äußeres am Menschen wieder mit einander in Beziehung setze.

Rita Leroi ergänzte diese Darstellung durch einen engagierten Bericht über den Stand der anthroposophischen Krebsbehandlung. Steiner, so Leroi, habe 1920 in einem Ärztekurs Krebs als eine zu Entzündungen polare Allgemeinerkrankung beschrieben, bei der das Zellmaterial des Körpers den Formkräften der höheren Wesensglieder entgleite.[4] Dadurch habe er die Medizin von ihrer Fixierung auf den Tumor befreit. Außerdem habe er die Mistel als Heilmittel vorgeschlagen. Diese drei Ideen (Krebs als Allgemeinerkrankung, Gegenpol zu Entzündungen, Misteltherapie) hätten sich als richtig erwiesen. Kaum jemand zweifle mehr daran, dass es sich beim Krebs um eine Allgemeinerkrankung des Menschen handle. Das neue Forschungsgebiet der Immunologie beschäftige sich mit akuten Entzündungen als wichtigsten Gegenspielern des Krebsgeschehens. Und die Misteltherapie durch Iscador habe sich vielfach bewährt, wovon experimentelle Forschungen, Reihenbehandlungen in großen Kliniken und statistische Untersuchungen zeugten.

Alexandre Leroi (geb. 1906, der 1968 an Krebs verstorbene Ehemann der Referentin), hatte bereits 1949 das Hiscia-Institut zur Erforschung der Mistelpflanze und zur Entwicklung ihres Heilpotentials gegründet und ohne seine Bemühungen wäre, wie Leroi sagte, »die Iscador-Behandlung längst vom Tisch gewischt worden«. Seine Arbeiten und diejenigen seiner Nachfolger hätten jedoch gezeigt, dass Iscador tatsächlich das Tumorwachstum hemme, oft längere Zeit zum Stillstand bringe und in manchen Fällen auch auflöse. Tausende von positiven Behandlungsberichten bestätigten, dass die anthroposophische Medizin hier auf dem richtigen Weg sei. Das Mistelpräparat verbessere auch den Allgemeinzustand der Patienten und beuge Rückfällen vor. Auch dazu verwies Leroi auf statistische Untersuchungen in »offiziellen Kliniken«. Eine kürzlich in Deutschland durchgeführte Umfrage unter 900 Ärzten, die insgesamt 100.000 Iscador-Behandlungen verabreicht hätten, habe zu fast 90% positive Rückmeldungen erbracht: Stillstände und Heilungen von Geschwülsten, deutliche Schmerzminderungen und Verbesserungen des Allgemeinbefindens. Es gebe aber nicht nur klinische Beweise für die Wirksamkeit. Nichtanthroposophische Forscher hätten vor einigen Jahren entdeckt, dass »die Eiweißstoffe der Mistel zu den stärksten tumorwirksamen Substanzen gehören, dass aber auch der Kohlehydrat- und Fettstoffanteil der Mistel tumorhemmend wirkt«. Während die von der Schulmedizin verabreichten Zytostatika starke Nebenwirkungen hätten, sei die Mistel das einzige Mittel, das ohne Nebenwirkungen nicht nur die Abwehr des Organismus anrege, sondern auch zerstörend auf Krebszellen wirke. Sie passe zum Krebs wie der Schlüssel zum Schloss. Die in den Augen der Außenwelt »mystischen und unwissenschaftlichen Ideen« Steiners hätten durch all dies »ihre volle Bestätigung« erfahren.

Diese Erfolge brächten aber auch Anfeindungen und Gefahren mit sich. Zuerst sei die Misteltherapie verlacht, danach totgeschwiegen worden und nun werde sie auf das Energischste bekämpft. Obwohl 86 wissenschaftliche Arbeiten zu ihrer Wirksamkeit vorlägen, sei die Neuregistrierung von Iscador vor einigen Monaten in der Schweiz abgelehnt worden. Die Schweizer Arzneimittelbehörde (IKS) habe einen Großteil der wissenschaftlichen Arbeiten nicht nur nicht gewürdigt, sondern verlange auch von der anthroposophischen Ärzteschaft Versuche, die sie aus ethischen Gründen ablehnen müsse: Kontrollversuche, bei denen jeder zweite Patient nach einer Operation kein Iscador erhalte oder eine vierwöchige Karenzzeit, bevor man mit der Behandlung einer Geschwulst beginnen dürfe, um sicherzustellen, dass sie auch aggressiv sei. Die Wirksamkeit des Krebsmittels Rudolf Steiners sei wie die keines anderen anthroposophischen Mittels wissenschaftlich belegt und ausgerechnet dieses Mittel solle ausgemerzt werden. »Der Kampf um das Iscador ist aber nur ein Teilstück des Großkampfes, den die Widersachermächte gegen wirkliche Heilerbemühungen auf der ganzen Welt führen«, so Leroi. Zu Recht habe sich aus der Ärzteschaft und Patientenkreisen ein Sturm der Entrüstung gegen die Nichtregistrierung von Iscador erhoben, eine Rekursschrift sei ausgearbeitet worden. Ein international bekannter Professor für Statistik habe diese Schrift begutachtet und sie mit den Worten kommentiert: »Wie soll sich die IKS in Zukunft gegen einen Goliath wehren, wenn sie jetzt von einem David ins Unrecht gesetzt wird« und hinzugefügt: »Bei einer Ablehnung des Rekurses müsste ich an unserem Rechtssystem zu zweifeln beginnen.«

All diese Vorgänge betrachtete Leroi als Aufruf zu größerer Wachheit und Aktivität. Trotz allem, versicherte sie, werde die von Rudolf Steiner inaugurierte medizinische Bewegung nicht untergehen. Dieser Medizin liege ein »Mysterienimpuls« zugrunde und was so im Geiste gegründet sei, werde sich auch in Zukunft weiter entfalten. Leroi sollte auf lange Sicht Recht behalten, auch wenn sich an der prekären Lage dieser Medizin zwischen Anerkennung und Anfeindung in den vergangenen 45 Jahren nicht viel geändert hat.

Im Anschluss an Leroi sprach der Sekretär der holländischen Landesgesellschaft, Thomas Jurriaanse, über eine in England unter dem Titel »Das Weltgeschehen und der Einweihungsweg der Menschheit« geplante Sommer-Konferenz der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, die vom Vorstand, den Generalsekretären und Landesdelegierten inauguriert wurde. Er vermittelte einen bemerkenswerten Einblick in das Selbstverständnis dieser Funktionselite.

Laut Steiner sei die gegenwärtige Menschheit seit über einem Jahrhundert dabei, die »Schwelle zur geistigen Welt« zu überschreiten.[5] Alles, was ihr seither widerfahre, so Jurriaanse, müsse aus der Perspektive eines Einweihungsgeschehens betrachtet werden. Während die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft dieses Geschehen bewusst verfolgen (also vermutlich: verstehen) könnten, fehle dem Rest der Menschheit dieses Bewusstsein. Steiner habe in einem anderen Vortrag darauf hingewiesen, dass jeder Mensch vor der Geburt die Mysterienlehre empfange, die empfangene Lehre bei der Geburt jedoch ins Unbewusste herabsinke (auf welchen Vortrag der Redner sich bezog, ist unklar). Die Mitglieder der anthroposophischen Gesellschaft müssten sich, insofern sie sich um Einweihung bemühten, nicht von der Menschheit isoliert fühlen, da sie von denselben Vorgängen betroffen seien, wie die gesamte Menschheit.

Allerdings gab es für Jurriaanse, wie aus seinen weiteren Ausführungen hervorgeht, doch einen entscheidenden Unterschied. In seinen Karmavorträgen im Jahr 1924 habe Steiner von Angehörigen einer besonderen Menschengruppe gesprochen, die in den vergangenen Jahrhunderten die »Michaelschule« durchgemacht hätten.[6] Sie fänden sich in der Anthroposophischen Gesellschaft wieder, aber nicht nur in dieser. Sie vermöchten »den Geist unmittelbarer und leichter« zu ergreifen als andere. Steiner habe »die Mysterienlehre dieser Michaelschule« in die Anthroposophie übersetzt, die man in seinen Werken vorfinde und »uns« – also die Anwesenden – an die vor der Geburt empfangenen Lehren erinnere. (Die indirekte Rede kann das inklusive Narrativ Jurriaanses nur vermittelt wiedergeben, der in dieser Passage durchgehend von »wir« und »uns«, also sich selbst und den Anwesenden sprach). Dieses Werk Steiners sei ein Geschenk, kein Verdienst und aus seinem Empfang erwachse eine »große Verantwortung«. Der Einfachheit halber zitiere ich wörtlich: »Nicht ein Verdienst von uns ist es, sondern ein Geschenk, damit es eine Gruppe von Menschen gibt, die diesen leichteren Zugang haben kann. Daraus erwächst für uns die große Verantwortung, dass wir als Anthroposophische Gesellschaft zum Geisterinnerungsorgan für die Welt, für die Menschheit werden, die selber nur bruchstückhaft diese Mysterienlehre in sich trägt«.

Die Anthroposophische Gesellschaft wird also von Jurriaanse zu einem geistigen Organ der Menschheit erklärt und ihren Mitgliedern die Verantwortung aufgeladen, in dieser Menschheit die Erinnerung an die vorgeburtlichen Erlebnisse wachzurufen. Der Anthroposophischen Gesellschaft kommt bei der Erlösung der Menschheit eine entscheidende Rolle zu. Ihre Mitglieder stellen die Avantgarde der Entwicklung zum »wahren Ich«, zum »allgemeinen« Menschsein dar. Diese Entwicklung zum allgemeinen Menschsein sei die Aufgabe der Anthroposophischen Gesellschaft, eine Entwicklung, die allerdings nicht ohne die »Begegnung mit den Gegenmächten« zu erreichen sei.

»Auf diesem Wege«, so Jurriaanse weiter, »wo wir uns alle als Angehörige der Welt fühlen können, die mit unseren Mitmenschen einen gleichen Weg zu gehen haben, wird unsere Gesellschaft nur dann ihren Sinn erfüllen, wenn sie sich als Organ der Welt erlebt. Sie muss in sich gesund sein, damit der ganze Körper der Menschheit gesund ist. Alle Schwierigkeiten, alle Probleme, die in der Welt da sind, finden wir auch in unserer Gesellschaft wieder, wenn auch in einer etwas metamorphosierten Form. Wir teilen uns darin mit der Welt und sollten uns auch aus diesem Grunde nicht gesellschaftlich so eng empfinden«. Die Anthroposophische Gesellschaft als »Organ der Menschheit«, ein Organ, das gesund sein muss, damit der ganze Körper der Menschheit gesund sein kann. Was für ein Organ, um in der Analogie zu bleiben, mag dem Redner wohl vorgeschwebt haben? Das Gehirn, das Herz?

Das Wissen von der genannten Aufgabe lebendig werden zu lassen, sei das Ziel der angestrebten Sommer-Konferenz in England: »Wir müssen die neuen Mysterien leben. … Wir werden von Initiative zu Initiative diesen Weg zu beschreiten haben und aus diesen Initiativen unsere Instrumente formen, um den Weg zur wahren Menschheitseinweihung zu gehen«.

Reijo Wilenius, geb. 1930

Reijo Wilenius, geb. 1930

Einen etwas anderen, humorvollen Ton schlug der Philosophieprofessor und Generalsekretär der finnischen Landesgesellschaft, Reijo Wilenius an, der seit 1973 die philosophische Fakultät der Universität in Jyväskylä in Mittelfinnland leitete. Seine eröffnende, durchaus hintersinnige Pointe soll hier nicht unterschlagen werden.

»Ein guter Freund der Finnen, ein Dornacher Geheim-Gelehrter«, so Wilenius, habe eine Theorie entwickelt, nach der es um den 60. Breitengrad eine »Denkgrenze« gebe, an der das Denken unmöglich werde und zum Erlöschen komme. Dort fange das Gebiet des Träumens an. »Da unglückseligerweise Finnland jenseits dieser Grenze liegt, so werden die Zuhörer jetzt ein Nichtdenken über sich ergehen lassen müssen. Aber, tatsächlich, in Dornach ist es leichter zu denken und viel anstrengender ist es, in Finnland zu einem klaren Denken zu kommen«.

Als aufmerksamem Beobachter der kulturellen Situation in Finnland war ihm aufgefallen, dass in diesem Land zwei Tendenzen miteinander im Kampf lagen: eine Sehnsucht nach Spiritualität und der allgegenwärtige Materialismus und Marxismus, von dem besonders die Universitäten beherrscht seien. Wilenius sah in diesen gegenläufigen Tendenzen die Anzeichen eines Kampfes, der für die Anthroposophische Gesellschaft Chancen, aber auch Risiken berge. In einem gewagten Gedankensprung deutete er die Generalversammlung des vergangenen Jahres als Ausdruck oder Folge dieses Kampfes: »Die letzte Generalversammlung hat ja einiges davon gezeigt und uns zugleich deutlich gemacht, wie wir nur dann den Kampf bestehen werden, wenn wir alle unsere Kräfte sammeln, um zu einer wirklichen Zusammenarbeit zu kommen«.

Als Erfolg wertete er die »steigenden Verkaufszahlen anthroposophischer Bücher« und die Zunahme der Mitgliederzahlen. Allerdings brächten diese Mitglieder auch eine »ganz neue, andersartige Spiritualität« in die Gesellschaft, deren »Andersartigkeit« er nicht näher bestimmte. Jedenfalls müsse die Gesellschaft gegenüber dieser neuen Spiritualität offen sein. Im vergangenen Jahr hatte die finnische Landesgesellschaft eine vom Staat unterstützte Jugendtagung durchgeführt und plante für den kommenden Sommer eine weitere zum Ost-West-Gegensatz, um der verbreiteten Zukunftsangst spirituelle Zuversicht entgegenzustellen. Außerdem war an der Rudolf-Steiner-Schule Helsinki ein Abendseminar eingerichtet worden, das zu Beginn von etwa 350 Teilnehmern besucht worden war. Wilenius hoffte, aus dieser Arbeit würde künftig eine anthroposophisch inspirierte Hochschule entstehen. Viele der Teilnehmer hätten »Offenbarungen« oder »irgendetwas Mystisches« erwartet – vermutlich war dies die neue Art von Spiritualität, von der Wilenius eingangs gesprochen hatte –, diesen Erwartungen hätte aber – und hier konterkarierte er die von ihm selbst eingeforderte Offenheit – entgegengestellt werden müssen, dass »das Wesen des anthroposophischen Strebens in der Pflege eines aktiven, zur Spiritualität sich entwickelnden Denkens« bestehe. Diese Richtigstellung schreckte offenbar nur einen Teil der Besucher ab – wahrscheinlich gerade jene, die eine »ganz andersartige Spiritualität« in die Gesellschaft hineintragen wollten –, und das stimmte Wilenius hoffnungsvoll.

Im Gegensatz zur »neuen« – aber falschen – »Spiritualität« stand die »alte«. Zu dieser »alten Spiritualität«, die einen beliebten Topos in der anthroposophischen Welterklärung darstellt, erzählte Wilenius zwei aufschlussreiche Episoden, die motivisch an die zu Beginn seiner Ausführungen erwähnte Theorie des »Dornacher Geheim-Gelehrten« anschloss. Die finnische Fähigkeit zum »Träumen« korrespondierte nämlich in seinen Augen offensichtlich mit der Neigung, diese alte Spiritualität in Verbindung mit einem alten (atavistischen) Hellsehen zu bewahren. Im Unterschied zur »neuen«, aber falschen Spiritualität, konnte diese »alte« jedoch eine »Brücke zur Gegenwart« bilden.

So sei vor kurzem ein ehrwürdiger Greis im Alter von 74 Jahren verstorben, der inmitten eines Waldes gelebt habe und von vielen Studenten, ja sogar Professoren der Universität, die des Intellektualismus müde gewesen seien, um spirituellen Rat gebeten worden sei. Kurz vor seinem Tod habe er mitgeteilt, er werde die Erde verlassen, aber ein neuer Mann sei in die Universität eingezogen, den die Ratsuchenden nun aufsuchen müssten. Nicht unbescheiden erklärte Wilenius, diese Ratsuchenden hätten, als sie zu ihm kamen, erkannt, dass die Anthroposophie fortsetze, was der alte Mann gelehrt habe. Außerdem spreche eine ebenso alte und ehrwürdige Hellseherin oft davon, Steiner sei der größte Weise unseres Zeitalters gewesen und obwohl sie kein Buch gelesen habe, sei sie »böse« auf die Anthroposophen, weil sie die Anthroposophie nicht mutig genug in der Welt verträten.

Während das Verhältnis der unterschiedlichen Spiritualitäten zueinander durch Zustimmung und Ablehnung, Berichtigung und Bestätigung bestimmt war, schien jenes zur gänzlich unspirituellen politischen Macht schlichtweg widersprüchlich, was aber nicht an den Anthroposophen, sondern an der »Zwiespältigkeit« der staatlichen Institutionen lag, die, wie im Fall der Waldorfschulen, »uns schätzen …, aber andererseits uns erwürgen und weghaben möchten«. Besserung schien hier nur die Mitarbeit in »vielen wichtigen pädagogischen Komitees« zu versprechen. Daher bemühe man sich in Finnland auch um die Gründung von Vereinen für ein freies Schulwesen, um sich der Kujonage durch die staatliche Verwaltung zu erwehren.

Ähnlich wie zuvor schon Jurriaanse bemühte sich auch Wilenius um eine performative Bestimmung der gemeinsamen Identität der Anwesenden, indem er sich am Ende seiner Rede des einschließenden »Wir« bediente. Während Jurriaanse von der Anthroposophischen Gesellschaft als einem »Organ der Menschheit« gesprochen hatte, betonte Wilenius mehr das Berufungserlebnis des Einzelnen: »Wir, die heimatlosen Seelen, kommen zusammen aus verschiedenen Teilen Europas, als diejenigen, die in der Einsamkeit den michaelischen Ruf gehört haben, um die Geheimnisse der Welt, der Natur, der Geschichte, des Menschen mit dem lebendigen Denken lesen zu lernen«. Allerdings sei dieses Berufungserlebnis nur der erste Schritt. Denn die Berufenen müssten auch »gemeinsam tragen«, wozu sie berufen seien. Dem stünde das »Anthroposophenschicksal« entgegen, »andauernd Initiativen entwickeln« zu müssen, die sich oft gegen die Initiativen anderer richteten. Über dieses konfliktträchtige Schicksal führe nur hinaus, wenn man im »Zusammenfühlen« die »gemeinsame Grundlage«, »die Seelenverwandtschaft« erkenne.

Anmerkungen

[1] 1964 verfügte die Heilpädagogik in weltweit zwölf Ländern über 110 Einrichtungen mit rund 4670 Betreuten, bis 1974 wuchs die Zahl der Institutionen in nunmehr 19 Ländern auf 181 Einrichtungen mit rund 7200 Betreuten an. Frielingsdorf et al, »Geschichte der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie«, 2013, S. 388.

[2] Frederick Banting und Charles Best gelang 1921 die Extraktion von Insulin, Banting erhielt 1923 aufgrund dieser Leistung den Nobelpreis. Jungs Werk »Psychologische Typen« erschien 1921.

[3] Vom Zusammenhang zwischen Zucker und Ich-Organisation handelt das achte Kapitel des Buches »Grundlegendes zu einer Erweiterung der Heilkunst«.

[4] Vortrag vom 2.04.1920 in GA 312. In diesem Vortrag spricht Steiner auch davon, dass die potenzierte Mistel das »Chirurgenmesser bei Geschwulstbildungen« werde ersetzen können.

[5] Das erste Mal sprach Steiner von diesem »unbewussten« Schwellenübergang der gesamten Menschheit im Zeitalter der Bewusstseinsseele, also seit dem 15. Jahrhundert, am 03.01.1919 in Dornach, GA 188: »Die Menschheit muss in den 2160 Jahren, welche das Zeitalter der Bewusstseinsseelenentwickelung dauert, von 1413 an ungefähr, in irgendeiner Inkarnation an dem Hüter der Schwelle vorbeikommen und teilweise die Erlebnisse, die man bei dem Hüter der Schwelle haben kann, erleben«. Vgl. den Vortrag vom 11. April 1919 in GA 190.

[6] GA 237, 28.07.1924; GA 238, 14.09.1924; GA 240, 18. und 19.07.1924.

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